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Samstag, 30. April 2011

Horaz' Schreibtipps. VIII

Ein Dichterwerk sei schön, sei fehlerfrei,
dies ist sehr viel, allein noch nicht genug;
um zu gefallen, sei es lieblich auch*,
und stehle sich ins Herz des Hörers ein,
um, was der Dichter will, aus ihm zu machen.

*Non satis est pulcra esse poemata, dulcia sunto. Unter pulcra versteht Horaz hier ohne Zweifel fehlerlos, regelmäßig, gut zusammengesetzt, kurz alles wodurch ein Gedicht dem Verstande gefällt: unter dulcia alles wodurch es den Sinnen schmeichelt, und das Herz rührt.

Quintus Horatius Flaccus

(In Horazens Brief an L. Calpurnius Piso und seine Söhne [Von der Dichtkunst (De arte poetica)], übersetzt von Christoph Martin Wieland)

Samstag, 18. September 2010

Schreibtipp von Horaz. VII

IWir andern Dichter, meine edeln Freunde,
wir fehlen meistens nur vom Schein des Guten
getäuscht, und oft wenn wirs am besten meinen.
Man gibt sich Mühe kurz zu sein, und wird
darüber dunkel, oder nervenlos
indem man leichte Dinge leicht behandeln will.
Ein andrer strebt nach Größe auf, und schwillt;
dafür kriecht jener dort, aus Furcht des Sturms,
der in der Höhe weht, am Boden hin:
und dieser, um recht unerhört zu sagen,
was nur auf Eine Art sich sagen läßt,
malt euch Delphinen in den Busch, und läßt
die Nereid' auf einem Eber schwimmen.*

Die Furcht zu fehlen wird die reichste Quelle
von Fehlern, wenn sie nicht vom Kunstgefühl
geleitet wird. …

Quintus Horatius Flaccus 

*Dies ist, denke ich, der Sinn dieser, von den französischen Übersetzern gänzlich verfehlten, zwei Verse unsers Autors. Er tadelt nämlich die Dichterlinge, die aus eitler Sucht sich über das Gemeine zu erheben, und immer neu zu sein, auch da, wo die Natur der Sache nur Eine Art der Darstellung, nämlich die natürliche, und nur Eine Bezeichnung, nämlich die gewöhnliche, zuläßt, was neues, nie gesagtes zu Markte bringen wollen, und sich darüber ins Abenteuerliche und Ungereimte verirren. Der wilde Eber gehört in den Wald, der Delphin ins Meer; dabei muß es bleiben. Jemanden mit der Nase sehen, mit den Augen hören, mit den Ohren riechen lassen, ist freilich neu; aber es ist Unsinn.

(In Horazens Brief an L. Calpurnius Piso und seine Söhne [Von der Dichtkunst (De arte poetica)], übersetzt von Christoph Martin Wieland)

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Schreibtipp von Horaz. VI

Die Fürsten, sagt man, sollen große Becher
als eine Art von Folter brauchen, wenn sie jemand
probieren wollen, ob er ihrer Freundschaft wert sei (L):
Um einen Freund im Fuchsbalg auszufinden
mach einer Verse! - Wenn man Quintilius
etwas vorlas, so hieß er euch bald dies bald das
verbessern. Sagte man: es gehe nicht,
man hab es schon vergebens zwei- bis dreimal
versucht: so hieß er euch die ganze Stelle
durchstreichen, und die schlecht geprägten Verse
noch einmal auf den Amboß legen. Wenn
nun aber jemand seine Fehler lieber
behaupten als verbessern wollte, so
verlor er auch kein Wörtchen mehr, und konnt
es wohl geschehen lassen, daß der Mann
sich und sein Werkchen ohne Nebenbuhler liebte.**

Ein Freund, ders redlich meint und richtig denkt,
wird keine Härte, wird nichts mattes dulden;
die üppigen Ranken schneidet er frisch hinweg,
dem was nicht klar genug ist zwingt er euch
mehr Licht zu geben, läßt nichts doppelsinnigs,
nichts schielends, oder was am rechten Ort nicht steht,
unangezeichnet, kurz, er wird ein Aristarch*,
und denkt nicht: ei, was soll ich meinem Freunde
Verdruß mit solchen Kleinigkeiten machen?
O! solche Kleinigkeiten können für den Freund,
der gleich aufs erstemal sich lächerlich
gemacht und schlecht vom Publikum
empfangen wird, sehr große Folgen haben.

