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Montag, 5. November 2012

Die Sprache wandelt sich


Wörter sind wie Lebewesen: Sie kennen Geburt und Tod, Jugend und Alter, Familie und Vorfahren.
(Duden-Newsletter; zitiert nach http://woerter.germanblogs.de/archive/2007/07/23/wie-kommt-ein-wort-in-den-duden.htm)

Jeden Tag erblicken neue Wörter (Neologismen, von gr. neos = neu, logos = Wort) das Licht der Welt. Doch nicht immer werden sie kampflos übernommen. Wörter wie belichten, Gepflogenheit, Jetztzeit, die heute selbstverständlich sind, waren im neunzehnten Jahrhundert heftig umstritten. Doch schließlich gewöhnte man sich an diese »anstößigen« Wörter – sie hörten auf, Neologismen zu sein.

Wandel der Bedeutung von Wörtern

Aber es ändert sich auch die Bedeutung von Wörtern. So schreibt Walter Porzig, dass sich
Aussprache, Wortschatz und Satzfügung bei den einzelnen Altersklassen einer Gemeinde und innerhalb derselben Familie bei Kindern und Erwachsenen verschiedener Altersstufen merkbar unterscheiden, ja, dass sie sich bei demselben Menschen im Laufe seines Lebens sehr allmählich aber dauernd ändern. Die Älteren unter uns können das an ihrer eigenen Sprache beobachten: ein Angeber war in meiner Jugend ein Denunziant, jetzt ist er ein Großtuer. Das heißt, daß die Bezeichnung Angeber für Denunziant außer Gebrauch gekommen ist und daß der Großtuer einen neuen Namen bekommen hat. Es handelt sich gar nicht um ein Wort, sondern um zwei Wörter Angeber, die nur zufällig gleich sind. Worauf es hier ankommt, ist, daß sich die Bezeichnung für die beiden Begriffe im Laufe eines Menschenalters völlig geändert hat. (Das Wunder der Sprache. Francke 1957, S. 301)
Brandschatzen bedeutet heute das Niederbrennen eines Anwesens, ursprünglich jedoch das Erpressen von Schutzgeld, damit es eben nicht niedergebrannt wird. Ein Geschäftsmann war zu Goethes Zeiten ein Staatsbeamter, Firma die Unterschrift eines Fürsten. Ekel stand für wählerisch und anspruchsvoll. Das Wort Dirne bezeichnete ein Mädchen und Weib eine Frau. Mit »Bin weder Fräulein, weder schön / Kann ungeleitet nach Hause gehn« aus Goethes Faust I begründet Gretchen, dass sie keine ledige Adlige sei, denn nur diese wurde damals als Fräulein bezeichnet.

Vogel hieß alles, was flog. In manchen Dialekten, vor allem in der Schweiz, werden Schmetterlinge heute noch Sommervögel genannt. Wilhelm Buschs »Jeder weiß, was so ein Mai- / Käfer für ein Vogel sei« in Max und Moritz ist also durchaus nicht komisch.

Veraltete Wörter (Archaismen; latinisiert vom altgriechischen archaios = alt, ehemalig)

»Jeder von uns«, so Hans Eggers,
könnte bemerken, daß seine eigene Sprache anders ist als die seiner Großeltern. Wir sagen er kommt, wo Großmutter vielleicht noch er kömmt sagt, und wenn wir heute wechselweise zu Haus und zu Hause sagen, bald eine neue, bald eine ältere Form verwendend, pflegt Großvater wohl noch regelmäßig das e des Dativs zu bewahren. Auffälliger noch als solche lautlichen Veränderungen sind die Wandlungen des Wort- und Ausdrucksschatzes. Manches Wort und manche Redewendung, die die Großeltern ständig im Munde führen, verstehen wir freilich, werden sie aber niemals selbst gebrauchen, und unser modisches genau für das schlichte ja, unser prima, unser mit achtzig Sachen und viele Ausdrücke unserer Tage werden sich die Alten unter uns nicht mehr angewöhnen. Und sprechen unsere Kinder und Enkel nicht wieder eine andere Sprache? Wir, die wir mitten im Leben stehen, werden uns nur schwer daran gewöhnen, die Sprößlinge als Teenager und Twens zu bezeichnen, und auch deren Ausdrücke für ein hübsches Mädchen, dufte Biene oder steiler Zahn, werden wir uns kaum noch zu eigen machen. (Deutsche Sprachgeschichte. Rowohlt 1986 , S. 10)
Wörter können aber auch wieder modern werden. Manche veraltete Wörter wie Hain, Fehde, Degen, Recke, Tafelrunde, hegen und küren wurden vor allem durch Schriftsteller neu belebt.

