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Montag, 5. Oktober 2009

Es ist schlechter Stil, das Wörtchen Es zu schreiben


Dichter wählen den Pseudoaktant (von lat. pseudo = unecht, falsch und agere = handeln) es – ein vorläufiges Subjekt – oft für Versanfänge, weil sie für manche Versmaße eine unbetonte Silbe benötigen, wie bei »Es waren zwei Königskinder« oder »Es braust ein Ruf wie Donnerhall«. In der Prosa sollte es vermieden werden, weil es zum zweiten unpersönlichen Subjekt, zum Scheinsubjekt wird. Außerdem ist es veraltet, was auch mit der veränderten Einstellung des Menschen gegenüber unbekannten Kräften zusammenhängen mag.

Das überaus beliebte und so nichtssagende Es ist angebracht und wird in ein echtes Subjekt umgewandelt, wenn auf eine überirdische Macht hingewiesen wird. So schreibt Thomas MANN, dessen Gespür für die Feinheiten der Sprache Helmut BÖTTIGER zur Prägung von »thomasmännisch« für Sprachbegabung bewegte, in der Erzählung Die Betrogene: »(…) ich schrie auch nicht selbst, es schrie, es war eine heilige Ekstase der Schmerzen.« (Man beachte, dass das es auch im Original kursiv geschrieben ist) Das Wörtchen es ist auch angebracht, wenn ein Geschehen geschildert wird, das unabhängig von einem Willen geschieht: Es atmet in mir. Aber normalerweise friert es mich nicht, sondern ich friere, es sei denn, auch hier ist eine höhere Macht im Gange wie in »Es friert mi, dass mir's Herz im Leibe zittert« oder im Märchen Die Sterntaler: »Da kam ein Kind, das jammerte, und sprach ‘Es friert mich so an meinem Kopf, schenk mir doch etwas, womit ich ihn bedecken kann’.«  – Dieses Themas hat sich übrigens auch schon der Zwiebelfisch angenommen. – Der (ernsthaft gemeinte) Vorschlag, statt Es friert mich »es ist mir kalt« zu schreiben, den ich in den unendlichen Weiten des Netzes gefunden habe, ist reiner Quatsch.

Auch bei den Wachstumsverben wie Es grünt so grün oder Es wächst und gedeiht, die sich auf die Natur beziehen, ist das Es erforderlich, ebenso bei den Witterungsverben wie es blitzt, es donnert, es regnet; vor allem aber bei den Geräuschsverben wie Es raschelt und knistert; Es tropft und klopft an die Fensterscheiben, denn Geräusche weisen oft auf Geheimnisvolles, gar Unheimliches hin. Bei Es poltert und spukt kann man nur an Geister denken.

Es gibt in den meisten Fällen keinen vernünftigen Grund, es gibt und es ist zu schreiben, auch wenn Sie diese Wendungen ständig hören und lesen müssen. Vergessen Sie nicht:

Die gesprochene Sprache unterscheidet sich von der geschriebenen Sprache

In dem Satz Es gab einen Kollegen, der schwor, Birgit aus der Firma hinauszumobben. Es war schwer für Karin, sich das vorzustellen, wirken die Es ungeschickt. Bei Ein Kollege schwor, dass er Birgit aus der Firma mobben würde. Karin konnte sich das nicht vorstellen, entrüstet sich der Leser ob der Schändlichkeit des Kollegen. Das Unglück nahm an einem Freitag seinen Lauf wirkt unmittelbarer als Es war an einem Freitag, als das Unglück seinen Lauf nahm. Besser als Es war an einem trüben Novembermorgen, an dem Rolf sich vornahm, es sich künftig leichter zu machen und sich die Zeitung ins Haus bringen zu lassen klingt Rolf nahm sich an einem trüben Novembermorgen vor, die Zeitung zu abonnieren, damit er nicht mehr fünf Treppen hinunterlaufen muss. (Damit werden auch machen und die Reihung der Infinitive vermieden.)

Oft gebraucht, aber deshalb nicht richtiger ist es, wenn es auf einen Ergänzungssatz hinweist: Ich verstehe es, dass Susanne böse ist; Marion ist es zufrieden, dass David sich entschuldigt hat. Richtig muss es heißen: Ich verstehe, dass Susanne böse ist; Marion ist zufrieden

Verwenden Sie das, wenn es sich auf den Gegenstand eines vorhergehenden Satzes bezieht. Nicht: Wenn Fred denkt, er könne sich alles erlauben, ist es ein Irrtum, sondern: … ist das ein Irrtum. Noch besser ist es … – nein, dieser Satz ist genauso falsch –, noch besser drücken Sie sich aus, wenn Sie schreiben: … irrt er. Und da Nebensätze möglichst nicht an den Anfang gestellt werden sollten, lautet die richtige Formulierung kurz und knapp: Fred irrt, wenn er denkt, er könne sich alles erlauben.

Neuerdings ist es braucht modern geworden. Statt es dauert heißt es nun »es braucht viel Zeit«; statt Nur wenig ist nötig, um das Leben menschenwürdig zu machen »Es braucht wenig, um das Leben menschenwürdig zu machen«; statt ein neuer Vertrag muss geschlossen werden braucht es jetzt einen Vertrag.
Es braucht viel Mühe, gutes Deutsch zu schreiben, jedenfalls braucht es dazu mehr, als Buchstaben aneinanderzureihen, und es braucht viel mehr Menschen, die sich um die deutsche Sprache bemühen.
Siehe dazu auch: Es war einmal … (Nicht) jeder Anfang ist schwer. II

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