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Mittwoch, 13. Juni 2012

Ein Waldspaziergang (Über die Bedeutung von Wörtern)


Stellen Sie sich vor, Sie spazieren mit sechs Freunden an einem Herbstnachmittag durch einen Wald. Sie schauen Ihre Begleiter an, atmen tief ein voll Glück, dass Sie mit Gleichgesinnten zusammen sein dürfen. Das ist ganz und gar nicht selbstverständlich heutzutage, überlegen Sie und schlucken ein bisschen und wischen sich ein Tränchen aus dem Auge.

Sieben Freunde spazieren also durch den denselben Wald. Nur: Der eine schätzt, wie viel Klafter Holz er ergibt und errechnet den Gewinn, der zweite bestimmt die Baum- und Pflanzenarten und freut sich über ein seltenes Exemplar, der dritte schaut nach Pilzen und Blaubeeren aus und kocht in Gedanken das Abendessen, der vierte beklagt den sauren Regen, der fünfte bewundert die Krabbeltiere auf einem Ameisenhaufen und lauscht dem Hämmern eines Spechts, dem sechsten ist der Wald halt ein Wald, an dem er sich erfreut, und der siebte ist wie immer voller Worte und schreibt in Gedanken ein Gedicht. Sieben Freunde spazieren durch den Wald und sind Kaufmann, Botaniker, Koch, Umweltschützer, Zoologe, einfach Mensch – hier darf er’s sein – und Dichter. Vielleicht ist der eine auch ein Patriot, der den deutschen Wald besingt, und der andere ein Griesgram, der mit finsterer Miene durch den Wald stolpert, weil er lieber in der Kneipe säße.

Oder das: Sie besichtigen mit einem Freund Kloster Melk in der Wachau. Bei einem Mauerdurchbruch, der den Rahmen für eine eindrucksvolle Aussicht auf die Donau bilden würde, jammern Sie darüber, dass Sie Ihren Fotoapparat vergessen haben. Ihr Freund aber sieht ‘nur' die Straße, die sich an der Donau entlang schlängelt – und vermisst sein Fahrrad.

Sprache ist immer symbolisch. So alltägliche Wörter wie Wald sind nur ein Hinweis auf einen Gegenstand. Auch bei Mutter und Vater weiß jeder, wovon die Rede ist. Doch letztlich hängt der Sinn eines Wortes von unseren Erfahrungen ab.  Was der eine mit einem Gefühl tiefer Geborgenheit verbindet, bedeutet für den anderen lebenslange Kränkung. Denn jeder Mensch sieht die Welt mit seinen eigenen Augen, hat seine eigene Sicht der Dinge, sein persönliche Deutung von Wörtern. Beim Lesen wählen wir aus, wessen wir gerade bedürfen, Trost oder Ansporn, Frage oder Antwort, Vertrautes oder Rätselhaftes.

Sprache sagt nicht aus, was ist und wie die Welt ist, sie bildet nicht die Wirklichkeit ab, sondern unsere besondere Art, sie wahrzunehmen, und auszuwählen, was wir für nennenswert halten. Nicht umsonst spricht man von Weltanschauung und Weltbild (mehr zu den beiden Begriffen siehe Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. 28, Sp. 1531 ff.)

Und genau aus diesem Grund sind Interpretationen des eigenen Textes meist nicht möglich. Denn ebenso wie der Autor seine Weltanschauung einbringt, bringt der Leser seine Denkweise ein. Er entnimmt ihm seine eigene Wahrheit, anders, als der Autor geplant hatte. 

Mittwoch, 23. November 2011

Über den Bücherwurm

Es gibt flüchtige Leser und äußerst exakte Leser. Es gibt professionelle Leser und Hobby-Leser. Es gibt Diagonal-, Quer- und Rückwärts-Leser. Es gibt Gewohnheits-Leser und Zeitvertreib-Leser. Es gibt Leser, die ein Buch nur zur Hand nehmen, wenn auch eine Tasse Tee in Reichweite ist. Andere Leser greifen ausschließlich beim Zu-Bett-Gehen zum Buch. Manche lesen nur im Zug, auf Reisen oder im Urlaub am Strand. Und dann gibt es da noch einen Typus  von Leser, der sich mit aller Leidenschaft auf sein Objekt der Begierde, aufs Buch, stürzt. Der Bücher nicht nur liest, sondern sie sammelt, hortet, anhäuft. Der an Büchern nicht  nur ihren Inhalt schätzt, sondern auch das Leinen des Einbands. Der an den Seiten riecht, sie befühlt, sie buchstäblich schmeckt. Und ausgerechnet dieser Leser wird mit einem Tier gleichgesetzt. Einem Wurm.

