Es gibt eine hübsche Anekdote über Friedrich Schiller, überliefert vom Hofschauspieler Friedrich Müller, Vater der Schauspielerin Caroline Beck, die Vorbild der Louise Millerin samt ihren Vergissmeinnichtsaugen (Schiller) in Kabale und Liebe und die Louise in der Aufführung war:
Schiller, der sich zu Beginn seiner Laufbahn als Schriftsteller in Mannheim aufhielt, brachte manchen frohen Abend mit den Schauspielern der Mannheimer Bühne, unter anderem mit August Wilhelm Iffland und Heinrich Beck, dem Ehemann von Caroline Beck, im Hause von Müller zu. Wenn die anderen sich zur Ruhe begaben, forderte er Wein, Kaffee, Tinte und Papier und schrieb die ganze Nacht Szenen zu Kabale und Liebe. Der Gastgeber fand ihn dann am nächsten Morgen auf einem Lehnsessel in einer Art von Starrkrampf, so dass er ihn einmal wirklich für tot hielt.
Als Caroline Beck nun Schiller eines Tages fragte, ob ihm nicht die Gedanken ausgingen, wenn er so die ganze Nacht dichte, antworte der in dem breiten schwäbischen Dialekt, den er damals noch sprach: »Das ischt nit anders, aber schaun’s, wenn die Gedanken ausgehn, da mal ich Rössel.« In seinen Manuskripten gibt es wirklich ganze Seiten, auf denen er nichts als kleine Pferde und Männchen gekritzelt hatte. Wenn Madame Beck später irgend eine Stelle in Schillers Dichtungen nicht gefiel, fragte sie ihn scherzend: „Da haben Sie wohl Rössel gemalt?“
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Dienstag, 10. Mai 2011
Freitag, 7. Dezember 2007
Über verfaulte Äpfel (Die Angst vor dem weißen Blatt Papier. V)
Ein Glas Wein ist fein, zwei Glas Wein, das lass sein. (Schriftstellerweisheit)
Die erste Pflicht der Musensöhne / Ist, daß man sich ans Bier gewöhne. (Wilhelm Busch)
Gegen die Blockade helfen natürlich auch andere Mittel. Vielleicht versuchen Sie es mit dem Füllfederhalter Ihres Vaters, vielleicht fällt Ihnen etwas ein, wenn Sie in die rechte obere Ecke der leeren Seite in einen Kringel die Seitenzahl malen. Oder Sie halten sich an SCHILLER, der „den Webstuhl da innen zum Sausen bringen“ wollte mit verfaulten Äpfeln, die er in seine Schreibtischschublade legte.
Auch andere Schriftsteller haben ihre Marotten. GOETHE ließ in seine halb fertigen Manuskripte weiße Blätter heften, um Ideen anzulocken. Bei CANETTI mussten mindestens zehn angespitzte Bleistifte auf dem Schreibtisch liegen; BALZAC benötigte eine bestimmte Sorte Federn, blaues Papier, Nacht und vierzig bis sechzig Tassen Kaffee, die er mit einer Kaffeemaschine zubereitete. Martin WALSER erzählt, dass er, als er am Fliehenden Pferd arbeitete, jedes Mal nach dem Mittagessen zuerst noch die Meistersinger gehört habe, warum, wisse er auch nicht. Bei der Verteidigung der Kindheit wäre es STRAWINSKY in den Schreibpausen gewesen. Andere Stimulantien als Musik kämen ihm wie Doping vor.
Joseph ROTH und Charles BUKOWSKI (und viele andere Schriftsteller) tranken beim Schreiben Alkohol. HEMINGWAY saß „ganze Vormittage in einem Pariser Café bei einem Crème und schrieb«, doch dann »tranken die Burschen in meiner Story, und das machte mich durstig, und ich bestellte einen Rum St. James“.
Berühmt ist aber JEAN PAUL für seine Vorliebe für Bier. Er schreibt, dass er früher zum Schreiben Kaffee gebraucht habe, aber nun könne er nicht mehr ohne den „befeuernden Schriftstellertrank“ leben; er trank Bier schon morgens, um seine Phantasie anzuregen; es „nährt, stärkt mir die Nerven und macht mich heiter“. Als Grund für den Umzug 1804 nach Bayreuth, das nach seinen Aufenthalten in Weimar eine literarische Wüste für ihn war, waren dementsprechend die drei großen B’s „Berge, Bücher und bitteres, braunes Bier“, die er als Minimum brauche: „denn bin ich nur einmal in Bayreuth, so soll ein ganz anderes Mäßigkeits-System anfangen. Himmel, wie werd' ich trinken, und doch mäßig.“ Er habe sich oft bei Gelagen zurückgehalten habe, um nicht die Kraft durch Trinken ohne Schreibzweck abzustumpfen.
Seinem Freund Emanuel, der ihn in jungen Jahren auch an entfernten Orten mit Bayreuther Bier versorgt hatte, schreibt er: „Ich wäre bei Gott täglich in Ohmacht gefallen ... wäre nicht Ihr Bier gewesen, meine Lethe, mein Paktolusfluß, mein Nil, meine vorletzte Ölung, mein Weihwasser ...“
Als ihm sein Bruder Gottlieb mal ein besonders wohlschmeckendes Bier schenkte, dankte ihm Jean Paul mit den Worten: „Vorgestern setzte die Akademie der Wissenschaften in München einen Preis von zwei Dukaten auf die beste Auflösung der Preisfrage: was in Baireuth jetzt das beste Gericht sei und was das beste Getränk? Gestern antwortete ich als Mitglied der Akademie: das beste hiesige Gericht sei ein Schinken von meiner Frau Schwägerin, und das beste Getränk sei das Bier, das mir eben mein Bruder ... geschickt. – Heute mit umlaufender Post hoff' ich die beiden Dukaten zu bekommen, wovon Du drei erhalten sollst. Ernstlich, lieber Bruder, mache nur, daß ich von Deinem herrlichen Bier recht bald, recht oft und recht lange bekomme.“
Seinen enormen Bierkonsum verteidigte er mit den Worten: „Was Trunkenheit ist - die nämlich den Geist lähmt, anstatt beflügelt - ... kenn' ich nicht.„
Ob Jean Paul nun Trinker war oder nicht – darüber sollen sich die Gelehrten streiten –, das Bier bestimmte sein Leben, sein Schreiben (jeden Morgen ging er in die Rollwenzelei, in dessen Dichterklause im Oberstübchen er liebevoll umsorgt von der Wirtin Dorothea Rollwenzel – der "besten Suppen- und Mehlspeisköchin im Staate Ansbach-Bayreuth", der „gescheitesten Frau von Bayreuth“ – viele seiner Bayreuther Texte und seine letzten Werke, den Komet und Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele schrieb) und seinen – Tod. Er starb 1825 an Leberzirrhose.
Das Schreiben selbst kann sogar zur Sucht werden. Dirk R. MEYNECKE schreibt: »Damit führt etwas Regie in unserem Leben, an das wir unser Glück mehr oder weniger hängen. Das Mehr macht den Grad der Sucht, der Abhängigkeit aus. Nun kann bekanntlich alles süchtig machen: Alkohol, Arbeit, Liebe, Leim. Wer nun beim Schreiben eines Buches auf denselben geht, macht damit noch nichts Schlechtes; er sollte sich nur den Grad der Abhängigkeit eingestehen und seine Motivation erforschen.“
Mehr zur Schreibbblockade siehe hier http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/schreibblockade
Mittwoch, 21. November 2007
Die Angst vor dem weißen Blatt Papier. IV
… und nun?
