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Samstag, 3. November 2012

Goethe über eine Million Leser und über Kritiker*

Wer aber nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben.

Johann Wolfgang von Goethe am 12. Mai 1825

(In Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Brockhaus 1868, S. 220; http://www.wissen-im-netz.info/literatur/goethe/biografie/eckermann/1825/18250512.htm

Hier ist das vollständige Zitat:
Überall lernt man nur von dem, den man liebt. – Solche Gesinnungen finden sich nun wohl gegen mich bey jetzt heranwachsenden jungen Talenten, allein ich fand sie sehr spärlich unter Gleichzeitigen. Ja ich wüßte kaum einen einzigen Mann von Bedeutung zu nennen, dem ich durchaus recht gewesen wäre. Gleich an meinem Werther tadelten sie soviel, daß, wenn ich jede gescholtene Stelle hätte tilgen wollen, von dem ganzen Buche keine Zeile geblieben wäre. Allein aller Tadel schadete mir nichts, denn solche subjektive Urtheile einzelner obgleich bedeutender Männer stellten sich durch die Masse wieder ins Gleiche. Wer aber nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben.
Nun streitet sich das Publikum seit zwanzig Jahren, wer größer sei: Schiller oder ich, und sie sollten sich freuen, daß überhaupt ein paar Kerle da sind, worüber sie streiten können.
*Aua. Da hatte ich mir aber einen Lapsus erlaubt: Die Überschrift lautete ursprünglich "Goethe über eine Million Leser und Kritiker". Aber alles was recht ist: Von einer Million Kritiker hat der Meister nicht gesprochen. Daran sieht man mal wieder, wie sehr es auf die Stellung von Wörtern in einem Satz ankommt.

Donnerstag, 16. August 2012

Novalis über das Schreiben und Komponieren

Man muß schriftstellen, wie Componiren.*

Novalis (eigentlich Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg)

(Fragmente und Studien 1799/1780. In Novalis: Das philosophisch-theoretische Werk. Hanser, 2. Aufl. 2005, S. 759)

Die Version
Man muß schriftstellern, wie Componiren
ist leider falsch, auch wenn sie eingängiger ist.

Samstag, 11. August 2012

Zitat des Tages: Dürrenmatt über das Schreiben

Schreiben besteht hauptsächlich darin, daß man über Stoffe nachdenkt, sie dann niederschreibt, an ihnen feilt und sie gestaltet. Und manchmal kommt es nicht dazu, manchmal bleibt man stecken, manchmal verbrennt man auch, was man man geschrieben hat*. Aber das Denken darüber, das hört nicht auf.

Friedrich Dürrenmatt

(In H. L. Arnold (Hrsg.): Friedrich Dürrenmatt: Dramaturgie des Denkens. Gespräche 1988 bis 1990. Diogenes 1996, S. 195)

*Nicht nur Dürrenmatt hat Manuskripte verbrannt, sonden auch Goethe. Er ärgerte sich sehr, dass Christian Fürchtegott Gellert, zu dessen Poetikvorlesungen auch das Schreiben von Gedichten gehörte, an seinen Arbeiten, die er voll Leidenschaft geschrieben hatte, kaum ein gutes Haar ließ und fast jede Zeile mit roter Tinte korrigierte und mit Randbemerkungen versah. Also warf er diese Arbeiten – die er für seine besten hielt – in den Herd (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2009/06/die-ungeliebte-arbeit-uberarbeiten-und_05.html). Zu Goethes Erfahrungen mit Schreibseminaren siehe auch http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2011/10/goethe-uber-seine-erfahrungen-bei.html)

Samstag, 30. Juni 2012

Zitat des Tages: Schreiben ist Knochenarbeit

Schreiben ist Knochenarbeit. Ein klarer Satz entschlüpft einem nicht mal eben so. Sehr wenige Sätze stehen gleich bei der ersten – oder dritten – Niederschrift richtig auf dem Papier. Denken Sie in verzweifelten Momenten daran. Wenn es Ihnen schwer fällt, zu schreiben, dann liegt es daran, dass es schwer IST.

(Auch:
Schreiben ist harte Arbeit.  Ein klarer Satz ist kein Zufall. Sehr wenige Sätze stimmen schon bei der ersten Niederschrift oder auch nur bei der dritten. Nehmen Sie das als Trost in Augenblicken der Verzweiflung. Wenn Sie finden, dass Schreiben schwer ist, so hat das einen einfachen Grund: Es ist schwer.)