Hektor Haarkötter, Der Bücherwurm

Montag, 21. November 2011

Dein Leser das unbekannte Wesen (Die Hauptperson: Ihr Leser. II)


Wer ist das eigentlich, dieses merkwürdige Wesen, von dem Ihr Wohl und Wehe abhängen, das den Daumen hebt oder senkt? Das Sie glücklich machen kann oder in die tiefsten Tiefen der Hölle versinken lässt?

Nun, dazu hatte ich vor einiger Zeit schon etwas geschrieben (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2008/08/die-hauptperson-ihr-leser.html). Heute möchte ich einfach mal Ausschnitte aus meinem Buchmanuskript „Am Anfang war die Phantasie: Über das Geheimnis der Schreibkunst“ einstellen, die sich mit diesem Wesen beschäftigen.
  • Jeder Leser sieht die Welt mit seinen eigenen Augen, hat seine eigene Sicht der Dinge, seine eigenen Erfahrungen, Überzeugungen und Gefühle. Er deutet Wörter anders und entnimmt einem Text seine eigene Wahrheit, oft anders, als der Autor beabsichtigt hatte. Jeder weiß bei Mutter und Vater, von wem die Rede ist. Doch was der eine mit einem Gefühl tiefer Geborgenheit verbindet, bedeutet für den anderen lebenslange Kränkung.
  • Der Leser will weinen und lachen, mit dem Helden leiden oder über ihn schmunzeln, ihn auf der Stelle anrufen und zum Geburtstag einladen wollen; er will neugierig umblättern, atemlos weiterlesen oder erschreckt den Atem anhalten, will Hunger, Durst und Schmerzen vergessen und am Schluss erleichtert aufatmen, das Buch schockiert zuklappen oder nach dem letzten Wort meinen, er hätte einen Freund verloren.
  • Der Leser will Außergewöhnliches lesen und nicht das, was er kennt: nicht über den Durchschnittsbürger, der ist er selbst, sondern über Riesen oder Zwerge; nicht über die Durchschnittsehe, sondern über Lachen, Weinen, Streit, Versöhnung. Die Figuren sollen einerseits so sein wie er selbst, er erkennt in ihnen sein Spiegelbild und seinen Schatten. Ist er selbst langweilig und spießig, sollen sie noch langweiliger und spießiger sein. Andererseits sollen sie das bisschen mehr Mut und Glamour besitzen, das er sich selbst immer gewünscht hat, und das sein, vor dem er sich immer fürchtet: Sie sollen böser, feiger, mutiger, schöner, glücklicher sein, sie sollen leidenschaftlicher lieben, tödlicher hassen, sollen größere Wünsche haben, größere Autos fahren und in größeren Häusern wohnen. Der Leser will Erfahrungen sammeln, die er anders nicht gewinnen kann. 
  • Zuschauer geben einem Film sieben Minuten. Werden sie innerhalb dieser Zeit nicht in den Bann der Figuren oder in die Handlung gezogen, sind sie enttäuscht. In der Buchhandlung liest der Kunde den Klappentext und überfliegt anschließend die erste Seite. Er gibt einem Buch also noch weniger Zeit, bis er entscheidet, ob es viele lohnende Lesestunden verspricht. Tauchen der überraschende, wichtige Satz, die mitreißende Figur, erst auf der zweiten Seite auf, ist es zu spät.
  • Der Leser möchte nicht über die Wut Hannas wegen der Untreue ihres Mannes informiert werden, sondern Teller gegen die Wand fliegen sehen. – Er versteht eh etwas anderes unter Wut oder Angst als Sie. – Er möchte nicht erklärt bekommen, dass es regnet, sondern nass werden; er möchte nicht lesen, dass es schneit, sondern durch Schneeverwehungen stapfen: Er will sehen, hören, fühlen, tasten, riechen und schmecken
