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Sonntag, 25. November 2012

Elizabeth George über das Schreibenlernen und das Schreibhandwerk

Ich finde es jedes Mal faszinierend und irritierend zugleich, jemandem zu begegnen, der der Ansicht ist, dass man Schreiben nicht lernen kann. Ehrlich gesagt, ich verstehe diese Auffassung nicht.

Ich glaube seit langem, dass der Schreibprozess aus zwei unterschiedlichen, aber gleich wichtigen Hälften besteht: Die eine hat etwas mit Kunst zu tun, die andere mit handwerklichem Können. Zweifellos kann man Kunst nicht lehren. Niemand kann einem anderen Menschen die Seele eines Künstlers verleihen, die Sensibilität eines Schriftstellers oder den leidenschaftlichen Drang, Worte zu Papier zu bringen, der die Gabe und der Fluch derjenigen ist, die Lyrik und Prosa verfassen, Doch es ist lächerlich und kurzsichtig zu glauben, dass man die Grundzüge der Erzählkunst nicht lehren kann.

Diese Annahme kommt der Überzeugung nahe, dass kein künstlerisches Medium gelehrt werden kann. Das hieße aber auch, dass kein künstlerischer Beruf über Werkzeuge und Techniken verfügt, die ein Anfänger lernt und dann verfeinert, bevor er den Sprung vom Handwerk in die Kunst wagt. Auf der anderen Seite würden diejenigen, die behaupten, dass Schreiben nicht erlernbar ist, vermutlich sofort einräumen, dass jemand die Grundlagen der Bildhauerkunst, der Öl- und Aquarellmalerei, der Komposition usw. sorgfältig studieren muss, bevor er sich als Meister auf einem dieser Gebiete bezeichnen kann. Dieselben Leute gehen wohl auch davon aus, dass alle, von Michelangelo bis zu Johann Sebastian Bach, ein wenig Unterricht in dem Bereich hatten, in dem sie sich auszeichneten.

Und das trifft, klipp und klar gesagt, auch für das Schreiben zu. Dennoch neigt man dazu, diese Logik über Bord zu werfen, wenn es um den Roman, das Gedicht oder die Kurzgeschichte geht. So habe ich auf den Reisen, die ich in den vergangenen fünfzehn Jahren um meiner Bücher willen unternommen habe, Länder kennen gelernt, wo die Menschen ernsthaft glauben, dass Schreiben ein geheimnisvoller Vorgang ist, den man entweder intuitiv erfasst oder gar nicht.

In den Vereinigten Staaten haben wir es besser. Es gehört seit langem zu unserer Tradition, dass Schriftsteller ihr handwerkliches Können an die Neulinge ihrer Zunft weitergeben. Aus diesem Grund bleiben der Roman, das Gedicht und die Kurzgeschichte wichtige Bestandteile unserer lebendigen literarischen Tradition Schreiben ist in Amerika keine aussterbende Kunstform, weil die meisten der hier veröffentlichten Schriftsteller klug genug sind zu begreifen, dass sie die Talente, die in ihre Fußstapfen treten, fördern müssen. Saul Bellow, Philip Roth, Toni Morrison. Maya Angelou, Joyce Carol Oates, John Irving, Wallace Stegner, Michael Dorris, Ron Carlson. Thomas Kenneally, Oakley Hall – sie alle waren auch einmal Lehrer oder sind es immer noch. Ihre Anwesenheit im Klassenzimmer entmystifiziert den Prozess des Schreibens. Sie vemitteln, was sie wissen, und tragen zur Stärkung und Verbesserung unseres Handwerks bei.

(…)

Natürlich wird niemand allein durch das Handwerk zu einem Shakespeare, William Faulkner oder einer Jane Austen. Aber es kann eine entscheidende Hilfe sein oder, bildlich gesprochen, die Erde, in die ein angehender Schriftsteller den Samen seiner Idee pflanzen kann, damit er wächst und zu einer Geschichte erblüht.

(…) [I]ch glaube, dass handwerkliches Können für die meisten Schriftsteller ausschlaggebend ist. Eine gründliche Kenntnis der Techniken und Werkzeuge unseres Gewerbes kann uns aus mancherlei Schwierigkeiten heraushelfen. Ohne diese Kenntnis sind wir auf Gedeih und Verderb einer Muse ausgeliefert, die sich genau in dem Augenblick launisch zeigen kann, wo wir auf ihre Beständigkeit angewiesen sind. Handwerkliches Können wird nicht jedes Problem lösen, dem ein Schriftsteller begegnet, wenn er ein Kunstwerk schafft. Aber es wird helfen, eine Reihe von Hürden zu überwinden. denen er ohne Schulung nur schwer gewachsen ist.

