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Sonntag, 18. November 2012

Ablehnungsschreiben ist ein Ablehnungsschreiben ist ein Ablehnungsschreiben


Ach, wie unsereins die Briefe hasst, die mitsamt unseren kostbaren Manuskripten immer wieder in unserem Briefkasten eintrudeln. Ob sich Gertrude Stein ein klein wenig amüsiert hat, als sie dieses Ablehnungsschreiben für ihre 147-seitige Sammlung literarischer Porträts bekam? – Zumindest ist es kein standardisiertes Schreiben, in dem steht, dass das Manuskript leider derzeit nicht ins Verlagsprogramm passt blablala die Programmplanung für die kommenden zwei Jahre abgeschlossen ist blablabla wünschen Ihnen bei der Suche blablala nach einem geeigneten Verlag viel Erfolg blablala (und das möglichst noch ohne die korrekte Anrede, weil der Verlag sich noch nicht einmal die Mühe gemacht hat nachzuschauen, ob der arme Autor Männlein oder Weiblein ist, und obwohl man sich bei der Bewerbung brav an die Vorgaben des Verlages für das Einreichen von Manuskripten gehalten hat, also dreißig Seiten ausgedruckt, eine Bio-/Bibliographie, eine Inhaltsangabe, ein Exposé und ein freundliches Anschreiben verfasst hat). –

Image via twitpic

FROM ARTHUR C. FIFIELD, PUBLISHER,
13, CLIFFORD’S INN, LONDON, E.C.
TELEPHONE 14430 CENTRAL.

April 19 1912.

Dear Madam,

I am only one, only one, only one. Only one being, one at the same time. Not two, not three, only one. Only one life to live, only sixty minutes in one hour. Only one pair of eyes. Only one brain. Only one being. Being only one, having only one pair of eyes, having only one time, having only one life, I cannot read your M.S. three or four times. Not even one time. Only one look, only one look is enough. Hardly one copy would sell here. Hardly one. Hardly one.

Many thanks. I am returning the M.S. by registered post. Only one M.S. by one post.

Sincerely yours,

A. C. Fifield

Miss Gertrude Stein,
27 Rue de Fleurus,
Paris,
France

Liebe gnädige Frau,

ich bin nur einer, nur einer, nur einer. Nur ein Mensch, nur einer auf einmal. Nicht zwei, nicht drei, nur einer. Nur ein Leben zu leben, nur sechzig Minuten pro Stunde. Nur ein Paar Augen. Nur ein Hirn. Nur ein Mensch.  Und da ich nur einer bin, da ich nur ein Paar Augen habe, da ich nur eine Zeit habe, da ich nur ein Leben habe, kann ich Ihr Manuskript nicht drei- oder viermal lesen. Auch nicht einmal. Nur ein Blick, nur ein Blick genügt. Kaum ein Exemplar würde hier verkauft werden. Kaum eines. Kaum eines.

Vielen Dank. Ich sende das Manuskript per Einschreiben zurück. Nur ein Manuskript mit einer Post.

尊敬的女士,

我只有一个,只有一个,只有一个。仅有的一个人,此时此刻仅有的一个人。不是两个,不是三个,只有一个。生命只有一次,一小时只有 60分钟。只有一双眼睛。只有一个大脑。只有一个人。作为唯一的一个人,只有一双眼睛,只有一次,只有一个生命,您的手稿我不可能看三遍或四遍。甚至连一遍也看不过来。只一眼,只一眼就够了。这儿一本也卖不出去。一本也不会。一本也不会。

您诚挚的,

费菲尔德
(http://old.dongxi.net/content/bilingual/left/b13fP)

Dienstag, 13. November 2012

Gertrude Stein über Substantive und „Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ + Anmerkung


Poesie ist damit beschäftigt das Substantiv zu gebrauchen, zu mißbrauchen, zu verlieren, zu wollen, zu verleugnen, zu vermeiden, anzubeten, zu ersetzen. Sie tut das, tut das immer, tut das und tut nichts als das. Poesie tut nichts als Substantive gebrauchen, verlieren, zurückweisen und zufriedenstellen und betrügen und liebkosen. Das ist was Poesie tut, das ist was Poesie zu tun hat, einerlei weiche Art von Poesie es ist. Und es gibt sehr viele Arten von Poesie.

Als ich sagte.

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.

