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Sonntag, 2. Oktober 2011

Über Dichter, die lügen, und ihr Pakt mit dem Leser


In literarischen Texten ist alles möglich, da gibt es Vampire, Elfen, Zauberer, da berichtet der Freigelassene und Privatsekretär Marcus Tullius Tiro in Robert Harris Romanen Imperium und Titan vom Leben M. Tullius Ciceros, da gibt es eine fiktive Autobiografie des römische Kaisers Claudius, und der Arzt Sinuhe  schildert sein turbulentes Leben zur Zeit des Pharao Echnaton. Shakespeare verlegt im Wintermärchen die wüste Gegend Böhmen ans Meer (siehe dazu auch http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%B6hmen_am_Meer), und Thomas Hettche schreibt in seinem Roman Nox:  »Da war ich längst tot«, schreibt also aus der Sicht eines Toten. Wallenstein verhält sich anders als die historische Figur, umgekehrt bewegen sich fiktive Personen wie die Buddenbrooks in Lübeck an Orten, die heute  noch existieren. Die Fakten sind also nicht an die Wirklichkeit gebunden. Und  der Leser lässt sich auf solche Scheinwahrheiten ein, weil er gut unterhalten werden möchte.

Samuel Taylor Coleridge prägte dafür die Formel »suspension of disbelief« – die freiwillige Aussetzung des Zweifels oder, salopp gesagt, die dichterische Freiheit –:
... wir sind übereingekommen, dass meine Bemühungen auf übernatürliche – oder zumindest romantische – Personen und Figuren gerichtet sein sollten, aber trotzdem so, dass es möglich ist, eine Verbindung mit den Figuren aufzubauen und so diese Schatten der Einbildungskraft mit jener momenthaften willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit auszustatten, die ein Vertrauen in die Dichtung schafft. (Übersetzung laut Wikipedia)

… in which it was agreed, that my endeavors should be directed to persons and characters supernatural, or at least romantic; yet so as to transfer from our inward nature a human interest and a semblance of truth sufficient to procure for these shadows of imagination that willing suspension of disbelief for the moment, which constitutes poetic faith.
(In The Works of Samuel Taylor Coleridge, Prose and Verse, 1840,  S. 308)
Der »Pakt« zwischen Autor und Leser, den Anspruch auf die Echtheit des Gelesenen und damit jeden Zweifel daran aufzuheben und so die perfekte Illusion zu schaffen, ist für Coleridge ein Merkmal von Literatur. Erst das mache die Rezeption, also die Aufnahme und Übernahme von fremden Gedanken, Handlungsweisen und Wertvorstellungen, eines Kunstwerks möglich.

Anders ausgedrückt: Der Leser soll sich von der Geschichte mitreißen lassen und nicht schon bei der Lektüre sagen: Das ist doch alles erfunden! Der Pakt bedeutet aber nicht, dass der Leser Ungereimtheiten der Handlung, der Emotionen und bei den Figuren billigt. Er respektiert die Autorität des Autors nur, solange er den Eindruck hat, dass das, was dieser schreibt, so auch geschehen sein könnte.

Dass sich der Leser freiwillig einer Illusion hingibt, ist jedoch seit der Antike verbreitet. Aristoteles definiert Literatur durch das Merkmal der Fiktionalität (von lat. fictio: Bildung, Gestaltung, Personifikation), für ihn ist also Literatur das, »was geschehen könnte«:
… es (ist) nicht Aufgabe des Dichters ... mitzuteilen, was wirklich geschehen ist, sondern vielmehr, was geschehen könnte, das heißt das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit Mögliche. Denn der Geschichtsschreiber und der Dichter unterscheiden sich nicht dadurch voneinander, daß sich der eine in Versen und der andere in Prosa mitteilt – man könnte ja auch das Werk Herodots in Verse kleiden, und es wäre in Versen um nichts weniger ein Geschichtswerk als ohne Verse –; sie unterscheiden sich vielmehr dadurch, daß der eine das wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte. (Von der Dichtkunst; http://www.matoni.de/dichtk/aristpo1.htm)
Aristoteles sieht das also nicht so eng wie Platon, für den Dichtung Lüge ist, denn so wie ein Maler eines Tisches nur ein Abbild des Gegenstandes ›Tisch‹ liefert, stellt auch die Dichtung nur ›Trugbilder‹ der Wirklichkeit her. Da die nachgeahmten Gegenstände selbst bereits bloße Abbilder der Ideen sind, befindet sich  Dichtung in doppelter Distanz zu den Ideen. Sie liefert also Trugbilder ›zweiten Grades‹ (mehr dazu siehe hier).

Fiktionalität ist eben nicht dasselbe wie Lüge, sondern bedeutet, dass man lügen darf, ohne dass es jemanden stört.

Samstag, 21. März 2009

Was ist Literatur. VI.


Pro U-Literatur

Gute Unterhaltungsliteratur (nicht zu verwechseln mit Kitsch) hat aber durchaus ihre Berechtigung, und es ist kein Wunder, dass in Deutschland viel mehr englischsprachige als deutschsprachiger Romane gelesen werden. REICH-RANICKI weiß, weshalb: »Man sehe sich die Romane und Kurzgeschichten solcher Autoren an wie Saul Bellow, John Updike, Yoyce Carol Oates. Alle diese Autoren verachten das Publikum nicht, und anders als viele deutsche Autoren vergessen sie den Leser nie.«

Auch Gregor DOTZAUER bricht eine Lanze für die Unterhaltungsliteratur:
An trüben Tagen, wenn man sich wieder einmal durch besonders ambitionierte neue deutsche Prosa quält, kann es einem schon so vorkommen, als wäre die ganze Literatur eine Angelegenheit von Doktoranden, Gymnasialprofessoren und höheren Töchtern. Man stellt sich vor, wie unglückliche Menschen feingliedrige Metaphern für den fatalen Weltenlauf entwerfen, die andere unglückliche Menschen mit schwerem hermeneutischem Instrumentarium entschlüsseln. Und man malt sich aus, wie Autoren und Leser dabei zusammen von einer Schönheit träumen, die sich spätestens bei einer Stadtteilbibliotheks-Lesung, zwischen Leuchtstoffröhren, Resopal-Tischen und stapelbaren Plastikstühlen, als hoffnungslos überirdische Sehnsucht entpuppt. Im Grunde muß man nur an die Tristesse des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs denken, damit einen ein heiliger Zorn packt und man bereit ist, all die Forderungen an eine saftlose Literatur zu unterschreiben, die man inzwischen schon auswendig kann: Mehr Spaß! Mehr Sex! Mehr Glamour! Mehr Drogen! Mehr Wahnsinn! Mehr Gegenwart! Mehr Wirklichkeit!
BECKETT las Kriminalromane von Edgar WALLACE, Agatha CHRISTIE, Erle Stanley GARDNER und STOUT, um sich zu entspannen.