(…) Ich kann nur erzählen, was ich für richtig halte, was ich tue und was dabei herauskommt. Kurz und gut, ich kann nur mein Vorgehen beim Schreiben offen legen und dazu ermutigen, eine eigene Vorgehensweise zu entwickeln.

Doch damit wir uns nicht falsch erstehen: Das Entwickeln einer solchen Vorgehensweise bedeutet, das Handwerk zu erlernen, weil eben dieser Vorgang dem handwerklichen Können entspringt.

Was die Kunst des Schreibens betrifft, sie ist und bleibt ein Geheimnis. Sie verdankt sich einer momentanen Inspiration und dem erregenden Gefühl, sich von einer Idee mitreißen zu lassen.

Die Kunst fängt an, wenn man mit dem Handwerk vertraut geworden ist. (Hervorhebung jmw)

Elizabeth George

(Vorwort zu Wort für Wort oder Die Kunst, ein gutes Buch zu schreiben. Goldmann EBooks 2011)

Montag, 12. November 2012

Konstantin Paustowski über das Schreiben

„Jeder Augenblick, jedes beiläufig hingeworfene Wort, jeder Blick, jeder tiefe oder nur als Scherz gemeinte Gedanke, jede unmerkliche Regung des menschlichen Herzens ebenso wie der fliegende Flaum der Pappeln oder das Blinken der Sterne in einer Pfütze bei Nacht – alles das sind kleine Körnchen Goldstaub.

Wir Schriftsteller gewinnen sie im Laufe von Jahrzehnten, diese Millionen kleiner Körnchen, wir sammeln sie, ohne es selbst zu merken, verwandeln sie in eine Legierung und schmieden dann aus diesen Legierung unsere ‚Goldene Rose’ – eine Erzählung, einen Roman oder eine Dichtung.“

Konstantin Paustowski

(In Die Goldene Rose. Gedanken über die Arbeit des Schriftstellers. Dietz o. J., S. 25)

Montag, 2. Juli 2012

William Faulkners Formel für einen guten Schriftsteller

"Neunundneunzig Prozent Talent. Neunundneunzig Prozent Disziplin. Neunundneunzig Prozent Arbeit. Nie darf man sich zufriedengeben mit dem, was man erreicht hat. Keine Arbeit ist so gut, wie sie sein könnte. Der Schriftsteller muß seinen Traum stets ein wenig höher stellen, als er greifen kann. Es genügt nicht, nur seine Zeitgenossen oder Vorbilder übertreffen zu wollen! Man muß sich selbst übertreffen wollen. Der Künstler wird von Dämonen Er weiß nicht, warum sie sich gerade ihn zum Opfer erkoren haben, und er hat auch keine Zeit, sich mit unbeantwortbaren Fragen herumzuschlagen. Er ist völlig amoralisch; er ist jederzeit fähig, zum Räuber, Bettler oder Dieb zu werden, falls ihn das vorwärtsbrächte, einen Schritt näher heran an die Vollendung seines Werkes." (Übersetzung Neue deutsche Hefte, S. 605 f.)

"Ninety-nine percent talent …. ninety-nine percent discipline … ninety-nine percent work. He must never be satisfied with what he does. It never is as good as it can be done. Always dream and shoot higher than you know you can do. Don’t bother just to be better than your contemporaries or predecessors. Try to be better than yourself. An artist is a creature driven by demons. He don’t know why they choose him and he's usually too busy to wonder why. He is completely amoral in that he will rob, borrow, beg, or steal from anybody and everybody to get the work done."

William Faulkner, The Art of Fiction No. 12. Interview mit the Paris Review 1956 http://www.theparisreview.org/interviews/4954/the-art-of-fiction-no-12-william-faulkner

Freitag, 27. Januar 2012

Zitate des Tages (und ein Lesebefehl) über geistesgestörte Autoren und das Schreiben von fremden Welten

Ich bin überzeugt, daß die große Mehrheit der Leute, die Bücher oder anderes Material an die Lizenzfirmen schicken, geistig normal und kompetent sind. Aber mit allem gebührenden Respekt vor dieser Mehrheit habe ich den starken Verdacht, daß aus verschiedenen Gründen der Anteil geistesgestörter Autoren bei eingesandten Romanen zu einer Serie höher ist als bei normalen Büchern. Manche Menschen entwickeln eine Obsession für ihre Lieblingsfigur aus einem Film. Andererseits – und um fair zu sein – muß man sagen, daß der Anteil geistesgestörter Autoren im gesamten Verlagswesen recht hoch ist.

