Seiten

Dienstag, 24. Januar 2012

Über Absätze und Kapitel


Es genügt nicht, daß der Autor versteht auszuwählen, er muß auch schattieren können. Auch wer jedes entbehrliche Wort wegläßt, muß noch Wichtiges bringen und Minderwichtiges. Diesen Unterschied soll er deutlich machen. Das Minderwichtige muß im Schatten bleiben. Wer auf alles das volle Licht der Jupiterlampe fallen läßt, der erhellt gar nichts. Kein lebendiges Gebilde hat fadengerade Umrisse. Das natürliche Symbol des Lebens ist die Welle. Die Form eines Buches soll einheitlich sein, aber nicht eintönig. Der Leser wünscht Gipfelabschnitte, aber auch Ruheabschnitte. (Ludwig Reiners: Stilkunst: Ein Lehrbuch deutscher Prosa, S. 348)
Absätze

Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, hatte beim Druck seiner Bibeln auf Absätze verzichtet, damit das Buch billiger wird. Das ist ein überzeugendes Argument. Sie sollten dennoch darauf keine Rücksicht nehmen, wenn Sie Ihren Leser lieben. Denn zu einem literarischen Text gehört die gleichmäßige Veteilung dessen, was erzählt werden soll: Es dürfen nicht einige Stellen mit Ereignissen überfrachtet und andere mit leerem Gerede gefüllt werden.

Fügen Sie Absätze ein als Gedankenpause, wenn Sie eine Überlegung zu Ende geführt haben oder die Geschichte eine Wendung nimmt, wenn sich die Handlung ändert, Sie etwas Neues schildern oder etwas herausheben möchten.

Kürzen Sie möglichst Absätze, die länger als fünfzehn Zeilen betragen, denn Seiten ohne Absätze lassen sich schwer lesen. Prüfen Sie, ob zwischen den einzelnen Sätzen eines Absatzes ein logischer Zusammenhang besteht, wenn nicht, bilden Sie mehrere Absätze daraus. Abwechslungsreicher wirken verschiedene Längen: Fügen Sie Absätze ein, die nur zwei oder drei Zeilen lang sind oder auch mal nur aus einem Satz bestehen.

Wer seitenlang ohne einen einzigen Absatz schreibt, schreibt leserunfreundlich.

Kapitel

Patricia Highsmith schreibt in Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt über ihre Arbeitsweise:
Wenn ich mich an die neue Tagesarbeit setze, lese ich selten alles wieder, was ich am Vortag geschrieben habe, sondern nur die letzten beiden Seiten. Wenn ich nicht bis zum Ende eines Kapitels gekommen bin, dann prüfe ich, wie lang das Kapitel ist, da mir die Länge sehr wichtig ist, auch wenn es über Kapitellängen keine Gesetze gibt (...)
Aber Empfehlungen: Wechseln Sie zwischen langen Kapiteln und kurzen. Das schafft Abwechslung und Ruheabschnitte für Sie und den Leser. Denn zu lange Kapitel ermüden den Leser.

Jedes Kapitel wird wie der Text unterteilt in Anfang, Mittelteil und Schluss und bildet eine in sich geschlossene Einheit. Es kann aber unterschiedliche Tempi aufweisen. So kann man auch Kapitel langsam beginnen. Christina Godshalk führt auf diese Weise in ihrem Roman Kalimantaan eine Figur ein:
Schönheitscremes, Liebestränke der Swatow, Emailleschüsseln in drei Größen, indische Flinten mit doppeltem Lauf und Sensen aus Eisen erweiterten das dürftige Angebot des Pasar Pagi, seit die Pengirane nicht mehr ihren Anteil einzogen. Eine kleine Nuß war gewachsen und aufgeplatzt.
Im Gefolge dieser bescheidenen Zurschaustellung von Wohlstand und Fleiß traf eine neue Spezies ein, so bizarr wie das Unternehmen, von dem sie angezogen wurde. Die plötzlich massenhaft auftretenden Chinesen brachten sie auf die Idee, Möglichkeiten auszuloten. Gerüchte von offenem Handel und dem Fehlen einer übermächtigen kolonialen Faust setzten sie in Bewegung. Eine kleine Armee sickerte ins Land, immer hübsch der Reihe nach, zusammengesetzt aus Desperados, Verbrechern, Gesetz- und Heimatlosen, wahnsinnigen Genies und schlicht Wahnsinnigen, jeder mit besonderen Begabungen, man mußte auf der Suche danach nur die Schwielen und den Moder durchdringen. Doch kein Angehöriger dieses Stammes war so formvollendet wie das Geschöpf, das vor Ramadan am Kaufladen von Heng Fo Peng auftauchte und unter der Hand einen fragwürdigen Gusi Bulan feilbot.
Um was für ein Wesen es sich handelte, ließ sich unmöglich feststellen, aber es hatte etwas Einnehmendes. Albert Dawes, den seine Freunde, darunter Kayans und Mitherumtreiber aus Moreton Bay, „Peachy“ nannten, pries dem argwöhnischen Chinesen die Vorzüge des großen blauen Kruges an.
 Cliffhanger