Für Patricia HIGHSMITH sind Schriftsteller »Entertainer«: »Sie genießen es, Dinge in reizvoller und amüsanter Form darzubieten, damit Zuschauer oder Leser überrascht aufblicken, anteilnehmen und Spaß an der Darbietung haben.«

– Man stelle sich den Aufschrei hierzulande vor, wenn ein anerkannter Autor zugäbe, er wolle amüsant schreiben, damit sein Leser Spaß bei der Lektüre habe. –

Auch REICH-RANICKI benutzt das Wort amüsant:
Dürrenmatt hat vor bald dreißig Jahren sehr richtig gesagt, daß gerade große Schriftsteller sehr wohl imstande gewesen wären, das Ihrige unter den auferlegten Bedingungen an den Mann zu bringen: Indem sie den menschlichen Unterhaltungstrieb einkalkulierten, hätten sie amüsant geschrieben und damit bewiesen, daß sie ihr Geschäft verstehen.
Jeder Dramatiker, ob SHAKESPEARE, HAUPTMANN, legt Wert darauf, seinen Zuschauer zu unterhalten, und denkt auch an den weniger anspruchsvollen. BRECHT will Gesellschaftskritik üben und die Welt verändern, und doch baut er Lieder in seine Stücke ein. Ihm ist wichtig, dass seine Botschaft alle Menschen erreicht, auch die, denen der Ton mehr sagt als das Wort. Sind die Dreigroschenoper oder der Sommernachtstraum deshalb trivial?

REICH-RANICKI geht es
also immer wieder darum, daß sich die Autoren bemühen sollten, die in Deutschland besonders große und ärgerliche Kluft zwischen der Literatur und ihren Adressaten zu verringern. Nur dies hatte ich im Sinn, wenn ich gelegentlich bedauerte, daß es den intelligenten deutschen Unterhaltungsroman nur sehr selten gibt. Ich habe einmal gesagt, der Weg von dem in den Niederungen gelegenen »Schloß Hubertus« des Ludwig Ganghofer zu dem auf einem hohen Berggipfel befindlichen »Schloß« sei beschwerlich, könne aber den Lesern erleichtert werden, wenn sie, von einem Schloß zum anderen aufsteigend, auf halber Höhe Rast machen, beispielsweise in einem »Schloß Gripsholm«. Eine derartige Literatur auf mittlerer Höhe ist legitim und heute nötiger als je. Man könnte hier die Unterhaltungsromane von Erich Kästner nennen, die Kriminalromane von Dürrenmatt und ähnliches. Beispielhaft ist diese Zwischenstufe in der angelsächsischen Welt. Ich meine solche Autoren wie Somerset Maugham, Priestley, Angus Willson und, vor allem, den hierzulande meist unterschätzten Graham Greene. Heute, da die Literatur von allen Seiten bedroht ist, scheint mir die Rolle und Funktion derartiger Romane und Erzählungen besonders wichtig.
Thomas MANN entgegnet auf HESSES Vorwurf, in der Königlichen Hoheit seien gar zu viele »Antreibereien des Publikums« zu finden, dass ihm daran gelegen sei, nicht nur von Kennern und Eingeweihten gelesen zu werden.

SCHLINK, der mit dem Vorleser einen Weltbestseller geschaffen hat, sagt, dass er eine Literaturlandschaft mag,
die nicht aufgeteilt ist zwischen »U«- und »E«-Kultur. Ich wollte immer Bücher schreiben, die man in jeder Bahnhofsbuchhandlung kaufen kann und einfach in die Tasche steckt und unterwegs liest, im Zug, in der U-Bahn. Und was ich so an Zuschriften aus den USA bekomme, zeigt eine ganz demokratische Leserschaft: von Intellektuellen bis zu Mitgliedern eines kleinen Buchclubs irgendwo im Mittleren Westen.
Während einer Lesereise wurde der erfolgreichsten zeitgenössischen Kriminalautorin, Elizabeth GEORGE, bedeutet, dass eine wie sie nicht im Hamburger Literaturhaus auftreten dürfe. Sie sagt dazu in einem Interview mit dem Tagesspiegel:
In unserer Diskussion über die Frage »Was ist Literatur?« fiel dieser Satz, der mich sehr erschüttert hat. Ich weiß, dass in Deutschland ein großer Unterschied gemacht wird zwischen Literatur und Unterhaltung. Doch ich frage mich schon manchmal: Wo ordnen sie jemand wie Hemingway ein oder, um auf England zu kommen, Jane Austen. Beide sind nicht unbedingt Vertreter einer elaborierten Sprache, die in Deutschland anscheinend Voraussetzung für Literatur ist.
Auf die Frage, ob sie deutsche Literatur kennt, antwortet sie: »Leider nicht gut. Zurzeit lese ich Medeas Stimmen von Christa Wolf. Ein gutes, ein schönes Buch. Und nun würde mich mal interessieren: Ist das in Deutschland Literatur oder Unterhaltung?«

– Man mag zu Elizabeth Georges Romanen stehen, wie man will, aber erschaffen die Autoren, die zur Zeit hoch gelobt werden, wirklich Hochliteratur? –

Arthur C. CLARKE erhielt 1998 für seine Verdienste um die Literatur den Ritterschlag. »Das macht mich sehr glücklich, weil Science-Fiction oft nicht als Literatur ernstgenommen wird«, sagt Sir Arthur.

In Deutschland wird nicht nur Science-Fiction abgelehnt (was auch daran liegen mag, dass früher selbst gut geschriebene SF-Literatur als Heftchenroman erschien). Sogenannte Experten werten die Leistung eines Schriftstellers ab, wenn er eine beachtliche Verkaufszahl erreicht oder – wie furchtbar – einen Bestseller landet. Als sich Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Martin WALSERS Fliehendes Pferd gut verkaufte, warfen ihm Kritiker Anbiederung an den Massengeschmack vor.

Mittlerweile haben die Literaturwissenschaftler jedoch den Leser entdeckt und kommen langsam vom Begriff des literarischen Textes als Sprachkunstwerk ab.

Was ist Literatur. V.


U-Literatur

Texte, die den ästhetischen, formalen und funktionalen Kriterien der Literaturwissenschaft nicht genügen, gelten als trivial. Wer keine literarischen Texte, sprich Hochliteratur oder E-Literatur, schreibt, geht auf das Bedürfnis einer möglichst großen Anzahl von Käufern, also aufs Massenpublikum, ein und verfasst Trivialliteratur (deshalb spricht man heute auch von Massenliteratur).

Nur – wie passt GOETHES Ausspruch »Wer nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben hierhin«? Und wie sieht es aus mit SCHILLER, der mit trivialen Erzählmustern einen größeren Leserkreis erreichen wollte, so mit seiner Erzählung Verbrecher aus verlorener Ehre und seinem Fortsetzungsroman Der Geisterseher. Der Roman ist ein Politthriller mit einem obskuren Geheimbund (wofür er sich mit den Illuminaten und Rosenkreuzlern beschäftigte), mit Spiritismus, Hokospokus, einer schönen Betrügerin und geheimnisvollen Ereignissen, wodurch ein Prinz in die Fänge des besagten Geheimbundes gelangt, der durch ihn einen Thron für die Kirche erwerben will; also mit allen Elementen der U-Literatur. Der Roman blieb unvollendet, denn Schiller bezeichnete seine Romane später als »Schmiererei«, die er allmählich satt habe, obwohl er mit dem Geisterseher sein höchstes Honorar erzielte.

