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Sonntag, 22. August 2010

Antwort auf Sprachrätsel No. 13: »Wie viele Pleonasmen enthält dieser Satz?«


Herzlichen Dank für die Antworten! Ja, Antwort b) ist richtig: »seinen Hufen« ist der Pleonasmus in dem Satz »Der weiße Schimmel stampfte unwillig mit seinem Huf auf«. Man kann schließlich nicht mit fremden Hufen aufstampfen.

Tucholsky sagt zwar: »Wer die deutsche Sprache beherrscht, wird einen Schimmel beschreiben und dabei doch das Wort weiß vermeiden können«. Damit hat er einerseits recht, denn man sollte möglichst keine Adjektive schreiben, worauf ich in meinen Beiträgen immer wieder hinweise. In dem Fall ist das Wort weiß aber auf jeden Fall falsch, denn weiß ist nur der Atlasschimmel. Schimmel sind keine eigene Pferderasse, sondern sind Pferde, die Träger des Grey-Gens sind (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Schimmel_(Pferd)). Sie werden dunkelhaarig geboren und »schimmeln aus«, werden also immer weißer (wie bei den Menschen).

Es gibt also in dem Sinne keinen weißen Schimmel, obwohl er immer als Beispiel für einen Pleonasmus herangezogen wird (was sogar offiziell anerkannt sein soll, warum ist mir nicht ganz klar, es gibt genug Beispiele wie den »schwarzen Rappen«). Auch ich führte den weißen Schimmel als Beispiel für einen Pleonasmus in meinem Post Tautologie vs. Pleonasmus (http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2007/04/tautologie-vs-pleonasmus.html) an und wurde freundlich darauf hingewiesen, dass das falsch ist. Vielen Dank!

Während des Ausschimmelns, das viele Jahre dauern kann, gibt es Blauschimmel (Rappen(!) mit gleichmäßig dunklen und weißen Haaren), Apfelschimmel, bei denen die dunkleren Haare in (Halb-)Kreisen angeordnet sind, Dunkelschimmel, Falbschimmel, Fuchsschimmel, Grauschimmel und andere mehr. Nach dem Ausschimmeln unterscheidet man zwischen Atlasschimmeln, Fliegenschimmeln mit kleinen roten, braunen oder schwarzen Tupfen und Rosenschimmeln mit fuchsfarbenen Tupfen.

Montag, 11. August 2008

Malen mit Worten (Übers Erzählen. I)


Niemand lernt schreiben, der nicht sehen gelernt hat. (REINERS)

Das Auge war vor allem andern das Organ, womit ich die Welt fasste. (GOETHE)

Jean PAUL lobte den Schriftsteller Thümmel, weil man dessen Geschichten ebenso gut malen wie drucken könne … So paradox das klingen mag, der Erzähler darf gar nicht erzählen. Er fasst Farben, Geräusche, Gesten – die Bilder, von denen er erfüllt ist –, in Sprache, um im Leser Bilder entstehen zu lassen und Erinnerungen und Vorstellungen zu wecken.Wenn er die Bilder richtig wählt, erfährt der Leser den Text sinnlich und sieht viel mehr in ihm, als der Erzähler geschrieben hat (eine der Voraussetzungen für Literatur ist der »doppelte Boden« – der Subtext –, von dem Reich-Ranicki spricht). Die Bilder entstehen jedoch nicht durch Betrachten und Registrieren, sondern durch Schauen und Erkennen. Der Autor, der nur das schreibt, was er registriert, sollte Sachliteratur verfassen (womit nichts gegen das Schreiben von Sachbüchern gesagt sein soll) und keine Geschichten erzählen wollen. Aber selbst von Sachliteratur wird heutzutage mehr verlangt als das Aneinanderreihen von mehr oder wenigen schlauen Sätzen.

GOETHE bezeichnet Gedichte in dem gleichnamigen Gedicht als »gemalte Fensterscheiben«. Für den »Philister« – den Banausen –, ist alles »dunkel und düster« – unverständlich und ohne tieferen Sinn –, wenn er vom »Markt in die Kirche« hineinschaut. Und, so dichtet Goethe weiter, mag er »denn wohl verdrießlich sein/und lebenslang verdrießlich bleiben«. (Beachten Sie den Redundanz des Wortes verdrießlich, wodurch der elende Zustand besonders betont wird). Geht der Leser aber vorurteilsfrei in die Kirche hinein – in Gedichte und Geschichten –, wird es »auf einmal farbig helle«, »Zierat glänzt« und »bedeutend wirkt ein edler Schein«, und er nimmt er die Bedeutung von Gedichten und Geschichten gleichsam sinnlich wahr. Das erreicht der Schriftsteller aber nur, wenn er die Scheiben so farbig gestaltet, dass der Leser hineintreten und das Geschriebene lesen muss.

