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Donnerstag, 3. Januar 2013

Aus Schriftstellers Schreibstübchen (Schreibanlässe)


Als sich Robert Louis Stevenson im April 1881 im schottischen Braemar erholte, lernte er einen Jungen kennen, der mit Hilfe von Stift, Tinte und Wasserfarben
bald einen der Räume in eine Gemäldegalerie verwandelt (hatte). Meine eigentliche Aufgabe in dieser Galerie war, (…) die Bilder zu bewundern, aber manchmal (…) gesellte ich mich zu dem kleinen Künstler an die Staffelei und verbrachte den Nachmittag mit ihm im Wetteifer, bunte Bilder zu malen. Bei einer dieser Gelegenheiten malte ich die Karte einer Insel; sie war sehr kunstvoll und, wie ich fand, schön bunt; ihre Form begeisterte meine Vorstellungskraft mehr, als ich sagen kann; sie verzeichnete Häfen, die mich entzückten wie Sonette; und unbewusst, als sei gar keine andere Wahl möglich, betitelte ich mein Werk »Schatzinsel«. Man hat mir gesagt, es gebe Leute, die sich nichts aus Landkarten machen – ich mag das kaum glauben. Die Namen, die Umrisse der Wälder, der Verlauf der Landstraßen und Flüsse, die Fußspuren der Menschen früherer Zeiten, die sich noch deutlich hügelauf- und abwärts verfolgen lassen, die Mühlen, die Ruinen, die Gewässer und Furten, vielleicht die Stehenden Steine oder der Druidenkreis in der Heide; das alles ist eine unerschöpfliche Fundgrube für jeden, der Augen hat zu sehen, oder der genug Phantasie besitzt, um Verständnis für diese Dinge zu haben! Man muss nicht unbedingt ein Kind sein, um mit dem Kopf im Gras liegend in einen endlosen Wald zu starren und zu beobachteten, wie er immer mehr von einer märchenhaften Armee bevölkert wird.
Etwas in dieser Art begann sich in mir zu regen, als ich mit meiner Karte der ›Schatzinsel‹ inne hielt; die zukünftigen Charaktere des Buches wurden in den imaginären Wäldern sichtbar; und braune Gesichter mit glänzenden Waffen guckten mich von unerwarteten Blickwinkeln her an, als sie hin und her huschten und kämpften und Schätze jagten, alles auf diesen paar Quadratzentimetern flachen Bodens. Das nächste, was ich weiß, ist, dass ich ein paar Blätter Papier vor mir hatte und das Inhaltsverzeichnis schrieb.

There was a schoolboy in the Late Miss McGregor's Cottage, home from the holidays, and much in want of “something craggy to break his mind upon.“ He had no thought of literature; it was the art of Raphael that received his fleeting suffrages; and with the aid of pen and ink and a shilling box of water colours, he had soon turned one of the rooms into a picture gallery. My more immediate duty towards the gallery was to be showman; but I would sometimes unbend a little, join the artist (so to speak) at the easel, and pass the afternoon with him in a generous emulation, making coloured drawings. On one of these occasions, I made the map of an island; it was elaborately and (I thought) beautifully coloured; the shape of it took my fancy beyond expression; it contained harbours that pleased me like sonnets; and with the unconsciousness of the predestined, I ticketed my performance 'Treasure Island.' I am told there are people who do not care for maps, and find it hard to believe. The names, the shapes of the woodlands, the courses of the roads and rivers, the prehistoric footsteps of man still distinctly traceable up hill and down dale, the mills and the ruins, the ponds and the ferries, perhaps the STANDING STONE or the DRUIDIC CIRCLE on the heath; here is an inexhaustible fund of interest for any man with eyes to see or twopence-worth of imagination to understand with! No child but must remember laying his head in the grass, staring into the infinitesimal forest and seeing it grow populous with fairy armies. Somewhat in this way, as I paused upon my map of 'Treasure Island,' the future character of the book began to appear there visibly among imaginary woods; and their brown faces and bright weapons peeped out upon me from unexpected quarters, as they passed to and fro, fighting and hunting treasure, on these few square inches of a flat projection.
The next thing I knew I had some papers before me and was writing out a list of chapters. (weiterlesen hier)
(In Robert Louis Stevenson: The Art of Writing: 5. My First Book: Treasure Island)
Die Schatzkarte ist leider verloren gegangen. Das Titelbild der Schatzinsel ist ein Remake, das im Büro von Stevensons Vater angefertigt wurde.