William Zinsser, Schreiben wie ein Schriftsteller, S. 22

Writing is hard work. A clear sentence is no accident. Very few sentences come out right the first time or even the third time. Remember this in moments of despair. If you find writing is hard, it’s because it is hard.
(Quelle: http://www.kevevans.com/on-writing-well-by-william-zinsser/)

Freitag, 1. Juni 2012

Freitag, 18. Mai 2012

Jorge Luis Borges über das Lesen und Schreiben

„Ich betrachte mich vor allem als Leser. Wie Sie wissen, habe ich mich ans Schreiben gewagt; aber ich glaube, das, was ich gelesen habe, ist viel wichtiger als das, was ich geschrieben habe. Denn man liest das, was man mag – aber man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist.“ [kursiv jmw]

Jorge Luis Borges

(In Das Handwerk des Dichters, 2008, S. 73)

Me considero esencialmente un lector. Como saben ustedes, me he atrevido a escribir; pero creo que lo que he leído es mucho más importante que lo que he escrito. Pues uno lee lo que quiere, pero no escribe lo que quisiera, sino lo que puede.
 
(In Arte poética: seis conferencias, 2005, S. 119)

Mittwoch, 7. März 2012

Zitat des Tages: Tschechow über das Beschreiben von Natur

"Kürzlich las ich mal einen Gymnasialaufsatz über das Thema ,Beschreibung des Meeres'. Der Aufsatz bestand aus vier Worten: ,Das Meer war groß'. Ich halte das für ganz vorzüglich."

Anton Tschechow

(Zitiert nach Maximilian Harden: Die Zukunft. Stilke 1907, S. 109)

Donnerstag, 1. März 2012

Zitat des Tages: Reich-Ranicki über Hemingway und Eisberge

"Er wusste die Kunst des schreienden Understatements zu üben und beherrschte – wie kein Erzähler vor ihm und kaum einer nach ihm - die Technik des Aussparens, das aufschreckt, des Verschweigens, das alarmiert: Indem Hemingway den Winkel eines Hauses in helles Licht tauchte, ließ er ahnen und spüren, was im Dunkeln geblieben war. Diese Methode hat er mit einem großartigen und vielzitierten Bild veranschaulicht – mit jenem vom Eisberg, bei dem auf jeden sichtbaren Teil sieben Achtel kommen, die man nicht sehen kann, weil sie sich stets unter Wasser befinden."

In Fragen Sie Reich-Ranicki: Ein Weltmeister im Selbstlob, FAZ.NET vom 20. 7. 2011

Freitag, 3. Februar 2012

Zitat des Tages: Polgar über das Schreiben von Geschichten

Geschichten werden niemals richtig erlebt, nur manchmal, sehr selten, richtig erzählt.

Alfred Polgar

(In Anderseits. Querido 1948, S. 217)

Samstag, 28. Januar 2012

Ende gut – alles gut (?): Übers Enden. I


Zum Beispiel zunehmend ein Problem: der Romanschluß. Wie gut kann ein Roman aufhören? Ich hasse schlecht ausgehende Romane, und ich habe ein unheimliches Bedürfnis, daß der Roman gut ausgehe. Aber ich kann natürlich keinen guten Schluß draufpappen und kann ihn nicht erlügen, kann ihn nicht erfinden. Aber ich versuche aus dem Material, das ich habe, den besten Romanschluß herauszuschreiben. Das kann ich aber nur, wenn die Wirklichkeit ihn mir bietet. Ich weigere mich, einen Romanschluß zu schreiben, der eine ungeheuer kritische Potenz enthielte, aber diese Potenz erzielte mit einer reinen Fiktion, die in der Wirklichkeit keinen Gewährsmann mehr hat. (Martin WALSER, Auskunft: 22 Gespräche aus 28 Jahren)
Die ersten Geschichten, die uns verzauberten, endeten mit den Worten »Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute«. Und wir waren’s zufrieden. Dass jemand stirbt, konnten wir uns eh nicht vorstellen.