  • Der Leser achtet auf das kleinste Zeichen. Selbst eine Nebelbank oder ein Armband wie in Elizabeth Georges Krimi Denn sie betrügt man nicht müssen für die Handlung wichtig sein. Ohne die Brille des Professors in Michael Chrichtons Timeline wäre die Geschichte anders verlaufen. Auch ein Spielzeuggewehr muss schießen. Und niemand darf sich grundlos schnäuzen.
  • Der Leser will sich nicht durch einen Text durchkämpfen, er möchte ernst genommen werden. Wenn der Autor ihn so wenig ernst nimmt, dass er seinen Text mit sprachlichen Stolpersteinen spickt, Wort für Wort und Satz für Satz nicht auf deren Wirkung abwägt, warum sollte der Leser dann ihn ernst nehmen? Wenn der Text äußerlich schlampig ist, wie wird erst der Inhalt sein?
  • Der Leser hat das Recht auf einen Text, der nicht mit der heißen Nadel, sprich mit banalen Wörtern, Wendungen oder Sätzen, gestrickt ist. Äußerst beliebt sind Wörtchen, die überall zu passen scheinen und doch nichts sagen, keine Gefühle hervorrufen, wie gutgelaunt. Der Leser muss raten, was gemeint ist, nur weil der Autor sich das Nachdenken über den speziellen Ausdruck erspart hat.
  • Der Leser darf sich nicht langweilen. Er möchte nicht im jedem vierten Thriller lesen, dass sich ein Drachen über den Arm der Schönen schlängelt, nicht in jedem dritten Thriller eine Verfolgungsjagd in einem Museum oder einer Gemäldegalerie und nicht in jedem zweiten, dass jemandem ein Auge ausgestochen wird. Besonders originell ist natürlich, wenn bei der obligatorischen Verfolgungsjagd durch ein Museum das obligatorische Auge ausgestochen wird wie in Frank Schätzings Limit.
  • Der Leser will nicht belehrt und von oben herab behandelt werden. Er ist klüger als Sie denken, stellen Sie sich nicht schlauer dar als er. Seien Sie keine »Briefkastentante«, geben Sie keine Ratschläge oder peinlichen Hinweise. Schreiben Sie nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, um dem Leser zu demonstrieren, wie überlegen Sie ihm sind, und geben Sie keine Erzählkommentare, in denen Sie zeigen wollen, wie klug Sie sind und worüber Sie sich im Unterschied zum Leser tiefgründige Gedanken gemacht haben. 
  • Der Leser will sich nicht berieseln lassen, sondern aktiv lesen. Erschlagen Sie Ihren Leser also nicht mit Fakten. Schildern Sie nicht seitenlang, wie Ihr Held eine Dissertation über Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft schreibt, welche Sekundärliteratur er wälzen muss, lassen Sie ihn nicht über Textstellen und Kants Philosophie reflektieren; beschreiben Sie in einem Campus-Roman keine endlos langen Forschungsprogramme. Schließlich schreiben Sie keinen literarischen Gebrauchstext. So füllen Sie zwar Seite um Seite, doch der Leser blättert darüber hinweg. Oft wirkt das auch so, als schaue der Autor mit einem Auge auf seinen Text und mit dem anderen auf Wikipedia.
  • So wie jeder Fußballenthusiast der bessere Trainer ist, dichtet der Leser mit. Schreiben Sie nur, was wirklich wichtig ist. Überlassen Sie dem Leser, die Lücken, das Nichtgesagte, mit Leben zu füllen. Ein Text, der nicht geheimnisvoll ist, wirkt konstruiert – tot. 
  • Und last not least: Der Leser merkt, wenn das Buch lustlos geschrieben ist: Er wird es genauso mühevoll lesen, wie es entstanden ist, und umgehend bei Amazon verhökern.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Lesen – Lesen – Lesen (Wie erwirbt man einen guten Stil? II)


