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Sonntag, 16. Dezember 2012

Vom Schreibhandwerk


Ich glaube, daß ich ein Arbeiter, ein Handwerker bin. Schreiben ist für mich nicht so sehr eine Sache der Stimmung. (Friedrich Dürrenmatt, Der Klassiker auf der Bühne, 1996, S. 126)

Die Kunst fängt an, wenn man mit dem Handwerk vertraut geworden ist. (Elizabeth George,
Wort für Wort oder Die Kunst, ein gutes Buch zu schreiben
, 2011; siehe auch
http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2012/11/elizabeth-george-uber-das.html)

Schriftsteller werden, Dichter werden! Lernen, lernen, lernen! Am Grossen, Schönen, Edlen
mich emporarbeiten aus der jetzigen tiefen Niedrigkeit! Die Welt als Bühne kennen lernen,
und die Menschheit, die sich auf ihr bewegt! (Karl May, Mein Leben und Streben, 2006, S. 65)

Wer da glaubt, in Deutschland allein bedürfe es weder des Lehrens noch Lernens, weil bei uns die Schriftsteller naturhaft in Feld und Wald und Wiese wüchsen, der sollte nicht klagen, daß unser Land mehr Feld-, Wald- und Wiesenschriftsteller hervorbringe als andere Völker – Völker, bei denen Schriftstellerei an Universitäten und anderen Anstalten mit größtem Ernst praktisch gelehrt und gelernt wird. (Otto Schumann, Das Manuskript: Handbuch für angehende Autoren, Lektoren und Pädagogen, 1977, S. 5)
Für Pierre-Auguste Renoir ist das Malen „nicht eine Angelegenheit von Träumerei oder Inspiration, sondern ein Handwerk, wozu es eines guten Handwerkers“ bedürfe (zitiert nach Patricia Highsmith: Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt). Und Theodor W. Adorno beruft sich auf Paul Valéry, wenn er sagt, „man solle nicht gleich nach Ewigkeitswerten rufen, sondern die technisch-handwerklichen Dinge, die Werkstatt, würdigen, weil hier am unmittelbarsten die ethischen Werte erscheinen, in der Form selbst“. Auch die Dichter diskutierten in ihren Briefen mit Kollegen öfter technische Probleme des Schreibens als den Sinn ihrer Gedichte oder philosophische Themen. (Zitiert nach Norbert Mecklenburg: Literarische Wertung, 1977, S. 146)

Doch viele, ach viel zu viele deutsche Autoren meinen, ihr Handwerkszeug – sechsundzwanzig Buchstaben, Papier und ein Stift oder ein PC – befähige sie dazu, gute Texte zu schreiben. Und viele Menschen, die das Bedürfnis zu schreiben in sich spüren und etwas zu sagen wissen, wagen gar nicht erst, ihre Gedanken zu Papier zu bringen, oder sie schreiben und schreiben und verstehen nicht, dass sie niemand druckt, weil sie nicht wissen, dass man das Schreiben lernen kann. Die Schubladen quellen über von Manuskripten. Wie viele begabte Schriftsteller bleiben unentdeckt! Aber Verlage drucken nun mal nur Bücher, von denen sie meinen, dass sie sich verkaufen, schließlich sind sie keine Wohltätigkeitsvereine. Von den Unmengen an unverlangt eingesandten Manuskripten, die sie jedes Jahr erhalten, wird noch nicht einmal ein tausendstel Prozent gedruckt (siehe unter anderem http://www.hyperwriting.de/loader.php?pid=534). Um sozusagen der Leuchtturm darunter zu sein, muss man nicht nur eine tolle Romanidee haben und möglichst etwas Neues sagen, sondern auch sein Handwerk verstehen.

Nur weil man ein paar Tasten klimpern kann, spielt man nicht auf Anhieb die Mondscheinsonate, und wer einen Pinsel halten kann, ist nicht der wiedergeborene Leonardo (und wir sind keine Frisöre, nur weil wir eine Schere, oder Schuhmacher, weil wir eine Ahle halten können). Oder, wie der berühmte Dirigent Arturo Toscanini als Redner bei einer Jubiläumsveranstaltung so schön gesagt haben soll: „Jeder Esel kann den Takt schlagen, aber Musik machen – das ist schwierig.“

Nach allen Regeln der Kunst


Es ist merkwürdig, jeder Künstler lernt sein Handwerk, nur Autoren springen im Dreieck, wenn sie etwas von – pfui – Handwerk und – noch mehr pfui – Schreibregeln hören. Sie wollen nichts von irgendwelchen Regeln wissen (die im übrigen nicht etwa von Creative-Writing-Dozenten, bekannten Autoren oder Germanistikprofessoren aufgestellt wurden, sondern die Schriftsteller seit Aristoteles’ Zeiten, von den griechischen Tragödiendichtern über Shakespeare, Goethe und Schiller bis John Irving (dessen Roman Zirkuskind (A Son of the Circus) für mich das Beispiel für eine meisterhafte  Umsetzung des Handwerks ist) und Stephen King (auch Schreiber von Horrorromanen müssen ihr Handwerk beherrschen) und wie die Bestsellerautoren alle heißen, anwenden) und wundern sich  über den Erfolg vor allem US-amerikanischer Schriftsteller, für die es selbstverständlich, dass der Schriftsteller sein Handwerk studiert (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2012/11/elizabeth-george-uber-das.html). Man stelle sich vor, ein Komponist würde sagen, er orientiere sich nicht an den Regeln für Klang und Rhythmus, ein Maler nicht an denen für Farbenlehre und Perspektive, ein Schuhmacher nicht an den Regeln für Orthopädie. Nicht grundlos spricht man von „nach allen Regeln der Kunst“ = vorschriftsmäßig; wie es sich gehört; ganz richtig, auch wenn diese Redewendung aus dem Meistergesang des Mittelalters stammt.

Damals gab es ein Normenbuch, die Tabulatur (von lat. tabula = Tafel) (auch Schulregister), in der die Regeln der Gesangskunst festgehalten waren. Nur wer diese beherrschte, wurde in die Zunft der Meistersinger  aufgenommen. Wer mehr als die zulässigen sieben Fehler beging, hatte sich „versungen und vertan“ (mehr dazu siehe Richard Wagners Opern: Ein musikalischer Werkführer, 2012, S. 62f.).  Das Sünden- und Strafregister enthielt fünfundzwanzig Strafregeln und sieben Schärfstrafen, die die unter anderem falsche Silben und Wörter, Grammatik, Versbau und Vortragskunst bestraften (siehe http://www.litde.com/die-dichtung-der-ritterlichen-welt/der-meistersang.php; mehr dazu siehe auch Vom Minnesang zum Meistersang und Ludwig Uhland: Einrichtung und Satzungen der Singschulen. In Uhlands Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage, 1866, S. 306ff., http://gutenberg.spiegel.de/buch/5081/3).

Mit der Zeit wurden die Regeln jedoch immer enger ausgelegt, und die Tabulaturen verzeichneten eher die Fehler, die von den Merkern – so genannt, weil sie sich die Fehler in Dichtung und Gesang zu merken hatten – bestraft wurden. (Bei Richard Wagner ist das ein gewisser Sixtus Beckmesser – und nun wissen wir auch, woher der Ausdruck beckmesserisch für kleinlich, pedantisch, engherzig stammt.)

Der Meistersang war durch die Regeln schließlich so erstarrt, dass der berühmte Meistersinger Hans Sachs
mahnte:
Vernehmt mich recht! Wie Ihr doch thut!
Gesteht, ich kenn’ die Regeln gut;
und daß die Zunft die Regeln bewahr’,
bemüh’ ich mich selbst schon manches Jahr.
Doch einmal im Jahre fänd’ ich’s weise,
daß man die Regeln selbst probir’,
ob in der Gewohnheit trägem G’leise
ihr’ Kraft und Leben sich nicht verlier’:
     und ob ihr der Natur
     noch seid auf der rechten Spur,
         das sagt euch nur,
wer nichts weiß von der Tabulatur.

(In Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg, 1868, S. 28, http://www.rwagner.net/libretti/meisters/g-meisters-a1s3.html)
Hans Sachs war es dann auch, der die erstarrtem Formen mit neuem Leben füllte (siehe http://www.jita.com.cn/Seiten/Begriffe/Musikalische_Begriffe_1.htm).

Über Sporn und Zügel


Als erster erwähnte Pseudo-Longin das Handwerk in seiner an Posthumus Flavius Terentianus gerichteten Schrift Vom Erhabenen [= das, was den Hörer bewegt und erschüttert, die Seelengröße] (Peri hypsous; De sublimitate; On the Sublime [die Links führen jeweils zu den Originaltexten]; Over de verhevenheid). (Pseudo deshalb, weil es unklar ist, ob der Grieche Dionysius Cassius Longinus, der im dritten Jahrhundert lebte, wirklich der Verfasser ist.)

Viele glaubten, so schreibt er, dass alle, die Regeln anwenden, sich eher selbst betrügen, denn das Talent sei angeboren und lasse sich weder lehren noch lernen. Ja, sie behaupteten sogar, dass Regeln dieses Geschenk verdürben oder schwächten. Doch nur der Unterricht, so Longinus, könne dem Genie Schranken setzen und ihn vor allen Ausschweifungen und Verirrungen bewahren. Es sei sogar gefährlich, es ohne Regeln, „ohne Anker und Ruder“, sich selbst zu überlassen. Denn:
Oft genug braucht das Genie den Sporn der lebhaften Empfindungen: aber eben so muß es durch den Zügel der kältern Überlegung [Regeln, jmw] zurückgehalten werden.
(…)
Die Natur findet, die Kunst [lat. ars, jmw] räth; und, was noch mehr als alles von der Wichtigkeit der Regeln auch in den Werken des Geschmacks überführen muß, das selbst, ob’s die Natur ist, die das Genie begeistert, woher lernen wir das anders als aus den Beobachtungen der Kunst? Gewiß, wenn die, die den Schülern der Kunst ihre Regeln und Vorschriften so übel nehmen, dieses alles überlegen wollten, so würden sie unsere Theorien nicht für überflüßig und so unnütz halten, als sie thun.
(In Johann Georg Schlosser: Longin vom Erhabenen mit Anmerkungen und einem Anhang, 1781, S. 36f. Es lohnt sich, Longinus zu lesen, entweder in der Übersetzung von Karl Heinrich von Heinecken als Digitalisat (97 Seiten) oder der von Schlosser, der mit den „Plattheiten“ in der Übersetzung von Heinecken gar nicht zufrieden war (siehe S. XIf.), die durch die Anmerkungen 335 Seiten umfasst.