Bei einem anderen Schluss, den wir lasen, sobald wir Buchstaben zu Wörtern zusammenfügen konnten (zumindest war es für uns das Ende, die übrigen Seiten haben wir überflogen – viele Texte hören auf, bevor der Autor sie offiziell enden lässt; oft ist das, was er dann noch schreibt, mehr ein Epilog oder Nachwort), weinten wir bitterlich – nicht nur, weil unser Held starb, sondern auch, weil wir wussten: Eine Fortsetzung gibt es nicht. Also lasen wir noch einmal und noch einmal Winnetou III, weinten wieder, schauten uns wieder und wieder die Filme an und erinnerten uns an unser Bangen mit Winnetou, wenn wir die Filmmusik hörten.

Karl MAY ist zum Klassiker geworden, mögen seine Bücher auch als noch so trivial bezeichnet werden und die Kritiker noch so oft auf dessen Gefängnisstrafen hinweisen. Uns interessierte nicht, was für ein Mensch er war, uns interessierten nur unsere Helden.

Das Ende eines Buches ist ebenso wichtig wie sein Anfang. Es soll eine Steigerung bringen und sich vom übrigen Text abgrenzen.
Dramatiker überlegen ganz genau, wie sie die Akte enden lassen, vor allem den letzten Akt. So beschwerte sich Richard STRAUSS einmal in einem Brief an seinen Texter Hugo VON HOFMANNSTHAL: »Aber um Gottes willen: nicht gleich drei Aktschlüsse, nach denen sich keine Hand rührt«. Varietékünstler und Tänzer heben sich den Höhepunkt ihres Auftritts für den Schluss auf, und bei Shows singt der berühmteste Popstar als letzter. Und viele Schriftsteller denken nicht nur nächtelang darüber nach, wie sie ihren Text beginnen, sondern mindestens ebenso lange, wie sie enden sollen.

Aber das blockiert meist nur, es sei denn, Sie halten es wie John IRVING: Er entwirft für jeden Roman zunächst einen genauen Plan und kennt das Ende, bevor er zu schreiben beginnt. In einem Interview mit dem Spiegel erklärt er auch, warum:
Wenn ein Ereignis extrem und übertrieben ist, muss die Schilderung besonders realistisch sein. Es kommt dabei dann nur auf die Sprache, den richtigen Ton an. Deswegen weiß ich gern, wie die Geschichte endet, bevor ich anfange: Ich will nicht darüber nachdenken, was als Nächstes kommt, sondern nur über die Sprache, in der ich es ausdrücke.
Seien Sie also flexibel und sehen Sie nicht dauernd das Ende vor den Augen, arbeiten Sie nicht voll Eifer darauf hin, auch wenn Arbeitsexposé und Gliederung das verlangen. Für Martin WALSER »determiniert sich das Ende eines Romans um die Mitte. Er produziert dann sein Ende selbst« (siehe dazu das Interview im Tagesspiegel), und MARK TWAIN soll auf die Frage eines Reporters »Und wenn dann endlich der Schluss einer Geschichte geschrieben ist, was machen Sie dann? Auf Reisen gehen, oder einfach eine Zeitlang nichts tun?«, geantwortet haben: »Nichts dergleichen, dann schreib ich endlich den Anfang!«.

Für George ELIOT sind Enden nur Scheinschlüsse, weil das Leben der Figuren weitergehen könnte. Und deshalb sind sie, wie sie in einem Brief an John Blackwood schreibt, »die Schwachstellen der meisten Autoren, aber die Schuld liegt zum Teil gerade in der Natur eines Schlusses, der im besten Falle eine Verneinung ist«, also eine Verneinung weiterer Fortsetzungen (Conclusions are the weak point of most authors, but some of the fault lies in the very nature of a conclusion, which is at best  a negation).

Warum nicht einfach mehrere Schlüsse schreiben …
Jede Handlung kann auch anders endigen (…) Also das Kunstwerk ist Sache der Willkür respektive benommener Trunkenheit. Ich ziehe die erstere vor, da sie imstande ist, Rücksicht und Takt zu üben. Das Kunstwerk ist Sache der Willkür, also der Wahl, des Wartens. Was soll gewählt werden? Sicher, man kann alles nehmen. Jedoch - es ist langweilig, von Dingen zu hören, die zu oft gesagt wurden. Was einmal mit Gottes Hilfe anständig traitiert ist, lasse man ruhen. Wir wiederholen ja doch. (Carl EINSTEIN, Gesammelte Werke)
Für Flann O’BRIEN waren »ein Anfang und ein Ende pro Buch (…) etwas, das mir nicht behagte«. Denn »Ein gutes Buch kann drei völlig verschiedene Anfänge haben, die nur im vorausschauenden Wissen ihres Verfassers zusammenhängen, und mindestens hundertmal so viele Schlüsse.« (Zumindest die drei Anfänge können Sie hier nachlesen http://www.mjucker.ch/buchanfaenge.html)*

