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Samstag, 17. November 2012

Gertrude Stein über „is a...is a...is a...“

Woher Gertrude Steins legendärer Ausspruch „Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ (Rose is a rose is a rose is a rose) stammt, wissen wir nun (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2012/11/gertrude-stein-uber-substantive-und.html). Aber wir wissen noch nicht, was sie damit meint.

Zum Glück fragte sie das ein Student nach ihrer Vorlesung von Poetik und Grammatik (Poetry and Grammar) an der Universität von Chicago im Jahr 1934. Ihre Antwort lautete:
Also  hören Sie! Verstehen Sie denn nicht, dass, als die Sprache neu war –  wie bei Chaucer und Homer –, der Dichter den Namen eines Dinges  gebrauchen konnte und das Ding dann wirklich da war? Er konnte sagen „O Mond“, „O Meer“, „O Liebe“, und Mond und Meer und Liebe waren wirklich da. Und verstehen Sie denn nicht, dass er, nachdem hunderte von Jahren vergangen und tausende von Gedichten geschrieben worden waren, sich auf eben jene Worte berufen und herausfinden konnte, dass sie nur abgenutzte literarische Worte waren? Das Erregende des reinen Seins war von  ihnen gewichen; es waren nur noch ziemlich abgegriffene literarische  Worte. Nun, der Dichter muss in der Erregung des reinen Seins  arbeiten; er muss der Sprache diese Intensität neu verleihen. Wir alle wissen, dass es schwer ist, im höheren Alter Gedichte zu schreiben; und wir wissen, dass man etwas Ungewöhnliches, etwas Unerwartetes in das Satzgefüge bringen muss, um dem Substantiv seine Vitalität zurückzugeben. Es genügt aber nicht bizarr zu sein; die Eigenart des Satzgefüges muss auch von der dichterischen Begabung kommen. Darum ist es doppelt schwer, im höheren Alter ein Dichter zu sein. Nun, Sie alle kennen hunderte von Gedichten über Rosen, und Sie wissen, dass die Rose nicht vorhanden ist. All jene Lieder, die Sopransängerinnen als Zugaben singen:  „Ich habe einen Garten, oh, was für einen Garten!“ Nun, ich möchte dieser Zeile nicht zuviel Bedeutung beimessen, weil sie nur eine Zeile in einem längeren Gedicht ist. Aber ich merke, dass Sie sie alle kennen; Sie sind belustigt, aber  Sie kennen sie. Also, hören  Sie! Ich bin kein Narr! Ich weiß, dass man im Alltag nicht herumgeht und sagt: „ist eine ... ist eine ... ist eine ...“. Ja, ich bin kein Narr; aber ich glaube, dass die Rose in dieser Zeile seit hundert Jahren zum ersten Mal in der englischen Poesie wieder rot ist."

Now listen. Can’t you see that when the language was new—as it was with Chaucer and Homer—the poet could use the name of a thing and the thing was really there. He could say ‘O moon,’ ‘O sea,’ ‘O love,’ and the moon and the sea and love were really there. And can’t you see that after hundreds of years had gone by and thousands of poems had been written, he could call on those words and find that they were just wornout literary words. The excitingness of pure being had withdrawn from them; they were just rather stale literary words. Now the poet has to work in the excitingness of pure being; he has to get back that intensity into the language. We all know that it’s hard to write poetry in a late age; and we know that you have to put some strangeness, as something unexpected, into the structure of the sentence in order to bring back vitality to the noun. Now it’s not enough to be bizarre; the strangeness in the sentence structure has to come from the poetic gift, too. That’s why it’s doubly hard to be a poet in a late age. Now you all have seen hundreds of poems about roses and you know in your bones that the rose is not there. All those songs that sopranos sing as encores about ‘I have a garden! oh, what a garden!’ Now I don’t want to put too much emphasis on that line, because it’s just one line in a longer poem. But I notice that you all know it; you make fun of it, but you know it. Now listen! I’m no fool. I know that in daily life we don’t go around saying ‘…is a…is a…is a…’. Yes, I’m no fool; but I think that in that line the rose is red for the first time in English poetry for a hundred years.  
(In What are masterpieces and Why are there so few of them (Was sind Meisterwerke) mit einer Einleitung von Thornton Wilder. Yale University Press 1947, S. V f.;  zitiert nach http://www.thealsopreview.com/messages/33/593.html?1265252025)


Dienstag, 13. November 2012

Gertrude Stein über Substantive und „Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ + Anmerkung


Poesie ist damit beschäftigt das Substantiv zu gebrauchen, zu mißbrauchen, zu verlieren, zu wollen, zu verleugnen, zu vermeiden, anzubeten, zu ersetzen. Sie tut das, tut das immer, tut das und tut nichts als das. Poesie tut nichts als Substantive gebrauchen, verlieren, zurückweisen und zufriedenstellen und betrügen und liebkosen. Das ist was Poesie tut, das ist was Poesie zu tun hat, einerlei weiche Art von Poesie es ist. Und es gibt sehr viele Arten von Poesie.

Als ich sagte.

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.

Und als ich das dann später zu einem Ring gemacht hatte, machte ich Poesie, und was tat ich, ich liebkoste, liebkoste ganz und gar und wandte mich an ein Hauptwort.

Nun lassen Sie uns an Poesie denken, an irgendeine Poesie, alle Poesie, und lassen Sie uns sehen ob das nicht so ist. Natürlich ist es so, jeder kann das wissen.

Poetry is concerned with using with abusing, with losing with wanting, with denying with avoiding with adoring with replacing the noun. It is doing that always doing that, doing that and doing nothing but that. Poetry is doing nothing but using losing refusing and pleasing and betraying and caressing nouns. That is what poetry does, that is what poetry has to do no matter what kind of poetry it is. And there are a great many kinds of poetry.

When I said.

A rose is a rose is a rose is a rose.

And then later made that into a ring I made poetry and what did I do I caressed completely caressed and addressed a noun.

Now let us think of poetry any poetry all poetry and let us see if this is not so. Of course it is so anybody can know that.

Gertrude Stein

(In Poetik und Grammatik (Poetry and Grammar), http://lemonhound.com/2012/10/13/gertrude-stein-poetry-grammar/)


Eine Anmerkung zu Gertrude Steins Worten

Sie werden häufig zitiert, meist verwundert, manchmal abfällig, aber immer aus dem Zusammenhang gerissen, vermutlich, weil ihre Werke nicht gelesen werden. Ihr Einfluss auf die Literatur ist gegenwärtiger als ihr eigenes Werk (man denke nur an ihren Einfluss auf Ernst Jandls Gedichte wie ottos mops oder wien: heldenplatz und an Thomas Bernhards Satzspiralen). Wer weiß schon, dass sie ursprünglich aus dem Gedicht Sacred Emily (Heilige Emily) stammen, das sie 1913 geschrieben hatte:
Color mahogany.
Color mahogany center.
Rose is a rose is a rose is a rose.
Loveliness extreme.
Extra gaiters.
Loveliness extreme.
Sweetest ice-cream.
Page ages page ages page ages.
Wiped Wiped wire wire.
Sweeter than peaches and pears and cream.
Wiped wire wiped wire.
Extra extreme.

(In Geography and Plays. Boston 1922, S. 187; http://www.lettersofnote.com/p/sacred-emily-by-gertrude-stein.html)
Aber bekannt geworden sind die Worte vor allem durch ihr Kinderbuch Die Welt ist rund (The World is Round), das 1939 erschien. Einer der ersten US-amerikanischen Kinderbuchverlage, Young Scott Books, der ein Jahr zuvor gegründet wurde, hatte bekannte Schriftteller um eine Geschichte für Kinder gebeten. Ihr Zögling Ernest Hemingway winkte ab, aber Gertrude Stein sagte im Alter von 65 Jahren zu und schrieb die Geschichte eines kleinen weinerlichen Mädchen namens Rose (es geht hier also nicht um eine Blume), das oft singen muss, gern nachdenkt, suchen, finden und benennen möchte und ihren Lehrern nicht vertraut, die sagen, dass die Welt und die Sonne und der Mond und die Sterne rund sind, und alles „drehte sich immer rundherum immer rundherum“. Und als sie sich einmal beim Singen in einem Spiegel sah, stellte sie fest, dass auch beim Singen „ihr Mund rund (war) und drehte sich immer rundherum immer rundherum“. Und sie fragte sich, „war denn hierzulande alles nur rund drehte sich immer rundherum immer rundherum“? Aber den Bergen, die sich so hoch erheben, würde es sicher „gelingen, alles zum Stillstand zu bringen“. Also beschloss sie, mitsamt einem blauen Gartenstuhl auf die Spitze eines Berges zu klettern, um auf die Welt hinunterzusehen.

