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Dienstag, 7. August 2012

Der größte Reichtum eines Schriftstellers: Der Wortschatz (oder auch Sprachschatz)


Wörter bilden die Perlenschnur, auf der wir unsere Erfahrungen aufreihen.
(Aldous Huxley, The Olive Tree, 1937, S. 84)
Das richtige Wort am richtigen Ort, das ist die wahre Definition von  Stil.
(Jonathan Swift, A Letter to a Young Clergyman, &c.)

»Wir packen einen viel kleineren Wortschatz als unsere Großeltern in viel dürftigere Sätze; unser Umgang mit Wörtern ist lax, geringschätzend oder lümmelhaft. Nur zwei Minderheiten wissen noch, was sie an der Sprache haben: die einflussarme Minorität der Liebhaber und die einflussreiche Minorität der Manipulierer.« (Wolf Schneider, Wörter machen Leute: Magie und Macht der Sprache, 1976, S. 314)

Der passive Wortschatz

Über die am häufigsten gebrauchten Wörter

Kennen Sie die am häufigsten gebrauchten Wörter? Laut dem Wortschatz Leipzig aus dem Jahr 2001 sind das vor allem außer dem Bindewort und natürlich (natürlich, weil es vor allem in Gedichten viel zu oft benutzt wird) die Artikel, die Pronomen und die Ableitungen von Hilfsverben wie sein und haben. Doch wussten Sie, dass sich bereits an 17. Stelle eine Verneinung findet: nicht (an 88. Stelle keine, das Wort ja erscheint dagegen erst an 240. Stelle), und dass das meist benutzte Substantiv das Wort Prozent ist (63), gefolgt von Jahr (82) und Uhr (89)? Merkwürdigerweise folgt das Wetter erst auf dem 2705. Platz, obwohl es mit das Wichtigste ist, was den Menschen interessiert. Als Zahlwörter finden wir auf Platz 83 zwei (die eins erst auf Platz 2045) und auf Platz 97 Millionen (zehn auf Platz 237 und hundert auf Platz 1244). Abgeschlagen erscheint an hundertster Stelle das erste Verb – sagte.

Tröstlich (nicht auf der Liste, aber zumindest als Trost auf Platz 6076) ist, dass sich unter den ersten hundert Wörtern kein Adjektiv findet (schön zum Beispiel erscheint erst auf Platz 1426), weniger tröstlich, dass sieben Prozent (von den ersten hundert) die Füllwörter auch, dann, immer, noch, nur und schon sind. Tröstlich ist auch, dass das Buch (543) und die Literatur (1446) häufiger gebraucht werden als der Bundeskanzler (1509), und dass lesen und Verlag gleich danach auf Platz 1512 beziehungsweise 1517 folgen (das Wort schreiben auf Platz 1569). Die Schriftsteller erscheinen dagegen erst auf Platz 1802, die Autoren auf Platz 1944 (zum Glück (1130) jedoch vor dem Fußball auf Platz 1949, dem Weltmeister und der WM auf Platz 2824 beziehungsweise 2866 und weit abgeschlagen Olympia auf Platz 5259).

Das erste etwas ungewöhnlichere Wort Motto steht auf Platz 1564. Auf Platz 1633 findet sich das Engagement, auf Platz 5075 die Sehnsucht, auf Platz 5519 der Rhythmus (der Klang wiederum erst auf Platz 7693), auf Platz 6627 daheim und auf Platz der Hauch 7666. Erstaunlicher Weise erscheint erst auf Platz 1661 das Wort Gott. Die Menschenrechte folgen noch viel später auf dem 3176., der Umweltschutz und ökologisch auf dem 3449. beziehungsweise 5568. Platz.