Schiller hatte auch keine Schwierigkeiten, von den Autoren von Abenteuerromanen und Schauerliteratur zu lernen. Er beschwerte sich zwar darüber, dass »das immer allgemeiner werdende Bedürfnis zu lesen ... noch immer von mittelmäßigen Scribenten und gewinnsüchtigen Verlegern dazu gemißbraucht (wird), ihre schlechte Ware ... in Umlauf zu bringen«. Dennoch wäre es kein »geringer Gewinn … für die Wahrheit, wenn sich bessere Schriftsteller herablassen möchten, den schlechten die Kunstgriffe abzusehen, wodurch sie sich Leser erwerben, und zum Vorteil der guten Sache davon Gebrauch machen.« Denn »es (ist) an einem unterhaltenden Buch schon Verdienst genug, wenn es seinen Zweck ohne die schädlichen Folgen erreicht, womit man bei den meisten Schriften dieser Gattung das geringe Maß der Unterhaltung, die sie gewähren, erkaufen muss«.

(Wenn es Sie interessiert: Hier ist eine ausführliche Darstellung über Schiller als Romanschriftsteller.)

Aber auch Goethe las Romane von Trivialautoren, um zu lernen, wie er im Wilhelm Meister einen Geheimbund agieren lassen könnte.

Heitere Texte können expressis verbis keine E-(ernste) Literatur sein, gelten also ebenfalls als trivial.

Bei der Trivialliteratur (von lat. trivialis: gewöhnlich – im Sinne von ordinär, allgemein bekannt) wird die Handlung in anspruchsloser Sprache (In der tiefblauen Bucht, auf die eine strahlende Sonne lachte, lag eine blendendweiße Yacht vor Anker) mit vielen schmückenden, nichtssagenden Adjektiven (Die beiden entzückenden jungen Frauen genossen ein leckeres Mahl und plauderten gut gelaunt miteinander) und breit getretenen Metaphern (Er versank in ihren blauen Augen wie in einem abgrundtiefen Meer) nach immer demselben simplen Muster – zwei links, zwei rechts – gestrickt, und eine Masche, die fällt, wird nicht wieder aufgenommen. Die Trivialliteratur gleicht einem Streuselkuchen: Er ist bedeckt mit Streuseln verschiedener Größe. Jeder Streusel ist anders, sie schmecken aber alle gleich.

Sie wird auch nach immer demselben Schema verfasst (deshalb wird sie auch als Schemaliteratur bezeichnet). Probleme werden so gelöst, wie es der Leser erwartet, Gefühle beschrieben statt im Leser hervorgerufen und die Charaktere einfach gezeichnet. Gut und Böse sind feststehende Kategorien: Der Gute ist ohne Fehler und braucht den Bösen als Gegenspieler. Nuancen kommen kaum vor. Gute Taten und hohe Ideale werden einseitig, klischeehaft und damit verlogen dargestellt, auf das Schlechte wird mit dem moralisierenden Zeigefinger hingewiesen.

Elend und Armut werden zum Beispiel romantisch verbrämt (die arme Einwandererfamilie, die trotz allem Hunger und Elend zusammenhält und ihre Kinder zu achtbaren Menschen erzieht wie in Die Asche meiner Mutter). Bruno PREISENDÖRFER schreibt dazu: »In den Künsten ist die unveredelte Darstellung von Armut in Wahrheit sehr selten, weil so etwas ästhetisch nicht genießbar ist. Elend ist schmutzig, stinkt und entwürdigt diejenigen, die ihm zum Opfer fallen, weil sie die Elenden selber schmutzig, stinkend, böse und gemein machen.«

Trivialliteratur spiegelt nicht die Wirklichkeit. Die Texte haben keinen »doppelten Boden«, weil das, was sie sagen wollen, auf dem Silbertablett präsentiert wird. Die Trivialliteratur ist eine Ware, für die nicht die literarischen Regeln gelten, sondern der Markt. Ein belangloses Manuskript wird zum Bestseller, wenn der Schreiber jemanden findet, der mehrere hunderttausend Euro spendiert.

Autoren von Trivialliteratur kommt es auf Spannung und action an, und nicht auf Sorgfalt bei der sprachlichen und inhaltlichen Ausführung

Besser als FLAUBERT in Madame Bovary kann man Trivialliteratur nicht beschreiben:
Es wimmelte darin von Liebschaften, Liebhabern, Geliebten, verfolgten Damen, die in einsamen Gartenpavillons in Ohnmacht sanken, von Postillionen, die an jeder Poststation ermordet wurden, von Rossen, die man auf jeder Seite zuschanden ritt, von düsteren Wäldern, Herzenswirrnissen, Schwüren, Seufzern, Tränen und Küssen, Gondelfahrten bei Mondschein, Nachtigallen in den Gebüschen, von Edelherren, die tapfer wie Löwen und sanft wie Lämmer waren, dazu stets schön gekleidet und tränenselig wie Urnen. Ein halbes Jahr lang machte sich Emma als Fünfzehnjährige mit dem Staub der alten Leihbibliotheken die Hände schmutzig. Später berauschte sie sich mit Walter Scott an historischen Begebnissen, träumte von Truhen, Waffensälen und Minnesängern. Sie hätte, ach! so gern auf einer alten Burg gelebt wie jene Schloßfräulein im langmiedrigen Gewand, die unter Kleeblattfensterbogen ihre Tage hinbrachten und, den Ellbogen auf den Stein und das Kinn in die Hand gestützt, Ausschau hielten nach dem Reiter mit der weißen Feder, der auf einem Rappen von weither über die Ebene herangaloppiert kam. Damals trieb sie auch einen wahren Kult mit Maria Stuart und verehrte enthusiastisch alle berühmten oder unglücklichen Frauen. Jeanne d’Arc, Héloise, Agnes Sorel, die schöne Helmschmiedin und Clemence Isaure hoben sich leuchtend wie Kometen von der endlosen Finsternis der Geschichte ab, aus der noch hie und da, jedoch verlorener im Dunkel und ohne jede Beziehung untereinander noch andere Gestalten hervortraten: der heilige Ludwig mit seiner Eiche, der sterbende Bayard, ein paar Greueltaten Ludwigs XI., ein bißchen Bartholomäus-Nacht, der Helmbusch des Béarners hervortraten, und immer wieder die Erinnerung an die bemalten Teller, auf denen Ludwig XIV. verherrlicht wurde.
Die Einteilung von Autoren in solche von E- und von U-Literatur ist oft subjektiv, von Vorurteilen geprägt. Zu den U-Autoren zählt außer Karl MAY, Hedwig COURTHS-MAHLER oder Vicki BAUM auch VERNE, weil seine literarischen Mittel nicht ausreichten, um eine atmosphärische Dichte zu erzeugen, wie es heißt. Dem widerspricht Arno SCHMIDT: Für ihn liegt Vernes »eigentliches literarisches, noch nie so recht gewürdigtes Verdienst« darin, dass er als Erster »den Groß-Nachweis geführt hat: wie die Errungenschaften des Technikers … nicht nur nicht poesie-zerstörend wirkten; sondern vielmehr unerhört neue-reiche Gebiete dem Dichter eröffneten!«.

Erstaunlicherweise wird SIMMEL ist inzwischen anerkannt. »Der Simmel-Diskurs ist schick geworden«, schreibt Beatrice VON MATT. Er gilt als »demokratischer Gebrauchsschriftsteller«, als »Chronist unserer Zeit«.