(Quelle Wikipedia)
Dafür, dass die Zeichnung entstand, als Stevenson seinem Stiefsohn Lloyd beim Malen half, wie Wikipedia behauptet, habe ich keinen Beleg gefunden. Er schreibt ja selbst:
Da war ein Schuljunge im Landhaus der seligen Miß Mack Gregor, der in der Ferienzeit nach Hause kam und etwas Kniffliges zum Kopfzerbrechen suchte. Er hatte keine Ahnung von Literatur; es war die Kunst Raffaels, von der seine flüchtigen Anregungen erhielt; und mit Hilfe von Stift und Tinte und einem billigen Kästchen mit Wasserfarben hatte er in kurzer Zeit eines der Zimmer in eine Gemäldegalerie verwandelt.
There was a schoolboy in the Late Miss McGregor's Cottage, home from the holidays, and much in want of ‘something craggy to break his mind upon.’ He had no thought of literature; it was the art of Raphael that received his fleeting suffrages; and with the aid of pen and ink and a shilling box of water colours, he had soon turned one of the rooms into a picture gallery. (Siehe The Art of Writing: 5. My First Book: Treasure Island)

Samstag, 24. November 2012

Marie von Ebner-Eschenbach über Novellenstoffe (Schreibanlässe)

„Geben Sie mir einen guten Stoff zu einer Novelle“, sagte mein nun schon dahingeschiedener Freund.

„Bücken Sie sich und heben Sie ihn auf, er wächst überall aus dem Boden.“

Er lachte. „Und hat Erdgeruch. Ich danke.“

„So strecken Sie die Hand aus, wenn Sie sich nicht bücken wollen. Stoffe fliegen zu Hunderten in der Luft herum.“

„Danke abermals. Auch aus der Luft mag ich meinen Stoff nicht greifen. Erzählen Sie mir etwas von Menschen Erlebtes, die Ihnen Liebe, Freundschaft, oder mindestens ein lebhaftes Interesse einflößten. Dergleichen ist bei Ihnen immer vorrätig, Frau Beichtmutter.“

„Kann sein, kann gerade heute sein, weil ich Freundesbriefe geordnet, mein Tagebuch durchgeblättert, halbverwelkte Erinnerungen wiederaufgefrischt habe. Nur bedenken Sie: Ich bin alt, meine Freunde sind alt, mein Stoff wird auch nicht neu sein.“

„Gibt es einen neuen Stoff? Das bezweifeln Sie doch selbst. Ich habe wahrlich nicht die Anmaßung, etwas nie Dagewesenes bringen zu wollen. Wenn mir nur die Schilderung eines Erlebnisses gelingt, das sich gestern oder vor fünfzig Jahren begeben hat und in dem Menschen von heute sich mit ihren Gedanken und Empfindungen wiederfinden.“

„O wie schwer! – das Schwerste.“

„Kinderleicht oder – unmöglich. Ans Werk, denken Sie nach – erzählen Sie!“

(…)

„Sagen Sie mir, lieber Freund, lesen Sie nicht täglich eine Zeitung und nicht täglich eine Gerichtsverhandlung?“

„Nein, das tue ich gewiß nicht.“

„Ich tu’s, und was erlebe ich dabei? – fast jedesmal eine Novelle. Fast immer beginnt die Novelle da, wo die Gerichtsverhandlung aufhört. Ich begleite einen Freigesprochenen oder einen Verurteilten zurück nach seinem Wohnort oder auf dem Wege zum Antritt der Strafe. Ich habe die Verhandlung aufmerksam verfolgt und weiß oder – für mich ganz dasselbe – glaube zu wissen, was in der Hauptperson des manchmal widerwärtigen, manchmal ergreifenden und rührenden Schauspiels vorgeht. Aus diesem Wissen werden mir Novellenstoffe in Hülle und Fülle geboten. Am dankbarsten sind, die von mit Unrecht Freigesprochenen handeln und von Verurteilten, die nach Verbüßung ihrer Strafe überall als Auswürflinge betrachtet und ins moralische Elend zurückgestoßen werden. Was für Bilder gibt es da zu zeichnen und zu malen! Die Mannigfaltigkeit ist unerschöpflich.“

