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Dienstag, 5. Februar 2013

Der Ritt in den Sonnenuntergang (Über das Happy End)



Wir sind zerschmettert und nicht nur zum Scheine!
Der einzige Ausweg wär aus diesem Ungemach:
Sie selber dächten auf der Stelle nach
Auf welche Weis dem guten Menschen man
Zu einem guten Ende helfen kann.
Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß!
Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß!
Bertolt Brecht, Der gute Mensch von Sezuan, 1986, S. 107

Und wieder schloß der glückliche Anton die Geliebte in seine Arme.
Gustav Freytag, Soll und Haben, 1858, S. 404

»Jedes Pärchen / glaubt das Märchen: Liebe hat ewig Bestand«, singt Lilian Harvey in dem Lied Das gibt's nur einmal aus dem Film Der Kongress tanzt, und in vielen, ach zu vielen Geschichten haucht sie zum Schluss »Ja!«, glaubt endlich, dass in ihr die »wundersame Leidenschaft« durchgebrochen sei, »die bis jetzt gleich einem rosigen Phönix im Ätherglanz eines poetischen Himmels geschwebt hatte«* (Gustave Flaubert: Madame Bovary: oder Eine Französin in der Provinz (Madame Bovary: Moeurs de Province = Sitten der Provinz; Sittenbilder aus der Provinz), 1858, S. 58) und hört die Hochzeitsglocken klingen (oder sollte ich besser sagen dröhnen?). Und viele, ach zu viele Leserinnen warten auf den »Ritter auf schwarzem Rosse mit weißer, wogender Feder auf dem Sammtbarrete« (S. 54); der sie auf sein Pferd, an sein Herz und in sein Schloss nimmt, und an die unsterbliche Liebe.

* Laut einer neueren Übersetzung, die ich aber nicht gerade gelungen finde »sei jene wunderbare Leidenschaft (…) erstanden, die bisher nicht anders als ein Riesenvogel mit rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit himmlischer Traumfernen geschwebt hatte« (Frau Bovary, 2012, S. 40; das Original sowie Übersetzungen in Deutsch, Englisch, Russisch und Spanisch gibt es hier.)

Das ist zu schön, um wahr zu sein


Aber Lilian Harvey singt weiter: »Doch du weißt es, / einmal heißt es: / Reich mir zum Abschied die Hand. / Dann ist der Himmel nicht mehr blau, dann weißt du’s ganz genau. / Das gibt’s nur einmal, / das kommt nicht wieder, das ist zu schön, um wahr zu sein.«

Auch die arme Bovary muss erfahren (und wir mit unseren vernarbten Herzen wissen), dass die kitschigen Bilder trivialer Romane nicht das wahre Leben spiegeln, dass das Happy End verlogen ist und nichts als ein Klischee. Schließlich schießt der gute Amor mit Pfeilen und nicht mit Rosen auf seine Opfer. Nur O-Bein-Romane (sie sind zusammen, werden durch die ach so böse Umwelt getrennt und kommen am Ende durch eine gnädiges Schicksal wieder zusammen), bei denen mit den immer gleichen Worten, den immer gleichen breitgetretenen Metaphern, immer dasselbe Thema (er reich, sie arm) einfallslos geschildert wird, enden immer mit einem Happy End, weil die Leserinnen das erwarten.

Aber nicht nur romantische Leserinnen erwarten ein Happy End. John Irving lässt in Eine Mittelgewichtsehe (The 158-Pound Marriage) seinen Helden erzählen: »Ich sah nie ein fertig gelesenes Buch in seinem Haus. Er sagte mir einmal, die Schlüsse aller Bücher stimmten ihn überwältigend traurig«. Andere Leser wiederum lesen nicht Seite für Seite, wie sich das gehört, sondern überfliegen vorher die letzten Seiten, weil sie wissen wollen, ob das Schicksal des Helden, mit dem sie bangen, mit dem sie lachen und weinen, gut ausgeht. Wenn das nicht der Fall ist, lesen sie nicht weiter.

Schlüsse stimmen aber nicht nur traurig, weil das Schicksal der Heldin schlecht ausgeht, sondern auch, weil der Leser mit dem Ende des letzten Satzes das Gefühl hat, einen Freund zu verlieren. Er sollte sich mit den Anfangszeilen aus Brigitta Weiss’ Gedicht An einen ICE-Mann im Wagen 12 trösten:
Wir beide lesend, angekommen ich
gerade auf dem allerletzten Blatt.
Ob es nicht etwas Trauriges stets hat,
wenn Bücher enden? Fragtest du dann mich.
Ich sagte, nein, mein Leben reiche nicht,
um alle guten Bücher noch zu lesen.

Über Tante Frieda und Onkel Franz


Wir belächeln diese armen Leser, die keine Geschichten lesen mögen, in denen auf der letzten Seite Menschen, die einander einst liebten, gestorben am gebrochenen Herzen oder erschossen von einem eifersüchtigen Liebhaber im Grabe liegen oder sich miteinander langweilen und auseinandergehen. Doch sind es wirklich nur Tante Frieda oder Onkel Franz in uns, die hoffen, dass das Buch glücklich endet? Aristoteles schreibt in der Poetik (Ecce Opera), dass die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden, da das
der Schwäche des Publikums entgegenkommt. Denn die Dichter richten sich nach den Zuschauern und lassen sich von deren Wünschen leiten. (…) Denn dort treten die, die in der Überlieferung die erbittertsten Feinde sind, wie Orestes und Aigisthos, schließlich als Freunde von der Bühne ab, und niemand tötet oder wird getötet.
Was ist das anderes als ein Happy End?

Jeder Mensch erlebt Krisen – ohne Krisen kein Glück –, überwindet sie und wird wieder glücklich (oder zumindest zufrieden). Weshalb sollen Schriftsteller nicht darüber schreiben? Ist es Kitsch, wenn der Held gefallen ist und wieder aufgestanden? Gilt ein Buch nur dann als gute Literatur, wenn der Held scheitert und es mit einer Katastrophe endet? Hatten Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahre (nachdem diverse (Neben-)Figuren gestorben waren, die sich der Leser ohnehin nicht alle merken konnte), Shakespeare oder Boccaccio, die (auch) zu einem guten Ende gekommen sind, keine Ahnung vom Leben?

(Der Schluss vom Wilhelm Meister lautet übrigens:
»Nicht gezaudert!« rief Friedrich. »In zwei Tagen könnt ihr reisefertig sein. Wie meint Ihr, Freund«, fuhr er fort, indem er sich zu Wilhelmen wendete, »als wir Bekanntschaft machten, als ich Euch den schönen Strauß abforderte, wer konnte denken, daß Ihr jemals eine solche Blume aus meiner Hand empfangen würdet?«
»Erinnern Sie mich nicht in diesem Augenblicke des höchsten Glücks an jene Zeiten!«
»Deren Ihr Euch nicht schämen solltet, so wenig man sich seiner Abkunft zu schämen hat. Die Zeiten waren gut, und ich muß lachen, wenn ich dich ansehe: du kommst mir vor wie Saul, der Sohn Kis [siehe http://bibeltext.com/1_samuel/9-3.htm], der ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein Königreich fand.«
»Ich kenne den Wert eines Königreichs nicht«, versetzte Wilhelm, »aber ich weiß, daß ich ein Glück erlangt habe, das ich nicht verdiene, und das ich mit nichts in der Welt vertauschen möchte.«)
Doch, die Meister hatten. Sie wussten jedoch, wann das Happy End angebracht ist: nämlich dann, wenn ein Konflikt damit beendet wird oder eine Krise besonders gefährlich war, wenn das gute Ende psychologisch begründet werden kann.

Das Happy End muss schlüssig und objektiv möglich sein, es darf keine Flucht in eine Idylle bedeuten.
Sie dürfen ein Happy End, zumindest ein kleines, auch anbieten, wenn Sie bei einem schweren Thema trotz aller Hoffnungslosigkeit im Großen einen Lichtschimmer im Kleinen, im Persönlichen, zeigen – wenn Sie Ihren Leser mit dem Text versöhnen möchten, damit er nicht in einem Tränenmeer versinkt oder nach vielen Stunden Lektüre den Kopf hängen lässt und sich fragt, weshalb er sich das angetan hat, wo er sich doch mit Sinnvollerem hätte beschäftigen können, wie Familien im Brennpunkt gucken oder den Rasen mähen oder endlich die Steuererklärung fertig stellen.

Sie können auch die Heldin zum Schluss zwar »Ja« hauchen, das Läuten der Hochzeitsglocken aber nur anklingen lassen. Der Vorhang muss nicht endgültig fallen. Cecil Scott Forester wählte solch ein Ende für African Queen:
So verließen sie also den See und begannen eine weite Reise in Richtung Matadi und Heirat. Ob sie fortan immer glücklich und in Frieden zusammenlebten oder nicht, ist schwer zu sagen.
Im Gegensatz zu vielen, vielen anderen Autoren ist nicht die Heldin im Besitz der wunderbaren Leidenschaft, sondern der Held, Charlie Allnutt, sagt: »In Ordnung, Rosie, wir tun’s.« Spielen Sie also auch mit den Möglichkeiten: Verwandeln Sie die Heldin in einen Helden und umgekehrt – warum nicht zwei Frauen oder zwei Männer? –, entgehen Sie so dem Klischee.

Eines müssen Sie jedoch bedenken: Ein klischeefreies, unsentimentales Happy End ist viel schwieriger zu schreiben als ein schlechter Ausgang. Alle Liebesgeschichten balancieren auf dem schmalen Grad zwischen Kitsch und Kunst.

Deus ex Machina


Doch auch dieses kleine Happy End müssen Sie begründen. Sie dürfen nicht, wie so manche Trivialautoren, wenn sie mit ihrem Text festhängen, einen Deus ex Machina (lat: Gott aus der Maschine) aus dem Hut zaubern, der plötzlich alles zum Guten wendet und alle Rätsel für den Leser löst, wie zum Beispiel eine unerwartete und unbegründete Liebeserklärung, sechs Richtige plus Zusatzzahl im Lotto oder Erbtante Paula, einen Deus, der einen Saulus durch ein unerwartetes Ereignis in einen Paulus verwandelt.

Im griechischen Schauspiel griff in völlig verfahrenen Situationen ein durch eine von dem griechischen Mechaniker Heron entwickelte kranähnliche Maschine auf die Bühne herabgelassener Gott ein. Er rettete oder verdammte die Menschen ganz nach Belieben und löste so die dramatischen Verwicklungen. Ein berühmtes Beispiel findet sich in Iphigenie in Tauris von Euripides: Die Göttin Pallas Athene erscheint im letzten Augenblick über dem Tempel, um Iphigenie und Orest vor der Bestrafung des taurischen Königs Thoas zu retten. Sie gebietet ihm innezuhalten, da alles einem göttlichen Plan folge, und der König gehorcht. Und so endet die Tragödie ganz untragisch mit einem glücklichen Ende.