Alte und neue Wörter und die Weltliteratur

Viele heute alltägliche Wörter waren unseren Großeltern unbekannt (abgesehen von Schreibwerkstatt, Internet und Geldautomat), aber wussten Sie, dass es vor einhundertfünfzig Jahren noch nicht das Wort jubeln gab? Man jubilierte oder frohlockte. Hingegen sagen wir nicht mehr justament für ausgerechnet, zu diesem Behufe für zu diesem Zweck, Veloziped für Fahrrad, Comptoir für Büro, Droschke für Taxi, Elektrische für Straßenbahn oder Automobil, platterdings, Gendarm und Boudoir.

Dagegen wurden so aktuelle Wörter wie Nervosität, Unsicherheit, Gespaltenheit, schon vor zweihundert Jahren gebraucht, und Karl Kraus benutzte bereits das Wort ausgepowert: »Aber selbst wenn diese Journalistik nicht die Sprache ausgepowert hätte, gäbe es keinen Ausdruck, ihr moralisches Niveau zu bezeichnen.« (Fackel, H. 622, 1913, S. 201)

Johann Wolfgang von Goethe schrieb von der Anarchie, der Bundesregierung, vom ankiffen und von den Aktien. Berühmt ist er auch für die Prägung des Begriffs Weltliteratur. Erster Beleg ist der Tagebucheintrag vom 15.1. 1827: »An Schuchardt diktiert bezüglich auf französische und Welt-Literatur.« (Tagebücher. Cotta 1959, S. 368) Doch schon wenige Tage später, am 27. 1. 1827, schreibt er an Karl Streckfuss: »Ich bin überzeugt, daß eine Weltliteratur sich bilde«, und prophezeit: »Der Deutsche kann und soll hier am meisten wirken, er wird eine schöne Rolle bei diesem Zusammentreten zu spielen haben.« (Briefe, S. 215)

Der Begriff Weltliteratur wurde zwar erstmals von Christoph Martin Wieland um 1790 geprägt, doch dieser meinte damit die Literatur, die der homme du monde, der Weltmann, liest. Für Goethe hingegen ist Welt die Menschheit jenseits der nationalen Grenzen. Er versteht darunter die Literatur, die aus einem übernationalen Geist heraus geschaffen wurde, also die Kleinstaaterei auch in der Dichtung überwindet. (Und musste später erkennen, dass das auch ein Überschwemmtwerden mit trivialer fremdsprachiger Literatur bedeutet.) (Siehe dazu auch http://www.adglossar.de/Weltliteratur und Goethes Aufsatz über die Weltliteratur auf http://www.wissen-im-netz.info/literatur/goethe/aufsatz/07.htm)

Modewörter

Heute selten gebrauchte Wörter wandeln sich schnell zu Modewörtern, andererseits klingen Wörter, die früher als Modewörter bezeichnet wurden, heute wieder unverbraucht. Vor über hundert Jahren prangerte Gustav Wustmann in Allerhand Sprachdummheiten: Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen. Ein Hilfsbuch für alle, die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen Modewörter an, die heute noch lebendig sind, wie belanglos, Darbietung, Ehrung, einwandfrei, erheblich, erhellen, großzügig, jugendlich, Prozent/Prozentsatz (für Teil), schreiten, selbstlos, unerheblich, unerfindlich, unentwegt. – Ob sie einen Text verschönern, steht auf einem anderen Blatt und ist auch ein anderes Thema. –

Nicht nur Modewörter können neu belebt werden. Viele große Wörter sind mürbe geworden, weil viel zu oft benutzt und ihrer ursprünglichen Aussage beraubt. Was bedeuten heute noch Wohltäter, Demut oder Pflicht? »Man muß manchmal einen Ausdruck aus der Sprache herausziehen, ihn zum Reinigen geben, – und kann ihn dann wieder in den Verkehr einführen«, sagt Ludwig Wittgenstein in Vermischte Bemerkungen, S. 504. Wenn die Worte rekonstruiert sind und wieder in den Umlauf gebracht werden, würde ihnen wieder zu trauen sein.