John FOWLES offeriert in der Geliebten des französischen Leutnants drei Schlüsse: nach dem eigentlichen Ende zwei weitere, wobei der eine Schluss für den Helden glücklich ausgeht, der andere unglücklich. Er erklärt auch, wieso er das getan hat. Und da seine Überlegungen gleichsam eine poetologische Abhandlung über das Enden sind, möchte ich sie Ihnen nicht vorenthalten.
Nun, da ich diesen Roman zu einem durch und durch herkömmlichen Schluß gebracht habe, muß ich dartun, daß gleichwohl alles, was ich in den beiden letzten Kapiteln beschrieben habe, sich nicht ganz so abspielte, wie ich es Sie habe glauben machen.
Ich sagte schon, wir sind alle Dichter, aber nicht viele von uns schreiben Dichtungen; wir sind ebenso auch alle Romanciers, das heißt, wir haben die Gewohnheit, uns eine romanhafte Zukunft für uns selbst auszumalen (…). Wir bauen in Gedanken Hypothesen, wie wir uns verhalten würden, wenn dies und das auf uns zukäme; auf unser tatsächliches Verhalten haben dann diese literarischen (…) Hypothesen mehr Einfluß, als wir dies im allgemeinen zugeben – sobald die wirkliche Zukunft Gegenwart wird.
Darin bildete Charles keine Ausnahme; auf den letzten Seiten lasen Sie nicht, was wirklich geschah, sondern womit er die Stunden auf der Fahrt zwischen London und Exeter in seiner Einbildung zubrachte.
Also schreibt Fowles zwei weitere Kapitel. Und wieder überlegt er:
Aber wirklich: was, zum Teufel, soll ich jetzt mit dir tun? Ich dachte schon daran, Charles Lebenslauf jetzt und hier enden zu lassen (…) Aber die Regeln des viktorianischen Romans erlauben, erlaubten keinen offenen Schluß, kein anderes als ein endgültiges Ende. Und ich habe oben [siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2012/01/john-fowles-ubers-plotten-zu-gut.html] die Freiheit gepredigt, die man den Gestalten eines Romans lassen muß. Mein Problem ist ja einfach: was Charles will, ist doch klar, oder? (…) Was Sarah will, ist nicht so klar; ich weiß aber überhaupt, nicht, wo sie sich im Augenblick aufhält. Wenn diese beiden Figuren des wirklichen Lebens wären und nicht eine Erfindung meiner Phantasie, läge die Auflösung des Dilemmas auf der Hand: ein Wille streitet mit einem anderen, er unterliegt oder siegt, wie es eben kommt. Im Roman wird meistens behauptet, dies sei der Wirklichkeit nachgebildet: der Schriftsteller schickt die einander bekämpfenden Willensbestrebungen in den Ring, beschreibt den Kampf – aber tatsächlich entscheidet er den Ausgang, weil er jenen Willen gewinnen läßt, den er favorisiert. Und wir beurteilen Romanschriftsteller sowohl nach der Klugheit, mit der sie die Entscheidung vornehmen, das heißt, mit der sie uns überzeugen, daß der Ausgang durchaus offen sei, als auch nach dem Typ des Helden, den sie begünstigen: ist es der Gute, der Tragische, der Böse, der Lustige und so weiter.
Er denkt weiter nach:
[Ich] sehe diesmal keinen Grund, den Kampf, auf den er sich einläßt, auf eine bestimmte Weise enden zu lassen. Dadurch bleiben mir zwei Möglichkeiten. Entweder ich lasse den Kampf seinen Verlauf nehmen und beschränke mich auf die Rolle des Berichterstatters; oder ich übernehme die Standpunkte beider Partner. (…) Und da wir uns London nähern, glaube ich, die Lösung zu sehen; ich sehe nämlich, daß mein Dilemma unecht ist. Die einzige Möglichkeit, in diesem Kampf nicht Partei zu ergreifen, besteht darin, daß ich zwei Versionen liefere; dadurch verbleibt mir nur ein einziges Problem: ich kann nicht beide Versionen gleichzeitig geben, und das Diktat des letzten Kapitels ist so stark, daß eben die zweite Version als die endgültige, die »wirkliche« erscheinen wird.
Dem glücklichen Schluss nimmt Fowles das allzu Süßliche mit den Worten (siehe dazu auch Happy-End: Der Ritt in den Sonnenuntergang: über O-Bein-Romane und den schmalen Grat zwischen Kitsch und Kunst):
Damit erinnert sie ihn daran – es war wirklich höchste Zeit –, daß tausend Violinen uns sehr schnell anwidern, wenn nicht auch ein Schlagzeug vorhanden ist.
Offensichtlich empfindet er selber solch einen Schluss zu unglaubwürdig, also endet er endgültig mit den Worten:
Geht er dem drohenden Tod von eigener Hand entgegen? Ich glaube nicht; denn er hat endlich jenen Funken Selbstvertrauen gefunden, etwas wahrhaft Einmaliges, auf dem sich bauen läßt; obgleich er es bitter verneinen würde, obgleich die Tränen in seinen Augen seinem Nein Nachdruck verleihen, hat er begonnen einzusehen, daß das Leben, wie sehr Sarah auch für die Rolle der Sphinx geeignet schien, kein Geheimnis und kein ungelöstes Rätsel ist, daß es nicht nur ein Gesicht hat und daß man nicht aufgeben darf, wenn die Würfel gefallen sind; sondern daß das Leben ertragen werden muß, wie unzulänglich, leer und hoffnungslos es auch sei, bis ins eiserne Herz der Städte hinein. Und dann wieder hinaus auf das unergründliche, salzige, befremdende Meer.
Fowles überlässt es also dem Leser, zu entscheiden, welcher Schluss ihm mehr zusagt. Doch ohne dass er das ausdrücklich betont, bestärkt er ihn darin, dass der zweite glaubwürdiger ist, nicht nur, weil er trauriger, sondern weil er offen ist – weil das Leben in einer ungewissen Zukunft weitergeht.

