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Mittwoch, 16. Januar 2013

Schopenhauer über Lesen und Bücher

Es ist in der Litteratur nicht anders, als im Leben: wohin auch man sich wende, trifft man sogleich auf den inkorrigibeln Pöbel der Menschheit, welcher überall legionenweise vorhanden ist, Alles erfüllt und Alles beschmutzt, wie die Fliegen im Sommer. Daher die Unzahl schlechter Bücher, dieses wuchernde Unkraut der Litteratur, welches dem Waizen die Nahrung entzieht, und ihn erstickt. Sie reißen nämlich Zeit, Geld und Aufmerksamkeit des Publikums, welche von Rechtswegen den guten Büchern und ihren edelen Zwecken gehören, an sich, während sie bloß in der Absicht, Geld einzutragen, oder Aemter zu verschaffen, geschrieben sind. Sie sind also nicht bloß unnütz, sondern positiv schädlich. Neun Zehntel unserer ganzen jetzigen Litteratur hat keinen anderen Zweck, als dem Publiko einige Taler aus der Tasche zu spielen. Dazu haben sich Autor, Verleger und Rezensent fest verschworen.

Ein verschmitzter und schlimmer, aber erklecklicher Streich ist es, der den Litteraten, Brodschreibern und Vielschreibern gegen den guten Geschmack und die wahre Bildung des Zeitalters gelungen ist, daß sie es dahin gebracht haben, die gesammte elegante Welt am Leitseile zu führen, in der Art, daß diese abgerichtet worden, a tempo zu lesen, nämlich Alle stets das Selbe, nämlich das Neueste, um, in ihren Cirkeln einen Stoff zur Konversation daran zu haben. (…) Was aber kann elender seyn, als das Schicksal eines solchen belletristischen Publikums, welches sich verpflichtet hält, allezeit das neueste Geschreibe höchst gewöhnlicher Köpfe, die bloß des Geldes wegen schreiben, daher eben auch stets zahlreich vorhanden sind, zu lesen, und dafür die Werke der seltenen und überlegenen Geister aller Zeiten und Länder bloß dem Namen nach zu kennen! – Besonders ist die belletristische Tagespresse ein schlau ersonnenes Mittel, dem ästhetischen Publiko die Zeit, die es den ächten Produktionen der Art, zum Heil seiner Bildung, zuwenden sollte, zu rauben, damit sie den täglichen Stümpereien der Alltagsköpfe zufalle.

Daher ist, in Hinsicht auf unsere Lektüre, die Kunst, nicht zu lesen, höchst wichtig. Sie besteht darin, dass man Das, was zu jeder Zeit so eben das größere Publikum beschäftigt, nicht deshalb auch in die Hand nehme, wie etwa politische oder kirchliche Pamphlete, Romane, Poesien u. dgl. m., die gerade eben Lärm machen, wohl gar zu mehreren Auflagen in ihrem ersten und letzten Lebensjahre anfangen: vielmehr denke man alsdann, daß wer für Narren schreibt allezeit ein großes Publikum findet, und wende die stets knapp gemessene, dem Lesen bestimmte Zeit ausschließlich den Werken der großen, die übrige Menschheit überragenden Geister aller Zeiten und Völker zu, welche die Stimme des Ruhmes als solche bezeichnet. Nur diese bilden und belehren wirklich.

Vom Schlechten kann man nie zu wenig und das Gute nie zu oft lesen: schlechte Bücher sind intellektuelles Gift, sie verderben den Geist. – Weil die Leute, statt des Besten aller Zeiten, immer nur das Neueste lesen, bleiben die Schriftsteller im engen Kreise der cirkulirenden Ideen und das Zeitalter verschlammt immer tiefer in seinem eigenen Dreck.