Und als ich das dann später zu einem Ring gemacht hatte, machte ich Poesie, und was tat ich, ich liebkoste, liebkoste ganz und gar und wandte mich an ein Hauptwort.

Nun lassen Sie uns an Poesie denken, an irgendeine Poesie, alle Poesie, und lassen Sie uns sehen ob das nicht so ist. Natürlich ist es so, jeder kann das wissen.

Poetry is concerned with using with abusing, with losing with wanting, with denying with avoiding with adoring with replacing the noun. It is doing that always doing that, doing that and doing nothing but that. Poetry is doing nothing but using losing refusing and pleasing and betraying and caressing nouns. That is what poetry does, that is what poetry has to do no matter what kind of poetry it is. And there are a great many kinds of poetry.

When I said.

A rose is a rose is a rose is a rose.

And then later made that into a ring I made poetry and what did I do I caressed completely caressed and addressed a noun.

Now let us think of poetry any poetry all poetry and let us see if this is not so. Of course it is so anybody can know that.

Gertrude Stein

(In Poetik und Grammatik (Poetry and Grammar), http://lemonhound.com/2012/10/13/gertrude-stein-poetry-grammar/)


Eine Anmerkung zu Gertrude Steins Worten

Sie werden häufig zitiert, meist verwundert, manchmal abfällig, aber immer aus dem Zusammenhang gerissen, vermutlich, weil ihre Werke nicht gelesen werden. Ihr Einfluss auf die Literatur ist gegenwärtiger als ihr eigenes Werk (man denke nur an ihren Einfluss auf Ernst Jandls Gedichte wie ottos mops oder wien: heldenplatz und an Thomas Bernhards Satzspiralen). Wer weiß schon, dass sie ursprünglich aus dem Gedicht Sacred Emily (Heilige Emily) stammen, das sie 1913 geschrieben hatte:
Color mahogany.
Color mahogany center.
Rose is a rose is a rose is a rose.
Loveliness extreme.
Extra gaiters.
Loveliness extreme.
Sweetest ice-cream.
Page ages page ages page ages.
Wiped Wiped wire wire.
Sweeter than peaches and pears and cream.
Wiped wire wiped wire.
Extra extreme.

(In Geography and Plays. Boston 1922, S. 187; http://www.lettersofnote.com/p/sacred-emily-by-gertrude-stein.html)
Aber bekannt geworden sind die Worte vor allem durch ihr Kinderbuch Die Welt ist rund (The World is Round), das 1939 erschien. Einer der ersten US-amerikanischen Kinderbuchverlage, Young Scott Books, der ein Jahr zuvor gegründet wurde, hatte bekannte Schriftteller um eine Geschichte für Kinder gebeten. Ihr Zögling Ernest Hemingway winkte ab, aber Gertrude Stein sagte im Alter von 65 Jahren zu und schrieb die Geschichte eines kleinen weinerlichen Mädchen namens Rose (es geht hier also nicht um eine Blume), das oft singen muss, gern nachdenkt, suchen, finden und benennen möchte und ihren Lehrern nicht vertraut, die sagen, dass die Welt und die Sonne und der Mond und die Sterne rund sind, und alles „drehte sich immer rundherum immer rundherum“. Und als sie sich einmal beim Singen in einem Spiegel sah, stellte sie fest, dass auch beim Singen „ihr Mund rund (war) und drehte sich immer rundherum immer rundherum“. Und sie fragte sich, „war denn hierzulande alles nur rund drehte sich immer rundherum immer rundherum“? Aber den Bergen, die sich so hoch erheben, würde es sicher „gelingen, alles zum Stillstand zu bringen“. Also beschloss sie, mitsamt einem blauen Gartenstuhl auf die Spitze eines Berges zu klettern, um auf die Welt hinunterzusehen.

