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Montag, 17. Oktober 2011

Kunst hat nichts mit Moral zu tun


Botschaft und Moral, die kann man alle in einen Sack stecken und mit dem Knüppel draufhauen. (Stephen KING)

»Kreative Menschen fällen keine moralischen Urteile – jedenfalls nicht sofort – über das, was sie auf den ersten Blick sehen. (…) Kunst an sich hat ja nichts mit Moral, Konvention oder Moralpredigten zu tun«, schreibt Patricia HIGHSMITH in Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt, und Gabriel Garciá MÁRQUEZ erinnert sich,
daß meine Großmutter mir die grauenhaftesten Dinge erzählte, ohne jede Rührung, wie wenn es etwas war, was sie gerade gesehen hatte. Damals entdeckte ich, daß es diese unerschütterliche Ruhe und dieser Reichtum an Bildern, mit denen meine Großmutter erzählte, waren, die ihren Geschichten Glaubwürdigkeit verliehen. (Dieter Janik, Gabriel Garciá  Márquez; zit. nach http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2008/110621/pdf/Thomas_Lange_V.pdf)
Bleiben Sie also neutral, machen Sie sich mit keiner Sache und keiner Figur gemein, weder mit einer guten noch mit einer schlechten. Das, was Sie selbst fühlen und denken, muss aus dem Text hervorgehen. Ihr Leser denkt und fühlt eh anders als Sie. Schreiben Sie objektiv und emotionslos, aber so, dass alle Figuren, auch die von Ihnen ungeliebten, nicht blutleer bleiben. Sie können den Schurken als böse und den Helden als gut darstellen, wenn Sie das begründen können, Sie dürfen ihn aber nicht bewerten: Sie sind Autor und nicht Richter. Bedenken Sie die vielen Facetten eines Menschen. Nur in der Trivialliteratur gibt es den Guten und den Bösen, nur dort grinst der Schurke dreckig, grinst er zynisch, ist er ein Schwein, hat er eine Fratze und einen hasserfüllten Blick. Schreiben Sie nicht, dass ein Glatzkopf Springerstiefel trägt und auf einem Marktplatz herumhängt, das sind Phrasen, sondern schildern Sie dessen Entwicklung zum Neonazi.

Viele Wörter werten ganz subtil eine Figur oder ein Ereignis ab. Gewisse Schreiber rufen damit im Leser dumpfe Assoziationen hervor, um ihn zu manipulieren. Seien Sie also vorsichtig mit zweideutigen Wörtern und Wendungen oder besser, vermeiden Sie alle Wörter, die im Leser eine Wirkung hervorrufen könnten, die Sie auf keinen Fall beabsichtigen, wie eliminieren, säubern, ausmerzen, vertilgen. (Siehe dazu meine Ausführungen über Un-Wörter http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2006/09/ber-un-wrter.html
Aussagen, Selbstmord- und andere reizende Wörter  http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2006/07/ber-selbstmord-und-andere-reizende.html).

Bevormunden Sie Ihren Leser nicht. Überlassen Sie ihm, für Ihre Figuren Gefühle welcher Art auch immer zu entwickeln. Zeigen Sie auch nicht Ihre Antipathie oder Sympathie. Leser mögen keine Verräter. Sie verbünden sich mit der Figur, die Sie abgewertet oder verraten haben, wenn Sie ihr keine Chance bieten, sich zu wehren. Stehen Sie zu Ihren Charakteren, denunzieren Sie sie nicht, distanzieren Sie sich nicht von ihnen und versuchen Sie keine Rechtfertigung. Als Beispiel für eine Schreibweise, die das Urteil des Schriftstellers völlig zurücknimmt, gilt FLAUBERT.

Präsentieren Sie auch keine Moral. Wenn Sie als moralischer Erzähler auftreten, machen Sie Ihren Leser nur zum Betrachter eines von Ihnen geschaffenen Gemäldes und nehmen ihm das Recht, es zu deuten. Er will sich sein Urteil selbst bilden und das dem Text entnehmen, was ihm wichtig ist, und nicht das, was Sie ihm darbieten. Enden Sie auch nicht mit einer Moral.

Moralisieren Sie nicht, und bewerten Sie Ihre Figuren nicht moralisch.
Nur als »allwissender Erzähler«, in der Ich-Form, im Dialog oder Monolog dürfen Sie Ihre negativen Gefühle zeigen. Sie können zum Beispiel Ihren Abscheu über scheußliche Wesen auf einem fernen Planeten in einem Monolog ausdrücken:
Es war unehrenhaft, Angst zu zeigen, dort, wo sie herkam. Aber sie hatte Angst. Schon seit sie auf Tenzer das Schiff betreten hatte, fürchtete sie sich vor dem Augenblick, da sie der Welt der Cresdecks mit ihren fettigen Häuten, den langen Rüsseln ausgeliefert sein würde. –
Wie kann man mit einem einzigen Organ essen, riechen, tasten? Ist der Rüssel wirklich dreißig Zentimeter lang? Sie schüttelte sich und drückte ihre Mittelfinger gegen die Schläfen. Das müssen die ekelhaftesten Gestalten im gesamten Universum sein. (Jutta Miller-Waldner, Das Lächeln des Cresdecks)
Ebensowenig dürfen Sie schreiben, wie sehr Ihnen etwas gefällt. Das Wort Wunderwelt für eine Landschaft dürfen Sie nur im Dialog oder im Monolog gebrauchen. Sie müssen darüber so schreiben, dass der Leser selbst die Landschaft als Wunderwelt empfindet.

Der Leser möchte die Moral der Geschichte selbst entdecken.

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