Dienstag, 25. Juli 2006
Schreibtipp
Mit MS-Word ist das Finden von Füllwörtern einfach: Suchen mit dem Suchbefehl nach ihnen. Das ist mühsam, ich weiß. Als Nebeneffekt entdecken Sie jedoch gerade bei umfangreichen Manuskripten Wörter, die Sie treffender ausdrücken könnten, und logische Fehler, Rechtschreib- und Grammatikfehler.
Montag, 24. Juli 2006
Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut
Nein, ich will hier nicht noch eine Zitatesammlung anbieten. Die habe ich schon – unter anderem auch zum Schreiben und Lesen – in meinem Schreibblog und vor allem in meinem Zitateblog eingerichtet. Ich möchte nur noch etwas zu den im letzten Post so abfällig behandelten Wörtern wie müssen, sollen, dürfen, erzählen.
Karl Valentin zeigt mit diesem berühmten Ausspruch unseren alltäglichen Spagat zwischen Wunsch, Zwang und Resignation, den er mit Modalverben ausdrückt. Mögen, wollen und dürfen fügen ebenso wie müssen, können, sollen dem Verb eine zusätzliche Information hinzu: dass eine Handlung erwünscht, möglich beziehungsweise erlaubt oder notwendig ist (oder eben nicht erwünscht, nicht möglich, nicht erlaubt und nicht notwendig).
Dass eine Handlung erwünscht ist, wird mit den Modalverben mögen und wollen ausgedrückt: Ich will einen neuen Lyrikband herausgeben (es ist möglich, dass ich einen neuen Lyrikband herausgebe). Ich möchte gern einen Lyrikband veröffentlichen (ich habe den Wunsch, den Band zu veröffentlichen).
Dass eine Handlung möglich ist, wird mit den Modalverben können und dürfen ausgedrückt. Kann ich Gedichte schreiben? (Habe ich die Begabung?) Kann ich sie beim XYZ-Verlag veröffentlichen? (Habe ich die Gelegenheit zum Veröffentlichen)? Ich darf sie veröffentlichen, weil ich das Copyright an ihnen besitze (es ist erlaubt).
Dass eine Handlung notwendig ist, wird mit den Modalverben müssen und sollen ausgedrückt. Ich muss aber den Druck selbst bezahlen. Ich muss die Gedichte veröffentlichen, weil ich sonst keinen Nachweis über mein Können liefern kann (es besteht eine objektive Notwendigkeit: Wenn ich das nicht tue, habe ich mit negativen Konsequenzen zu rechnen). Ich soll aber die Illustratoren um Abdruckerlaubnis ersuchen.
Solche Verben können dem Schreiber aber auch auf ganz tückische Weise das Leben schwermachen (und nicht nur, weil sie Selbstmordwörter oder Reizwörter sein können). Sie können nämlich Pleonasmen (gr. pleonasmos: Überfluss, Übermaß; Wiederholung durch ein zusätzliches Wort) sein: die Fähigkeit, Gedichte schreiben zu können; die Erlaubnis, den Computer benutzen zu dürfen; er hatte sich in den Kopf gesetzt, sie beschützen zu müssen, oder wie in Jessika soll angeblich mit Matthias in Rom gewesen sein. Wolfram meint zwar, dass er sich möglicher Weise geirrt haben könnte, ihr Mann dürfte es aber vermutlich erfahren haben. In dem Satz "Wir sind imstande, mitteilen zu können, dass die Teilnehmer das Recht haben, sich eine Eintrittskarte aushändigen lassen zu dürfen", bedeuten imstande sein und können dasselbe, ebenso das Recht haben und dürfen. So oder ähnlich könnte der Satz lauten: "Wir teilen mit, dass den Teilnehmern eine Eintrittskarte zusteht" (warum kompliziert, wenn es auch einfach geht).