… oder einen Epilog

Sie können auch mehrere Schlüsse anbieten, indem Sie einen Epilog schreiben wie Umberto  ECO in Der Name der Rose.

Der Roman selbst endet mit:
»Zuviel Durcheinander hier«, sagte William. »Non in commotione, non in commotione Dominus.« [Nicht in der Aufregung, nicht in der Aufregung ist der Herr.]
 Und der Epilog:
Kalt ist’s im Skriptorium, der Daumen schmerzt mich. Ich gehe und hinterlasse dies Schreiben, ich weiß nicht, für wen, ich weiß auch nicht mehr, worüber: Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus. [Die Rose von einst steht nur noch als Name, uns bleiben nur nackte Namen.]
Streichen Sie die letzten Sätze

Ein Ende zu finden ist schwer, doch noch schwerer ist, ein Ende zu finden – mit dem Schreiben nämlich. Viele Schriftsteller schreiben weiter, obwohl sie längst geendet haben (siehe dazu meinem Blogpost über Absätze und Kapitel), vor allem Anfänger neigen dazu.  Sie meinen, sie müssten dem Leser eine Moral mit auf den Weg geben (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/10/kunst-hat-nichts-mit-moral-zu-tun.html) oder sie müssten noch etwas erklären. Nur sollten sie ihren Leser nicht für dumm halten. Wenn tatsächlich eine Erklärung nötig ist, ist der Roman gescheitert. Und besonders originell, wie manche Autoren meinen, sind solche überflüssigen letzten Sätze sicher nicht.

Ein Beispiel ist der Schluss meiner Kurzgeschichte Schuld, die ich aus guten Grund noch nirgends veröffentlicht habe …
Niemals kommt jemand mit jemandem zusammen und verschmilzt zu einem Ganzen. Immer scheint es nur so. Und die Planken explodierten zu Blitzen vor seinen Augen und zu Zacken und zerplatzten in einem Nichts.
Im letzten Augenblick wusste er, dass er niemals ankommen würde, ankommen wollte, dort in das Blockhaus. Er jedenfalls konnte nicht fortgehen und weiterleben mit dem Anblick von leeren Händen in seinem Herzen.
Abgesehen davon, dass die »leeren Hände in seinem Herzen« eine Phrase sind, ist mit »die Planken explodierten« und »zerplatzten in einem Nichts« alles gesagt.