Longinus formuliert dann auch anhand vieler Beispiele antiker Autoren eine Menge Warnungen und Verbote für Dichter. Dazu gehören der sprachliche Schwulst – der übertriebene Pathos, die Hülsen –, denn man erreiche dadurch das Gegenteil dessen, was man beabsichtigt hat: „Nichts sey trunkener als ein Wassersüchtiger“. Wer so schreibt, sehe einem „Menschen ähnlich (…), welcher grosse Pausbacken machet, und doch nur in eine Kindertrompete stößt“. Solche Autoren bildeten sich ein, „daß sie von einer Begeisterung, oder von einem göttlichen Eifer getrieben werden, da sie doch nur tändeln und wie Kinder spielen“. Und doch sei das Schwülstige am schwersten zu vermeiden, denn alle, „die erhaben reden wollen, befürchten nichts so sehr, als daß man sie einer Schwachheit oder Mattigkeit beschulde“, und folgten dem Sprichwort „In grossen Dingen zu fehlen ist keine Schande“ (S. 6ff. der Übersetzung von Heinecken). Das echte Pathos werde nicht durch Schreien, sondern durch Schweigen ausgedrückt.

Als zweites nennt Longinus das Frostige, also den unangemessenem Pathos, das, „wobey es die Seele friert“ (Schlosser, S. 52)  So bemängelt er, dass Herodot die schönen makedonischen Weiber einen Augenschmerz  nennt. Das könne damit entschuldigt werden, dass die, die das sagen, Barbaren und dazu Betrunkene sind. Aber das reiche nicht, denn man müsse sich durch die Beschreibung solcher Leute keinen „ewigen Schandfleck anhängen“ (S. 11 der Übersetzung von Heinecken; dass ich hier aus beiden Übersetzungen zitiere, liegt daran, dass mir mal die eine, mal die andere Übersetzung besser gefällt). Dazu kommen zu kurze und zu lange Sätze, denn erstere verdunkelten den Verstand, letztere hätten weder Kraft noch Nachdruck; die schlechten Wörter, denn wenn man etwas Großes, etwas Schönes sagen will, darf man sich keinen Ausdruck erlauben, der nicht der Sache würdig sei, es sei denn, er sei unbedingt nötig (S. 89ff.).

All diese Fehler, durch die „die Schriften verunzieret werden“, kommen, so resümiert Longinus, durch die Begierde, immer etwas Neues, Unerhörtes sagen zu wollen, worin die „Raserey der heutigen Welt“ bestehe (S. 11).

Aber Longinus nennt auch fünf Quellen für den hohen Stil (und bringt dazu wiederum viele Beispiele), die sich aufteilen in natura und ars: Zur natura zählen die Fähigkeit, große, eindrucksvolle Gedanken hervorzubringen, und eine heftige, begeisterte Leidenschaft, die beide angeboren sind. Was aber gelehrt werden könne (die ars), sind die sorgfältige Ausführung in Hinsicht auf Gedanken und Ausdruck, die Sprache, also die Wahl der Wörter und Metaphern, sowie der poetische Ausdruck, also Wort- und Satzfügung (S. 14ff.; mehr zu dem Buch siehe Dietmar Till: Das doppelte Erhabene, 2006, S. 89ff., und Johann Georg Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste,  1792, S. 103ff).

Über göttliche Eingebungen


Regeln für einen guten Stil existieren seit den ersten Rhetorenschulen im fünften Jahrhundert vor Christus. Aristoteles Poetik, die Lehre von der Dichtkunst, gilt auch heute noch, auch wenn sie inzwischen modifiziert und erweitert wurde. Aber ebenso wenig wie beim Meistersang kann es Sinn des Schreibhandwerks sein, dass ein Buch nach allen Regeln der Kunst geschrieben wird, ihm aber die Seele fehlt. Umgekehrt bedeutet das jedoch nicht, dass sämtliche Regeln von vornherein abgelehnt werden, weil man von deutschen Schriftstellern „nur“ göttliche Eingebungen erwartet. Wer der Inspiration, dem Musenkuss, vertraut, wird lange warten müssen.

Niemand wird als begnadeter Schriftsteller geboren. Niemandem fließen die Wörter nur so aus der Feder, derweil der Normalsterbliche sich Wort für Wort mühsam abringen muss. Angeblich küsst die Muse den echten Schriftsteller, oder er galoppiert auf Pegasus ins Dichterschlaraffenland, wo klangvolle Wörter auf Bäumen wachsen und brillante Sätze vorbeifliegen und sich die Seiten von allein mit klugen Gedanken, außergewöhnlichen Figuren und einer mitreißenden Handlung füllen. Doch Musen küssen nun mal nicht auf Befehl.

Über Kunst


Der Begriff ars (von gr. téchne) bedeutet Kunst, Kunstfertigkeit, Kunstwerk, Handwerk, Geschicklichkeit, aber auch Kunstgriff (List, Betrug), Kunstwerk. In der Kunst ist also das Handwerk enthalten. Das von téchne abgeleitete Wort Technologia = Verarbeitungslehre wurde als ars (Pl. artes) ins Lateinische übernommen und steht für die Lehre der Kunst. Der davon abgeleitete Artifex war ein Künstler, Schöpfer, Handwerker, das Artificium ein Handwerk oder Kunstwerk. (Kunst kommt also nicht nur von Können – siehe http://juttas-zitateblog.blogspot.de/2011/06/uber-kunst-und-konnen-wollen-und-wulst.html).

Zu den sieben freien Künsten (septem artes liberales) gehörte im Mittelalter auch die Dichtkunst als erlernbares Handwerk. Johann Christoph Gottsched verwendete den Begriff jedoch auch später noch in seinem Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Nur heutzutage gilt im Gegensatz zum Komponieren, Malen, der Architektur, die gelehrt werden, für das Schreiben in Deutschland immer noch der Geniebegriff.

Aber was ist Schreiben denn anderes als Kunst? Der Komponist gebraucht Rhythmus und Klang für seine Musik, der Schriftsteller für die Musik seiner Sätze. Der Maler malt Bilder mit Farben, der Schriftsteller malt Bilder mit Worten, um ein Bild in seinem Leser entstehen zu lassen (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2008/08/ber-bewegung-wasserkessel-wut-und-das.html). Der Architekt entwirft Häuser, in denen Menschen zufrieden und selbst bestimmt leben können, der Schriftsteller konstruiert seinen Text wie ein Haus, mit einem Eingang, der zum Eintreten verlockt, mit Räumen, in denen das Leben tobt, und einem Ausgang, bei dem der Leser traurig ist, dass er das Haus verlassen muss.

Dass man in der Schule Aufsätze geschrieben hat, bedeutet nicht, dass man weiß, wie man ein gutes Buch schreibt. Niemand komponiert eine Oper, ohne Ahnung von Harmonie- oder Kompositionslehre zu haben.  Niemand ist Schuhmacher, nur weil er weiß, wie Schuhe aussehen, sich welche zurecht schustert, sie einer Schuhkette anpreist und erwartet, dass sie der Kassenschlager des Jahres werden. Der Einkäufer wird auf dem ersten Blick feststellen, dass die Schuhe handwerklich mies sind, weil sich die Sohlen beim ersten Regen lösen, die Farbe nach kurzer Zeit abblättert und sich der Käufer auf der Stelle Blasen laufen wird. (Ebenso stellt der Mensch, der die eingehenden Manuskripte beurteilt – oft sind es Praktikanten –, schon nach spätestens einer Seite fest, ob das Manuskript was taugt.)

Das Wie ist wichtiger als das Worüber


Auch wenn die Muse küsst – die richtige Ausführung muss der Schriftsteller selbst finden. Er kann lernen, welche Worte er wählen muss, um seine eigene Sprache zu finden, wie er Sätze bauen muss, um seinen Leser zu fesseln, wie er das ausdrückt, was er sagen will – wie er Bilder im Leser erzeugt. Er kann lernen, wie ein Thema ausgearbeitet wird, wie Erzählperspektive, literarische Orte und Erzählzeit eingesetzt werden, wie Charaktere geschaffen, Spannung erzeugt und Pointen gebaut werden. Und er kann lernen, sprachliche Bilder einzusetzen und Klischees und Kitsch sowie sprachliche Schlampereien von Phrasen bis zu missglückten Metaphern zu vermeiden.

Doch der Schriftsteller kann das Handwerk noch so gründlich studieren: Regeln machen aus einem schlechten Text keinen guten, wenn er sich nicht auszudrücken vermag. Das Talent für den sprachlichen Ausdruck hat ihm die Fee in die Wiege gelegt – das Talent wohl bemerkt: damit es zur Kunst wird, muss er üben, üben, üben. Er darf es aber auch nicht vergeuden: Er muss sich immer bemühen, das Beste zu geben, das, was ihm möglich ist.

Auf ein Wort zu Schreibregeln


Denken Sie beim Schreiben nicht unentwegt an die Regeln. Sie machen sich dann so viele Gedanken darüber, dass Sie keinen vernünftigen Text zu Papier bringen. Kein Stürmer holt sein Fußballlehrbuch aus der Tasche und schlägt nach, was er machen soll, wenn er frei vor dem Tor steht. Er schießt einfach. Werden Sie wieder zum Kind, das Geschichten erzählt und Spaß daran hat. Die Regeln helfen aber, wenn Sie beim Lesen Ihres Textes feststellen: Du liebe Güte, das stimmt vorn und hinten nicht, weil Sie halt doch zu sehr daneben geschossen haben; vor allem müssen Sie sie beim Überarbeiten beachten. Mit der Zeit werden Sie die Regeln jedoch ohnehin verinnerlicht haben, eben wie ein Fußballspieler ohne Nachzudenken aufs Tor zielt.

Longinus geht es darum, wie man erreicht, dass man die „Nachwelt mit dem ewigen Ruhm seines Namens“ erfüllt (S. 2). Fragen Sie sich also: Welchen Anspruch habe ich? Möchten Sie für Freunde und Verwandte schreiben oder wollen Sie mehr, wollen Sie an die Öffentlichkeit gehen mit Lesungen und Veröffentlichungen? Weil Sie meinen, dass Sie einen wirklich guten Text geschrieben haben, weil Sie etwas erschaffen haben, weil Sie geschwitzt und gebangt und gefeilt haben, weil Ihr Herzblut daran hängt, Ihr Wissen, all Ihre Gefühle und vor allem viel, viel Zeit. Weil Sie die Menschen zum Staunen bringen möchten. Beides ist legitim, doch für Tante Frieda und Onkel Franz müssen Sie keine Regelbücher durcharbeiten. Doch nichts ist frustrierender, als wenn die Zuhörer gähnen und sich auf alles andere konzentrieren (auf die neueste Benzinpreiserhöhung oder auf das Rendezvous mit Sebastian am nächsten Sonnabend zum Beispiel), als auf das, was Sie erst stolz vortragen, um dann verzweifelt nach dem nächsten Mauseloch zu suchen. Spätestens in dem Augenblick werden Sie sich wünschen, das Handwerk gelernt zu haben. Doch, etwas ist noch frustrierender: Wenn Sie nicht gedruckt werden. Wettern Sie nicht über die Verlage, die Ihre Manuskripte ständig zurückschicken. Überlegen Sie, woran das liegt.