*Wie Horaz einen schlechten Dichter, wenn er ihn recht arg schimpfen will, einen Chörilus nennt, so ist ihm Aristarch (der berühmte Emendator der Handschriften von Homers Werken) das Ideal eines Kunstrichters; und ich denke nicht daß es einer gewichtigern Autoriät bedarf, um die Verkleinerer dieses Kunstrichters zu Boden zu wägen.

(In Horazens Brief an L. Calpurnius Piso und seine Söhne [Von der Dichtkunst (De arte poetica)], übersetzt von Christoph Martin Wieland)

**In der Übersetzung von Eckhard Schäfer heißt diese Passage:
Wenn du Quintilius etwas vortrugst, sagte er wohl: „Verbessere bitte dies hier und dies“. Behauptetest du, du könntest besser nicht machen, was du zwei- oder dreimal vergeblich versucht hättest, so hieß er dich, es zu vernichten und die schlecht gedrechselten Verse zurück auf den Amboß zu legen. Wenn du den Fehler lieber verteidigen als ihn ausmerzen wolltest, verschwendete er weiter kein Wort und keine fruchtlose Mühe, damit du dich und das Deine nur ruhig liebtest, allein und ohne Rivalen.
(In Horaz: Die Dichtkunst. Reclam 2008, S. 33)

Mittwoch, 10. September 2008

Schreibtipps von Horaz. V

Willst du schreiben, was man immer wieder lesen kann, so mußt du oft den Griffel wenden und das Geschriebene tilgen; verschmähen mußt du die Bewunderung der Menge und mit wenigen Lesern dich begnügen. Bist du so von Sinnen, zu wünschen, daß man in Winkelschulen deine Lieder vordiktiert? Ich mag das nicht; nein, "mir genügt es, wenn die Ritter Beifall klatschen", wie einst die Künstlerin Arbuscula sprach, die Menge dreist verachtend, als man sie ausgezischt [wörtl.: ausgeklatscht].

(In Quintus Horatius Flaccus: Satiren (Saturae) 1, 10, 72–77)

Dienstag, 15. Juli 2008

Über Silbenschleppzüge und Wortdreimaster, ellenlange Wörter und Schwulst


CHURCHILL verkündete den Engländern in seiner berühmten Rede vor dem britischen Unterhaus am 13. Mai 1940 blood, toil, tears and sweat – Blut, Mühsal, Tränen, Schweiß –, denn er wusste, dass kurze Wörter am eindringlichsten sind und am meisten berühren: »Die alten Wörter sind die besten, und die kurzen, wenn sie alt sind, die allerbesten.« Hand und Fuß sagen wir, und Haus und Hof, Glück und Pech, Freud und Leid. Für Jean PAUL ist »Je länger aber ein Wort, desto unanschaulicher«, und HORAZ spricht von »sesquipedalia verba« – ellenlangen Wörtern (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2007/09/schreibtipps-von-horaz-iv.html).

GOETHE benutzt im Erlkönig 67 Prozent einsilbige Wörter. Bei 215 Wörtern schreibt er 144 Einsilber, 63 Zweisilber (darunter neun Mal Vater), sechs Dreisilber (drei Mal Erlkönig) und nur zwei viersilbige Wörter: Erlenkönig. In der ersten Strophe sind von 31 Wörtern nur fünf zweisilbig, das sind 84 Prozent.

Vermeiden Sie also die »Silbenschleppzüge« (SCHNEIDER), die »Wortdreimaster« (SCHOPENHAUER) wie Glatteisbildung, Rauchentwicklung, oder wie im Tagesspiegel stand: Windmühlenflügelkämpfer. Das mir bekannte längste Wort heißt: Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz, das sind 63 Buchstaben. Denken Sie bei solchen Wörtern an MARK TWAIN, der feststellte, dass manche deutschen Wörter »so lang« sind, »daß sie perspektivisch wirken. Es sind keine Wörter, es sind alphabetische Prozessionen.« Er schuf die Transvaaltruppentransporttränentragödie, doch das sind nur 33 Buchstaben … Und denkt er nicht ökonomisch, wenn er schreibt: »Das Wort unsere Metropole werde ich nie schreiben, um keinen Preis. Für unsere Stadt kriege ich ja dasselbe bezahlt«? – Berühmt sind auch die Kolonialwarenhändlerinsünden, Familienvatersorgenfalten und Hausputzbackwaschundbügelsonnabend von Günter GRASS.