Streichen Sie nicht nur die letzten Sätze, mitunter sollten Sie den letzten Absatz streichen.
Aus Schriftstellers Schreibstübchen

Ernest HEMINGWAY hat das Ende seines Romans In einem anderen Land neununddreißig Mal umgeschrieben, bis er wie er einem Interview  sagt, zufrieden war, weil er Probleme hatte, »die richtigen Worte zu finden«. Und John UPDIKE berichtet, dass er manchmal vierhundert Seiten geschrieben und plötzlich eine viel bessere Idee für das Ende der Story habe. Dann schreibe er eben die vierhundert Seiten noch einmal. Oft existierten mehrere Versionen eines Romans.

*vollständig lautet das Zitat:
Nachdem ich mir genügend Brot für ein dreiminütiges Kauen in den Mund geschoben hatte, löschte ich meine Fähigkeiten zu sinnlicher Wahrnehmung und zog mich ins Privatleben meines Kopfes zurück, wobei Augen und Antlitz einen leeren und gedankenverlorenen Ausdruck annahmen. Ich stellte Betrachtungen zum Thema meiner literarischen Freizeitgestaltung an. Ein Anfang und ein Ende pro Buch waren etwas, das mir nicht behagte. Ein gutes Buch kann drei völlig verschiedene Anfänge haben, die nur im vorausschauenden Wissen ihres Verfassers zusammenhängen, und mindestens hundertmal so viele Schlüsse.  
Es ist gleichzeitig der Anfang seines Romans Schwimmen-Zwei-Vögel 

Fortsetzung folgt
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Freitag, 27. Januar 2012

Zitate des Tages (und ein Lesebefehl) über geistesgestörte Autoren und das Schreiben von fremden Welten

Ich bin überzeugt, daß die große Mehrheit der Leute, die Bücher oder anderes Material an die Lizenzfirmen schicken, geistig normal und kompetent sind. Aber mit allem gebührenden Respekt vor dieser Mehrheit habe ich den starken Verdacht, daß aus verschiedenen Gründen der Anteil geistesgestörter Autoren bei eingesandten Romanen zu einer Serie höher ist als bei normalen Büchern. Manche Menschen entwickeln eine Obsession für ihre Lieblingsfigur aus einem Film. Andererseits – und um fair zu sein – muß man sagen, daß der Anteil geistesgestörter Autoren im gesamten Verlagswesen recht hoch ist.

Roger MacBride Allen

Dieser Ausschnitt stammt aus MacBride Allens sehr lesenswerten Essay (deshalb der Lesebefehl) Warum es für Anfänger nahezu unmöglich ist, Romane zu einer Medienserie zu veröffentlichen, wo er auch ausgiebig auf das unverlangte Einsenden von Manuskripten an Verlage eingeht und das Schreiben von Romanen in einem anderen Universum.

Dienstag, 22. November 2011

Zitat des Tages: Marion Zimmer-Bradley über Stil

Ich hasse Stil. Stil interessiert mich überhaupt nicht, mir geht es um Geschichten. Schauen Sie doch nur die schrecklichen Autoren an, die meisterhafte Stilisten sind und doch nur gepflegte Langeweile produzieren. John Updike oder Doris Lessing zum Beispiel. Viele schlechte Schriftsteller sind großartige Stilisten.

Marion Zimmer-Bradley


(Antwort auf Denis Schecks Frage „Wie wichtig ist Ihnen Stil?“; zitiert nach http://autorinnen.de/2010/10/19/marion-zimmer-bradley-ich-hasse-stil/

Dienstag, 15. November 2011

Anaïs Nin über das Schreiben

Warum man schreibt, ist eine Frage, die ich leicht beantworten kann, da ich mich das so oft selbst gefragt habe. Ich glaube, man schreibt, weil man eine Welt erschaffen muss, in der man leben kann. Ich konnte in keiner der Welten leben, die mir angeboten wurden: die Welt meiner Eltern, die Welt Henry Millers, die Welt Gonzalos oder die Welt der Kriege. Ich musste meine eigene Welt schaffen mit einem Klima, einem Land, einer Atmosphäre, in der ich atmen, herrschen und mich erneuern konnte, wenn mich das Leben zerstörte. Das ist, glaube ich, der Grund für jedes Kunstwerk. (…)