Unterwegs sah sie einen Baum, und sie dachte
ja er ist rund aber rundherum werde ich Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose einschnitzen und dann ist’s einfach da und ich höre nirgends mehr irgendwas das mir in der Nacht Angst macht. (…) So nahm sie also ihr Taschenmesser, sie hatte weder einen Füller noch eine Feder von einem Huhn und sie hatte auch keine Tinte da konnte sie nichts tun, sie würde einfach auf ihrem Stuhl stehen und rundherum immer rundherum aber nicht krumm Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose Rose ist eine Rose in die Rinde ritzen bis es ganz herum reichte. (…) Und Rose vergaß die Dämmerung vergaß die rosige Dämmerung und vergaß den Sonnenschein vergaß sie war da allein ganz allein und ritzte vorsichtig in die Ecken rein, die Ecken der Os und Rs und Ss und Es in Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.
(Die Welt ist rund. Ritter 2001, S. 70–72)
Gertrude Stein hat die Worte noch öfter gebraucht, und gern wurden sie von anderen variiert. So schreibt William S. Burroughs in From my Education: A Book of Dreams: „The word for word is word“ (Wort für Wort ist Wort) (zitiert nach Word Virus: The William S. Burroughs Reader. Grove 1998, S. 515) und in Naked Lunch (Nackter Rausch) „A rat is a rat is a rat is a rat“ (Eine Ratte eine Ratte ist eine Ratte ist eine Ratte) (S. 174) Wer mehr dazu wissen möchte, sehe auf http://en.wikipedia.org/wiki/Rose_is_a_rose_is_a_rose_is_a_rose nach.

– Für mich ist Die Welt ist rund jedenfalls eines der schönsten Kinderbücher überhaupt, was sicher auch an der Aufmachung und an den Zeichnungen von Franz Erhard Walther liegt. –

Samstag, 10. November 2012

Getrude Stein über die (Nicht-)Benutzung von Kommas

Wenn es wirklich schwierig wird, möchte man einen Knoten lieber entwirren, statt ihn durchzuschlagen, zumindest empfindet so jeder, der an irgendeinem Thema arbeitet, empfindet so jeder, der mit irgendeinem Werkzeug arbeitet, so empfindet jeder, der einen Satz schreibt oder liest, nachdem er geschrieben wurde. Und was tut ein Komma, ein Komma tut nichts als eine Sache leicht zu machen, die, wenn man sie gern genug tut, leicht genug ist ohne das Komma. Ein langer komplizierter Satz sollte sich einem einprägen, sollte einem bewusst machen, dass man ihn kennt, und das Komma, nun im besten Fall ist ein Komma ein armer Punkt, der einen anhalten und Atem holen lässt, doch wenn man Atem holen will, sollte man selbst wissen, dass man Atem holen will. Es ist nicht wie ganz und gar anhalten, wie es ein Punkt tut, ganz und gar anhalten hat etwas mit weitergehen zu tun, aber Atem holen, nun man holt immer Atem, und warum sollte man einen Atemzug mehr betonen als einen andern. Jedenfalls ist das die Art, wie ich es empfand, und ich empfand das sehr sehr stark. Und so benutzte ich fast nie ein Komma. Je länger, je komplizierter der Satz, um so größer die Anzahl derselben Art Wörter, die ich eines dem andern folgen ließ, je mehr, je viel mehr ich von ihnen gebrauchte, um so mehr fühlte ich die leidenschaftliche Notwendigkeit ihres sich selbst um sich selbst Kümmerns und des ihnen nicht Helfens und des sie Schwächens, indem man ein Komma setzt.

When it gets really difficult you want to disentangle rather than to cut the knot, at least so anybody feels who is working with any thread, so anybody feels who is working with any tool so anybody feels who is writing any sentence or reading it after it has been written. And what does a comma do, a comma does nothing but make easy a thing that if you like it enough is easy enough without the comma. A long complicated sentence should force itself upon you, make you know yourself knowing it and the comma, well at the most a comma is a poor period that it lets you stop and take a breath but if you want to take a breath you ought to know yourself that you want to take a breath. It is not like stopping altogether which is what a period does stopping altogether has something to do with going on, but taking a breath well you are always taking a breath and why emphasize one breath rather than another breath. Anyway that is the way I felt about it and I felt that about it very very strongly. And so I almost never used a comma. The longer, the more complicated the sentence the greater the number of the same kinds of words I had following one after another, the more the very many more I had of them the more I felt the passionate need of their taking care of themselves by themselves and not helping them, and thereby enfeebling them by putting in a comma.

Gertrude Stein in ihrem Vortrag Poetry & Grammar (Poetik und Grammatik) im November 1934 an der Universität von Chicago, http://lemonhound.com/2012/10/13/gertrude-stein-poetry-grammar/; siehe auch ihren Essay On Punctuation, http://epc.buffalo.edu/authors/goldsmith/works/stein.pdf

Montag, 5. November 2012

Die Sprache wandelt sich


Wörter sind wie Lebewesen: Sie kennen Geburt und Tod, Jugend und Alter, Familie und Vorfahren.
(Duden-Newsletter; zitiert nach http://woerter.germanblogs.de/archive/2007/07/23/wie-kommt-ein-wort-in-den-duden.htm)

Jeden Tag erblicken neue Wörter (Neologismen, von gr. neos = neu, logos = Wort) das Licht der Welt. Doch nicht immer werden sie kampflos übernommen. Wörter wie belichten, Gepflogenheit, Jetztzeit, die heute selbstverständlich sind, waren im neunzehnten Jahrhundert heftig umstritten. Doch schließlich gewöhnte man sich an diese »anstößigen« Wörter – sie hörten auf, Neologismen zu sein.

Wandel der Bedeutung von Wörtern

Aber es ändert sich auch die Bedeutung von Wörtern. So schreibt Walter Porzig, dass sich
Aussprache, Wortschatz und Satzfügung bei den einzelnen Altersklassen einer Gemeinde und innerhalb derselben Familie bei Kindern und Erwachsenen verschiedener Altersstufen merkbar unterscheiden, ja, dass sie sich bei demselben Menschen im Laufe seines Lebens sehr allmählich aber dauernd ändern. Die Älteren unter uns können das an ihrer eigenen Sprache beobachten: ein Angeber war in meiner Jugend ein Denunziant, jetzt ist er ein Großtuer. Das heißt, daß die Bezeichnung Angeber für Denunziant außer Gebrauch gekommen ist und daß der Großtuer einen neuen Namen bekommen hat. Es handelt sich gar nicht um ein Wort, sondern um zwei Wörter Angeber, die nur zufällig gleich sind. Worauf es hier ankommt, ist, daß sich die Bezeichnung für die beiden Begriffe im Laufe eines Menschenalters völlig geändert hat. (Das Wunder der Sprache. Francke 1957, S. 301)
Brandschatzen bedeutet heute das Niederbrennen eines Anwesens, ursprünglich jedoch das Erpressen von Schutzgeld, damit es eben nicht niedergebrannt wird. Ein Geschäftsmann war zu Goethes Zeiten ein Staatsbeamter, Firma die Unterschrift eines Fürsten. Ekel stand für wählerisch und anspruchsvoll. Das Wort Dirne bezeichnete ein Mädchen und Weib eine Frau. Mit »Bin weder Fräulein, weder schön / Kann ungeleitet nach Hause gehn« aus Goethes Faust I begründet Gretchen, dass sie keine ledige Adlige sei, denn nur diese wurde damals als Fräulein bezeichnet.