Dichten lernt man durch regelmäßiges Lesen von Gedichten. (GALILEI)*

Damit Sie schreiben können, müssen Sie lesen. Sie können nicht nur aus Ihrem Inneren heraus erzählen, Sie benötigen auch die literarische Anregung. »Ich lese auch Lyrik, ich lese Sachbücher, ich lese alles. Man spaziert dabei ja in dem Hirn von anderen Menschen herum, das ist immer inspirierend«, so Cornelia FUNKE in einem Interview mit dem Tagesspiegel. Durch das Lesen gewinnen Sie auch Sprachsicherheit, und durch das Vergleichen der Stilmerkmale entdecken Sie den Reichtum der Sprache. Seit HOMER, dem Begründer der abendländischen Literatur – die Ilias gilt als der erste europäische Roman –, haben sich Schriftsteller an Vorbilder gehalten und doch ihren eigenen Stil gefunden.

Ich möchte hier keinen Kanon aufstellen, zu vielfältig sind die Werke, um objektiv zu sein. Einige Bücher möchte ich aber doch nennen. Da sind zum einen Gustav SCHWABS Sagen des klassischen Altertums, die sich an die griechischen Klassiker anlehnen. Die Dramatik und die Figuren bei Homer und den griechischen Tragikern wie SOPHOKLES und EURIPIDES gelten auch heute noch als Vorbild für Literatur. Denn alles Wissen, das der Schriftsteller zum Schreiben braucht, findet er in der Weltliteratur. Für jede handwerkliche Frage – wie ein spannender Plot gefunden wird, wie Charaktere aufgebaut, Gefühle bildlich dargestellt, Dialoge lebendig werden, wie gezeigt wird statt zu informieren – entdeckt er dort die Lösung. Auch Drehbücher, selbst von Seifenopern, stützen sich auf die klassischen dramaturgischen Regeln über Stoff, Konflikt, Handlung, Charakter und Ausführung, also die »Zusammenfügung der Geschehnisse«, vor allem von ARISTOTELES. Und ich empfehle Ihnen die Bibel in der Übersetzung LUTHERS, auch wenn Sie nicht religiös sind. Kaum ein Werk ist so sprachgewaltig, so voller Bilder, Rhythmus und Klang und spannender, grausamer, heldenhafter und zeitloser Geschichten.

Studieren Sie Klassiker wie GOETHE (vor allem Faust I und II), DOSTOJEWSKI, Thomas MANN, Hermann HESSE, Max FRISCH, auch wenn Ihnen deren zum Teil herkömmlicher Stil missfällt. Magiere des Wortes sind sie alle. Lernen Sie von ihnen, wie man Figuren zeichnet und einführt, wie man die Handlung aufbaut, welche Perspektive man wählt. Studieren Sie, mit welchen sprachlichen Mitteln sie arbeiten – wie sie Ihre Phantasie anregen. Lesen Sie aber auch Werke von Schriftstellern, die Sie mögen und eher Ihrem Stil entsprechen, und von Erzählern anderer Nationen. Die Sinnlichkeit, mit der vor allem lateinamerikanische und asiatische, aber auch arabische Autoren ihre Welt und die Menschen, die in ihr leben, zeigen, ist ein Lehrstück für so manchen deutschsprachigen Autor. Lesen Sie andere Genres, um Ihren Horizont zu erweitern und noch mehr Anregungen zu finden.

Wenn Sie gern Kurzgeschichten schreiben, sollten Sie Anton TSCHECHOW, Edgar Allan POE oder Texte aus der Short-Story-Schule lesen. – Short Story bedeutet übrigens etwas anderes als Kurzgeschichte, auch wenn die wörtliche Übersetzung das suggeriert. Im deutschsprachigen Raum wird bei der »kurzen Geschichte« zwischen Erzählung, Kurzgeschichte und Novelle unterschieden; die Short Story entspricht eher der Novelle. –

Das Vorbild für Short Storyies ist natürlich Ernest HEMINGWAY. Er hielt sich mit weisen Ratschlägen jedoch zurück, weil er meinte, über Literatur zu sprechen hätte den gleichen Effekt wie über Schmetterlingsflügel oder über das Gefieder eines Adlers zu reden – die Faszination würde bei zu genauer Betrachtung verschwinden.

Verfolgen Sie Kritiken von Büchern, Theaterstücken und Filmen. Sie erfahren dort Wichtiges über deren Dramaturgie, deren Vorzüge und Nachteile, weil die Kritiker (meist) sachkundig begründen, weshalb sie die Werke preisen oder verdammen. Üben Sie selbst Kritik.

Lesen Sie aber auch Unterhaltungsliteratur, um aus den Fehlern anderer Schriftsteller zu lernen. Überlegen Sie, was Sie anders oder besser schreiben würden. Gerade schlechte Texte können Sie etwas lehren, denn, so PLINIUS der Ältere: »Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht in irgendeiner Weise nutzen könnte« (Nullus est liber tam malus, ut non aliqua parte prosit). Vor allem an schlechten Übersetzungen, die leider zunehmen, weil die Verlage Übersetzer schlecht bezahlen, schulen Sie Ihr Sprachgefühl.