Wir schreiben auch, um unsere Kenntnis des Lebens zu erweitern, wir schreiben, um andere zu locken und zu verzaubern und zu trösten, wir schreiben, um unseren Liebsten ein Ständchen zu bringen. Wir schreiben, um das Leben doppelt zu kosten, im Augenblick und in der Rückschau. Wir schreiben, wie Proust, um die Dinge zu verewigen und uns zu überzeugen, dass sie ewig sind. Wir schreiben, um die Grenzen unseres Lebens zu überschreiten, um darüber hinaus reichen zu können. Wir schreiben, um uns selbst zu lehren, mit anderen zu sprechen, um die Reise in das Labyrinth aufzuzeichnen. Wir schreiben, um unsere Welt zu erweitern, wenn wir uns stranguliert fühlen oder eingeengt oder einsam. Wir schreiben so, wie die Vögel singen, wie die Primitiven ihre Riten tanzen. Wenn das Schreiben für dich nicht atmen ist, nicht Aufschrei oder Gesang, dann schreibe nicht, denn unsere Kultur hat dafür keine Verwendung. Wenn ich nicht schreibe, fühle ich, wie meine Welt schrumpft. Ich fühle mich wie in einem Gefängnis. Ich fühle, wie ich mein Feuer und meine Farbe verliere. Das Schreiben sollte eine Notwendigkeit  sein, so wie das Meer sich aufbäumen muss, und ich nenne das atmen.

Anaïs NIN, Brief an einen Autor, der fragte: „Warum scheibt man“?

(Übersetzt nach: The Diary of Anaïs Nin, Bd. 5 (1947–1955). Harvest 1975, S. 149; aus urheberrechtlichen Gründen kann ich den Originaltext hier nicht einstellen)

W. Somerset Maugham über das Recht der Autoren

Ein Autor hat das Recht, nach seinen besten Werken beurteilt zu werden. Kein Autor ist vollkommen. Man muß seine Schwächen akzeptieren, sie sind oft die notwendige Ergänzung seiner Stärken, und man kann dankbar sagen, daß die Nachwelt dazu durchaus bereit ist. Sie nimmt das Gute an einem Schriftsteller und stört sich nicht an den schlechten Seiten. Zur Irritation ehrlicher Leser geht sie manchmal so weit, offensichtlichen Mängeln eine besondere Bedeutung zuzuschreiben. So kann es passieren, daß Kritiker (die ehrfurchtgebietende Stimme der Nachwelt) mit subtilen Argumenten begründen, weshalb etwas Bestimmtes in einem Shakespeare-Stück lobenswert sei, während jeder Dramatiker ihnen sagen könnte, daß dies einzig auf Hast, Unaufmerksamkeit oder Vorsatz zurückzuführen sei.

W. Somerset Maugham, Vorwort von Gesammelte Erzählungen 1+2

Samstag, 5. November 2011

Zitat des Tages: Büchners Wünsche an sein Publikum

Dabei bin ich gerade daran, sich einige Menschen auf dem Papier totschlagen oder verheiraten zu lassen, und bitte den lieben Gott um einen einfältigen Buchhändler und ein groß Publikum mit so wenig Geschmack, als möglich.

Georg Büchner, Brief an Wilhelm Büchner, 2. 9. 1836 http://gutenberg.spiegel.de/buch/421/1

Freitag, 4. November 2011

Theodor Fontane übers Schreiben der ersten Sätze und das Feilen

Volle acht Tage habe ich gebraucht, um das in Abschrift vor mir liegende erste Kapitel in Ordnung zu bringen. Und ein paar Stellen genügen mir auch jetzt noch nicht und müssen, nach erneuter Abschrift, wieder unter die Feile.

Nun müssen Sie aber nicht fürchten, daß das so weitergeht. Das erste Kapitel ist immer die Hauptsache und in dem ersten Kapitel die erste Seite, beinah die erste Zeile. Die kleinen Pensionsmädchen haben gar so unrecht nicht, wenn sie bei Briefen oder Aufsätzen alle Heiligen anrufen: »Wenn ich nur erst den Anfang hätte.« Bei richtigem Aufbau muß in der ersten Seite der Keim des Ganzen stecken. Daher diese Sorge, diese Pusselei.