Unterwegs sah sie einen Baum, und sie dachte
ja er ist rund aber rundherum werde ich Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose einschnitzen und dann ist’s einfach da und ich höre nirgends mehr irgendwas das mir in der Nacht Angst macht. (…) So nahm sie also ihr Taschenmesser, sie hatte weder einen Füller noch eine Feder von einem Huhn und sie hatte auch keine Tinte da konnte sie nichts tun, sie würde einfach auf ihrem Stuhl stehen und rundherum immer rundherum aber nicht krumm Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose Rose ist eine Rose in die Rinde ritzen bis es ganz herum reichte. (…) Und Rose vergaß die Dämmerung vergaß die rosige Dämmerung und vergaß den Sonnenschein vergaß sie war da allein ganz allein und ritzte vorsichtig in die Ecken rein, die Ecken der Os und Rs und Ss und Es in Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.
(Die Welt ist rund. Ritter 2001, S. 70–72)
Gertrude Stein hat die Worte noch öfter gebraucht, und gern wurden sie von anderen variiert. So schreibt William S. Burroughs in From my Education: A Book of Dreams: „The word for word is word“ (Wort für Wort ist Wort) (zitiert nach Word Virus: The William S. Burroughs Reader. Grove 1998, S. 515) und in Naked Lunch (Nackter Rausch) „A rat is a rat is a rat is a rat“ (Eine Ratte eine Ratte ist eine Ratte ist eine Ratte) (S. 174) Wer mehr dazu wissen möchte, sehe auf http://en.wikipedia.org/wiki/Rose_is_a_rose_is_a_rose_is_a_rose nach.

– Für mich ist Die Welt ist rund jedenfalls eines der schönsten Kinderbücher überhaupt, was sicher auch an der Aufmachung und an den Zeichnungen von Franz Erhard Walther liegt. –

Samstag, 10. November 2012

Getrude Stein über die (Nicht-)Benutzung von Kommas

Wenn es wirklich schwierig wird, möchte man einen Knoten lieber entwirren, statt ihn durchzuschlagen, zumindest empfindet so jeder, der an irgendeinem Thema arbeitet, empfindet so jeder, der mit irgendeinem Werkzeug arbeitet, so empfindet jeder, der einen Satz schreibt oder liest, nachdem er geschrieben wurde. Und was tut ein Komma, ein Komma tut nichts als eine Sache leicht zu machen, die, wenn man sie gern genug tut, leicht genug ist ohne das Komma. Ein langer komplizierter Satz sollte sich einem einprägen, sollte einem bewusst machen, dass man ihn kennt, und das Komma, nun im besten Fall ist ein Komma ein armer Punkt, der einen anhalten und Atem holen lässt, doch wenn man Atem holen will, sollte man selbst wissen, dass man Atem holen will. Es ist nicht wie ganz und gar anhalten, wie es ein Punkt tut, ganz und gar anhalten hat etwas mit weitergehen zu tun, aber Atem holen, nun man holt immer Atem, und warum sollte man einen Atemzug mehr betonen als einen andern. Jedenfalls ist das die Art, wie ich es empfand, und ich empfand das sehr sehr stark. Und so benutzte ich fast nie ein Komma. Je länger, je komplizierter der Satz, um so größer die Anzahl derselben Art Wörter, die ich eines dem andern folgen ließ, je mehr, je viel mehr ich von ihnen gebrauchte, um so mehr fühlte ich die leidenschaftliche Notwendigkeit ihres sich selbst um sich selbst Kümmerns und des ihnen nicht Helfens und des sie Schwächens, indem man ein Komma setzt.

When it gets really difficult you want to disentangle rather than to cut the knot, at least so anybody feels who is working with any thread, so anybody feels who is working with any tool so anybody feels who is writing any sentence or reading it after it has been written. And what does a comma do, a comma does nothing but make easy a thing that if you like it enough is easy enough without the comma. A long complicated sentence should force itself upon you, make you know yourself knowing it and the comma, well at the most a comma is a poor period that it lets you stop and take a breath but if you want to take a breath you ought to know yourself that you want to take a breath. It is not like stopping altogether which is what a period does stopping altogether has something to do with going on, but taking a breath well you are always taking a breath and why emphasize one breath rather than another breath. Anyway that is the way I felt about it and I felt that about it very very strongly. And so I almost never used a comma. The longer, the more complicated the sentence the greater the number of the same kinds of words I had following one after another, the more the very many more I had of them the more I felt the passionate need of their taking care of themselves by themselves and not helping them, and thereby enfeebling them by putting in a comma.

Gertrude Stein in ihrem Vortrag Poetry & Grammar (Poetik und Grammatik) im November 1934 an der Universität von Chicago, http://lemonhound.com/2012/10/13/gertrude-stein-poetry-grammar/; siehe auch ihren Essay On Punctuation, http://epc.buffalo.edu/authors/goldsmith/works/stein.pdf