Regel Nummer 1: Jede Regel kann gebrochen werden, wenn es begründet ist – etwa weil Sie Ihren Leser irritieren oder zum Hinsehen bringen wollen –, doch dazu müssen Sie die Regeln beherrschen, müssen Sie Ihre eigene künstlerische Identität gefunden haben. Regel Nummer 2: Sie müssen nicht jede Regel beherzigen und jeden Satz von Schreibratgebern buchstabengetreu befolgen; Sie müssen aber wissen, warum Sie das nicht tun.

Samstag, 17. November 2012

Gertrude Stein über „is a...is a...is a...“

Woher Gertrude Steins legendärer Ausspruch „Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ (Rose is a rose is a rose is a rose) stammt, wissen wir nun (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2012/11/gertrude-stein-uber-substantive-und.html). Aber wir wissen noch nicht, was sie damit meint.

Zum Glück fragte sie das ein Student nach ihrer Vorlesung von Poetik und Grammatik (Poetry and Grammar) an der Universität von Chicago im Jahr 1934. Ihre Antwort lautete:
Also  hören Sie! Verstehen Sie denn nicht, dass, als die Sprache neu war –  wie bei Chaucer und Homer –, der Dichter den Namen eines Dinges  gebrauchen konnte und das Ding dann wirklich da war? Er konnte sagen „O Mond“, „O Meer“, „O Liebe“, und Mond und Meer und Liebe waren wirklich da. Und verstehen Sie denn nicht, dass er, nachdem hunderte von Jahren vergangen und tausende von Gedichten geschrieben worden waren, sich auf eben jene Worte berufen und herausfinden konnte, dass sie nur abgenutzte literarische Worte waren? Das Erregende des reinen Seins war von  ihnen gewichen; es waren nur noch ziemlich abgegriffene literarische  Worte. Nun, der Dichter muss in der Erregung des reinen Seins  arbeiten; er muss der Sprache diese Intensität neu verleihen. Wir alle wissen, dass es schwer ist, im höheren Alter Gedichte zu schreiben; und wir wissen, dass man etwas Ungewöhnliches, etwas Unerwartetes in das Satzgefüge bringen muss, um dem Substantiv seine Vitalität zurückzugeben. Es genügt aber nicht bizarr zu sein; die Eigenart des Satzgefüges muss auch von der dichterischen Begabung kommen. Darum ist es doppelt schwer, im höheren Alter ein Dichter zu sein. Nun, Sie alle kennen hunderte von Gedichten über Rosen, und Sie wissen, dass die Rose nicht vorhanden ist. All jene Lieder, die Sopransängerinnen als Zugaben singen:  „Ich habe einen Garten, oh, was für einen Garten!“ Nun, ich möchte dieser Zeile nicht zuviel Bedeutung beimessen, weil sie nur eine Zeile in einem längeren Gedicht ist. Aber ich merke, dass Sie sie alle kennen; Sie sind belustigt, aber  Sie kennen sie. Also, hören  Sie! Ich bin kein Narr! Ich weiß, dass man im Alltag nicht herumgeht und sagt: „ist eine ... ist eine ... ist eine ...“. Ja, ich bin kein Narr; aber ich glaube, dass die Rose in dieser Zeile seit hundert Jahren zum ersten Mal in der englischen Poesie wieder rot ist."

Now listen. Can’t you see that when the language was new—as it was with Chaucer and Homer—the poet could use the name of a thing and the thing was really there. He could say ‘O moon,’ ‘O sea,’ ‘O love,’ and the moon and the sea and love were really there. And can’t you see that after hundreds of years had gone by and thousands of poems had been written, he could call on those words and find that they were just wornout literary words. The excitingness of pure being had withdrawn from them; they were just rather stale literary words. Now the poet has to work in the excitingness of pure being; he has to get back that intensity into the language. We all know that it’s hard to write poetry in a late age; and we know that you have to put some strangeness, as something unexpected, into the structure of the sentence in order to bring back vitality to the noun. Now it’s not enough to be bizarre; the strangeness in the sentence structure has to come from the poetic gift, too. That’s why it’s doubly hard to be a poet in a late age. Now you all have seen hundreds of poems about roses and you know in your bones that the rose is not there. All those songs that sopranos sing as encores about ‘I have a garden! oh, what a garden!’ Now I don’t want to put too much emphasis on that line, because it’s just one line in a longer poem. But I notice that you all know it; you make fun of it, but you know it. Now listen! I’m no fool. I know that in daily life we don’t go around saying ‘…is a…is a…is a…’. Yes, I’m no fool; but I think that in that line the rose is red for the first time in English poetry for a hundred years.  
(In What are masterpieces and Why are there so few of them (Was sind Meisterwerke) mit einer Einleitung von Thornton Wilder. Yale University Press 1947, S. V f.;  zitiert nach http://www.thealsopreview.com/messages/33/593.html?1265252025)


Dienstag, 6. Dezember 2011

„Sprachlese - Warum man zu wenig schreiben sollte“

Ich werde heute mal etwas tun, was ich hier immer vermieden habe: Einfach den Anfang eines Zeitungsartikels  unkommentiert einstellen, weil er mir aus der Seele spricht, in diesem Fall der Beitrag "Sprachlese - Warum man zu wenig schreiben sollte" in NZZ Folio 01/95 von Wolf Schneider, und Sie bitten, ihn hier weiterzulesen:

„Schreiben kann man natürlich so: ‘Mehr und mehr von heftiger Rührung ergriffen, konnte Heinrich die Worte nur mit Anstrengung herausstossen. Die Tränen strömten über seine Wangen, und als ihm die Stimme unter Schluchzen versagte, stand er stumm vor den im Innersten ergriffenen Eltern. Bestürzt und erschüttert blickten sie auf diesen Sohn, der nun der Verzweiflung nahe war.’

So kann man schreiben, aber man sollte es nicht - nicht also wie in diesem Beispiel aus ‘Engelhorns Roman-Bibliothek’ von 1905. Ein Schriftsteller darf von zehn beabsichtigten Wörtern nur eines schreiben und nicht elf, hat Ludwig Thoma gefordert - und hier wimmelt es von elften Wörtern: zu den Tränen auch noch das Schluchzen, stumm mit versagender Stimme und bei alldem der Verzweiflung nah, und wo waren die bestürzten Eltern ergriffen? Im Innersten. Ungebremste Geschwätzigkeit oder Zeilenschinderei? Egal - wer Leser fesseln, wer gar Literatur produzieren will, der ist zum Gegenteil aufgerufen; nach dem Satz Voltaires: ‘Die Kunst, langweilig zu sein, besteht darin, alles zu sagen.’“

Allerdings möchte ich den Satz Voltaires (1694–1778) korrigieren. Genau schreibt er in Sur la nature de l'homme „Le secret d'ennuyer est celui de tout dire“ (Das Geheimnis zu langweilen besteht darin, alles sagen).*

Und das erinnert mich an Immanuel Kants (1724–1804) Worte in seinem Handschriftlichen Nachlass:  „es gehört Mäßigung und urtheilskraft dazu, nicht alles zu sagen, was man gutes weis, und seyn Werk nicht mit all seinen Einfällen zu überladen, damit die Hauptabsicht nicht darunter leide.“ (Eine Quelle kann ich nicht nennen, weil das aus einer Abschrift stammt, die ich erstellt hatte, die aber noch nicht online ist.)

Ob beide das gleiche gedacht haben oder ob einer des anderen Worte kannte? Vermutlich ersteres.

* Nachtrag: Die Quelle fehlte, und das geht natürlich nicht. Sie lautet: In Oeuvres completes de Voltaire, avec des notes, Bd. 12. Furne 1835, S. 489.

Dienstag, 22. November 2011

Jean Paul über sinnliches Schreiben

(und nun sage mir noch einer, Sol Stein und all die anderen Creative-Writing-Lehrer hätten die Regeln für literarisches Schreiben erfunden; siehe dazu auch http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/10/erzahle-nicht-sondern-zeige-dont-tell.html)

Sinnlichkeit durch Gestalt und Bewegung ist das Leben des Stils (fett hier und im folgenden jmw), entweder eigentliche oder uneigentliche.

Den Ruhm der schönsten, oft ganz homerisch verkörperten Prose teilt Thümmel vielleicht mit wenigen …  Man könnte oft Thümmel ebensogut malen als drucken; z.B.: »Bald fuhr der Amorskopf eines rotwangigen Jungen zu seinem kleinen Fenster heraus, bald begleiteten uns die Rabenaugen eines blühenden Mädchens über die Gasse. Hier kam uns der Reif entgegengerollt, hinter dem ein Dutzend spielende Kinder hersprangen. Dort entblößte ein freundlicher Alter sein graues Haupt, um uns seinen patriarchalischen Segen zu geben.« Bloß an der letzten Zeile vergeht das Gemälde. Ebenso schön sinnlich ists, wenn er von den Empfindungen spricht, die man hat, »wenn die Deichsel des Reisewagens wieder gegen das Vaterland gekehrt ist«. (…)

Es gibt viele Hülfmittel der phantastischen Sinnlichkeit. Z.B. man verwandelt alle Eigenschaften in Glieder, das leidende Wesen in ein handelndes, das Passivum ins Aktivum. Wird z.B. statt: »durch bloße Ideen werden die Verhältnisse der ganzen Erde geändert« lieber gesagt: »das innere Auge oder dessen Blick bevölkert Weltteile, hebt Länder aus dem Sumpf etc.«: so ist es zum wenigsten sinnlicher. Je größer der sinnliche leidende oder tätige Kasus: desto besser; z.B. »einem Lande dringt sich die Krone als Sonne auf.«

(…) Ein ruhender Körper wird nicht so lebhaft durch ein intransitives Zeitwort dargestellt als durch ein tätiges; z.B. »die Straße läuft, steigt etc. über Berge, Sümpfe« ist nicht so lebendig als: »die Straße schwingt sich, windet sich über Berge.« (…) Das Partizipium, zumal das tätige, ist besser als das trockne Adverbium: z.B. sie haben sein Leben zögernd zerstört, anstatt langsam. (…) Die Neuern stehen in ihrer erbärmlichen Partizipien-Dürftigkeit gegen die Römer als Hausarme da, gegen die Griechen gar als Straßenbettler. Ein Beiwort wird vorteilhaft in ein Hauptwort durch Zusammensetzung verwandelt: z.B. goldene Wolke in Goldwolke, giftiger Tropfe in Gifttropfen, beschränktes Auge in Schranken des Auges. (…)  Schon die gemeine Sprache bemalt noch das Bezeichnen der Sinnen-Wörter; z.B. blutrot, feuerrot, käse- oder kreideweiß, kohl- oder rabenschwarz, oder gar kohlrabenschwarz, essigsauer, honig- oder zuckersüß, wozu noch die deutschen Einwort-Assonanzen kommen: Klingklang, Ripsraps, Holterpolter etc. So darf denn auch die höhere Sprache in ihre Schattenrisse Farben tropfen lassen; z.B. anstatt Flügel der Zeit habt ihr noch (insofern nur Schnelle zu zeigen ist) Falken-, Schwalbenflügel der Zeit; bei Tatze und Klaue bietet sich euch die ganze Wappenkunde dar mit Tiger-, Löwen-, Leoparden- etc. Tatzen, dann mit Adler-, Falken-, Greifgeier-Klauen. – Und wirken denn nicht kleine Nebenfarbengebungen so weit hinein, daß der Dichter mehr gewinnt z.B. mit nirgend und nie als mit nicht, weil jene schon Raum und Zeit andeuten, nicht aber alles oder nichts? Ja geht nicht alles so ins Kleinste, daß z.B. wegstoßen, fortstoßen sinnlicher anklingt als verstoßen, oder sinnlicher entzweireißen als zerreißen, bloß weil ver und zer nicht an und für sich stehen und zeigen können, wohl aber weg und entzwei?

