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Freitag, 22. August 2008

Charakter und Darstellung müssen stimmen (Ihre Figuren. III)


Ob Sie einen Kriminalroman voll action schreiben, eine Familiengeschichte mit fetzenden Dialogen, einen Fantasyroman oder einen historischen »Schinken«: Die Charaktere, das Milieu, die Sprechweise, Ihre Darstellung insgesamt, müssen stimmen. Denn Sie schreiben über »lebendige Wesen, die mit ungestümer Kraft zum Gipfel des Erfolges stürmen oder die aus Mißgunst diesen Gipfelstürmern Fallen stellen oder die aus Verzweiflung über die unerreichbaren Ziele sich töten wollen« (MEYNECKE).

Wählen Sie vor dem Schreiben den Charakter der Hauptfigur. Soll sie der Schurke oder die schillernde Figur sein? Wer ist der Gegenspieler? Wer sagt oder tut an welcher Stelle die wichtigen Dinge? Wessen Gedanken sind es Wert, gehört werden? – Berücksichtigen Sie, dass Sie Ihre Figuren, ob Hauptfigur oder Gegenspieler, gleichwertig und mit der gleichen Sorgfalt darstellen müssen. – Arbeiten Sie die Charaktere sorgfältig aus und achten Sie darauf, dass das, was sie tun, schlüssig ist. In einem Thriller darf die Agentin – die rechte Hand des Geheimdienstchefs –nicht erschrecken, weil sie eine Yacht mit dem Killer, den sie in Mexiko vermutet, in Marokko entdeckt. Cool muss solch eine Frau schon sein.

Prüfen Sie, ob Ihr Held seinem Charakter gemäß, also personallogisch, handelt. Wie alles, was Sie in Ihre Geschichte einbringen, glaubwürdig sein muss, muss auch Ihre Figur einen Grund für ihr Tun haben. Fragen Sie sich, bevor Ihre Heldin sich in den Schurken verliebt, ob das möglich ist. Haben Sie den Manager, der einer Sekte verfällt, so beschrieben, dass Ihr Leser sein Handeln versteht? Billigt der Leser, dass Ihr Geizkragen zehntausend Euro für Tsunamiopfer spendet (dass er Steuern sparen will, wäre zu einfach und vor allem ein Klischee)? Für Henry JAMES folgt »aus dem Charakter … zwangsläufig das Ereignis. Das Ereignis kennzeichnet den Charakter«.

Alles, was Sie schreiben, muss glaubwürdig sein: Ihre Figuren, auch der Bösewicht, müssen so real wirken wie die Menschen, denen Sie im Alltag begegnen.

Der Dummkopf auf dem Dachboden

Prüfen Sie auch, ob das, was Ihr Held tut, der gesunde Menschenverstand nachfühlen kann. Lassen Sie ihn nicht in eine stockfinstere Jahrmarktsbude gehen, über deren Eingang »Höllentor« steht, um sich von einer Zigeunerin aus der Hand lesen zu lassen. Würden Sie das tun? Dieser Fehler ist als »Der Dummkopf, der auf den Dachboden geht« bekannt geworden: »Ein Mann hört ein schlurfendes Geräusch auf dem Dachboden. Er nimmt eine Taschenlampe und geht die Treppe nach oben. Schritt für Schritt.« An dieser Stelle fragt sich der Leser: Warum geht der Idiot auf den Dachboden? Ich würde das nie tun. Er legt das Buch aus der Hand, weil er sich fragt, wie die anderen Figuren handeln, wenn schon die Hauptperson unglaubwürdig ist. (Vor allem wird er nicht weiter lesen, wenn Sie die Zigeunerin auch noch klischeehaft beschreiben.)

Sie müssen begründen, warum sich eine Figur so und nicht anders verhält, sonst wird der Text unglaubwürdig.

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