Die verlorenen Wörter

Christa Wolf mahnte bei ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Nelly-Sachs-Preises 1999 eine Liste über verlorene Worte an:
Müßten wir nicht damit anfangen, eine Liste der verlorenen Wörter anzulegen, so wie die Naturforscher Listen der aussterbenden Arten angelegt haben, die täglich länger werden? Und ist es abwegig, zu vermuten, daß die sterbenden Wörter etwas mit den ausgestorbenen Tieren und Pflanzen zu tun haben? Weil wir geduldet haben, daß ein Wort wie »Ehrfurcht« uns fremd geworden ist, ausgesondert, überflüssig, peinlich, bleibt eine Gefühlsstelle in uns taub, wenn wir Mitlebendes ausmerzen.
Und sie fragte:
Was ist heute menschlich? Worauf beziehen wir heutzutage das Wort »human«? Für welche Inhalte ist es uns unverzichtbar geblieben oder geworden? (Der Worte Adernetz. Suhrkamp 2006 , S. 89)
Verlorene Wörter sind auch solche, die von Schriftstellern geprägt, von anderen Autoren jedoch nicht aufgenommen wurden, wie Absonderling (Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen); Betschwesterei (Georg Christoph Lichtenberg); entdonnern (Archim von Arnim); Halbgeschmack (Johann Wolfgang von Goethe); Icher (Friedrich Gottlieb Klopstock); Schicksalssohn (Johann Gottfried Herder); vergottscheden (A. G. Kästner); Warmländer (Jean Paul); zwiesprachig (Theodor Mommsen).

Und dann gibt es noch die Wörter, die heute vergessen sind wie Abnolken, Anquerdern, Anspinn, befetschen, Dolk, Empter, entnafzen, Gurbe, Gusel, hangdrüslicht, Hirsetute, Hupfelrei, ichtes (mit ichtesicht, ichteswann, ichtwan, ichtwas, ichtwasig, ichtwer, ichtwvo), Immi, Karschbein, Kannenwvroge, kille, Klipse, Kleuder, kommlich, Kone, Leibfall, Leuchse, Ludellerche, Mannsen, Melkter, Momber, Musterherr, Muttich, Pinge, Qualster, Quarre, Quappel, reuen, Ritscher, Sanduhrstein, Tschinke, Übersatz, Watschar, Wurstgraben, Zerte, Zeute, Zust.

So manches Wort werden wir bald vermissen, weil es heute schon selten erklingt, wie Anmut, Base, Belletage, betrübt, dämmern, Demut, entschwinden, entzückt, gefeit sein, Flegel, Gabelfrühstück, Göre, Herrenzimmer, Hochpaterre, Hupfdohle, intim werden, kredenzen, Lameng (aus der Lameng), Lichtspielhaus, lind, Mündel, Obacht, Ober (Ober, bringse noch’n Bier), Oheim, Philister, Plage, Plumpe, prellen, Racker, Ränke, reuen, rühmenswert, Rüstung, schwirren, schnauben, übertölpeln, Wählscheibe, Zecke, Zinne, Zuchthaus, Zugehfrau, Zwielicht, Zwist.

Dazu kommen noch die Wörter, über die wir froh sein werden, wenn sie verloren sind (diese Wörter notiere sich der Leser selbst).

Sonntag, 15. Juli 2012

Wieso kommt es … (Karl Kraus über eine falsche Wendung)

