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Sonntag, 29. Mai 2011

Karl Kraus über das Wörtchen, das ich so liebe: Das kleine Wörtchen „Es“. I

Da Karl Kraus sehr viel zu sagen hat und das ohne einen einzigen Absatz , kann ich hier seine Ausführungen dazu nur gekürzt bringen. Wer den ganzen Beitrag lesen möchte, melde sich bei der digitalen Version der Fackel: an. Das ist eh zu empfehlen, wenn man wissen möchte, ob das Zitat, das einem so gut gefällt, dass man es als Motto auf seiner Website veröffentlichen möchte, wirklich von Karl Kraus ist. Das ist es nämlich oft nicht, weil viele Zitate, deren Urheber unklar ist, gerne schlauen Menschen zugesprochen wird wie eben Kraus oder auch Georg Christoph Lichtenberg, Mark Twain oder Bernhard Shaw. Aber das ist nicht das Thema dieses Blogs, sondern das von meinem Zitateblog.

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Es

(…) Sehr geehrter Herr Kraus!

Nicht in der Erwartung, irgend eine Antwort zu erhalten, sondern weil ich Ihrer künstlerischen Ehrlichkeit, die es schon mit sich abmachen wird, vertraue, erlaube ich mir, auf eine Stelle in Nr. 561–567 der Fackel (…) hinzuweisen. Da steht eine Stelle, die ich grammatikalisch nicht verstehe: »… den Großstadtleuten den Abend, der es werden will, zu verkürzen …«. Sie wollen den Satz »Es will Abend werden« in relativischer Form bringen und  behandeln nun »Es« wie ein richtiges Subjekt, etwa nach dem Muster: »Er wird Maler – der Maler, der er werden will«. Nun ist doch aber »es« hier kein Subjekt, sondern ein vielleicht aus rhythmischen Gründen eingefügtes Wort, das es ermöglicht, das Subjekt nachzusetzen. So wird aus dem Satz: »Abend will werden« – der Satz: »Es will Abend werden«. Ebenso sagt man etwa statt »der Tag beginnt« – »es beginnt der Tag«. Aber Sie könnten doch nicht sagen: »der Tag, der es beginnt«, sondern Sie müßten in der relativischen Form das »es«, das ja seiner Funktion, die Nachsetzung des Subjekts zu ermöglichen, nunmehr ledig ist, weglassen: »Der Tag, der beginnt.« Demnach hätte ich an jener Stelle Ihres Textes erwartet: »Der Abend, der werden will« zu lesen, worauf ich nicht gezwungen gewesen wäre, die Frage: »der – was werden will?« zu stellen. Ich begreife, daß durch die Weglassung des »es« die Assoziation der Wendung »es will Abend  werden« gefährdet gewesen wäre, aber ich hätte dies, im Vergleich zu jener grammatikalischen Härte, die nun im Text steht, für das kleinere Übel gehalten. (…)
Dankbar Ihr – –


