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Donnerstag, 27. Oktober 2011

Lesen – Lesen – Lesen (Wie erwirbt man einen guten Stil? II)


Dichten lernt man durch regelmäßiges Lesen von Gedichten. (GALILEI)*

Damit Sie schreiben können, müssen Sie lesen. Sie können nicht nur aus Ihrem Inneren heraus erzählen, Sie benötigen auch die literarische Anregung. »Ich lese auch Lyrik, ich lese Sachbücher, ich lese alles. Man spaziert dabei ja in dem Hirn von anderen Menschen herum, das ist immer inspirierend«, so Cornelia FUNKE in einem Interview mit dem Tagesspiegel. Durch das Lesen gewinnen Sie auch Sprachsicherheit, und durch das Vergleichen der Stilmerkmale entdecken Sie den Reichtum der Sprache. Seit HOMER, dem Begründer der abendländischen Literatur – die Ilias gilt als der erste europäische Roman –, haben sich Schriftsteller an Vorbilder gehalten und doch ihren eigenen Stil gefunden.

Ich möchte hier keinen Kanon aufstellen, zu vielfältig sind die Werke, um objektiv zu sein. Einige Bücher möchte ich aber doch nennen. Da sind zum einen Gustav SCHWABS Sagen des klassischen Altertums, die sich an die griechischen Klassiker anlehnen. Die Dramatik und die Figuren bei Homer und den griechischen Tragikern wie SOPHOKLES und EURIPIDES gelten auch heute noch als Vorbild für Literatur. Denn alles Wissen, das der Schriftsteller zum Schreiben braucht, findet er in der Weltliteratur. Für jede handwerkliche Frage – wie ein spannender Plot gefunden wird, wie Charaktere aufgebaut, Gefühle bildlich dargestellt, Dialoge lebendig werden, wie gezeigt wird statt zu informieren – entdeckt er dort die Lösung. Auch Drehbücher, selbst von Seifenopern, stützen sich auf die klassischen dramaturgischen Regeln über Stoff, Konflikt, Handlung, Charakter und Ausführung, also die »Zusammenfügung der Geschehnisse«, vor allem von ARISTOTELES. Und ich empfehle Ihnen die Bibel in der Übersetzung LUTHERS, auch wenn Sie nicht religiös sind. Kaum ein Werk ist so sprachgewaltig, so voller Bilder, Rhythmus und Klang und spannender, grausamer, heldenhafter und zeitloser Geschichten.

Studieren Sie Klassiker wie GOETHE (vor allem Faust I und II), DOSTOJEWSKI, Thomas MANN, Hermann HESSE, Max FRISCH, auch wenn Ihnen deren zum Teil herkömmlicher Stil missfällt. Magiere des Wortes sind sie alle. Lernen Sie von ihnen, wie man Figuren zeichnet und einführt, wie man die Handlung aufbaut, welche Perspektive man wählt. Studieren Sie, mit welchen sprachlichen Mitteln sie arbeiten – wie sie Ihre Phantasie anregen. Lesen Sie aber auch Werke von Schriftstellern, die Sie mögen und eher Ihrem Stil entsprechen, und von Erzählern anderer Nationen. Die Sinnlichkeit, mit der vor allem lateinamerikanische und asiatische, aber auch arabische Autoren ihre Welt und die Menschen, die in ihr leben, zeigen, ist ein Lehrstück für so manchen deutschsprachigen Autor. Lesen Sie andere Genres, um Ihren Horizont zu erweitern und noch mehr Anregungen zu finden.

Wenn Sie gern Kurzgeschichten schreiben, sollten Sie Anton TSCHECHOW, Edgar Allan POE oder Texte aus der Short-Story-Schule lesen. – Short Story bedeutet übrigens etwas anderes als Kurzgeschichte, auch wenn die wörtliche Übersetzung das suggeriert. Im deutschsprachigen Raum wird bei der »kurzen Geschichte« zwischen Erzählung, Kurzgeschichte und Novelle unterschieden; die Short Story entspricht eher der Novelle. –

Das Vorbild für Short Storyies ist natürlich Ernest HEMINGWAY. Er hielt sich mit weisen Ratschlägen jedoch zurück, weil er meinte, über Literatur zu sprechen hätte den gleichen Effekt wie über Schmetterlingsflügel oder über das Gefieder eines Adlers zu reden – die Faszination würde bei zu genauer Betrachtung verschwinden.