Solch eine Lösung ist aber meist unglaubwürdig und macht einen Text trivial. Denn es ist
offenkundig, daß auch die Lösung der Handlung aus der Handlung selbst hervorgehen muß (...) und nicht aus dem Eingriff eines Gottes. Vielmehr darf man den Eingriff eines Gottes nur bei dem verwenden, was außerhalb der Bühnenhandlung liegt, oder was sich vor ihr ereignet hat und was ein Mensch nicht wissen kann, oder was sich nach ihr ereignen wird und was der Vorhersage und Ankündigung bedarf – den Göttern schreiben wir ja die Fähigkeit zu, alles zu überblicken. (Aristoteles, Poetik)
Umgekehrt dürfen ein Unfall, ein Orkan oder ein Erdbeben nicht plötzlich die Situation ins Negative verwandeln.

Aus Schriftstellers Schreibstube


Martin Walser erzählt in einem Interview mit dem Tagesspiegel (»Ich fluche nicht, ich werfe weg«), dass ihn zwei Leser des Vorabdrucks in der FAZ gebeten hätten, seinen Roman Lebenslauf der Liebe nicht »unglücklich enden zu lassen. Der eine schrieb: ›Ich ahne schon, das kann nicht gut ausgehen, aber ich bitte Sie, heiliger Martin, lassen Sie das nicht zu.‹« Er habe dann auch ein Happy End geschrieben, jedoch nicht, weil die Leser das gefordert hätten, sondern das habe
sich so aber ergeben, Gott sei Dank. Denn ich hätte es nicht willkürlich erschreiben können. Ich versuche jedoch immer das glücklichste Ende herauszuarbeiten, das für eine Romanmasse möglich ist, ohne dass ich fälsche. Ich bin ja selbst so verlangt, dass ich an einem guten Ausgang interessiert bin.
Und der lautet folgendermaßen:
Conny stand dicht bei ihnen, Susi spürte sie, dann sagte Conny zu ihr und Khalil herauf: Mer blewe zusamm wie Kätzke und Tätske bes zom Lewesjottsdach. Susi nickte, konnte sich aber so lange es blitzte und knallte und läutete nicht regen und sich schon gar nicht von Khalil lösen. Und er sich offenbar auch nicht von ihr. Conny sagte zu ihnen herauf: Ich liebe euch beide. Jetzt lösten beide ihre Münder voneinander, ohne ihre Arme voneinander zu lassen, und sagten beide zugleich zu Conny hin: Und wir erst dich.

Dickens und die Großen Erwartungen

Die viktorianischen Schriftsteller waren sogar gezwungen, sich einen glücklichen Ausgang ausdenken, weil Verleger und Leser das verlangten, und hatten deshalb manchmal Probleme, den richtigen Schluss zu finden. Damals galt sogar das ganze letzte Kapitel als wind-up (Ausklang). Henry James beschreibt es in The Art of Fiction als die »Verteilung von Preisen, Renten, Ehemännern, Ehefrauen, Babys, Millionen, hinzugefügten Absätzen und vergnügten Bemerkungen zum Schluß«:
One would say that being good means representing virtuous and aspiring characters, placed in prominent positions; another would say that it depends for a »happy ending« on a distribution at the last of prizes, pensions, husbands, wives, babies, millions, appended paragraphs and cheerful remarks.
(Longman's Magazine, 4, 1884, S. 180f., reprinted in Henry James Partial Portraits, 1888; siehe dazu auch Burkhard Niederhoff: Erzähler und Perspektive bei Robert Louis Stevenson, 1994, S. 177)
Bei Charles Dickens war es dessen sehr bewunderter und respektierter Freund Edward Bulwer-Lytton, der ihn überredete, das Ende des Romans Große Erwartungen (Great Expectations, Dowload-Möglichkeit hier) umzuschreiben, weil der Leser sich nach einem positiven Ausgang eines Romans sehnen. Dabei wollte sich Dickens nur bei ihm entspannen, nachdem er die letzten Kapitel endlich an den Drucker geschickt hatte. Aber warum auch immer hatte er beschlossen, seinem Gastgeber diese Kapitel zu zeigen (siehe dazu unter anderem http://exec.typepad.com/greatexpectations/the-two-endings.html).

Schade, denn der neue Schluss ist nicht gerade beeindruckend:
Ich faßte ihre Hand mit der meinigen, und wir verließen die verfallene Stätte; und wie der Morgennebel aufgestiegen, als ich vor langer Zeit die Schmiede verlassen, so stieg jetzt der Abendhimmel auf, und in dem weiten Raume stillen Lichtes, den derselbe mich schauen ließ, gab es keinen Schatten des Scheidens von ihr mehr.
(Boz [Charles Dickens]: Grosse Erwartungen, 1862, S. 143)
I took her hand in mine, and we went out of the ruined place; and, as the morning mists had risen long ago when I first left the forge, so, the evening mists were rising now, and in all the broad expanse of tranquil light they showed to me, I saw no shadow of another parting from her.
(http://www.literature.org/authors/dickens-charles/great-expectations/chapter-59.html; zu »I saw no shadow of another parting from her« siehe http://exec.typepad.com/greatexpectations/the-two-endings.html und http://www.digitaldickens.com/content.php?id=26)
Der Schlusssatz, den Bulwer Lytton las und der zu Lebzeiten Dickens’ nie gedruckt wurde, lautete hingegen:
I was very glad afterwards to have had the interview; for, in her face and in her voice, and in her touch, she gave me the assurance, that suffering had been stronger than Miss Havisham’s teaching, and had given her a heart to understand what my heart used to be.
(http://exec.typepad.com/greatexpectations/the-two-endings.html)
Dickens rechtfertigt die Änderung in seinem Brief vom 23. 6. 1861 an seinen Freund Wilkie Collins:
Bislang kam ich kaum in den Genuss der ausgiebigen Faulheit. Bulwer war so sehr darauf bedacht, dass ich das Ende verändere (…), und erklärte seine Gründe so gut, dass ich das Rad wieder aufgenommen und ihm eine andere Wendung gegeben habe. Insgesamt denke ich, dass es so besser ist.

As yet, I have hardly got into the enjoyment of thorough laziness. Bulwer was so very anxious that I should alter the end (…) and stated his reasons so well, that I have resumed the wheel, and taken another turn at it. Upon the whole I think it is for the better.

Goethe und Stella

Goethe schrieb den Schluss seines Stück Stella: Ein Schauspiel für Liebende aus dem Jahr 1775, das happy endet (»Selig eine Wohnung. Ein Bett und ein Grab«, S. 74), rund dreißig Jahre später um, nachdem moralische Proteste und Aufführungsverbote in Hamburg und bald darauf in Berlin per Polizeidekret gefolgt waren. Hatte der junge Goethe doch durchblicken lassen, dass man auch zu dritt glücklich werden kann! In der zweiten Fassung von 1803 für eine Aufführung am Weimarer Hoftheater wurde daraus ein Trauerspiel mit tödlichem Ausgang: Fernando erschießt sich (Fernando »hat mit der linken Hand ein Pistol ergriffen und geht langsam ab. (…) Es fällt in der Ferne ein Schuss«), Stella nimmt Gift, und das Stück endet mit: »Stella (sinkend) ›Und ich sterbe allein.‹« (S. 40) Denn, so Goethe:
(…) allein bey aufmerksamer Betrachtung kam zur Sprache, daß nach unsern Sitten, die ganz eigentlich auf Monogamie gegründet sind, das Verhältniß eines Mannes zu zwey Frauen, besonders wie es hier zur Erscheinung kommt, nicht zu vermitteln sey, und sich daher vollkommen zur Tragödie qualificire. Fruchtlos blieb deshalb jener Versuch der verständigen Cecilie, das Mißverhältniß in’s Gleiche zu bringen.
(»Ueber das deutsche Theater«. Morgenblatt für gebildete Stände, 10./11. 4. 1815, S. 339; den ganzen Jahrgang von 1815 kann man hier online lesen oder als PDF kostenlos herunterladen – es lohnt sich.)
Die Wirkung des neuen Endes bei der Aufführung in Leipzig am 12. 6. 1807 soll nach einer Rezension in der Bibliothek der redenden und bildenden Künste jedenfalls eindeutig gewesen sein: »Man blieb mehrere Minuten in Schwermut versunken auf seinem Stuhle sitzen und nur das Wiederhinaufrollen des vorderen Vorhanges erinnerte an das Aufstehen« (zitiert nach Goethe: Dramen 1791–1832, 1993, S. 1209).

Was tat der Meister eigentlich an jenem Tag? Nun, er war um »6 Uhr am Brunnen«. Beschäftigte sich mit Mineralien.
Nachher dictirt am »Mann von 50 Jahren«. Dann zu Reinhard. Medaillen ausgesucht, trübe Gläser behandelt. Beym Herzog zu Tafel. General [Josef von] Richter und von Seckendorf. Vogelschießen mit Pistolen hinter dem böhmischen Saal. Spatzieren gegen die Carlsbrücke, kamen Augustrofsky [Augustrowski] und Piatti und Kayer [Wilhelm Johann von Blumenstein], welcher blieb. Allerley Spaße. Auf dem Rückweg Fritsch Geschichte: wie Kayer für einen Polen gehalten mit der polnischen Sprache übel bestand. Nach Tische noch zum Herzog hinüber.
(http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Tageb%C3%BCcher/1807/Juni)
Doch zurück zum Thema. Wie lautet nun der gute Ausgang?
CEZILIE. Dankst du mir’s, daß ich dich Flüchtling zurückhielt?
STELLA [an ihrem Hals] O du! – –
FERNANDO [beide umarmend]. Mein! Mein!
STELLA [seine Hand fassend an ihm hangend]. Ich bin dein!
CECILIE [seine Hand fassend, an seinem Hals]. Wir sind dein!
(J. W. Göthe: Stella: Ein Schauspiel für Liebende in 5 Akten, 1776, S. 121)

Ibsen und Nora

Henrik Ibsen schrieb einen alternativen Schluss für die Aufführungen seines Theaterstücks Nora oder Ein Puppenheim (Et dukkehjem; A Doll House) in Deutschland, weil sein
Übersetzer und Agent für die norddeutschen Theater, Herr Wilhelm Lange in Berlin, mir mit(teilte), er habe Grund zu befürchten, daß eine andere Übersetzung oder »Bearbeitung« des Stückes [von anderen Autoren, jmw] mit verändertem Schluß* herauskäme und wahrscheinlich von verschiedenen norddeutschen Bühnen bevorzugt würde. (http://www.ibsen.net/index.gan?id=11111793; die norwegische Fassung siehe http://www.ibsen.net/index.gan?id=11111795)
* In der ursprünglichen Fassung verlässt Nora Mann und Kinder, was gegen die herrschenden Moralvorstellungen in Deutschland verstieß.