Maxim GORKI schreibt in seinem Aufsatz Wie ich schreiben lernte:
Schlechte Bücher habe ich unendlich viele gelesen, aber auch sie waren mir von Nutzen. Das Schlechte im Leben muß man ebenso gut und gründlich kennen wie das Gute. Man muß soviel wie möglich wissen. Je mannigfaltiger die Erfahrungen sind, desto höher erheben sie den Menschen, desto weiter wird sein Gesichtsfeld.
Und Max FRISCH fesseln »zuweilen am meisten Bücher«,
die zum Widerspruch reizen, mindestens zum Ergänzen: – es fallen uns hundert Dinge ein, die der Verfasser nicht einmal erwähnt, obschon sie immerzu am Wege liegen, und vielleicht gehört es zum Genuß des Lesens, daß der Leser vor allem den Reichtum seiner eigenen Gedanken entdeckt. Mindestens muß ihm das Gefühl erlaubt sein, das alles hätte er selber sagen können. Es fehlt uns nur die Zeit, oder wie der Bescheidene sagt: es fehlen uns nur die Worte. Und auch das ist noch eine holde Täuschung. Die hundert Dinge nämlich, die dem Verfasser nicht einfallen, warum fallen sie mir selber erst ein, wenn ich ihn lese? Noch da, wo wir uns am Widerspruch entzünden, sind wir offenbar die Empfangenden. Wir blühen aus eigenen Zweigen, aber aus der Erde eines anderen. Jedenfalls sind wir glücklich. Wogegen ein Buch, das sich immerfort gescheiter erweist als der Leser, wenig Vergnügen macht und nie überzeugt, nie bereichert, Jedenfalls sind wir glücklich. Wogegen ein Buch, das sich immerfort gescheiter erweist als der Leser, wenig Vergnügen macht und nie überzeugt, nie bereichert, auch wenn es hundertmal reicher ist als wir. Es mag vollendet sein, gewiß, aber es ist verstimmend. Es fehlt ihm die Gabe des Gebens. Es braucht uns nicht.
Nicht zuletzt sollten Sie Autobiografien, Briefe oder Interviews lesen, in denen Schriftsteller über ihre Arbeitsweise berichten, über ihre Ängste, über ihren Kampf um Anerkennung, und poetologische Fragen und Probleme behandeln. Dazu zählen Gustave FLAUBERTS Briefe an Louise COLET und Umberto ECOS Nachschrift zur ›Rose‹.

Lesen Sie kritisch und sorgfältig (aber das tun Sie als Schreibender ja eh): Schreibt der Autor viele Dialoge? Wirken sie konstruiert oder sind sie lebensecht? Beschreibt er akribisch oder malt er farbige, plastische Bilder? Zeigt er oder informiert er nur? Spricht er all Ihre Sinne an? Bildet er kurze, knappe Sätze oder baut er funkelnde Satzgebilde? Achten Sie auf die Wortwahl – schreibt er kraftvolle Wörter oder fallen ihm nur Klischees ein? Markieren Sie, was Ihnen gefällt, und versehen Sie unklare Formulierungen mit Fragezeichen, notieren Sie Anmerkungen am Rand. Sie werden ein schlechtes Buch schon daran erkennen, dass es Sie in den Fingern zuckt, nach dem gelben oder roten (je nach Temperament) Edding, Marker oder Heftzettel zu greifen.

Lesen Sie jedes Buch, das Ihnen gefällt, zwei Mal. Manche Szenen werden so klarer und Sie entdecken highlights, die Ihnen vorher entgangen waren. Verfassen Sie eine Inhaltsanalyse und vermerken Sie, weshalb Ihnen das Buch gefiel oder weshalb nicht, weshalb Ihnen manche Stellen gefielen und andere nicht. Oder: Warum Sie sich langweilten, worüber Sie sich ärgerten, weshalb Sie nicht weiter lasen.

Ein Schriftsteller ist nie fertig. Er entwickelt sich auch durch das Lesen anderer Texte in seinem Schreiben weiter.
Siehe dazu auch http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/Stil

*Onely give me leave to expound my doubts, and to reply something to your last words, telling you, that Logick, as it is well understood, is the Organe with which we philosophate; but as it may be possible, that an Artist may be excellent in making Organs, but unlearned in playing on them, thus he might be a great Logician, but unexpert in making use of Logick; like as we have many that theorically understand the whole Art of Poetry, and yet are unfortunate in composing but meer four Verses; others enjoy all the precepts of Vinci, and yet know not how to paint a Stoole. The playing on the Organs is not taught by them who know how to make Organs, but by him that knows how to play on them: Poetry is learnt by continual reading of Poets: Limning is learnt by continual painting and designing: Demonstration from the reading of Books full of demonstrations, which are the Mathematical onely, and not the Logical. (In Dialogues on Two World Systems, S. 23)

