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Montag, 21. September 2009

Ein Ding der Unmöglichkeit oder: Über die Subjektivitis. II


Zu den Amtsstubenwörtern gehören ferner die Flickverben (ROST) vornehmen, treffen, unterziehen, erfolgen. Sie führen zur Substantivitis: Korrekturen vornehmen, die Änderungen einer Kontrolle unterziehen, die Rückgabe muss schriftlich erfolgen, die Entscheidung über den Druck trifft die zuständige Abteilung, die Benachrichtigung über den Druck erfolgt per E-Mail.

Laut Werner RAITH hat die Substantivitis »mehrere Gründe«, die »fast alle in Vorschriften« liegen, die von »klugen Stilrezeptgebern verfügt wurden«, zwei davon seien »die Kürze und das Verbot von Schachtelsätzen«. Als Beispiel dafür nennt er in seinem Buch Gut schreiben das Wort Inanspruchnahme statt der Infinitivkonstruktion in Anspruch nehmen, weil es kürzer sei und die Kommasetzung und damit das Schachteln im Satz vermeide. Er meint, die Stilrezeptgeber würden den Satz »Auf das Verbot der Inanspruchnahme unserer Toilette haben wir bereits des öfteren hingewiesen« der Infinitivkonstruktion »Wir haben bereits des öfteren darauf hingewiesen, dass es verboten ist, unsere Toilette in Anspruch zu nehmen« vorziehen, weil so »13 statt 17 Worte« (Wörter müsste es richtig heißen) und keine Kommata verwendet würden. Doch ob in Anspruch nehmen oder Inanspruchnahme: Beide Wörter sind grauslich. Warum schlägt er nicht vor, dass man schreiben solle: Wir haben bereits öfter darauf hingewiesen, dass betriebsfremde Personen die Toilette nicht benutzen dürfen.

Doch schreibt er wirklich gut, wenn er von »klugen Stilrezeptgebern« spricht – ist das nicht polemisch? –, von »mehreren Gründen, die fast alle …« – mehrere bedeutet eine geringe Anzahl, fast alle weist auf eine größere Zahl hin –, und kann man Vorschriften verfügen? Was meint er mit Kürze? Kurze Sätze, Wendungen oder Wörter? Das geht aus dem Text nicht hervor. Und warum benutzt er das Passiv? Warum umständlich, wenn es auch einfach geht: »Stilratgeber nennen mehrere Vorschriften, darunter die Kürze und das Verbot von Schachtelsätzen, die zur Substantivitis führen.« Die Frage ist nur, ob diese beiden Regeln immer dazu führen. Warum nicht schreiben: »Die Stilregel, dass man kurze Sätze schreiben und Schachtelsätze vermeiden solle, kann zur Substantivitis verleiten.«

Befürworter des Amtsdeutschs meinen, dass einfache Sprache nicht korrekt genug sein könne, zudem würde die Verwaltung ihren Respekt verspielen. Aber kann es nicht sein, dass die Befürworter gar nicht mehr in der Lage sind, verständlich zu schreiben, weil es bequemer ist, Worthülsen zu verfassen statt nach dem passenden Wort suchen? Geben Sie also dem Amtsschimmel die Sporen und lassen Sie ihn ins Nimmerland verschwinden.

Diese Aufzählung der Kanzleiwörter erhebt keinen Anspruch hinsichtlich der Vollständigkeit – wie leicht sagt sich das, liest oder hört man doch diese Floskeln täglich und ersparen sie das Nachdenken über den richtigen Ausdruck. Ich streiche also diesen Satz und schreibe: »Diese Aufzählung ist unvollständig.« (Weitere Wörter, bei denen der Amtssschimmel wiehert, finden Sie jedoch in Juttas Schreibblog.)

Der Gebrauch von Substantiven statt Verben, des Passiv statt des Aktiv und das falsche Bilden von Wörtern mit der Nachsilbe -bar wie unverzichtbar* kennzeichnet einen hölzernen, angestaubten Stil

*Auch wenn 1000 Mal benutzt: Unverzichtbar bedeutet unentbehrlich, unerlässlich, notwendig, unersetzlich. Verzichten ist nicht transitiv, kann also kein Akkusativobjekt haben. Da man kein Ding verzichten kann sondern nur auf etwas, kann kein Ding verzichtbar oder unverzichtbar sein.

(Teil I dieses Artikels finden Sie hier)

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