Ibsen schreibt dazu am 17. 2. 1880 in einem offenen Brief an die Kopenhagener Zeitung Nationaltidende unter anderem:
Diese Änderung habe ich meinem Übersetzer gegenüber selbst als eine barbarische Gewalttat an dem Stück bezeichnet. Es geschieht also ganz gegen meinen Willen, wenn man davon Gebrauch macht. Aber ich hege die Hoffnung, daß die Änderung von recht vielen deutschen Bühnen abgelehnt wird.

Denne forandring har jeg selv til min oversætter betegnet som en «barbarisk voldshandling» imod stykket. Det er altså aldeles imod mit ønske, når der gøres brug af den; men jeg nærer det håb, at den ikke vil blive benyttet ved ret mange tyske theatre. (http://www.ibsen.net/index.gan?id=11111795)
Der Schluss lautet in der Originalversion:
NORA. – daß unser Zusammenleben eine Ehe werden könnte. Leb' wohl! [Geht durch das Vorzimmer ab.]
HELMER [sinkt auf einen Stuhl neben der Tür zusammen und birgt das Gesicht in den Händen.] Nora! Nora! [Sieht sich um und steht auf.] Leer. Sie ist fort! [Eine Hoffnung steigt in ihm auf.] Das Wunderbarste –?
[Man hört, wie unten die Haustür dröhnend ins Schloß fällt.]
In der deutschen Version lautet er:
NORA. ... dass unser Zusammenleben eine Ehe werden könnte. Leb’ wohl. [Will gehen.]
HELMER. Nun denn gehe! [Faßt sie am Arm.] Aber erst sollst Du Deine Kinder zum letzten Mal sehen!
NORA. Laß mich los! Ich will sie nicht sehen! Ich kann es nicht!
HELMER [zieht sie gegen die Thür links]. Du sollst sie sehen. [Öffnet die Thür und sagt leise.] Siehst Du; dort schlafen sie sorglos und ruhig. Morgen, wenn sie erwachen und rufen nach ihrer Mutter, dann sind sie – mutterlos.
NORA [bebend]. Mutterlos...!
HELMER. Wie Du es gewesen bist.
NORA. Mutterlos! [Kämpft innerlich, lässt die Reisetasche fallen und sagt.] O, ich versündige mich gegen mich selbst, aber ich kann sie nicht verlassen. [Sinkt halb nieder vor der Thür.]
HELMER [freudig, aber leise]. Nora!
[Der Vorhang fällt.]
(In Henrik Ibsens Sämtliche Werke, o. J., S. XXIV; die Fassung in englischer Übersetzung siehe hier)
Diese Fassung wurde außerhalb Deutschlands dann auch nur dreimal inszeniert: 1881 am Wiener Stadttheater (die Rezension siehe hier), 1929 in Afrikaans während einer Tournee in Südafrika und 1956 am Reichstheater (Riksteatern) in Stockholm.

(Zu Ibsens Vehältnis zu Übersetzern und Übersetzungen siehe https://www.duo.uio.no/bitstream/handle/123456789/27199/Loschbsen%5B1%5D.pdf?sequence=3)

Keller und der Grüne Heinrich

Gottfried Kellers Urfassung des »öden und ungeschickten Machwerks« (Keller himself Ende 1854 an Ferdinand Freiligrath) Der Grüne Heinrich, die zwischen 1849 und 1855 entstand, wurde nicht nur von Friedrich Kreyssig in Vorlesungen über den deutschen Roman der Gegenwart, 1871, S. 137ff.) kritisiert. Allgemein wurde Keller getadelt wegen der »gewissen Unförmlichkeit« (Vorwort zum Grünen Heinrich, 1854, S. VII) zwischen der bis zu Hälfte des zweiten Bandes in Ich-Form geschriebenen »ganz gewöhnlichen und unbedeutenden Jugend- und Schuljungengeschichte« (Kreyssig, S. 140) und den anderthalb Bänden, die er in der Er-Form geschrieben hat, »dem eigentlichen Roman, worin sein weiteres Schicksal erzählt und die in der Selbstbiographie gestellte Frage gewissermaßen gelöst wird« (Keller, S. VIIf.), sowie dem nicht ganz überzeugenden, dem „zypressendunklen Schluss, wo alles begraben wird« (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gottfried_keller_autobiogr_18.jpg), den Keller auf seine berühmten Schreibunterlage »unter Tränen hingeschmiert« hatte (zitiert nach Jahresbericht 1979 der Gottfried Keller-Gesellschaft, S. 14).

Zwanzig Jahre später erstellte Keller dann auch eine zweite Fassung des Romans, in der er
von dem Gedruckten, circa 2 ½ Bände, bleibt, jetzt durchcorrigirt und mit zahlreichen Streichungen verziert [hat]. Nun schreibe ich das, was in der dritten Person erzählt wird, um und lasse es auch von H[einrich] in erster Person erzählen bis zum Tode der Mutter (…).
(Brief vom 25. 6. 1878 an Theodor Storm; in Theodor Storm/Gottfried Keller: Briefwechsel: kritische Ausgabe, 1992, S. 28)
Es war auch Storm, der Keller in seinem Brief vom 15. 6. 1878 zu einem versöhnlicheren Schluss geraten hatte, in dem die Hauptfigur nicht »40, od[er] reichlich, alt sein« könnte, sondern mit 5, 6, od[er] 37 Jahren zurückkehren. »Es ist zu kümmerlich, wenn sie als krankenpflegendes altes Mütterchen wieder kommt. (…) Aber giebt der Tod der Mutter nicht einen öden Schluß (…).« (S. 31)

Keller antwortete am 13. 8. 1878:
Vorzüglich und ohne Scherz aber danke ich auch für die handwerklichen Ratschläge und Winke, die mir gut bekommen. Die Reduktion von Judiths Lebensalter hat mir mit einem Male den Schluß des Gr[ünen] H[einrich] in eine hellere Beleuchtung gesetzt und ich denke jetzt ein freundlicheres Finale zu gewinnen, ohne dem Ernste der ursprünglichen Tendenz Abbruch zu tun. (S. 33)
Nachdem er den Grünen Heinrich dann noch mehrfach überarbeitet hatte (seine Briefe, die Überarbeitungen betreffend, siehe hier), schrieb er schließlich am 21. 10. 1880 an den Schleswiger Regierungsrat Wilhelm Petersen, einem Freund Storms:
Ich gebe heut endlich den Grünen auf die Post und wünsche ihm glückliche Reise und nachsichtigen Empfang. Daß die Judith am Schlusse noch jung genug auftritt, statt als Matrone, wie beabsichtigt war, hat sie Ihren derselben so gewogenen Worten zu danken. Ich wollte mich selbst nochmals am Jugendglanz dieses unschuldigen, von keiner Wirklichkeit getrübten Phantasiegebildes erlustiren. Gern hätte ich sie noch durch einige Scenen hindurch leben lassen; allein es drängte zum Ende und das Buch wäre allzu dick geworden.
Und wie lauten nun die beiden Schlüsse? Der erste, den er schon bei den ersten Aufzeichnungen vor Augen hatte, lautet:
Der Himmel jener Jahre schien dem zuhörenden Heinrich vorüberzuziehen in der blauen wolkenreinen Höhe. Er vermochte aber den lachenden Himmel und das grüne Land nicht länger zu ertragen und wollte zur Stadt zurück, wo er sich in dem Sterbegemach der Mutter verbarg. Die Liebe und Sehnsucht zu Dortchen wachte aufs neue mit verdoppelter Macht auf, seine Augen drangen den Sonnenstrahlen nach, welche über die Dächer in die dunkle Wohnung streiften, und seine Blicke glaubten auf dem goldenen Wege, der zu einem schmalen Stückchen blauer Luft führte, die Geliebte und das verlorene Glück finden zu müssen.
Er schrieb alles an den Grafen; aber ehe eine Antwort dasein konnte, rieb es ihn auf, sein Leib und Leben brach, und er starb in wenigen Tagen. Seine Leiche hielt jenes Zettelchen von Dortchen fest in der Hand, worauf das Liedchen von der Hoffnung geschrieben war. Er hatte es in der letzten Zeit nicht einen Augenblick aus der Hand gelassen, und selbst wenn er einen Teller Suppe, seine einzige Speise, gegessen, das Papierchen eifrig mit dem Löffel zusammen in der Hand gehalten oder es unterdessen in die andere Hand gesteckt.
So ging denn der tote grüne Heinrich auch den Weg hinauf in den alten Kirchhof, wo sein Vater und seine Mutter lagen. Es war ein schöner freundlicher Sommerabend, als man ihn mit Verwunderung und Teilnahme begrub, und es ist auf seinem Grabe ein recht frisches und grünes Gras gewachsen.
Und der versöhnliche Schluss?
Sie schloß mich heftig in die Arme und an ihre gute Brust; auch küßte sie mich zärtlich auf den Mund und sagte leis: »Nun ist der Bund besiegelt! Aber für dich nur auf Zusehen hin; du bist und sollst sein ein freier Mann in jedem Sinne!«
Und so ist es auch zwischen uns geblieben. Noch zwanzig Jahre hat sie gelebt; ich habe mich gerührt und nicht mehr geschwiegen, auch nach Kräften dies oder jenes verrichtet, und bei allem ist sie mir nahe gewesen. Wenn ich den Wohnort verändern mußte, so ist sie mir das eine Mal gefolgt, das andere nicht, aber sooft wir wollten, haben wir uns gesehen. Wir sahen uns zuweilen täglich, zuweilen wöchentlich, zuweilen des Jahres nur einmal, wie es der Lauf der Welt mit sich brachte; aber jedesmal, wo wir uns sahen, ob täglich oder nur jährlich, war es uns ein Fest. Und wenn ich in Zweifel und Zwiespalt geriet, brauchte ich nur ihre Stimme zu hören, um die Stimme der Natur selbst zu vernehmen.
Sie starb, als eine verderbliche Kinderkrankheit herrschte und sie sich mit ihren hilfsbereiten Händen in eine ratlose Behausung armer Leute stürzte, die mit kranken Kindern angefüllt und von den Ärzten abgesperrt war. Sonst hätte sie leicht noch zwanzig Jahre leben können und wäre ebensolang mein Trost und meine Freude gewesen.
Ich hatte ihr einst zu ihrem großen Vergnügen das geschriebene Buch meiner Jugend geschenkt. Ihrem Willen gemäß habe ich es aus dem Nachlaß wiedererhalten und den andern Teil dazugefügt, um noch einmal die alten grünen Pfade der Erinnerung zu wandeln.
(Mehr zu dem Thema siehe hier und auf der wirklich gut gemachten Gottfried-Keller-Homepage, die regelrecht zum Stöbern einlädt.)

