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Dienstag, 22. März 2011

Merksätze zur Namensgebung von Figuren


(Zusammengestellt aus meinen Einträgen zur die Namensgebung unter Nomen est omen hier im Blog)

Manche Autoren meinen, ihr Text wirke bedeutender, raffinierter, literarischer, wenn ihr Held anonym bleibt. Sie benutzen stattdessen Umschreibungen wie er, sie, die Chefin, der Sohn, bezeichnen ihre Figuren mit Schätzchen oder junge Frau und werten sie so, vielleicht absichtslos, ab. Dadurch wird auch das Gebot der Neutralität verletzt. Dazu kommt, dass der Autor sich alberne Umschreibungen ausdenken muss wie die Frau im roten Kleid oder der Mann in den ausgeblichenen Jeans, um seine Helden zu bezeichnen, und dass die anderen Figuren im Dialog keine Namen nennen können. Deshalb:
  • Jeder Mensch hat einen Namen, auch Ihre Figuren haben das Recht darauf. Und mit den Namen lassen Sie Bilder in Ihrem Leser entstehen.
  • Die Namen müssen bedachtsam ausgewählt werden, auch wenn die Wahl oft subjektiv ist: Der Name Ihrer großen Liebe, den Sie Ihrem Helden verliehen haben, erinnert Ihre Leserin vielleicht an traumatische Ereignisse; mit dem Namen der Schurkin, den Sie gewählt haben, weil Sie sich an dessen leibhaftiger Trägerin nur widerwillig erinnern, verbindet Ihr Leser vielleicht traumhafte Stunden.
  • Vor- und Nachname sollte nicht mehr als vier bis sechs Silben lang sein. Wer kennt nicht Karl Mays Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah … Nur erscheinen diese Namen später nicht mehr im Buch, denn wer kann sie sich merken.
  • Durch die Wahl des Namens lässt sich auch die Beziehung zwischen zwei Figuren ausdrücken, zum Beispiel, wenn der Mann einer Frau den Namen nimmt, indem er sie Mary statt Maria nennt und sie damit in die Nähe einer klischeehaften Hollywoodfigur rückt, oder sie ihn beim Namen nennt, er sie jedoch nie anredet.
  • Seien Sie aber vorsichtig mit Kosenamen oder Verniedlichungen. Sie könnten damit Ihre Figur denunzieren. Andererseits können solche Koseworte die Erstarrung einer Beziehung charakterisieren. Vor allem sollten Sie einer unsympathischen Figur keinen Kosenamen geben, es sei denn, Sie wollen sie ironisch überhöhen.
  • Geben Sie Ihren Figuren Vornamen, deren Bedeutung ihren Charakteren oder Handlungen entspricht. Viele Vornamen entstammen dem Lateinischen, Hebräischen oder Germanischen. Ein Mann, den das Schicksal stiefmütterlich behandelt, ist also kein Felix (von lat. felix: glücklich) und eine Frau, die vom Pech verfolgt wird, keine Beate (von lat. beatus: glückselig).
  • Namen kennzeichnen den Charakter. Eine attraktive Frau wird nicht Gisela oder Else heißen, es sei denn, Sie ändern Gisela in Gila und Else in Elsa. Statt Fritz werden Sie Ihren Helden Friedrich oder Friedhelm nennen, wenn er als bedächtig erscheinen soll. Das zweite n in Hanns verwandelt dagegen einen schlichten Hans in einen Tatmenschen. Auch mit Gabriele, Gabriella oder Gaby lassen sich unterschiedliche Charaktere darstellen, ebenso wie bei der Verwendung des y statt i wie in Myriam, Sylke oder Sylvia. Gundula Rössner ist eher eine selbstbewusste, nicht mehr ganz so junge Frau, und Kurt Schulze bricht keine Frauenherzen, es sei denn, er hieße Curd Shultz. Susan(sic) hockt nicht im Büro und Mario nicht an der Kasse eines Supermarktes. Der Name spiegelt auch das Äußere von Figuren: Sind sie dünn, dick, vital, träge? In Groschenroman oder Drehbüchern wird genau vorgeschrieben, wer welche Namen tragen darf und dadurch automatisch mit gut oder böse, mit reich oder arm, mit unschuldig  oder verrucht in Verbindung gebracht wird.
  • Auch Nachnamen sollten Sie überlegt wählen. Oft haben sie eine Herkunft, beziehen sie sich auf Berufe oder bezeichnen den Rang der Geschwister in einer Familie wie bei Mittelgöker. Wirkungsvoll sind »sprechende» oder auch »redende« Namen. Im Stiller aus Frischs gleichnamigem Roman steckt still im wahrsten Sinne des Wortes, aber auch im Sinne von stiller als und von stillen zum Beispiel von Sehnsüchten, Begierden oder Rache. Die Übersetzung von Agatha Christies Detektiv Poirot lautet Lauch – kein Wunder, dass er ein besonderes Ego entwickelte – und die von Süskinds Mörder Grenouille im Parfum Frosch. Diese Namen kennzeichnen die Charaktere besser als tausend Worte.
  • Sie stellen eine Distanz her, wenn Sie eine Figur nur mit dem Nachnamen bezeichnen. Auf den Leser wirkt das jedoch meist eindimensional, weil es ihm unmöglich gemacht wird, in sie einzutauchen, selbst Frau Schmidt zu werden, mit ihr zu lachen oder zu weinen. Zudem wirkt bei neutralen Bezeichnungen der Text eher wie ein Bericht. Wählen Sie also nur dann den Nachnamen für eine Figur, wenn Sie bewusst zu ihr Abstand halten möchten.