Verfolgen Sie Kritiken von Büchern, Theaterstücken und Filmen. Sie erfahren dort Wichtiges über deren Dramaturgie, deren Vorzüge und Nachteile, weil die Kritiker (meist) sachkundig begründen, weshalb sie die Werke preisen oder verdammen. Üben Sie selbst Kritik.

Lesen Sie aber auch Unterhaltungsliteratur, um aus den Fehlern anderer Schriftsteller zu lernen. Überlegen Sie, was Sie anders oder besser schreiben würden. Gerade schlechte Texte können Sie etwas lehren, denn, so PLINIUS der Ältere: »Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht in irgendeiner Weise nutzen könnte« (Nullus est liber tam malus, ut non aliqua parte prosit). Vor allem an schlechten Übersetzungen, die leider zunehmen, weil die Verlage Übersetzer schlecht bezahlen, schulen Sie Ihr Sprachgefühl.

Maxim GORKI schreibt in seinem Aufsatz Wie ich schreiben lernte:
Schlechte Bücher habe ich unendlich viele gelesen, aber auch sie waren mir von Nutzen. Das Schlechte im Leben muß man ebenso gut und gründlich kennen wie das Gute. Man muß soviel wie möglich wissen. Je mannigfaltiger die Erfahrungen sind, desto höher erheben sie den Menschen, desto weiter wird sein Gesichtsfeld.
Und Max FRISCH fesseln »zuweilen am meisten Bücher«,
die zum Widerspruch reizen, mindestens zum Ergänzen: – es fallen uns hundert Dinge ein, die der Verfasser nicht einmal erwähnt, obschon sie immerzu am Wege liegen, und vielleicht gehört es zum Genuß des Lesens, daß der Leser vor allem den Reichtum seiner eigenen Gedanken entdeckt. Mindestens muß ihm das Gefühl erlaubt sein, das alles hätte er selber sagen können. Es fehlt uns nur die Zeit, oder wie der Bescheidene sagt: es fehlen uns nur die Worte. Und auch das ist noch eine holde Täuschung. Die hundert Dinge nämlich, die dem Verfasser nicht einfallen, warum fallen sie mir selber erst ein, wenn ich ihn lese? Noch da, wo wir uns am Widerspruch entzünden, sind wir offenbar die Empfangenden. Wir blühen aus eigenen Zweigen, aber aus der Erde eines anderen. Jedenfalls sind wir glücklich. Wogegen ein Buch, das sich immerfort gescheiter erweist als der Leser, wenig Vergnügen macht und nie überzeugt, nie bereichert, Jedenfalls sind wir glücklich. Wogegen ein Buch, das sich immerfort gescheiter erweist als der Leser, wenig Vergnügen macht und nie überzeugt, nie bereichert, auch wenn es hundertmal reicher ist als wir. Es mag vollendet sein, gewiß, aber es ist verstimmend. Es fehlt ihm die Gabe des Gebens. Es braucht uns nicht.
Nicht zuletzt sollten Sie Autobiografien, Briefe oder Interviews lesen, in denen Schriftsteller über ihre Arbeitsweise berichten, über ihre Ängste, über ihren Kampf um Anerkennung, und poetologische Fragen und Probleme behandeln. Dazu zählen Gustave FLAUBERTS Briefe an Louise COLET und Umberto ECOS Nachschrift zur ›Rose‹.

Lesen Sie kritisch und sorgfältig (aber das tun Sie als Schreibender ja eh): Schreibt der Autor viele Dialoge? Wirken sie konstruiert oder sind sie lebensecht? Beschreibt er akribisch oder malt er farbige, plastische Bilder? Zeigt er oder informiert er nur? Spricht er all Ihre Sinne an? Bildet er kurze, knappe Sätze oder baut er funkelnde Satzgebilde? Achten Sie auf die Wortwahl – schreibt er kraftvolle Wörter oder fallen ihm nur Klischees ein? Markieren Sie, was Ihnen gefällt, und versehen Sie unklare Formulierungen mit Fragezeichen, notieren Sie Anmerkungen am Rand. Sie werden ein schlechtes Buch schon daran erkennen, dass es Sie in den Fingern zuckt, nach dem gelben oder roten (je nach Temperament) Edding, Marker oder Heftzettel zu greifen.