Schade (Platz 7555). Hoffentlich (8753) hat (2) sich (10) der (1) Gebrauch (3676) von (6) Wörtern (7872) – von Worten (1006) mag (822) ich (79) gar (255) nicht (17) erst (167) reden (1319) – sprechen wird (32) sogar (249) häufiger (2964) gebraucht (3584) als reden, es (23) erscheint (1045) nämlich (448) an 843. Stelle (692), das Wort dämlich wiederum (1127) steht (192) allerdings (713) nicht auf (12) der Liste (1032) – inzwischen (1711) geändert (1620) und (3) wir (77) finden (318) erfreulicher (8779) Weise (654) auch (22) ungewöhnlichere (4316) Wörter (7872) unter (76) den (5) ersten (131) zehntausend (8611 = Zehntausende). Nur (50) befürchte (2498) ich leider (1697) das (8) Gegenteil (1844).

Wörter wie dämmern, Geflecht, harsch, hegen, galant, grazil, prellen, Ränke, übertölpeln, ehren, Zwielicht und Joseph von Eichendorffs geliebtes Rauschen sind in der Liste nicht aufgeführt (siehe zu Rauschen Stil ist wie ein Fingerabdruck http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2009/04/stil-ist-wie-ein-fingerabdruck.html).

Haben Sie diese Wörter in letzter Zeit benutzt? Nein? Nun, das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass der Gesamtwortbestand des Deutschen, wenn man den Fachwortschatz hinzurechnet, auf mehrere Millionen Wörter geschätzt wird, der Linguist Theodor Lewandowski spricht sogar von fünf bis zehn Millionen. Allerdings besteht allein die Sprache der Chemie aus rund zwanzig Millionen Fachbegriffen … Wahrigs Deutsches Wörterbuch umfasst an die 260.000 Stichworte. Dazu gehören die Wörter, mit denen man sich ausdrückt und denkt (aktiver Wortschatz), und die, mit denen man Äußerungen anderer versteht (passiver Wortschatz). Der passive Wortschatz umfasst sogar rund 500.000 Wörter, was aber nicht bedeutet, dass sie jeder kennt.

Der aktive Wortschatz


Ein schlauer Kopf hat ausgerechnet, dass der Durchschnittsdeutsche in seinem Leben an die 300 Millionen Wörter spricht. Er kennt rund 75.000 Wörter, mit denen er Äußerungen anderer versteht, benutzt aber meist nur bis zu 5.000 Wörter, bei Menschen, die mit Sprache umgehen, sind es weitaus mehr. Doch bereits mit den 2.000 häufigsten Wörtern wird man verstanden, wie Helmut Walther, Berater bei der Gesellschaft für deutsche Sprache, festgestellt hat. Um die BILD lesen zu können, reichen angeblich sogar nur achthundert Wörter. Der frühere Bundeskanzler Konrad Adenauer hat mit rund fünfhundert Wörtern so gesprochen, dass ihn jeder verstanden hat, denn: »Je einfacher denken, iss oft eine jute Jabe Jottes«, wie er bei einer Rede vor Industriellen gesagt haben soll. Sein Wortschatz soll nicht mehr als eintausend Wörter umfasst haben.

Je mehr Wörter einem Schriftsteller intuitiv einfallen, um so besser kann er sich ausdrücken. Es kommt nicht nur auf den Sachverstand in Bezug auf ein Thema an, sondern vor allem auf die Sprachkraft. Außerdem erspart er sich viel Zeit, weil er nicht dauernd ins Synonymwörterbuch gucken muss. Wobei es im Grunde keine Synonyme gibt, denn jedes Wort hat seine eigene Bedeutung. Er kann jedoch für das, was er sagen möchte, unter verschiedenen Begriffen wählen. Die Auswahl hängt vom Text ab, vom Zusammenhang, in dem das Wort steht, und von der Sprachschicht. Gesicht zum Beispiel sagt etwas anderes aus als Antlitz oder Visage. Sie bedeuten das gleiche, gehören jedoch anderen Sprachschichten an. In einem poetischen Text darf man Antlitz schreiben, aber nicht in einem Roman; und Visage als Schimpfwort höchstens in einem Dialog oder inneren Monolog. Auch Haupt gehört eher der Dichtersprache an.

Wenn ein Schriftsteller die Nuancen zwischen Wörtern nicht erkennt, also das einzige richtige Wort in einem bestimmten Zusammenhang, nutzt ihm jedoch der größte Sprachschatz nichts.