Roger MacBride Allen

Dieser Ausschnitt stammt aus MacBride Allens sehr lesenswerten Essay (deshalb der Lesebefehl) Warum es für Anfänger nahezu unmöglich ist, Romane zu einer Medienserie zu veröffentlichen, wo er auch ausgiebig auf das unverlangte Einsenden von Manuskripten an Verlage eingeht und das Schreiben von Romanen in einem anderen Universum.

Dienstag, 15. November 2011

W. Somerset Maugham über das Recht der Autoren

Ein Autor hat das Recht, nach seinen besten Werken beurteilt zu werden. Kein Autor ist vollkommen. Man muß seine Schwächen akzeptieren, sie sind oft die notwendige Ergänzung seiner Stärken, und man kann dankbar sagen, daß die Nachwelt dazu durchaus bereit ist. Sie nimmt das Gute an einem Schriftsteller und stört sich nicht an den schlechten Seiten. Zur Irritation ehrlicher Leser geht sie manchmal so weit, offensichtlichen Mängeln eine besondere Bedeutung zuzuschreiben. So kann es passieren, daß Kritiker (die ehrfurchtgebietende Stimme der Nachwelt) mit subtilen Argumenten begründen, weshalb etwas Bestimmtes in einem Shakespeare-Stück lobenswert sei, während jeder Dramatiker ihnen sagen könnte, daß dies einzig auf Hast, Unaufmerksamkeit oder Vorsatz zurückzuführen sei.

W. Somerset Maugham, Vorwort von Gesammelte Erzählungen 1+2

Samstag, 24. September 2011

Schopenhauer über dreierlei Autoren

Wiederum kann man sagen, es gebe dreierlei Autoren: erstlich solche, welche schreiben, ohne zu denken. Sie schreiben aus dem Gedächtniß, aus Reminiscenzen, oder gar unmittelbar aus fremden Büchern. Diese Klasse ist die zahlreichste. – Zweitens solche, die während des Schreibens denken. Sie denken, um zu schreiben. Sind sehr häufig. – Drittens solche, die gedacht haben, ehe sie ans Schreiben gingen. Sie schreiben bloß, weil sie gedacht haben. Sind selten.

Jener Schriftsteller der zweiten Art, der das Denken bis zum Schreiben aufschiebt, ist dem Jäger zu vergleichen, der aufs Gerathewohl ausgeht: er wird schwerlich sehr viel nach Hause bringen. Hingegen wird das Schreiben des Schriftstellers der dritten, seltenen Art, einer Treibjagd gleichen, als zu welcher das Wild zum voraus eingefangen und eingepfercht worden, um nachher haufenweise aus solchem Behältnisse herauszuströmen in einen andern ebenfalls umzäunten Raum, wo es dem Jäger nicht entgehn kann; so daß er jetzt es bloß mit dem Zielen und Schießen (der Darstellung) zu tun hat. Dies ist die Jagd, welche etwas abwirft. –

Sogar nun aber unter der kleinen Anzahl von Schriftstellern, die wirklich, ernstlich und zum voraus denken, sind wieder nur äußerst wenige, welche über die Dinge selbst denken: die übrigen denken bloß über Bücher, über das von Andern Gesagte. Sie bedürfen nämlich, um zu denken, der nähern und stärkern Anregung durch fremde, gegebene Gedanken. Diese werden nun ihr nächstes Thema; daher sie stets unter dem Einflusse derselben bleiben, folglich nie eigentliche Originalität erlangen. Jene ersteren hingegen werden durch die Dinge selbst zum Denken angeregt; daher ihr Denken unmittelbar auf diese gerichtet ist. Unter ihnen allein sind Die zu finden, welche bleiben und unsterblich werden. – Es versteht sich, daß hier von hohen Fächern die Rede ist, nicht von Schriftstellern über das Branntweinbrennen.