Lesen Sie jedes Buch, das Ihnen gefällt, zwei Mal. Manche Szenen werden so klarer und Sie entdecken highlights, die Ihnen vorher entgangen waren. Verfassen Sie eine Inhaltsanalyse und vermerken Sie, weshalb Ihnen das Buch gefiel oder weshalb nicht, weshalb Ihnen manche Stellen gefielen und andere nicht. Oder: Warum Sie sich langweilten, worüber Sie sich ärgerten, weshalb Sie nicht weiter lasen.

Ein Schriftsteller ist nie fertig. Er entwickelt sich auch durch das Lesen anderer Texte in seinem Schreiben weiter.
Siehe dazu auch http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/Stil

*Onely give me leave to expound my doubts, and to reply something to your last words, telling you, that Logick, as it is well understood, is the Organe with which we philosophate; but as it may be possible, that an Artist may be excellent in making Organs, but unlearned in playing on them, thus he might be a great Logician, but unexpert in making use of Logick; like as we have many that theorically understand the whole Art of Poetry, and yet are unfortunate in composing but meer four Verses; others enjoy all the precepts of Vinci, and yet know not how to paint a Stoole. The playing on the Organs is not taught by them who know how to make Organs, but by him that knows how to play on them: Poetry is learnt by continual reading of Poets: Limning is learnt by continual painting and designing: Demonstration from the reading of Books full of demonstrations, which are the Mathematical onely, and not the Logical. (In Dialogues on Two World Systems, S. 23)

Montag, 24. Oktober 2011

Erzähle nicht, sondern zeige (Don’t tell, but show) (Über das Erzählen. V)


Die Erzählung wendet sich an die Intelligenz des Lesers, die selber die Dinge in Szene setzt. (MALLARMÉ)

Schreiben muß man so, daß das Bild körperlich fühlbar wird. (GORKI; eigentlich Alexej Maximowitsch Peschkow)

Diese drei Worte der Überschrift sollten Sie ebenfalls über Ihren Schreibtisch hängen. Sie nennen die zweite goldene Regel des Erzählens und hängen eng mit der ersten zusammen (siehe Über Bewegung, Wasserkessel, Wut und das Wetter). Doch leider werden sie viel zu selten beachtet, vielleicht, weil deren Umsetzung so schwierig ist. Sie bedeuten, dass Sie Ihrem Leser sich, Ihre Welt, Ihre Gedanken und Visionen zeigen sollen, also nicht belehrend und nicht erklärend, sondern so, dass Bilder in ihm lebendig werden – dass er alles, was Sie schreiben, unmittelbar miterlebt.

Sol Stein & Co..

Nicht die Sache malen, sondern die Wirkung, die sie hervorruft. (MALLARMÉ)*
Schildern willst du den Mord? / So zeig mir den Hund auf dem Hofe: / Zeig mir im Aug von dem Hund gleichfalls den Schatten der Tat. (HOFMANNSTHAL)

Nein, der Satz »Don’t tell, but show« oder auch »Show, don’t tell« (Zeigen, nicht erzählen) ist weder ein Mantra von Schreibratgebern oder von US-amerikanischen Creative Writing-Dozenten. Es war Henry JAMES, der die Forderung, man solle nicht informieren, behaupten, beschreiben oder zu gut Deutsch labern, sondern zeigen (ich finde, die Übersetzung von tell in erzählen ist nicht gelungen, denn in gewisser Weise soll der Schriftsteller ja erzählen), in griffige Worte verpackte. Deshalb ist es auch nicht richtig, dass diese Forderung erfunden wurde, um den Leser, der filmische Erzählstrukturen gewohnt ist, wachzuhalten, wie Wikipedia schreibt. Auch finde ich den Standpunkt falsch, dass Literatur nicht zeigen könne, sondern nur erzählen, wie es bei Wikipedia an anderer Stelle heißt (siehe dazu alle meine Posts zu dem Thema unter  http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/%C3%9Cbers%20Erz%C3%A4hlen).

Aber viele angehende deutsche Autoren stehen voll Ehrfurcht vor diesem Grundsatz und bewundern Sol STEIN, der ihn in Deutschland populär gemacht hat, für etwas, das schon MALLARMÉ und HOFMANNSTHAL in ihren Poetiken ausdrückten und viele andere Schriftsteller vor ihnen schon immer, genauer gesagt, seit HOMER wussten. Jeder, der Stein & Co. studiert, könne – so jubeln sie – gute Geschichten schreiben. So einfach ist das nicht. Stein & Co. haben das literarische Schreiben nicht erfunden.