Seine ersten Bücher wie Es muss nicht immer Kaviar sein und Mich wundert, daß ich so fröhlich bin waren zwar gelungen, doch seither sind seine Romane, in denen er über so wichtige Themen wie die Mafia, die Zerstörung des Regenwaldes oder die Gentechnik schreibt, nach immer demselben Muster gestrickt: Kennt man einen seiner Helden, kennt man alle, und immer wird der edelmütige, leicht weltfremde Held mit der zauberhaften Heldin eine zauberhafte Affäre erleben. Ärgerlich sind auch die Phrasen: »Ungeheure Trauer ging von ihm aus«, »Das Traurigste, was ich jemals gesehen habe«, »Großes Erlebnis, mit Ihnen zusammenzutreffen«. Der Leser liest darüber hinweg und beschäftigt sich mit dem, was wirklich wichtig ist, eben der Mafia, der Zerstörung des Regenwaldes oder der Gentechnik. Nur bleibt dann nicht viel übrig. Er fragt sich, wie er einen Text schlecht finden kann, wenn es Simmel doch um das Gute geht. Nur leider sorgt der sich zu sehr um die Welt und zu wenig um die Kunst.

Kinder- und Jugendbücher zählen ebenfalls zur Trivialliteratur, weil sie in kunstloser Sprache und nur für eine bestimmte Gruppe geschrieben werden. Doch viele bekannte Schriftsteller wie Martin WALSER und BRECHT schreiben auch für die Jugend. Viele Jugendbücher sind Erwachsenenbücher, sogar Weltliteratur geworden, wie die Schatzinsel oder Robinson Crusoe. Und Millionen Erwachsene verschlingen ein Kinderbuch: Harry Potter. Für Harald MARTENSTEIN »hängt es damit zusammen, dass eine bestimmte Art des Schreibens sich zu einem großen Teil in den Kinder- und Jugendbuchmarkt zurückgezogen hat. Naiv, aber kunstvoll, geradeaus erzählt, aber skrupellos fabulierend, keinem literarischen Modell verpflichtet, nur der eigenen Fantasie und der Lust des Publikums«.

KÄSTNER, der nicht nur Jugendbücher schrieb, sondern auch Satiriker, Feuilletonist, Romançier und zeitkritischer Lyriker war, galt als »Gebrauchspoet« – ein Titel, auf den er stolz war. Er bekannte sich zur Einfachheit und Klarheit in Sprache und Stil, zu Volksnähe und Witz – das, was seine Kritiker bemängelten. »Mit der Sprache seiltanzen, das gehört ins Varieté«, kritisiert er seine Kritiker.

Mittwoch, 25. Februar 2009

Was ist Literatur? IV


E-Literatur

… kein Zweifel, ein hochinteressantes, ein brillantes Buch.
Ich habe es nach dreißig Seiten weggelegt,
weil es unaussprechlich langweilig war. (REICH-RANICKI)
Denn all unser Lesen, worauf läuft es schließlich hinaus? Daß wir rechtzeitig an die richtigen Bücher kommen und Geld und Zeit nicht verläppern. Philologisch mag sie anfechtbar sein, die Inschrift auf der alten Berliner Bibliothek »Nutrimentum Spiritus«, aber sachlich trifft sie den Nagel auf den Kopf: Bücher sind Nahrung. Alles was man über das Lesen klugreden und geistreicheln mag, ist Geschwätz, ohne diese Grundwahrheit: Bücher sind keine Narkotika, Bücher sind keine Stimulantien, Bücher sind Nahrung, und wer glaubt, von Stimulantien und Narkotika leben zu können, wird an ihnen sterben. Daß ein Mensch nicht mit Eierkognak, Kaviar und Schlagrahm auf die Dauer bestehen kann, weiß jeder. Aber Tausende füttern sich mit nichts als Konditorliteratur, Likörliteratur, Gourmetliteratur und laufen geistig mit einem scheußlichen Magenkatarrh herum, weil sie’s nicht glauben, daß auch im Geistigen Anfang und Ende aller Weisheit die einfachen unverfälschten Dinge sind: Milch, Brot, Honig, Früchte. (Josef HOFMILLER)
Im deutschsprachigen und mittlerweile leider auch im angelsächsischen Sprachraum (wo man früher nur fiction für literarische Prosa und nonfiction für Sachliteratur kannte) wird zwischen Hochliteratur beziehungsweise Sprachkunstwerken (E-Literatur) und Unterhaltungs- beziehungsweise Trivialliteratur (U-Literatur) unterschieden.

Der Kritiker Joachim KAISER erklärt in einem Interview mit dem Tagesspiegel den »Unterschied zwischen Kunst erster und zweiter Klasse«:
Die einen gucken doch zu sehr nach dem Markt. Das ist das Paradox des klassischen Künstlers: Ein Beethoven wollte weiß Gott auch leben, er war ein sehr geschäftstüchtiger Mann, er hat den Markt ausgenutzt, sich aber gleichzeitig nicht von ihm beeinflussen lassen. Richard Wagner war ein ähnlicher Fall. Nachdem eine Zeit lang von ihm nichts aufgeführt wurde, wollte er eine ganz leichte Liebesgeschichte schreiben. Daraus wurde dann der Tristan.
Originalität bestünde weniger darin, in einem Text »etwas völlig anders zu machen, als vielmehr darin, wie viel Tradition er in sich birgt«. In dieser Originalität sieht er den Unterschied zwischen »großer Literatur« und Unterhaltungsliteratur.

Für Ezra POUND ist »große Literatur einfach Sprache, die bis zum Höchstmaß mit Bedeutung geladen ist«, und für Patricia HIGHSMITH bedeutet ein guter Text »Scharfblick, Charakter, Horizonterweiterung für die Phantasie des Lesers«. YEATS nennt ein Kunstwerk umso vollkommener, »je verschiedener und zahlreicher die Elemente sind, die in seiner Vollkommenheit zusammenströmen«.

Mittwoch, 18. Februar 2009

Textarten (Was ist Literatur. III)


Der Gebrauchstext

Wörtlich gemeinte Texte sind Gebrauchstexte: Der Schreiber will nicht unterhalten, sondern informieren. Er selbst tritt hinter das Geschriebene zurück. Hierzu zählen unter anderem Gebrauchsanweisungen, Werbung und Zeitungsartikel.

Der literarische Gebrauchstext

Literarische Gebrauchstexte sind nichtfiktive Texte wie Briefe oder Tagebucheintragungen einer Figur. Thomas MANN verknüpft in den Buddenbrooks einen Lexikonartikel über Typhus (»Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt«) mit dem Roman, um den Tod des kleinen Hanno darzustellen. Er erreicht damit eine stärkere Wirkung, als wenn er die Krankheit beschrieben hätte, auch vermeidet er so jede Rührseligkeit. Berühmt geworden ist auch die Passage in DÖBLINS Roman Berlin Alexanderplatz, in der Franz Biberkopf Ida, seine Braut, erschlägt:
Was die Sekunde vorher mit dem Brustkorb der Frauensperson geschehen war, hängt zusammen mit den Gesetzen von Starre und Elastizität und Stoß und Widerstand. Das erste Newtonsche [njutensche] Gesetz, welches lautet: Ein jeder Körper verharrt im Zustand der Ruhe, solange keine Kraftwirkung ihn veranlaßt, seinen Zustand zu ändern [bezieht sich auf Idas Rippen]. Das zweite Bewegungsgesetz Njutens: Die Bewegungsänderung ist proportional der wirkenden Kraft und hat mit ihr die gleiche Richtung [die wirkende Kraft ist Franz, beziehungsweise sein Arm und seine Faust mit Inhalt]. Die Größe der Kraft wird mit folgender Formel ausgedrückt:

Die durch die Kraft bewirkte Beschleunigung, also den Grad der erzeugten Ruhestörung, spricht die Formel aus:

Danach ist zu erwarten und tritt tatsächlich ein: Die Spirale des Schaumschlägers wird zusammengepreßt, das Holz selbst trifft auf. Auf der andern Seite, Trägheits-, Widerstandsseite: Rippenbruch 7.- 8. Rippe, linke hintere Achsellinie.