Arthur Schopenhauer

(Über Lesen und Bücher. In Parerga und Paralipomena: kleine philosophische Schriften, § 303, 1862, S.  589)

Montag, 21. November 2011

Schopenhauer über falsch gebrauchte Worte

In der Postzeitung vom 16. Juni 1857 heißt es: »Die Königin war durch die Zeitschrift N. N. auf die Mängel einer Kirche und einer Schule in zwei Gemeinden hingewiesen«, – hiebei wird nun Jeder denken, die besagten Anstalten wären fehlerhaft gewesen; – aber aus dem Sinn geht hervor, daß Ermangelung gemeint ist. Daß deutsche Zeitungen elendes, fehlerhaftes Deutsch schreiben, ist alltäglich und keiner Erwähnung werth: aber wir haben hieran ein rechtes Muster-Beispiel und Prototyp der Folgen der Silbenknickerei und Buchstabenzählerei, und darum führe ich es an: denn nicht nur ist etwas Anderes gesagt, als gemeint war; sondern indem jetzt, dieser Sprachökonomie gemäß, zwei disparate Begriffe durch das selbe Wort bezeichnet werden, wird die Sprache der Verarmung entgegengeführt: von zwei Worten, welche sie zur Bezeichnung zweier Begriffe hatte, wird ihr nur Eines, natürlich das kürzere, gelassen, welches jetzt für beide dienen soll, wobei denn der Leser jedes Mal rathen mag, was gemeint sei. Und so verfahren unsre nichtswürdigen Sprachverbesserer in 100 Fällen. –

Ihr Treiben besteht größten Theils darin, daß sie von zwei verwandten Worten das längere ausstoßen und es überall durch das kürzere vertreten lassen, wenn gleich dieses nicht eigentlich das Selbe, sondern nur etwas Aehnliches besagt; – wodurch die Sprache verarmt und die Möglichkeit, einen Gedanken genau und dadurch treffend, scharf und prägnant auszudrücken, uns in vielen Fällen benommen wird. –

Statt Scharfsinn schreiben sie »Schärfe«; als ob nicht die Schärfe und der Scharfsinn eines Urtheils gar weit verschiedene Dinge wären. Aber sie sind nur bedacht, das selbe Wort, bloß weil es kürzer, als die ihm verwandten ist, der Bezeichnung zweier, dreier und mehrerer Begriffe dienen zu lassen; wodurch sie die Sprache theils matt und stumpf, theils durchweg zweideutig machen. Welches Epitheton gebührt ihnen? –

Statt »achtungswerth« schreiben sie, aus niederträchtiger Buchstabenknickerei, »achtbar«, welches viel weniger besagt, indem es sich verhält, wie sichtbar zu sehenswerth, und überdies ein Spießbürger-Ausdruck ist. – Sie aber sagen: »wir werfen jedes Wort zur Sprache hinaus, welches durch ein anderes, um 2 Buchstaben kürzeres, wenn dieses auch schon eine andere Bedeutung hat, doch so ungefähr, wenn auch schief und schielend, mit vertreten werden kann«: wenn auch dadurch die Sprache immer ärmer und unbestimmter wird; so wird sie dafür auch immer kürzer, am Ende so kurz, daß man gar nicht mehr weiß, was gesagt seyn soll, sondern die Wahl behält zwischen allerlei Bedeutungen. –

»Bedauerlich«, statt bedauernswerth, ist falsch: ersteres besagt »was man bedauern kann«, wenn man Lust hat; dieses was verdient bedauert zu werden.

»Billig«, statt wohlfeil, ist so falsch und gemein, wie es allgemein ist.