(Siehe dazu auch http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/10/uber-deppen-aussagen-selbstmord-und.html und http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2006/09/ber-un-wrter.html)
Freitag, 21. Juli 2006
Lösung des Sprachrätsels No. 2
Haben Sie die falschen Wörter gefunden? Richtig. Es sind die Wörter und Wendungen übrigens, auf der Höhe der Zeit, absolut, zum Glück, sowieso, schließlich, voll und ganz, ja, natürlich, tiefschürfende Darstellungen, sowieso, letztlich (bitte schreiben Sie niemals letztendlich, schlussendlich oder gar schlussletztendlich; das sind Tautologien), Der springende Punkt ist, eh, nämlich.
Der richtige Text von Robert Walser aus Basta! Helblings Geschichte lautet:
Ich kam dann und dann zur Welt, wurde dort und dort erzogen, ging ordentlich zur Schule, bin das und das und heiße so und so und denke nicht viel. Geschlechteswegen bin ich ein Mann, staateswegen bin ich ein guter Bürger und rangeshalber gehöre ich zur besseren Gesellschaft. Ich bin ein säuberliches, stilles nettes Mitglied der menschlichen Gesellschaft, ein sogenannter guter Bürger, trinke gern mein Glas Bier in aller Vernunft und denke nicht viel. Auf der Hand liegt, daß ich mit Vorliebe gut esse, und ebenso liegt auf der Hand, daß mir Ideen fern liegen. Scharfes Denken liegt mir gänzlich fern; Ideen liegen mir vollständig fern, und deshalb bin ich ein guter Bürger, denn ein guter Bürger denkt nicht viel. Ein guter Bürger ißt sein Essen und damit basta!
Und Sie finden ihn hier: http://www.angestellten.de/texte/text_walser_basta.html
Der richtige Text von Robert Walser aus Basta! Helblings Geschichte lautet:
Ich kam dann und dann zur Welt, wurde dort und dort erzogen, ging ordentlich zur Schule, bin das und das und heiße so und so und denke nicht viel. Geschlechteswegen bin ich ein Mann, staateswegen bin ich ein guter Bürger und rangeshalber gehöre ich zur besseren Gesellschaft. Ich bin ein säuberliches, stilles nettes Mitglied der menschlichen Gesellschaft, ein sogenannter guter Bürger, trinke gern mein Glas Bier in aller Vernunft und denke nicht viel. Auf der Hand liegt, daß ich mit Vorliebe gut esse, und ebenso liegt auf der Hand, daß mir Ideen fern liegen. Scharfes Denken liegt mir gänzlich fern; Ideen liegen mir vollständig fern, und deshalb bin ich ein guter Bürger, denn ein guter Bürger denkt nicht viel. Ein guter Bürger ißt sein Essen und damit basta!
Und Sie finden ihn hier: http://www.angestellten.de/texte/text_walser_basta.html
Mittwoch, 19. Juli 2006
Sprachrätsel No. 2
Nun haben Sie eine Menge über Mode- und Füllwörter erfahren. Deshalb wird es Ihnen nicht schwerfallen, das folgende Rätsel zu lösen:
Den folgenden Text Robert Walsers haben wir durch vierzehn Füll- und Modewörter verändert. Welche sind es und woraus ist der Text?
Ich kam dann und dann zur Welt, wurde dort und dort erzogen, ging übrigens ordentlich zur Schule, bin das und das, auf der Höhe der Zeit, und heiße so und so und denke absolut nicht viel. Geschlechteswegen bin ich zum Glück ein Mann, staatswegen bin ich sowieso ein guter Bürger und rangeshalber gehöre ich schließlich zur besseren Gesellschaft. Ich bin voll und ganz ein säuberliches, stilles nettes Mitglied der menschlichen Gesellschaft, ja, ein sogenannter guter Bürger, trinke gern mein Glas Bier in aller Vernunft und denke nicht viel. Auf der Hand liegt natürlich, daß ich mit Vorliebe gut esse, und ebenso liegt auf der Hand, daß mir Ideen fern liegen. Der springende Punkt ist: Scharfes Denken liegt mir gänzlich fern; Ideen liegen mir vollständig fern, und tiefschürfende Darstellungen sowieso, und deshalb bin ich letztlich ein guter Bürger, denn ein guter Bürger denkt eh nicht viel. Ein guter Bürger ißt nämlich sein Essen, und damit basta!