– Nun ja, berauschend klingen all diese Änderungen nicht. Sie sind nahezu ein klassisches Argument gegen Happy Ends. –

Vorsicht: Kitsch!


SchreiberInnen von besonders anspruchsloser Literatur wie Schmonzetten und Groschenromane (weitere Synonyme finden sich hier) lieben solche Schlusssätze, weil sie darstellen wollen, wie geradlinig die Wege des Schicksals verlaufen, so geradlinig, dass sich der Titel im Schluss wiederholt:

»Und anstatt die Geliebte in seine Arme zu nehmen und das zweite, das ewige Bündnis, das er mit ihr schloß, durch einen heißen Kuß auf ihre Lippen zu besiegeln, nahm er ihre Hand.
Tief neigte er sich, und voller Ehrfurcht küßte er sie, die heilige, die säende Hand des Weibes – seines Weibes.« (Ida Boy-Ed, Die säende Hand)

»Dagmar war nun längst keine verstoßene Tochter mehr, sondern eine innig geliebte; ein glückseliges Weib und eine ebensoglückliche, stolze Mutter.« (Hedwig Courths-Mahler, Die verstoßene Tochter)

»Jetzt ist der hohe, noch immer schlanke Mann leise eingetreten, er biegt sich über die Korbwanne und betrachtet sein schlafendes Töchterchen.
›Es ist erstaunlich, wie das Kind dir ähnlich sieht, Lenore.‹
Ich springe stolz auf; denn er sagt das mit einem entzückten Blick ... Fort mit der Feder und dem Manuskript! Sie haben keine Farben für den Sonnenblick des Glückes über der Stirn des ›Heideprinzeßchens‹.« (Eugenie Marlitt, Das Heideprinzeßchen)

»Gotthold dachte daran; und dann dachte er an jenen Abend, als er durch die leere Dorfstraße ging und der Gesang der Schwalben ihm Thränen der Wehmuth in die Augen trieb; und wie leer sie ihm gewesen war, und wie ihm jetzt die ganze schöne Welt wie eine Heimath erschien; und er blickte in das dunkle Auge der geliebten Frau und drückte die warme schmale Hand des Kindes, das sein Kind war, und er wußte jetzt, ›was die Schwalbe sang‹.« (Friedrich Spielhagen, Was die Schwalbe sang)

Nachwort


Der geneigte Leser mag entschuldigen, dass ich sozusagen vom Hündchen aufs Stöckchen gekommen bin und der Beitrag für ein Blog viel zu lang geworden ist. Aber ich fand halt alles so spannend, dass ich es unbedingt der interessieren Öffentlichkeit mitteilen wollte.

Wie das so ist beim Recherchieren, man googelt ganz arglos nach einem Wort oder einem Satz und verfängt  sich immer mehr in den Tiefen des Netzes. Sicher gab und gibt es noch viel mehr berühmte Schriftsteller, die zypressentraurige Enden umgeschrieben haben. Aber irgendwann muss auch ich einen Schlussstrich ziehen. Und wer weiß. Schließlich, morgen ist auch ein Tag. (Margaret Mitchell, Vom Winde verweht)

Dienstag, 24. Januar 2012

Über Absätze und Kapitel


Es genügt nicht, daß der Autor versteht auszuwählen, er muß auch schattieren können. Auch wer jedes entbehrliche Wort wegläßt, muß noch Wichtiges bringen und Minderwichtiges. Diesen Unterschied soll er deutlich machen. Das Minderwichtige muß im Schatten bleiben. Wer auf alles das volle Licht der Jupiterlampe fallen läßt, der erhellt gar nichts. Kein lebendiges Gebilde hat fadengerade Umrisse. Das natürliche Symbol des Lebens ist die Welle. Die Form eines Buches soll einheitlich sein, aber nicht eintönig. Der Leser wünscht Gipfelabschnitte, aber auch Ruheabschnitte. (Ludwig Reiners: Stilkunst: Ein Lehrbuch deutscher Prosa, S. 348)
Absätze

Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, hatte beim Druck seiner Bibeln auf Absätze verzichtet, damit das Buch billiger wird. Das ist ein überzeugendes Argument. Sie sollten dennoch darauf keine Rücksicht nehmen, wenn Sie Ihren Leser lieben. Denn zu einem literarischen Text gehört die gleichmäßige Veteilung dessen, was erzählt werden soll: Es dürfen nicht einige Stellen mit Ereignissen überfrachtet und andere mit leerem Gerede gefüllt werden.

Fügen Sie Absätze ein als Gedankenpause, wenn Sie eine Überlegung zu Ende geführt haben oder die Geschichte eine Wendung nimmt, wenn sich die Handlung ändert, Sie etwas Neues schildern oder etwas herausheben möchten.

Kürzen Sie möglichst Absätze, die länger als fünfzehn Zeilen betragen, denn Seiten ohne Absätze lassen sich schwer lesen. Prüfen Sie, ob zwischen den einzelnen Sätzen eines Absatzes ein logischer Zusammenhang besteht, wenn nicht, bilden Sie mehrere Absätze daraus. Abwechslungsreicher wirken verschiedene Längen: Fügen Sie Absätze ein, die nur zwei oder drei Zeilen lang sind oder auch mal nur aus einem Satz bestehen.

Wer seitenlang ohne einen einzigen Absatz schreibt, schreibt leserunfreundlich.

Kapitel

Patricia Highsmith schreibt in Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt über ihre Arbeitsweise:
Wenn ich mich an die neue Tagesarbeit setze, lese ich selten alles wieder, was ich am Vortag geschrieben habe, sondern nur die letzten beiden Seiten. Wenn ich nicht bis zum Ende eines Kapitels gekommen bin, dann prüfe ich, wie lang das Kapitel ist, da mir die Länge sehr wichtig ist, auch wenn es über Kapitellängen keine Gesetze gibt (...)
Aber Empfehlungen: Wechseln Sie zwischen langen Kapiteln und kurzen. Das schafft Abwechslung und Ruheabschnitte für Sie und den Leser. Denn zu lange Kapitel ermüden den Leser.

Jedes Kapitel wird wie der Text unterteilt in Anfang, Mittelteil und Schluss und bildet eine in sich geschlossene Einheit. Es kann aber unterschiedliche Tempi aufweisen. So kann man auch Kapitel langsam beginnen. Christina Godshalk führt auf diese Weise in ihrem Roman Kalimantaan eine Figur ein:
Schönheitscremes, Liebestränke der Swatow, Emailleschüsseln in drei Größen, indische Flinten mit doppeltem Lauf und Sensen aus Eisen erweiterten das dürftige Angebot des Pasar Pagi, seit die Pengirane nicht mehr ihren Anteil einzogen. Eine kleine Nuß war gewachsen und aufgeplatzt.
Im Gefolge dieser bescheidenen Zurschaustellung von Wohlstand und Fleiß traf eine neue Spezies ein, so bizarr wie das Unternehmen, von dem sie angezogen wurde. Die plötzlich massenhaft auftretenden Chinesen brachten sie auf die Idee, Möglichkeiten auszuloten. Gerüchte von offenem Handel und dem Fehlen einer übermächtigen kolonialen Faust setzten sie in Bewegung. Eine kleine Armee sickerte ins Land, immer hübsch der Reihe nach, zusammengesetzt aus Desperados, Verbrechern, Gesetz- und Heimatlosen, wahnsinnigen Genies und schlicht Wahnsinnigen, jeder mit besonderen Begabungen, man mußte auf der Suche danach nur die Schwielen und den Moder durchdringen. Doch kein Angehöriger dieses Stammes war so formvollendet wie das Geschöpf, das vor Ramadan am Kaufladen von Heng Fo Peng auftauchte und unter der Hand einen fragwürdigen Gusi Bulan feilbot.
Um was für ein Wesen es sich handelte, ließ sich unmöglich feststellen, aber es hatte etwas Einnehmendes. Albert Dawes, den seine Freunde, darunter Kayans und Mitherumtreiber aus Moreton Bay, „Peachy“ nannten, pries dem argwöhnischen Chinesen die Vorzüge des großen blauen Kruges an.
 Cliffhanger

Das Ende kann ein Atemholen bei zu großer Spannung oder eine Atempause bedeuten, es sollte aber möglichst eine Pointe oder eine überraschende Wendung bieten – einen Cliffhanger, einen Klippenhänger, der ihn ins nächste Kapitel hineinzieht. Er bedeutet den offenen Ausgang eines Kapitels auf seinem Höhepunkt. Den Fortgang der Handlung beantwortet das nächste Kapitel.

Seinen Ursprung hat dieser Kunstgriff in Thomas Hardys Roman A Pair of Blue Eyes, der, wie es damals üblich war, als Fortsetzungsroman erschien, um Spannung zu erzeugen und vor allem, um den Leser bei der Stange zu halten. In einer Szene in den Klippen am Bristol Channel hält sich Henry Knight an einem Büschel Gras fest, um nicht in den sicheren Tod zu stürzen, und starrt dabei in die Augen eines Trilobits, einem versteinerten Gliederfüßler aus der Urzeit. Der Leser ahnt, dass Henry gerettet wird. Wie, erfährt er im nächsten Kapitel.

Allerdings gibt es dabei ein Problem: Wenn Sie beim Feilen feststellen, dass ganze Kapitel umgestellt werden müssen, prüfen Sie unbedingt, ob da nicht jemand am Schluss des Kapitels an einer Klippe hängt.

Schreiben und streichen 

Wenn er nicht hängt, dann beachten Sie bitte Patricia Highsmiths Rat, wonach ein Roman gewinnt, wenn man einen oder zwei Sätze am Ende eines Kapitels streicht. Anton Tschechow meint sogar, man solle den ersten und den letzten Satzes eines Textes streichen: denn „Die Kürze ist die Schwester des Talents“, so sein Rat an seinen Bruder Alexander. Für den Anfangssatz gilt das meist nicht, schließlich haben Sie sich gerade mit ihm besondere Mühe gegeben, für den Schlusssatz eigentlich immer.

Im Winnetou III sind sogar die letzten Seiten überflüssig. Der Regisseur des Films Winnetou 3. Teil, Harald Reinl, wusste, wieso er Winnetous Tod nichts mehr folgen ließ als das Wort ENDE (wie überhaupt Filmemacher ein außergewöhnliches Gespür dafür besitzen, wann der Vorhang fallen soll). – Aber jetzt schweife ich ab, es soll hier nur um Absätze und Kapitel gehen. Über das Enden werde ich ein andermal schreiben. –

Wenn Sie unsicher sind, ob Sie ein Wort, einen Satz, einen Absatz oder eine Szene streichen sollen, weil sie schlecht geschrieben sind  – verlassen Sie sich auf Ihr Gefühl und streichen Sie, denn sie sind schlecht.