 

Über Bruch, Fenn, Lache, Marsch und Matsch


Viele Ausdrücke bezeichnen etwas, das, wie Aristoteles sagt, den Menschen von den Tieren und Göttern unterscheidet, das ihn verzaubert, das ihn einzigartig macht und soviel in seinem Gegenüber bewirkt: das Lachen. Warum wird in Romanen dauernd gegrinst? Warum wird nicht gelächelt, geschmunzelt, gekichert, gegackert, gefeixt, gegrient, gejuchzt, gegluckt, gewiehert, jubiliert, gejubelt, gejauchzt, frohlockt, umjubelt, bejubelt? Warum amüsiert sich so selten jemand, erheitert oder ergötzt sich, lacht sich schief oder kaputt? Wenn Sie solche Wörter wählen, werden ich Sie anlächeln oder anlachen, Ihnen zulächeln, ach was, ich werde Ihnen zujubeln. Ich werde mich nicht lustig machen über Sie, Sie auch nicht auf den Arm oder auf die Rolle nehmen, verulken, veräppeln, veralbern, verhohnepipeln, verhöhnen, foppen, vergackeiern, auslachen, verspotten, verarschen, verscheißern, hänseln. Ich werde nicht höhnen, frotzeln, blödeln, spotten, spötteln.

Wenn Sie mit Ihrem epochalen, brillanten Roman nicht vorankommen, keine zündende Idee, keinen mitreißenden Anfang und keinen herzbewegenden Schluss finden, verzweifelt nach dem einen treffenden Wort oder der kühnen Metapher suchen oder Ihre Lektorin Sie ärgert, werden Sie sich härmen oder kränken, gar leiden, trauern und schließlich verzagen, ja, verzweifeln. Sie werden besorgt, betrübt, kummervoll, sorgenvoll, niedergedrückt, niedergeschlagen, trübselig, ach, todunglücklich sein und Schmerz erdulden, erleiden.

Noch einige Beispiele gefällig?

Ihr Held wohnt in einer Kate, Villa, Doppelhaushälfte, in einem Reihenhaus, Palast, Bungalow, Plattenbau, Blockhaus, ausgebauten Dachgeschoss, Loft, Apartment, Schuhkarton, Wohnklo oder in einer Vier-Zimmer-Wohnung. Er wird nicht blass, als er die Bruchbude erblickt, die er gerade ersteigert hat, sondern aschfahl, bleich, kreideweiß, kalkweiß, totenblass, totenbleich, leichenblass, fahl, weiß wie ein Gespenst oder weiß wie eine Leiche. Überhaupt: Was bedeutet das nichtssagende groß bei der Beschreibung eines Hauses? Ist es breit, geräumig, hoch, lang gestreckt, mehrstöckig, verwinkelt, wuchtig?

Er redet, sagt, artikuliert, offenbart, behauptet, erwähnt, äußert, bekundet, versichert, berichtet, erzählt, informiert, plaudert, plaudert aus, deutet an, drückt aus, teilt mit, stellt dar, stellt fest, spricht, spricht aus, spricht sich aus, gibt bekannt, bringt vor. Er ergreift, erhebt das Wort, es entschlüpft ihm. – Auseinandergerissene Verben wie stellt dar sollten Sie jedoch vermeiden. – Wenn er denkt, denkt er dann wirklich nach, denkt er also etwas, was zuvor schon gedacht wurde, oder etwas bisher noch nicht Erwähntes? Denkt er oder sinnt er, grübelt er oder erwägt er etwas?

Das Kotelett wird geschlungen, hinabgewürgt, hineingestopft, gemampft, gefuttert, reingehauen, verzehrt, verspeist, genossen, der Bauch wird sich damit vollgeschlagen, oder es wird – gegessen.