  • Selbst mit dem Klang eines Namens lassen sich unterschiedliche Charaktere darstellen. Einen kraftvollen, energischen Menschen werden Sie nicht mit klanglosen Vokalen wie dem e bezeichnen (Peter Jensch – anders sieht es aus, wenn Sie ihn Jens Jaensch nennen), sondern Sie werden Namen mit a oder o wählen (Roswitha Hannstein). Ein einfacher Mensch trägt eher einen einsilbigen Namen (Gerd Lenz), ein vielschichtiger einen mehrsilbigen (Maria-Luise Wandenstedt). Läppische Namen wie Bumsberger oder Mueller-Tauschenberg wirken allerdings nur lächerlich.
  • Vermeiden Sie ungewöhnliche Namen. Sie sollen suggerieren, wie außergewöhnlich die Heldin (oder der Autor) ist, der Leser wird das jedoch nicht so empfinden, wenn nur der Name und nicht ihr Leben beeindruckend ist. Verbindungen von Vornamen nicht-deutschsprachiger Herkunft mit Allerweltsnachnamen wie Jacqueline Häferle oder Sylvester Meyer weisen oft auf Angehörige einfacherer Schichten. Vor allem sollten Sie einer Figur keinen exotischen Namen geben, wenn die anderen Figuren Allerweltsnamen tragen und sie sich von ihnen nicht durch eine herausragende Leistung oder einen eindrucksvollen Charakter unterscheidet.
  • Seien Sie vorsichtig mit ausländischen Namen. Es gibt keinen Grund, jemanden Johnny oder Jenny zu nennen, wenn er nicht in einem englisch sprechenden Land lebt. Sollten Sie doch Wert auf diese Namen legen, müssen Sie das begründen. Dasselbe gilt für Nachnamen. Miller mag auch in deutschsprachigen Ländern gebräuchlich sein, doch wenn Sie einer Figur in einem fiktiven Werk diesen Namen geben, muss er eine Bedeutung für den Text haben. Der Leser ist enttäuscht, wenn Peter Miller in Müden an der Örze lebt und nie weiter als bis Lüneburg gekommen ist, oder wenn er feststellen muss, dass die Geschichte nicht in New York spielt sondern Schlüsselfeld. Für Vampirromane und Fantasy gelten allerdings andere Regeln, weil deutsche Namen  langweilig klingen könnten.
  • Denken Sie auch an die regionalen Unterschiede: Eine Wienerin wird nicht Carola Matthiessen heißen und ein Hamburger nicht Sigi Prohaska. Und nennen Sie Ihre Hauptfigur nicht Meier, wenn sie in Mitteldeutschland lebt, wegen des »Meierlochs«: Dort leben viel weniger Menschen mit dem Namen Meier heißen als anderswo. Denn als die Menschen noch nach ihren Berufen benannt wurden, war die Bezeichnung für den Verwalter einer Landwirtschaft in einigen Regionen Mitteldeutschlands nicht »Meier«, sondern »Vogt«.
  • Wählen Sie keine leicht zu verwechselnden Namen. Ähnlich klingende Namen stören den Lesefluss. Bei Lara und Lena fragt sich der Leser, welche von beiden den aufregenden Job bei der Investmentgesellschaft angetreten hat und welche gerade fristlos entlassen wurde, statt weiterzulesen. In einem Krimi, in dem die Beamten Hellmer und Kullmer heißen, übersieht der Leser, wer von den beiden nach fünf Monaten den Mord aufgeklärt hat, weil er sich dauernd überlegen muss, wer nun wer ist.
  • Vermeiden Sie Namen, die mit s enden. Bei Hans zum Beispiel muss man beim Genitiv ein Apostroph benutzen wie bei Hans’ Knöchel schwillt an (Hansens Knöchel ist zwar korrekt, aber veraltet, und Hans sein Knöchel ist schlechtes Deutsch). Schon gar nicht darf der Held Matthias Strauß heißen.
  • Sie verwirren den Leser, wenn Sie auch unwichtigen Figuren einen Namen geben. Er muss sich mühsam zusammenreimen, wer nun wer ist, wo wer ist, wer was tut, wer mit wem, wer welche Bedeutung für die Handlung hat. Außerdem wird er ärgerlich, wenn er im Buch hinundherblättern muss, um herauszufinden, von wem gerade die Rede ist. Auch Personenverzeichnisse helfen meist nicht.
  • Vor allem ist er verwirrt, wenn Sie jemanden mit verschiedenen Namen bezeichnen, Sie Ihre Heldin also abwechselnd mit dem Vornamen (Hanna), Kosenamen (Hannchen), dem Nachnamen (Frau Münzner) und dem vollständigen Namen (Hanna Münzner) nennen.
  • Auch Tiernamen wollen überlegt sein. Don Quijoten nannte sein Pferd, »nachdem er eine große Menge von Pferdenamen in seinem Kopf gewälzt hatte, … schließlich Rosinante, ein Name, der nach seiner Meinung groß, erhaben und wohlklingend war«. Ein Ajax ist vermutlich kein Dackel und ein Lumpi kein reinrassiger Schäferhund. Und: Eine Katze mit dem Namen Frau Krause zeichnet ihre Besitzerin anders als eine Katze, die Prinzessin heißt. 
  • Wichtig: Haben Sie einen Namen gewählt, so ist er untrennbar mit Ihrer Figur verbunden. Es wird Ihnen schwer fallen, ihn später zu ändern, auch wenn das der Text verlangt, vielleicht, weil Sie einer Figur einen Allerweltsnamen gegeben haben, die sich im Laufe der Geschichte zu einer Hauptfigur wandelt, Ihre Beate zur Pechmarie wird, oder weil der Held, der sich des androgynen Namens Toni erfreut, zu einem Frauenheld wird. 

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