»Die billigste Litteraturzeitung ist ... die etc.« hebt ein Journalartikel an. Danach sollte man glauben, daß die Recensionen mit grosser Billigkeit abgefaßt waren. Er meint aber die wohlfeilste. –

»Koburg wird billiger regiert als Gotha« (Postztg.); man meint, das heiße mit Nachsicht, o Nein! es ist gemeint wohlfeiler. »Billig« ist ein moralisches Prädikat, kein merkantilisches. Postztg. vom 9. Nov. 1858, Schreiben aus Berlin: »Alle demokratischen Zeitungen begeifern die gefallenen Minister; – es ist so billig jetzt zu schimpfen.« – (…) Billig, ausgehend von Krämern: »billige Behandlung der Kunden«, und dann wurde die Waare billig: endlich billige Ochsen auf dem Viehmarkt. Billig ist ein durchaus moralisches Prädikat, darf daher bloß von Menschen gebraucht werden. –

Alle setzen stets »nothwendig« (necessarium, necesse est) statt nöthig (opportet, opus est); nothwendig bezieht sich (als Wirkung) auf die causa efficiens; nöthig auf die causa finalis. –

»Maaßnahme« statt Maaßregel. Maaßnahmen – sind was der Schneider vornimmt, wenn er mir Hosen anmißt; Maaßregel ist der leitende Grundsatz, nach dem verfahren werden soll. –

(…}

Statt Begriff, Ansicht, Meinung u. dgl. durchgängig das affektirte, gespreizte und ekstatische »Anschauung«. –

In der Postzeitung, Decemb. 22., 1859 heißt es: »ob er, Hr. P. die Aechtheit der Anlage zu verabreden vermöge«: also »verabreden« statt in Abrede stellen! (…) also völligen Unsinn schreiben, um zwei Silben zu lukriren! –

Statt zeitweilig schreibt Einer zeitig, welches aber reif bedeutet. –

»Ein unweit anziehenderes Gemählde« (Gött. Gel. Anzeigen, Septbr. 1858) statt ungleich: unweit bedeutet nahe. Aber dies ist die heutige Sitte: jeder Skribler schreibt das Wort hin, welches ihm gerade durch den Kopf fährt, – mag es die hier nöthige Bedeutung haben, oder nicht. Der Leser mag rathen, was gesagt seyn soll. –

»Beiläufig« ( i. e. obiter, en passant) statt ungefähr ( circiter, à peu près). – »Umfänglich« statt umfangsreich: ist das Gegentheil, indem es besagt »was sich umfangen läßt«. –

»Sorglich« statt sorgfältig, von Sorgfalt: jenes von Sorge, wie auch besorglich, Besorgniß. – Aber nur Silben ausmerzen, unbekümmert darum, daß dadurch die Sprache um viele Worte verarmt, dies ist der Geist unsrer Sprachverbesserer. –

Statt niedrig schreiben sie »nieder«, aus niederträchtiger Lumpacivagabundenbuchstabensparsamkeit: – aber nieder führt den Begriff der Bewegung mit sich: der Stein fallt nieder, das Thal liegt niedrig. –

»Er sitzt nieder«, statt »setzt sich nieder«, um eine Silbe zu ergaunern, ist gerade so ein Schnitzer, wie wenn man Lateinisch sedēre statt siděre schriebe. Aber auch statt niedrig sind sie dreist genug nieder und statt übrigüber zu setzen. Dazu machen sie gar noch den Superlativ: der niederste! (Heidelberger Jahrbücher.) Nieder ist Adverbium, niedrig aber Adjektiv. –

Sie schreiben »über« statt übrig; »überbleiben« (Graul).

Einer schreibt (Zeller) »Abschätzig« statt geringschätzig; und bedenkt nicht, daß abschätzen taxiren bedeutet: die niederträchtige Buchstabenzählerei macht sie blind gegen Alles. Ueberhaupt bedenkt sich Keiner bei der Sprachverbesserung; sondern Jeder schreibt hin was ihm eben durch den Kopf fährt, sobald er nur an den Fingern die Buchstaben abgezählt hat. – So oft man (wie jetzt täglich geschieht) Ein Wort die Stelle zweier vertreten läßt, die bis dahin 2 verschiedene Begriffe bezeichneten, verarmt die Sprache. –

Ich kann dies »allein« statt selbst. –

Statt »in der Kürze« ( ut brevi dicam) »kürzlich« ( nuper). Gött. gel. Anz. Sie schlagen die Sprache in Trümmern, wenn es gilt eine Silbe zu lukriren. –