Ist das, was Ihrer Heldin den Hut vom Kopf reißt, tatsächlich der Wind? Ist es nicht eher ein Lüftchen, Luftzug, Windhauch, Windstoß, eine Brise, Böe, ein Föhn, Passat, Schirokko, Fallwind, Sandsturm, Sturmwind, Sturm, Wirbelwind, eine Windhose, ein Orkan, Taifun, Tornado, Twister oder Hurrikan? (Geben Sie Hurrikans jedoch nur reale Namen wie Andrew, wenn Ihre Geschichte zu der Zeit und in der Gegend spielt, wo er wütete.)

Wer geboren worden ist, kann zur Welt gekommen sein oder das Licht der Welt erblickt haben. Er kann ein Leben fristen oder ein Dasein führen. Man kann anfangen oder beginnen, aufhören oder enden.

Über einen Weg wird gebummelt, gelatscht, gestakst, gestapft, gestampft, gestiefelt, getrottet, gewandert, gelaufen – oder einfach gegangen; das Rad rollt, rotiert, holpert, eiert, quietscht, rattert, rumpelt, gleitet.

Wussten Sie, dass Sie für zerkleinern unter über fünfzig verschiedenen Ausdrücken wählen können?
Auseinander rupfen, ausmahlen, brechen, durchbrechen, durchdrücken, durchschlagen, durchseihen, durch den Fleischwolf drehen, durchs Sieb treiben, hacken, klein machen, klein schlagen, klein schneiden, mahlen, passieren, pulverisieren, raffeln, raspeln, reiben, schaben, schaumig rühren, schnetzeln, schnitzeln, schroten, sieben, spalten, stampfen, stückeln, verquirlen, verreiben, verrühren, zerbröckeln, zerbröseln, zerdrücken, zerhacken, zerknicken, zerkrümeln, zerlegen, zermahlen, zermalmen, zerspalten, zersplittern, zerquetschen, zerrupfen, zerschlagen, zerschneiden, zerstampfen, zerstoßen, zerstückeln, zerzupfen.
Warum muss alles immer schwarz oder weiß sein? Warum nicht tiefschwarz, kohlenschwarz , kohlrabenschwarz, pechrabenschwarz, lackschwarz, pechschwarz, rabenschwarz, schwarz wie Ebenholz, schwarz wie die Nacht, schwärzlich, nachtfarben, rußfarben, kolkrabenschwarz, samtschwarz oder eher blauschwarz? Warum nicht blütenweiß, perlweiß, schneeweiß, reinweiß, weiß wie die Wand oder eher wollweiß? Und wie oft müssen wir Sumpf lesen statt Bruch, Fenn, Lache, Marsch, Matsch, Modder, Moor, Morast, Pfuhl, Ried, Schlamm, Schlick oder Watt. Wie einfallslos.

Eine Faustregel

Wörtern aus dem aktiven Sprachschatz haben den Vorteil, dass sie jeder kennt, und den Nachteil, dass sie oft abgedroschen sind. Laut einer Faustregel sollte ein Autor deshalb zwei Drittel allgemeinverständliche Wörter (aktiver Wortschatz) und ein Drittel eher ungewöhnliche (also solche aus dem passiven Wortschatz) schreiben, damit sein Text nicht zu langweilig wirkt. Allerdings sollten diese Wörter nicht zu sehr vom Durchschnittsdeutsch abweichen, damit der Leser nicht dauernd im Duden nachschlagen muss. Denn, wie sagt Julius Caesar so schön: »Meide jedes selten gehörte Wort wie ein Riff« (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2012/08/zitat-des-tages-caesar-uber-worter-die.html), und Stephen King schreibt in Das Leben und das Schreiben:
Eines der schlimmsten Dinge, die man der eigenen Sprache antun kann, ist, das Vokabular schön herauszuputzen und nach komplizierten Wörtern zu suchen, nur weil man sich ein bisschen für die vielen einfachen schämt. Das ist so, als würde man ein Schoßhündchen in eine Abendrobe stecken. Dem Schoßhündchen ist es peinlich, und dem Menschen, der diese vorsätzliche Verniedlichung begeht, sollte es noch viel peinlicher sein. (S. 127)

Doch wie erwirbt man einen großen Sprachschatz?