Vogel hieß alles, was flog. In manchen Dialekten, vor allem in der Schweiz, werden Schmetterlinge heute noch Sommervögel genannt. Wilhelm Buschs »Jeder weiß, was so ein Mai- / Käfer für ein Vogel sei« in Max und Moritz ist also durchaus nicht komisch.

Veraltete Wörter (Archaismen; latinisiert vom altgriechischen archaios = alt, ehemalig)

»Jeder von uns«, so Hans Eggers,
könnte bemerken, daß seine eigene Sprache anders ist als die seiner Großeltern. Wir sagen er kommt, wo Großmutter vielleicht noch er kömmt sagt, und wenn wir heute wechselweise zu Haus und zu Hause sagen, bald eine neue, bald eine ältere Form verwendend, pflegt Großvater wohl noch regelmäßig das e des Dativs zu bewahren. Auffälliger noch als solche lautlichen Veränderungen sind die Wandlungen des Wort- und Ausdrucksschatzes. Manches Wort und manche Redewendung, die die Großeltern ständig im Munde führen, verstehen wir freilich, werden sie aber niemals selbst gebrauchen, und unser modisches genau für das schlichte ja, unser prima, unser mit achtzig Sachen und viele Ausdrücke unserer Tage werden sich die Alten unter uns nicht mehr angewöhnen. Und sprechen unsere Kinder und Enkel nicht wieder eine andere Sprache? Wir, die wir mitten im Leben stehen, werden uns nur schwer daran gewöhnen, die Sprößlinge als Teenager und Twens zu bezeichnen, und auch deren Ausdrücke für ein hübsches Mädchen, dufte Biene oder steiler Zahn, werden wir uns kaum noch zu eigen machen. (Deutsche Sprachgeschichte. Rowohlt 1986 , S. 10)
Wörter können aber auch wieder modern werden. Manche veraltete Wörter wie Hain, Fehde, Degen, Recke, Tafelrunde, hegen und küren wurden vor allem durch Schriftsteller neu belebt.

Alte und neue Wörter und die Weltliteratur

Viele heute alltägliche Wörter waren unseren Großeltern unbekannt (abgesehen von Schreibwerkstatt, Internet und Geldautomat), aber wussten Sie, dass es vor einhundertfünfzig Jahren noch nicht das Wort jubeln gab? Man jubilierte oder frohlockte. Hingegen sagen wir nicht mehr justament für ausgerechnet, zu diesem Behufe für zu diesem Zweck, Veloziped für Fahrrad, Comptoir für Büro, Droschke für Taxi, Elektrische für Straßenbahn oder Automobil, platterdings, Gendarm und Boudoir.

Dagegen wurden so aktuelle Wörter wie Nervosität, Unsicherheit, Gespaltenheit, schon vor zweihundert Jahren gebraucht, und Karl Kraus benutzte bereits das Wort ausgepowert: »Aber selbst wenn diese Journalistik nicht die Sprache ausgepowert hätte, gäbe es keinen Ausdruck, ihr moralisches Niveau zu bezeichnen.« (Fackel, H. 622, 1913, S. 201)

Johann Wolfgang von Goethe schrieb von der Anarchie, der Bundesregierung, vom ankiffen und von den Aktien. Berühmt ist er auch für die Prägung des Begriffs Weltliteratur. Erster Beleg ist der Tagebucheintrag vom 15.1. 1827: »An Schuchardt diktiert bezüglich auf französische und Welt-Literatur.« (Tagebücher. Cotta 1959, S. 368) Doch schon wenige Tage später, am 27. 1. 1827, schreibt er an Karl Streckfuss: »Ich bin überzeugt, daß eine Weltliteratur sich bilde«, und prophezeit: »Der Deutsche kann und soll hier am meisten wirken, er wird eine schöne Rolle bei diesem Zusammentreten zu spielen haben.« (Briefe, S. 215)

Der Begriff Weltliteratur wurde zwar erstmals von Christoph Martin Wieland um 1790 geprägt, doch dieser meinte damit die Literatur, die der homme du monde, der Weltmann, liest. Für Goethe hingegen ist Welt die Menschheit jenseits der nationalen Grenzen. Er versteht darunter die Literatur, die aus einem übernationalen Geist heraus geschaffen wurde, also die Kleinstaaterei auch in der Dichtung überwindet. (Und musste später erkennen, dass das auch ein Überschwemmtwerden mit trivialer fremdsprachiger Literatur bedeutet.) (Siehe dazu auch http://www.adglossar.de/Weltliteratur und Goethes Aufsatz über die Weltliteratur auf http://www.wissen-im-netz.info/literatur/goethe/aufsatz/07.htm)

Modewörter

Heute selten gebrauchte Wörter wandeln sich schnell zu Modewörtern, andererseits klingen Wörter, die früher als Modewörter bezeichnet wurden, heute wieder unverbraucht. Vor über hundert Jahren prangerte Gustav Wustmann in Allerhand Sprachdummheiten: Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen. Ein Hilfsbuch für alle, die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen Modewörter an, die heute noch lebendig sind, wie belanglos, Darbietung, Ehrung, einwandfrei, erheblich, erhellen, großzügig, jugendlich, Prozent/Prozentsatz (für Teil), schreiten, selbstlos, unerheblich, unerfindlich, unentwegt. – Ob sie einen Text verschönern, steht auf einem anderen Blatt und ist auch ein anderes Thema. –

Nicht nur Modewörter können neu belebt werden. Viele große Wörter sind mürbe geworden, weil viel zu oft benutzt und ihrer ursprünglichen Aussage beraubt. Was bedeuten heute noch Wohltäter, Demut oder Pflicht? »Man muß manchmal einen Ausdruck aus der Sprache herausziehen, ihn zum Reinigen geben, – und kann ihn dann wieder in den Verkehr einführen«, sagt Ludwig Wittgenstein in Vermischte Bemerkungen, S. 504. Wenn die Worte rekonstruiert sind und wieder in den Umlauf gebracht werden, würde ihnen wieder zu trauen sein.

Die verlorenen Wörter

Christa Wolf mahnte bei ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Nelly-Sachs-Preises 1999 eine Liste über verlorene Worte an:
Müßten wir nicht damit anfangen, eine Liste der verlorenen Wörter anzulegen, so wie die Naturforscher Listen der aussterbenden Arten angelegt haben, die täglich länger werden? Und ist es abwegig, zu vermuten, daß die sterbenden Wörter etwas mit den ausgestorbenen Tieren und Pflanzen zu tun haben? Weil wir geduldet haben, daß ein Wort wie »Ehrfurcht« uns fremd geworden ist, ausgesondert, überflüssig, peinlich, bleibt eine Gefühlsstelle in uns taub, wenn wir Mitlebendes ausmerzen.
Und sie fragte:
Was ist heute menschlich? Worauf beziehen wir heutzutage das Wort »human«? Für welche Inhalte ist es uns unverzichtbar geblieben oder geworden? (Der Worte Adernetz. Suhrkamp 2006 , S. 89)
Verlorene Wörter sind auch solche, die von Schriftstellern geprägt, von anderen Autoren jedoch nicht aufgenommen wurden, wie Absonderling (Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen); Betschwesterei (Georg Christoph Lichtenberg); entdonnern (Archim von Arnim); Halbgeschmack (Johann Wolfgang von Goethe); Icher (Friedrich Gottlieb Klopstock); Schicksalssohn (Johann Gottfried Herder); vergottscheden (A. G. Kästner); Warmländer (Jean Paul); zwiesprachig (Theodor Mommsen).