(…) nichts ist matter, als wenn Sinne auf Worten wachsen oder umgekehrt; man sollte nicht einmal mit Wieland sagen: »dem Zahn der Zeit trotzen,« das T-Z-Terzett nicht einmal gerechnet.

Die Beiwörter, die rechten und sinnlichen, sind Gaben des Genius; nur in dessen Geisterstunde und Geistertage fället ihre Säe- und Blütenzeit. Wer ein solches Wort erst sucht, findet es schwerlich (…)  Manchem Kosegartischen Gemälde geht oft zu einem dichterischen nichts ab als ein langer – Strich durch alle Beiwörter.

Jean Paul, Unbildliche Sinnlichkeit

(In Vorschule der Ästhetik http://gutenberg.spiegel.de/buch/3210/46)

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Verb kontra Substantiv. I


Über allen Gipfeln ein Gefühl der Ruh / Über den Wipfeln kaum das Gespür eines Hauchs / Das Schweigen der Vöglein im Walde – / Warte nur, in Balde / Gehest zur Ruhe auch du. So könnte Johann Wolfgang von GOETHE auch gedichtet haben. Doch er wollte keine statische, hölzerne Beschreibung liefern, sondern uns das, was er mit seinem Wanderers Nachtlied sagen wollte, fühlen lassen, und schrieb:
Über allen Gipfeln
ist Ruh,
in allen Wipfeln
spürest du
kaum einen Hauch;
die Vöglein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
ruhest du auch.
Also:

Schreiten Sie zur Tat

»Ich kam, sah, siegte« – veni, vidi, vici –, schreibt Julius CAESAR und nicht: »Nach dem Erreichen der Frontlinie und Inspektion der Sachlage war die Erringung des Sieges eine Möglichkeit.« Friedrich SCHILLER lässt in der Glocke »Balken krachen, Pfosten stürzen, Fenster klirren, Kinder jammern, Mütter irren«. Er spricht nicht vom Krachen der Balken, dem Stürzen der Pfosten (und auch nicht von klirrenden Fenstern, jammernden Kindern oder irrenden Müttern). Und er spricht nicht vom Rennen, Retten, Flüchten der Menschen, sondern er schreibt: »Alles rennet, rettet, flüchtet.« GOETHE dichtet im Sänger: »Der König rief’s, der Page kam, der Knabe lief, der König sprach: Laß mir herein den Alten.« Wie dynamisch und anschaulich wirken diese Sätze durch Verben und wie hölzern durch Substantive! Verben (Tat-Wörter) bewegen, Substantive liegen wie Steine im Bauch. Wenn Sie das Kino in Ihrem Kopf in Worte umsetzen wollen, brauchen Sie aber Bewegung.

Als bemerkenswertes Beispiel für einen verb-reichen Stil gilt der folgende Ausschnitt in GOETHES Briefen aus der Schweiz:
Der Morgenwind blies stark und schlug sich mit einigen Schneewolken herum und jagte abwechselnd leichte Gestöber an den Bergen und durch das Tal. Desto stärker trieben aber die Windweben an dem Boden hin und machten uns etlichemal den Weg verfehlen, ob wir gleich, auf beiden Seiten von Bergen eingeschlossen, Oberwald am Ende doch finden mußten. Nach Neune trafen wir dortselbst an und sprachen in einem Wirtshaus ein, wo sich die Leute nicht wenig wunderten, solche Gestalten in dieser Jahreszeit erscheinen zu sehen. Wir fragten, ob der Weg über die Furka noch gangbar wäre? Sie antworteten, daß ihre Leute den größten Teil des Winters drüber gingen; ob wir aber hinüberkommen würden, das wüßten sie nicht.
Das sind fünfzehn Verben bei einhundertvierzehn Wörtern. Goethe beginnt mit tatkräftigen Verben: blasen, jagen, herumschlagen, hintreiben; die Bewegung lässt nach, wenn die Wanderer geborgen im Wirtshaus eintreffen und ein Gespräch führen. Aber auch dabei finden wir dynamische Verben: erscheinen, sehen, gehen, hinüberkommen.

Mit Substantiven überfrachtete Sätze sind schlechter Stil. Überlegen Sie bei jedem Substantiv, ob ein Verb besser klingt, ob das, was Sie statisch ausgedrückt haben, nicht eher dynamisch ist.
Was kann man mit Verben nicht alles ausdrücken! Nehmen wir nur als Beispiel eine Feststellung wie Jürgen kommt. Sie können schreiben Laut Andreas will Jürgen kommen; die Absicht ausdrücken: Jürgen will kommen, aber auch die Möglichkeit einräumen: Jürgen sagte, er käme. Sie können einschränken: Jürgen überlegt, ob er kommen solle; Wahrscheinlich wird Jürgen kommen; Jürgen wird wohl kommen; es ist ziemlich sicher, dass Jürgen kommt. Oder Sie sind sich sicher: Jürgen kommt bestimmt. Sie können die Aussage auch als Aufforderung ausdrücken: Jürgen komm!, als Frage: Kommt Jürgen? oder als Wunsch: Jürgen soll kommen. Jürgen kann selbst äußern: Ich komme.Ob ich unbedingt gleich kommen soll? Soll ich lieber noch warten? – Soll ich … soll ich wirklich hingehen? Nein! Ja! Vielleicht doch?

Fortsetzung folgt
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Dienstag, 4. Oktober 2011

Über Deppen-Aussagen, Selbstmord- und andere reizende Wörter


Nein, ich würde natürlich nie schreiben: „Sie sollten einsehen, dass Sie eher einen Verlag finden, wenn Sie meine Posts in diesem Blog lesen. Können Sie das nicht begreifen?“ Modalverben wie können und sollen, aber auch dürfen, mögen, müssen, wollen, sind nämlich manchmal für unseren Beruf lebensgefährlich, weil sie zu Missverständnissen und Blockaden führen können (hier ist können richtig, denn sie müssen das nicht). Unsere Leser werden in Zukunft um unsere Werke einen großen Bogen machen. Nicht ohne Grund werden sie auch Reizwörter oder Selbstmordwörter genannt.

Denn Ihr Leser verbindet solche Wörter unbewusst mit Gefühlen aus der Kindheit, als er sich gegen Eltern, Lehrer und ältere Geschwister nicht durchsetzen konnte. Er reagiert trotzig oder wird aggressiv, weil er sich angegriffen fühlt. Vor allem fühlt er sich als Trottel, als Depp, weil er in seinem Selbstwertgefühl getroffen wird. Dabei muss dem Sprecher gar nicht bewusst sein, dass er „Du Depp“ in Gedanken mitspricht. (Und nun fügen Sie bitte allen Sentenzen, die ich im folgenden aufführe, ein gedankliches „Du-Depp an“.)

Dazu gehören auch Reizformulierungen oder Du-Depp-Formulierungen wie „Daran darf man noch nicht einmal denken …“, „Das kann man so sagen, aber …“, „Das kann man doch nicht machen …“, „Das hätten Sie doch wissen müssen …“ „Das tut man nicht …“, aber auch „Wie kommen Sie denn auf die Idee? (Du Depp)“, mit denen der Sprecher kundtut, dass er den Stein der Weisen gefunden hat, denn nur er weiß, was erlaubt ist, woran man denken darf usw.

Sie müssen schon entschuldigen, dass ich diese Wörter und Wendungen hier aufführe, aber Sie müssen doch zugeben, dass meine Ausführungen nicht uninteressant sind. Und nun sollten Sie nicht sagen, dass solche Wörter nicht in dieses Schreibtipps-Blog gehören. Wo ich was schreibe, müssen Sie schon mir überlassen. Seien Sie doch vernünftig und akzeptieren Sie das (Sie Depp, können Sie denn meinen Standpunkt nicht verstehen?).

Sie müssenSie sollen nicht … Jeder vernünftige Mensch weiß doch, dass er diese Phrasen vermeiden soll. Sie irren, wenn Sie meinen, dass das auf keinen Fall auf Sie zutrifft. Seien Sie ehrlich, Sie haben sie schon tausendmal verwendet. Na hören Sie mal, das ist doch Unsinn, wenn Sie das leugnen. Da sind Sie aber auf dem Holzweg. Merken Sie nicht, dass Sie dummes Zeugs aufführen?

Sie haben mich falsch verstanden …, Ihnen fehlt ja jedes Verständnis …, Man weiß doch …, Alle denken doch so (nur du nicht, du Depp), dürfen, dürfen nicht, das darf man nicht, das geht nicht … Und der kleine Junge steht wieder zitternd vor dem Riesen, der sein Vater ist, und das kleine Mädchen vor dem Lehrer und hört die anderen Kinder kichern.

(Siehe dazu auch http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2006/07/mgen-htte-ich-schon-wollen-aber-drfen.html und http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2006/09/ber-un-wrter.html)

Kerstin Hoffmann – im Netz auch bekannt als PR-Doktor – hat 2012 zum „Jahr der ungewöhnlichen Formulierung“, ernannt, denn: „Weg mit sprachlichen Klischees und gedankenlos übernommenen Floskeln in der Unternehmenskommunikation! Her mit guten Texten, die wirklich herüberbringen, was Sie sagen wollen!“ In dem Zusammenhang hat sie auch zu einer Blogparade aufgerufen, an der ich mich sehr gern beteilige.