Denn alles Wissen, das der Schriftsteller zum Schreiben braucht, findet er in der Weltliteratur. Für jede handwerkliche Frage – wie ein spannender Plot gefunden wird, wie Charaktere zum Leben erweckt und Gefühle im Leser geweckt werden, wie Dialoge lebendig werden, und eben auch, wie gezeigt wird statt zu informieren – entdeckt er dort die Lösung. HOMER ist bis heute berühmt, weil er nicht beschrieb, wie Uranus den Schild des Achill herstellte, sondern erzählte, wie er entstand. Er schildert nicht die Schönheit Helenas, sondern wie sie auf die trojanischen Recken wirkt.

Die anglo-amerikanische Short-Story-Schule geht zwar auf die Methode der Komposition (The Philosophy of Composition) und das Poetische Prinzip (The Poetic Principle) von POE zurück, aber dieser entwickelte die Poetiken vor allem der Brüder SCHLEGEL, COLERIDGES und letztlich ARISTOTELES’ auch nur weiter. Die US-amerikanischen Schriftsteller, deren Romane wir begeistert lesen, setzen die Regeln nur meisterlich um.

*Siehe dazu http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/10/zitat-des-tages-mallarme-zum-show-dont.html

Sonntag, 2. Oktober 2011

Jorge Luis Borges über Schreibratgeber

"Beim Blättern in Büchern über Ästhetik hatte ich immer das unbehagliche Gefühl, ich läse die Werke von Astronomen, die niemals die Sterne betrachtet haben. Ich meine, sie haben über Dichtung geschrieben, als sei Dichtung eine Aufgabe und nicht das, was es wirklich ist: eine Leidenschaft und eine Freude."

Jorge Luis Borges, Das Handwerk des Dichters

(zitiert nach http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7109)

Montag, 22. August 2011

Fontane zur Namensgebung seiner Figuren

An Hauptmann Lehnert
Berlin 18. März 90.
Potsd. Str. 134. c.

Hochgeehrter Herr Hauptmann.

Ergebensten Dank für Ihre liebenswürdigen Zeilen. Leider sieht es mit meinen Aufklärungen über »Lehnert«*  sehr windig aus. In Schlesien (Krummhübel) führte der Held meiner Geschichte, der verheirathet und ein ganz gemeiner Kerl war, den prosaischen und dadurch ihm zuständigen Namen »Knobloch«,  den ich für meinen stark idealisirten Helden natürlich nicht brauchen konnte, weshalb ich, wie gewöhnlich beim Beginn eines Romans, auf die Namensuche ging. Den richtigen, brauchbaren zu finden ist oft recht schwer und dauert wochenlang, weil man die schon acceptirten immer wieder verwirft. So bin ich schließlich bei Lehnert angelangt und glaube noch jetzt, daß es eine gute Wahl war. Aber weiter weiß ich nichts zu sagen; historisch oder lokal fundirt, ist der Name durchaus nicht. Sein guter Klang war für mich entscheidend. Mit dem Bedauern nichts Besseres vermelden zu können, in vorzügl. Ergebenheit

Th. Fontane

(In Theodor Fontane: Werke, Schriften und Briefe: 1890–1898. Hanser 1982, S. 37)

*siehe auch die Anmerkungen zu Fontanes Roman Quitt.

Samstag, 17. Juli 2010

Zeigen, nicht informieren (Über das Erzählen. V)


Die Erzählung wendet sich an das Verständnis die Intelligenz des Lesers, das sie selber die Dinge in Szene setzt. (MALLARMÉ)

Schreiben muß man so, daß das Bild körperlich fühlbar wird. (GORKI)

Diese drei Worte der Überschrift sollten Sie ebenfalls über Ihren Schreibtisch hängen. Sie nennen die zweite goldene Regel des Erzählens und hängen eng mit der ersten zusammen (siehe Über Bewegung, Wasserkessel, Wut und das Wetter). Doch leider wird sie viel zu selten beachtet, vielleicht, weil deren Umsetzung so schwierig ist. Sie bedeutet, dass Sie Ihrem Leser sich, Ihre Welt, Ihre Gedanken und Visionen zeigen sollen, also nicht belehrend und nicht erklärend, sondern so, dass Bilder in ihm lebendig werden – dass er alles, was Sie schreiben, unmittelbar miterlebt.