Mut zur Lücke 

Manchmal ist es angebracht, eine Szene zu überspringen und sie zwischen zwei Absätzen oder Kapiteln ahnen zu lassen. Warum nicht ein Kapitel damit beenden, dass die Schlafzimmertür hinter einem Liebespaar ins Schloss fällt? Was danach folgt, haben große und weniger große Schriftsteller eh schon mit mehr oder weniger drastischen Worten gezeigt, so dass man vermutlich kaum bessere und vor allem neue Worte dafür findet. In der Verlobung in St. Domingo löst Heinrich von Kleist das Problem ganz pragmatisch, in dem er den nächsten Absatz beginnt mit: „Was weiter erfolgte, brauchen wir nicht zu melden, weil es jeder, der an diese Stelle kommt, von selbst liest.“ Robert Musil überspringt im Mann ohne Eigenschaften gleich zwei Wochen und lässt das siebte Kapitel mit den Worten enden: „Zwei Wochen später war Bonadea schon seit vierzehn Tagen seine Geliebte.“ In Kleists Marquise von O. ist es sogar nur der „gewaltigste Gedankenstrich der deutschen Literaturgeschichte“, wie Gottfried Benn gesagt haben soll. – Aber schon wieder schweife ich ab. Auch dazu werde ich noch etwas schreiben. –

Sie sehen also, auch Absätze und Kapitel sollen wohl durchdacht sein.

Dienstag, 6. Dezember 2011

„Sprachlese - Warum man zu wenig schreiben sollte“

Ich werde heute mal etwas tun, was ich hier immer vermieden habe: Einfach den Anfang eines Zeitungsartikels  unkommentiert einstellen, weil er mir aus der Seele spricht, in diesem Fall der Beitrag "Sprachlese - Warum man zu wenig schreiben sollte" in NZZ Folio 01/95 von Wolf Schneider, und Sie bitten, ihn hier weiterzulesen:

„Schreiben kann man natürlich so: ‘Mehr und mehr von heftiger Rührung ergriffen, konnte Heinrich die Worte nur mit Anstrengung herausstossen. Die Tränen strömten über seine Wangen, und als ihm die Stimme unter Schluchzen versagte, stand er stumm vor den im Innersten ergriffenen Eltern. Bestürzt und erschüttert blickten sie auf diesen Sohn, der nun der Verzweiflung nahe war.’

So kann man schreiben, aber man sollte es nicht - nicht also wie in diesem Beispiel aus ‘Engelhorns Roman-Bibliothek’ von 1905. Ein Schriftsteller darf von zehn beabsichtigten Wörtern nur eines schreiben und nicht elf, hat Ludwig Thoma gefordert - und hier wimmelt es von elften Wörtern: zu den Tränen auch noch das Schluchzen, stumm mit versagender Stimme und bei alldem der Verzweiflung nah, und wo waren die bestürzten Eltern ergriffen? Im Innersten. Ungebremste Geschwätzigkeit oder Zeilenschinderei? Egal - wer Leser fesseln, wer gar Literatur produzieren will, der ist zum Gegenteil aufgerufen; nach dem Satz Voltaires: ‘Die Kunst, langweilig zu sein, besteht darin, alles zu sagen.’“

Allerdings möchte ich den Satz Voltaires (1694–1778) korrigieren. Genau schreibt er in Sur la nature de l'homme „Le secret d'ennuyer est celui de tout dire“ (Das Geheimnis zu langweilen besteht darin, alles sagen).*

Und das erinnert mich an Immanuel Kants (1724–1804) Worte in seinem Handschriftlichen Nachlass:  „es gehört Mäßigung und urtheilskraft dazu, nicht alles zu sagen, was man gutes weis, und seyn Werk nicht mit all seinen Einfällen zu überladen, damit die Hauptabsicht nicht darunter leide.“ (Eine Quelle kann ich nicht nennen, weil das aus einer Abschrift stammt, die ich erstellt hatte, die aber noch nicht online ist.)

Ob beide das gleiche gedacht haben oder ob einer des anderen Worte kannte? Vermutlich ersteres.

* Nachtrag: Die Quelle fehlte, und das geht natürlich nicht. Sie lautet: In Oeuvres completes de Voltaire, avec des notes, Bd. 12. Furne 1835, S. 489.

Sonntag, 6. November 2011

Theodor Fontane zu den Verbesserungswünschen seines Redakteurs

Ich schreibe heut, um einen Seufzer auszustoßen über die »Verbesserungen«, denen ich ausgesetzt gewesen bin. Ich hoffe, daß wir für die Zukunft, zunächst also für die 2. Hälfte der Novelle, den berühmten modus vivendi finden werden. Ich opfre Ihnen meine »Punctum’s«, aber meine »und’s«, wo sie massenhaft auftreten, müssen Sie mir lassen. Ich begreife, daß einem himmelangst dabei werden kann, und doch müssen sie bleiben, nach dem alten Satze: von zwei Uebeln wählre das kleinere.

Warum müssen sie bleiben? Es stört, es verdrießt etc. Und doch! Ich bilde mir nämlich ein, unter uns gesagt, ein Stilist zu sein, nicht einer von den unerträglichen Glattschreibern, die für alles nur einen Ton und eine Form haben, sondern ein wirklicher. Das heißt also ein Schriftsteller, der den Dingen nicht seinen alt-überkommenen Marlitt- oder Gartenlaub-Stil aufzwängt, sondern umgekehrt einer, der immer wechselnd, seinen Stil aus der Sache nimmt, die er behandelt. Und so kommt es denn, daß ich Sätze schreibe, die 14 Zeilen lang sind und dann wieder andre, die noch lange nicht 14 Sylben, oft nur 14 Buchstaben aufweisen. Und so ist es auch mit den »und’s«. Wollt’ ich alles auf den Und-Stil stellen, so müßt’ ich als gemeingefährlich eingesperrt werden, ich schreibe aber Mit-und-Novellen und Ohne-und-Novellen, immer in Ambequehmung und Rücksicht auf den Stoff. Je moderner, desto mehr und-loser, je schlichter, je mehr sancta simplicitas, desto mehr »und«. »Und« ist biblisch-patriarchalisch und überall da, wo nach dieser Seite hin liegende Wirkungen erzielt sollen, gar nicht zu entbehren. Im Einzelfall (dies gesteh ich gern zu) kann es an der unrechten Stelle stehn, aber dann muß der ganze Satz anders gebildet werden. Durch bloßes Weglassen ist nicht zu helfen. Im Gegentheil.

Theodor Fontane, Brief an Gustav Karpeles, 3. März 1881

(In Werke, Schriften und Briefe. Hanser 1980, S. 120)

Fontane über das Schreiben und Feilen

"Leider ist das Corrigieren immer noch schwerer als das Schreiben und kostet mehr Zeit."

Theodor Fontane, Brief an Gustav Karpeles, 15 1. 1880

"Ich bin, dies darf man sagen, ein sehr fleißiger Mann, sehne mich beständig nach neuen Arbeiten und werde deshalb an etwas im wesentlich Fertigen nicht länger herumbasteln als nötig ist. Dennoch weiß ich aus Erfahrung, daß das Korrigieren viel, viel länger dauert als das Schreiben."

Theodor Fontane, Brief an Gustav Karpeles, 14.  3. 1880

"Ich bin seit 14 Tagen hier sehr fleißig gewesen, was auch Grund dieser verspäteten Zeilen ist; es liegt mir nämlich die nochmalige Durchsicht einer Novelle ob (…) – solche ‘Durchsicht‘ (allerdings immer die Hauptsache; das wodurch man sich vom Riffraff* unterscheidet) ist jedesmal eine Höllenarbeit, viel viel schwerer und anstrengender als das erste Niederschreiben, das eigentlich ein Vergnügen ist."

Theodor Fontane, Brief an Wilhelm Hertz, 31.  8. 1880

(In Werke, Schriften und Briefe. Hanser, 3. Aufl.  S. 900ff.)

*Aus dem Englischen: Schurke, Betrüger, Nichtsnutz

Freitag, 4. November 2011

Theodor Fontane übers Schreiben der ersten Sätze und das Feilen

Volle acht Tage habe ich gebraucht, um das in Abschrift vor mir liegende erste Kapitel in Ordnung zu bringen. Und ein paar Stellen genügen mir auch jetzt noch nicht und müssen, nach erneuter Abschrift, wieder unter die Feile.

Nun müssen Sie aber nicht fürchten, daß das so weitergeht. Das erste Kapitel ist immer die Hauptsache und in dem ersten Kapitel die erste Seite, beinah die erste Zeile. Die kleinen Pensionsmädchen haben gar so unrecht nicht, wenn sie bei Briefen oder Aufsätzen alle Heiligen anrufen: »Wenn ich nur erst den Anfang hätte.« Bei richtigem Aufbau muß in der ersten Seite der Keim des Ganzen stecken. Daher diese Sorge, diese Pusselei.

Theodor Fontane, Brief an Gustav Karpeles am 18. August 1880

(In Briefe Theodor Fontanes. Fontane & Co. 1909, S. 17)

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Checkliste zum Überarbeiten


Dreiviertel meiner ganzen literarischen Tätigkeit ist überhaupt Korrigieren und Feilen gewesen. Und vielleicht ist 3/4 noch zu wenig gesagt. (Theodor Fontane)
Literarisches Schreiben – das ist Knochenarbeit im Steinbruch. Manche Autoren und ihre Lektoren haben das entweder nie gewusst oder vergessen. (Volker Hage)
(Siehe auch meine Ausführungen über das Feilen http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/Feilen)

Ken Follet zum Überarbeiten

Ken Follet auf die Frage von Welt Online „Wie viele Menschen kommentieren Ihre Manuskripte, bevor sie in Druck gehen?“:

„Etwa 20 bis 30, darunter auch Amateure wie meine Kinder. Diese Kommentare verändern meine Wahrnehmung von Grund auf: Plötzlich bin ich nicht mehr der Autor der Story, sondern ihr Leser und unerbittlichster Kritiker. Jede beanstandete Seite schreibe ich von Anfang bis Ende neu, und das per Hand. Bei diesem Vorgang merken Sie, dass es keinen einzigen Satz gibt, den Sie nicht um einiges besser machen können.“

(Quelle WeltOnline, 21. 9. 2010, http://www.welt.de/kultur/article9758476/Ken-Folletts-Formel-fuer-einen-Bestseller.html)

Montag, 17. Oktober 2011

Stephen King übers Feilen, über Adverbien, Pronomen, die Moral von der Geschicht’, Lektoren und Leser