(…) Der Fall (demonstriert) beispielhaft den Abgrund zwischen grammatischem Bescheidwissen und Sprachfühlen, über den jenes nicht hinüberkommt, weil es nun einmal keine Flügel hat. Er ist deshalb besonders interessant, weil er den Leser durchaus auf dem Stande der Grammatik zeigt, die vor einem der merkwürdigsten Sprachgeheimnisse, das sie bis heute nicht zu erspüren vermocht hat, sich nur durch Verwechslung mit einer ziemlich eindeutigen Eigentümlichkeit – dem »vorangestellten es« – helfen kann, wiewohl sich auch diese, als eine tiefer zu begründende Spracherlaubnis, dem grammatischen Erfassen entzogen hat. Daß das »es« in einer Wendung wie »es will Abend werden« kein »vorangestelltes es« ist, sondern ein »richtiges Subjekt«, daran habe ich zu allerletzt gezweifelt, als ich das Bibelwort in einen Relativsatz brachte. Da die Leser immerhin schon das eine aus der Fackel entnommen haben könnten, daß in ihr noch nie ein Buchstabe gedruckt war, ja kein Zeilenumbruch erschienen ist, bei dem sich der Autor nicht etwas gedacht hat (…) so wäre eigentlich der Weg zum Nachdenken über Sprachprobleme so deutlich gewiesen, daß jeder in jedem Falle auch ohne Auseinandersetzung mit dem Autor zu einem Erlebnis gelangen könnte (…). Wenn ich sage, daß ich an der Bedeutung des »es« zu allerletzt gezweifelt habe, so bekenne ich freilich, daß die Konstruktion mit allerlei Zweifeln behaftet war. Aber die Sprache gewährt nur solche und sie läßt nicht zu, daß zwei Worte zusammenkommen, ohne aneinander zu geraten, mögen sie auch in dem gelösteren Zusammenhang des täglichen Sprachverkehrs sich ganz gut vertragen. Das Problematische der Bildung ging aber geradenwegs vom Subjektcharakter des »es« aus, den das Gefühl so stark bejaht hat, daß ihm die Sprache hier fast etwas schuldig zu bleiben schien, nämlich etwas wie einen lateinisch gefühlten Akkusativ für das, was »es« werden will, also: der Abend, »den« es werden will und der freilich an Größe verlöre, was das »es« gewinnt. (Während sich ein scheinbar doch gewichtigeres maskulines Subjekt bei dem Nominativprädikat vollauf beruhigt: »der Maler, der er werden will«.) So stark empfand ich die regierende Stellung jenes »es«. Nun nehmen wir vorerst an, dies wäre ein Mißgefühl und »es« hätte nicht mehr Kraft als das Beispiel, das der Einsender anführt: »es beginnt der Tag«. So stünde die Angelegenheit immer noch so, daß sich hier der Stil den Teufel, der ihm nun einmal innewohnt, um die Grammatik scheren müßte. Wir setzen also voraus, daß die Grammatik das »es« in »es will Abend werden« mit Recht für nichts als das vorangestellte »es« hält (das es »ermöglicht«, das Subjekt nachzusetzen, ohne daß der Grammatiker weiß, warum es das tut.) Dann würde sich noch immer der Fall ergeben, daß hier stärker als die Konstruktion, die da tatsächlich verlangte: »der Abend, der werden will«, das Fluidum ist, das dem Zitat anhaftet, und  daß das fehlerhafte »es« nichts anderes wäre als ein geistiger Ersatz für Anführungszeichen. Denn es wäre doch nicht mehr die Sprache des Autors, sondern eine angewandte Sprache, die als solche ja erst durch die entstandene Regelwidrigkeit kenntlich würde. Nun kann aber auch nicht die Spur einer solchen behauptet werden, selbst wenn alle Grammatiker, weil sie eben dieses »es« nicht durchgedacht haben, es auf den äußern Anschein hin – »es« ist »es« – behaupten wollten. Der Einwand hat sich dadurch als dankenswert erwiesen, daß er die Möglichkeit gewährt hat, der Grammatik auf eine Unterlassung zu kommen, die nicht anders als durch das mangelnde Sprachgefühl jener, die dieser Wissenschaft obliegen, erklärt werden kann. Sollte es einen Grammatiker geben, der den wesentlichen Unterschied zwischen den beiden »es« erfaßt hat, so wäre er natürlich von der Generalisierung, die diese Reglementsgeister trifft, auszunehmen, aber da in der Wissenschaft kaum einer die Erkenntnisse vermeidet, die ein anderer gefunden hat, so muß man gewiß nicht alle studieren, um keinem unrecht zu tun. Sie sagen also, dies »es«, vorangestellt vermutlich aus dem Grunde, weil sich das gut macht und weil die Zunge schon bevor sie spricht das Bedürfnis hat auszuruhn, »bereite auf ein durch Inversion nachgestelltes Subjekt vor«, und finden etwa, daß es sowohl in »es lebe die Freiheit« wie in »es werde Licht« dieser Bestimmung diene. Von da hat auch der Einsender die Auffassung, daß es in »es beginnt der Tag« und »es will Abend  werden« identisch sei, und weil ich nicht sagen kann: »der Tag, der es beginnt«, so könne ich auch nicht sagen: »der Abend, der es werden will«.

(In Die Fackel 1921, Heft 572–576, S. 46ff.)

(Fortsetzung siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/05/karl-kraus-uber-das-wortchen-das-ich-so.html)

(zum Thema „Es“ siehe auch http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2009/10/es-ist-schlechter-stil-das-wortchen-es.html)

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