Dieser Post ist umgezogen. Bitte lesen hier weiter: http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/10/erzahle-nicht-sondern-zeige-dont-tell.html

Dienstag, 9. September 2008

Wie erwirbt man einen guten Stil? I

Sicher haben Sie sich schon oft gefragt: Welchen Stil soll ich benutzen, damit ich mich von den anderen Schriftstellern unterscheide? Wo lerne ich ihn?

Darauf kann ich Ihnen nur antworten: Ihren Stil finden müssen Sie selbst, ich kann keine Gebrauchsanweisung liefern. Im Gegenteil: Wenn Sie akribisch all das anwenden, was Sie in Stilschulen und beim Lesen anderer Schriftsteller gelernt haben, kann Ihre individuelle Ausdrucksweise verloren gehen. Ein origineller Stil lässt sich nicht erzwingen, er wirkt gekünstelt und peinlich. Sie können Ihren Stil aber schulen. Und: Fragen Sie nicht, welchen Stil Sie schreiben müssen, damit er dem Leser gefällt. Solch ein Stil gefällt nicht, er wird gefällig.

Über Stilschulen

Emil STAIGER schreibt über Stilschulen, die zu genau beachtet werden, dass es
eine künstlerisch ganz irrelevante Einstimmigkeit gibt ..., ein unpersönlicher, durch den Geschmack der Öffentlichkeit, vielleicht auch durch Regelbücher vorgeschriebener Stil. Überall wo der Glaube an eine »Critische Dichtkunst« verbreitet ist, besteht grundsätzlich diese Gefahr. Zahlreiche Dichter der Aufklärung zum Beispiel sind ihr erlegen. Ungezählte Epigramme und Liederchen des achtzehnten Jahrhunderts, viele Bühnenwerke, die Gottsched verpflichtet sind, gleichen sich in stilistischer Hinsicht wie ein Ei dem andern und haben, nach unsern heutigen künstlerischen Begriffen, künstlerisch keinen Wert.
Der angesprochene Johann Christoph GOTTSCHED, der sich in dem 1730 erschienenen Versuch einer Critischen Dichtkunst für die Deutschen gegen den Schwulst in der Dichtung wandte und damit den Boden für eine klarere Schriftsprache bereitete, schuf durchaus nicht die erste Stilkunde. Verbindliche Regeln für einen guten Stil existieren seit den ersten Rhetorenschulen im fünften Jahrhundert vor Christus. Auf HORAZ' Ars poetica und vor allem ARISTOTELES' Poetik bauen alle Regelwerke und Bücher übers Schreiben bis hin zu Sol STEINS Über das Schreiben auf. Martin OPITZ schrieb 1624 die erste deutsche Stilkunde, das Buch von der Poeterey, und von 1648 bis 1653 gab der Nürnberger Georg P. HARSDÖRFFER ein Lehrbuch zur Dichtkunst, den Poetischen Trichter die Teutsche Dicht- und Reimkunst / ohne Behuf der Lateinischen Sprache / in VI Stunden einzugießen heraus – Sie kennen es als Nürnberger Trichter (er muss ja sehr optimistisch gewesen sein, wenn er meinte, man könne die Dichtkunst in sechs Stunden lernen ...). Bereits 1518 war Andreas TSCHERNINGS Werk Unvorgreiffliches Bedencken über etliche Mißbräuche in der deutschen Schreib= und Sprach=Kunst erschienen.

Die erste Poetik in deutscher Sprache schuf Otfrid VON WEISSENBURG in seinem Evangelienbuch zwischen 863 und 871, weil er die Eignung der deutschen Sprache für die Dichtkunst beweisen wollte, dass also für sie nicht nur die Sprachen der »edilzungun« – die heiligen Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein – als Sprachen der Kreuzesinschriften gelten sollten. Er wusste, dass das neu war, denn diese Sprache sei zwar »noch nicht so gesungen worden« (nist si so gisungan) und in Regeln gefasst, sie habe aber ihre Geradheit in schöner Schlichtheit.