Es genügt nicht, den Wortschatz zu pflegen und die Grammatik zu beherrschen. Also: Entwickeln wir mit! Halten wir die Sprache lebendig! Treten wir ihrer Verarmung und Verschandelung entgegen, und hören wir auf, vor jedem modischen Unfug in die Knie zu gehen. (Wolf Schneider in der Zeit)
Der Schriftsteller webt kein Netz aus Wörtern, die aus Konsonanten und Vokalen bestehen, um den Leser zu angeln, wie manche glauben. Das wäre zu einfach, denn dann genügten wirklich zweitausend Wörter. Nein, er muss seine Sprachkompetenz immer wieder verbessern, denn selbst mit zehntausend Wörtern wird er seiner  Sprache nicht genug Farbe verleihen und so bildhaft schreiben, dass er Gefühle im Leser hervorruft.

Martin Luther bereicherte unsere Sprache mit zahllosen neuen Wörtern wie Herzeleid, Feuereifer, friedfertig, Herzenslust, Lästermaul, Machtwort, Morgenland, Sündenbock, und mit Redewendungen wie Auge um Auge, Zahn um Zahn, sein Leid in sich hineinfressen und Ehre wem Ehre gebührt, indem er für seine Bibelübersetzung »die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drump« fragte und »denselbigen auf das Maul (sah), wie sie reden« (Sendbrief vom Dolmetschen, S. 110) Notieren Sie also auch beim Fernsehen, beim Lesen, beim Zuhören Wörter, die ungewohnt sind oder die Sie nicht kennen. Streichen Sie in Wörterbüchern Wörter an, die Sie seit Jahren nicht benutzt haben.

Und wieder mal der berühmte Rat: Lesen Lesen Lesen

Mark Twain sagt dazu: »Große Macht hat das richtige Wort. (…)  Immer, wenn wir auf eines dieser eindringlichen, treffenden Worte in einem Buch oder einer Zeitschrift stoßen, ist die Wirkung schlagartig physisch, geistig und elektrisierend: Es kribbelt überaus angenehm im Mund und schmeckt so herb und frisch und gut wie Herbst-Butter in einer Creme aus Sumach-Beeren.« (http://www.huffingtonpost.com/patricia-benesh/mark-twains-discourse-a-t_b_772701.html)

Seinen Wortschatz erwirbt man beim Lesen und Hören; wie sehr man ihn ausbaut, hängt davon ab, wie sehr man die Sprache und den sorgfältigen Sprachgebrauch liebt, ob man sich an treffenden, klangvollen, ungewöhnlichen Wörtern und gelungenen Formulierungen begeistert, aber auch von der Freude an Trends und Moden wie Jugendsprache und Kiezdeutsch, am Dialekt und Jargon sowie am Spiel mit der Sprache und am Sprachwitz.

Lesen Sie also alles, was Ihnen in die Finger fällt: Texte aus allen Epochen, auch antiken, romantische, moderne, Sach- und Fachbeiträge. Es wird empfohlen, William Shakespeare, Fjodor Dostojewski, Herman Melville, Ernest Hemingway, John Steinbeck oder Voltaire zu lesen, weil deren Werke Fundgruben für brillante Wörter seien. Allerdings setzt das Übersetzer voraus, die zumindest über einen ebenso großen Wortschatz verfügen wie diese Autoren. John Irvings Romane zum Beispiel wirken nur in der Übersetzung von Nikolas Stingl. James Joyce lernte wegen der schlechten Übersetzungen extra Norwegisch, um Henrik Ibsen im Original lesen zu können.

Schauen Sie also einfach mal bei Johann Wolfgang von Goethe rein, dessen aktiver Wortschatz circa 92.000 Wörter umfasst. Wenn Ihnen die Lektüre zu schwierig ist, dann lesen Sie zumindest seine Gedichte, die in ihrer Einfachheit so kunstvoll sind, oder schauen Sie ins Goethe-Wörterbuch. Studieren Sie das Grimm’sche Wörterbuch, das rund 350.000 Stichwörter umfasst, um vergessene und unbekannte Wörter in Ihr sprachliches Bewusstsein (zurück-)zurufen, oder stöbern Sie im Gutenbergprojekt, der Literaturdatenbank mit 1800 Romanen, Erzählungen, Novellen und 6300 Märchen, Fabeln und Sagen.