Schreiben Sie Raum statt Räumlichkeit und Stuhl statt Sitzgelegenheit. Fassen Sie Substantive zusammen: Wir sprechen nicht von einer Predigt, die Jesus auf einem Berge hielt, sondern von der Bergpredigt. Möchten Sie auf Wörter mit mehr als drei Silben nicht verzichten, dann teilen Sie sie mit einem Bindestrich.

Doch auch dabei ist zu beachten: Wechseln Sie die Länge der Wörter: Nur einsilbige wirken monoton, vielsilbige erinnern an Amtsdeutsch.

HORAZ schreibt von »ellenlangen« Wörtern, womit er hochtrabende Wörter meint oder auch Wörter, die unnötig verschwendet sind. Das hat mir keine Ruhe gelassen. Gab es die Bedeutung »ellenlang« schon in der Antike oder ist sie nur eine freie Übersetzung von Christoph Martin WIELAND?

Schauen wir uns mal das Original an:

»Telephus et Peleus, cum pauper et exul uterque
proicit ampullas et sesquipedalia verba.«

Und dazu die Übersetzung:

»Da werfen sie die hohen Stelzen und
die ellenlangen Wörter gerne weg!«

Tatsächlich bedeutet das Wort »sesquipedalia« anderthalb Fuß oder auch ellen-lang. Denn im alten Griechenland gab es neben dem hauptsächlich verwendeten Fuß (von gr. pous) zu 16 Fingerbreit auch die Pygme – die Elle –, die vom Unterarm bis zum Handgelenk reichte und 18 Fingerbreit war. Horaz meint also damit Wörter, die aus so vielen Silben bestehen, dass sie anderthalb Fuß lang – ellenlang – erscheinen.

Auch Carl VON LINNÉ, der bei der Benennung von Gattungen, Arten, Varietäten und Synonymen von Pflanzen die übermäßig langen Wörter beseitigte, spricht in der Fundamenta Botanica von »ellenlang«. In seinen Prinzipien zur Benennung schreibt er: »Nomina Generica Sesquipedalia, enunciatu difficilia, vel nausepsa, fugienda sunt« – Gattungsnamen, die ellenlang, schwierig auszusprechen oder ekelhaft sind, sind zu vermeiden. Er ging bei den ellenlangen Wörtern jedoch schon von Wörtern mit mehr als 12 Buchstaben aus. Ein unbekannter Kritiker schreibt allerdings in der Allgemeinen Literatur-Zeitung vom September 1832 zur 6. Auflage von Linnés Species Plantarum: »Das vorzügliche Verdienst [der alten Aufl., ju] bestand in seiner zweckmäßigen Form, wonach die Arten weder durch Überladung mit Synonymen und Zitaten entstellt sind … Freilich ist diese Dürftigkeit auch im vorliegenden Bande bemerkbar, und wir vermissen die treuherzigen nomina sesquipedalia durch die man sich immer hie und da Rath erholte, mitunter ungern.«