daß die wenigsten Leute wissen, daß diese Wendung falsch ist? Weil sie sie nicht hören und vor allem nicht sehen können. Sie fragen dann vielleicht, »wieso es möglich ist«, eine Wendung zu sehen. Nichts ist unmöglicher als diese und nichts, als eine zu sehen, wenn es einem nicht gegeben ist. Wie es möglich ist, hier Klarheit zu schaffen, und wie es kommt, daß man sie dann hat, kann aber selbst der sehen, dem es sonst nicht gegeben ist. Der Vorgang des Kommens ist im »Wieso« bereits enthalten, und die Wendung ist ein inveterierter Pleonasmus wie ein alter Greis. Ich kann einer Erzählung mit »Wieso?« oder mit »Wie kommt es?« begegnen. Dieses »kommt« ist nur ein »wird«. »Wieso wird es« würde aber nicht bedeuten: auf welche Art wird es, entwickelt es sich so, geschieht es, sondern: durch welches Geheimnis der Schöpfung, aus welchem Ursprung wird es, entsteht es. Nur ein »kommen« im Sinne der Bewegung, des Entstehens ist mit »Wieso« zu verbinden. Wieso kommt einem ein Gedanke, ein Gefühl. »Wieso kommst du jetzt (da du nicht kommen solltest)?« Jedoch: »Wie ist es möglich, daß du jetzt kommst? Wie kannst du jetzt kommen?« »Ich kann es.« »Wieso (kannst du)?« »Es ist möglich.« »Wieso (ist es möglich)?« (Da es doch unmöglich scheint.) Wieso kommst du = Wie kommt es, daß du kommst. Wie es aber kommt, daß die wenigsten Leute wissen, wie man zu sprechen hat? Weil sie, was sie nicht wissen, von denen gelernt haben, die nicht schreiben können. Man kann getrost jede Wette eingehen, daß die gefeiertsten Romanschriftsteller den Unterschied nicht wahrnehmen und nicht etwa dort, wo sie die Leute reden lassen, »wieso« diesen der Schnabel gewachsen ist; sondern daß sie schon ganz von selbst nicht wissen, wie man schreibt. Die meisten von ihnen haben's von jeher nicht gewußt, und die übrigen haben »daran« vergessen.

Karl Kraus

(Zur Sprachlehre. In Die Fackel 1921, S. 61)

Montag, 20. Juni 2011

Karl Kraus über das Wörtchen, das ich so liebe: Das kleine Wörtchen „Es“. III

Fortsetzung von Karl Kraus über das Wörtchen, das ich so liebe: Das kleine Wörtchen „Es“.  II http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/05/karl-kraus-uber-das-wortchen-das-ich-so.html

»Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt«: warum ist »es« da vorangestellt, was soll da erlebt sein, ehe man erfährt, daß es der Frömmste ist, dem »es« zustößt? Seine Wehrlosigkeit, sein besonderer Notstand, ein Es-ist-nicht-auszuhalten, wenn »sogar«. »Der Frömmste kann nicht in Frieden bleiben« läßt nebst der bloßen Feststellung noch der Einrede Raum, daß er gerade weil er der Frömmste ist, den bösen Nachbar gereizt hat. (Ein Buchstabe kann die namentlich bei Schiller so naheliegenden Kontraste von Anschauung und von Lehrmeinung herbeiführen und wenn er fehlt, aufheben. Man beachte den von mir nachgewiesenen Fall, daß das herrlich plastische »Ein andres Antlitz eh sie geschehn [geschehen im Original, jmw], ein anderes zeigt die vollbrachte Tat«  von den späteren Druckern und Herausgebern aus dem Wunder des Wechsels von raschem Entschluß in bange Reue, aus dem Doppelgesicht der Seele zu einer faden Doppelansicht (anderes–anderes) verhunzt wurde.) Natürlich wissen die Sprachwissenschaftler von dieser dichterischen Funktion des wirklich vorangestellten »es« auch nichts. Wie würden sie aber erstaunt sein, wenn man ihnen den reinen Subjektcharakter des »es« in »Es werde Licht« erhellte, indem man, ohne doch das »Es« im Geringsten zu alterieren, statt »Licht« »licht« setzt. Da wird es hell. Es tagt. Und wenn »es tagt«: ist das nicht ganz das nämliche »es«, wie wenn es »Tag wird« – und was wäre es, wenn nicht das Subjekt? Und  ist ihnen in diesen Fällen das Fehlen des Artikels, das schon was Prädikathaftes andeutet, nicht verdächtig? Der Artikel fehlt, doch dafür müßte man »Es« statt »es« schreiben: merken sie »Es« noch immer nicht? Und wenn »es schön ist«, ist da auch noch das »es« vorangestellt? Einem Prädikat? Vielleicht stehts doch bloß für »das Wetter«, »das Draußen«, für das was als die Summe der bezüglichen Sinneseindrücke das große Neutrum der Natur ausmacht? Doch in solchen Fällen sagen sie freilich, es »deute auf einen vor- oder nachstehenden Satz«. Es deutet, ohne zu erklären. Aber: wenn er voransteht, so ist eben der Subjektcharakter gegeben. » ‚Er ist wohl.’ ‚Es freut mich.‘« Folgt er: »Es freut mich, daß er wohl ist«, so ist es eine Inversion, durch die auf das eigentliche Subjekt »daß er wohl ist« vorbereitet wird, wie in »Wer wagt es, zu tauchen« auf das Objekt. Hier will die Sprache das, was sie zu sagen hat, gewichtiger machen. Wenn aber nichts vor- oder nachsteht und auf nichts gedeutet wird, wenn es schön war und es sie gefreut hat, dann bliebe, da »es« um keinen Preis ein richtiges Subjekt sein darf, wohl nichts als die Vermutung, es sei der Aussage vorangestellt und  wenn kein Grund mehr für die Inversion besteht, so müsse es heißen: »Sehr schön war, sehr gefreut mich hat«. Merken sie »es« noch immer nicht? »Es ist ein Kreuz«! Aber ein Moment stellt sich ein, das es auch ihnen schließlich leicht machen wird. Das »vorangestellte es« kann man begreiflicher Weise nur in vorangestelltem Zustand belassen, es wird in keine Verwandlung des Satzes mitübernommen. Außer für ein sofort erkennbares Zitat, so daß ich in einer Stilcharge sogar sagen könnte: »Der See, der es rast« oder etwa, um einen Phrasenschwall zu treffen, mich erkühnte, zum Unterschied von der »Freiheit, die ich meine«, von der »Freiheit, die es lebe« zu sprechen. Man kann jedoch an und für sich nicht sagen: der Tag oder der Tanz, der es beginnt, und nicht einmal: der Tag oder der Tanz beginnt es. Aber, nicht wahr, man kann doch wohl sagen: Tag wird es, Abend will es werden, Licht werde es, schön wird es, gefreut hat es mich? Was ist da aus dem »vorangestellten es« geworden? Ein nachgestelltes! Es hat sich erhalten; es lebt, es ist da, es (das Element) behielt es nicht. Denn es konnte eben, weil’s ein »richtiges«, ein rechtschaffenes Subjekt ist, nicht verschwinden. Die Vorstellung, daß in den Beispielen, die die Grammatiker tatsächlich nebeneinandersetzen: »es zogen drei Burschen zum Tore hinaus« und in »es werde Licht« das »es« gleichwertig und gleichbedeutend sei, daß das rein prädikative ‚Licht‘ »nachfolgendes Subjekt« sei wie die drei Burschen, kann nur einer Wissenschaft glücken, die sich mit der Registrierung begnügt und was dieselben Buchstaben hat als offenbar identisch in das gleiche Fach tut. Wer nicht auf das Letternbild starrt, sondern mit geschlossenen Augen den Weltenunterschied so winziger Räume zu durchmessen bemüht ist, der wird seiner habhaft werden und noch leichter dort, wo er nicht zugleich die begriffliche Distanz der Beispiele zu bewältigen hat, also vor der begrifflichen Identität: »Es beginnt der Tag« und »Es wird Tag«. Wer aber da nicht spürt, worauf es ankommt, für den kann, wenn er auf die Uhr schaut, wohl der Tag beginnen – der es ihm aber nicht wird. Denn so klein ist dieses »es«, daß er es in der Unendlichkeit, die es bedeutet, nicht erschöpfen wird, und nichts läßt sich erleben als ein Zeitvertreib, ein »Abend, der werden will«, öd wie nur einer, der angebrochen ist und mit dem man nichts anzufangen weiß.

(In Die Fackel 1921, Heft 572–576, S. 46ff.)

(Zum Thema „Es“ siehe auch http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2009/10/es-ist-schlechter-stil-das-wortchen-es.html)

Montag, 30. Mai 2011

Karl Kraus über das Wörtchen, das ich so liebe: Das kleine Wörtchen „Es“. II

(Fortsetzung von Karl Kraus über das Wörtchen, das ich so liebe: Das kleine Wörtchen „Es“. I,  http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/05/karl-krauss-uber-das-wortchen-das-ich.html)