Bei solcher zeitgemäßen Betrachtung kommt man gänzlich ohne Erinnyen aus. Man kann Stück für Stück verfolgen, was Franz tat und Ida erlitt. Es gibt nichts Unbekanntes in der Gleichung. Bleibt nur aufzuzählen der Fortgang des Prozesses, der so eingeleitet war: Also Verlust der Vertikalen bei Ida, Übergang in die Horizontale, dies als grobe Stoßwirkung, zugleich Atembehinderung, heftiger Schmerz, Schreck und physiologische Gleichgewichtsstörung."
SIMMEL druckt in Es muss nicht immer Kaviar sein Speisekarten ab und die Kochrezepte dazu. »Auf >russisch< style="font-style: italic;">Russischem Borscht, Filet de Boef Stroganoff und Zitronen-Soufflé. Sachbuchautoren wiederum wählen eine verständliche, bildhafte Sprache und verwenden literarische Elemente wie die Schilderung von (fiktiven) Gefühlen, um den Text lebendiger zu gestalten.

Drei Möglichkeiten, über den Mond zu schreiben

Die folgende Definition aus der Kleinen Enzyklopädie Natur ist ein Gebrauchstext:
Der Mond ist unser Nachbar im Weltraum. Ein Flugzeug mit 400 km Stundengeschwindigkeit würde schon nach etwa 40 Tagen ununterbrochenen Fluges auf ihm landen. Zur Sonne würde es 42 Jahre unterwegs sein,
BÜRGELS Beschreibung in Aus fernen Welten ist ein literarischer Gebrauchstext:
Zwei Gestirne vor allem haben den Menschen seit den grauesten Tagen beschäftigt, haben auf sein Leben, sein Denken, sein Naturfühlen eingewirkt: »das große Licht, das den Tag regiert, und das kleine Licht, das die Nacht regiert«. Das Tagesgestirn haben wir bereits eingehend betrachtet, nun wollen wir uns dem bleichen Nachtwandler zuwenden, dem Monde,
und EICHENDORFFS Mondnacht ein literarischer Text:
Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst’.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
VERNE drückt den Unterschied so aus:
Für den Dichter ist die Perle eine Träne aus dem Meer … Für den Chemiker jedoch ist sie ein Gemisch aus Phosphat und Kalziumkarbonat mit etwas Gelatine. Und für den Biologen ist sie einfach eine krankhafte Sekretion des Organs, das in gewissen zweischaligen Muscheln Perlmutt produziert.
Im Gebrauchstext schreibt der Autor, was eine Figur sagt. Im fiktiven Text schreibt er, was sie denkt.

Ich beschränke mich hier, wie Sie sicher schon bemerkt haben, auf die Belletristik, die »schöne« Literatur. Viele Regeln, Beispiele und Zitate gelten aber auch für Lyrik, Essay und Sachliteratur. Doch auf einen wesentlichen Unterschied muss ich (leider) hinweisen: Literatur ist nicht gleich Literatur.

(Wenn mir jetzt noch jemand sagen könnte, wie ich die Rahmen um die Formeln wegkriege, wäre ich ihm sehr dankbar. Beim Verfassen des Posts ist er nämlich nicht zu sehen, jmw)

Dienstag, 17. Februar 2009

Textarten (Was ist Literatur. II)


Der literarische Text

Ein Text (von lat. textus: Gewebe, von textere: weben) ist wie ein Teppich ein inhaltlich zusammenhängendes Gebilde. Der Schreiber webt ihn mit langen und kurzen Fäden – einige aus Zwirn und andere aus Seide –, er verflechtet sie kunstvoll und entwirrt sie wieder. Er tauscht gelbe gegen grüne, wenn sie ihm besser gefallen, und entfernt Fäden, die den Stoff überfrachten. Aber immer führt durch den Text ein roter Faden. Ab und zu wird der Teppich aufgedröselt und neu gewebt, doch nie darf der rote Faden verloren gehen. Und zum Schluss verknüpft der Schreiber kunstreich die losen Enden.

Er knüpft innere Bilder zu prunkvollen Ornamenten, und er webt hinein Tränen und Blut und manchmal ein Lachen, seine Erinnerungen und Ängste, Faden auf Faden, Farbe auf Farbe. Nicht immer ist das hübsch, was er verknüpft, nicht immer schimmert es und ist schmiegsam. Das darf es auch gar nicht sein. Denn er webt Widersprüche hinein und seine Wut und seine Gedanken über sich und die Welt.

Manche Erzähler schaffen in mühevoller Handarbeit ein wohl gebildetes Gewebe, dessen Farben auch nach Jahren noch leuchten, andere mit maschineller Routine synthetische Massenware.

Der Schriftsteller erschafft eine Illusion, eine Welt mit sprechenden und handelnden Menschen, mit Dingen und Ereignissen, die es ohne ihn nicht gäbe. Er zeigt die Schönheit und den Zauber, die zu entdecken sind, wenn der Leser die Welt mit den Augen des Erzählers sieht – Schneelandschaften oder Straßenfluchten, einen Regenmorgen am Meer oder einen Sonnenaufgang über der Wüste. Er lockt den Leser durch die packende Darstellung atmender Figuren, sich mit ungewohnten Themen, Menschen und Schicksalen zu befassen.

Der Schriftsteller beschreibt die Welt nicht, wie sie ist, er lässt sie erscheinen.

Der literarische Text erfüllt durch seine Gestaltung – wie Aufbau, Perspektive und Art des Erzählens –, durch seine Sprache – wie den Gebrauch rhetorischer Figuren und das Vermeiden von Klischees –, und dadurch, dass er dem Leser neue Erfahrungen ermöglicht, ästhetische (Ästhetik = Lehre von der Schönheit; von gr. aisthetikós: das Wahrnehmbare betreffend) Ansprüche und wird sinnlich erfahrbar. Für Sigrid LÖFFLER transportiert »literarische Sprache, wenn sie gelingt, … Bilder, Klänge, Phantasien, Erregungszustände, (sie) schafft den unmittelbaren Zugang zu den Gefühls- und Erinnerungsspeichern und gewinnt damit ihren ästhetischen Reiz«.