Marie von Ebner-Eschenbach, Novellenstoffe. Ein Gespräch http://www.literaturdownload.at/pdf/Ebner-Eschenbach_-_Novellenstoffe.pdf

Freitag, 25. November 2011

Gedicht der Woche über eine kleine Idee

Die arme kleine Idee

Es war einmal eine kleine Idee,
Ein armes, schmächtiges Wesen –
Da kamen drei Dichter des Wegs, o weh!
Und haben sie aufgelesen.

Der eine macht' einen Spruch daraus –
Das hielt die kleine Idee noch aus.
Der zweite eine Ballade –
Da wurde sie schwach und malade.
Der dritte wollt sie verwenden
Zu einem Roman in zwei Bänden – –
Dem starb sie unter den Händen!

Otto Sommerstorff

(In Die Zehnte Muse. Elsner 1926,  S. 257)

Freitag, 6. Juli 2007

Schreibanlässe VII

Auch all die Mythen und Legenden, die in unser Unterbewusstsein eingegangen sind, liefern Anregungen für gute Geschichten. Schreiben Sie Märchen oder biblische Geschichten weiter: Was geschah, nachdem Schneewittchen ihren Königssohn geheiratet hatte; lassen Sie Dornröschen im einundzwanzigsten Jahrhundert leben oder Adam und Eva beim Goulaschkochen über Rinderwahn diskutieren. Oder, wie LICHTENBERG vorschlägt: »Man hat vieles über die ersten Menschen gedichtet, es sollte es auch einmal jemand mit den beiden letzten versuchen.« Versetzen Sie klassische Figuren in die heutige Zeit – wie Christa WOLF in Kassandra und Ullrich PLENZDORF in den neuen Leiden des jungen W. – und bringen Sie Ihre eigenen Erfahrungen ein.

Montag, 27. November 2006

Üben üben üben (Schreibanlässe)

Und woher wissen Sie, welche Wörter die Sinne Ihres Lesers ansprechen – welche leben? Sehen Sie das vor sich, worüber Sie schreiben, riechen, ertasten, hören und schmecken Sie es. Denken Sie daran, wie intensiv Sie als Kind alles wahrgenommen hatten – bevor Sie die Welt durch die Augen derer sahen, die sie Ihnen erklärten –, erwecken Sie diese Gabe wieder zum Leben. Notieren Sie in Ihrem Notizbuch Gerüche, abstoßende oder angenehme, die Ihnen auffallen, eindringliche Farben, Geräusche, Empfindungen. Wie beschreiben andere Schriftsteller Sinneseindrücke, mit welchen Mitteln haben sie erreicht, dass Ihre Sinne angesprochen wurden?

Was empfinden Sie bei den folgenden Aufgaben? Schreiben Sie darüber einen Text. Er muss nicht druckreif sein, doch versuchen Sie, die Wahrnehmungen so genau wie möglich in Worte zu fassen.

Verbinden Sie Ihre Augen und lassen Sie sich unterschiedlich riechende Dinge vor die Nase halten: Rosen, Bohnenkaffee, WC-Reiniger. Lassen Sie sich füttern mit Marzipan und Senf. – Wie schildern Sie die Schärfe einer Chilischote?

– Lässt sich überhaupt die Schärfe einer Chilischote beschreiben? Oder das Aroma des Kaffees, wie WITTGENSTEIN fordert:
»Beschreib das Aroma des Kaffees! - Warum geht es nicht? Fehlen uns die Worte? Und wofür fehlen sie uns? – Woher aber der Gedanke, es müsse doch so eine Beschreibung möglich sein? Ist dir so eine Beschreibung je abgegangen? Hast du versucht, das Aroma zu beschreiben, und es ist nicht gelungen? (Ich möchte sagen: »Diese Töne sagen etwas Herrliches, aber ich weiß nicht was.« Diese Töne sind eine starke Geste, aber ich kann ihr nichts Erklährendes an die Seite stellen. Ein tief ernstes Kopfnicken. James: »Es fehlen uns die Worte.« Warum führen wir sie denn nicht ein? Was müsste der Fall sein, damit wir es könnten?« kursiv jmw)
Das ist es: Warum finden wir keine Worte, warum geben wir so schnell auf? –

Streichen Sie über Dinge, die Ihnen jemand hinlegt: Samt, eine Bürste, einen nassen Waschlappen.