»Einig« ( concors) statt einzig ( unicus) und statt einfach ( simplex). –

(…)

Statt »Stelle« »Platz« – greift um sich. – Statt »verdorben« »verderbt«! Bloß aus Buchstabenzählerei. Schreibt doch auch gesterbt statt gestorben! –

»Ich fühle mich bewogen, diese Weise der Beurtheilung nur auf das Freudigste anzuerkennen«. (Marggraf, litt. Blätter, August [1858]).

bloß = pure, only

(…)  Sprachverderbniß ist allemal ein sicheres Zeichen der Degeneration der Litteratur eines Volkes. Möchte doch der Unverstand sich irgend einen andern Tummelplatz suchen, als die deutsche Sprache! Denn nirgends ist das von ihm gesäete Unkraut so schwer, ja fast unmöglich auszurotten, wie hier, wo es nachmals sich an das Spalier der Gewohnheit klammert. Die impotenten Langbärte dieser erbärmlichen Nützlichkeitszeit drohen die deutsche Sprache auf immer zu verderben.

Sie schreiben ständig statt beständig: dann müssen sie auch Stand statt Bestand schreiben.

Statt »gegenwärtig, einstweilen, jetzt, zu jetziger Zeit« schreiben sie, höchst lächerlicher Weise, stets augenblicklich, und zwar thun sie es Alle, Einer dem Andern nach. Und dies ist die Schande. Denn wenn irgend ein Einzelner dergleichen grammatikalische und orthographische Idiotismen oder Solöcismen auf eigene Hand begienge; so wäre es eben seine Grille und er behielte doch die Würde der Originalität. Aber die bereitwillige, eifrige, allgemeine Nachahmung jedes hirnlosen Schnitzers ist das Herabwürdigende des Treibens. Diese allgemeine Einstimmung, dieses Chorusmachen bei jedem neu erfundenen Schnitzer ist eben das Verächtlichste. Denn die blinde Nachahmerei ist überall das ächte Stämpel der Gemeinheit: der grosse Haufe, der Plebs, wird fast in allem seinen Thun ausschließlich durch Beispiel geleitet und wird durch Nachahmung, wie das Automat durch Räder bewegt. – Eine besonders lächerliche Folge jenes Mißbrauchs des Wortes augenblicklich ist, daß wenn sie nun ein Mal im Ernst augenblicklich meynen; dann sagen sie »im Nu«: ein Wort aus der Kinderstube. Eine sehr ästhetische buchstabenersparende Verbesserung desselben ist »augenblicks«, welches ich, statt »jetzt«, wirklich gefunden habe: da es klingt wie Blix (Blitz), wird es figurativ und dadurch äußerst schön und nachahmungswürdig.

Arthur Schopenhauer

(Arthur Schopenhauer's handschriftlicher Nachlaß - Vorlesungen und Abhandlungen - Kapitel 10; http://gutenberg.spiegel.de/buch/4993/10)

Samstag, 24. September 2011

Schopenhauer über dreierlei Autoren

Wiederum kann man sagen, es gebe dreierlei Autoren: erstlich solche, welche schreiben, ohne zu denken. Sie schreiben aus dem Gedächtniß, aus Reminiscenzen, oder gar unmittelbar aus fremden Büchern. Diese Klasse ist die zahlreichste. – Zweitens solche, die während des Schreibens denken. Sie denken, um zu schreiben. Sind sehr häufig. – Drittens solche, die gedacht haben, ehe sie ans Schreiben gingen. Sie schreiben bloß, weil sie gedacht haben. Sind selten.