Saugen Sie jedes neue Wort auf wie ein Schwamm.

Mit der Zeit werden Sie auf solch einen gewaltigen Sprachfundus zurückgreifen können, dass Ihr Leser gebannt Ihren Worten lauscht. Aber benutzen Sie ungewöhnliche Worte auch hin und wieder im Alltag, damit Sie diese Wörter nicht wieder vergessen. (Falls Sie sich in meinen Blogbeiträgen über ungewöhnliche Ausdrücke gewundert haben, dann wissen Sie nun, weshalb.)

Aus Schriftstellers Schreibstübchen


Goethes Sprachschatz in seinem literarischen Werk umfasst, wie erwähnt, rund 92.000 wissenschaftlich beglaubigte Wörter, wobei er viele Einzelwörter kombiniert wie jünglingsfrisch und freudehell in Mahomets Gesang und in Briefen an Carl Friedrich Zelter Scheitholzflößanarchie und Weltgeschichtsinventarienstück. Im Faust schreibt er 2.200 einfache Wörter und etwa 1.200 Zusammensetzungen wie Fettbauch-Krummbein-Schelm (womit er die Pygmäen charakterisiert, auweia), Flügelflatterschlagen und Fratzengeisterspiel. Der Wortschatz in seinen Briefen, Tagebüchern und naturwissenschaftlichen Schriften usw. umfasst noch einmal 1,2 Millionen Wörter. Damit dürfte er den größten Wortschatz weltweit haben. Dabei  machen Einmalwörter fast die Hälfte, die Wörter, die er ein- bis dreimal gebraucht, rund Zweidrittel seines Wortschatzes aus (mehr dazu siehe Goethes Wortschatz und Semantik in nuce http://www1.uni-hamburg.de/goethe-woerterbuch/goethe_wortschatz.html)

Andererseits fehlen in dem Wortschatz eines so wortmächtigen Dichters Grundwörter wie flennen, fletschen, flicken, Flieder, Florett und Flunder.

Der wortmächtigste englische Dichter, William Shakespeare, benutzt dagegen nur 29.000 (nach anderer Quelle 34.000 Wörter. Henrik Ibsen verwendet 27.000, Alexander Puschkin 21.200, John Milton 12.500 und Miguel de Cervantes 12.400 Wörter. Selbst Martin Luther  verwendet nur 23.000 Wörter, das sind fast ebenso viele Wörter wie Theodor Storm (dessen Briefe warum auch immer nicht eingerechnet). Friedrich Schillers Wortschatz wird auf 30.000 Wörter geschätzt.

Und wie hoch ist Ihr Sprachschatz zur Zeit? Im Internet gibt es kostenlose Concordance-Programme zur Erstellung von Wortlisten wie http://kostenlose.rbytes.net/simple-concordance_download/, ich kann es aber nicht beurteilen, weil es das Programm nur für Windows gibt. Ich selbst benutze ein ururaltes, das längst vom Markt verschwunden ist.

Samstag, 2. April 2011

Mark Twain über Adjektive

Wenn du ein Adjektiv triffst, bringe es um. Nein, ich meine nicht alle Adjektive, aber töte die meisten – umso wertvoller werden die übrigen sein.
When you catch an adjective, kill it. No, I don't mean utterly, but kill most of them—then the rest will be valuable.