Statt Ihr noch nicht verdientes Geld für einen Psychiater zum Fenster hinauszuwerfen, sollten Sie es lieber mit erschwinglicheren Methoden versuchen. Greifen Sie zu Lockerungsübungen: Schildern Sie die Einrichtung Ihres Arbeitszimmers, skizzieren Sie den Blick aus Ihrem Küchenfenster. Schreiben Sie einen Brief an Ihre Freundin oder einen Unbekannten, der gerade auf der Straße vorüber spaziert, und schildern Sie Ihre Lage. Oder schreiben Sie einen Brief an sich selbst mit Anrede und Gruß und Unterschrift am Ende. Tippen Sie auf die erste Seite: Mein Name ist XY und ich bin die beste Schriftstellerin aller Zeiten. Fabulieren Sie von dem, was sein wird, wenn Sie den Nobelpreis erhalten haben. Schreiben Sie, wie gut Sie sich finden, welche Talente Sie an sich mögen – loben Sie sich! Fluchen Sie über das Buch, die Figuren, die Handlung, spinnen Sie mit dem Thema rum. Schreiben Sie an dem Brief weiter, wenn es Sie (wieder einmal) erwischt hat.
Sagen Sie sich: Was soll’s, dann blamiere ich mich halt, ich schreib jetzt irgend etwas. Oder finden Sie auf die Frage: Was befürchtest du? die richtige Antwort. Beschwören Sie dieses Schreckensbild.
Schreiben Sie einfach los, möglichst nah am Thema, doch ohne einen einzigen Gedanken an Rechtschreibung, Grammatik, Stil oder hehre Gedanken zu verschwenden (ja, ich weiß, ich weiß, der Aus-Schalter im Gehirn ist schwer zu finden …). Das Schlimme ist ja, dass sich Schriftsteller oft selbst im Weg stehen, weil sie auf Anhieb perfekt sein möchten. Deshalb: schreiben, schreiben, schreiben! Und wenn es Schrott ist, der in die Tasten fließt (der fällt später der gestrengen Löschtaste zum Opfer). Erlauben Sie sich wirres Schreiben. Irgendein Satz legt plötzlich den Schalter im Gehirn um und der Text bekommt eine Seele. Vor allem haben Sie sich von dem Zwang befreit, sofort druckreif schreiben oder überhaupt etwas zu Papier bringen zu müssen.
Drucken Sie die Seiten aus und entspannen Sie anschließend den Kopf: spielen Sie Skat, aalen Sie sich in einem Schaumbad, arbeiten Sie an etwas ganz anderem. Oder knuddeln Sie die Katze, säubern Sie die Tastatur, den Spiegel im Bad. Auch der Besuch bei Ihrer Kosmetikerin wirkt Wunder (man fühlt sich danach jung und vital und unwiderstehlich). Im schlimmsten Fall sehen Sie fern. Setzen Sie sich einige Stunden später gemütlich auf dem Sofa oder im Ohrensessel an das Geschriebene und überarbeiten Sie es. Vielleicht wirkt ein absurd wirkender Satz plötzlich überaus eindrucksvoll. Verknüpfen Sie einen Einfall mit etwas gerade Erlebtem oder in Verbote Liebe oder bei Vera, Britt oder Oliver Geissen Geschautem (schauen Sie sich also auch solche Sendungen an. Das, was dort gezeigt oder gesagt wird, so idiotisch es auch erscheinen mag, ist das Leben selbst, Sie können sich das gar nicht ausdenken). Dann sieben Sie das Ganze und Sie werden sehen: die Nuggets bleiben hängen.
Oder lesen Sie meine Vorschläge für Schreibanlässe und schreiben Sie eine andere Geschichte als die, bei der Sie stecken geblieben sind. Nutzen Sie die Cluster-Methode (keine Sorge, was das ist, erkläre ich ein andermal): Stöbern Sie im Netz und in den Medien nach Begriffen, tragen Sie sie in Ihrem Schatzkästchen von Stichworten und Ideen zusammen. Clustern Sie die Begriffe und Sie werden den Knoten platzen sehen. Oder: Überlegen Sie laut vor sich hin. Wenn die Gedanken klar formuliert sind, purzeln irgendwann die Assoziationen nur so auf die Seiten.
Wichtig ist, dass Sie sich regelmäßig an den Schreibtisch setzen und wenigstens einige Sätze schreiben (und schieben Sie keinen Lumpi vor, der Sie daran hindert).Sie können natürlich auch das Unterbewusstsein oder Ihre Träume für sich arbeiten lassen. Sagen Sie sich: Das Problem packe ich jetzt ins Dunkel der hintersten Gehirnwindung; dort kann es vor sich hin köcheln und gar werden. Die Lösung taucht dann meist von allein auf in seltsamen Situationen: beim Kochen, beim Einkaufen oder eben beim Mohrrüben- oder Autoputzen oder auf dem Klo.
Benutzen Sie Merkhilfen wie Notizbücher oder Diktiergeräte. Oft schießen Ihnen eine Idee oder ein Satzfragment durch den Kopf, wenn Sie sich mit mechanischen Verrichtungen beschäftigen oder sich entspannen. Sprechen Sie sie auf Band oder schreiben Sie sie in Ihr Notizbuch – und vergessen Sie sie, bis Sie sich wieder an Ihr Manuskript setzen. Tippen Sie Ihre Notizen ab und führen Sie ohne Wertung und ohne Feinschliff (siehe oben) diese Gedanken und Einfälle aus.
Finden Sie die Magie des Schreibens, von der Dorothea BRANDE und Stephen KING sprechen, wieder. King nutzt dazu seinen eigenen »unterirdischen Ort mit hellem Licht und klaren Bildern« (Das Leben und das Schreiben, S. 117). Suchen Sie Ihren Ort. Stellen Sie sich einen Fluss vor, in dem Sie nach Worten und Gedanken fischen, erforschen Sie einen Dachboden mit geheimnisvollen Truhen. Beschreiben Sie diese Orte, das, was Sie dort finden und was Sie dabei fühlen – und schon fließen die Worte. Oder erinnern Sie sich an den magischen Moment, als das Schreiben gar nicht schnell genug ging. Wo saßen Sie? Prallte die Sonne vom Himmel oder prasselten Regentropfen gegen die Scheiben? Lassen Sie sich von der Magie dieser Stunde inspirieren.
Nehmen Sie die Krise als Zeichen dafür, dass Sie weitergekommen sind – dass Sie gewachsen sind. Wachsen ist immer schmerzhaft, bedeutet aber auch eine Chance. Nach einer Schreibkrise schrieb RILKE die zehn Duineser Elegien, Ingeborg BACHMANNS Malina erzählt auch die Geschichte einer Lebens- und Schreibkrise.