Nur wer bei Dem, was er schreibt, den Stoff unmittelbar aus seinem eigenen Kopfe nimmt, ist werth, daß man ihn lese. Aber Büchermacher, Kompendienschreiber, gewöhnliche Historiker u. a. m. nehmen den Stoff unmittelbar aus Büchern: aus diesen geht er in die Finger, ohne im Kopf auch nur Transitozoll und Visitation, geschweige Bearbeitung erlitten zu haben. (Wie gelehrt wäre nicht Mancher, wenn er alles Das wüßte, was in seinen eigenen Büchern steht!) Daher hat ihr Gerede oft so unbestimmten Sinn, daß man vergeblich sich den Kopf zerbricht, herauszubringen, was sie denn am Ende denken. Sie denken eben gar nicht. Das Buch, aus dem sie abschreiben, ist bisweilen ebenso verfaßt: also ist es mit dieser Schriftstellerei wie mit Gypsabdrücken von Abdrücken von Abdrücken u. s. f., wobei am Ende der Antinous zum kaum kenntlichen Umriß eines Gesichts wird. Daher soll man Kompilatoren möglichst selten lesen: denn es ganz zu vermeiden ist schwer; indem sogar die Kompendien, welche das im Laufe vieler Jahrhunderte zusammenbrachte Wissen im engen Raum enthalten, zu dem Kompilationen gehören.

Arthur Schopenhauer, Über Schriftstellerei und Stil

(In Parerga und Paralipomena: kleine philosophische Schriften, Bd. 2. Hayn, 2. Aufl. 1862, S. 537f.)

Dienstag, 12. April 2011

Heinrich Heine übers Plagiat

Keiner hat wie Dumas ein Talent für das Dramatische. Das Theater ist sein wahrer Beruf. Er ist ein geborener Bühnendichter, und von Rechts wegen gehören ihm alle dramatischen Stoffe, er finde sie in der Natur oder in Schiller, Shakespeare und Calderon. Er entlockt ihnen neue Effekte, er schmilzt die alten Münzen um, damit sie wieder eine freudige Tagesgeltung gewinnen, und wir sollten ihm sogar danken für seine Diebstähle an der Vergangenheit, denn er bereichert damit die Gegenwart. Eine ungerechte Kritik, ein unter betrübsamen Umständen ans Licht getretener Aufsatz im »Journal des débats«, hat unserem armen Dichter bei der großen unwissenden Menge sehr stark geschadet, indem vielen Szenen seiner Stücke die frappantesten Parallelstellen in ausländischen Tragödien nachgewiesen wurden. Aber nichts ist törichter als dieser Vorwurf des Plagiats, es gibt in der Kunst kein sechstes Gebot, der Dichter darf überall zugreifen, wo er Material zu seinen Werken findet, und selbst ganze Säulen mit ausgemeißelten Kapitälern darf er sich zueignen, wenn nur der Tempel herrlich ist, den er damit stützt. Dieses hat Goethe sehr gut verstanden, und vor ihm sogar Shakespeare. Nichts ist törichter als das Begehrnis, ein Dichter solle alle seine Stoffe aus sich selber heraus schaffen; das sei Originalität. Ich erinnere mich einer Fabel, wo die Spinne mit der Biene spricht und ihr vorwirft, daß sie aus tausend Blumen das Material sammle, wovon sie ihren Wachsbau und den Honig darin bereite: »Ich aber«, setzt sie triumphierend hinzu, »ich ziehe mein ganzes Kunstgewebe in Originalfäden aus mir selber hervor.«

Heinrich Heine

(In Heinrich Heine: Über die französische Bühne. Sechster Brief. Elibron Classics 2006, S. 54)

Mittwoch, 18. Februar 2009

Aus Schriftstellers Schreibstübchen

"Unter den paar tausend Zeilen, die ich Dir gebe, könnte ich vielleicht noch zehn duldsam anhören, die Posaunenstöße im vorigen Brief waren nicht nötig, statt der Offenbarung kommt Kindergekritzel … Der größte Teil ist mir widerlich, das sage ich offen (zum Beispiel „Der Morgen“ und anderes), es ist mir unmöglich, das ganz zu lesen, und ich bin zufrieden, wenn Du Stichproben verträgst. Du mußt aber daran denken, daß ich in einer Zeit anfing, in der man „Werke schuf“, wenn man Schwulst schrieb; es gibt keine schlimmere Zeit zum Anfang. Und ich war so vertollt in die großen Worte. Unter den Papieren ist ein Blatt, auf dem ungewöhnliche und besonders feierliche Namen aus dem Kalender ausgesucht stehn. Ich brauchte nämlich zwei Namen für einen Roman und wählte endlich die unterstrichenen: Johannes und Beate (Renate war mir schon weggeschnappt wegen ihres dicken Glorienscheins. Das ist doch fast lustig)."