Mario Vargas Llosa über das Lesen und Schreiben

Es war nicht leicht, Geschichten zu schreiben. Wurden sie zu Worten, verdorrten die Vorhaben auf dem Papier, verflüchtigten sich Einfälle und Bilder. Wie sie wiederbeleben? Glücklicherweise gab es die Meister, von denen man lernen und deren Beispiel man folgen konnte. Flaubert lehrte mich, daß Talent aus hartäckiger Disziplin und viel Geduld besteht. Faulkner, daß es die Form ist – Stil und Struktur –, die ein Thema bedeutend oder unbedeutend macht. Martorell, Cervantes, Dickens, Balzac, Tolstoi, Conrad, Thomas Mann, daß Fülle und Ambition eines Romans ebenso wichtig sind wie stilistisches Geschick und Erzählstrategie. Sartre, daß Worte Taten sind und Romane, Theaterstücke oder Essays, die der Aktualität und ihren besten Absichten Stimme verleihen, den Lauf der Geschichte verändern können. Camus und Orwell, daß eine Literatur ohne Moral inhuman ist, und Malraux, daß Heroismus und Epos in der Aktualität ebenso ihren Platz haben wie zu Zeiten der Argonauten, der Odyssee und der Ilias.

Mario Vargas Llosa: „Ein Lob auf das Lesen und die Fiktion.“ Nobelvorlesung 7. Dezember 2010 http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2010/vargas_llosa-lecture_ty.pdf

Siehe dazu auch http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2008/09/wie-erwirbt-man-einen-guten-stil-ii.html

Dienstag, 22. September 2009

Marcel Proust über das Lesen

Es gibt vielleicht keine Tage unserer Kindheit, die wir so voll erlebt haben wie jene, die wir glaubten verstreichen zu lassen, ohne sie zu erleben, jene nämlich, die wir mit einem Liebslingsbuch verbracht haben. Alles, was sie, wie es schien, für die andern erfüllte und was wir wie eine vulgäre Unterbrechung eines göttlichen Vergnügens beiseiteschoben: das Spiel, zu dem uns ein Freund bei der interessantesten Stelle abholen wollte; die störende Biene oder der lästige Sonnenstrahl, die uns zwangen, den Blick von der Seite zu heben oder den Platz zu wechseln; die für die Nachmittagsmahlzeit mitgegebenen Vorräte, die wir unberührt neben uns auf der Bank liegen ließen, während über unserm Haupt die Sonne am blauen Himmel unaufhaltsam schwächer wurde; das Abendessen, zu dem wir zurück ins Haus mußten, und während dessen wir nur daran dachten, sogleich danach in unser Zimmer hinaufzugehen, um das unterbrochene Kapitel zu beenden, all das, worin unser Lesen uns nur Belästigung hätte sehen lassen müssen, grub im Gegenteil eine so sanfte Erinnerung in uns ein (die nach unserm heutigen Urteil um so vieles kostbarer ist als das, was wir damals mit Hingabe lasen), daß, wenn wir heute manchmal in diesen Büchern von einst blättern, sie nur noch wie die einzigen aufbewahrten Kalender der entflohenen Tage sind, und es mit der Hoffnung geschieht, auf ihren Seiten die nicht mehr existierenden Wohnstätten und Teiche sich widerspiegeln zu sehen.
Wer erinnert sich nicht, wie ich, des Lesens während der Ferien, das man nacheinander in all jenen Stunden des Tages barg, die hinreichend friedlich und unverletzlich waren, um ihm Asyl zu gewähren.

Marcel Proust

(In Tages des Lesens. Suhrkamp, 1963, S. 9 f.)

Il n'y a peut-être pas de jours de notre enfance que nous ayons si pleinement vécus que ceux que nous avons cru laisser sans les vivre, ceux que nous avons passés avec un livre préféré. Tout ce qui, semblait-il, les remplissait pour les autres, et que nous écartions comme un obstacle vulgaire à un plaisir divin: le jeu pour lequel un ami venait nous chercher au passage le plus intéressant, l'abeille ou le rayon de soleil gênants qui nous forçaient à lever les yeux de la page ou à changer de place, les provisions de goûter qu'on nous avait fait emporter et que nous laissions à côté de nous sur le banc, sans y toucher, tandis que, au-dessus de notre tête, le soleil diminuait de force dans le ciel bleu, le dîner pour lequel il avait fallu rentrer et pendant lequel nous ne pensions qu'à monter finir, tout de suite après, le chapitre interrompu, tout cela, dont la lecture aurait dû nous empêcher de percevoir autre chose que l'importunité, elle en gravait au contraire en nous un souvenir tellement doux (tellement plus précieux à notre jugement actuel que ce que nous lisions alors avec amour) que, s'il nous arrive encore aujourd'hui de feuilleter ces livres d'autrefois, ce n'est plus que comme les seuls calendriers que nous ayons gardés des jours enfuis, et avec l'espoir de voir reflétés sur leurs pages les demeures et les étangs qui n'existent plus.
Qui ne se souvient comme moi de ces lectures faites au temps des vacances, qu'on allait cacher successivement dans toutes celles des heures du jour qui étaient assez paisibles et assez inviolables pour pouvoir leur donner asile.