Freitag, 30. September 2011

Giftliste V (noch mehr Füllwörter)


aber, allein, aller-, also, an und für sich, andererseits, auf alle Fälle, aufrichtig gesprochen, ausschließlich, beinahe, besonders, bestimmt, betreffend, bezüglich, dagegen, das Schönste, daher, damals, doch, echt (es gibt echt zu viele Füllwörter), eigentlich, einfach, einigermaßen, einmal, endlich, erfolgreich (kann man einen Mörder auch erfolglos entlarven?, erheblich, etwa, etwas, fast, fortwährend, fraglos, freilich, ganz gewiss, ganz und gar, gar, gänzlich, gelegentlich, genau, gerade (verstehen Sie, warum ich diese Wörter gerade aufzähle), geradezu, gewiss, gewissermaßen, gewöhnlich, gleichsam, grundsätzlich, halt, hervorragend, hier und da, ich glaube, ich sage mal, im Prinzip, immer, in aller Deutlichkeit, in der Regel, in etwa, in diesem Zusammenhang, in gewisser Weise, in Wahrheit, inzwischen, irgend, irgendwo, ja (dieses Füllwort ist ja schlimm), jede Menge, kaum, keinesfalls, keineswegs, letzten Endes, letztendlich, man könnte sagen, mal, maßgeblich, mehrere, meist, moderne, möglicherweise, mutmaßlich, nachhaltig, natürlich, nicht wahr?, nichtsdestotrotz, nichtsdestoweniger, natürlich, nie, niemals, normalerweise, nun, nur, offenbar, offenkundig, oft, ohne Umschweife gesagt, ohne Zweifel, plötzlich, praktisch, regelrecht, relativ, ruhig (Sie können es ruhig sagen, wenn Ihnen diese Liste nicht gefällt), rund (er reiste rund um die ganze Welt), sag ich doch, sag ich jetzt mal so, sagen wir mal, schon, sehr, selbst, selbstverständlich, selten, sicher, sicherlich, sogleich, sozusagen, sonst, sozusagen, streng (streng nach Alphabet), überhaupt, übrigens, unbedingt, ungefähr, unglücklicherweise, unlängst, unsinnige, uralte, ursprünglich, vergleichsweise, viele, vielfach, vielleicht, vollkommen, vor Ort, wahrscheinlich, wenige, wenigstens, wieder, wieder einmal, wie man sich leicht vorstellen kann, wirklich, wohl, zugegeben, zunächst, zweifellos, zweifelsohne

Übrigens: Ich gestehe es – mein Lieblingsfüllwort ist „übrigens“, und ich streiche es äußerst ungern …

Noch mehr Füllwörter siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2006/07/giftliste-i-fllwrter.html

Dienstag, 7. Juni 2011

Wie man zu sagen pflegt: Von welchen Phrasen der Schriftsteller keinen Gebrauch machen sollte


Sie müssen keine modernen Stilratgeber lesen, schon Johann Wolfgang von Goethe veröffentlichte eine Liste von Redensarten, welche der Schriftsteller vermeidet, sie jedoch dem Leser beliebig einzuschalten überläßt*:

Aber
Gewissermaßen
Einigermaßen
Beinahe
Ungefähr
Kaum
Fast
Unmaßgeblich
Wenigstens
Ich glaube
Mich deucht
Ich leugne nicht
Wahrscheinlich
Vielleicht
Nach meiner Einsicht
Wenn man will
Soviel mir bewusst
Wie ich mich erinnere
Wenn man mich recht berichtet
Mit Einschränkung gesprochen
Ich werde nicht irren
Es schwebt mir so vor
Eine Art von
Mit Ausnahme
Ohne Zweifel
Ich möchte sagen
Man könnte sagen
Wie man zu sagen pflegt
Warum soll ich nicht gestehen
Wie ich es nennen will
Nach jetziger Weise zu reden
Wenn ich die Zeiten nicht verwechsle
Irgend
Irgendwo
Damals
Sonst
Ich sage nicht zu viel
Wie man mir gesagt
Man denke nicht
Wie natürlich ist
Wie man sich leicht vorstellen kann
Man gebe mir zu
Zugegeben
Mit Erlaubnis zu sagen
Erlauben Sie
Man verzeihe mir
Aufrichtig gesprochen
Ohne Umschweife gesagt
Geradezu
Das Kinde bei seinem Namen genannt
Verzeihung den derben Ausdruck

*Die Schreibweise dieser Wörter ist der heutigen angepasst

In seiner Nachbemerkung schreibt Goethe:
Vorstehende Sammlung, die sowohl zu scherzhaften als ernsten Betrachtungen Anlaß geben kann, entstand zur glücklichen Zeit da der treffliche Fichte noch persönlich unter uns lebte und wirkte. Dieser kräftige entschiedene Mann konnte gar sehr in Eifer gerathen, wenn man dergleichen bedingende Phrasen in den mündlichen oder wohl gar schriftlichen Vortrag einschob. So war es eine Zeit, wo er dem Worte: gewissermaßen einen heftigen Krieg machte. Dies gab Gelegenheit näher zu bedenken, woher diese höflichen, vorbittenden, allen Widerspruch des Hörers und Lesers sogleich beseitigenden Schmeichelworte ihre Herkunft zählen. Möge diese Art Euphemismus für die Zukunft aufbewahrt seyn, weil in der gegenwärtigen Zeit, jeder Schriftsteller zu sehr von seiner Meinung überzeugt ist, als daß er von solchen demüthigen Phrasen Gebrauch machen sollte.
(Johann Wolfgang Goethe: Deutsche Sprache. In Über Kunst und Alterthum, Dritten Bandes erstes Heft. Cottaische Buchhandung 1821, S. 52ff.)

Samstag, 2. April 2011

Die schönen, schrecklichen Adjektive (Über Adjektive. I)


Schreibe mit Hauptwörtern und Verben, nicht mit Adjektiven und Adverbien. Das Adjektiv ist noch nicht geschaffen, das ein schlappes oder ungenaues Hauptwort aus der Klemme zieht. (Write with nouns and verbs, not with adjectives and adverbs. The adjective hasn't been built that can pull a weak or inaccurate noun out of a tight place.) (E. B. WHITE, An Approach to Style; zitert nach Wolf Schneider, Deutsch für Kenner, 1987, S. 53)

Eine der wichtigsten Schreibregeln – und doch so widerwillig befolgt – ist der Satz, den Georges CLEMENÇEAU, der spätere französische Ministerpräsident, zu einem neuen Kollegen sagte, als er noch Schriftleiter der Zeitung La Justice war:

Schreiben Sie kurze Sätze: Hauptwort, Verbum, Objekt: fertig! Bevor Sie ein Adjektiv schreiben, kommen Sie zu mir in den dritten Stock und fragen, ob es nötig ist.*

Adjektiv bedeutet vom Ursprung her nichts anderes als zum Beifügen dienlich (von lat. adiciere: hinzutun, hinzufügen) und enthüllt damit, was die deutsche Bezeichnung Beiwort schon erahnen lässt: es ist »Beigemüse. Das meist entbehrlich ist, wenn die anderen Wörter munden und sättigen« (Aurel GERGEY).

Denken Sie bei jedem Adjektiv, das Sie schreiben, weil Sie meinen, es gehöre unbedingt dorthin, an Clemençeau. Und sagen Sie nun nicht voll tiefer Empörung, ohne diese überaus wichtigen, entscheidenden Wörter sei es unmöglich, das auszudrücken, was Sie dem Leser mitteilen wollen: Es ist möglich. Warten Sie nicht, bis der Lektor sie streicht. Oder wollen Sie, dass er gar nicht erst weiterliest, weil er gleich im ersten Absatz über eine schöne Frau mit veilchenblauen Augen stolpert, die an einem traumhaften, milden Frühlingstag bei einem ihrer einsamen Spaziergänge durch den nahe gelegenen Park eine wundersame Begegnung hat mit einem schlanken, groß gewachsenen jungen Mann mit einem markanten Kinn, einer römischen Nase und stahlgrauen, blitzenden Augen unter einer klugen Stirn? – Nein, ich habe mir diese Adjektive nicht ausgedacht. Ich muss sie nur immer wieder in schlechten Texten lesen. Der Kitsch lässt grüßen. –

Matthias CLAUDIUS sagt nicht, was für ein Mond aufgegangen ist: ein silberner, halber, freundlicher. Im Sänger hört ein König vor dem Tor einen Gesang erschallen. GOETHE schreibt nicht, wie der Gesang klang, ob melodisch, zart oder kräftig, sondern dass der König ihn »vor meinem Ohr im Saale widerhallen lassen« möchte. Und in SCHILLERS Kranichen des Ibikus ruft der Schurke: »Sieh da, sieh da, Thimoteus, die Kraniche des Ibikus«, und nicht »… die schrecklichen Kraniche des toten Ibikus«. Und am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum Punkt.

Auch Ludwig THOMA schildert im Heiligen Hies die Rangordnung in einem Dorf ohne ein einziges überflüssiges Adjektiv:
Wer sechs Roß im Stall stehen hat, ist ein Bauer und sitzt im Wirtshaus beim Bürgermeister und beim Ausschuß. Wenn er das Maul auftut und über die schlechten Zeiten und über die Steuern schimpft, gibt man acht auf ihn, und die kleinen Leute erzählen noch am andern Tag, daß gestern der Harlanger, oder wie er sonst heißt, einmal richtig seine Meinung gesagt hat.
Wer fünf Roß und weniger hat, ist ein Gütler und schimpft auch. Aber es hat nicht das Gewicht und ist nicht wert, daß man es weiter gibt.
Wer aber gar kein Roß hat und seinen Pflug von ein paar mageren Ochsen ziehen läßt, der ist ein Häusler und muß das Maul halten. Im Wirtshaus, in der Gemeindeversammlung und überall. Seine Meinung ist für gar nichts, und kein richtiger Bauernmensch paßt auf den Fretter** auf.
* Die Version von Peter Panter (Kurt Tucholsky) aus der Rezension zu L'Esprit de Clemenceau mit der Überschrift »Der Gallenbittere« lautet allerdings so:
Eines Tages kam Herr Mandel, sein getreuer Adlatus zu ihm – es wäre zu langwierig, hier auseinanderzusetzen, wer Herr Mandel war, kurz: Herr Mandel – und bat den Alten um einen Rat. Er wolle zum Journalismus. Darauf Clemenceau: »Schreiben kann jeder. Machen Sie hübsche, kurze Sätze: Verbum, Subjekt, Objekt ... « Pause. Dann: »Wenn Sie ein Adjektiv schreiben wollen, kommen Sie vorher zu mir!« (Hervorhebung jmw) (http://www.textlog.de/tucholsky-g-clemenceau.html)
** = Quäler, Plager, mehr dazu siehe Grimms Wörterbuch
Fortsetzung folgt
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Freitag, 11. Februar 2011

Kommentierte Sammlung von Textanalyse-Tools

Auf https://www.schreiblabor.com/textlabor/statistic/ und http://www.stilversprechend.de/stil/bericht.html gibt es sehr empfehlenswerte Tools zur Textanalyse. Dabei werden außer der Zeichenzahl die Anzahl der Sätze, der Wörter pro Satz, der einzelnen Wörter und der unterschiedlichen Wörter ausgewertet, aber auch die der Silben insgesamt, der Silben pro Wort und der Kommata pro Satz. Außerdem werden bei beiden Anbietern lange Wörter und Sätze, Phrasen, Füllwörter (siehe auch hier) und Anglizismen ausgewertet und vor allem markiert. Bei stilversprechend.de werden außerdem Satzanfänge mit „Es“ (sehr empfehlenswert!), Passivsätze sowie Redundanzen (siehe auch hier) angezeigt. Fehlt eigentlich bei beiden nur noch die Angabe der Substantive. weiterlesen

Montag, 27. Dezember 2010

Gedanken über ein Weihnachtsbäumlein und ein Schreibtippchen


Als ich neulich nach weiteren Weihnachtsgedichten für meinen Schreibblog suchte, fand auch das »Weihnachtsbäumlein« von Christian Morgenstern:

Es war einmal ein Tännelein
mit braunen Kuchenherzlein
und Glitzergold und Äpflein fein
und vielen bunten Kerzlein:
Das war am Weihnachtsfest so grün
als fing es eben an zu blühn.