Wielands Übersetzung ist also richtig. Allerdings hätte er ampulla (= dickbäuchige Flasche) besser als Schwulst, überladener Schmuck, bezeichnen sollen, wie in der Rhetorik üblich und wie es Horaz sicher gemeint hat (siehe auch ampullor = schwülstig reden, schwülstig schreiben im Lateinischen oder ampuloso = schwülstig, hochtrabend im Spanischen ), denn das trifft das Gemeinte besser als hohe Stelzen (vermutlich kannte er das englische Wort sesquipedalian für schwülstig, vielsilbig, sehr lang nicht), wie wir auch bei LESSING sehen. Der schreibt in seiner Hamburger Dramaturgie über das Stück Der unglückliche Liebling, oder Graf von Essex von John BANKS: »Nur den Stil des Banks muß man aus meiner Übersetzung nicht beurteilen. Von seinem Ausdrucke habe ich gänzlich abgehen müssen. Er ist zugleich so gemein und so kostbar, so kriechend und so hochtrabend, und das nicht von Person zu Person, sondern ganz durchaus, daß er zum Muster dieser Art von Mißhelligkeit dienen kann. Ich habe mich zwischen beide Klippen, so gut als möglich, durchzuschleichen gesucht; dabei aber doch an der einen lieber, als an der andern, scheitern wollen. Ich habe mich mehr vor dem Schwülstigen gehütet, als vor dem Platten. Die mehresten hätten vielleicht gerade das Gegenteil getan; denn schwülstig und tragisch halten viele so ziemlich für einerlei. Nicht nur viele der Leser: auch viele der Dichter selbst. Ihre Helden sollten wie andere Menschen sprechen? Was wären das für Helden? Ampullae et sesquipedalia verba, Sentenzen und Blasen und ellenlange Worte: das macht ihnen den wahren Ton der Tragödie.«

Und so sieht man mal wieder, wie man an einem Tag ohne Übertragung der Tour de France einen Bogen von Wortdreimastern zu Lessing spannen kann.

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Horaz über Schreibkrise + Dilletanten

Hingegen hab ich selbst das Handwerk aufgegeben,
und bin nun wieder meiner Sinne mächtig und
mein eigner Herr: wer wehrt mir, daß ich mir
die Finger in die Ohren stecke, wenn mich einer
mit seinem Werkchen in der Hand verfolgt?
Denn solche Stümper heilt sogar das Lachen
des Publikums von ihrer Thorheit nicht:
»Sie schreiben con Amore« haben wahren
Respect vor ihren Werken, und wenn
du nichts sagst, so rechne drauf, sie fangen selber an
davon zu sprechen, und dir anzurühmen
wie glücklich ihnen dies und das gelang,
wie leicht sie schreiben, und wie wenig Mühe
es ihnen kostet, sich genug zu thun.
Horaz: Zweiter Brief, An Julius Florus
(In Horazens Briefe: aus dem Lateinischen übersezt … von C. M. Wieland, Bd. 1. Dessau 1782, S. 136)
Wieland schreibt dazu: "Julius Florus … hatte unserm Dichter Vorwürfe darüber gemacht, daß er ihm gewisse längst versprochene Gedichte noch nicht geschickt habe. Horaz machte zwar, seitdem er den Mäcen versichert hatte, nunc itaque et versus et cetera ludicra pono* noch immer Verse, so oft ihn die Lust dazu anwandelte; aber er wollte nicht dazu genöthigt seyn – und er protestierte, je länger je mehr, gegen alle Prätensionen, die man von dieser Seite an ihn machte, um so ernstlicher, je weniger es ihm anstand, mit den Poeten und schönen Geistern von Profession – womit die Stadt angefüllt war, ohne daß sich die Römische Litteratur desto besser dabey befand – in Einer Categorie zu stehen." (S. 126)
*Vollständig heißt es:
Nunc itaque et versus et cetera ludicra pono,
quid verum atque decens curo et rogo et omnis in hoc sum,
condo et compono, quae mox depromere possim. (S. 2)

Gehorsam dieser Warnung hab' ich nun
der Verse mich und alles andern Spielwerks
entschlagen, und, was Wahr und Schön, beschäftigt
mich ganz und gar; ich leb und webe drinn,
bemüht, mir einen Vorrath einzusammeln,
wovon ich bald im Winter zehren könne
. (S. 22)
Mit diesen Worten spielt Horaz auf La Fontaines Fabel Die Grille und die Ameise an. Er „begegnet damit dem Einwurf, daß er noch nicht so alt sey, um den Spielen der Musen aus Unvermögen entsagen zu müssen“. (S. 22)

Freitag, 14. September 2007

Schreibtipps von Horaz. IV

Upps, jetzt habe ich aber lange nichts eingestellt. Der Schock mit der Account-Sperrung hat mir die ganze Freude am Bloggen genommen. Nein, der gute Hoster hat natürlich überhaupt nicht reagiert. Wir ziehen jetzt um zu einem kostenpflichtigen Provider. Aber ich denke, ich werde einen Anwalt befragen. Zu viele wichtige Eintragungen sind sonst für immer verloren. Schade, dass Menschen so rücksichtslos sein können.