Weil ich nicht sagen kann: »die Freiheit, die es leben möge«, so könne ich auch nicht sagen: »das Licht, das es werden soll«. Und doch kann ich dies so sicher sagen, wie ich jenes nicht sagen kann, und selbst dort, wo nicht das Zitat immunisierend wirkt. (Ich habe es schon einmal gesagt, in dem so benannten Gedicht schließe ich: »Ihr lobet Gott; ich weiß, wie Licht es werde.«  Nicht: »wie Licht werde«. Die Erlaubnis des Zitats muß hier gar nicht dem »es«, sondern nur dem »werde« zugutekommen, das grammatikalisch bedenklich, stilistisch berechtigt ist durch die Kraft des Zitats wie durch das Moment der Sehnsucht, das der entliehene Konjunktiv einschließt.) Der Zwang, zu fragen: »das – was werden will?«, besteht für den nicht mehr, der eben die ganze Fülle des »es« in diesen Beispielen im Gegensatz zu der Unwertigkeit des »es« in den andern Beispielen erfaßt hat. Denn in »Es werde Licht« ist das »es« so wahr ein Subjekt, als im Anfang das Wort war. Das stärkste Subjekt, das es im Bereich der Schöpfung gegeben hat, jenes, das Licht wurde, jenes, das Tag wird, jenes, das Abend  werden will. (Alles hängt davon ab; alles kann Relativsatz werden.) Es: das Chaos, die Sphäre, das All, das Größte, Gefühlteste, welches schon da ist vor jenem, das daraus erst entsteht. Licht, Tag, Abend  ist nicht Subjekt, sondern Prädikat, kann nicht Subjekt sein, weil »es« erst zu Licht, zu Tag, zu Abend »wird«, sich dazu entwickelt. »Und so ward es Abend; so ward es Morgen – der erste Tag.« (Luther übersetzt berichthafter: »Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag«.)  »Und es geschahe so.« »Und Gott sahe, daß es gut war.« »Es werde Licht« bedeutet nicht: Licht werde. »Es will Abend werden« bedeutet nicht: Abend will werden. »Es beginnt der Tag« bedeutet aber allerdings: der Tag beginnt. Da ist der Tag das Subjekt. Warum nun steht hier auch ein es »voran«? (In Wahrheit steht es nur hier »voran«.) Es ist eine Wohltat der Sprache, keine, die sie dem Mund, sondern eine, die sie dem Gedanken erweist, indem sie doch einen Unterschied zur Aussagenorm erleben läßt. Sehr deutlich wird das an dem folgenden Beispiel: »es beginnt der Tanz« und »der Tanz beginnt«. Das »es« – ein dichterisches und kein bloß »rhythmisches« Element – dient der Anschauung: Taktstock, die Paare gruppieren sich. Oder: Programmpunkt innerhalb einer zeremoniellen Entfaltung, »nun beginnt …«. »Der Tanz beginnt« ist der bloße Bericht, das Begriffsskelett der Handlung; aus dem Wissen heraus, daß »es« der Tanz ist, was da beginnt, wird dieser gesetzt, wobei man weder ihn sieht noch die Stimmung, das »es«, woraus er hervorgeht. Man beachte den Unterschied zwischen dem Gedicht »Es rast der See und will sein Opfer haben«  und dem Bericht: »der See rast und will sein Opfer haben«. Kein Zweifel, daß auch diesem »es«, das tatsächlich dem Subjekt »der See« vorangestellt ist, etwas innewohnt von dem Erlebnis des Unbestimmten, dem sich das sinnlich Wahrnehmbare entschält und welches eben in »Es will Abend werden« so stark ist, daß es sich des Subjektcharakters bemächtigt. Die Sprache läßt zunächst beim Rasen des Elements verweilen, worauf erst das Bewußtwerden folgt, daß es der See ist, der sich so verwandelt hat, er, der ehedem lächelnde, und gar nicht wiederzuerkennen ist, während ihn das bloß aussagende Bewußtsein des Wetterreporters sofort erkennt. (Der neue Stilist, der nur Stadien der Wahrnehmbarkeit notiert, würde freilich auch: »es wird Tanz« oder »Rasendes ist See« sagen.) Der Expressionist der Bibel, der »Es werde Licht« sprach, mußte nicht die Sprache aus der Welt schaffen, ehe er diese schuf.)

(In Die Fackel 1921, Heft 572–576, S. 46ff.)