Doch nach nicht gar zu langer Zeit,
da stand’s im Garten unten,
und seine ganze Herrlichkeit
war, ach, dahingeschwunden.
Die grünen Nadeln war’n verdorrt,
die Herzlein und die Kerzlein fort.

Bis eines Tags der Gärtner kam,
den fror zu Haus im Dunkeln,
und es in seinen Ofen nahm -
hei! tat's da sprühn und funkeln!
Und flammte jubelnd himmelwärts
in hundert Flämmlein an Gottes Herz.

Ich freute mich, las es, wollte es einstellen, las es noch einmal, googelte (man kann ja nie wissen – mehr dazu hier und hier) und dachte: Nanu, Christian Morgenstern spricht von »Tännelein“ und »Äpflein« und »Flämmlein«, gar vom »Kuchenherzelein«? Das passt doch gar nicht zu ihm. Ob das wohl eine Parodie sein soll auf all die Kinderlein, die kommen, die Schneeflöckchen, Weißröckchen, das Vöglein, das ich meine, überhaupt auf all die Kinderlieder, in denen es von …leins und …chens, all den Verkleinerungsformen, zu gut Lateinisch Diminutiva (Plural von Diminutiv – auch Deminutiv –; von lat. deminuere: verkleinern, vermindern, schwächen) nur so wimmelt?

Wie auch immer: Da Morgensterns Spiel mit der Sprache ein so schönes Beispiel für diese Wörtchen ist, konnte ich es mir nicht versagen, dazu etwas zu schreiben. – Ja, ich weiß, auch Goethe spricht in den Leiden des jungen Werther von  »Gräschen« und den »unzähligen unergründlichen Gestalten, all der Würmchen, der Mückchen« (in älteren Ausgaben »Würmlein« und »Mücklein«, aber inzwischen ist die Ableitungssilbe -chen eher gebräuchlich). Und ja, Matthias Claudius lässt »die Sternlein prangen«, auch wenn er sein Gedicht mit einem simplen Protokollsatz  beginnt: »Der Mond ist aufgegangen«. Aber seither hat sich der Stil gewandelt. Auch wenn das Buch und das Gedicht Meisterwerke sind, wirken diese Wörter heute altertümlich, um nicht zu sagen kitschig.

Darüber, warum Goethe in seinem Gedicht Ein Gleiches, besser bekannt als Wandrers Nachtlied – mehr dazu siehe hier –, dem berühmtesten und schönsten Gedicht der deutschen Sprache überhaupt, von den Vögelein, die schlafen, spricht, werde ich noch etwas schreiben. Vielleicht ist es ein Übertragungsfehler, wie es sie auch schon vor den Zeiten des Internets gab. Nebenbei: Alle vier Versionen des Weihnachtsbäumleins, die ich las, waren unterschiedlich, entweder gab es Rechtschreibfehler, wurden die Verse falsch zu Strophen geordnet oder gleich ganz neue Wörter eingefügt. (Über derartige Fehler habe ich in meinem Blogbeitrag Warum die Verletzung des Urheber- und Zitatrechts kein Kavaliersdelikt ist. I  ausführlich geschrieben.) –

Denken Sie also in Zukunft bitte, wenn Sie Verniedlichungen wie Vögelein, Blümelein oder Kindlein schreiben, an Christian Morgenstern und löschen Sie sie, auch wenn Sie ein Märchen oder eine Kindergeschichte schreiben. Solche Wörter zerstören jeden gut geschriebenen Text (nicht grundlos bedeutet deminuere auch – schwächen).

Die Erzählstimme sollte auch nicht vom Bettchen, in dem das Söhnchen Mäxchen mit einem müden Gesichtchen liegt, die Händchen an die Äugelein gedrückt, sprechen. Das Mäxchen lächelt nicht seine Mama an, sondern die Mutter, denn solchen Koseformen gehören einer familiären Ausdrucksweise an.

Das gilt für alle Texte, in denen Sie über Ihre Kindheit aus der Erwachsenenperspektive erzählen. Bezeichnen Sie Ihre Eltern also nicht mit Mutti (oder gar Mami) und Vati (Papi) , sondern wählen Sie die neutrale Form. Nicht: Meine Mutti erzählte mir jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte, sondern Mutter erzählte mir … Nicht: Mein Opi konnte geschickt mit dem Schnitzwerkzeug umgehen, sondern Großvater schnitzte mir aus Wurzeln, die wir beim Wandern fanden, Trolle und Hexen (womit auch gleich die Regel des Zeigen, nicht informieren beachtet wird). Anders ist es natürlich, wenn Sie aus der Perspektive eines Kindes erzählen und im Dialog.

Und hm – seien Sie vorsichtig mit dem Wort Spielchen: Sie werten damit ab, wenn Sie nicht gar moralisieren, oder erreichen unabhängig vom Inhalt eine andere Wirkung, als Sie beabsichtigt hatten. Was Sie zum Beispiel mit Sexspielchen bezeichnen, kann für Ihre Leser ein normales Liebesspiel sein.

wird fortgesetzt
 
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Donnerstag, 22. Juli 2010

Sprachrätsel No. 13

Wie viele Pleonasmen enthält dieser Satz?

»Der weiße Schimmel stampfte unwillig mit seinem Huf auf.«

a) keinen Pleonasmus
b) einen Pleonasmus
c) zwei Pleonasmen
d) weiß ich nicht

Giftliste III: Pleonasmen*


alter Greis
andere Alternative
anfängliche Startschwierigkeiten
angeblich scheinen (die Käufer …)
augenblicklicher Moment
Augenoptiker
auseinander dividieren
bereits schon
berühmter Star
brennende Flamme
bunte Farben
Chiffrenummer
Cuttermesser
DIN-Nummer
doppeltes Duett
drei Drillinge
dünnes Goldkettchen
Düsenjet
ebenso auch
eigene Hände
Eigeninitiative
einander gegenseitig
Einzelindividuum
emotionales Gefühl
erfolgreich geglückt sein
erste Vorboten
Essensgericht
fachkompetent
falscher Fehler
falsche Illusion
ferner noch
fernsehgucken
fundamentale Grundkenntnis
Fußpedal
gerade Fichtenstämme, die ein Spalier bilden
Gesichtsmimik
Glasvitrine
großer Riese
Haarfrisur
herausselektieren
höchstens nur
hochstilisieren
hohle Phrase
hörbare Musik
Hörgeräteakustiker
im augenblicklichen Moment
inneres Gefühl
jüdische Synagoge
kaltes Eis
klammheimlich
kleine Häppchen
kleiner Obolus
kleiner Zwerg
langsamen Schrittes schlendern
La-Ola-Welle
lästiges Ärgernis
lediglich nur
lohnenswert
manuelle Handarbeit
marginale Randerscheinung
menschliches Versagen
mit den eigenen Händen anfassen
mit seinem Kopf nicken
Mitbeteiligung
möglich sein können
nasser Regen
natürlicher Instinkt
noch einmal wiederholen
nochmal überprüfen
nutzlos vergeuden
offizielle Amtssprache
ohrenbetäubend laut kreischen
persönlich anwesend sein
persönliche Anwesenheit
persönliche Meinung
potenzielle Möglichkeit
Pulsschlag
radioaktives Uran
Rückantwort
Rückerstattung
Rückstau
runde Kugel
runder Kreis
Sanddüne
schimmernder Glanz
schlussendlich
schlussletztendlich
schwarzer Rappe
spontaner Reflex
stillschweigend
studierter Akademiker
Testversuch
tote Leiche
umgekehrtes Gegenteil
unnötig Zeit stehlen (kann man nötig Zeit stehlen)
Vogelvolière
Vorderfront
wahrscheinlich scheinen
weibliche Bundeskanzlerin
weibliche Kandidatin
weiter fortfahren
weltweite Globalisierung
winziger Trieb
zeitlich befristet
Zukunftsperspektive
Zukunftsprognose
zurück vergüten
zusammenaddieren
zwei Zwillinge
Zweierpärchen
zu meinem Bedauern muss ich leider …

*lesen Sie dazu auch die Beiträge Tautologie vs. Pleonasmus, Über Tautologien und Pleonasmen und Unsinnige Tautologien

Freitag, 13. November 2009

Kurt Tucholskys Ratschläge für Redner


Der Schriftsteller und Sprachkritiker Kurt Tucholsky gab unter seinem Pseudonym Peter Panter auch Ratschläge für den schlechten und den guten Redner, die ebenso für Schreiber gelten. Denn alle Schreibregeln wurden aus der Rhetorik übernommen.

Ein Tipp – schauen Sie sich die Ratschläge an ohne die Überschrift zu lesen. Sie werden schon an der Form erkennen, welche für den schlechten und welche für den guten Redner geschrieben sind.

Ratschläge für einen schlechten Redner (Auszug, den ganzen Text finden Sie hier):

Fang nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen vor dem Anfang! Etwa so: "Meine Damen und Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz ..."

Sprich, wie du schreibst. Und ich weiß wie du schreibst. Sprich mit langen, langen Sätzen - solchen, bei denen du, der du dich zu Hause, wo du ja die Ruhe, deren du so sehr benötigst, deiner Kinder ungeachtet, hast, vorbereitest, genau weißt, wie das Ende ist, die Nebensätze schön ineinandergeschachtelt, so daß der Hörer ungeduldig auf seinem Sitz hin und her träumend, sich in einem Kolleg wähnend, in dem er früher so gern geschlummert hat, auf das Ende solcher Periode wartet. Nun ich habe dir eben ein Beispiel gegeben. So mußt du sprechen.