Mark Twain

(In The annotated Huckleberry Finn: Adventures of Huckleberry Finn. C. N. Potter 1981, S. 182)

(Auch bekannt unter „Wenn Sie ein Adjektiv erwischen, machen Sie ihm den Garaus“ aus Sol Steins Über das Schreiben)

Dienstag, 15. Juli 2008

Über Silbenschleppzüge und Wortdreimaster, ellenlange Wörter und Schwulst


CHURCHILL verkündete den Engländern in seiner berühmten Rede vor dem britischen Unterhaus am 13. Mai 1940 blood, toil, tears and sweat – Blut, Mühsal, Tränen, Schweiß –, denn er wusste, dass kurze Wörter am eindringlichsten sind und am meisten berühren: »Die alten Wörter sind die besten, und die kurzen, wenn sie alt sind, die allerbesten.« Hand und Fuß sagen wir, und Haus und Hof, Glück und Pech, Freud und Leid. Für Jean PAUL ist »Je länger aber ein Wort, desto unanschaulicher«, und HORAZ spricht von »sesquipedalia verba« – ellenlangen Wörtern (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2007/09/schreibtipps-von-horaz-iv.html).

GOETHE benutzt im Erlkönig 67 Prozent einsilbige Wörter. Bei 215 Wörtern schreibt er 144 Einsilber, 63 Zweisilber (darunter neun Mal Vater), sechs Dreisilber (drei Mal Erlkönig) und nur zwei viersilbige Wörter: Erlenkönig. In der ersten Strophe sind von 31 Wörtern nur fünf zweisilbig, das sind 84 Prozent.

Vermeiden Sie also die »Silbenschleppzüge« (SCHNEIDER), die »Wortdreimaster« (SCHOPENHAUER) wie Glatteisbildung, Rauchentwicklung, oder wie im Tagesspiegel stand: Windmühlenflügelkämpfer. Das mir bekannte längste Wort heißt: Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz, das sind 63 Buchstaben. Denken Sie bei solchen Wörtern an MARK TWAIN, der feststellte, dass manche deutschen Wörter »so lang« sind, »daß sie perspektivisch wirken. Es sind keine Wörter, es sind alphabetische Prozessionen.« Er schuf die Transvaaltruppentransporttränentragödie, doch das sind nur 33 Buchstaben … Und denkt er nicht ökonomisch, wenn er schreibt: »Das Wort unsere Metropole werde ich nie schreiben, um keinen Preis. Für unsere Stadt kriege ich ja dasselbe bezahlt«? – Berühmt sind auch die Kolonialwarenhändlerinsünden, Familienvatersorgenfalten und Hausputzbackwaschundbügelsonnabend von Günter GRASS.

Schreiben Sie Raum statt Räumlichkeit und Stuhl statt Sitzgelegenheit. Fassen Sie Substantive zusammen: Wir sprechen nicht von einer Predigt, die Jesus auf einem Berge hielt, sondern von der Bergpredigt. Möchten Sie auf Wörter mit mehr als drei Silben nicht verzichten, dann teilen Sie sie mit einem Bindestrich.

Doch auch dabei ist zu beachten: Wechseln Sie die Länge der Wörter: Nur einsilbige wirken monoton, vielsilbige erinnern an Amtsdeutsch.

HORAZ schreibt von »ellenlangen« Wörtern, womit er hochtrabende Wörter meint oder auch Wörter, die unnötig verschwendet sind. Das hat mir keine Ruhe gelassen. Gab es die Bedeutung »ellenlang« schon in der Antike oder ist sie nur eine freie Übersetzung von Christoph Martin WIELAND?

Schauen wir uns mal das Original an:

»Telephus et Peleus, cum pauper et exul uterque
proicit ampullas et sesquipedalia verba.«

Und dazu die Übersetzung:

»Da werfen sie die hohen Stelzen und
die ellenlangen Wörter gerne weg!«

Tatsächlich bedeutet das Wort »sesquipedalia« anderthalb Fuß oder auch ellen-lang. Denn im alten Griechenland gab es neben dem hauptsächlich verwendeten Fuß (von gr. pous) zu 16 Fingerbreit auch die Pygme – die Elle –, die vom Unterarm bis zum Handgelenk reichte und 18 Fingerbreit war. Horaz meint also damit Wörter, die aus so vielen Silben bestehen, dass sie anderthalb Fuß lang – ellenlang – erscheinen.