Jener Schriftsteller der zweiten Art, der das Denken bis zum Schreiben aufschiebt, ist dem Jäger zu vergleichen, der aufs Gerathewohl ausgeht: er wird schwerlich sehr viel nach Hause bringen. Hingegen wird das Schreiben des Schriftstellers der dritten, seltenen Art, einer Treibjagd gleichen, als zu welcher das Wild zum voraus eingefangen und eingepfercht worden, um nachher haufenweise aus solchem Behältnisse herauszuströmen in einen andern ebenfalls umzäunten Raum, wo es dem Jäger nicht entgehn kann; so daß er jetzt es bloß mit dem Zielen und Schießen (der Darstellung) zu tun hat. Dies ist die Jagd, welche etwas abwirft. –

Sogar nun aber unter der kleinen Anzahl von Schriftstellern, die wirklich, ernstlich und zum voraus denken, sind wieder nur äußerst wenige, welche über die Dinge selbst denken: die übrigen denken bloß über Bücher, über das von Andern Gesagte. Sie bedürfen nämlich, um zu denken, der nähern und stärkern Anregung durch fremde, gegebene Gedanken. Diese werden nun ihr nächstes Thema; daher sie stets unter dem Einflusse derselben bleiben, folglich nie eigentliche Originalität erlangen. Jene ersteren hingegen werden durch die Dinge selbst zum Denken angeregt; daher ihr Denken unmittelbar auf diese gerichtet ist. Unter ihnen allein sind Die zu finden, welche bleiben und unsterblich werden. – Es versteht sich, daß hier von hohen Fächern die Rede ist, nicht von Schriftstellern über das Branntweinbrennen.

Nur wer bei Dem, was er schreibt, den Stoff unmittelbar aus seinem eigenen Kopfe nimmt, ist werth, daß man ihn lese. Aber Büchermacher, Kompendienschreiber, gewöhnliche Historiker u. a. m. nehmen den Stoff unmittelbar aus Büchern: aus diesen geht er in die Finger, ohne im Kopf auch nur Transitozoll und Visitation, geschweige Bearbeitung erlitten zu haben. (Wie gelehrt wäre nicht Mancher, wenn er alles Das wüßte, was in seinen eigenen Büchern steht!) Daher hat ihr Gerede oft so unbestimmten Sinn, daß man vergeblich sich den Kopf zerbricht, herauszubringen, was sie denn am Ende denken. Sie denken eben gar nicht. Das Buch, aus dem sie abschreiben, ist bisweilen ebenso verfaßt: also ist es mit dieser Schriftstellerei wie mit Gypsabdrücken von Abdrücken von Abdrücken u. s. f., wobei am Ende der Antinous zum kaum kenntlichen Umriß eines Gesichts wird. Daher soll man Kompilatoren möglichst selten lesen: denn es ganz zu vermeiden ist schwer; indem sogar die Kompendien, welche das im Laufe vieler Jahrhunderte zusammenbrachte Wissen im engen Raum enthalten, zu dem Kompilationen gehören.

Arthur Schopenhauer, Über Schriftstellerei und Stil

(In Parerga und Paralipomena: kleine philosophische Schriften, Bd. 2. Hayn, 2. Aufl. 1862, S. 537f.)

Arthur Schopenhauer über Titel

Was einem Briefe die Aufschrift, das soll einem Buche sein Titel seyn, also zunächst den Zweck haben, dasselbe dem Theil des Publikums zuzuführen, welchem sein Inhalt interessant seyn kann. Daher soll der Titel bezeichnend, und da er wesentlich kurz ist, koncis*, lakonisch, prägnant und wo möglich ein Monogramm des Inhalts sein. Schlecht sind demnach die weitschweifigen, die nichtssagenden, die schielenden, zweideutigen, oder gar falschen und irreführenden Titel, welche letztere ihrem Buche das Schicksal der falsch überschriebenen Briefe bereiten können. Die schlechtesten aber sind die gestohlenen Titel, d. h. solche, die schon ein andres Buch führt; denn sie sind erstlich ein Plagiat und zweitens der bündigste Beweis des allertotalsten Mangels an Originalität: denn wer deren nicht genug hat, seinem Buch einen neuen Titel zu ersinnen, wird noch viel weniger ihm einen neuen Inhalt zu geben fähig seyn. Diesen verwandt sind die nachgeahmten, d. h. halb gestohlenen Titel, z. B. wenn lange, nachdem ich „über den Willen in der Natur“ geschrieben habe, Oersted „über den Geist in der Natur“ schreibt.