Fang immer bei den alten Römern an und gib stets, wovon du auch sprichst, die geschichtlichen Hintergründe der Sache. Das ist nicht nur deutsch, das tun alle Brillenmenschen. …

Du mußt alles in die Nebensätze legen. Sag nie: "Die Steuern sind zu hoch." Das ist zu einfach. Sag: "Ich möchte zu dem, was ich soeben gesagt habe, noch kurz bemerken, daß mir die Steuern bei weitem ..." So heißt das!

Ratschläge für einen guten Redner (Auszug, den ganzen Text finden Sie hier):

Hauptsätze, Hauptsätze, Hauptsätze. …

Tatsachen, oder Appell an das Gefühl. Schleuder oder Harfe. Ein Redner sei kein Lexikon. Das haben die Leute zu Hause. …

Suche keine Effekte zu erzielen, die nicht in deinem Wesen liegen. Ein Podium ist eine unbarmherzige Sache - das steht der Mensch nackter als im Sonnenbad. …

Merk Otto Brahms* Spruch: Wat jestrichen is, kann nich durchfalln.

*Otto Brahm (1856–1912), Kritiker und Intendant des Deutschen Theaters Berlin

Haben Sie es gemerkt? Für die Ratschläge für den schlechten Redner gebraucht Tucholsky rund 4.600 Zeichen, für die Ratschläge an den guten Redner dagegen – 516.

Dienstag, 20. Oktober 2009

Wie man zu sagen pflegt: Umständliche Wendungen für einfache Wörter

Sie brauchen keine modernen Stilratgeber zu lesen, schon Johann Wolfgang von Goethe, der gern Listen schrieb, veröffentlichte 1817 eine Liste von Redensarten, welche der Schriftsteller vermeidet, sie jedoch dem Leser beliebig einzuschalten überlässt

bitte hier weiterlesen: http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/06/wie-man-zu-sagen-pflegt-von-welchen.html

Montag, 5. Oktober 2009

Es ist schlechter Stil, das Wörtchen Es zu schreiben


Dichter wählen den Pseudoaktant (von lat. pseudo = unecht, falsch und agere = handeln) es – ein vorläufiges Subjekt – oft für Versanfänge, weil sie für manche Versmaße eine unbetonte Silbe benötigen, wie bei »Es waren zwei Königskinder« oder »Es braust ein Ruf wie Donnerhall«. In der Prosa sollte es vermieden werden, weil es zum zweiten unpersönlichen Subjekt, zum Scheinsubjekt wird. Außerdem ist es veraltet, was auch mit der veränderten Einstellung des Menschen gegenüber unbekannten Kräften zusammenhängen mag.

Das überaus beliebte und so nichtssagende Es ist angebracht und wird in ein echtes Subjekt umgewandelt, wenn auf eine überirdische Macht hingewiesen wird. So schreibt Thomas MANN, dessen Gespür für die Feinheiten der Sprache Helmut BÖTTIGER zur Prägung von »thomasmännisch« für Sprachbegabung bewegte, in der Erzählung Die Betrogene: »(…) ich schrie auch nicht selbst, es schrie, es war eine heilige Ekstase der Schmerzen.« (Man beachte, dass das es auch im Original kursiv geschrieben ist) Das Wörtchen es ist auch angebracht, wenn ein Geschehen geschildert wird, das unabhängig von einem Willen geschieht: Es atmet in mir. Aber normalerweise friert es mich nicht, sondern ich friere, es sei denn, auch hier ist eine höhere Macht im Gange wie in »Es friert mi, dass mir's Herz im Leibe zittert« oder im Märchen Die Sterntaler: »Da kam ein Kind, das jammerte, und sprach ‘Es friert mich so an meinem Kopf, schenk mir doch etwas, womit ich ihn bedecken kann’.«  – Dieses Themas hat sich übrigens auch schon der Zwiebelfisch angenommen. – Der (ernsthaft gemeinte) Vorschlag, statt Es friert mich »es ist mir kalt« zu schreiben, den ich in den unendlichen Weiten des Netzes gefunden habe, ist reiner Quatsch.

Auch bei den Wachstumsverben wie Es grünt so grün oder Es wächst und gedeiht, die sich auf die Natur beziehen, ist das Es erforderlich, ebenso bei den Witterungsverben wie es blitzt, es donnert, es regnet; vor allem aber bei den Geräuschsverben wie Es raschelt und knistert; Es tropft und klopft an die Fensterscheiben, denn Geräusche weisen oft auf Geheimnisvolles, gar Unheimliches hin. Bei Es poltert und spukt kann man nur an Geister denken.

Es gibt in den meisten Fällen keinen vernünftigen Grund, es gibt und es ist zu schreiben, auch wenn Sie diese Wendungen ständig hören und lesen müssen. Vergessen Sie nicht:

Die gesprochene Sprache unterscheidet sich von der geschriebenen Sprache

In dem Satz Es gab einen Kollegen, der schwor, Birgit aus der Firma hinauszumobben. Es war schwer für Karin, sich das vorzustellen, wirken die Es ungeschickt. Bei Ein Kollege schwor, dass er Birgit aus der Firma mobben würde. Karin konnte sich das nicht vorstellen, entrüstet sich der Leser ob der Schändlichkeit des Kollegen. Das Unglück nahm an einem Freitag seinen Lauf wirkt unmittelbarer als Es war an einem Freitag, als das Unglück seinen Lauf nahm. Besser als Es war an einem trüben Novembermorgen, an dem Rolf sich vornahm, es sich künftig leichter zu machen und sich die Zeitung ins Haus bringen zu lassen klingt Rolf nahm sich an einem trüben Novembermorgen vor, die Zeitung zu abonnieren, damit er nicht mehr fünf Treppen hinunterlaufen muss. (Damit werden auch machen und die Reihung der Infinitive vermieden.)

Oft gebraucht, aber deshalb nicht richtiger ist es, wenn es auf einen Ergänzungssatz hinweist: Ich verstehe es, dass Susanne böse ist; Marion ist es zufrieden, dass David sich entschuldigt hat. Richtig muss es heißen: Ich verstehe, dass Susanne böse ist; Marion ist zufrieden

Verwenden Sie das, wenn es sich auf den Gegenstand eines vorhergehenden Satzes bezieht. Nicht: Wenn Fred denkt, er könne sich alles erlauben, ist es ein Irrtum, sondern: … ist das ein Irrtum. Noch besser ist es … – nein, dieser Satz ist genauso falsch –, noch besser drücken Sie sich aus, wenn Sie schreiben: … irrt er. Und da Nebensätze möglichst nicht an den Anfang gestellt werden sollten, lautet die richtige Formulierung kurz und knapp: Fred irrt, wenn er denkt, er könne sich alles erlauben.

Neuerdings ist es braucht modern geworden. Statt es dauert heißt es nun »es braucht viel Zeit«; statt Nur wenig ist nötig, um das Leben menschenwürdig zu machen »Es braucht wenig, um das Leben menschenwürdig zu machen«; statt ein neuer Vertrag muss geschlossen werden braucht es jetzt einen Vertrag.
Es braucht viel Mühe, gutes Deutsch zu schreiben, jedenfalls braucht es dazu mehr, als Buchstaben aneinanderzureihen, und es braucht viel mehr Menschen, die sich um die deutsche Sprache bemühen.
Siehe dazu auch: Es war einmal … (Nicht) jeder Anfang ist schwer. II

Montag, 21. September 2009

Ein Ding der Unmöglichkeit oder: Über die Subjektivitis. II


Zu den Amtsstubenwörtern gehören ferner die Flickverben (ROST) vornehmen, treffen, unterziehen, erfolgen. Sie führen zur Substantivitis: Korrekturen vornehmen, die Änderungen einer Kontrolle unterziehen, die Rückgabe muss schriftlich erfolgen, die Entscheidung über den Druck trifft die zuständige Abteilung, die Benachrichtigung über den Druck erfolgt per E-Mail.

Laut Werner RAITH hat die Substantivitis »mehrere Gründe«, die »fast alle in Vorschriften« liegen, die von »klugen Stilrezeptgebern verfügt wurden«, zwei davon seien »die Kürze und das Verbot von Schachtelsätzen«. Als Beispiel dafür nennt er in seinem Buch Gut schreiben das Wort Inanspruchnahme statt der Infinitivkonstruktion in Anspruch nehmen, weil es kürzer sei und die Kommasetzung und damit das Schachteln im Satz vermeide. Er meint, die Stilrezeptgeber würden den Satz »Auf das Verbot der Inanspruchnahme unserer Toilette haben wir bereits des öfteren hingewiesen« der Infinitivkonstruktion »Wir haben bereits des öfteren darauf hingewiesen, dass es verboten ist, unsere Toilette in Anspruch zu nehmen« vorziehen, weil so »13 statt 17 Worte« (Wörter müsste es richtig heißen) und keine Kommata verwendet würden. Doch ob in Anspruch nehmen oder Inanspruchnahme: Beide Wörter sind grauslich. Warum schlägt er nicht vor, dass man schreiben solle: Wir haben bereits öfter darauf hingewiesen, dass betriebsfremde Personen die Toilette nicht benutzen dürfen.

Doch schreibt er wirklich gut, wenn er von »klugen Stilrezeptgebern« spricht – ist das nicht polemisch? –, von »mehreren Gründen, die fast alle …« – mehrere bedeutet eine geringe Anzahl, fast alle weist auf eine größere Zahl hin –, und kann man Vorschriften verfügen? Was meint er mit Kürze? Kurze Sätze, Wendungen oder Wörter? Das geht aus dem Text nicht hervor. Und warum benutzt er das Passiv? Warum umständlich, wenn es auch einfach geht: »Stilratgeber nennen mehrere Vorschriften, darunter die Kürze und das Verbot von Schachtelsätzen, die zur Substantivitis führen.« Die Frage ist nur, ob diese beiden Regeln immer dazu führen. Warum nicht schreiben: »Die Stilregel, dass man kurze Sätze schreiben und Schachtelsätze vermeiden solle, kann zur Substantivitis verleiten.«

Befürworter des Amtsdeutschs meinen, dass einfache Sprache nicht korrekt genug sein könne, zudem würde die Verwaltung ihren Respekt verspielen. Aber kann es nicht sein, dass die Befürworter gar nicht mehr in der Lage sind, verständlich zu schreiben, weil es bequemer ist, Worthülsen zu verfassen statt nach dem passenden Wort suchen? Geben Sie also dem Amtsschimmel die Sporen und lassen Sie ihn ins Nimmerland verschwinden.

Diese Aufzählung der Kanzleiwörter erhebt keinen Anspruch hinsichtlich der Vollständigkeit – wie leicht sagt sich das, liest oder hört man doch diese Floskeln täglich und ersparen sie das Nachdenken über den richtigen Ausdruck. Ich streiche also diesen Satz und schreibe: »Diese Aufzählung ist unvollständig.« (Weitere Wörter, bei denen der Amtssschimmel wiehert, finden Sie jedoch in Juttas Schreibblog.)