Theodor Fontane, Brief an Gustav Karpeles am 18. August 1880

(In Briefe Theodor Fontanes. Fontane & Co. 1909, S. 17)

Donnerstag, 3. November 2011

Lichtenberg übers Schreiben

Es soll Menschen gegeben haben, die,  wenn sie einen Gedanken niederschrieben, auch sogleich die beste Form dafür getroffen haben sollen. Ich glaube wenig davon. Es bleibt allemal die Frage, ob der Ausdruck nicht besser geworden wäre, wenn sie den Gedanken mehr gewandt hätten; ob nicht kürzere Wendungen möglich gewesen wären; ob nicht manches Wort hätte wegbleiben können und dergl. – Gleich auf den ersten Wurf so zu schreiben, wie z. B. Tacitus, liegt nicht in der menschlichen Natur. Um einen Gedanken recht rein darzustellen, dazu gehört viel Abwaschen und Absüßen, so wie einen Körper rein darzustellen. (…) Wenigstens wird es kaum möglich seyn, gleich das erstemal so zu schreiben, daß man eine Schrift öfters wieder liest und immer mit neuem Vergnügen. (…) Auch verliert sich bey öfterm Hin- und Herwenden des Gedankens der Kitzel zu glänzen, und man streicht weg, was bloß des Glanzes wegen dasteht.

Georg Christoph Lichtenberg

(In Georg Christoph Lichtenberg’s vermischte Schriften Bd. 2. Dieterichsche Buchhandlung 1801, S. 334f.)

Freitag, 28. Oktober 2011

Hemingway über die Qualität seines Schreibens

Um Christi willen, schreibe und mache dir keinen Kopf darum, was die Jungs sagen werden, ob es nun ein Meisterstück wird oder nicht. Auf eine Seite Meisterstück kommen bei mir einundneunzig Seiten Schrott. Ich versuche, den Schrott in den Papierkorb zu werfen.

For Christ sake write and don't worry about what the boys will say nor whether it will be a masterpiece nor what. I write one page of masterpiece to ninety-one pages of shit. I try to put the shit in the wastebasket.

Ernest Hemingway, Brief an Scott Fitzgerald, 28. 5.1934

(Ernest Hemingway: Selected Letters 1917–1961. Scribner 1981, S. 408)

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Mario Vargas Llosa über das Lesen und Schreiben

Es war nicht leicht, Geschichten zu schreiben. Wurden sie zu Worten, verdorrten die Vorhaben auf dem Papier, verflüchtigten sich Einfälle und Bilder. Wie sie wiederbeleben? Glücklicherweise gab es die Meister, von denen man lernen und deren Beispiel man folgen konnte. Flaubert lehrte mich, daß Talent aus hartäckiger Disziplin und viel Geduld besteht. Faulkner, daß es die Form ist – Stil und Struktur –, die ein Thema bedeutend oder unbedeutend macht. Martorell, Cervantes, Dickens, Balzac, Tolstoi, Conrad, Thomas Mann, daß Fülle und Ambition eines Romans ebenso wichtig sind wie stilistisches Geschick und Erzählstrategie. Sartre, daß Worte Taten sind und Romane, Theaterstücke oder Essays, die der Aktualität und ihren besten Absichten Stimme verleihen, den Lauf der Geschichte verändern können. Camus und Orwell, daß eine Literatur ohne Moral inhuman ist, und Malraux, daß Heroismus und Epos in der Aktualität ebenso ihren Platz haben wie zu Zeiten der Argonauten, der Odyssee und der Ilias.

Mario Vargas Llosa: „Ein Lob auf das Lesen und die Fiktion.“ Nobelvorlesung 7. Dezember 2010 http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2010/vargas_llosa-lecture_ty.pdf

Siehe dazu auch http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2008/09/wie-erwirbt-man-einen-guten-stil-ii.html

Montag, 24. Oktober 2011

Zitat des Tages: Mallarmé zum "Show, don't tell" – Zeigen, nicht erzählen

Ich habe endlich meine Herodiade begonnen. Mit Grauen, denn ich erfinde eine Sprache, die notwendig aus einer sehr neuen Dichtungslehre strömen muß, die ich in den zwei Worten umschreiben könnte: nicht die Sache malen, sondern die Wirkung, die sie hervorruft. Der Vers darf sich also nicht aus Wörtern zusammensetzen, sondern aus Intentionen, und alle Worte müssen hinter den Empfindungseindrücken zurücktreten.

Stéphane Mallarmé, Brief an Henri Cazalis am 30. 10. 1864