Aber nun genug gejammert. Hier mal wieder etwas von Horaz:

Ein jedes Werk in jedem Dichterfach
hat seinen eignen Farbenton und Stil.
Versteh ich nichts von dieser Farbengebung,
mit welcher Stirne kann ich einen Dichter
mich schelten hören? Oder, warum lieber
aus falscher Scham unwissend sein, als lernen?
Was komisch ist, will nicht im Schwung und Pomp
des Trauerspieles vorgetragen sein;
hingegen ists was unausstehliches,
Thyestens Gastmahl im Gesellschaftston
und Versen, die beinah zur Socke passen,
erzählen hören. Jedes schicke sich
für Ort und Zeit! - Indessen mag zuweilen
auch die Komödie ihre Stimm' erheben,
und einen alten Chremes, dems der Sohn
zu toll gemacht, den Sturm des ersten Zorns
mit Blitz und Donnerschlag vertoben lassen:
so wie Melpomene, sobald sie klagt,
den Ton herabstimmt, und zum simplen Ausdruck
des Volkes sinkt. Wenn Telephus und Peleus
im tiefsten Elend, dürftig und verbannt
aus ihrem Vaterland, des Hörers Herz
mit ihren Klagen rühren wollen, lehrt
sie die Natur ganz einen andern Ton!
Da werfen sie die hohen Stelzen und
die ellenlangen Wörter gerne weg!

Quintus Horatius Flaccus

(In Horazens Brief an L. Calpurnius Piso und seine Söhne [Von der Dichtkunst (De arte poetica)], übersetzt von Christoph Martin Wieland)

(Zu den ellenlangen Wörtern siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2008/07/ber-silbenschleppzge-und-wortdreimaster.html)

Sonntag, 20. Mai 2007

Schreibtipps von Horaz. III (Nicht) jeder Anfang ist schwer. I

Auch nicht also beginn, wie dereinst der cyklische Dichter:
»Priamos Trauergeschick und die rühmliche Fehde besing' ich.«
Was bringt Würdiges wohl so offenen Munds der Verheißer?
Kreisend dreht sich der Berg und – hervorkommt winzig ein Mäuslein.
Wie weit löblicher er, der nichts anhebet mit Unschick:
»Sage mir, Muse, vom Manne, der einst, als Troja zerstört war,
Vieler sterblichen Menschen Gebräuch' und Städte gesehen.«
Nicht uns Rauch aus Glanz, nein Glanz aus dem Rauche zu geben,
Trachtet er; daß er darauf hellstrahlende Wunder enthülle:
Scylla, samt den Cyklopen, Antiphates auch und Charybdis.
Nicht Diomeds Heimfahrt beginnt er vom Tod Meleagers,
Noch den trojanischen Krieg vom Zwillingseie der Leda.
Immer zum Ausgang eilet er fort und hinein in die Sachen,
Gleich als kennte sie jeder, zieht hin er den Hörenden; und was
Durch die Behandlung sich stäubt hervorzuglänzen, verläßt er.
Und so täuscht er mit Lug, so menget er Wahres und Falsches,
Daß zum Ersten die Mitte, zur Mitt' einstimme das Ende.

Quintus Horatius Flaccus

(In Horazens Brief an L. Calpurnius Piso und seine Söhne [Von der Dichtkunst (De arte poetica)]

Mehr dazu siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/%C3%9Cbers%20Beginnen