Denn so wie der Maler Geschichten mit dem Pinsel und Farben erzählt, malt der Erzähler mit Worten. Er schreibt nicht nur mit dem Ohr, sondern auch mit den Augen: Er lauscht nicht nur der Musik seiner Worte, sondern setzt das, was er innerlich sieht, in Bilder um: Er sieht das Kino in seinem Kopf, das Kopfkino.

Google findet für dieses Wort über 120.000 Treffer, aber kein einziges, wenn man Sartre und Kopfkino eingibt. Denn wohl niemand weiß, dass SARTRE es war, der den Begriff prägte. In seinen Erinnerungen Die Wörter schreibt er nämlich, weshalb er sich schon als Kind zum Schreiben hingezogen fühlte: »Wenn meine Mutter mich fragte: ›Poulou, was machst du?‹, kam es manchmal vor, daß ich mein Schweigegelöbnis brach, um ihr zu antworten: ›Ich mache Kino.‹ Tatsächlich versuchte ich, die Bilder aus meinem Kopf zu reißen und außerhalb meiner selbst zu verwirklichen.« –

Wenn der Schriftsteller diese Regel erfolgreich umgesetzt hat, würde ihn sogar ein PICASSO loben, der einmal sagte: »Wenn man ein Buch liest, hat man häufig das Gefühl, der Autor hätte es eigentlich vorgezogen zu malen, statt zu schreiben. Man kann die Freude, die er bei der Beschreibung einer Landschaft oder einer Person verspürt hat, richtig nachempfinden, da sie so plastisch wirken, als hätte er tief in seinem Innersten lieber Pinsel und Farben für ihre Ausgestaltung verwendet.«

Der Leser will nicht informiert werden, er möchte sehen, hören, fühlen, tasten, riechen und schmecken.

Bemühen Sie sich, wenn schon nicht in jedem Absatz, so doch auf jeder Seite etwas Sinnliches zu schreiben.

Samstag, 3. November 2007

Auflösung zu Sprachrätsel No. 8* (Doppelt gemoppelt)


* siehe juttas-schreibtipps.blogspot.com/2007/10/doppelt-gemoppelt-oder-wie-man-einen.html

Haben Sie die Redundanzen und die Füllwörter und Phrasen, die ich auch versteckt hatte, gefunden? Nun, hier sind sie (und zur Übersicht aufgelistet, damit Sie später nachschlagen können):

Die anderen Frauen um sie herum in ihrem Freundeskreis
aber dann noch einmal (Füllwörter)
auf einem anderen Blatt (Phrase)
bereits vor Monaten schon
die Zeiten endgültig vorüber waren
alle gemeinsam miteinander
sie beschloss bei sich selbst
nicht einmal zu Weihnachten (Füllwort)
war sie sich selbst zu schade
war sie von allen die Geduldigste gewesen
sich zurück erinnerte
ihr gingen mit einem Mal fast die Emotionen durch (Füllwörter)
die kleinen Härchen
Doch sie beschloss schließlich (Füllwort) innerlich
nicht weiter nachzudenken (Füllwort)
dann gewiss schon (Füllwörter)
zog sie die Luft in sich hoch,
verstreichenden Sekunde
Ohne jeden Zweifel
früheren Lockerheit endgültig nichts mehr übrig geblieben.
Sie nestelte in ihrer Tasche herum
zog den Schlüssel daraus hervor
öffnete die Tür vor ihr
Licht schien auf sie hinab
mitten ins Wohnzimmer
direkt zum Schrank ging
die einzelnen Türen
wohin sie neulich
Sie nahm ein Glas heraus
betrachtete darin
ihr eigenes Spiegelbild
schüttelte dabei den Kopf
interessiert sich länger für mich
ein kleines Schlückchen
schaute hinaus aus dem Fenster
Draußen wurde es sichtlich dunkler
Doch (Füllwort) plötzlich umspielte ein Lächeln ihre Lippen (Phrase)
Gegenüber auf der anderen Straßenseite
ging gerade Liane vorbei
winkte hinauf
In der darauffolgenden Woche nach dieser
einen neuen Anfang wagen.
Eigentlich (Füllwort)
sie musste sich … weiter unterhalten (Füllwort)
bestes Ausgehkleid
wäre dann doch (Füllwörter) zuviel des Guten (Phrase)

Unsinnig finde ich persönlich auch Wendungen wie Langsamen Schrittes schlenderte Ruth am Strand entlang. Schlendern bedeutet langsamen Schrittes gehen, ist also ein Pleonasmus. Helmut eilte rasch zur Tür oder Helmut hastete eilig zur Tür – kann man langsam eilen? Das Hemd war hell ausgebleicht – kann etwas dunkel ausbleichen? Man kann auch nicht laut wimmern oder leise schreien. Er nickte mit dem Kopf – womit soll er sonst nicken? Lisas Hand griff zum Schalter, ja, womit soll sie sonst greifen? Ihr kam kein Wort über die Lippen – worüber sollte das Wort denn kommen, wenn es doch käme? Was heißt, etwas mit eigenen Augen sehen? Kann man sich Augen borgen, können sie transplantiert werden?