Und dann gibt es noch die Wörter, die heute vergessen sind wie Abnolken, Anquerdern, Anspinn, befetschen, Dolk, Empter, entnafzen, Gurbe, Gusel, hangdrüslicht, Hirsetute, Hupfelrei, ichtes (mit ichtesicht, ichteswann, ichtwan, ichtwas, ichtwasig, ichtwer, ichtwvo), Immi, Karschbein, Kannenwvroge, kille, Klipse, Kleuder, kommlich, Kone, Leibfall, Leuchse, Ludellerche, Mannsen, Melkter, Momber, Musterherr, Muttich, Pinge, Qualster, Quarre, Quappel, reuen, Ritscher, Sanduhrstein, Tschinke, Übersatz, Watschar, Wurstgraben, Zerte, Zeute, Zust.

So manches Wort werden wir bald vermissen, weil es heute schon selten erklingt, wie Anmut, Base, Belletage, betrübt, dämmern, Demut, entschwinden, entzückt, gefeit sein, Flegel, Gabelfrühstück, Göre, Herrenzimmer, Hochpaterre, Hupfdohle, intim werden, kredenzen, Lameng (aus der Lameng), Lichtspielhaus, lind, Mündel, Obacht, Ober (Ober, bringse noch’n Bier), Oheim, Philister, Plage, Plumpe, prellen, Racker, Ränke, reuen, rühmenswert, Rüstung, schwirren, schnauben, übertölpeln, Wählscheibe, Zecke, Zinne, Zuchthaus, Zugehfrau, Zwielicht, Zwist.

Dazu kommen noch die Wörter, über die wir froh sein werden, wenn sie verloren sind (diese Wörter notiere sich der Leser selbst).

Dienstag, 7. August 2012

Der größte Reichtum eines Schriftstellers: Der Wortschatz (oder auch Sprachschatz)


Wörter bilden die Perlenschnur, auf der wir unsere Erfahrungen aufreihen.
(Aldous Huxley, The Olive Tree, 1937, S. 84)
Das richtige Wort am richtigen Ort, das ist die wahre Definition von  Stil.
(Jonathan Swift, A Letter to a Young Clergyman, &c.)

»Wir packen einen viel kleineren Wortschatz als unsere Großeltern in viel dürftigere Sätze; unser Umgang mit Wörtern ist lax, geringschätzend oder lümmelhaft. Nur zwei Minderheiten wissen noch, was sie an der Sprache haben: die einflussarme Minorität der Liebhaber und die einflussreiche Minorität der Manipulierer.« (Wolf Schneider, Wörter machen Leute: Magie und Macht der Sprache, 1976, S. 314)

Der passive Wortschatz

Über die am häufigsten gebrauchten Wörter

Kennen Sie die am häufigsten gebrauchten Wörter? Laut dem Wortschatz Leipzig aus dem Jahr 2001 sind das vor allem außer dem Bindewort und natürlich (natürlich, weil es vor allem in Gedichten viel zu oft benutzt wird) die Artikel, die Pronomen und die Ableitungen von Hilfsverben wie sein und haben. Doch wussten Sie, dass sich bereits an 17. Stelle eine Verneinung findet: nicht (an 88. Stelle keine, das Wort ja erscheint dagegen erst an 240. Stelle), und dass das meist benutzte Substantiv das Wort Prozent ist (63), gefolgt von Jahr (82) und Uhr (89)? Merkwürdigerweise folgt das Wetter erst auf dem 2705. Platz, obwohl es mit das Wichtigste ist, was den Menschen interessiert. Als Zahlwörter finden wir auf Platz 83 zwei (die eins erst auf Platz 2045) und auf Platz 97 Millionen (zehn auf Platz 237 und hundert auf Platz 1244). Abgeschlagen erscheint an hundertster Stelle das erste Verb – sagte.

Tröstlich (nicht auf der Liste, aber zumindest als Trost auf Platz 6076) ist, dass sich unter den ersten hundert Wörtern kein Adjektiv findet (schön zum Beispiel erscheint erst auf Platz 1426), weniger tröstlich, dass sieben Prozent (von den ersten hundert) die Füllwörter auch, dann, immer, noch, nur und schon sind. Tröstlich ist auch, dass das Buch (543) und die Literatur (1446) häufiger gebraucht werden als der Bundeskanzler (1509), und dass lesen und Verlag gleich danach auf Platz 1512 beziehungsweise 1517 folgen (das Wort schreiben auf Platz 1569). Die Schriftsteller erscheinen dagegen erst auf Platz 1802, die Autoren auf Platz 1944 (zum Glück (1130) jedoch vor dem Fußball auf Platz 1949, dem Weltmeister und der WM auf Platz 2824 beziehungsweise 2866 und weit abgeschlagen Olympia auf Platz 5259).

Das erste etwas ungewöhnlichere Wort Motto steht auf Platz 1564. Auf Platz 1633 findet sich das Engagement, auf Platz 5075 die Sehnsucht, auf Platz 5519 der Rhythmus (der Klang wiederum erst auf Platz 7693), auf Platz 6627 daheim und auf Platz der Hauch 7666. Erstaunlicher Weise erscheint erst auf Platz 1661 das Wort Gott. Die Menschenrechte folgen noch viel später auf dem 3176., der Umweltschutz und ökologisch auf dem 3449. beziehungsweise 5568. Platz.

Schade (Platz 7555). Hoffentlich (8753) hat (2) sich (10) der (1) Gebrauch (3676) von (6) Wörtern (7872) – von Worten (1006) mag (822) ich (79) gar (255) nicht (17) erst (167) reden (1319) – sprechen wird (32) sogar (249) häufiger (2964) gebraucht (3584) als reden, es (23) erscheint (1045) nämlich (448) an 843. Stelle (692), das Wort dämlich wiederum (1127) steht (192) allerdings (713) nicht auf (12) der Liste (1032) – inzwischen (1711) geändert (1620) und (3) wir (77) finden (318) erfreulicher (8779) Weise (654) auch (22) ungewöhnlichere (4316) Wörter (7872) unter (76) den (5) ersten (131) zehntausend (8611 = Zehntausende). Nur (50) befürchte (2498) ich leider (1697) das (8) Gegenteil (1844).

Wörter wie dämmern, Geflecht, harsch, hegen, galant, grazil, prellen, Ränke, übertölpeln, ehren, Zwielicht und Joseph von Eichendorffs geliebtes Rauschen sind in der Liste nicht aufgeführt (siehe zu Rauschen Stil ist wie ein Fingerabdruck http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2009/04/stil-ist-wie-ein-fingerabdruck.html).

Haben Sie diese Wörter in letzter Zeit benutzt? Nein? Nun, das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass der Gesamtwortbestand des Deutschen, wenn man den Fachwortschatz hinzurechnet, auf mehrere Millionen Wörter geschätzt wird, der Linguist Theodor Lewandowski spricht sogar von fünf bis zehn Millionen. Allerdings besteht allein die Sprache der Chemie aus rund zwanzig Millionen Fachbegriffen … Wahrigs Deutsches Wörterbuch umfasst an die 260.000 Stichworte. Dazu gehören die Wörter, mit denen man sich ausdrückt und denkt (aktiver Wortschatz), und die, mit denen man Äußerungen anderer versteht (passiver Wortschatz). Der passive Wortschatz umfasst sogar rund 500.000 Wörter, was aber nicht bedeutet, dass sie jeder kennt.

Der aktive Wortschatz


Ein schlauer Kopf hat ausgerechnet, dass der Durchschnittsdeutsche in seinem Leben an die 300 Millionen Wörter spricht. Er kennt rund 75.000 Wörter, mit denen er Äußerungen anderer versteht, benutzt aber meist nur bis zu 5.000 Wörter, bei Menschen, die mit Sprache umgehen, sind es weitaus mehr. Doch bereits mit den 2.000 häufigsten Wörtern wird man verstanden, wie Helmut Walther, Berater bei der Gesellschaft für deutsche Sprache, festgestellt hat. Um die BILD lesen zu können, reichen angeblich sogar nur achthundert Wörter. Der frühere Bundeskanzler Konrad Adenauer hat mit rund fünfhundert Wörtern so gesprochen, dass ihn jeder verstanden hat, denn: »Je einfacher denken, iss oft eine jute Jabe Jottes«, wie er bei einer Rede vor Industriellen gesagt haben soll. Sein Wortschatz soll nicht mehr als eintausend Wörter umfasst haben.