Der Leser kann alle Wörter, die er benötigt, in einem Wörterbuch finden. Was er aber in Ihren Geschichten findet, ist der Sinn der Worte. Und wichtiger noch, das Gefühl, das dieser Wortsinn in ihm erzeugt. … Nicht das zählt, was gesagt wird, sondern die Wirkung dessen, was gemeint ist. (Sol STEIN)

Der literarische Text beruht auf In-Frage-Stellen. TSCHECHOW schreibt am 27. Oktober 1898 an SUVORIN:
Wenn Sie vom Künstler ein bewusstes Verhältnis zu seiner Arbeit verlangen, so haben Sie recht, aber Sie verwechseln zwei Begriffe: die Lösung der Frage und die richtige Stellung der Frage. Nur zum zweiten ist der Künstler verpflichtet. In »Anna Karenina« und im »Onegin« wird keine Frage gelöst, aber beide befrieden Sie völlig, nur weil in ihnen alle Fragen richtig gestellt sind.
Ein Text mag wie die Ethik oder die Philosophie Fragen stellen nach der Moral, nach dem rechten Verhalten, er darf jedoch anders als sie keine allgemeingültigen Antworten bieten.

Der literarische Text wird nicht geschrieben, sondern sprachlich gestaltet und nach stilistischen Regeln logisch aufgebaut. Dazu gehört auch die zeitliche Ordnung. Der inhaltliche Zusammenhang reicht nicht aus, wie ich an einem Ausschnitt aus dem Kapitel Landwirtschaftsausstellung , das als eine der gelungensten Passagen in den Romanen des neunzehnten Jahrhunderts gilt, in FLAUBERTS Madame Bovary zeigen möchte:
Darin standen die Tiere, mit den Mäulern nach dem Strick hin, die ungleichmäßig hohen Kruppen aneinandergereiht, wie es gerade kam. Pferdeknechte mit nackten Armen hielten an den Trensen sich bäumende Zuchthengste, die mit geblähten Nüstern nach der Seite hin wieherten, wo die Stuten standen. Kälber brüllten, Schafe blökten, Kühe, das Knie eingeknickt, breiteten ihre Bäuche auf dem Rasen aus, käuten langsam wieder und zuckten mit den schweren Lidern, der sie umschwärmenden Stechfliegen wegen. Schläfrige Schweine wühlten mit ihrem Rüssel im Erdboden.
Ist der Text richtig gegliedert oder wirkt er unharmonisch? Richtig: ich habe die Sätze umgestellt (und einen Punkt in ein Semikolon geändert). Der erste Satz ist richtig, der folgende schildert die Szene, der darauf folgende stellt sie allgemeiner dar und der letzte Satz ungenau. Normalerweise wird vom Allgemeinen zum Besonderen beschrieben. Wie beim Zoom geht der Blick erst in die Weite, und dann werden die Einzelheiten herangeholt. Flaubert, der erste moderne Schriftsteller, beschreibt Menschen, Ereignisse und Landschaften mit fotografischer Genauigkeit, seine Sätze und Szenen ähneln Schnittfolgen und der Kameraperspektive beim Film. Hier ist also die richtige Fassung:
Darin standen die Tiere, mit den Mäulern nach dem Strick hin, die ungleichmäßig hohen Kruppen aneinandergereiht, wie es gerade kam. Schläfrige Schweine wühlten mit ihrem Rüssel im Erdboden; Kälber brüllten, Schafe blökten, Kühe, das Knie eingeknickt, breiteten ihre Bäuche auf dem Rasen aus, käuten langsam wieder und zuckten mit den schweren Lidern, der sie umschwärmenden Stechfliegen wegen. Pferdeknechte mit nackten Armen hielten an den Trensen sich bäumende Zuchthengste, die mit geblähten Nüstern nach der Seite hin wieherten, wo die Stuten standen.
Außerdem gehört zu einem literarischen Text die gleichmäßige Verteilung dessen, was erzählt werden soll: Es dürfen nicht einige Stellen mit Ereignissen überfrachtet und andere mit leerem Gerede gefüllt werden. Nicht zuletzt gehört zu ihm die optische Gestaltung wie die Unterteilung in Absätze und Kapitel.

Dienstag, 2. Dezember 2008

Wenn ein Gewehr an der Wand hängt, muss es auch schießen (Übers Erzählen. IV)


Denn was ohne sichtbare Folgen vorhanden sein oder fehlen kann, ist gar nicht ein Teil des Ganzen. (ARISTOTELES, Poetik)
»Bester Aleksander Semjenowitsch [Aleksandr Semënovič Lazarev-Gruzinskij (1861–1927)]«, schreibt TSCHECHOW am 1. November 1889, »Ihr Vaudeville habe ich bekommen und sofort gelesen. Es ist sehr schön geschrieben, aber seine Architektur ist unerträglich. Diese widerspricht der Bühne total. Urteilen Sie selbst. Daschas erster Monolog ist völlig unnötig, denn er ragt hervor wie ein Auswuchs. Er wäre am Platz, wenn Sie aus Dascha nicht einfach eine Statistenrolle hätten machen wollen und wenn er, der Monolog, der dem Zuschauer viel verspricht, irgendeinen Bezug hätte zum Inhalt oder den Effekten des Stücks. Man kann nicht ein geladenes Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuß daraus abzugeben(kursiv jmw).«

Добрейший Александр Семенович! Водевиль Ваш получил и моментально прочел. Написан он прекрасно, но архитектура его несносна. Совсем не сценично. Судите сами. Первый монолог Даши совершенно не нужен, ибо он торчит наростом. Он был бы у места, если бы Вы пожелали сделать из Даши не просто выходную роль и если бы он, монолог, много обещающий для зрителя, имел бы какое-нибудь отношение к содержанию или эффектам пьесы. Нельзя ставить на сцене заряженное ружье, если никто не имеет в виду выстрелить из него. Нельзя обещать. Пусть Даша молчит совсем - этак лучше. (zitiert nach http://dslov.narod.ru/pos/p782.htm)

Wie das so ist: Der russsische Theater-Direktor und Autor Vladimir Ivanovich Nemirovich-Danchenko behauptete, dass er Urheber dieser Formulierung sei, und zwar als kritische Bemerkung zur ersten Fassung der Möwe (Чайка =Tschaika; The Seagull). Aber Tschechow begann erst in den 1890er Jahren, das Stück zu schreiben.)
Damit nennt Tschechow einen der wichtigsten literarischen (und dramaturgischen) Grundsätze: Alles, was in Ihrem Text anklingt, alles, was Sie einbringen, muss eine Bedeutung für ihn haben. Jeder Satz ist ein Versprechen, das eingelöst werden muss. Alles muss sich zusammenfügen, vom Kugelschreiber bis zur Kletterpflanze, von der Schildkröte bis zum Computer-Passwort. Das, was einen Text nicht voranbringt, gehört als nutzloser Ballast über Bord geworfen. Eine Geschichte, ein Roman ist wie ein Mobile: Ziehen Sie an einem Faden oder verschieben ihn, bewegt sich das ganze Werk. Reißt er, gerät das ganze Gebilde aus dem Gleichgewicht. Alles hängt mit allem zusammen, die Absätze, die Kapitel, der erste Satz mit dem letzten.
Alle Figuren, Handlungen, Gegenstände und Ereignisse, die Sie erwähnen, mögen sie noch so belanglos scheinen, müssen ihre Aufgabe für den Text erfüllen. Sonst sind sie wie Gewehre, die nicht schießen: reine Dekoration.
Die Aneinanderreihung von Ereignissen und Gegenständen ergibt noch keine Geschichte. Das wird sie erst, wenn die Ereignisse und Gegenstände aufeinander bezogen werden und voneinander abhängen.