… wenn die Gedanken ausgehn, mal ich Rössel. (SCHILLER)
Es gibt nur einen Trick, der genau genommen keiner ist: sitzen bleiben. (Christoph PETERS)
Statt Ihr noch nicht verdientes Geld für einen Psychiater zum Fenster hinauszuwerfen, sollten Sie es lieber mit erschwinglicheren Methoden versuchen. Greifen Sie zu Lockerungsübungen: Schildern Sie die Einrichtung Ihres Arbeitszimmers, skizzieren Sie den Blick aus Ihrem Küchenfenster. Schreiben Sie einen Brief an Ihre Freundin oder einen Unbekannten, der gerade auf der Straße vorüber spaziert, und schildern Sie Ihre Lage. Oder schreiben Sie einen Brief an sich selbst mit Anrede und Gruß und Unterschrift am Ende. Tippen Sie auf die erste Seite: Mein Name ist XY und ich bin die beste Schriftstellerin aller Zeiten. Fabulieren Sie von dem, was sein wird, wenn Sie den Nobelpreis erhalten haben. Schreiben Sie, wie gut Sie sich finden, welche Talente Sie an sich mögen – loben Sie sich! Fluchen Sie über das Buch, die Figuren, die Handlung, spinnen Sie mit dem Thema rum. Schreiben Sie an dem Brief weiter, wenn es Sie (wieder einmal) erwischt hat.
Sagen Sie sich: Was soll’s, dann blamiere ich mich halt, ich schreib jetzt irgend etwas. Oder finden Sie auf die Frage: Was befürchtest du? die richtige Antwort. Beschwören Sie dieses Schreckensbild.
Schreiben Sie einfach los, möglichst nah am Thema, doch ohne einen einzigen Gedanken an Rechtschreibung, Grammatik, Stil oder hehre Gedanken zu verschwenden (ja, ich weiß, ich weiß, der Aus-Schalter im Gehirn ist schwer zu finden …). Das Schlimme ist ja, dass sich Schriftsteller oft selbst im Weg stehen, weil sie auf Anhieb perfekt sein möchten. Deshalb: schreiben, schreiben, schreiben! Und wenn es Schrott ist, der in die Tasten fließt (der fällt später der gestrengen Löschtaste zum Opfer). Erlauben Sie sich wirres Schreiben. Irgendein Satz legt plötzlich den Schalter im Gehirn um und der Text bekommt eine Seele. Vor allem haben Sie sich von dem Zwang befreit, sofort druckreif schreiben oder überhaupt etwas zu Papier bringen zu müssen.
Drucken Sie die Seiten aus und entspannen Sie anschließend den Kopf: spielen Sie Skat, aalen Sie sich in einem Schaumbad, arbeiten Sie an etwas ganz anderem. Oder knuddeln Sie die Katze, säubern Sie die Tastatur, den Spiegel im Bad. Auch der Besuch bei Ihrer Kosmetikerin wirkt Wunder (man fühlt sich danach jung und vital und unwiderstehlich). Im schlimmsten Fall sehen Sie fern. Setzen Sie sich einige Stunden später gemütlich auf dem Sofa oder im Ohrensessel an das Geschriebene und überarbeiten Sie es. Vielleicht wirkt ein absurd wirkender Satz plötzlich überaus eindrucksvoll. Verknüpfen Sie einen Einfall mit etwas gerade Erlebtem oder in Verbote Liebe oder bei Vera, Britt oder Oliver Geissen Geschautem (schauen Sie sich also auch solche Sendungen an. Das, was dort gezeigt oder gesagt wird, so idiotisch es auch erscheinen mag, ist das Leben selbst, Sie können sich das gar nicht ausdenken). Dann sieben Sie das Ganze und Sie werden sehen: die Nuggets bleiben hängen.
Oder lesen Sie meine Vorschläge für Schreibanlässe und schreiben Sie eine andere Geschichte als die, bei der Sie stecken geblieben sind. Nutzen Sie die Cluster-Methode (keine Sorge, was das ist, erkläre ich ein andermal): Stöbern Sie im Netz und in den Medien nach Begriffen, tragen Sie sie in Ihrem Schatzkästchen von Stichworten und Ideen zusammen. Clustern Sie die Begriffe und Sie werden den Knoten platzen sehen. Oder: Überlegen Sie laut vor sich hin. Wenn die Gedanken klar formuliert sind, purzeln irgendwann die Assoziationen nur so auf die Seiten.
Wichtig ist, dass Sie sich regelmäßig an den Schreibtisch setzen und wenigstens einige Sätze schreiben (und schieben Sie keinen Lumpi vor, der Sie daran hindert).Sie können natürlich auch das Unterbewusstsein oder Ihre Träume für sich arbeiten lassen. Sagen Sie sich: Das Problem packe ich jetzt ins Dunkel der hintersten Gehirnwindung; dort kann es vor sich hin köcheln und gar werden. Die Lösung taucht dann meist von allein auf in seltsamen Situationen: beim Kochen, beim Einkaufen oder eben beim Mohrrüben- oder Autoputzen oder auf dem Klo.
Benutzen Sie Merkhilfen wie Notizbücher oder Diktiergeräte. Oft schießen Ihnen eine Idee oder ein Satzfragment durch den Kopf, wenn Sie sich mit mechanischen Verrichtungen beschäftigen oder sich entspannen. Sprechen Sie sie auf Band oder schreiben Sie sie in Ihr Notizbuch – und vergessen Sie sie, bis Sie sich wieder an Ihr Manuskript setzen. Tippen Sie Ihre Notizen ab und führen Sie ohne Wertung und ohne Feinschliff (siehe oben) diese Gedanken und Einfälle aus.
Finden Sie die Magie des Schreibens, von der Dorothea BRANDE und Stephen KING sprechen, wieder. King nutzt dazu seinen eigenen »unterirdischen Ort mit hellem Licht und klaren Bildern« (Das Leben und das Schreiben, S. 117). Suchen Sie Ihren Ort. Stellen Sie sich einen Fluss vor, in dem Sie nach Worten und Gedanken fischen, erforschen Sie einen Dachboden mit geheimnisvollen Truhen. Beschreiben Sie diese Orte, das, was Sie dort finden und was Sie dabei fühlen – und schon fließen die Worte. Oder erinnern Sie sich an den magischen Moment, als das Schreiben gar nicht schnell genug ging. Wo saßen Sie? Prallte die Sonne vom Himmel oder prasselten Regentropfen gegen die Scheiben? Lassen Sie sich von der Magie dieser Stunde inspirieren.
Nehmen Sie die Krise als Zeichen dafür, dass Sie weitergekommen sind – dass Sie gewachsen sind. Wachsen ist immer schmerzhaft, bedeutet aber auch eine Chance. Nach einer Schreibkrise schrieb RILKE die zehn Duineser Elegien, Ingeborg BACHMANNS Malina erzählt auch die Geschichte einer Lebens- und Schreibkrise.