Je mehr Wörter einem Schriftsteller intuitiv einfallen, um so besser kann er sich ausdrücken. Es kommt nicht nur auf den Sachverstand in Bezug auf ein Thema an, sondern vor allem auf die Sprachkraft. Außerdem erspart er sich viel Zeit, weil er nicht dauernd ins Synonymwörterbuch gucken muss. Wobei es im Grunde keine Synonyme gibt, denn jedes Wort hat seine eigene Bedeutung. Er kann jedoch für das, was er sagen möchte, unter verschiedenen Begriffen wählen. Die Auswahl hängt vom Text ab, vom Zusammenhang, in dem das Wort steht, und von der Sprachschicht. Gesicht zum Beispiel sagt etwas anderes aus als Antlitz oder Visage. Sie bedeuten das gleiche, gehören jedoch anderen Sprachschichten an. In einem poetischen Text darf man Antlitz schreiben, aber nicht in einem Roman; und Visage als Schimpfwort höchstens in einem Dialog oder inneren Monolog. Auch Haupt gehört eher der Dichtersprache an.

Wenn ein Schriftsteller die Nuancen zwischen Wörtern nicht erkennt, also das einzige richtige Wort in einem bestimmten Zusammenhang, nutzt ihm jedoch der größte Sprachschatz nichts.

 

Über Bruch, Fenn, Lache, Marsch und Matsch


Viele Ausdrücke bezeichnen etwas, das, wie Aristoteles sagt, den Menschen von den Tieren und Göttern unterscheidet, das ihn verzaubert, das ihn einzigartig macht und soviel in seinem Gegenüber bewirkt: das Lachen. Warum wird in Romanen dauernd gegrinst? Warum wird nicht gelächelt, geschmunzelt, gekichert, gegackert, gefeixt, gegrient, gejuchzt, gegluckt, gewiehert, jubiliert, gejubelt, gejauchzt, frohlockt, umjubelt, bejubelt? Warum amüsiert sich so selten jemand, erheitert oder ergötzt sich, lacht sich schief oder kaputt? Wenn Sie solche Wörter wählen, werden ich Sie anlächeln oder anlachen, Ihnen zulächeln, ach was, ich werde Ihnen zujubeln. Ich werde mich nicht lustig machen über Sie, Sie auch nicht auf den Arm oder auf die Rolle nehmen, verulken, veräppeln, veralbern, verhohnepipeln, verhöhnen, foppen, vergackeiern, auslachen, verspotten, verarschen, verscheißern, hänseln. Ich werde nicht höhnen, frotzeln, blödeln, spotten, spötteln.

Wenn Sie mit Ihrem epochalen, brillanten Roman nicht vorankommen, keine zündende Idee, keinen mitreißenden Anfang und keinen herzbewegenden Schluss finden, verzweifelt nach dem einen treffenden Wort oder der kühnen Metapher suchen oder Ihre Lektorin Sie ärgert, werden Sie sich härmen oder kränken, gar leiden, trauern und schließlich verzagen, ja, verzweifeln. Sie werden besorgt, betrübt, kummervoll, sorgenvoll, niedergedrückt, niedergeschlagen, trübselig, ach, todunglücklich sein und Schmerz erdulden, erleiden.

Noch einige Beispiele gefällig?

Ihr Held wohnt in einer Kate, Villa, Doppelhaushälfte, in einem Reihenhaus, Palast, Bungalow, Plattenbau, Blockhaus, ausgebauten Dachgeschoss, Loft, Apartment, Schuhkarton, Wohnklo oder in einer Vier-Zimmer-Wohnung. Er wird nicht blass, als er die Bruchbude erblickt, die er gerade ersteigert hat, sondern aschfahl, bleich, kreideweiß, kalkweiß, totenblass, totenbleich, leichenblass, fahl, weiß wie ein Gespenst oder weiß wie eine Leiche. Überhaupt: Was bedeutet das nichtssagende groß bei der Beschreibung eines Hauses? Ist es breit, geräumig, hoch, lang gestreckt, mehrstöckig, verwinkelt, wuchtig?

Er redet, sagt, artikuliert, offenbart, behauptet, erwähnt, äußert, bekundet, versichert, berichtet, erzählt, informiert, plaudert, plaudert aus, deutet an, drückt aus, teilt mit, stellt dar, stellt fest, spricht, spricht aus, spricht sich aus, gibt bekannt, bringt vor. Er ergreift, erhebt das Wort, es entschlüpft ihm. – Auseinandergerissene Verben wie stellt dar sollten Sie jedoch vermeiden. – Wenn er denkt, denkt er dann wirklich nach, denkt er also etwas, was zuvor schon gedacht wurde, oder etwas bisher noch nicht Erwähntes? Denkt er oder sinnt er, grübelt er oder erwägt er etwas?

Das Kotelett wird geschlungen, hinabgewürgt, hineingestopft, gemampft, gefuttert, reingehauen, verzehrt, verspeist, genossen, der Bauch wird sich damit vollgeschlagen, oder es wird – gegessen.

Ist das, was Ihrer Heldin den Hut vom Kopf reißt, tatsächlich der Wind? Ist es nicht eher ein Lüftchen, Luftzug, Windhauch, Windstoß, eine Brise, Böe, ein Föhn, Passat, Schirokko, Fallwind, Sandsturm, Sturmwind, Sturm, Wirbelwind, eine Windhose, ein Orkan, Taifun, Tornado, Twister oder Hurrikan? (Geben Sie Hurrikans jedoch nur reale Namen wie Andrew, wenn Ihre Geschichte zu der Zeit und in der Gegend spielt, wo er wütete.)

Wer geboren worden ist, kann zur Welt gekommen sein oder das Licht der Welt erblickt haben. Er kann ein Leben fristen oder ein Dasein führen. Man kann anfangen oder beginnen, aufhören oder enden.

Über einen Weg wird gebummelt, gelatscht, gestakst, gestapft, gestampft, gestiefelt, getrottet, gewandert, gelaufen – oder einfach gegangen; das Rad rollt, rotiert, holpert, eiert, quietscht, rattert, rumpelt, gleitet.

Wussten Sie, dass Sie für zerkleinern unter über fünfzig verschiedenen Ausdrücken wählen können?
Auseinander rupfen, ausmahlen, brechen, durchbrechen, durchdrücken, durchschlagen, durchseihen, durch den Fleischwolf drehen, durchs Sieb treiben, hacken, klein machen, klein schlagen, klein schneiden, mahlen, passieren, pulverisieren, raffeln, raspeln, reiben, schaben, schaumig rühren, schnetzeln, schnitzeln, schroten, sieben, spalten, stampfen, stückeln, verquirlen, verreiben, verrühren, zerbröckeln, zerbröseln, zerdrücken, zerhacken, zerknicken, zerkrümeln, zerlegen, zermahlen, zermalmen, zerspalten, zersplittern, zerquetschen, zerrupfen, zerschlagen, zerschneiden, zerstampfen, zerstoßen, zerstückeln, zerzupfen.
Warum muss alles immer schwarz oder weiß sein? Warum nicht tiefschwarz, kohlenschwarz , kohlrabenschwarz, pechrabenschwarz, lackschwarz, pechschwarz, rabenschwarz, schwarz wie Ebenholz, schwarz wie die Nacht, schwärzlich, nachtfarben, rußfarben, kolkrabenschwarz, samtschwarz oder eher blauschwarz? Warum nicht blütenweiß, perlweiß, schneeweiß, reinweiß, weiß wie die Wand oder eher wollweiß? Und wie oft müssen wir Sumpf lesen statt Bruch, Fenn, Lache, Marsch, Matsch, Modder, Moor, Morast, Pfuhl, Ried, Schlamm, Schlick oder Watt. Wie einfallslos.

Eine Faustregel

Wörtern aus dem aktiven Sprachschatz haben den Vorteil, dass sie jeder kennt, und den Nachteil, dass sie oft abgedroschen sind. Laut einer Faustregel sollte ein Autor deshalb zwei Drittel allgemeinverständliche Wörter (aktiver Wortschatz) und ein Drittel eher ungewöhnliche (also solche aus dem passiven Wortschatz) schreiben, damit sein Text nicht zu langweilig wirkt. Allerdings sollten diese Wörter nicht zu sehr vom Durchschnittsdeutsch abweichen, damit der Leser nicht dauernd im Duden nachschlagen muss. Denn, wie sagt Julius Caesar so schön: »Meide jedes selten gehörte Wort wie ein Riff« (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2012/08/zitat-des-tages-caesar-uber-worter-die.html), und Stephen King schreibt in Das Leben und das Schreiben:
Eines der schlimmsten Dinge, die man der eigenen Sprache antun kann, ist, das Vokabular schön herauszuputzen und nach komplizierten Wörtern zu suchen, nur weil man sich ein bisschen für die vielen einfachen schämt. Das ist so, als würde man ein Schoßhündchen in eine Abendrobe stecken. Dem Schoßhündchen ist es peinlich, und dem Menschen, der diese vorsätzliche Verniedlichung begeht, sollte es noch viel peinlicher sein. (S. 127)

Doch wie erwirbt man einen großen Sprachschatz?

Es genügt nicht, den Wortschatz zu pflegen und die Grammatik zu beherrschen. Also: Entwickeln wir mit! Halten wir die Sprache lebendig! Treten wir ihrer Verarmung und Verschandelung entgegen, und hören wir auf, vor jedem modischen Unfug in die Knie zu gehen. (Wolf Schneider in der Zeit)
Der Schriftsteller webt kein Netz aus Wörtern, die aus Konsonanten und Vokalen bestehen, um den Leser zu angeln, wie manche glauben. Das wäre zu einfach, denn dann genügten wirklich zweitausend Wörter. Nein, er muss seine Sprachkompetenz immer wieder verbessern, denn selbst mit zehntausend Wörtern wird er seiner  Sprache nicht genug Farbe verleihen und so bildhaft schreiben, dass er Gefühle im Leser hervorruft.

Martin Luther bereicherte unsere Sprache mit zahllosen neuen Wörtern wie Herzeleid, Feuereifer, friedfertig, Herzenslust, Lästermaul, Machtwort, Morgenland, Sündenbock, und mit Redewendungen wie Auge um Auge, Zahn um Zahn, sein Leid in sich hineinfressen und Ehre wem Ehre gebührt, indem er für seine Bibelübersetzung »die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drump« fragte und »denselbigen auf das Maul (sah), wie sie reden« (Sendbrief vom Dolmetschen, S. 110) Notieren Sie also auch beim Fernsehen, beim Lesen, beim Zuhören Wörter, die ungewohnt sind oder die Sie nicht kennen. Streichen Sie in Wörterbüchern Wörter an, die Sie seit Jahren nicht benutzt haben.

Und wieder mal der berühmte Rat: Lesen Lesen Lesen

Mark Twain sagt dazu: »Große Macht hat das richtige Wort. (…)  Immer, wenn wir auf eines dieser eindringlichen, treffenden Worte in einem Buch oder einer Zeitschrift stoßen, ist die Wirkung schlagartig physisch, geistig und elektrisierend: Es kribbelt überaus angenehm im Mund und schmeckt so herb und frisch und gut wie Herbst-Butter in einer Creme aus Sumach-Beeren.« (http://www.huffingtonpost.com/patricia-benesh/mark-twains-discourse-a-t_b_772701.html)

Seinen Wortschatz erwirbt man beim Lesen und Hören; wie sehr man ihn ausbaut, hängt davon ab, wie sehr man die Sprache und den sorgfältigen Sprachgebrauch liebt, ob man sich an treffenden, klangvollen, ungewöhnlichen Wörtern und gelungenen Formulierungen begeistert, aber auch von der Freude an Trends und Moden wie Jugendsprache und Kiezdeutsch, am Dialekt und Jargon sowie am Spiel mit der Sprache und am Sprachwitz.

Lesen Sie also alles, was Ihnen in die Finger fällt: Texte aus allen Epochen, auch antiken, romantische, moderne, Sach- und Fachbeiträge. Es wird empfohlen, William Shakespeare, Fjodor Dostojewski, Herman Melville, Ernest Hemingway, John Steinbeck oder Voltaire zu lesen, weil deren Werke Fundgruben für brillante Wörter seien. Allerdings setzt das Übersetzer voraus, die zumindest über einen ebenso großen Wortschatz verfügen wie diese Autoren. John Irvings Romane zum Beispiel wirken nur in der Übersetzung von Nikolas Stingl. James Joyce lernte wegen der schlechten Übersetzungen extra Norwegisch, um Henrik Ibsen im Original lesen zu können.

Schauen Sie also einfach mal bei Johann Wolfgang von Goethe rein, dessen aktiver Wortschatz circa 92.000 Wörter umfasst. Wenn Ihnen die Lektüre zu schwierig ist, dann lesen Sie zumindest seine Gedichte, die in ihrer Einfachheit so kunstvoll sind, oder schauen Sie ins Goethe-Wörterbuch. Studieren Sie das Grimm’sche Wörterbuch, das rund 350.000 Stichwörter umfasst, um vergessene und unbekannte Wörter in Ihr sprachliches Bewusstsein (zurück-)zurufen, oder stöbern Sie im Gutenbergprojekt, der Literaturdatenbank mit 1800 Romanen, Erzählungen, Novellen und 6300 Märchen, Fabeln und Sagen.

Saugen Sie jedes neue Wort auf wie ein Schwamm.

Mit der Zeit werden Sie auf solch einen gewaltigen Sprachfundus zurückgreifen können, dass Ihr Leser gebannt Ihren Worten lauscht. Aber benutzen Sie ungewöhnliche Worte auch hin und wieder im Alltag, damit Sie diese Wörter nicht wieder vergessen. (Falls Sie sich in meinen Blogbeiträgen über ungewöhnliche Ausdrücke gewundert haben, dann wissen Sie nun, weshalb.)

Aus Schriftstellers Schreibstübchen


Goethes Sprachschatz in seinem literarischen Werk umfasst, wie erwähnt, rund 92.000 wissenschaftlich beglaubigte Wörter, wobei er viele Einzelwörter kombiniert wie jünglingsfrisch und freudehell in Mahomets Gesang und in Briefen an Carl Friedrich Zelter Scheitholzflößanarchie und Weltgeschichtsinventarienstück. Im Faust schreibt er 2.200 einfache Wörter und etwa 1.200 Zusammensetzungen wie Fettbauch-Krummbein-Schelm (womit er die Pygmäen charakterisiert, auweia), Flügelflatterschlagen und Fratzengeisterspiel. Der Wortschatz in seinen Briefen, Tagebüchern und naturwissenschaftlichen Schriften usw. umfasst noch einmal 1,2 Millionen Wörter. Damit dürfte er den größten Wortschatz weltweit haben. Dabei  machen Einmalwörter fast die Hälfte, die Wörter, die er ein- bis dreimal gebraucht, rund Zweidrittel seines Wortschatzes aus (mehr dazu siehe Goethes Wortschatz und Semantik in nuce http://www1.uni-hamburg.de/goethe-woerterbuch/goethe_wortschatz.html)

Andererseits fehlen in dem Wortschatz eines so wortmächtigen Dichters Grundwörter wie flennen, fletschen, flicken, Flieder, Florett und Flunder.

Der wortmächtigste englische Dichter, William Shakespeare, benutzt dagegen nur 29.000 (nach anderer Quelle 34.000 Wörter. Henrik Ibsen verwendet 27.000, Alexander Puschkin 21.200, John Milton 12.500 und Miguel de Cervantes 12.400 Wörter. Selbst Martin Luther  verwendet nur 23.000 Wörter, das sind fast ebenso viele Wörter wie Theodor Storm (dessen Briefe warum auch immer nicht eingerechnet). Friedrich Schillers Wortschatz wird auf 30.000 Wörter geschätzt.

Und wie hoch ist Ihr Sprachschatz zur Zeit? Im Internet gibt es kostenlose Concordance-Programme zur Erstellung von Wortlisten wie http://kostenlose.rbytes.net/simple-concordance_download/, ich kann es aber nicht beurteilen, weil es das Programm nur für Windows gibt. Ich selbst benutze ein ururaltes, das längst vom Markt verschwunden ist.

Sonntag, 15. Juli 2012

Wieso kommt es … (Karl Kraus über eine falsche Wendung)

daß die wenigsten Leute wissen, daß diese Wendung falsch ist? Weil sie sie nicht hören und vor allem nicht sehen können. Sie fragen dann vielleicht, »wieso es möglich ist«, eine Wendung zu sehen. Nichts ist unmöglicher als diese und nichts, als eine zu sehen, wenn es einem nicht gegeben ist. Wie es möglich ist, hier Klarheit zu schaffen, und wie es kommt, daß man sie dann hat, kann aber selbst der sehen, dem es sonst nicht gegeben ist. Der Vorgang des Kommens ist im »Wieso« bereits enthalten, und die Wendung ist ein inveterierter Pleonasmus wie ein alter Greis. Ich kann einer Erzählung mit »Wieso?« oder mit »Wie kommt es?« begegnen. Dieses »kommt« ist nur ein »wird«. »Wieso wird es« würde aber nicht bedeuten: auf welche Art wird es, entwickelt es sich so, geschieht es, sondern: durch welches Geheimnis der Schöpfung, aus welchem Ursprung wird es, entsteht es. Nur ein »kommen« im Sinne der Bewegung, des Entstehens ist mit »Wieso« zu verbinden. Wieso kommt einem ein Gedanke, ein Gefühl. »Wieso kommst du jetzt (da du nicht kommen solltest)?« Jedoch: »Wie ist es möglich, daß du jetzt kommst? Wie kannst du jetzt kommen?« »Ich kann es.« »Wieso (kannst du)?« »Es ist möglich.« »Wieso (ist es möglich)?« (Da es doch unmöglich scheint.) Wieso kommst du = Wie kommt es, daß du kommst. Wie es aber kommt, daß die wenigsten Leute wissen, wie man zu sprechen hat? Weil sie, was sie nicht wissen, von denen gelernt haben, die nicht schreiben können. Man kann getrost jede Wette eingehen, daß die gefeiertsten Romanschriftsteller den Unterschied nicht wahrnehmen und nicht etwa dort, wo sie die Leute reden lassen, »wieso« diesen der Schnabel gewachsen ist; sondern daß sie schon ganz von selbst nicht wissen, wie man schreibt. Die meisten von ihnen haben's von jeher nicht gewußt, und die übrigen haben »daran« vergessen.

Karl Kraus

(Zur Sprachlehre. In Die Fackel 1921, S. 61)

Freitag, 15. Juni 2012

Jede Menge Wider-Worte


In dieser Wortliste sind 428 Wider-Wörter. Zwar sind eine ganze Menge Fachbegriffe dabei, aber ich wusste nicht, wo ich die Grenzen der Wörtersammlung ziehen sollte. Allzu veraltete Wörter aus dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&hitlist=&patternlist=&lemid=GW19961) habe ich nicht aufgenommen, weil sie zu ungebräuchlich sind, dafür einige aus dem Wörterbuch der deutschen Sprache. Veranstaltet und herausgegeben von Joachim Heinrich Campe, 1811, S. 699 ff.). Besonders danke ich den Nutzern von Google-Suche für ihre Suchanfragen, ohne die ich viele Wörter nicht gefunden hätte.

anwidern
dawider
dawiderhandeln / Dawiderhandlung
dawiderreden
erwidern / Erwiderung
unwiderlegbar / Unwiderlegbarkeit / unwiderleglich / Unwiderleglichkeit
unwiderufbar / Unwiderufbarkeit / unwiderruflich / Unwiderruflichkeit
unwidersprechlich
unwidersprochen
unwiderstehlich / Unwiderstehlichkeit
widerächten
widerartig / Widerartigkeit
widerbellen
widerborstig / Widerborstigkeit
Widerchrist
Widerdruck / widerdrücken
widereinander
widereinanderstoßen
widerfahren / Widerfahrnis / widerfährt / Widerfahrung
widerfechten / Widerfechter / Widerfechtung
Widergang
widergesetzlich
Widerhaken
Widerhall / widerhallen
Widerhalt / widerhalten / widerhaltig
Widerhandeln / Widerhandlung
widerhelfen / Widerhelfer
Widerkampf / widerkämpfen
Widerklage / Widerkläger / Widerklägerin
Widerklang / widerklingen
Widerlage
Widerlager / widerlagernd
widerlegbar / widerlegen / Widerleger / Widerlegerin / Widerlegung
widerlich / Widerlichkeit
Widerling
widermenschlich / Widermenschlichkeit
widern
widernatürlich / Widernatürlichkeit
Widerpart
Widerprall / widerprallen
widerraten
widerrechtlich / Widerrechtlichkeit
Widerrede / widerreden
widerrief
Widerrist / Widerristfistel / Widerristhöhe / Widerristmaß / Widerristmesser
Widerruf / widerrufen / widerruflich
Widerruflichkeit
Widerrufsbelehrung / Widerrufserklärung / Widerrufsrecht / Widerrufsvergleich / Widerrufsvorbehalt / Widerrufung / Widerrufzeichen
Widersacher / Widersacherin
widersagen / Widersagung
Widersatz
Widerschall / widerschallen / widerscholl
Widerschein / widerscheinen
Widersee
widersetzen / Widersetzer / Widersetzerin
widersetzlich / Widersetzlichkeit
Widersinn / widersinnig
Widersinniges / Widersinnigkeit
widerspenstig / Widerspenstigkeit
widerspiegeln / Widerspiegelung / Widerspiegelungstheorie
Widerspiel
Widerspitze
widersprach / Widersprache /
widersprechen / Widersprecher / Widersprecherin /
widersprechlich / Widersprechlichkeit
Widersprechung / Widersprechungssucht
widersprochen
Widerspruch
widersprüchlich
Widerspruchsbescheid / Widerspruchsfrist / Widerspruchsgeist / Widerspruchslösung / Widerspruchsschreiben / Widerspruchsverfahren
widerspruchsvoll
Widerstand / Widerstände
Widerstandsband
Widerstandsbank
Widerstandsbaum
Widerstandsbeiwert
Widerstandsbelag
Widerstandsberechnung
Widerstandsbereich
Widerstandsbestimmung
Widerstandsbewegung
Widerstandsbiegemoment
Widerstandsbrücke / Widerstandsbrückenschaltung
Widerstandscode
Widerstandserkennung
widerstandsfähig / Widerstandsfähigkeit
Widerstandsfarbcode / Widerstandsfarbe / Widerstandsfarbkodierung / Widerstandsfarbringe
Widerstandsfolie
Widerstandsform
Widerstandsformel
Widerstandsforscher / Widerstandsforschung
Widerstandsfühler
Widerstandsfunktion
Widerstandsgabe
Widerstandsgefäß
Widerstandsgerade
Widerstandsgerät
Widerstandsgesetz
Widerstandsgrad
Widerstandsgröße
Widerstandsgruppe
Widerstandshalter
Widerstandshartlöten
Widerstandsheizung
Widerstandshochburg
Widerstandshochdruck
Widerstandshose
Widerstandshypertonie
Widerstandsindex
Widerstandskampf / Widerstandskämpfer / Widerstandskämpferin
Widerstandskennlinie
Widerstandskennung
Widerstandsklasse
Widerstandsklemme
Widerstandskoeffizient
Widerstandslack
Widerstandslast
Widerstandsläufer
Widerstandslegierung
Widerstandsleistung
Widerstandsleiter / Widerstandsleitung
Widerstandslied
Widerstandslinie
Widerstandsliste
Widerstandsliteratur
widerstandslos / Widerstandslosigkeit
Widerstandsmaterial
Widerstandsmatrix
Widerstandsmessbrücke / Widerstandsmesser / Widerstandsmessfühler / Widerstandsmessgerät / Widerstandsmessprinzip / Widerstandsmessung / Widerstandsmessverfahren
Widerstandsmetall
Widerstandsmoment
Widerstandsmotor
Widerstandsmuseum
Widerstandsnest
Widerstandsnetzwerk
Widerstandsnorm / Widerstandsnormale / Widerstandsnormreihe
Widerstandsofen
Widerstandsoperator
Widerstandsorganisation
Widerstandsparagraph
Widerstandspaste
Widerstandspflicht
Widerstandspolare
Widerstandsprinzip
Widerstandsprüfer / Widerstandsprüfung
Widerstandsrat
Widerstandsrauschen
Widerstandsrechner
Widerstandsrecht
Widerstandsreihe
Widerstandsressourcen
Widerstandsschaltung
Widerstandsschweißanlagen / Widerstandsschweißmaschinen / Widerstandsschweißtechnik
Widerstandssensoren
Widerstandssonde
Widerstandssortiment
Widerstandssprungssonde
Widerstandsstange
Widerstandsstecker
Widerstandssteuerung
Widerstandsstrategie
Widerstandsstufe
Widerstandstabelle
Widerstandsteiler
Widerstandsthermometer
Widerstandstraining
Widerstandstransformation
Widerstandstypen
Widerstandsuhr
widerstandsunfähig / Widerstandsunfähigkeit
Widerstandswandler
Widerstandsweg
Widerstandswerkstoff
Widerstandswert
Widerstandswille
Widerstandswürfel
Widerstandszahl
Widerstandszeit / Widerstandszeitwert
Widerstandszelle
Widerstandszentrum
Widerstandszone
widerstehen / widerstehlich
Widerstoß
Widerstrahl / widerstrahlen
widerstreben / Widerstreber / Widerstreberin
Widerstreich
Widerstreit / widerstreiten / Widerstreiter / Widerstreiterin
Widerstrom
widerstünde
Widerstützen
Widerton
Widertonmoos
widertreiben
Widerwart
widerwärtig / Widerwärtige, das / Widerwärtigkeit / widerwärts
Widerwille / Widerwillen / widerwillig / Widerwilligkeit
Widerwind
Widerwort / Widerwörter
zuwider
zuwiderhalten
zuwiderhandeln / Zuwiderhandelnde / Zuwiderhandelnder / Zuwiderhandlung
zuwiderlaufen