Das Ende kann ein Atemholen bei zu großer Spannung oder eine Atempause bedeuten, es sollte aber möglichst eine Pointe oder eine überraschende Wendung bieten – einen Cliffhanger, einen Klippenhänger, der ihn ins nächste Kapitel hineinzieht. Er bedeutet den offenen Ausgang eines Kapitels auf seinem Höhepunkt. Den Fortgang der Handlung beantwortet das nächste Kapitel.

Seinen Ursprung hat dieser Kunstgriff in Thomas Hardys Roman A Pair of Blue Eyes, der, wie es damals üblich war, als Fortsetzungsroman erschien, um Spannung zu erzeugen und vor allem, um den Leser bei der Stange zu halten. In einer Szene in den Klippen am Bristol Channel hält sich Henry Knight an einem Büschel Gras fest, um nicht in den sicheren Tod zu stürzen, und starrt dabei in die Augen eines Trilobits, einem versteinerten Gliederfüßler aus der Urzeit. Der Leser ahnt, dass Henry gerettet wird. Wie, erfährt er im nächsten Kapitel.

Allerdings gibt es dabei ein Problem: Wenn Sie beim Feilen feststellen, dass ganze Kapitel umgestellt werden müssen, prüfen Sie unbedingt, ob da nicht jemand am Schluss des Kapitels an einer Klippe hängt.

Schreiben und streichen 

Wenn er nicht hängt, dann beachten Sie bitte Patricia Highsmiths Rat, wonach ein Roman gewinnt, wenn man einen oder zwei Sätze am Ende eines Kapitels streicht. Anton Tschechow meint sogar, man solle den ersten und den letzten Satzes eines Textes streichen: denn „Die Kürze ist die Schwester des Talents“, so sein Rat an seinen Bruder Alexander. Für den Anfangssatz gilt das meist nicht, schließlich haben Sie sich gerade mit ihm besondere Mühe gegeben, für den Schlusssatz eigentlich immer.

Im Winnetou III sind sogar die letzten Seiten überflüssig. Der Regisseur des Films Winnetou 3. Teil, Harald Reinl, wusste, wieso er Winnetous Tod nichts mehr folgen ließ als das Wort ENDE (wie überhaupt Filmemacher ein außergewöhnliches Gespür dafür besitzen, wann der Vorhang fallen soll). – Aber jetzt schweife ich ab, es soll hier nur um Absätze und Kapitel gehen. Über das Enden werde ich ein andermal schreiben. –

Wenn Sie unsicher sind, ob Sie ein Wort, einen Satz, einen Absatz oder eine Szene streichen sollen, weil sie schlecht geschrieben sind  – verlassen Sie sich auf Ihr Gefühl und streichen Sie, denn sie sind schlecht.

Mut zur Lücke 

Manchmal ist es angebracht, eine Szene zu überspringen und sie zwischen zwei Absätzen oder Kapiteln ahnen zu lassen. Warum nicht ein Kapitel damit beenden, dass die Schlafzimmertür hinter einem Liebespaar ins Schloss fällt? Was danach folgt, haben große und weniger große Schriftsteller eh schon mit mehr oder weniger drastischen Worten gezeigt, so dass man vermutlich kaum bessere und vor allem neue Worte dafür findet. In der Verlobung in St. Domingo löst Heinrich von Kleist das Problem ganz pragmatisch, in dem er den nächsten Absatz beginnt mit: „Was weiter erfolgte, brauchen wir nicht zu melden, weil es jeder, der an diese Stelle kommt, von selbst liest.“ Robert Musil überspringt im Mann ohne Eigenschaften gleich zwei Wochen und lässt das siebte Kapitel mit den Worten enden: „Zwei Wochen später war Bonadea schon seit vierzehn Tagen seine Geliebte.“ In Kleists Marquise von O. ist es sogar nur der „gewaltigste Gedankenstrich der deutschen Literaturgeschichte“, wie Gottfried Benn gesagt haben soll. – Aber schon wieder schweife ich ab. Auch dazu werde ich noch etwas schreiben. –

Sie sehen also, auch Absätze und Kapitel sollen wohl durchdacht sein.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen