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Dienstag, 24. Januar 2012

John Fowles übers Plotten, zu gut Deutsch: Planen des Textes, und das Eigenleben der Figuren

Man wird wahrscheinlich annehmen, Autoren haben immer ihren fixen Plan, nach dem sie arbeiten, so daß die Zukunft, die in Kapitel eins angedeutet ist, unweigerlich in Kapitel dreizehn Wirklichkeit wird. Aber Autoren schreiben aus zahllosen, verschiedenen Gründen: um Geld, um Ruhm, für Kritiker, Eltern, Freunde, Geliebte; aus Eitelkeit, Stolz, Neugier, Unterhaltung; genauso wie gescheite Möbelmacher Möbel herstellen, Trinker das Trinken lieben, Richter das Richten lieben, Sizilianer es lieben, ihr Gewehr in den Rücken eines Feindes abzufeuern. Ich könnte ein Buch mit Gründen füllen, und alle wären wahr, freilich nicht für alle. Nur ein Grund ist uns allen gemeinsam: wir wollen Welten schaffen, so wirklich wie die Welt, die es gibt, und doch anders. Oder wie die Welt, die es gab. Deshalb können wir nicht planen. Wir wissen, eine Welt ist ein Organismus, keine Maschine. Wir wissen auch, daß eine echt erschaffene Welt unabhängig von ihrem Schöpfer sein muß; eine geplante Weit, die den ihr zugrunde liegenden Plan vollständig enthüllt, ist eine tote Welt. Nur wenn unsere Gestalten und Ereignisse beginnen, sich uns zu widersetzen, beginnen sie zu leben. Als Charles Sarah dort am Klippenrand verließ, befahl ich ihm, sofort nach Lyme Regis zurückzukehren. Er tat es nicht; er drehte sich ohne Grund um und stieg zur Meifrei hinab. Na, na, werden Sie sagen – ehrlich gesagt, kam mir erst beim Schreiben der Gedanke, es sei klüger, ihn haltmachen und eine Schale Milch trinken zu lassen ... Und dann sollte er noch einmal Sarah treffen. Das wäre sicher eine Erklärung dessen, was geschah; aber ich kann nur berichten – und bin dabei der zuverlässigste Zeuge –, daß der Gedanke nicht von mir, sondern eindeutig von Charles zu kommen schien. Nicht nur, daß er ein Eigenleben zu führen begann, ich muß das respektieren und alle meine quasi göttlichen Pläne seinetwegen fahrenlassen, wenn ich will, daß er wirklich lebt.
Anders gesagt, um selbst frei zu sein, muß ich ihm und Tina und Sarah, selbst der abscheulichen Mrs. Poulteney, auch ihre Freiheit lassen. Für Gott gibt es nur eine zutreffende Definition: die Freiheit, die es zuläßt, daß es noch andere Freiheiten gibt. Und dieser Definition muß ich mich anpassen.
Der Autor ist ein Gott, weil er schafft; nicht einmal der modernste Avantgarderoman, der alles dem Zufall überläßt, hat es zuwege gebracht, den Autor gänzlich von der Bildfläche verschwinden zu lassen; geändert hat sich nur unser Image.

(John Fowles in Die Geliebte des französischen Leutnants)

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