Freitag, 15. Dezember 2006

Schreibtipp von Horaz III

Auch Sprach' und Versebau und Rhythmus sei*
dem wohl empfohlen, der ein echtes Werk
zu schaffen wünscht. Er kann nicht leicht zu viel
Bescheidenheit und Vorsicht in der Wahl
der Wörter zeigen. Öfters wird ein Vers
vortrefflich, bloß wenn ein alltäglich Wort
durch eine schlaue Stellung unverhofft
zum neuen wird. Wo neuentdeckte Dinge
zu sagen sind, da ists mit Recht erlaubt,
auch unerhörte Wörter zu erfinden,
wenn diese Freiheit mit Bescheidenheit
genommen wird. Auch können neue Wörter
und Redensarten … mit Sparsamkeit
gebraucht, ein Recht an gute Aufnahm' fordern.**
Was kann der Römer einem Plautus und
Cäcil gestatten, das Virgil und Varius
nicht wagen dürften? Oder soll mir übel
genommen werden, wenn ich etwas Weniges
erwerben kann, da Ennius und Cato***
die Sprache mit so vielen neuen Wörtern
bereichern durften? Immer wars und bleibts
erlaubt, ein neugestempelt Wort
von gutem Korn und Schrot in Gang zu bringen.
So wie von Jahr zu Jahr mit neuem Laube
der Wald sich schmückt, das alte fallen läßt:
so lässet auch die Sprache unvermerkt
die alten Wörter fallen, und es sprossen neue
ins Leben auf, und füllen ihren Platz.
Wir sind uns selbst und alles Unsrige
dem Tode schuldig. … Und die Sprache sollte
allein in ew'gem Jugendglanze blühen?
Viel abgestorbne Wörter werden wieder
ins Leben kehren, viele andre fallen,
die jetzt in Ehren sind, so wie der Brauch
es fügen wird, bei welchem doch allein
die Macht, hierin Gesetz zu geben, steht.

Quintus Horatius Flaccus

(In Horazens Brief an L. Calpurnius Piso und seine Söhne [Von der Dichtkunst (De arte poetica)], übersetzt von Christoph Martin Wieland)

*Ich habe den Horaz hier, um des Zusammenhangs willen, ein paar Worte mehr sagen lassen als er ausdrücklich sagt: aber um in das Ganze Zusammenhang zu bringen, müßte man ein neues Werk daraus machen.

**Was Horaz hier den Römern erlaubt, haben sich die Italiäner, Franzosen, Engländer, ebenfalls erlaubt gehalten, und nur uns Teutschen sollt es verboten sein? Als ob unsre Alten nicht einmal Barbaren gewesen wären, wie andre; und als ob jemals die Sprache eines rohen Volkes ohne fremde Hülfe hätte gebildet und bereichert werden können?

***Cato Major, oder Censorius, einer der größten Männer des alten Roms, hatte sich auch durch verschiedne historische und ökonomische Werke um die römische Sprache verdient gemacht.

Mittwoch, 8. November 2006

Schreibtipp von Horaz. II

Ein jedes Werk in jedem Dichterfache
hat seinen eignen Farbenton und Stil.
Versteh' ich nichts von dieser Farbengebung,
mit welcher Stirne kann ich einen Dichter
mich nennen hören? Oder, warum lieber
aus falscher Scham unwissend sein, als lernen?

Quintus Horatius Flaccus

(In Horazens Brief an L. Calpurnius Piso und seine Söhne [Von der Dichtkunst (De arte poetica)], übersetzt von Christoph Martin Wieland)

Donnerstag, 28. September 2006

Schreibtipp von Horaz. I

Ihr, die ihr schreiben wollt, vor allen Dingen,
wählt einen Stoff, dem ihr gewachsen seid*
und wäget wohl vorher, was eure Schultern
vermögen oder nicht, eh' ihr die Last
zu tragen übernehmt. Wer seinen Stoff
so wählte, dem wird’s an Gedanken
und Klarheit nie, auch nie an Ordnung fehlen;
und unter manchem Vorteil, der durch Ordnung
gewonnen wird, ist sicher keiner von
den kleinsten: daß man immer wisse, was
zu sagen ist, doch vieles, was sich auch
noch sagen ließe, jetzt zurückbehalte,
und für den Platz, wo man's bedarf, verspare.

Quintus Horatius Flaccus

(In Horazens Brief an L. Calpurnius Piso und seine Söhne [Von der Dichtkunst (De arte poetica)], übersetzt von Christoph Martin Wieland)

*Eine vortreffliche Regel für den Lehrling, der einen Genius hat, der ihn die Regel verstehen und anwenden lehrt! aber unbrauchbar für jeden andern. Und so ists mit allen Regeln.