Dienstag, 20. November 2007
Die Angst vor dem weißen Blatt Papier. III
Schreibblockade
Und wir möchten nicht vom Verstummen eines Schriftstellers sprechen, weil er nicht mehr zu schreiben vermag. »Das letzte Programm ist die Erfindung des Schweigens«, sagt Heiner MÜLLER. Er schrieb in Mommsens Block über die Schreibblockade des Historikers, der aus diesem Grund den lange angekündigten vierten Band über das Rom der späten Kaiserzeit nicht vollendet haben soll. Müller deutete diesen Block als Ekel vor der Geschichte, vor den Cäsaren, die Mommsen zu jämmerlich erschienen. Aber nicht nur deshalb schrieb Müller über Mommsen, er wusste, wovon er sprach: Es war seine eigene Geschichte. Seine letzten Texte sind Protokolle über das Nicht-mehr-Schreiben-Können. Er schauderte vor einer Gegenwart, über die er hätte schreiben müssen, wartete doch jeder auf sein Drama über das wiedervereinigte Deutschland. Auch BRECHT gelang nicht, trotz mehrerer Versuche ein Gegenwartsstück zu schreiben. Günter DE BRUYN zog bewusst einen Schlussstrich. Volker BRAUN dagegen machte in seinem 1990 veröffentlichten Gedicht Eigentum seine Schreibkrise sichtbar: »/ und unverständlich wird mein ganzer Text /«, was ihm sehr half. – Nein, wir möchten von der Schreibblockade sprechen, die aus dem Unterbewusstsein entsteht. –
Bitte berichten Sie nun nicht auch noch von Ihrer Schreibblockade. Reinhard BAUMGART hat den Begriff »Wohmanisieren« geprägt. Er spielt damit auf Gabriele WOHMANNS »Blick durch das eigene Schlüsselloch auf den eigenen Nabel« an: »Schreibend beschnuppern sie nur sich selbst und ihr Milieu, erzählen von ihren eigenen Ärzten, Tanten, Krankheiten, Ängsten, Ehe- und Nebenlieben, Alkohol- und Fernsehgenüssen.« Das interessiert niemanden, und es ist kein Wunder, dass moderne deutsche Literatur im Ausland kaum noch übersetzt wird. –
Zuerst einmal sind da die Selbstzweifel, die oft sogar zu Depressionen führen. Sie fürchten, dass Sie nie wieder etwas Vernünftiges werden schreiben können, ja, noch nie etwas Vernünftiges geschrieben haben, dass Ihr Einfallsreichtum für alle Zeiten verschwunden ist. Trösten Sie sich: Auch solche Gefühle kennt jeder Schreibende. Sie gehen vorüber. Und Selbstzweifel sind immer noch angebrachter als Selbstüberschätzung, als von seinem Können, von jedem Wort in seinem Werk, so überzeugt zu sein, dass man keine Ratschläge annimmt, für Kritik taub ist und jedes ablehnende Schreiben von Verlagen als tiefe Kränkung empfindet.
Oder Sie wollen perfekt sein: Sie entwickeln ein Schreib-Über-Ich (Lutz VON WERDER) und denken bei jedem Wort an Kritiker und lektorieren gleichzeitig. Oder Sie wollen nicht fertig werden, sei es wegen der Leere, die Sie nach der Fertigstellung Ihres Werkes fürchten, sei es, weil Sie sich um Verleger bemühen müssen – weil Sie es hassen, Ihr Werk wildfremden Menschen anzupreisen wie Sauerbier –, und weil Sie wissen, dass Sie sich Tag für Tag vor dem Briefträger fürchten werden wegen der Ablehnungsschreiben: weil Sie Angst vor einem Misserfolg haben.
Oder Sie haben Angst vor dem Erfolg. Da Sie Schriftsteller sind, haben Sie viel, gar zuviel Phantasie: Sie malen sich vorher schon aus, was geschehen wird, wenn Ihr Werk in jeder Buchhandlung ausliegt. Wie werden Ihre Familie, Ihre Freunde, reagieren? Wie wird sich Ihr Leben – wie werden Sie sich verändern? Wie werden Sie sich der Öffentlichkeit präsentieren? Sie werden vor fremden Leuten sprechen und in Talkshows auftreten müssen: Sie werden im Mittelpunkt stehen. Werden interviewt, rezensiert – Ihr Leben wird öffentlich sein. Sollten Sie diese Publicity fürchten, so veröffentlichen Sie unter einem Pseudonym oder suchen Sie, wie FREY rät, falls es gar nicht anders geht, einen »Psychofritzen« auf. –
Ein Pseudonym bringt jedoch Probleme mit sich. Niemand weiß, dass Sie den Text geschrieben haben. Und: Sie bleiben immer anonym, ob Sie das auf die Dauer wollen oder nicht. Verwirrend ist, wenn Sie mehrere Pseudonyme benutzen. RINGELNATZ konnte sich das leisten, Ihnen als Autor, der erst noch berühmt werden möchte, müssen wir jedoch davon abraten. Pseudonyme sind nur hilfreich, wenn Sie etwas schreiben, mit dem Sie nicht in Verbindung gebracht werden wollen wie Groschenhefte, Pornos, Enthüllungsromane – oder Ihre Autobiografie, bei der Sie aus verschiedenen Gründen anonym bleiben möchten. –
Und wir möchten nicht vom Verstummen eines Schriftstellers sprechen, weil er nicht mehr zu schreiben vermag. »Das letzte Programm ist die Erfindung des Schweigens«, sagt Heiner MÜLLER. Er schrieb in Mommsens Block über die Schreibblockade des Historikers, der aus diesem Grund den lange angekündigten vierten Band über das Rom der späten Kaiserzeit nicht vollendet haben soll. Müller deutete diesen Block als Ekel vor der Geschichte, vor den Cäsaren, die Mommsen zu jämmerlich erschienen. Aber nicht nur deshalb schrieb Müller über Mommsen, er wusste, wovon er sprach: Es war seine eigene Geschichte. Seine letzten Texte sind Protokolle über das Nicht-mehr-Schreiben-Können. Er schauderte vor einer Gegenwart, über die er hätte schreiben müssen, wartete doch jeder auf sein Drama über das wiedervereinigte Deutschland. Auch BRECHT gelang nicht, trotz mehrerer Versuche ein Gegenwartsstück zu schreiben. Günter DE BRUYN zog bewusst einen Schlussstrich. Volker BRAUN dagegen machte in seinem 1990 veröffentlichten Gedicht Eigentum seine Schreibkrise sichtbar: »/ und unverständlich wird mein ganzer Text /«, was ihm sehr half. – Nein, wir möchten von der Schreibblockade sprechen, die aus dem Unterbewusstsein entsteht. –
Bitte berichten Sie nun nicht auch noch von Ihrer Schreibblockade. Reinhard BAUMGART hat den Begriff »Wohmanisieren« geprägt. Er spielt damit auf Gabriele WOHMANNS »Blick durch das eigene Schlüsselloch auf den eigenen Nabel« an: »Schreibend beschnuppern sie nur sich selbst und ihr Milieu, erzählen von ihren eigenen Ärzten, Tanten, Krankheiten, Ängsten, Ehe- und Nebenlieben, Alkohol- und Fernsehgenüssen.« Das interessiert niemanden, und es ist kein Wunder, dass moderne deutsche Literatur im Ausland kaum noch übersetzt wird. –
Zuerst einmal sind da die Selbstzweifel, die oft sogar zu Depressionen führen. Sie fürchten, dass Sie nie wieder etwas Vernünftiges werden schreiben können, ja, noch nie etwas Vernünftiges geschrieben haben, dass Ihr Einfallsreichtum für alle Zeiten verschwunden ist. Trösten Sie sich: Auch solche Gefühle kennt jeder Schreibende. Sie gehen vorüber. Und Selbstzweifel sind immer noch angebrachter als Selbstüberschätzung, als von seinem Können, von jedem Wort in seinem Werk, so überzeugt zu sein, dass man keine Ratschläge annimmt, für Kritik taub ist und jedes ablehnende Schreiben von Verlagen als tiefe Kränkung empfindet.