Fortsetzung folgt

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(Zum Thema „Es“ siehe auch http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2009/10/es-ist-schlechter-stil-das-wortchen-es.html)

Sonntag, 29. Mai 2011

Karl Kraus über das Wörtchen, das ich so liebe: Das kleine Wörtchen „Es“. I

Da Karl Kraus sehr viel zu sagen hat und das ohne einen einzigen Absatz , kann ich hier seine Ausführungen dazu nur gekürzt bringen. Wer den ganzen Beitrag lesen möchte, melde sich bei der digitalen Version der Fackel: an. Das ist eh zu empfehlen, wenn man wissen möchte, ob das Zitat, das einem so gut gefällt, dass man es als Motto auf seiner Website veröffentlichen möchte, wirklich von Karl Kraus ist. Das ist es nämlich oft nicht, weil viele Zitate, deren Urheber unklar ist, gerne schlauen Menschen zugesprochen wird wie eben Kraus oder auch Georg Christoph Lichtenberg, Mark Twain oder Bernhard Shaw. Aber das ist nicht das Thema dieses Blogs, sondern das von meinem Zitateblog.

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Es

(…) Sehr geehrter Herr Kraus!

Nicht in der Erwartung, irgend eine Antwort zu erhalten, sondern weil ich Ihrer künstlerischen Ehrlichkeit, die es schon mit sich abmachen wird, vertraue, erlaube ich mir, auf eine Stelle in Nr. 561–567 der Fackel (…) hinzuweisen. Da steht eine Stelle, die ich grammatikalisch nicht verstehe: »… den Großstadtleuten den Abend, der es werden will, zu verkürzen …«. Sie wollen den Satz »Es will Abend werden« in relativischer Form bringen und  behandeln nun »Es« wie ein richtiges Subjekt, etwa nach dem Muster: »Er wird Maler – der Maler, der er werden will«. Nun ist doch aber »es« hier kein Subjekt, sondern ein vielleicht aus rhythmischen Gründen eingefügtes Wort, das es ermöglicht, das Subjekt nachzusetzen. So wird aus dem Satz: »Abend will werden« – der Satz: »Es will Abend werden«. Ebenso sagt man etwa statt »der Tag beginnt« – »es beginnt der Tag«. Aber Sie könnten doch nicht sagen: »der Tag, der es beginnt«, sondern Sie müßten in der relativischen Form das »es«, das ja seiner Funktion, die Nachsetzung des Subjekts zu ermöglichen, nunmehr ledig ist, weglassen: »Der Tag, der beginnt.« Demnach hätte ich an jener Stelle Ihres Textes erwartet: »Der Abend, der werden will« zu lesen, worauf ich nicht gezwungen gewesen wäre, die Frage: »der – was werden will?« zu stellen. Ich begreife, daß durch die Weglassung des »es« die Assoziation der Wendung »es will Abend  werden« gefährdet gewesen wäre, aber ich hätte dies, im Vergleich zu jener grammatikalischen Härte, die nun im Text steht, für das kleinere Übel gehalten. (…)
Dankbar Ihr – –