Auch Carl VON LINNÉ, der bei der Benennung von Gattungen, Arten, Varietäten und Synonymen von Pflanzen die übermäßig langen Wörter beseitigte, spricht in der Fundamenta Botanica von »ellenlang«. In seinen Prinzipien zur Benennung schreibt er: »Nomina Generica Sesquipedalia, enunciatu difficilia, vel nausepsa, fugienda sunt« – Gattungsnamen, die ellenlang, schwierig auszusprechen oder ekelhaft sind, sind zu vermeiden. Er ging bei den ellenlangen Wörtern jedoch schon von Wörtern mit mehr als 12 Buchstaben aus. Ein unbekannter Kritiker schreibt allerdings in der Allgemeinen Literatur-Zeitung vom September 1832 zur 6. Auflage von Linnés Species Plantarum: »Das vorzügliche Verdienst [der alten Aufl., ju] bestand in seiner zweckmäßigen Form, wonach die Arten weder durch Überladung mit Synonymen und Zitaten entstellt sind … Freilich ist diese Dürftigkeit auch im vorliegenden Bande bemerkbar, und wir vermissen die treuherzigen nomina sesquipedalia durch die man sich immer hie und da Rath erholte, mitunter ungern.«

Wielands Übersetzung ist also richtig. Allerdings hätte er ampulla (= dickbäuchige Flasche) besser als Schwulst, überladener Schmuck, bezeichnen sollen, wie in der Rhetorik üblich und wie es Horaz sicher gemeint hat (siehe auch ampullor = schwülstig reden, schwülstig schreiben im Lateinischen oder ampuloso = schwülstig, hochtrabend im Spanischen ), denn das trifft das Gemeinte besser als hohe Stelzen (vermutlich kannte er das englische Wort sesquipedalian für schwülstig, vielsilbig, sehr lang nicht), wie wir auch bei LESSING sehen. Der schreibt in seiner Hamburger Dramaturgie über das Stück Der unglückliche Liebling, oder Graf von Essex von John BANKS: »Nur den Stil des Banks muß man aus meiner Übersetzung nicht beurteilen. Von seinem Ausdrucke habe ich gänzlich abgehen müssen. Er ist zugleich so gemein und so kostbar, so kriechend und so hochtrabend, und das nicht von Person zu Person, sondern ganz durchaus, daß er zum Muster dieser Art von Mißhelligkeit dienen kann. Ich habe mich zwischen beide Klippen, so gut als möglich, durchzuschleichen gesucht; dabei aber doch an der einen lieber, als an der andern, scheitern wollen. Ich habe mich mehr vor dem Schwülstigen gehütet, als vor dem Platten. Die mehresten hätten vielleicht gerade das Gegenteil getan; denn schwülstig und tragisch halten viele so ziemlich für einerlei. Nicht nur viele der Leser: auch viele der Dichter selbst. Ihre Helden sollten wie andere Menschen sprechen? Was wären das für Helden? Ampullae et sesquipedalia verba, Sentenzen und Blasen und ellenlange Worte: das macht ihnen den wahren Ton der Tragödie.«

Und so sieht man mal wieder, wie man an einem Tag ohne Übertragung der Tour de France einen Bogen von Wortdreimastern zu Lessing spannen kann.

Sonntag, 6. Juli 2008

Mark Twain sagt … (über Synonyme)

Die Deutschen scheinen nicht davor zurückzuschrecken, ein Wort zu wiederholen, wenn es das richtige ist. Sie wiederholen es sogar mehrmals, wenn es sein muss. Im Englischen bilden wir uns ein, wir gerieten ins Tautologische, wenn wir ein Wort zweimal im selben Absatz verwendet haben, und in unserer Schwäche tauschen wir es gegen ein anderes Wort aus, das sich seiner Genauigkeit nur annähert, um so dem auszuweichen, was wir zu Unrecht für den größeren Makel halten. Wiederholung mag von Übel sein, aber Ungenauigkeit ist gewiss schlimmer.

aus: Die schreckliche deutsche Sprache