(Aus dem Begleitschreiben zu einigen älteren Arbeiten, die Kafka im Herbst 1903 seinem Schulfreund Oskar Pollak schickte; siehe auch http://tinyurl.com/dcx7ok)

Montag, 25. August 2008

Schreiben – was bedeutet das? I

Schreiben ist eine Arbeit so hart wie Holzhacken. (SIMMEL)

Holzhacken ist deshalb so beliebt, weil man bei dieser Tätigkeit den Erfolg sofort sieht. (Albert EINSTEIN)

Ein Buch zu schreiben ist wie ein Boot zu rudern. Wenn man erst einmal auf hoher
See ist, merkt man, dass man ein Galeerensklave ist
und einfach weiter rudern muss.
(unbekannt)
Das Schreiben zählt zu den großen Leistungen des menschlichen Geistes, in denen sich seine Freiheit ausdrückt. Es läßt der Individualität Raum. Es ist eine Quelle der Freude, ein Weg, auf dem es vieles zu entdecken gibt. Wer sein eigenes Leben schreibend verfolgt, vertrauensvoll und gelassen, empfindet die Welt immer als einladend und rätselhaft, als unermeßliche Sphäre, die lebendige Realität und Unberechenbarkeit des Traums miteinander vereint. Durch das Hin-und-her-Wechseln zwischen Erlebnis und Gedanke gelangt der Schreibende über Raum und Zeit hinaus. Ihm gehört das ganze unerforschte Reich der menschlichen Vorstellungskraft (William STAFFORD).
Schreiben bedeutet auch, Leben in Geschichten zu verwandeln und Geschichten mit Leben zu füllen.

Schreiben bedeutet Ausdauer

Schriftsteller arbeiten immer, sie hören niemals auf. (Edna O’BRIEN)

Karl KRAUS beschreibt den »Werdegang des Schreibenden«: »Im Anfang ist man’s ungewohnt und es geht darum wie geschmiert. Aber dann wird’s schwerer und immer schwerer, und wenn man erst in die Übung kommt, dann wird man mit manch einem Satz nicht fertig.«

Schreiben zählt nicht nach Minuten, Stunden oder Tagen. Meist hat der Schriftsteller an dem, was Sie in zehn Minuten lesen, zehn Stunden oder zehn Tage gearbeitet, denn zum Schreiben gehören auch das Recherchieren und vor allem das Feilen. Manche Autoren sind froh, wenn sie an einem Tag wenigstens eine Seite zustande bringen. LOWRY zum Beispiel hat für seinen Roman Unter dem Vulkan zwölf Jahre benötigt. Für Christoph PETERS besteht »Literatur – so banal das klingt – nicht aus Ideen oder Konzepten, sondern aus Sätzen. Und wenn jeden Tag drei Sätze gelingen, sind das bei 365 Jahrestagen schon 1095.«

In einem Interview mit dem Tagesspiegel antwortete Martin WALSER auf die Frage, wie viele Seiten er am Tag schreibe: „Das können wir ja mal ausrechnen. Nehmen wir die gedruckten Seiten vom »Lebenslauf der Liebe«, etwas über 500. Mehr als 600 Tage habe ich geschrieben, dann komme ich nicht auf eine Seite pro Tag.«

Oft ist der Text abends sogar kürzer als morgens, weil der Autor so viel gestrichen hat. So beklagt sich KAFKA in einem Brief an Max Brod:
Daß ich so viel weggelegt und weggestrichen habe, ja fast alles, was ich in diesem Jahre überhaupt geschrieben habe, das hindert mich jedenfalls auch sehr am Schreiben. Es ist ja ein Berg, es ist fünfmal so viel als ich überhaupt je geschrieben habe, und schon durch seine Masse zieht es alles, was ich schreibe, mir unter der Feder weg zu sich hin.«
So wie der Chemiker, ohne auf die Uhr zu schauen, konzentriert im Labor arbeitet, der Paläontologe, ohne auf die Zeit zu achten, in der Wüste Gobi nach Dinosaurierknochen sucht, der Bergsteiger den K2 besteigt, arbeitet der Autor konzentriert an seinem Text.

Schreiben heißt Geduld

Außer Phantasie, Begeisterung(!), Schreibgerät, Papier, benötigen Sie zum Schreiben vor allem Geduld und Hartnäckigkeit. Denn schreiben heißt auch warten, warten auf Einfälle, auf den passenden Satz, das einzig richtige Wort an einer bestimmten Stelle.