Unter anderem schreibt er:
Sie [die Griechen und Römer] schreiben so regelrecht und so schlicht, es ist so vollkommen ineinandergefügt wie Elfenbein(schnitzereien). So muß man schreiben! Das macht dem Menschen stets Vergnügen. Beschäftige dich mit solcher Dichtung: das wird deinen Verstand anregen! Die Schlichtheit der Prosa etwa labt dich unmittelbar, die Kunst metrischer Dichtung wiederum bietet überaus reinen Genuß. Die Dichter machen [gerade] diese sehr geschmackvoll, sie messen auch die Versfüße, die Längen und Kürzen, damit ihr Werk Vergnügen bereitet. Sie haben darauf geachtet, daß ihnen keine Silbe fehlt. Sie lassen sich nur von den Erfordernissen der Versfüße leiten.
HERDER und GOETHE setzten im Sturm und Drang ihre Überzeugung durch, dass Stil als persönlicher Ausdruck sich weder nachahmen noch lehren lässt wie die Grammatik. Das Können des Autors hinge nur von dessen dichterischer Begabung ab, von dessen Individualität und Intuitionen, die wertvoller seien als Nachahmung oder Traditionen. Wichtig waren nicht mehr die Regeln, die den Leser an eine Geschichte fesseln sollten, sondern die Faszination dichterischer Freiheit. Der Dichter galt als Genie, als schöpferischer, kreativer Künstler, und nicht mehr als »Regelpoet«. Aber auch GOETHE lernte bei Christian Fürchtegott GELLERTS Poetik-Vorlesungen, die mit praktischen Übungen »in deutschen und lateinischen Ausarbeitungen zur Bildung des Verstandes und des Stils« verbunden waren, das Schreibhandwerk – und gab dessen Lektüre- und Stilvorschriften ziemlich autoritär umgehend an seine Schwester weiter. Als Goethe den Götz von Berlichingen schrieb wusste er, wie man Dramen, und bei den Leiden des jungen Werther, wie man einen Briefroman schreibt. – Den Stoff zu Wilhelm Tell, den Goethe von seiner dritten Schweiz-Reise mitgebracht hatte, überließ er allerdings SCHILLER, weil er sich selbst eine Diskrepanz zwischen »inneren Bildern und äußerem Unterlassen« eingestand. – Er las Romane von Trivialautoren, um zu lernen, wie er in Wilhelm Meisters Lehrjahre einen Geheimbund agieren lassen könnte. Die Manuskriptseiten schickte er nach und nach Schiller, damit er ihm beim Feilen half.

Schiller wiederum fürchtete, dass sein erstes Drama nicht gelungen war, weil er in Württemberg zu sehr vom literarischen Leben abgeschnitten lebte. Für den Wallenstein studierte er deshalb gemeinsam mit Goethe die gesamte Literatur über das Schreiben, von ARISTOTELES bis LESSING. Er las jedes Königsdrama von SHAKESPEARE, um zu lernen, wie man über einen historischen Stoff schreibt.

Der Geniekult des Sturm und Drang sind inzwischen widerlegt. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gab die linguistische Verständlichkeitsforschung den meisten Stilregeln eine wissenschaftliche Grundlage. ECO schreibt dazu:
Wenn ein Schriftsteller ... sagt, er habe gearbeitet, ohne an die Verfahrensregeln zu denken, meint er damit nur, daß er gearbeitet hat, ohne zu wissen, daß er die Regeln kannte. Ein Kind weiß seine Muttersprache gut zu gebrauchen, aber es könnte nicht ihre Grammatik schreiben. Dennoch ist der Grammatiker nicht der einzige, der die Regeln der Sprache kennt, denn unbewußt kennt sie auch das Kind. Der Grammatiker ist nur der einzige, der weiß, wie und warum das Kind mit der Sprache umgehen kann.
Denken Sie aber daran: Stil ist nur ein Mittel, Sie dürfen vor lauter Nachdenken über das Wie nicht das Erzählen vergessen. Meißeln und feilen und glätten Sie an Ihrem Werk nicht so lange, bis nichts Eigenes übrig bleibt. Der Stil darf nicht zum Selbstzweck verkommen, indem Sie sich nicht trauen, einen schlichten Satz zu schreiben, der nur das sagt, was er sagen soll.

Siehe dazu auch meine Ausführungen zu was ist eigentlich stil und und was ist guter stil