Oder Sie wollen perfekt sein: Sie entwickeln ein Schreib-Über-Ich (Lutz VON WERDER) und denken bei jedem Wort an Kritiker und lektorieren gleichzeitig. Oder Sie wollen nicht fertig werden, sei es wegen der Leere, die Sie nach der Fertigstellung Ihres Werkes fürchten, sei es, weil Sie sich um Verleger bemühen müssen – weil Sie es hassen, Ihr Werk wildfremden Menschen anzupreisen wie Sauerbier –, und weil Sie wissen, dass Sie sich Tag für Tag vor dem Briefträger fürchten werden wegen der Ablehnungsschreiben: weil Sie Angst vor einem Misserfolg haben.
Oder Sie haben Angst vor dem Erfolg. Da Sie Schriftsteller sind, haben Sie viel, gar zuviel Phantasie: Sie malen sich vorher schon aus, was geschehen wird, wenn Ihr Werk in jeder Buchhandlung ausliegt. Wie werden Ihre Familie, Ihre Freunde, reagieren? Wie wird sich Ihr Leben – wie werden Sie sich verändern? Wie werden Sie sich der Öffentlichkeit präsentieren? Sie werden vor fremden Leuten sprechen und in Talkshows auftreten müssen: Sie werden im Mittelpunkt stehen. Werden interviewt, rezensiert – Ihr Leben wird öffentlich sein. Sollten Sie diese Publicity fürchten, so veröffentlichen Sie unter einem Pseudonym oder suchen Sie, wie FREY rät, falls es gar nicht anders geht, einen »Psychofritzen« auf. –
Ein Pseudonym bringt jedoch Probleme mit sich. Niemand weiß, dass Sie den Text geschrieben haben. Und: Sie bleiben immer anonym, ob Sie das auf die Dauer wollen oder nicht. Verwirrend ist, wenn Sie mehrere Pseudonyme benutzen. RINGELNATZ konnte sich das leisten, Ihnen als Autor, der erst noch berühmt werden möchte, müssen wir jedoch davon abraten. Pseudonyme sind nur hilfreich, wenn Sie etwas schreiben, mit dem Sie nicht in Verbindung gebracht werden wollen wie Groschenhefte, Pornos, Enthüllungsromane – oder Ihre Autobiografie, bei der Sie aus verschiedenen Gründen anonym bleiben möchten. –
Dienstag, 13. November 2007
Die Angst vor dem weißen Blatt Papier. II
Schreibhemmung
Ich möchte hier nicht von den Fällen sprechen, in denen Sie nicht weiterwissen, weil Ihnen das passende Wort nicht einfällt, Sie nicht wissen, wie Sie etwas formulieren sollen oder Sie ratlos stecken bleiben. Diese Probleme lassen sich leicht lösen. Im ersten Fall können Sie die Stelle markieren und später im Synonymlexikon nach dem richtigen Wort suchen (wahrscheinlich fällt es Ihnen beim Mohrrüben- oder Autoputzen ein oder auf dem stillen Örtchen) oder den Satz erst einmal niederschreiben und später daran meißeln. Sollten Sie nicht gleich die richtigen Wörter dafür finden, dass sich das Jubelpaar bei der Silberhochzeit angiftet, sie ihn mit Champagnergläsern bewirft und er ihr die Silberhochzeitstorte ins Gesicht klatscht, bis die Polizei kommt und das Paar auseinander reißt, dann fassen Sie das Ereignis zusammen und arbeiten die Einzelheiten später aus.
Der zweite Fall zeigt, dass mit den Figuren oder der Handlung etwas nicht stimmt. Recherchieren Sie noch gründlicher, wechseln Sie die Perspektive oder Zeit, überlegen Sie, ob der Protagonist überhaupt der Richtige oder ob die Handlung logisch ist. Sollten Sie nicht recht im Klaren sein, was Thema oder Ziel Ihrer Geschichte ist, dann schreiben Sie einen Klappentext. Dabei müssen Sie sich auf das Wesentliche konzentrieren und finden einen Blick dafür, worum es eigentlich geht. Suchen Sie an allen möglichen und unmöglichen Orten nach Inspirationen. Schildern Sie einem Freund, der beruflich etwas anderes macht als Sie, das Problem. Er sieht es aus einem ganz anderen Blickwinkel und findet eine Lösung, an die Sie gar nicht gedacht hatten, gar nicht denken konnten.
Überarbeiten Sie den Text, um in die Geschichte hineinzufinden (aber beißen Sie sich daran nicht fest und überarbeiten nur noch).
Die Schreibhemmung liegt oft daran, dass der Schriftsteller den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht – er hat den Blick für Inhalt und Struktur verloren. Dann ist es hilfreich, zurück zum Ursprung zu gehen und das Gerüst mit den W-Fragen (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2007/11/die-groen-w.html) noch einmal zu bauen. Habe ich eine wichtige W-Frage übersehen? Welche Geschehnisse sind wichtig? Wohin will ich welche Ereignisse packen? Sortieren Notwendiges und Schönes, packen Sie das Unnötige weg. Wenn Sie sich das Gerüst neu gebaut haben und wissen, wie Ihr Kunstwerk aussehen soll, können Sie an die Feinheiten gehen.
Wählen Sie ein anderes Genre: Aus dem Krimi wird ein historischer Roman, aus der Liebesgeschichte ein Märchen. Zu jedem Thema gibt es ein passendes. Aschenputtel wurde zu Pretty Woman, Hänsel und Gretel zu Nightmare on Elm Street und das tapfere Schneiderlein zu Indiana Jones.
Es kann aber auch schlicht und ergreifend sein, dass Sie keine Ahnung haben, wie die Geschichte weiter gehen soll, selbst wenn Sie sie bis in jede Einzelheit geplant haben und das Gerüst steht. Sie sehen ihn nicht mehr vor sich, nichts passt mehr zueinander, die Handlung hat Sie weit entfernt von dem, was Sie beabsichtigt hatten. Sie haben nichts mehr zu sagen, Sie empfinden nichts, zu gut Deutsch: Sie haben absolut keine Lust, gar einen Horror davor, noch ein einziges Wort zu diesem Thema zu schreiben. Nun könnten Sie nachlesen, was Leidensgenossen zu einem ähnlichen Thema geschrieben haben – ein häufiger Trick! –, und die bereits gedachten Gedanken übernehmen. – Auch HEMINGWAY ließ sich in solchen Situationen von zeitgenössischen Autoren anregen, »wie etwa Aldous Huxley oder D. H. Lawrence oder sonst einem, von dem Bücher erschienen waren, die ich in Sylvia Beachs Bücherstube bekommen konnte«. – Aber was Sie dann schreiben, lebt nicht, es ist nicht Ihre Stimme, die erzählt – nicht Ihr Stil.
Bevor Sie nun lange am Stift kauen, Ihr Gehirn zermartern und den Roman verfluchen, an dem Sie seit fünf Jahren Tag für Tag arbeiten, überlegen Sie: Was auf der Welt beschäftigt mich so, dass es mich in meine Träume verfolgt? Was berührt mich? Was interessiert mich wirklich? Lassen Sie sich von den Antworten beflügeln – und schon fliegen die Finger wie von selbst über die Tasten.