Ich kann Ihnen keine Wunder versprechen, Ihr Weg wird lang und einsam werden (frei nach Jacqueline KENNEDY), zu oft werden Sie verzagen und den Federhalter beiseite legen (oder den Laptop ausschalten) und nie wieder ein einziges Wort schreiben wollen. Doch geben Sie nicht auf! Denken Sie daran: Sie sind in guter Gesellschaft. Viele namhafte Schriftsteller haben wieder und wieder gezweifelt und waren wieder und wieder verzweifelt, weil ihnen nichts einfiel, weil das, was ihnen einfiel, ihnen nicht gefiel, weil das, was ihnen gefiel, anderen, einem Lektor zum Beispiel, nicht. Und sie haben doch weiter geschrieben, so wie SARTRE, der sich in einem Brief an Simone DE BEAUVOIR beklagt:
Es gibt ausgezeichnete Sachen im Stillen Don, allerdings ist er nicht so gut wie Neuland unterm Pflug. Gut genug jedoch, um mich zu beschämen: ich habe heute morgen dreißig Seiten über ein Damenorchester zerrissen und weggeworfen, dann habe ich die Hoffnung aufgegeben, je mein Handwerk zu beherrschen, dann habe ich die Frage klugerweise auf später verschoben. Ich werde morgen von vorn anfangen.
Für VALÉRY entsteht Gelungenes »durch Verwandlung aus Verfehltem. Verfehlt heißt demnach: zu früh aufgegeben«.

Schreiben bedeutet kein Hundertmetersprint, sondern die Tour de France: durchhalten, auch wenn jedes Glied schmerzt, sich immer wieder neu motivieren und dem Ziel – das eigene Buch – alles andere unterordnen. Oder, um mit Walter GOODEFROOT, dem Teamchef des ehemligen Radsport-Teams Telekom, zu sprechen: Stürzen, aufstehen, siegen.

Freitag, 27. Juni 2008

Über den Brotberuf


… ich stürze aus meinen idealistischen Welten, sobald mich ein zerrissener Strumpf an die wirkliche gemahnt. (SCHILLER)

Natürlich wollen Sie mit dem Schreiben Geld verdienen, aber geben Sie nicht auf, wenn das, was Sie mit dem Schreiben verdienen, nicht zum Leben reicht (anfangs reicht es mit Sicherheit nicht). Sie sind in illustrer Gesellschaft: Viele bekannte Schriftsteller waren Gelegenheitsschriftsteller. SCHNITZLER, BENN und DÖBLIN arbeiteten als Ärzte, FRISCH verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Architekt, REMARQUE als Lehrer, der Meistersänger Hans SACHS als Schuhmacher; nicht zu vergessen GOETHE, der im öffentlichen Dienst beschäftigt war.

Der Kaufmann Ludwig REINERS, bekannt durch seine Deutsche Stilkunst. Ein Lehrbuch deutscher Prosa, die für mich immer noch die beste deutsche Stilkunde ist und mein Lieblingsbuch Der Ewige BrunnenEin Hausbuch deutscher Dichtung, bezeichnete sich als Sonntagsschriftsteller. Zu seinem sechzigsten Geburtstag gratulierte ihm ein Freund mit den Worten, er sei der bedeutendste Schriftsteller unter den Textilfabrikanten und der bedeutendste Textilfabrikant unter den Schriftstellern.

HEMINGWAY war wie FONTANE und GRILLPARZER Journalist, bis er »dieses verdammte Zeitungszeug bringt mich noch um« seufzte. Er vertraute seinem Talent und kündigte, unterstützt von Gertrude STEIN, seinen Job. Oft streifte er hungrig durch Paris, weil wieder einmal eine Geschichte abgelehnt worden war, und beneidete die Leute, die »im Freien an den Tischen auf dem Bürgersteig aßen, so daß man das Essen sah und roch«. Doch dann beschimpfte er sich: »Du verfluchter Meckerer, du hast aus eigenem Antrieb den Journalismus aufgesteckt.« KÄSTNER wurde aus seiner ersten Arbeitsstelle als Redakteur entlassen, weil er zu frivole Liebesgedichte schrieb.