(Sur la lecture)

There are perhaps no days of our childhood we lived so fully as those we believe we left without having lived them, those we spent with a favorite book. Everything that filled them for others, so it seemed, and that we dismissed as a vulgar obstacle to a divine pleasure: the game for which a friend would come to fetch us at the most interesting passage; the troublesome bee or sun ray that forced us to lift our eyes from the page or to change position; the provisions for the afternoon snack that we had been made to take along and that we left beside us on the bench without touching, while above our head the sun was diminishing in force in the blue sky; the dinner we had to return for, and during which we thought only of going up immediately afterward to finish the uninterrupted chapter, all those things with which reading should have kept us from feeling anything but annoyance, on the contrary they have engraved in us so sweet a memory (so much more precious to our present judgment than what we read then with such love), that if we still happen today to leaf through those books of another time, it is for no other reason than that they are the only calendars we have kept of days that have vanished, and we hope to see reflected on their pages the dwellings and the ponds which no longer exist. 
Who does not remember, as I do, those books read during vacation time, that one used to take and hide, one after another, in those hours of the day that were peaceful enough and inviolable enough to give them refuge.
(On Reading Ruskin, S. 99 f.)

Dienstag, 26. August 2008

Die Hauptperson: Ihr Leser. I


Liebe deinen Leser wie dich selbst. (Wolf SCHNEIDER)

»Jedes Kunstwerk hat es in sich, daß es wahrgenommen werden will. Es will, wie monologisch es ausfallen mag, jemanden ansprechen. Und wenn auch dieser Jemand, den wir ansprechen, von uns durchaus als Fiktion gemeint ist«, schreibt Max FRISCH. Für wen studieren Sie also Ihr Handwerk? Für wen erdulden Sie Qualen, Einsamkeit, Angst vor dem leeren Blatt Papier? Für sich selbst? Ja, in erster Linie, denn das Schreiben soll vor allem Ihnen Freude bereiten. – »Ich finde nicht, daß ein Künstler sich mit Gedanken an sein Publikum belasten sollte. Sein bestes Publikum ist der Mensch, dessen Gesicht er allmorgendlich im Rasierspiegel erblickt«, so NABOKOV. – Aber auch für ein Gegenüber: für Ihren Leser. Sie schreiben die ersten Seiten für ihn, damit er die nächsten zwanzig oder zweihundert auch noch liest. Sie sehen ihn vor sich und überlegen, wie Ihre Worte und Ihr Thema auf ihn wirken, wie Sie seine Neugier wach halten können, und vermitteln ihm mit literarischen Mitteln ein einzigartiges Erlebnis, Sie lassen ihn vergessen, »dass er eigentlich nur Worte auf Papier sieht«, wie Sol STEIN schreibt.

ECO schreibt dazu in der Nachschrift zu Der Name der Rose:
Es kann sein, daß der Autor beim Schreiben an ein empirisch vorhandenes Publikum denkt, wie es die Begründer des neuzeitlichen Romans taten, Richardson, Fielding oder Defoe, die für Kaufleute und deren Gattinnen schrieben, doch für ein Publikum schrieb auch Joyce, der sich einen Idealleser mit einer idealen Schlaflosigkeit vorstellte. In beiden Fällen heißt schreiben – ob nun der Schreibende glaubt, ein vorhandenes Publikum anzusprechen, das mit dem Geld in der Hand vor der Tür steht, oder ob er sich vornimmt, für einen künftigen Leser zu schreiben – sich mit Hilfe des eigenen Textes den gewünschten Lesertyp schaffen.
»Schreiber, was bemühst du dich, immer gut zu schreiben?/  Liest dich denn ein jeder gut? Treib’s, wie’s alle treiben!«, meint Wilhelm MÜLLER, doch

Der Leser verdient, dass Sie das Beste geben, was Ihnen möglich ist, auch wenn er nicht weiß, was das ist. Er hat einen Anspruch darauf, dass Sie ihn mit Hochachtung behandeln. Er opfert Ihnen Lebenszeit, ebenso wie Sie Lebenszeit geopfert haben, um ihn zu unterhalten.