Arthur Schopenhauer, Über Schriftstellerei und Stil.

(In Parerga und Paralipomena: kleine philosophische Schriften, Bd. 2. Hayn, 2. Aufl. 1862, S. 540)

Siehe auch „Das Kind muss einen Namen haben: Über Titel“  http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/06/das-kind-muss-einen-namen-haben-uber.html

*von lat. consisus = kurzgefasst

Dienstag, 24. Mai 2011

Schopenhauer über bedeutende Gedanken

Und doch ist nichts leichter, als so zu schreiben, daß kein Mensch es versteht, wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, daß jeder sie verstehen muß.

Arthur Schopenhauer, Über Schriftstellerei und Stil

(In Parerga und Paralipomena: kleine philosophische Schriften, Bd. 2. Hayn 2. Aufl. 1862, S. 552)

Donnerstag, 28. April 2011

Schopenhauer über gewöhnliche Gedanken und ungewöhnlichste Ausdrücke

Den deutschen Schriftstellern würde durchgängig die Einsicht zu Statten kommen, daß man zwar, wo möglich, denken soll wie ein großer Geist, hingegen die selbe Sprache reden wie jeder Andere. Wir finden sie nämlich, umgekehrt, bemüht, triviale Begriffe in vornehme Worte zu hüllen und ihre sehr gewöhnlichen Gedanken in die ungewöhnlichsten Ausdrücke, die gesuchtesten, preziosesten und seltsamsten Redensarten zu kleiden. Hinsichtlich dieses Wohlgefallens am Bombast, überhaupt am hochtrabenden, aufgedunsenen, pretiösen, hyperbolischen und aerobatischen Stile, ist ihr Typus der Fähnrich Pistol, dem sein Freund Fallstaff ein Mal ungeduldig zuruft: »sage was du zu sagen hast, wie ein Mensch aus dieser Welt!« – Liebhabern von Beispielen widme ich folgende Anzeige: »Nächstens erscheint in unserm Verlage: Theoretisch-praktisch wissenschaftliche Physiologie, Pathologie und Therapie der sogenannten Blähungen, worin diese, in ihrem organischen Zusammenhange, ihrem Seyn und Wesen nach, wie auch mit allen sie bedingenden, äußern und innern, kausalen Momenten, in der ganzen Fülle ihrer Erscheinungen und Bethätigungen, sowohl für das allgemein menschliche, als für das wissenschaftliche Bewußtseyn, systematisch dargelegt werden: eine freie, mit berichtigenden Anmerkungen und erläuternden Exkursen ausgestattete Uebertragung des Französischen Werkes: l’art de peter.«

Arthur Schopenhauer, Über Schriftstellerei und Stil, § 283

Freitag, 27. April 2007

Abgeleiert, abgedroschen – Phrasen


Schwierige und pomphafte Phrasen verhüllen winzige, nüchterne oder alltägliche Gedanken. (SCHOPENHAUER)*

Man kann all das nicht von heut auf morgen ändern, aber man kann zumindest seine  einige seiner Gewohnheiten ändern, und von Zeit zu Zeit, wenn man nur laut genug ein Hohngelächter anstimmt, gelingt es sogar, ein abgestandenes sinnloses Phrasengeschwätz (…) in der Mülltonne verschwinden zu lassen, wo es hingehört. (ORWELL)