Obwohl er als der erste freie Schriftsteller gilt, war LESSING auf sein Gehalt als Bibliothekar in Wolfenbüttel in Höhe von rund achthundert Reichstalern angewiesen. Und kein Geheimnis ist, dass heute manche Schriftsteller – hauptsächlich Kinder- und Jugendbuchautoren, die mit ihren Büchern meist wenig verdienen – vom Schreiben mehr oder weniger anstößiger Heftchen leben.

Auch SCHILLER musste sich um finanzielles Zubrot bemühen, denn er »schrieb mit den Schulden um die Wette« (KASAREK). Er hoffte, dass Veröffentlichungen zum Thema Geschichte sich eher verkaufen ließen als schöngeistige Literatur. In einem Brief an KÖRNER spricht er deshalb von ökonomischer Schriftstellerei:
Die Geschichte ist ein Feld, wo alle meine Kräfte ins Spiel kommen und wo ich doch nicht immer aus mir selbst schöpfen muß. Bedenke dies, so wirst du mir zugeben müssen, daß kein Fach so gut dazu taugt, meine ökonomische Schriftstellerei darauf zu gründen sowie auch eine gewisse Art von Reputation; denn es gibt auch einen ökonomischen Ruhm.
HEBBEL, der in seiner Jugend Laufbursche war (unter anderem bei einem Pfarrer, in dessen Bibliothek er die Bücher fand, aus denen er lernen konnte), veröffentlichte Gedichte in Modezeitschriften und gewann Förderer – Sponsoren, würden wir heute sagen –, die ihn finanziell unterstützten.

Vor allem nach dem Erfolg seiner Chronik der Sperlingsgasse kannte RAABE allerdings seinen Marktwert, er wusste aber auch, wie abhängig er vom Buchmarkt war. Er konnte vom Schreiben leben, weil er seinen Tagesablauf danach ausrichtete, doch dann und wann musste er seine Arbeit an einem Roman unterbrechen und schnell eine Erzählung produzieren, weil er Geld verdienen musste. Er verfasste sogar Kurzgeschichten – Fabrikware, wie er es nannte – auf Vorrat, damit er stets etwas für eine Veröffentlichung parat hatte. Am 24. Juli 1863 schrieb er an den Redakteur beim Westermann-Verlag, Adolf GLASER: »Wenn Du Dich objektiv auf Deinen Standpunkt als Schriftsteller stellst und den Westermann’schen Redacteur bei Seite läßt, wirst Du mir Recht geben, daß ich mit demselben Recht so schnell und sicher meine Arbeitskraft zu verwerten suche wie Herr G. Westermann sein Kapital.»

Urs JAEGGI schreibt, ein Romanschriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts müsse, »um den Lebensstandard eines hochspezialisierten Maschinensetzers zu erreichen, alle achtzehn Monate ein Werk mit Verkaufsziffern zwischen 8.000 und 10.000 Exemplaren veröffentlichen – ein in Deutschland seltener Fall.«

Gisela ULLRICH sprach 1989 schon von Scheinselbständigkeit:
Der von Auftraggebern und finanziellen Unterstützungen abhängige und sozial ungesicherte Schriftsteller (er erhält keine Kranken-, Renten- oder Arbeitslosenversicherung, keinen bezahlten Urlaub, kein Weihnachtsgeld) wurde neu definiert als arbeitnehmerähnlicher Urheber von Wortbeiträgen.
Martin WALSER sagt, dass er viel verdienen muss,
weil ich so lange daran gearbeitet habe (am Lebenslauf der Liebe – jmw). Wenn der Roman weniger als 100 000 Exemplare verkauft, zahle ich darauf. Das Fliehende Pferd habe ich in Nullkommanichts hingeschrieben, das hätte sich sogar mit weniger als 100 000 gelohnt. … Es ist zwar indezent von mir, wenn ich sage, dass ich von diesem Roman das auch erwarte. Aber ich sage es. Es stecken fast drei Jahre Schreiben und 15 Jahre Vorarbeiten drin.
Der Dichter und Jurist EICHENDORFF rechtfertigt jedoch das »bürgerliche Korsett«:
Auch ich habe während meines langen Amtslebens beständig gegen diese Anfechtungen zu kämpfen gehabt. Aber es schadet eher nichts. Die prosaischen Gegensätze befestigen und konzentrieren nur die Poesie und verwahren am besten vor der Poetischen Zerfahrenheit, der gewöhnlichen Krankheit der Dichter von Profession.
Auch Jean PAUL spricht sich dafür aus, dass der Schriftsteller einen Beruf zumindest ausgeübt haben sollte:
Die Dichter der Alten waren früher Geschäftsmänner und Krieger als Sänger; und besonders mußten sich die großen Epopöen-Dichter aller Zeiten mit dem Steuerruder in den Wellen des Lebens erst kräftig üben, ehe sie den Pinsel, der die Fahrt abzeichnet, in die Hände bekamen. So Camoes, Dante, Milton etc.; und nur Klopstock macht eine Ausnahme, aber fast mehr für als wider die Regel. Wie wurden nicht Shakespeare und noch mehr Cervantes vom Leben durchwühlt und gepflügt und gefurcht, bevor in beiden der Blumensame ihrer poetischen Flora durchbrach und aufwuchs! Die erste Dichterschule, worin Goethe geschickt wurde, war nach seiner Lebensbeschreibung aus Handwerkerstuben, Malerzimmern, Krönungssälen, Reicharchiven und aus ganz Meß-Frankfurt zusammengebauet. So bringt Novalis … uns in seinem Romane gerade dann eine gediegenste Gestalt zu Tage, wenn er uns den Bergmann aus Böhmen schildert, eben weil er selber einer gewesen.
Der Versicherungsbeamte und Jurist Franz KAFKA – und nicht nur er – wurde erst nach seinem Tod berühmt. Wer kennt nicht den Spruch: »Nur ein toter Dichter ist ein guter Dichter«, oder, wie Robert LEMBKE so schön sagt: »Anerkennung ist eine Pflanze, die vorwiegend auf Gräbern wächst.« – Das mag auch daran liegen, dass viele Schriftsteller zu der Zeit, in der sie lebten, nicht verstanden wurden.