Sollten all die guten Ratschläge nicht helfen, so lassen Sie den Text liegen. Keto VON WABERER rät: »An Tagen, an denen ich mich niedergeschlagen, ängstlich und schwarzseherisch fühle, hat es keinen Sinn, an einem Text zu arbeiten, alles erscheint mir dann mißraten und ohne Leben. Manche Geschichten fallen auf diese Weise in Ungnade und liegen lange und ungeliebt herum, bis ich sie noch einmal aufnehme.«
Und wenn das Thema, das Sie gewählt haben, doch nicht Ihres ist? Tja, dann müssen Sie noch einmal von vorn beginnen.
Ich möchte hier nicht von den Fällen sprechen, in denen Sie nicht weiterwissen, weil Ihnen das passende Wort nicht einfällt, Sie nicht wissen, wie Sie etwas formulieren sollen oder Sie ratlos stecken bleiben. Diese Probleme lassen sich leicht lösen. Im ersten Fall können Sie die Stelle markieren und später im Synonymlexikon nach dem richtigen Wort suchen (wahrscheinlich fällt es Ihnen beim Mohrrüben- oder Autoputzen ein oder auf dem stillen Örtchen) oder den Satz erst einmal niederschreiben und später daran meißeln. Sollten Sie nicht gleich die richtigen Wörter dafür finden, dass sich das Jubelpaar bei der Silberhochzeit angiftet, sie ihn mit Champagnergläsern bewirft und er ihr die Silberhochzeitstorte ins Gesicht klatscht, bis die Polizei kommt und das Paar auseinander reißt, dann fassen Sie das Ereignis zusammen und arbeiten die Einzelheiten später aus.
Der zweite Fall zeigt, dass mit den Figuren oder der Handlung etwas nicht stimmt. Recherchieren Sie noch gründlicher, wechseln Sie die Perspektive oder Zeit, überlegen Sie, ob der Protagonist überhaupt der Richtige oder ob die Handlung logisch ist. Sollten Sie nicht recht im Klaren sein, was Thema oder Ziel Ihrer Geschichte ist, dann schreiben Sie einen Klappentext. Dabei müssen Sie sich auf das Wesentliche konzentrieren und finden einen Blick dafür, worum es eigentlich geht. Suchen Sie an allen möglichen und unmöglichen Orten nach Inspirationen. Schildern Sie einem Freund, der beruflich etwas anderes macht als Sie, das Problem. Er sieht es aus einem ganz anderen Blickwinkel und findet eine Lösung, an die Sie gar nicht gedacht hatten, gar nicht denken konnten.
Überarbeiten Sie den Text, um in die Geschichte hineinzufinden (aber beißen Sie sich daran nicht fest und überarbeiten nur noch).
Die Schreibhemmung liegt oft daran, dass der Schriftsteller den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht – er hat den Blick für Inhalt und Struktur verloren. Dann ist es hilfreich, zurück zum Ursprung zu gehen und das Gerüst mit den W-Fragen (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2007/11/die-groen-w.html) noch einmal zu bauen. Habe ich eine wichtige W-Frage übersehen? Welche Geschehnisse sind wichtig? Wohin will ich welche Ereignisse packen? Sortieren Notwendiges und Schönes, packen Sie das Unnötige weg. Wenn Sie sich das Gerüst neu gebaut haben und wissen, wie Ihr Kunstwerk aussehen soll, können Sie an die Feinheiten gehen.
Wählen Sie ein anderes Genre: Aus dem Krimi wird ein historischer Roman, aus der Liebesgeschichte ein Märchen. Zu jedem Thema gibt es ein passendes. Aschenputtel wurde zu Pretty Woman, Hänsel und Gretel zu Nightmare on Elm Street und das tapfere Schneiderlein zu Indiana Jones.
Es kann aber auch schlicht und ergreifend sein, dass Sie keine Ahnung haben, wie die Geschichte weiter gehen soll, selbst wenn Sie sie bis in jede Einzelheit geplant haben und das Gerüst steht. Sie sehen ihn nicht mehr vor sich, nichts passt mehr zueinander, die Handlung hat Sie weit entfernt von dem, was Sie beabsichtigt hatten. Sie haben nichts mehr zu sagen, Sie empfinden nichts, zu gut Deutsch: Sie haben absolut keine Lust, gar einen Horror davor, noch ein einziges Wort zu diesem Thema zu schreiben. Nun könnten Sie nachlesen, was Leidensgenossen zu einem ähnlichen Thema geschrieben haben – ein häufiger Trick! –, und die bereits gedachten Gedanken übernehmen. – Auch HEMINGWAY ließ sich in solchen Situationen von zeitgenössischen Autoren anregen, »wie etwa Aldous Huxley oder D. H. Lawrence oder sonst einem, von dem Bücher erschienen waren, die ich in Sylvia Beachs Bücherstube bekommen konnte«. – Aber was Sie dann schreiben, lebt nicht, es ist nicht Ihre Stimme, die erzählt – nicht Ihr Stil.
Bevor Sie nun lange am Stift kauen, Ihr Gehirn zermartern und den Roman verfluchen, an dem Sie seit fünf Jahren Tag für Tag arbeiten, überlegen Sie: Was auf der Welt beschäftigt mich so, dass es mich in meine Träume verfolgt? Was berührt mich? Was interessiert mich wirklich? Lassen Sie sich von den Antworten beflügeln – und schon fliegen die Finger wie von selbst über die Tasten.
Sollten all die guten Ratschläge nicht helfen, so lassen Sie den Text liegen. Keto VON WABERER rät: »An Tagen, an denen ich mich niedergeschlagen, ängstlich und schwarzseherisch fühle, hat es keinen Sinn, an einem Text zu arbeiten, alles erscheint mir dann mißraten und ohne Leben. Manche Geschichten fallen auf diese Weise in Ungnade und liegen lange und ungeliebt herum, bis ich sie noch einmal aufnehme.«
Und wenn das Thema, das Sie gewählt haben, doch nicht Ihres ist? Tja, dann müssen Sie noch einmal von vorn beginnen.
Mittwoch, 24. Oktober 2007
Horaz über Schreibkrise + Dilletanten
Hingegen hab ich selbst das Handwerk aufgegeben,
und bin nun wieder meiner Sinne mächtig und
mein eigner Herr: wer wehrt mir, daß ich mir
die Finger in die Ohren stecke, wenn mich einer
mit seinem Werkchen in der Hand verfolgt?
Denn solche Stümper heilt sogar das Lachen
des Publikums von ihrer Thorheit nicht:
»Sie schreiben con Amore« haben wahren
Respect vor ihren Werken, und wenn
du nichts sagst, so rechne drauf, sie fangen selber an
davon zu sprechen, und dir anzurühmen
wie glücklich ihnen dies und das gelang,
wie leicht sie schreiben, und wie wenig Mühe
es ihnen kostet, sich genug zu thun.