One cannot change this all in a moment, but one can at least change one's own habits, and from time to time one can even, if one jeers loudly enough, send some worn-out and useless phrase (…) into the dustbin where it belongs. (In Politics and the English Language
In die Müllltonne gehören auch die abgeleierten Ausdrücke, die kitschigen und banalen Wendungen, die Schablonen- und Plastikwörter, die Phrasen (gr.: phrássi = der Satz, Ausdruck, die Wendung; in der Linguistik werden Wörter, die zusammengehören, weil sie eine gemeinsame Funktion haben, also eine Wortgruppe, Phrase genannt; gebräuchlicher ist das Wort allerdings als Synonym für einen Gemeinplatz, eine Floskel), wie Die Eltern waren von ernster Sorge erfüllt und verfielen in ein hektisches Treiben; verbrannte Autos legen ein stummes Zeugnis vom Ausmaß der Katastrophe ab und bieten ein Bild des Grauens; mit eisernem Fleiß erreichte Ruth ihr Ziel. Lassen Sie Ihre Heldin nicht mit eherner Miene müde die Hand heben, in vornehmen Kreisen verkehren, voll flammender Empörung sein. Genauso abgelatscht: Im Herbst fällt das Laub von den Bäumen; im Frühling lockt die Sonne ins Freie; das trübe Wetter drückt aufs Gemüt; das Flugzeug zog eine weite Schleife, ehe es zur Landung ansetzte. Auch der rote Teppich, der beim großen Bahnhof ausgelegt wird, gehört zu den toten Wörtern.

Glauben Sie mir von ganzem Herzen, es ist mir bitterer Ernst: Solche Wendungen sind echt gar nicht in Ordnung.

Phrasengeschwätz, wie es kitschiger nicht sein kann, finden wir in dem guten Rat TSCHECHOWS an seinen Bruder Aleksander, als der an der Erzählung Die Stadt der Zukunft arbeitete:
Gemeinplätze der Art: »Die untergehende Sonne, die sich in den Wellen des dunkelnden Meeres badete, verströmte purpurnes Gold« usw. »Die Schwalben, die über die Oberfläche dahinflogen, zwitscherten fröhlich« – solche Gemeinplätze muß man bleibenlassen. (Zitiert nach Anton Pavlovič Čechov, 1994, S. 9)
Warum muss ein Quell, wahlweise Quelle, Bächlein, immerzu munter springen oder hüpfen (kann ein Quell überhaupt fließen oder ist es nicht das Quellwasser, das hüpft?), warum müssen Blicke fallen, und warum ist man immer gleich bitter enttäuscht? Warum muss alles unendlich sein: Die unendliche Liebe, das unendliche Glück, die unendliche Tiefe? Oder auch umfassend: eine umfassende Aussage, ein umfassendes Angebot; fehlt nur noch die umfassende Liebeserklärung. Warum wird Kaffee meist hastig getrunken, die Zigarette hastig geraucht, etwas Edles wie eine delikate Speise, ein kostbarer Wein oder ein Klavierkonzert Chopins genossen? Und warum ist das Genossene meist auch noch exquisit oder erlesen? (Wie schmeckt eine erlesene oder vorzügliche Speise, was sagt ausgezeichneter Wein aus? – Es sei denn, Sie meinen eine Wein-Auszeichnung wie eine silberne Preismünze. –

Was ist das für ein Satz: »Die friedliche Stille der Nacht wird plötzlich durch die hallenden Schritte eines Unbekannten gestört. Über das Gesicht der Angebeteten huscht ein Hauch von Unbehagen, der das Herz des Liebhabers frösteln lässt.« Wir entdeckten ihn nicht in einem Heftchenroman, sondern in einem Artikel über Wahrnehmung unter der Rubrik Forschung einer seriösen Tageszeitung!

(siehe auch Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze auf http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2006/08/flauberts-wrterbuch-der-gemeinpltze.html)

Schade, dass es kein virtuelles Phrasenschwein gibt, in die jeder 3 Euro einzahlt, der eine Phrase gebraucht …

* Das Zitat ist so nicht ganz richtig. Lesen Sie die korrekte Version (in Die Welt als Wille und Vorstellung. Brockhaus 1844, S. 250) auf http://phrasensammlung.blogspot.de/.