Wenn dann der richtige Abend kommt (…) holen Sie das  Manuskript aus der Schublade. Wenn es wie ein fremdartiges Relikt aussieht, das Sie in einem Kramladen oder auf dem Flohmarkt erstanden haben, ohne sich noch daran erinnern zu können, ist es soweit. Nehmen Sie bei geschlossener Tür Platz (…), holen Sie sich einen Stift und einen Block. Dann lesen Sie das Manuskript. (…) Sie können sich Notizen machen, aber konzentrieren Sie sich in erster Linie auf die nüchterne Aufräumarbeit wie die Korrektur von Rechtschreibfehlern und das Auffinden von möglichst vielen Widersprüchen. Davon wird es eine Menge geben – nur Gott macht es schon beim ersten Mal richtig, und  nur ein Pfuscher sagt: »Ach, das reicht so, wofür gibt es einen Lektor?« (…)

Nach sechs Wochen Erholung werden Ihnen auch die gähnenden Löcher in der Handlung oder in der Figurenentwicklung auffallen. Damit meine ich Löcher, durch die ein Lastwagen fahren könnte. Es ist erstaunlich, was dem Schreiber entgeht, wenn er Tag für Tag nach Wörtern ringt. Und jetzt hören Sie gut zu: Es ist streng verboten, sich zu ärgern oder selbst zu kasteien, weil Sie so viele eklatante Fehler finden. Bockmist passiert den besten von uns. (…) Die krassesten Fehler, die ich beim Überarbeiten finde, haben bei mir immer mit dem Verhalten der Figuren zu tun (ist verwandt mit der Figurenentwicklung, aber nicht ganz dasselbe). Dann schlage ich mir mit der flachen Hand vor die Stirn, greife zum Block und schreibe beispielsweise: S. 91: Sandy Hunter klaut einen Dollar aus Shirleys Kasse in der Versandabteilung. Wieso? Herrgott, so was würde Sandy NIEMALS tun! (…)

Bei diesem Arbeitsgang kontrolliere ich in erster Linie Handlungsablauf und Belange des Werkzeugkastens: Pronomen mit unklarem Bezug werden rausgeworfen (ich hasse Pronomen, mißtraue ihnen, jedes ist so schmierig wie diese Anwälte, die  einen über Nacht aus jeder Bredouille paucken), klärende Zusätze werden, wo notwendig, eingefügt, und natürlich werden alle Adverbien gestrichen, von denen ich mich trennen kann (niemals alle, niemals genug).

Im Hinterkopf stelle ich mir währenddessen die »Großen Fragen«. Die größte lautet: Ist diese Geschichte schlüssig? Wenn ja, wie kann daraus ein wahres Kunstwerk werden? Welche Elemente tauchen immer wieder auf? Greifen sie ineinander und bilden eine Thematik? In anderen Worten, ich frage mich: Worum geht’s hier eigentlich, Stevie? Was kann ich tun, um die verborgenen Anliegen stärker hervorzuheben? Was ich mir am meisten wünsche, ist Resonanz; das Buch soll ein wenig in den Gedanken (und im Herzen) des treuen Lesers nachklingen, wenn er es wieder geschlossen und zurück ins Regal gestellt hat. Das will ich erreichen, ohne dem Leser eine Botschaft eintrichtern oder mich für eine geheuchelte Moral verkaufen zu müssen. Botschaft und Moral, die kann man alle in einen Sack stecken und mit dem Knüppel draufhauen, verstanden? Ich will Resonanz erzeugen. Darum konzentriere ich mich beim Überarbeiten auf die Aussage meines Textes und  füge Szenen und Vorkommnisse hinzu, die mein Anliegen  unterstreichen. Zusätzlich tilge ich alles, was in eine andere Richtung führt (…). Dieser ganze Müll muß weg, wenn ich eine einheitliche Wirkung erzielen will.

Stephen King, Das Leben und das Schreiben, S. 234f.

Freitag, 30. September 2011

Giftliste V (noch mehr Füllwörter)


aber, allein, aller-, also, an und für sich, andererseits, auf alle Fälle, aufrichtig gesprochen, ausschließlich, beinahe, besonders, bestimmt, betreffend, bezüglich, dagegen, das Schönste, daher, damals, doch, echt (es gibt echt zu viele Füllwörter), eigentlich, einfach, einigermaßen, einmal, endlich, erfolgreich (kann man einen Mörder auch erfolglos entlarven?, erheblich, etwa, etwas, fast, fortwährend, fraglos, freilich, ganz gewiss, ganz und gar, gar, gänzlich, gelegentlich, genau, gerade (verstehen Sie, warum ich diese Wörter gerade aufzähle), geradezu, gewiss, gewissermaßen, gewöhnlich, gleichsam, grundsätzlich, halt, hervorragend, hier und da, ich glaube, ich sage mal, im Prinzip, immer, in aller Deutlichkeit, in der Regel, in etwa, in diesem Zusammenhang, in gewisser Weise, in Wahrheit, inzwischen, irgend, irgendwo, ja (dieses Füllwort ist ja schlimm), jede Menge, kaum, keinesfalls, keineswegs, letzten Endes, letztendlich, man könnte sagen, mal, maßgeblich, mehrere, meist, moderne, möglicherweise, mutmaßlich, nachhaltig, natürlich, nicht wahr?, nichtsdestotrotz, nichtsdestoweniger, natürlich, nie, niemals, normalerweise, nun, nur, offenbar, offenkundig, oft, ohne Umschweife gesagt, ohne Zweifel, plötzlich, praktisch, regelrecht, relativ, ruhig (Sie können es ruhig sagen, wenn Ihnen diese Liste nicht gefällt), rund (er reiste rund um die ganze Welt), sag ich doch, sag ich jetzt mal so, sagen wir mal, schon, sehr, selbst, selbstverständlich, selten, sicher, sicherlich, sogleich, sozusagen, sonst, sozusagen, streng (streng nach Alphabet), überhaupt, übrigens, unbedingt, ungefähr, unglücklicherweise, unlängst, unsinnige, uralte, ursprünglich, vergleichsweise, viele, vielfach, vielleicht, vollkommen, vor Ort, wahrscheinlich, wenige, wenigstens, wieder, wieder einmal, wie man sich leicht vorstellen kann, wirklich, wohl, zugegeben, zunächst, zweifellos, zweifelsohne

Übrigens: Ich gestehe es – mein Lieblingsfüllwort ist „übrigens“, und ich streiche es äußerst ungern …

Noch mehr Füllwörter siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2006/07/giftliste-i-fllwrter.html

Montag, 19. September 2011

Merksätze zum Enden (vor dem Feilen zu lesen)

Ein Ende ist …, was selbst natürlicherweise auf etwas anderes folgt, und zwar notwendigerweise oder in der Regel, während nach ihm nichts anderes mehr eintritt. (Aristoteles, Poetik)

Die einfachste Form des Schlusses besteht darin, einfach aufzuhören. (Manfred Rommel, Wir verwirrten Deutschen)
Wie dem Leser vielleicht noch erinnerlich ist, habe ich einen würdigen Anfang gefunden. Aber die Schlüsse sind mir in meiner ganzen literarischen Entwicklung immer peinlich schwer gefallen. (Anthony Burgess, Fürst der Phantome)

  • Der Schluss ist ebenso wichtig wie der Anfang. Er sollte eine Steigerung bringen und sich vom übrigen Text abgrenzen.
  • Ein schlechtes Ende zerstört jeden sonst gutgeschriebenen Text. Der Leser ist enttäuscht, jammert um die verlorene Zeit und wird ein weiteres Buch aus der Feder dieses Autors nicht kaufen.
  • Enden Sie so, dass Ihr Leser nach den letzten Worten meint, er habe einen Freund verloren und das Buch noch einmal liest (und es weiter empfiehlt). Und dass er ganz gespannt ist auf weitere Werke aus Ihrer Feder.
  • Sie können so enden, dass Ihr Leser nach dem letzten Buchstaben weiter nachdenkt und Ihr Text ihn noch lange begleitet – der Schluss ist offen, wie auch das Leben offen ist. Das bedeutet aber nicht, dass der Schluss nebulös bleibt: Der Held kann sich nicht entscheiden, ob er nun nach Neuseeland auswandern soll oder lieber in Winsen an der Luhe bleibt.
  • Oder Sie enden so, dass Ihr Leser weiß, dass auch für ihn mit der Geschichte etwas abgeschlossen ist.
  • Der Schluss sollte eine Pointe – einen überraschenden, geistreichen Schluss – bieten.
  • Sie können auch mehrere Schlüsse anbieten, indem Sie einen Epilog schreiben (in dem einen wandert der Held aus, in dem anderen nicht).
  • Überlegen Sie, ob der Schluss, den Sie anbieten, glaubwürdig ist. Lassen Sie nicht Ihren Helden seitenlang überlegen, was er nun machen soll, und am Schluss plötzlich seine Sachen packen.
  • Enden Sie nicht damit, dass alles nur ein Traum war, dass der Held gar nicht nach Neuseeland auswandern wollte.
  • Zaubern Sie nicht am Ende einen Deus ex Machina hervor, zum Beispiel die große Liebe, die dem Helden plötzlich in Winsen an der Luhe über den Weg läuft und ihm so die Entscheidung abnimmt.
  • Enden Sie nicht mit einer Moral à la bleibe im Land und nähre dich redlich. Der Leser muss die Moral des Textes selbst finden.
  • Erklären Sie im Schluss nichts à la Er wollte ja etwas Neues wagen, aber letztlich siegt immer die Liebe. Wenn eine Erklärung nötig ist, ist der Text gescheitert.
  • Lassen Sei eine Figur nicht sterben, nur weil Sie nicht wissen, was Sie weiter mit ihr anfangen sollen. Wenn Sie deshalb Nebenfiguren sterben lassen, bedeutet das im allgemeinen, dass sie ziemlich unwichtig für den Text waren.
  • Die Hauptfigur darf sterben, wenn das die Dramaturgie verlangt, wenn es handlungslogisch ist oder wenn eine höhere Ordnung gesiegt hat (zum Beispiel bei der poetic justice).
  • Ein Text wirkt stark, in dem alles auf ein tödliches Ende hinsteuert, der Tod aber wegen eines Ereignisses, das natürlich begründet werden muss, nicht eintritt.
  • Auch Nebenfiguren haben Anspruch auf ein Ende.
  • Jeder Text kann mit einem Happyend enden, wenn das begründet ist.
  • Das Happyend muss schlüssig und objektiv möglich sein, es darf keine Flucht in eine Idylle bedeuten.
  • Sie müssen beim Schreiben nicht unbedingt das Ende vor den Augen sehen und voll Eifer darauf hin arbeiten, auch wenn der Plot – früher einmal nannte man das Exposé und Gliederung – das verlangt. Seien Sie flexibel.
  • Bringen Sie den Schluss an den Anfang. Stellen Sie zum Beispiel in einem Liebesroman das traurige oder gar blutige Ende an den Anfang und zeichnen Sie die Lügen und Enttäuschungen nach, die dazu geführt haben, wenn Sie kein Happyend anbieten können, weil Ihr Text das nicht erlaubt, Sie Ihren Leser aber nicht vor den Kopf stoßen möchten.
  • Eine Regel besagt, dass man bei seinen Texten den ersten und letzten Satz streichen soll. Streichen Sie nicht nur den letzten Satz, mitunter sollten Sie den ganzen letzten Absatz streichen.
  • Und last not least: Ein Ende zu finden ist schwer, doch noch schwerer ist, ein Ende zu finden – mit dem Schreiben nämlich. Viele Schriftsteller schreiben weiter, obwohl sie längst geendet haben.
Fragen Sie sich also beim Überarbeiten:

Hört die Geschichte an der richtigen Stelle auf, oder wird der Schluss zu weitschweifig, wird dort nur noch gelabert? Ist der Schluss überraschend? Haben ich die Geschichte auf den Punkt gebracht? Bauen die Ereignisse aufeinander auf? Sind die Konflikte angemessen gelöst?