Horaz: Zweiter Brief, An Julius Florus
(In Horazens Briefe: aus dem Lateinischen übersezt … von C. M. Wieland, Bd. 1. Dessau 1782, S. 136)
Wieland schreibt dazu: "Julius Florus … hatte unserm Dichter Vorwürfe darüber gemacht, daß er ihm gewisse längst versprochene Gedichte noch nicht geschickt habe. Horaz machte zwar, seitdem er den Mäcen versichert hatte, nunc itaque et versus et cetera ludicra pono* noch immer Verse, so oft ihn die Lust dazu anwandelte; aber er wollte nicht dazu genöthigt seyn – und er protestierte, je länger je mehr, gegen alle Prätensionen, die man von dieser Seite an ihn machte, um so ernstlicher, je weniger es ihm anstand, mit den Poeten und schönen Geistern von Profession – womit die Stadt angefüllt war, ohne daß sich die Römische Litteratur desto besser dabey befand – in Einer Categorie zu stehen." (S. 126)
*Vollständig heißt es:
und bin nun wieder meiner Sinne mächtig und
mein eigner Herr: wer wehrt mir, daß ich mir
die Finger in die Ohren stecke, wenn mich einer
mit seinem Werkchen in der Hand verfolgt?
Denn solche Stümper heilt sogar das Lachen
des Publikums von ihrer Thorheit nicht:
»Sie schreiben con Amore« haben wahren
Respect vor ihren Werken, und wenn
du nichts sagst, so rechne drauf, sie fangen selber an
davon zu sprechen, und dir anzurühmen
wie glücklich ihnen dies und das gelang,
wie leicht sie schreiben, und wie wenig Mühe
es ihnen kostet, sich genug zu thun.
Horaz: Zweiter Brief, An Julius Florus
(In Horazens Briefe: aus dem Lateinischen übersezt … von C. M. Wieland, Bd. 1. Dessau 1782, S. 136)
Wieland schreibt dazu: "Julius Florus … hatte unserm Dichter Vorwürfe darüber gemacht, daß er ihm gewisse längst versprochene Gedichte noch nicht geschickt habe. Horaz machte zwar, seitdem er den Mäcen versichert hatte, nunc itaque et versus et cetera ludicra pono* noch immer Verse, so oft ihn die Lust dazu anwandelte; aber er wollte nicht dazu genöthigt seyn – und er protestierte, je länger je mehr, gegen alle Prätensionen, die man von dieser Seite an ihn machte, um so ernstlicher, je weniger es ihm anstand, mit den Poeten und schönen Geistern von Profession – womit die Stadt angefüllt war, ohne daß sich die Römische Litteratur desto besser dabey befand – in Einer Categorie zu stehen." (S. 126)
*Vollständig heißt es:
Nunc itaque et versus et cetera ludicra pono,Mit diesen Worten spielt Horaz auf La Fontaines Fabel Die Grille und die Ameise an. Er „begegnet damit dem Einwurf, daß er noch nicht so alt sey, um den Spielen der Musen aus Unvermögen entsagen zu müssen“. (S. 22)
quid verum atque decens curo et rogo et omnis in hoc sum,
condo et compono, quae mox depromere possim. (S. 2)
Gehorsam dieser Warnung hab' ich nun
der Verse mich und alles andern Spielwerks
entschlagen, und, was Wahr und Schön, beschäftigt
mich ganz und gar; ich leb und webe drinn,
bemüht, mir einen Vorrath einzusammeln,
wovon ich bald im Winter zehren könne. (S. 22)
Samstag, 20. Oktober 2007
Die Angst vor dem weißen Blatt Papier I.
An manchen Tagen sind die Worte weg. Ich sage: Kommt her. Und sie kommen nicht. (Güney DAL)
»Alles fließt«, sagt HERAKLIT. Nur die Sprache fließt bisweilen nicht. Stellen Sie sich vor, Sie kehrten von einer Reise ins Amazonasbecken heim und trügen Bilder von Wasserfällen und Pfeilgiftfröschen im Herzen, Geschichten über kauzige Reisegefährten und Fast-Flugzeugabstürze im Kopf. Sie begrüßen den Computer, schalten ihn ein, legen die Finger auf die Tasten und – nichts. Sie schalten ihn aus und denken: Okay, ist halt der Jetlag. Am nächsten Morgen schalten Sie den Rechner wieder ein und den Schalter im Gehirn dazu und … Oder Sie legen sich Papier zurecht, zücken den Stift, starren auf das leere Blatt, und es starrt zurück.
Geraten Sie nicht in Panik, wenn das Schicksal Sie ereilt und Ihnen nichts einfällt, die Tastatur Sie anwidert, Sie Angst haben vor dem »erschreckenden weißen Papier« (GRASS), der »Angst vor dem Nichts« (CUSANUS). Tigern Sie nicht durch die Wohnung und hauen Sie Ihren Kopf nicht gegen die Wand. Bekämpfen Sie die Angst auch nicht mit Cuba libre oder anderen Drogen (auch nicht mit Schokolade, die zusätzlichen Pfunde frustrieren Sie noch mehr) – nein, trösten Sie sich: Sie sind in guter Gesellschaft; jeder Schriftsteller kennt diesen »Ort der Verdammnis«.
Gertrude STEIN geriet im Alter von fast sechzig Jahren nach der Veröffentlichung der Autobiographie von Alice B. Tokla (in der sie ihre Lebensgeschichte aus der Sicht ihrer Lebensgefährtin erzählt – auch eine Möglichkeit, autobiografisch zu schreiben), in eine Schreibkrise, obwohl sie damit den schriftstellerischen Durchbruch schaffte. Nachdem sie jahrelang für den Druck ihrer Bücher bezahlt hatte (sic!), wusste sie nicht, ob sie wirklich für die Öffentlichkeit, für Geld, schreiben wollte.
HOFMANNSTHAL beklagt im Chandos-Brief, dass ihm die »geistige Fähigkeit abhanden gekommen« sei, »über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen«. Er litt darunter, dass ihm nicht gelang das auszudrücken, was er sagen wollte. Im Schwierigen verarbeitete er seine Krise, indem er seinen Protagonisten Hans-Karl Bühl versuchen ließ, das Problem mit der Sprache zu überwinden.
Auch Robert WALSER ereilte Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts eine Schreibkrise, weil zwei Romane und einige Zeitungsartikel abgelehnt worden waren. Um sich zu disziplinieren, »bleistiftelte« er, wie er es nannte, mit etwa drei Millimeter hohen Sütterlinbuchstaben auf jedes Art von Papier – auf Briefe, Kalenderblätter, Honorarabrechnungen, Visitenkarten. In jede noch so winzige Lücke zwängte er Gedichte, selbst die leeren Flächen in Poststempeln beschrieb er, etwa mit der Frage »Hesch jetz gli einisch gnue dichtelet?«. 1933 maßen die Buchstaben kaum noch einen Millimeter (entziffert wurden diese Texte mit einem Fadenzähler aus der Textilindustrie, der fünf- bis sechsfache Vergrößerungen ermöglicht). Er notierte auch Gedanken zum Schreibenmüssen, zum ersehnten Verstummen, was er einige Jahre später auch für immer tat: »Man glaubt nicht, was mir diese Verse hier für Mühe machen« oder »Ich Armer muss hier ein Gedicht verfassen« und:
An vorliegende Zeilen hinzutreten kostete mich Überwindung, gewissermaßen nötigte ich mich dazu, habe mir jedenfalls untersagt, mich dem Glauben hinzugeben, ich möge nicht recht, es sei mir zuwider, ich hätte keine Lust. Wie gern, wie leicht spräche man zu sich: »Ich habe es nachgerade satt«, aber ich bin überzeugt, daß niemand, der sich als Mitglied der Gesellschaft fühlt, ... sich für berechtigt halten kann, leichthin zu Müdigkeiten zu neigen.