Was macht das Riechen, Schmecken, Fühlen mit Ihnen?

Schalten Sie das Radio und den Computer aus. Was hören Sie? Vielleicht fällt Ihnen zum ersten Mal das Zwitschern der Vögel auf oder der Straßenlärm. Falls Sie nichts hören, wie wirkt die Stille? – DOMBRADY sagt, dass der Dichter in zwei Bewusstseinzuständen lebt, die Stille wird erst als solche empfunden durch den Lärm, die Schärfe eines Grillentons wird erst durch die Stille vernehmbar. – Was für Geräusche macht Ihr Computer? Klackklackklack, toctoc-toc, Cuckoo oder fiep?

Der Künstler nimmt Formen und Farben nuancierter wahr als andere Menschen. Wie wirkt das Blau des Bildschirms auf Sie? Können Sie die Farbe genauer beschreiben? Ist die Wand Ihrer Dichterstube gelb, braun oder terracotta, in gebranntem Siena oder ocker gestrichen? Nehmen Sie die Grünschattierungen der Yucca-Palme wahr, das Gelb der Tulpen auf dem Schreibtisch. Lassen Sie das Spiel der Sonnenstrahlen auf der Tapete und in der Dämmerung die Schwarzweiß-Töne auf sich wirken. Betrachten Sie Formen – Linien, Kurven, Ecken – und Bewegungen – das Zittern der Blätter im Wind, das Bauschen der Gardine bei geöffnetem Fenster, das Gleiten Ihrer Katze über den Teppich.

Bei welcher Aufgabe haben Sie am wenigsten empfunden? Üben Sie so lange, bis Sie für alle Sinneseindrücke das gleiche Gespür bekommen.

Bei solch einer Übung entstand mein Text Marzipan:
Nie wieder hat ihr Marzipan so gut geschmeckt wie damals.
Stundenlang stand sie in der Küche ihrer Eltern, ließ Wasser aufkochen, warf ein halbes Pfund ungeschälter Mandeln hinein, goss das Wasser in den Ausguss, rubbelte die aufgeweichte Schale ab, bis die Fingerspitzen wellig wurden von der Nässe und der Geruch nach feuchten Mandeln sie schwindlig werden ließ. Sie mahlte sie in der Mandelmühle, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte, einmal und noch einmal, goss Rosenwasser hinzu, schüttete durchgesiebten Puderzucker darauf und knetete die Masse solange, bis sie geschmeidig wurde. Sie stach kleine Stücke ab und rollte sie zwischen ihren Handflächen, wälzte die Kügelchen in Kakaopulver, tat sie in Pergamenttüten und verschenkte sie an die Menschen, die sie liebte.
Damals hatte sie noch Zeit.
Damals bereitete sie auch Schokolade zu und Nougat und Krokant.
Jedes Jahr am dritten Adventsonntag buk sie ein Lebkuchenhaus und bedeckte das Dach mit Schokoladenplätzchen. Sie schuf Lebkuchentannen und einen Schlitten und einen Zaun und einen Holzstapel aus Borkenschokolade und klebte alles mit Eiweiß auf eine Lebkuchenplatte. Aus Zuckerguss zauberte sie Eiszapfen und aus Puderzucker Schnee. Sie klebte rotes Seidenpapier gegen die Fenster, und ihr Vater baute eine Puppenstubenlampe in das Haus. Es schien, als lebe dort jemand.
Damals hatte sie noch Zeit.
Dann verliebte sie sich, verlobte sich, heiratete. Sie musste den Heilig Abend bei ihren Schwiegereltern verbringen – bei ihnen sei es viel feierlicher, hieß es. Dort gab es Marzipan aus dem Laden und Schokolade aus dem Laden und keine Lebkuchenhäuser.
Nein, es stimmt nicht, dass ihr nie wieder Marzipan so gut geschmeckt hat wie damals. Seither isst sie es überhaupt nicht mehr.