Dienstag, 3. Oktober 2006

Was macht einen Schriftsteller zu einem Schriftsteller

Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt
Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.
GOETHE

Den Schriftsteller zeichnet außer der Sprachbegabung eine besondere Sensibilität und Leidensfähigkeit aus – auch wenn ihm das missfallen mag –, nur so ist Kreativität möglich. Dort, wo andere Menschen ächzen, trägt er die Last der Welt auf seinen Schultern, wo sie seufzen, schreit er sein Leid heraus, wo sie verstummen, weil sie keine Worte für das finden, was sie spüren, fängt er an zu sprechen. Für Heiner MÜLLER hört der Dichter statt süßer Töne die Schreie der Opfer, die der Lauf der Weltgeschichte verschlingt.

Schriftsteller sind, wie REICH-RANICKI schreibt, keine »besseren oder schlechteren Menschen, aber was den Schriftsteller von den anderen unterscheidet, ist wohl etwas, was Goethe mal sehr schön ausgedrückt hat: »Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz, alle Schmerzen, die unendlichen, alle Freuden, die unendlichen, ganz.« Ich hoffe, ich habe das einigermaßen richtig zitiert.* Die Lieblinge, das sind doch wohl die Künstler, das kann man nachlesen bei Goethe, daß er das Wort Liebling, Liebling der Götter, meist auf die Künstler angewendet hat. Die Schriftsteller sind also Menschen, die die Freuden und die Leiden stärker empfinden als andere Menschen, die die Phänomene ihrer Umwelt deutlicher, intensiver sehen. Das führt auch zur größeren Empfindlichkeit.«

Vor allem der Lyriker erlebt die Welt durch seine Gefühle, während die Romanautoren, so Hans-Jürgen HEISE, »sich stärker mit der Gesellschaft auseinandersetzen und sich selbst direkt oder indirekt als Figur im Spannungsfeld zwischenmenschlicher Beziehungen sehen, erfahren die Poeten vor allem die innere Vielfalt der Erscheinungen. Und in ihrer Art, der Dinge gewahr zu werden, ist noch etwas vom »wilden Denken« der Naturvölker enthalten.«

Das bedeutet aber auch, dass der Schriftsteller sich immer in einem Konflikt befindet: Einerseits muss er dem Alltag mit all seinen Forderungen gerecht werden, andererseits lebt er in seiner eigenen Welt, die ihm das fast unmöglich macht.

Der Schriftsteller findet für seine Empfindungen, für seine Sicht der Menschen und der Welt Worte, die dem Leser vermitteln, was er gefühlt oder gedacht hat. Er schreibt etwas Neues und Überraschendes – für den Leser und sich.
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*Leider nein. Richtig heißt es: Alles geben die Götter, die unendlichen, / Ihren Lieblingen ganz, / Alle Freuden, die unendlichen, / Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.