Dienstag, 14. Juni 2011

Aus Goethes Arbeitsalltag (Brief an Schiller vom 14. 6. 1796)

168. An Schiller
Weimar, 14. Juni 1796

Hier kommt, mein Bester! eine ziemliche Sendung. Das Stück Cellini ist um fünf geschriebene Bogen kürzer geworden, die ich überhaupt auslassen will; sie enthalten die weitere Reise nach Frankreich, und, weil er dießmal keine Arbeit findet, seine Rückkehr nach Rom. Ich werde davon nur einen kleinen Auszug geben, und so kann das nächste Stück seine Gefangenschaft in der Engelsburg enthalten, deren umständliche Erzählung ich auch abkürzen und etwa wieder vierzehn bis fünfzehn geschriebene Bogen liefern will.

Zugleich kommt auch die Idylle und die Parodie, nicht weniger die Schriftprobe zurück. Das Gedicht ist gar schön gerathen, die Gegenwart und die Allegorie, die Einbildungskraft und die Empfindung, das Bedeutende und die Deutung schlingen sich gar schön in einander; ich wünschte es bald zu besitzen.

Die große Schrift gefällt mir ganz wohl. Wenn Sie einen Corrector finden, der vor dem Abdruck nicht allein die falschen, sondern auch die schlechten, ausgedruckten, ungleichen Buchstaben ausmerzt, und man sich beim Druck mit der Schwärze und sonst alle Mühe gibt, so wird kein großer Unterschied gegen den vorigen Almanach bemerklich werden. Es wäre recht gut wenn Sie sich auch wegen des Papiers und sonst bald entschieden und sodann anfangen ließen zu drucken. Ich will meine kleinen Beiträge auf’s möglichste beschleunigen. Das Gedicht des Cellini auf seine Gefangenschaft werden Sie und Herr Schlegel beurtheilen, ob es der Mühe einer Übersetzung werth ist. Das Sonett habe ich schon neulich geschickt; Sie werden es allenfalls an dem bezeichneten Orte einrücken, so wie ich bitte die beikommende Sendung Cellini mit der Feder in der Hand zu lesen; ich habe es nur ein einzigmal durchgehen können.

Die Kupfer will ich sogleich besorgen. Wenn ich erst weiß wer sie macht und was sie kosten sollen, schreibe ich das weitere.

Das siebente Buch des Romans geh’ ich nochmals durch und hoffe es Donnerstag abzuschicken. Es fehlt nur ein äußeres Compelle, so ist das achte Buch fertig und dann können wir uns doch auf manche Weise extendiren. Ich habe einen Brief von Meyer der die gegenwärtige Angst und Confusion in Rom nicht genug beschreiben kann; er selbst wird nun wohl nach Neapel seyn.

Körnern danken Sie recht sehr für die Bemühungen wegen der Victorie. Das Kunstwerk wird mir immer werther; es ist wirklich unschätzbar.

Herders zwei neue Bände habe ich auch mit großem Antheil gelesen. Der siebente besonders scheint mir vortrefflich gesehen, gedacht und geschrieben; der achte soviel treffliches er enthält, macht einem nicht wohl und es ist dem Verfasser auch nicht wohl gewesen, da er ihn schrieb. Eine gewisse Zurückhaltung, eine gewisse Vorsicht, ein Drehen und Wenden, ein Ignoriren, ein kärgliches Vertheilen von Lob und Tadel macht besonders das was er von deutscher Literatur sagt äußerst mager. Es kann auch an meiner augenblicklichen Stimmung liegen, mir kommt aber immer vor, wenn man von Schriften, wie von Handlungen, nicht mit einer liebevollen Theilnahme, nicht mit einem gewissen parteiischen Enthusiasmus spricht, so bleibt so wenig daran, daß es der Rede gar nicht werth ist. Lust, Freude, Theilnahme an den Dingen ist das einzige Reelle, und was wieder Realität hervorbringt; alles andere ist eitel und vereitelt nur.

Quelle: http://www.briefwechsel-schiller-goethe.de/

Samstag, 23. April 2011

Schiller über die Arbeit am Wallenstein und Goethes Änderungen daran

Schillers Worte über die Veränderungen an seinem Text lege ich all jenen ans Herz, die meinen, unseren Klassikern seien die Wörter druckreif aus der Schreibfeder geflossen (allenfalls mit Hilfe eines faulen Apfels in der Schublade). Überhaupt sei ein Lektorat überflüssig, schließlich stehe man in einer Reihe mit all den großen Schriftstellern.

An Goethe

Jena den 9. October 1798.

Dank für die überschickten Decken und Kupfer, die wir hier recht nöthig brauchten, und für die guten Nachrichten besonders, die Sie mir vom Gang unsrer Theatralien schreiben. Der Aufschub des Stücks kann mir nicht anders als lieb sein; auf den Donnerstag hoffe ich bei guter Zeit da sein zu können. Bei dieser belebten Behandlung der Sache entwickeln sich allerlei Dinge in meinem Kopf, die dem Wallenstein noch zu statten kommen werden. Das Vorspiel denke ich noch viel mehr für das Ganze zu benutzen, und weiß auch schon viele bedeutende Striche, die es noch zu seinem Vortheil erhalten soll. Die Arbeit wird mir vergrößert und doch zugleich beschleunigt werden.

Hätte ich gedacht daß die Capuzinerpredigt morgen früh nicht zu spät kommen würde, so hätte sie noch besser ausfallen müssen. Im Grund macht es mir große Lust, auf diese Fratze noch etwas zu verwenden; denn dieser Pater Abraham [Abraham a Santa Clara, jmw] ist ein prächtiges Original, vor dem man Respekt bekommen muß, und es ist eine interessante und keineswegs leichte Aufgabe es ihm zugleich in der Tollheit und in der Gescheidigkeit nach- oder gar zuvorzuthun. Indeß werde ich das möglichste versuchen.

Das Soldatenlied habe ich noch mit ein paar Versen vermehrt, die ich beilege. Es däucht mir daß es gut sein wird, dem Zuschauer Anfangs etwas Zeit zu geben, so wie auch den Statisten selbst, die Gruppe in ihrer Bewegung zu sehen, und die Anordnungen zu machen. Sie werden es wohl so einrichten, daß mehrere Stimmen sich in die Strophen theilen, und daß auch ein Chorus die letzten Zeilen immer wiederholt.

Sie haben es mit den Veränderungen, die Sie in meinem Text vorgenommen ganz gnädig gemacht. Von einigen ist mir die Ursache nicht gleich klar, doch darüber werden wir sprechen. Solche Kleinigkeiten führen oft zu den nützlichsten Bemerkungen. (fett jmw)

Leben sie recht wohl. Ich freue mich nur, daß Lust und Humor Sie bei dieser mechanischen Hetzerei nicht verlassen.

Meine Frau grüßt aufs beste.

Sch.

Sollten Sie mir morgen mit der Botenfrau noch etwas zu sagen haben, so lassen Sie ihr doch einprägen, mir den Brief zeitig zu übergeben. Ich erhalte ihn sonst erst Donnerstags.

Quelle: http://www.wissen-im-netz.info/literatur/goethe/briefe/schiller/500/523.htm

Sonntag, 2. August 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. V

Last not least:

Prüfen Sie, ob Sie jeden Rechtschreib- und Trennfehler korrigiert haben. Prüfen Sie Grammatik und Zeichensetzung.

Immer wieder muss man die Meinung sogenannter Autoren lesen, dass sie Stil, Rechtschreibung und Grammatik für zweitrangig halten, solange diese die Verständlichkeit des Textes nicht beeinflussen, und schließlich wolle man die Lektoren nicht arbeitslos machen. Abgesehen davon, dass die Verlage kaum noch Lektoren beschäftigen und freie Lektoren teuer sind – haben diese Autoren schon einmal einen Schauspieler sagen hören, dass Mimik und Gestik, Betonung und Ausdruck für ihn zweitrangig seien, solange der Zuschauer seine Worte versteht? Vertrauen sie einem Schuster, dem Material und Verarbeitung der Schuhe zweitrangig sind, solange sie nicht auseinander fallen? Kann jemand Mathematikprofessor werden, der die Grundrechenarten nicht beherrscht? Rechtschreibung, Grammatik, Interpunktion und Stil sind die Grundrechenarten des Schriftstellers. Sie entscheiden darüber, ob ein Text flüssig lesbar oder gespickt mit sprachlichen Stolpersteinen, dilettantisch oder professionell ist. Wer sich keine Mühe mit den Äußerlichkeiten gibt, wird kaum Vertrauen für sein Werk finden. Wenn der Text schon äußerlich schlampig ist, wie wird dann der Inhalt sein? Der Leser will sich nicht durch einen Text durchkämpfen. Vor allem will er ernst genommen werden.

Je leichter sich ein Text liest, um so mehr Mühe hat sich der Autor mit ihm gegeben.