(…) Der Fall (demonstriert) beispielhaft den Abgrund zwischen grammatischem Bescheidwissen und Sprachfühlen, über den jenes nicht hinüberkommt, weil es nun einmal keine Flügel hat. Er ist deshalb besonders interessant, weil er den Leser durchaus auf dem Stande der Grammatik zeigt, die vor einem der merkwürdigsten Sprachgeheimnisse, das sie bis heute nicht zu erspüren vermocht hat, sich nur durch Verwechslung mit einer ziemlich eindeutigen Eigentümlichkeit – dem »vorangestellten es« – helfen kann, wiewohl sich auch diese, als eine tiefer zu begründende Spracherlaubnis, dem grammatischen Erfassen entzogen hat. Daß das »es« in einer Wendung wie »es will Abend werden« kein »vorangestelltes es« ist, sondern ein »richtiges Subjekt«, daran habe ich zu allerletzt gezweifelt, als ich das Bibelwort in einen Relativsatz brachte. Da die Leser immerhin schon das eine aus der Fackel entnommen haben könnten, daß in ihr noch nie ein Buchstabe gedruckt war, ja kein Zeilenumbruch erschienen ist, bei dem sich der Autor nicht etwas gedacht hat (…) so wäre eigentlich der Weg zum Nachdenken über Sprachprobleme so deutlich gewiesen, daß jeder in jedem Falle auch ohne Auseinandersetzung mit dem Autor zu einem Erlebnis gelangen könnte (…). Wenn ich sage, daß ich an der Bedeutung des »es« zu allerletzt gezweifelt habe, so bekenne ich freilich, daß die Konstruktion mit allerlei Zweifeln behaftet war. Aber die Sprache gewährt nur solche und sie läßt nicht zu, daß zwei Worte zusammenkommen, ohne aneinander zu geraten, mögen sie auch in dem gelösteren Zusammenhang des täglichen Sprachverkehrs sich ganz gut vertragen. Das Problematische der Bildung ging aber geradenwegs vom Subjektcharakter des »es« aus, den das Gefühl so stark bejaht hat, daß ihm die Sprache hier fast etwas schuldig zu bleiben schien, nämlich etwas wie einen lateinisch gefühlten Akkusativ für das, was »es« werden will, also: der Abend, »den« es werden will und der freilich an Größe verlöre, was das »es« gewinnt. (Während sich ein scheinbar doch gewichtigeres maskulines Subjekt bei dem Nominativprädikat vollauf beruhigt: »der Maler, der er werden will«.) So stark empfand ich die regierende Stellung jenes »es«. Nun nehmen wir vorerst an, dies wäre ein Mißgefühl und »es« hätte nicht mehr Kraft als das Beispiel, das der Einsender anführt: »es beginnt der Tag«. So stünde die Angelegenheit immer noch so, daß sich hier der Stil den Teufel, der ihm nun einmal innewohnt, um die Grammatik scheren müßte. Wir setzen also voraus, daß die Grammatik das »es« in »es will Abend werden« mit Recht für nichts als das vorangestellte »es« hält (das es »ermöglicht«, das Subjekt nachzusetzen, ohne daß der Grammatiker weiß, warum es das tut.) Dann würde sich noch immer der Fall ergeben, daß hier stärker als die Konstruktion, die da tatsächlich verlangte: »der Abend, der werden will«, das Fluidum ist, das dem Zitat anhaftet, und  daß das fehlerhafte »es« nichts anderes wäre als ein geistiger Ersatz für Anführungszeichen. Denn es wäre doch nicht mehr die Sprache des Autors, sondern eine angewandte Sprache, die als solche ja erst durch die entstandene Regelwidrigkeit kenntlich würde. Nun kann aber auch nicht die Spur einer solchen behauptet werden, selbst wenn alle Grammatiker, weil sie eben dieses »es« nicht durchgedacht haben, es auf den äußern Anschein hin – »es« ist »es« – behaupten wollten. Der Einwand hat sich dadurch als dankenswert erwiesen, daß er die Möglichkeit gewährt hat, der Grammatik auf eine Unterlassung zu kommen, die nicht anders als durch das mangelnde Sprachgefühl jener, die dieser Wissenschaft obliegen, erklärt werden kann. Sollte es einen Grammatiker geben, der den wesentlichen Unterschied zwischen den beiden »es« erfaßt hat, so wäre er natürlich von der Generalisierung, die diese Reglementsgeister trifft, auszunehmen, aber da in der Wissenschaft kaum einer die Erkenntnisse vermeidet, die ein anderer gefunden hat, so muß man gewiß nicht alle studieren, um keinem unrecht zu tun. Sie sagen also, dies »es«, vorangestellt vermutlich aus dem Grunde, weil sich das gut macht und weil die Zunge schon bevor sie spricht das Bedürfnis hat auszuruhn, »bereite auf ein durch Inversion nachgestelltes Subjekt vor«, und finden etwa, daß es sowohl in »es lebe die Freiheit« wie in »es werde Licht« dieser Bestimmung diene. Von da hat auch der Einsender die Auffassung, daß es in »es beginnt der Tag« und »es will Abend  werden« identisch sei, und weil ich nicht sagen kann: »der Tag, der es beginnt«, so könne ich auch nicht sagen: »der Abend, der es werden will«.

(In Die Fackel 1921, Heft 572–576, S. 46ff.)

(Fortsetzung siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/05/karl-kraus-uber-das-wortchen-das-ich-so.html)

(zum Thema „Es“ siehe auch http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2009/10/es-ist-schlechter-stil-das-wortchen-es.html)