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Mittwoch, 6. Juni 2007

Es war einmal … (Nicht) jeder Anfang ist schwer. II


Bedenke wohl die erste Zeile. (Dr. Faust)
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. (HESSE)

UNZÄHLIGE BUCHANFÄNGE HABEN WIR GELESEN, doch ein Anfang wird uns unvergesslich bleiben, lasen wir ihn doch zu einer Zeit, als die Welt noch voller Wunder war: „Lieber Leser, weißt Du, was das Wort Greenhorn bedeutet? – Eine höchst ärgerliche und despektierliche Bezeichnung für den, auf welchen sie angewendet wird.“

Und uns erschloss sich eine Welt, in der wir auf edlen Rappen über die weite Prärie donnerten, mit Schurken kämpften und am Marterpfahl zitterten. (Und wer hat nicht bei Winnetous Tod bitterlich geweint …) Und die Jungen waren Winnetou und die Mädchen Nscho-tschi, Winnetous Schwester.

Und noch früher verzauberten uns Geschichten, die mit „Es war einmal“ begannen, der magischen Formel für die aus der Zeit gefallene Zeit … Wenn die Großmutter mit diesen Worten zu erzählen anhub, liefen wir als bedauernswerte Kinder durch einen finsteren Wald, schliefen in einem gläsernen Sarg oder hundert Jahre lang hinter Dornen. Wir graulten uns vor grauslichen Menschenfressern, bösen Stiefmüttern und garstigen Hexen, wir wussten aber auch, dass uns ein wunderschöner Prinz im rechten Augenblick erretten würde. –

Welch Zauber kann Anfangssätzen innewohnen! Entführen auch Sie mit Ihren Anfängen Ihren Leser in eine andere Welt …

Mit „Es war“ fangen Märchen und poetische Texte an, denn diese Worte suggerieren, dass eine Macht außerhalb unseres Willens wirkt. Sie aber sollten mit diesen Worten nicht beginnen. Solche Anfänge sind so oft geschrieben worden, dass sie niemanden zum Weiterlesen verlocken, es sei denn, er will so eine richtig schöne Herz-Schmerz-Schnulze lesen. Kein Schriftsteller, der was auf sich hält, wird heutzutage noch mit „Es war an einem goldenen Oktobermorgen“ oder „Es war an einem Sommertag, an dem es selbst den Bienen zu heiß war zum Ausschwärmen“ beginnen.

Eco schreibt dazu: „Kann einer, der erzählen will, heute noch sagen: ‘Es war ein klarer spätherbstlicher Morgen gegen Ende November’, ohne sich dabei wie Snoopy zu fühlen?“ (Dabei hatte Snoopy den Satz auch nur bei BULWER-LYTTON geklaut, der immerhin so bekannte Werke schrieb wie Die letzten Tage von Pompeij. Doch der bedauernswerte Autor wurde vor allem durch den Eingangssatz seines Romans Paul Cliffor berühmt: "Es war eine dunkle und stürmische Nacht; der Regen fiel in Strömen – außer bei gelegentlichen Pausen, wenn er von einem gewaltsamen Windstoß in Schach gehalten wurde, der durch die Straßen fegte (denn unsere Geschichte spielt in London), an den Giebeln der Häuser rüttelte und wütend die dürftige Flamme der Lampen bewegte, die gegen die Dunkelheit ankämpfte." Mittlerweile gibt es sogar ein Wettbewerb, den Bulwer-Lytton fiction contest, bei dem der schauderhafteste Anfangssatz eines imaginären Romans prämiert wird.)

Auch MUSIL weiß, dass man so nicht beginnen darf, wie wir dem Anfang vom Mann ohne Eigenschaften entnehmen: „Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.“

Und doch haben viele bekannte Schriftsteller mit „Es war” begonnen. Halten wir ihnen zugute, dass sie so in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts schrieben – altmodisch eben.

„Es war spätabends, als K. ankam." (KAFKA, Das Schloß)
„Es war ein strahlend kalter Apriltag, und die Uhren schlugen dreizehn.” (ORWELL, 1984)
„Es war eine schwüle Sommernacht des Jahres 526 nach Christus.” (DAHN, Ein Kampf um Rom)
„Es war ein verrückter, schwüler Sommer, der Sommer, als die Rosenbergs auf den Elektrischen Stuhl kamen, und ich wußte nicht, was ich in New York sollte.” (Sylvia PLATH, Die Glasglocke)
„Es war jetzt Essenszeit, und sie saßen unter dem doppelten grünen Sonnendach des Speisezelts, als wäre nichts passiert.” (HEMINGWAY, Das kurze Glück im Leben des Francis Macombe)

Wie FORSYTH werden Sie ebensowenig beginnen, selbst wenn der Anfang überrascht und neugierig macht: „Es ist kalt um 6 Uhr 40 in der Frühe eines Pariser Märztages, und es scheint noch kälter zu sein, wenn zu dieser Zeit ein Mann von einem Exekutionskommando füsiliert werden soll.“ (Der Schakal)

Mehr dazu siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/%C3%9Cbers%20Beginnen

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