Noch mehr doppelt Gemoppeltes? Bitte schön: nochmals wiederholen; der Plan wurde gänzlich zunichte gemacht; die Stimme hallte durchs ganze Haus; die gemachten Erfahrungen; die gestellte Aufgabe; Gerd wandte sich zu Christa um, die hinter ihm stand; auf dem Platz unten vor dem Fenster; die Tür weiter aufschieben; davon rennen, ohne eine weitere Sekunde zu verlieren; einen Stein aufheben, um damit zu werfen; von hinten ein Loch in den Rücken schießen; nicht zu wissen, wo man sich gerade befindet; sich beeilen, um rechtzeitig den Zug zu erreichen; erleichtert aufatmen. Streichen Sie auch die Wendung oder nicht wie in Er überlegte, ob er Claudia einen Ring schenken solle oder nicht; Monika war sich nicht sicher, ob Lisa eine Lügnerin ist oder nicht.

Und ich weiß jetzt nicht, ob ich Sie mit diesem Eintrag gelangweilt habe oder nicht.

Samstag, 27. Oktober 2007

Sprachrätsel No. 8: Doppelt gemoppelt (oder: Wie man einen Text streckt)


Erst denken sie nicht, und dann drücken sie’s schlecht aus. (TUCHOLSKY)

Nicht nur Füllwörter und Modewörter blähen einen Text auf, sondern auch Redundanzen (von lat. redudans: überströmend, überflüssig). Sie bedeuten wörtliche oder inhaltliche Wiederholungen, also einen Überschuss an Informationen, und tragen deshalb nichts zu Bedeutung eines Textes bei. In der geschriebenen Sprache soll die Redundanz 75 Prozent ausmachen.

Die Redundanzen in dem folgenden Text betragen sicher nicht soviel, aber ich habe eine Menge beliebter Redundanzen eingebaut. Welche sind es?

Die anderen Frauen um sie herum in ihrem Freundeskreis würden sie als hochnäsig bezeichnen, ob sie sie aber dann noch einmal besuchen würde, stand auf einem anderen Blatt. Im Grunde war Clara bereits vor Monaten schon klar geworden, dass die Zeiten endgültig vorüber waren, da sie alle gemeinsam miteinander Skat spielten. Sie beschloss bei sich selbst, sich nicht einmal zu Weihnachten bei ihnen zu melden. Dazu war sie sich selbst zu schade. Dabei war sie von allen die Geduldigste gewesen, wie Clara sich zurück erinnerte, und ihr gingen mit einem Mal fast die Emotionen durch, dass die kleinen Härchen auf ihrem Arm sich aufrichteten. Doch sie beschloss schließlich innerlich, darüber nicht weiter nachzudenken. Alles weitere würde sich dann gewiss schon von allein ergeben. Seufzend zog sie die Luft in sich hoch, denn das wurde ihr mit jeder verstreichenden Sekunde klarer: Ohne jeden Zweifel war von ihrer früheren Lockerheit endgültig nichts mehr übrig geblieben.

Sie nestelte in ihrer Tasche herum, zog den Schlüssel daraus hervor und öffnete die Tür vor ihr. Das Licht, das vom Treppenhaus in den Flur hineinfiel, schien auf sie hinab. Sie stapfte mitten ins Wohnzimmer, ging direkt zum Schrank und öffnete die einzelnen Türen, weil sie nicht wusste, wohin sie neulich die Cognacflasche gestellt hatte. Sie nahm ein Glas heraus, betrachtete darin ihr eigenes Spiegelbild und schüttelte dabei den Kopf. Nicht einmal ein kleines Lächeln konnte sie entdecken. Niemand interessiert sich länger für mich, dachte sie bei sich selbst. Sie trank ein kleines Schlückchen und schaute hinaus aus dem Fenster. Draußen wurde es sichtlich dunkler. Doch plötzlich umspielte ein Lächeln ihre Lippen: Gegenüber auf der anderen Straßenseite spazierte gerade Liane vorbei und winkte hinauf!

Clara juchzte laut. In der darauffolgenden Woche nach dieser würde sie einen neuen Anfang wagen. Eigentlich fühlte sie sich doch ziemlich einsam. Was soll’s, dachte sie bei sich selbst, sie musste sich ja nicht mit allen Frauen weiter unterhalten. Ihr bestes Ausgehkleid würde sie aber nicht anziehen, das wäre dann doch zuviel des Guten.