Mittwoch, 13. Juni 2012

Ein Waldspaziergang (Über die Bedeutung von Wörtern)


Stellen Sie sich vor, Sie spazieren mit sechs Freunden an einem Herbstnachmittag durch einen Wald. Sie schauen Ihre Begleiter an, atmen tief ein voll Glück, dass Sie mit Gleichgesinnten zusammen sein dürfen. Das ist ganz und gar nicht selbstverständlich heutzutage, überlegen Sie und schlucken ein bisschen und wischen sich ein Tränchen aus dem Auge.

Sieben Freunde spazieren also durch den denselben Wald. Nur: Der eine schätzt, wie viel Klafter Holz er ergibt und errechnet den Gewinn, der zweite bestimmt die Baum- und Pflanzenarten und freut sich über ein seltenes Exemplar, der dritte schaut nach Pilzen und Blaubeeren aus und kocht in Gedanken das Abendessen, der vierte beklagt den sauren Regen, der fünfte bewundert die Krabbeltiere auf einem Ameisenhaufen und lauscht dem Hämmern eines Spechts, dem sechsten ist der Wald halt ein Wald, an dem er sich erfreut, und der siebte ist wie immer voller Worte und schreibt in Gedanken ein Gedicht. Sieben Freunde spazieren durch den Wald und sind Kaufmann, Botaniker, Koch, Umweltschützer, Zoologe, einfach Mensch – hier darf er’s sein – und Dichter. Vielleicht ist der eine auch ein Patriot, der den deutschen Wald besingt, und der andere ein Griesgram, der mit finsterer Miene durch den Wald stolpert, weil er lieber in der Kneipe säße.

Oder das: Sie besichtigen mit einem Freund Kloster Melk in der Wachau. Bei einem Mauerdurchbruch, der den Rahmen für eine eindrucksvolle Aussicht auf die Donau bilden würde, jammern Sie darüber, dass Sie Ihren Fotoapparat vergessen haben. Ihr Freund aber sieht ‘nur' die Straße, die sich an der Donau entlang schlängelt – und vermisst sein Fahrrad.

Sprache ist immer symbolisch. So alltägliche Wörter wie Wald sind nur ein Hinweis auf einen Gegenstand. Auch bei Mutter und Vater weiß jeder, wovon die Rede ist. Doch letztlich hängt der Sinn eines Wortes von unseren Erfahrungen ab.  Was der eine mit einem Gefühl tiefer Geborgenheit verbindet, bedeutet für den anderen lebenslange Kränkung. Denn jeder Mensch sieht die Welt mit seinen eigenen Augen, hat seine eigene Sicht der Dinge, sein persönliche Deutung von Wörtern. Beim Lesen wählen wir aus, wessen wir gerade bedürfen, Trost oder Ansporn, Frage oder Antwort, Vertrautes oder Rätselhaftes.

Sprache sagt nicht aus, was ist und wie die Welt ist, sie bildet nicht die Wirklichkeit ab, sondern unsere besondere Art, sie wahrzunehmen, und auszuwählen, was wir für nennenswert halten. Nicht umsonst spricht man von Weltanschauung und Weltbild (mehr zu den beiden Begriffen siehe Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. 28, Sp. 1531 ff.)

Und genau aus diesem Grund sind Interpretationen des eigenen Textes meist nicht möglich. Denn ebenso wie der Autor seine Weltanschauung einbringt, bringt der Leser seine Denkweise ein. Er entnimmt ihm seine eigene Wahrheit, anders, als der Autor geplant hatte. 

Montag, 28. Mai 2012

Oscar Wilde über die Sprache, das Wort und Kritik

Die Griechen haben uns das Verfahren der Kunstkritik überliefert, und wie fein ihr kritischer Instinkt entwickelt war, vermögen wir aus dem Tatbestand zu schließen, dass das Material, das sie mit großer Sorgfalt beurteilten, ich habe es bereits betont, die Sprache war. Denn das Material, mit dem der Maler oder der Bildhauer umgeht, ist im Vergleich zum Wort ausdruckslos. Nicht nur besitzen die Worte Musik, so süß wie die Viola und die Laute, Farben so reich und lebendig wie nur irgendeine, die die Leinwand der Venezianer und Spanier für uns so wundervoll macht, und plastische Form, nicht weniger fest und bestimmt als jene, die sich in Marmor oder Bronze enthüllt, sondern auch Idee, Leidenschaft und Geistigkeit sind ihnen zu eigen, sind ihnen fürwahr allein zu eigen. Hätten die Griechen lediglich eine Kritik der Sprache hervorgebracht, sie wären allein deswegen die größten Kunstkritiker der Welt. Die Prinzipien der höchsten Kunst kennen, bedeutet soviel wie die Prinzipien aller Künste kennen.

Oscar Wilde

(Der Kritiker als Künstler: Mit einigen Anmerkungen über den Wert des Nichtstuns. Ein Dialog, Teil I. http://www.besuche-oscar-wilde.de/werke/deutsch/essays/der_kritiker_1.htm

It is the Greeks who have given us the whole system of art-criticism, and how fine their critical instinct was, may be seen from the fact that the material they criticised with most care was, as I have already said, language. For the material that painter or sculptor uses is meagre in comparison with that of words. Words have not merely music as sweet as that of viol and lute, colour as rich and vivid as any that makes lovely for us the canvas of the Venetian or the Spaniard, and plastic form no less sure and certain than that which reveals itself in marble or in bronze, but thought and passion and spirituality are theirs also, are theirs indeed alone. If the Greeks had criticised nothing but language, they would still have been the great art-critics of the world. To know the principles of the highest art is to know the principles of all the arts.

(The Critic as Artist: With Some Remarks Upon The Importance of Doing Nothing. An Essay by Oscar Wilde http://www.readbookonline.net/readOnLine/480/)