Samstag, 25. Juli 2009

Merksätze zum Feilen


Feilen? Ich bin doch kein Metallwerker, ich bin Schriftsteller! (unbekannt)

Wat jestrichen is, kann nich durchfalln. (Otto Brahm, nach Tucholsky)
  • Kein Manuskript ist auf Anhieb perfekt.
  • Lassen Sie Ihren Text eine Zeit lang liegen.
  • Literatur bedeutet auch Streichen, auf das Wesentliche verdichten.
  • Feilen bedeutet auch, sich noch einmal auseinanderzusetzen mit den schwachen Teilen, den wohlgeformten, ungenauen Worten, den umständlich formulierten Sätzen. 
  • Ihre Worte sind nicht in Stein gemeißelt, lassen Sie jedes Wort um seine Berechtigung kämpfen. 
  • Jedes Wort, jedes Bild, müssen sich darauf abklopfen lassen, ob sie richtig, notwendig und klar sind.
  • Prüfen Sie jeden Satz. Was sagt er? Wie klingt er? Wie klingt er in Bezug auf den vorhergehenden und den nachfolgenden? Ist er überhaupt notwendig?
  • Lösen Sie alle Bandwurm- und Schachtelsätze auf.
  • Streichen Sie alle überflüssigen Wörter, Sätze und Absätze.
  • Prüfen Sie Ihren Text auf Wiederholungen, wenn sie nicht als Stilmittel gedacht sind, aber auch auf Redundanzen und das Wiederholen von Inhalten, die der Leser bereits aus vorangegangenen Szenen oder Kapiteln kennt. 
  • Prüfen Sie, ob Sie Ihre Figuren richtig gezeichnet haben. 
  • Prüfen Sie, ob Sie das, was Sie sagen wollten, für den Leser verständlich geschrieben haben, wenn nicht, überlegen Sie, wie Sie sich besser ausdrücken oder wie Sie das einfacher sagen könnten.
  • Wenn Sie unsicher sind, ob Sie ein Wort, einen Satz oder Absatz streichen sollen – verlassen Sie sich auf Ihr Gefühl und streichen Sie.
  • Prüfen Sie nach dem Kürzen, ob jede Figur weiterhin wichtig für den Text ist.
  • Suchen Sie nach sachlichen oder inhaltlichen Fehlern. 
  • Wenn Sie Ihr Text nach dem Überarbeiten länger ist als vorher, haben Sie etwas falsch gemacht.
  • Eine (seltene) Gefahr besteht jedoch: dass Sie zu viel streichen und dadurch den Leser verwirren oder verständnislos zurücklassen.
  • Meißeln und feilen Sie an Ihrem Text nicht so lange, bis vor lauter Polierstaub vom Werk kaum etwas übrig bleibt, das den Leser fesseln könnte
  • Vergleichen Sie das, was Sie geschrieben haben, mit dem, was Sie schreiben wollten.
  • Je leichter sich ein Text liest, um so mehr Mühe hat sich der Autor mit ihm gegeben.
  • Ihr Werk ist fertig, wenn Sie nicht einen Satz daraus entfernen können, ohne ihm zu schaden.
  • Betrachten Sie Ihr Werk eines Tages als abgeschlossen.

Sonntag, 7. Juni 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. IV


Aus Dichters Schreibstube

GOETHE sagt über WIELAND:
Denn daß er alles mit eigener Hand und sehr schön schrieb, zugleich mit Freiheit und Besonnenheit, daß er das Geschriebene immer vor Augen hatte, sorgfältig prüfte, veränderte, besserte, unverdrossen bildete und umbildete, ja nicht müde ward, Werke von Umfang wiederholt abzuschreiben, dieses gab seinen Produktionen das Zarte, Zierliche, Faßliche, das Natürlich-Elegante, welches nicht durch Bemühung, sondern durch heitere genialische Aufmerksamkeit auf ein schon fertiges Werk hervorgebracht werden kann.
THUKYDIDES feilte beim Schreiben seines Werkes über den peloponnesischen Krieg immer wieder am Stil. Er verlängerte ein Wort zu einem Satz oder zog einen Satz in ein Wort zusammen, ersetzte ein Substantiv durch ein Verb oder ein Verb durch ein Substantiv. PLATON schrieb den Anfang der Republik in sieben verschiedenen Fassungen und FRIEDRICH DER GROSSE den Antimacchiavelli in drei. CAPOTE schreibt vier Niederschriften: eine mit Bleistift, eine auf blaues, eine auf gelbes und die endgültige Version auf weißes Papier. RANSMAYR, der keine Manuskriptseite weniger als dreißig Mal schreiben soll, die meisten gar hundert bis zweihundert Mal, sagt:
Die Zahlen haben gelegentlich zu einem seltsamen Poker geführt: 100, 200 Versionen! Wichtiger als solche Einsätze ist doch, dass ich das Glück habe, mir für meine Geschichten sieben Jahre und mehr nehmen zu können, bis sie in ihrer für mich schlüssigsten Form zur Sprache gebracht ist.
Einer der unermüdlichsten Feiler war BALZAC. Er gab die Hälfte seiner Honorare für das Ändern von Druckvorlagen aus und wollte sogar das Doppelte bezahlen, doch die Drucker setzten seine bis zur Unleserlichkeit korrigierten Manuskripte nur widerwillig. Und wenn sie sie dann doch gesetzt hatten, korrigierte er sie wieder.

ECO berichtet, dass LAMARTINE über eines seiner Gedichte schrieb, es sei ihm »spontan eingefallen, urplötzlich in einer stürmischen Nacht im Walde«. Doch, so Eco: »Als er gestorben war, fand man seine Manuskripte mit zahlreichen Korrekturen und Varianten, und besagtes Gedicht erwies sich als das vielleicht am meisten ›bearbeitete‹ der gesamten französischen Literatur.«

FONTANE ist manchmal vierzehn Tage einem einzigen Wort »hinterhergerannt«. Er meint, dass drei Viertel seiner »ganzen literarischen Tätigkeit überhaupt Korrigieren und Feilen gewesen« sei. »Und vielleicht ist drei Viertel noch zu wenig.« STORM erzählt, dass ihn seine Prosa mehr Zeit gekostet habe als Verse, und Erich FRIED antwortet auf die Frage, ob er das fertig gestellte Buch noch einmal lese, ob er sich »sehr über scheinbare oder wirkliche Fehler« ärgere und ob er Lust habe, es noch einmal zu schreiben:
Nein, ich glaube nicht, daß man ein schon einmal geschriebenes Buch noch einmal schreiben darf, weil man nicht mehr derselbe Mensch ist. Wenn mir ein Buch oder ein Gedichtband gedanklich Mängel zu haben scheint, weil ich jetzt, wenn es zu einer Neuauflage erscheinen soll, über einiges anders denke, dann schreibe ich an den betreffenden Stellen ein Gegengedicht.
Marie Luise KASCHNITZ hat oft »Gedichte ins Schmierheft gekritzelt, sie verworfen, zerhackt, mit neuen Gliedmaßen ausgestattet, mit Flitter behängt, von Flitter befreit, Kargwort neben Kargwort gesetzt, endlich das Ganze zerknüllt und in den Müll geworfen«, und es seien »nur zwei Worte oder drei gewesen …, die den nächsten Morgen überdauerten«.

SELBY hat zweieinhalb Jahre lang Nacht für Nacht an dem Kapitel aus Letzte Ausfahrt Brooklyn geschrieben, in dem eine Bande eine fünfzehnjährige Hure vergewaltigt. »Kannst du dir das vorstellen», sagte er zu seinem Interviewer, »zwanzig Seiten in zweieinhalb Jahren? Danach war ich so fertig, dass ich über ein Jahr keine Zeile schreiben konnte.« Auf die Frage, ob es nicht nervtötend gewesen sei, jeden Satz tausend Mal neu zu schreiben, entgegnet er:
Überhaupt nicht. Ich glaube, ich schreibe so, wie Edison erfand. Der wurde mal gefragt, ob das nicht entmutigend sei, 1138-mal damit zu scheitern, die Birne zum Glühen zu bringen. Und er sagte: Nein, jetzt kenne ich 1138 Methoden, wie es nicht funktioniert.
James THURBER streicht neunzig Prozent seiner Wörter. Er soll seine Erzählungen fünfzehn Mal umgeschrieben und zweitausend Stunden für eine Arbeit verwendet haben, die zum Schluss höchstens zwanzigtausend Wörter umfasste. »Ich weiß nicht«, soll er geseufzt haben, »meine ersten Entwürfe klingen immer, als hätte die Putzfrau sie geschrieben. Nur ein einziges Mal ist es mir gelungen, eine Sache glatt herunterzuschreiben«. Bei Dorothy PARKER kommen auf fünf Wörter sieben, die sie streicht. SCHLINK streicht die Hälfte dessen, was er geschrieben hat, durch, schreibt etwas anderes darüber, korrigiert später noch einmal, und manchmal merkt er, wenn er den Text schließlich ins Diktiergerät spricht, dass die zweite durchgestrichene Fassung doch die richtige war.

Bedenken Sie jedoch bei allem Feilen und Löschen und Einfügen: Sie finden nie ein Ende, wenn Sie wieder und wieder versuchen, Ihren Text zu vervollkommnen. Denken Sie an den Spruch: Das Beste ist der Feind des Guten.

Ihr Werk ist fertig, wenn Sie nicht einen Satz daraus entfernen können, ohne ihm zu schaden. Sie sollten jedoch Ihr Werk als abgeschlossen betrachten: wenn der Punkt des »Verschlimmbesserns« erreicht ist

Last not least

Prüfen Sie, ob Sie jeden Rechtschreib- und Trennfehler korrigiert haben. Prüfen Sie Grammatik und Zeichensetzung.

Immer wieder muss man die Meinung sogenannter Autoren lesen, dass sie Stil, Rechtschreibung und Grammatik für zweitrangig halten, solange diese die Verständlichkeit des Textes nicht beeinflussen, und schließlich wolle man die Lektoren nicht arbeitslos machen. Abgesehen davon, dass die Verlage kaum noch Lektoren beschäftigen und freie Lektoren teuer sind – haben diese Autoren schon einmal einen Schauspieler sagen hören, dass Mimik und Gestik, Betonung und Ausdruck für ihn zweitrangig seien, solange der Zuschauer seine Worte versteht? Vertrauen sie einem Schuster, dem Material und Verarbeitung der Schuhe zweitrangig sind, solange sie nicht auseinander fallen? Kann jemand Mathematikprofessor werden, der die Grundrechenarten nicht beherrscht? Rechtschreibung, Grammatik, Interpunktion und Stil sind die Grundrechenarten des Schriftstellers. Sie entscheiden darüber, ob ein Text flüssig lesbar oder gespickt mit sprachlichen Stolpersteinen, dilettantisch oder professionell ist. Wer sich keine Mühe mit den Äußerlichkeiten gibt, wird kaum Vertrauen für sein Werk finden. Wenn der Text schon äußerlich schlampig ist, wie wird dann der Inhalt sein? Der Leser will sich nicht durch einen Text durchkämpfen. Vor allem will er ernst genommen werden.*

Je leichter sich ein Text liest, um so mehr Mühe hat sich der Autor mit ihm gegeben.

*Ich habe das absichtlich hervorgehoben, weil mich die Diskussion in vielen Foren gerade bei Xing einfach nervt. Ansonsten sollte man mit Hervorhebungen sparsam umgehen.