»Ich verdanke dem Bleistiftsystem ... wahre Qualen«, schreibt er 1927 an Max RYCHNER, »aber diese Qual lehrte mich Geduld, derart, daß ich im Geduldhaben ein Künstler geworden bin«. Mit dem Bleistiftsystem wollte er sich aus einem »Schreibfederüberdruss« befreien, denn er vermutete, dass »stockende Tinte« Schuld an der Schreibkrise gewesen war: »Für mich ließ es sich mit Hilfe des Bleistifts wieder besser spielen, dichten.« Er glaubte sogar, dass diese Methode sich zu einem »eigentümlichen Glück auswachse«. Mit dem extrem langsamen und hoch konzentrierten Schreiben überwand er tatsächlich die Krise. Kein Leser merkt seinen Texten an, welche Qualen ihm das Schreiben bereitete.
Die Schreibkrise ist keine Krankheit, auch wenn sie schmerzt und ängstigt, sie zeigt nur, dass etwas nicht stimmt. Verdrängen Sie sie nicht, indem Sie den Rasen mähen, das Arbeitszimmer aufräumen, Rechnungen bezahlen oder für vier Wochen auf Vorrat kochen. Derartige Vermeidungsstrategien bringen nichts. Halten Sie sich auch nicht wieder einmal an Scarlett O’HarasWorte: »Schließlich, morgen ist auch ein Tag« (oder an mañana – zu gut berlinerisch: Kommste heute nicht, kommste morgen). Da hilft nur – schreiben.
»Alles fließt«, sagt HERAKLIT. Nur die Sprache fließt bisweilen nicht. Stellen Sie sich vor, Sie kehrten von einer Reise ins Amazonasbecken heim und trügen Bilder von Wasserfällen und Pfeilgiftfröschen im Herzen, Geschichten über kauzige Reisegefährten und Fast-Flugzeugabstürze im Kopf. Sie begrüßen den Computer, schalten ihn ein, legen die Finger auf die Tasten und – nichts. Sie schalten ihn aus und denken: Okay, ist halt der Jetlag. Am nächsten Morgen schalten Sie den Rechner wieder ein und den Schalter im Gehirn dazu und … Oder Sie legen sich Papier zurecht, zücken den Stift, starren auf das leere Blatt, und es starrt zurück.
Geraten Sie nicht in Panik, wenn das Schicksal Sie ereilt und Ihnen nichts einfällt, die Tastatur Sie anwidert, Sie Angst haben vor dem »erschreckenden weißen Papier« (GRASS), der »Angst vor dem Nichts« (CUSANUS). Tigern Sie nicht durch die Wohnung und hauen Sie Ihren Kopf nicht gegen die Wand. Bekämpfen Sie die Angst auch nicht mit Cuba libre oder anderen Drogen (auch nicht mit Schokolade, die zusätzlichen Pfunde frustrieren Sie noch mehr) – nein, trösten Sie sich: Sie sind in guter Gesellschaft; jeder Schriftsteller kennt diesen »Ort der Verdammnis«.
Gertrude STEIN geriet im Alter von fast sechzig Jahren nach der Veröffentlichung der Autobiographie von Alice B. Tokla (in der sie ihre Lebensgeschichte aus der Sicht ihrer Lebensgefährtin erzählt – auch eine Möglichkeit, autobiografisch zu schreiben), in eine Schreibkrise, obwohl sie damit den schriftstellerischen Durchbruch schaffte. Nachdem sie jahrelang für den Druck ihrer Bücher bezahlt hatte (sic!), wusste sie nicht, ob sie wirklich für die Öffentlichkeit, für Geld, schreiben wollte.
HOFMANNSTHAL beklagt im Chandos-Brief, dass ihm die »geistige Fähigkeit abhanden gekommen« sei, »über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen«. Er litt darunter, dass ihm nicht gelang das auszudrücken, was er sagen wollte. Im Schwierigen verarbeitete er seine Krise, indem er seinen Protagonisten Hans-Karl Bühl versuchen ließ, das Problem mit der Sprache zu überwinden.
Auch Robert WALSER ereilte Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts eine Schreibkrise, weil zwei Romane und einige Zeitungsartikel abgelehnt worden waren. Um sich zu disziplinieren, »bleistiftelte« er, wie er es nannte, mit etwa drei Millimeter hohen Sütterlinbuchstaben auf jedes Art von Papier – auf Briefe, Kalenderblätter, Honorarabrechnungen, Visitenkarten. In jede noch so winzige Lücke zwängte er Gedichte, selbst die leeren Flächen in Poststempeln beschrieb er, etwa mit der Frage »Hesch jetz gli einisch gnue dichtelet?«. 1933 maßen die Buchstaben kaum noch einen Millimeter (entziffert wurden diese Texte mit einem Fadenzähler aus der Textilindustrie, der fünf- bis sechsfache Vergrößerungen ermöglicht). Er notierte auch Gedanken zum Schreibenmüssen, zum ersehnten Verstummen, was er einige Jahre später auch für immer tat: »Man glaubt nicht, was mir diese Verse hier für Mühe machen« oder »Ich Armer muss hier ein Gedicht verfassen« und:
An vorliegende Zeilen hinzutreten kostete mich Überwindung, gewissermaßen nötigte ich mich dazu, habe mir jedenfalls untersagt, mich dem Glauben hinzugeben, ich möge nicht recht, es sei mir zuwider, ich hätte keine Lust. Wie gern, wie leicht spräche man zu sich: »Ich habe es nachgerade satt«, aber ich bin überzeugt, daß niemand, der sich als Mitglied der Gesellschaft fühlt, ... sich für berechtigt halten kann, leichthin zu Müdigkeiten zu neigen.
»Ich verdanke dem Bleistiftsystem ... wahre Qualen«, schreibt er 1927 an Max RYCHNER, »aber diese Qual lehrte mich Geduld, derart, daß ich im Geduldhaben ein Künstler geworden bin«. Mit dem Bleistiftsystem wollte er sich aus einem »Schreibfederüberdruss« befreien, denn er vermutete, dass »stockende Tinte« Schuld an der Schreibkrise gewesen war: »Für mich ließ es sich mit Hilfe des Bleistifts wieder besser spielen, dichten.« Er glaubte sogar, dass diese Methode sich zu einem »eigentümlichen Glück auswachse«. Mit dem extrem langsamen und hoch konzentrierten Schreiben überwand er tatsächlich die Krise. Kein Leser merkt seinen Texten an, welche Qualen ihm das Schreiben bereitete.
Die Schreibkrise ist keine Krankheit, auch wenn sie schmerzt und ängstigt, sie zeigt nur, dass etwas nicht stimmt. Verdrängen Sie sie nicht, indem Sie den Rasen mähen, das Arbeitszimmer aufräumen, Rechnungen bezahlen oder für vier Wochen auf Vorrat kochen. Derartige Vermeidungsstrategien bringen nichts. Halten Sie sich auch nicht wieder einmal an Scarlett O’HarasWorte: »Schließlich, morgen ist auch ein Tag« (oder an mañana – zu gut berlinerisch: Kommste heute nicht, kommste morgen). Da hilft nur – schreiben.
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