E. M. FORSTER erklärt den Unterschied zwischen Handlung und Plot folgendermaßen:
Der Satz »Der König starb, und dann starb die Königin« verweist auf eine bloße Reihenfolge. Zu einem Plot, einer strukturierten Geschichte, wird er erst, wenn er lautet: »Der König starb, und dann starb die Königin aus Kummer.« Die beiden Handlungselemente sind nun durch Ursache und Wirkung beziehungsweise durch Grund und Folge aufeinander bezogen. König und Königin sind aneinander gebunden, ja sie »existieren« hauptsächlich durch ihre Beziehung. (Zitiert nach GESING, Kreativ Schreiben)
Der Leser achtet auf das kleinste Zeichen. Selbst eine Nebelbank oder ein Armband wie in Elizabeth GEORGES Denn sie betrügt man nicht müssen für die Handlung wichtig sein. Ohne die Brille des Professors in CHRICHTONS Timeline wäre die Geschichte anders verlaufen. Auch ein Spielzeuggewehr muss schießen. Und niemand darf sich grundlos schnäuzen. Denn weshalb etwas erwähnen, das die Handlung nicht voranbringt; weshalb die kostbare Zeit mit Unwichtigem vergeuden?

IRVING erwähnt im Zirkuskind* auf Seite 34 einen »kleinen und scheinbar unbedeutenden Vorfall«, eine »Krähe, die etwas Glitzerndes im Schnabel hielt« (haben Sie die Fährte bemerkt, die er mit scheinbar gelegt hat?; lesen Sie dazu die Einträge zu »Übers Beginnen«). Auf Seite 332 spielt jemand mit einem »Kugelschreiber herum. Er war aus echtem Silber und in Schreibschrift war der Länge nach MADE IN INDIA eingraviert«. Auf Seite 810 schließlich dienen diese »Kleinigkeiten« sowie ein Ventilator und eine Kletterpflanze zur Entlarvung eines Mörders. – Sie sehen, dass Sie selbst Blumen oder Pflanzen nicht unbegründet erwähnen dürfen.

Schreiber füllen mit Beschreibungen viele, viele Seiten, Schriftsteller erarbeiten Seiten mit wohlbegründeten und durchdachten Sätzen. Sie schreiben kein aufgeblähtes Buch, sondern Literatur.
In der Mittelgewichtsehe schreibt Irving auf Seite 36 über einen Mann, »der die Eigenheit (hatte), seinen Scotch zwischen den Oberschenkeln einzuklemmen, wenn er einschlief; irgendwie entspannte er nie die Muskeln, und der Drink wurde nie verschüttet«. Wozu soll das gut sein, fragt sich der Leser. Auf Seite 273 erfährt er es:
In der Höhle tüpfelte die vertraute Spätnachmittagssonne die um meinen Vater und in seinem Schoß verstreuten offenen Seiten. Sein Kopf war vertraut gesenkt, seine Hände typisch schlaff, doch als ich nach dem zwischen seinen Knien eingeklemmten Glas Scotch schaute, wußte ich sofort Bescheid. Die Knie meines Vaters waren gespreizt, und der verschüttete Scotch näßte den Läufer zu seinen Füßen, die unbequem verdreht waren – das heißt, unbequem für jemanden, der noch etwas spürte.
– Nebenbei: Hat der Übersetzer des Romans, Nikolaus STINGL, nicht ein ausgefallenes Verb gefunden: »tüpfelte«?) –

CRUZ SMITH schreibt in Nacht in Havanna auf Seite 33: »Unter der Lampe hockte einsam und traurig eine kleine Schildkröte in einer Schüssel mit Sand. Das perfekte Haustier für einen Spion, dachte Arkadi.« – Nun gut, werden Sie sagen, Die Schildkröte soll zeigen, dass ein Spion auch nur ein Mensch ist. Einhundertfünfzig Seiten später stellt sich heraus, dass die Schildkröte tatsächlich das perfekte Haustier ist: Ihr Name ist das Passwort für den Computer des Spions.

In Jill MCCORKLES Roman Mond über Carolina sagt ein kleiner Junge: »Taylor kaka gemacht«, und eine Freundin der Mutter erklärt sich bereit, ihn zu wickeln – absolut belanglos und etwas unappetitlich, nicht wahr? Zweihundert Seiten später erfährt der Leser, weshalb diese Szene eben nicht belanglos ist.

Tom WOLFE beschreibt in Ein ganzer Kerl die durch schwere Arbeit plump gewordenen Finger einer seiner Figuren. Grundlos? Nein, denn dadurch ändert sich dessen Leben: Bei einer Umschulung kann er mit diesen Fingern nur unbeholfen Schreibmaschine schreiben und landet, weil er deshalb keinen Job bekommt, weit entfernt von seinem Wohnort in einem kalifornischen Gefängnis. Daraus wird er durch ein Erdbeben befreit. Er sitzt also wiederum nicht ohne Grund in Kalifornien ein statt in, sagen wir mal, New Jersey.

Hans Castorp muten im Zauberberg »gewisse Ballons«, »große, bauchige Gefäße vor den weißlackierten Türen« seltsam an. Erst nach hundertzwanzig Seiten erläutert Thomas MANN, was sie bedeuten: »Jene bauchigen Gefäße mit kurzen Hälsen …, auf die gleich am Abend seiner Ankunft sein Auge gefallen war, enthielten Sauerstoff – Joachim erklärte es ihm auf Befragen.« (Heute würden wir nicht mehr schreiben, dass »das Auge auf etwas fällt«, sondern »sieht«; nebenbei – war Castorp einäugig?)

Unternehmen wir einen Ausflug zu den auf Zelluloid gebannten Geschichten, denn aus gut erzählten Filmen lernen Sie ebensoviel wie aus gut geschriebenen Büchern. Doch, ein Unterschied besteht: Dort bekommt man fertige Bilder vorgesetzt, während ein Schriftsteller die Bilder in seinem Leser erzeugen muss, was wesentlich schwieriger ist und woran so viele Schriftsteller scheitern. Dazu kommt, dass das, was der Film mit seiner Musik ausdrückt, der Autor allein mit seinen Worten zum Klingen bringen muss. Filmmusik unterstreicht Emotionen mit Geigen, Pauken und Fanfaren, dem Autor bleiben nichts als das Wort.

Erinnern Sie sich an den Film Indiana Jones und der letzte Kreuzzug, in dem Professor Henry Jones stets einen Regenschirm bei sich führt? Das mag ein Gag der Drehbuchautoren LUCAS und MEYJES sein, eine Marotte, ein Symbol für einen Engländer. Aber nein: Als der Professor gemeinsam mit Indiana Jones auf der Flucht an einen Strand gelangt, lässt er durchs Auf- und Zuklappen des Regenschirms einen Schwarm Möwen aufflattern. Die Vögel verstopfen die Triebwerke des die Helden verfolgenden Flugzeugs – und es stürzt ab. Zu Beginn des Films Einer flog über das Kuckucksnest versucht Jack Nickolson einen zentnerschweren Waschtisch aufzuheben, um den Mitinsassen der Psychiatrie zu zeigen, dass sich damit leicht ein vergittertes Fenster durchbrechen ließe. Das misslingt, der Zuschauer vergisst ihn, bis der Waschtisch am Ende wiederauftaucht, um nunmehr dem Indianer »The Chief« den Weg in die Freiheit zu öffnen.

