Seiten

Mittwoch, 25. April 2007

Tautologie vs. Pleonasmus


Im September 2006 hatte ich geschrieben (http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2006/09/unsinnige-tautologien_22.html) dass die Süddeutsche Zeitung beim Ingeborg Bachmann-Preis »schlampige Manuskripte, orthographische Niederlagen, falsche Konjunktive und unsinnige Tautologien« monierte. Ich hatte nur vergessen, dazuzuschreiben, dass unsinnige Tautologie wie eine Tautologie klingt, aber ein Pleonasmus ist.

Leider kennen die Süddeutsche und viele Schriftsteller nicht den Unterschied zwischen Tautologie und Pleonasmus. Tautologie (gr. tautología: von tó autón: dasselbe und lógos: Ausdruck) ist eine rhetorische Figur, in der bedeutungsgleiche oder sinnverwandte Wörter derselben Wortart wie hegen und pflegen, ganz und gar oder wie in Berthold Brechts Song aus der Dreigroschenoper: »Die Liebe dauert oder dauert nicht, in dem oder jenem Ort« aneinandergereiht werden. Also können Tautologien gar nicht unsinnig sein.

Pleonasmus (gr. pleonasmos: Überfluss, Übermaß) dagegen bedeutet den Zusatz zu einem Wort, der an sich selbstverständlich und damit überflüssig ist und daher auch nichts Neues sagt, wie weißer Schimmel* oder schwarzer Rappe. Könner allerdings, aber wirklich nur die, verwenden ihn als Stilmittel zur nachdrücklichen Betonung wie bei »heiße Glut« in den Priameln Nr. 3 von Gotthold Ephraim Lessing:

Nebel, übrige Kält und heisse Glut,
Taubenmist und auch ihr Brut,
Winpran stechen und Augen reiben,
So Blattern und Roth darinn thut bleiben,
Gestöber, Blitz, Sunn und auch Rauch,
Groß Trünk, Zwiffel und Knoblauch,
Weisser Schnee und auch heisse Bad:
Die Ding seyn all den Augen schad.


– Ursprünglich hatte ich an dieser Stelle als Beispiel das Sonett Wenn mich der Liebe allzu heiße Glut der italienischen Dichterin und Kurtisane Gaspara Stampa angeführt. Aber da es eine Übersetzung ist, kann es nicht gelten. Wer mag, kann ihre Gedichte hier nachlesen. –

Oder in dem Lied Und wir kauern wieder um die heiße Glut von Fredl Mayr.

Der nicht so geübte Autor sollte ihn besser vermeiden.

Johann Christoph Gottsched schreibt dazu:

»Die Beywörter an sich bedeuten theils die Eigenschaften der Dinge, die ihnen allezeit beywohnen; theils auch nur die zufälligen Beschaffenheiten. Z.E. Die heiße Glut, der gelinde West. Da ist die Glut immer heiß, sowohl als das Wasser immer naß ist: der Westwind aber ist nicht allezeit sanft, sondern auch zuweilen ungestüm. Nun fragt sichs, in welchen Fällen man Beywörter von jener oder dieser Art brauchen müsse? Von der ersten Gattung könnte man denken, daß sie ganz überflüssig seyn würden: weil es nichts gesagt zu seyn scheinet, wenn man spricht, der runde Zirkel, die weiße Kreide, der harte Stein etc. Allein man betrügt sich: ein Poet kann auch diese Art der Beywörter nicht entbehren. Er will oft seinem Leser oder Zuhörer die Sachen von einer gewissen Seite zu betrachten geben. Sagte er nun den bloßen Namen derselben nur allein: so würde man zwar an die ganze Sache überhaupt, aber nicht an die Eigenschaft insbesondere gedenken, die der Poet erwogen haben will; oder sich doch dieselbe nur dunkel vorstellen. Denn ein Ding hat viele Eigenschaften, die uns nur verwirrt in Gedanken schweben, wenn wir nichts als seinen Namen hören.«

(Johann Christoph Gottsched: Das VII. Kapitel, Von poetischen Worten,  § 22. In Versuch einer kritischen Dichtkunst durchgehends mit den Exempeln unserer besten Dichter erläutert. Breitkopf 1751, S. 245f.)

*siehe dazu meinen Blogeintrag http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2010/08/antwort-auf-sprachratsel-no-13-wie.html

Kommentare:

  1. Streng genommen ist "weißer Schimmel" gar kein Pleonasmus, da ein Schimmel auch schwarz sein kann! ;-) Dieses Beispiel wird aber immer wieder gerne fälschlicher Weise angegeben...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ein Schimmel (das Pferd, nicht das auf dem Brot) ist weiß, ein Rappen schwarz.

      Löschen
  2. vielen Dank für die Anmerkung! Das stimmt natürlich. Ich wollte eigentlich schon längst was dazu schreiben, hatte es aber vergessen.

    AntwortenLöschen
  3. Das Beispiel aus dem Gedicht von Stampa stimmt nicht. Denn dort heißt es eben nicht "heiße Glut", sondern "allzu heiße Glut". Da liegt der Unterschied: Während das erste ein Pleonasmus ist, drückt das zweite aus, dass die Glut ZU heiß ist; also scheinbar so heiß, dass es der Verfasser nicht aushält. Um das auszudrücken, muss er die Eigenschaft "heiß", die normalerweise in Zusammenhang mit "Glut" selbstverständlich ist, ausdrücklich betonen.

    AntwortenLöschen
  4. Vielen Dank für den Hinweis! Sie haben Recht. Aber ein anderer Meister hat »heiße Glut« auch geschrieben: Clemens Brentano. Ich bringe hier nur die betreffende Strophe seines Gedichts »Im Wetter auf der Heimfahrt«, weil es sehr lang ist:

    Aber diese Blüte kühlet
    Ewig mir die heiße Glut
    Nie verzehrt, die in mir wühlet
    Mich der Flamme irre Wut.

    AntwortenLöschen