Der Gebrauch von Substantiven statt Verben, des Passiv statt des Aktiv und das falsche Bilden von Wörtern mit der Nachsilbe -bar wie unverzichtbar* kennzeichnet einen hölzernen, angestaubten Stil

*Auch wenn 1000 Mal benutzt: Unverzichtbar bedeutet unentbehrlich, unerlässlich, notwendig, unersetzlich. Verzichten ist nicht transitiv, kann also kein Akkusativobjekt haben. Da man kein Ding verzichten kann sondern nur auf etwas, kann kein Ding verzichtbar oder unverzichtbar sein.

(Teil I dieses Artikels finden Sie hier)

Samstag, 19. September 2009

Ein Ding der Unmöglichkeit oder: Über die Subjektivitis. I


Wenn die Sprache nicht stimmt, dann ist das, was gesagt wird,
nicht das, was gemeint ist. (KONFUZIUS)

Zielsetzung und Anliegen dieser Abhandlung ist desgleichen, seitens der Autorin einem dringenden Bedürfnis der Adressaten entsprechend Aufschluss bezüglich dessen zu geben, welche Begriffe einem vorzüglichen Deutsch gemäß sind, und damit zur Problemlösung dieser Fragestellung zu dienen.

– Ist Ihnen bei diesem Satz etwas aufgefallen? Glückwunsch! Wie würden Sie formulieren, nein, wie würden Sie ihn schreiben? Vielleicht so: »Ich möchte, dass Sie nach dem Lesen meines Buches wissen, was gutes Deutsch ist.« Zielsetzung, Anliegen, Adressat, Abhandlung, einem Bedürfnis entsprechen, Aufschluss geben, hinsichtlich sind Bürokratendeutsch. Schwülstig klingen auch desgleichen und vorzüglich. –

Was für ein mit vielen Worten nichtssagender Satz! Und doch müssen wir viel zu oft derartiges lesen. Nicht nur in Amtsblättern, sondern auch in Texten, ob es Fachartikel oder Belletristik ist. Vielen Wissenschaftlern, die sich an Romane oder Kurzgeschichten wagen, fällt es schwer, sich einfach auszudrücken, und nicht nur ihnen. So manch Beamter wird die gleichen Schwierigkeiten haben.

Sie, lieber Leser, wissen jedoch, dass der Amtsschimmel bei solchen Worten formelhaft wiehert und keine Bilder hervorruft, und erliegen nicht der Verlockung, zu diesem Zeitpunkt statt jetzt zu schreiben (da Sie wissen, dass jetzt ein Blähwort ist, lassen Sie es eh weg), keine Seltenheit statt häufig, ein Ding der Unmöglichkeit statt unmöglich, unter Beweis stellen statt beweisen, in Abrede stellen statt bestreiten. Sie schweigen, wenn andere strenges (noch besser strengstes) Stillschweigen bewahren, Sie mutmaßen nicht, sondern vermuten, gehen auch nicht aus von etwas, sondern nehmen an. Sie schreiben auch keine Worthülsen wie anbei, andernfalls, angesagt sein, baldmöglichst, Basis beziehungsweise Grundlage, beiliegend, Beschaffenheit, bezüglich, Bezug nehmend, diesbezüglich, gegebenenfalls, Gegebenheiten, gewähren, Größenordnung, hiermit, hinsichtlich, im Rahmen von, eine Maßnahme ergreifen, oben genannt, schnellstmöglich, teilen wir Ihnen mit, umgehend, unter Bezug auf, verfügbar, verfügen über, verbleiben, zu unserer Entlastung, zwecks.

Sie wissen auch, dass Substantive mit der Endung -ung bürokratendeutsch sind, wie Abwicklung, Arbeitsbedingungen, Ausübung, in Bewegung setzen, Bestätigung geben, eine Bestrafung durchführen, Erzeugung, Gewährung, Verpflichtung, zur Verfügung stehen/stellen, oder der scheußliche Satz In Erwartung ihrer Großmutter hatte Pia die Hoffnung, dass diese für die Opferung der kostbaren Zeit eine Belohnung mitbringen würde. Und Sie wissen, dass die beliebten Wendungen beinhalten, vergegenwärtigen, versorgen mit … und Ebene (auf allen Ebenen) in die Mottenkiste gehören – alles Wendungen, bei denen wir innerlich zusammenzucken.

Wie oft müssen wir zwischenzeitlich statt inzwischen lesen, in Augenschein nehmen statt anschauen, in Angriff nehmen statt beginnen; da wird von der weitgehenden (wenn nicht gar weitestgehenden) Klärung, dem strittigen Punkt, von zum Tragen kommen gesprochen.

Ich möchte Ihnen mit meinem Eintrag hier keine Hilfestellung leisten, sondern helfen, und ich stimme Ihnen vollinhaltlich zu, sollten Sie beschließen, diese verstaubten Wörter in Zukunft wegzulassen (und über vollinhaltlich gestolpert sind).

Beamte lieben aber auch Infinitivkonstruktionen mit ist … zu oder hat … zu: Die Zahlung hat am 1. eines Monats zu geschehen, der Termin ist pünktlich einzuhalten. Sie schlagen damit einen Oberlehrer- oder Kommandoton ein, den sie tunlichst – was hat das Wort tunlichst hier zu suchen? – streichen sollten. Ich streiche es also auch und schreibe: den Sie nicht anschlagen dürfen.

Fortsetzung hier

Freitag, 24. April 2009

Über Zwanzig-Dollar-Wörter


Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge. (SCHOPENHAUER)

»Widerstehe der Versuchung, ein 20-Dollar-Wort zu benutzen, wenn du ein 10-Cent-Stück zur Hand hast, das den gleichen Zweck erfüllt«, raten STRUNK und WHITE in The Elements of Style. Wählen Sie also schlichte Wörter, denn funkelnde sind aufdringlich und stören. Vermeiden Sie allen Zierrat, alle Schnörkel, Glitzer, Verspieltheit und Selbstverliebtheit. »Sprache ist eine Waffe, haltet sie scharf«, schreibt TUCHOLSKY. Damit meint er nicht etwa das Gefecht mit der spitzen Feder gegen Unrecht, sondern das Bewusstsein des Erzählers für Sprache.

Doch was ist Zierrat? Das sind Fremdwörter, die zeigen sollen, wie weltgewandt, wie klug der Autor ist; Wörter, die einer höheren Sprachschicht angehören; Wörter, die einen Text trivial machen wie wohlklingende, aber nichtssagende Adjektive. Das ist eine Sprache, von der Walter BENJAMIN sagt, dass es eine Schreibtradition gibt, »die sich am Wort berauscht, das bedeutet, den Umgang mit Worten zu einer Art Stil des schönen und faszinierenden Schreibens macht, der sich von seinen Inhalten zu lösen droht«. So wie manch Eiskunstläufer glitzernde Kostüme wählen, um vom Mittelmaß abzulenken, sollen glitzernde Wörter, von Rüschen ganz zu schweigen, von mittelmäßigen Texten ablenken. – Wobei einzelne Pailletten, einzelne »glitzernde Wörtchen« (LICHTENBERG), erst den Stoff zum Funkeln bringen.

LESSING schrieb am 30. Dezember 1743 an seine Schwester Dorothea: »Schreibe wie Du redest, so schreibst du schön«, und GOETHE rund zwanzig Jahre später, am 7. Dezember 1765, an seine Schwester Cornelia: »Merke dies: Schreibe nur, wie du reden würdest, und so wirst du einen guten Brief schreiben.« (Und änderte so manche ungewöhnlichen Wörter und Wendungen in ihren Briefen.)

»Von Staub bist du gekommen, und zu Staub sollst du werden«, lesen wir in der Bibel, und BÜCHNER schreibt: »Friede den Hütten – Krieg den Palästen.« Einfacher kann man das nicht ausdrücken.

Wählen Sie im Zweifelsfall das weniger bedeutende Wort.

Samstag, 4. April 2009

Aristoteles' Schreibtipps

Die vollkommene sprachliche Form ist klar und zugleich nicht banal. Die sprachliche Form ist am klarsten, wenn sie aus lauter üblichen Wörtern besteht … Die sprachliche Form ist erhaben und vermeidet das Gewöhnliche, wenn sie fremdartige Ausdrücke verwendet. Als fremdartig bezeichne ich die Glosse*, die Metapher, die Erweiterung und überhaupt alles, was nicht üblicher Ausdruck ist. Doch wenn jemand nur derartige Wörter verwenden wollte, dann wäre das Ergebnis entweder ein Rätsel oder ein Barbarismus: wenn das Erzeugnis aus Metaphern besteht, ein Rätsel, wenn es aus Glossen besteht, ein Barbarismus. Denn das Wesen des Rätsels besteht darin, unvereinbare Wörter miteinander zu verknüpfen und hiermit gleichwohl etwas wirklich Vorhandenes zu bezeichnen. Dies läßt sich nicht erreichen, wenn man andere Arten von Wörtern zusammenfügt, wohl aber, wenn es Metaphern sind, z. B. »Ich sah einen Mann, der mit Feuer Erz auf einen Mann klebte« und dergleichen mehr. Aus Glossen ergibt sich der Barbarismus. Man muß also die verschiedenen Arten irgendwie mischen. Denn die eine Gruppe bewirkt das Ungewöhnliche und Nicht-Banale, nämlich die Glosse, die Metapher, das Schmuckwort und alle übrigen genannten Arten; der übliche Ausdruck hingegen bewirkt Klarheit. Durchaus nicht wenig tragen sowohl zur Klarheit als auch zur Ungewöhnlichkeit der sprachlichen Form die Erweiterungen und Verkürzungen und Abwandlungen der Wörter bei. Denn dadurch, daß sie anders beschaffen sind als der übliche Ausdruck und vom Gewohnten abweichen, bewirken sie das Ungewöhnliche, dadurch aber, daß sie dem Gewohnten nahestehen, die Klarheit. Daher haben diejenigen unrecht, die eine solche Ausdrucksweise verwerfen und sich über den Dichter lustig machen, wie es der ältere Eukleides getan hat. Der behauptete nämlich, es sei leicht zu dichten, wenn es erlaubt sei, die Worte nach Belieben zu erweitern, und er parodierte den Dichter in eben diesem Sprachgebrauch … Derlei Erweiterungen derart auffällig zu gebrauchen, ist lächerlich; hierbei maßvoll zu verfahren, ist die Regel, die für alle diese Wortarten gemeinsam gilt. Denn wenn man Metaphern und Glossen und die übrigen Arten unpassend verwendet, dann erreicht man dieselbe Wirkung, wie wenn man sie eigens zu dem Zweck verwendet, Gelächter hervorzurufen.

*Glosse bedeutete in der Antike „fremdartiges Wort“

Aristoteles: Poetik

Mehr zu Metaphern siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/Metaphern