Wenn Sie Tschechows Worte verinnerlicht haben, werden Sie – das verspreche ich Ihnen – begeistert in jedem Buch, das Sie lesen, auf Spurensuche gehen. Wenn Sie immer wieder auf Gegenstände oder Ereignisse stoßen, die keinen Bezug zur Geschichte haben, werden Sie das Buch weglegen, denn es lohnt nicht, es zu lesen. Auch daran werden Sie gute Literatur erkennen. Übrigens: Wie Sie an den Beispielen gesehen haben, sollte kein Unterschied mehr zwischen E- und U-Literatur gemacht werden, sondern zwischen nach allen Regeln der Schreibkunst geschriebenen und einfach heruntergeschriebenen Büchern.

*John Irvings Zirkuskind ist das Buch, um zu lernen, wie man Tschechows Worte meisterhaft umsetzt.

Mittwoch, 12. November 2008

Was sind Geschichten, Gedichte – was ist Literatur? I


Man sollte eigentlich nur das ein Buch nennen, was etwas Neues enthüllt. (LICHTENBERG)

Was eigentlich den Schriftsteller für den Menschen ausmacht, ist, beständig zu sagen,
was der größte Teil der Menschen denkt oder fühlt, ohne es zu wissen.
Der mittelmäßige Schriftsteller sagt nur, was jeder würde gesagt haben. (LICHTENBERG)

Manche Fiktion ist Literatur, andere nicht; teilweise ist die Literatur fiktional, teilweise nicht; manche Literatur nimmt sprachlich auf sich selbst Bezug, während andererseits manch höchstverschlungene Rhetorik keine Literatur ist. Literatur im Sinne einer Liste von Werken mit gesichertem und unveränderlichem Wert, die sich durch gemeinsame inhärente Merkmale auszeichnen, gibt es nicht. Wann immer ich von jetzt an die Wörter »literarisch« und »Literatur« … verwenden werde, habe ich sie gleichzeitig stets mit unsichtbarer Tinte durchgestrichen, um anzuzeigen, dass diese Termini nicht wirklich ausreichen, wir im Augenblick aber keine besseren zur Verfügung haben. (Terry EAGLETON, Einführung in die Literaturtheorie)
Sicher haben Sie sich schon gefragt: Ist das, was ich schreibe, Literatur? Was ist überhaupt Literatur? Woran erkenne ich sie? Gibt es einen Gradmesser für literarische Qualität?

Zunächst einmal: Das Wort Literatur kommt von lat. litteratura: Schrift, Sprachkunst, Sprachwissenschaft, Sprachunterricht. So gesehen sind SHAKESPEARES Sonette ebenso wie die Bedienungsanleitung eines Videorecorders, der Liebesbrief ebenso wie der Gesetzestext, Literatur. Zur Unterscheidung gelten im Deutschen die Bezeichnungen literarischer oder fiktionaler Text für die »schöne« Literatur und Gebrauchstext für die übrigen Texte.

Ich verwende hier den Begriff literarischer Text, und werde ihn wie Eagleton unsichtbar durchstreichen. Denn: Eine verbindliche Definition von Literatur (im Sinne von Dichtung) ist laut Ansicht heutiger Literaturwissenschaftler nicht möglich, da sie von den historischen und theoretischen Zusammenhängen abhängt, in die jeder Text eingebettet ist und durch die er sich ständig wandelt. Bis vor fünfzig Jahren galt die Definition: Literatur ist ein Schriftstück, das der Autor nach ästhetischen Regeln schreibt, die man in einer Poetik (= Lehre von der Dichtkunst) findet. Aber vermutlich werden sich die Literaturwissenschaftler noch lange darüber streiten, was Literatur eigentlich ist.

Und doch gibt es Gradmesser für literarische Qualität – Poetiken sind durchaus nicht altmodisch. Den ersten einflussreichen Versuch einer Definition von Literatur nimmt ARISTOTELES in seiner Poetik durch das Merkmal der »Fiktionalität« vor:
Denn der Geschichtsschreiber und der Dichter unterscheiden sich nicht dadurch voneinander, daß sich der eine in Versen und der andere in Prosa mitteilt, man könnte ja auch das Werk Herodots in Verse kleiden, und es wäre in Versen um nichts weniger ein Geschichtswerk als ohne Verse; sie unterscheiden sich vielmehr dadurch, daß der eine das wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte. (kursiv jmw)
Aristoteles ist da großzügiger als PLATON, der meint, dass alle Dichter lügen. Aber Fiktionalität ist nicht dasselbe wie Lüge. Sie ist nicht an die reale Welt gebunden. Für COLERIDGE ist »suspension of disbelief« ein Merkmal von Literatur. Damit bezeichnet er den »Pakt« zwischen Autor und Leser, den Anspruch auf Authentizität von literarischen Texten aufzuheben. Erst das mache die Rezeption eines Kunstwerks möglich. Suspension of disbelief bedeutet die Aufhebung jeglichen Zweifels am Gelesenen, die perfekte Illusion. Anders ausgedrückt: Der Leser soll sich von der Geschichte mitreißen lassen und nicht schon bei der Lektüre sagen: Das ist doch bloß alles erfunden!

Für Albrecht SCHÖNE ist Literatur das »Menschheitsgedächtnis der Wörter und Sätze, Schriftwerke und Dichtungen«. Und Christoph PARRY schreibt, dass man Literatur auch »das artikulierte Bewusstsein einer Gemeinschaft nennen (kann), weil es die Interessen und Werte dieser Gemeinschaft reflektiert. Die Literatur ist besonders wichtig als Ausdruck von Sprachgemeinschaft, weil in ihr die Sprache besonders gepflegt wird.«

Ursprünglich konnte Literatur im Sinne von »alles Geschriebene« sogar Leben retten: Vom vierzehnten Jahrhundert an entschied sie in England darüber, ob ein Verbrecher zum Tode verurteilt wurde. Konnte er einen lateinischen Psalmvers lesen, galt er als Kirchenmann und wurde einem kirchlichen Gerichtshof über¬stellt. Konnte er die Buchstaben nicht entziffern, galt er als gemeiner Krimineller und landete am Galgen. Zur Zeit ELISABETH I. konnte etwa ein Drittel der Delinquenten so ihren Kopf retten. Erst zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts wurde diese Prüfung abgeschafft, da inzwischen die meisten Menschen lesen und schreiben konnten. Diese Kompetenz wurde mit literacy* bezeichnet

Ob das, was Sie schreiben, Literatur ist, oder genauer: ob der Leser Ihre Texte als Kunst wahrnimmt, erfahren Sie bei Lesungen oder Rezensionen oder daran, ob Sie gedruckt werden, ob Sie Auszeichnungen erhalten, vor allem aber durch die Schulung Ihres Gespürs für gute Texte durch bewusstes Lesen nicht nur von Werken der Weltliteratur.

*Heute umfasst der Begriff zusätzlich Textverständnis und Sinnverstehen, sprachliche Abstraktionsfähigkeit, Lesefreude, Vertrautheit mit mit der Schriftsprache und/oder mit literarischer Sprache sowie Büchern.