Denken Sie daran, dass Sie Ihren Leser nicht kennen und jeder Leser andere Bedürfnisse hat. Der eine will bei der Lektüre entspannen, der andere einen Gewinn für sein Leben daraus ziehen und etwas lernen, der dritte sucht Abenteuer oder Trost. Und manch einer möchte »Abhakliteratur« (abhaken: ursprünglich seemännisch: vom Haken des Schleppers nehmen) lesen: Er setzt hinter jeden dritten Satz in Gedanken ein Häkchen: »Ja, stimmt, das kenne ich, genauso habe ich gefühlt, als ich arbeitslos wurde.« – »Ja, ganz genauso habe ich reagiert, als Oliver mir sagte, dass er ausziehen wird.«

Ihr Leser möchte lachen, weinen oder beides zugleich, er möchte er möchte sich im Helden wiederfinden, möchte mitfiebern und spekulieren, ob er es schafft, aus dem Elend herauszukommen. Er möchte seine Gedanken schweifen lassen, möchte erinnert werden oder Hoffnung spüren, aber auch Wut, Zorn, Ärger. Er möchte, dass Sie dem Sprache verleihen, was er selbst nicht auszudrücken vermag. Womöglich vergisst er zu essen oder packt ihn das Fernweh, weil Sie so eindrucksvoll einen Markt auf Mauritius oder eine Reise nach Timbuktu geschildert haben. Er möchte Ihr Buch zur Arbeit mitnehmen, in die S-Bahn, ins Bett, weil er nicht aufhören kann zu lesen. Er möchte den Alltag vergessen. Und manchmal möchte er beten nach der Lektüre. Lesen bedeutet sich einzufühlen in andere Menschen, sich mit ihm auseinanderzusetzen, und vermittelt dadurch soziale Kompetenz.

Doch Sie können es nicht jedem Recht machen. Zwanzig Prozent der Leser werden schockiert das Buch zuklappen, wenn Ihre Heldin mit ihrer neuen Eroberung auf der ersten Seite ins Bett hüpft, springt sie nicht gleich mit ihm ins Bett, werden das dreißig Prozent der Leser spießig finden. Der eine Leser legt ein Buch zur Seite, wenn es zu reißerisch beginnt, der andere, weil ihm missfällt, dass der Autor nicht gleich mit der Tür ins Haus fällt. Schreiben Sie jedoch so stromlinienförmig, dass Ihr Leser nichts zum Anecken findet, wird das so öde sein, dass nach zehn Seiten neunzig Prozent Ihrer Leser weg sind. Und denken Sie daran: Sie schreiben Ihre eigene Wahrheit sie ist nicht allgemeingültig. Nicht jeder Leser wird Ihrer Meinung sein, doch wie langweilig wären Bücher, wenn wir in ihnen nur das fänden, was wir ohnehin fühlen und denken.

Patricia HIGHSMITH schreibt in Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt, dass ein
Schriftsteller finanziell mit guten Erfolgen rechnen (kann), wenn er aktuelle Trends kopiert und dabei logisch und nüchtern vorgeht, denn solche Imitationen lassen sich verkaufen und beanspruchen den Schreiber auch emotionell nicht zu stark. Er kann daher zwei- onzder zehnmal soviel produzieren wie ein origineller Autor, der sich nicht nur physisch und gefühlsmäßig verausgabt, sondern dazu noch riskiert, daß sein Buch abgelehnt wird.
Schreiben Sie so, dass Ihr Leser nicht einschläft. »Ein Mann«, so William ZINSSER, »der in seinem Sessel eingenickt ist mit einer halb gelesene Zeitschrift auf dem Schoß, ist jemand, dem der Schreiber zu viel unnötige Mühe bereitet hat.« Aber lassen Sie ihn träumen. Das bedeutet jedoch nicht, wie ECO schreibt, die Leser »zu besänftigen, mit versöhnlichen Bildern zu trösten. Es kann auch heißen, sie aufzuschrecken: mit Alpträumen, Obsessionen«.

Vor allem aber will der Leser unterhalten werden, ob er den Zauberberg liest oder Vom Winde verweht.