Den folgenden Text Robert Walsers haben wir durch vierzehn Füll- und Modewörter verändert. Welche sind es und woraus ist der Text?
Ich kam dann und dann zur Welt, wurde dort und dort erzogen, ging übrigens ordentlich zur Schule, bin das und das, auf der Höhe der Zeit, und heiße so und so und denke absolut nicht viel. Geschlechteswegen bin ich zum Glück ein Mann, staatswegen bin ich sowieso ein guter Bürger und rangeshalber gehöre ich schließlich zur besseren Gesellschaft. Ich bin voll und ganz ein säuberliches, stilles nettes Mitglied der menschlichen Gesellschaft, ja, ein sogenannter guter Bürger, trinke gern mein Glas Bier in aller Vernunft und denke nicht viel. Auf der Hand liegt natürlich, daß ich mit Vorliebe gut esse, und ebenso liegt auf der Hand, daß mir Ideen fern liegen. Der springende Punkt ist: Scharfes Denken liegt mir gänzlich fern; Ideen liegen mir vollständig fern, und tiefschürfende Darstellungen sowieso, und deshalb bin ich letztlich ein guter Bürger, denn ein guter Bürger denkt eh nicht viel. Ein guter Bürger ißt nämlich sein Essen, und damit basta!
Dienstag, 18. Juli 2006
Keine Regel ohne Ausnahme (Modewörter)
Den Modewörtern ergeht es, sagt Siegfried LENZ, »wie dem Papiergeld – wenn es zu sehr abgegriffen ist, tauschst du es gegen frisch gedrucktes ein«. Heute selten gebrauchte Wörter wandeln sich schnell zu Modewörtern, andererseits klingen Wörter, die früher als Modewörter bezeichnet wurden, heute wieder unverbraucht. Deshalb sollten wir beim Verurteilen dieser Wörter vorsichtig sein. Vor hundertzwanzig Jahren nannte WUSTMANN in Sprachdummheiten Modewörter, die immer noch lebendig sind wie bislang, erheblich, erhellen, herausbilden, langzeitig, kurzzeitig, naturgemäß, selbstredend, unerfindlich, unentwegt, Schulter an Schulter, von ungeheurer Tragweite. Ob sie einen Text verschönern, steht auf einem anderen Blatt.
Nicht nur Modewörter können neu belebt werden. Viele »große« Wörter sind mürbe geworden, viel zu oft benutzt und ihrer ursprünglichen Aussage beraubt. Was bedeuten heute noch Wohltäter, Demut oder Pflicht? »Man muß einen Ausdruck aus der Sprache herausziehen, ihn zum Reinigen geben – und kann ihn dann wieder in den Verkehr einführen«, sagt WITTGENSTEIN. Wenn die Worte rekonstruiert sind und wieder in den Umlauf gebracht werden, würde ihnen wieder zu trauen sein. Vor allem nach der Nazizeit war, wie SCHNURRE schreibt, die Sprache nicht mehr zu gebrauchen:
Sie musste erst mühsam wieder Wort für Wort abgeklopft werden. Jedem »und« und jedem Adjektiv gegenüber war Vorsicht geboten. Die Sprache, die so entstand war nicht schön. Sie wirkte keuchend und kahl, und Umgangsidiome und das Misstrauen gegenüber langen Sätzen und großen Worten hatten mitgearbeitet an ihr. Doch sie ließ sich gebrauchen.
Verwenden Sie Modewörter ironisch: Karl KRAUS las im Ersten Weltkrieg soviel über Munitionsfabriken, die wie »Pilze aus dem Boden schossen«, dass er bat, es möchten endlich »die Pilze wie die Munitionsfabriken aus dem Boden schießen«, und die in der ehemaligen DDR gebürtige Schriftstellerin Gabriele ECKART kommentierte die überquellenden Schaufenster in Westdeutschland mit »Im Gegensatz zu der DDR stehen hier die Dinge Schlange nach dem Kunden«.
Mit Modewörtern lassen sich auch Figuren oder Gesellschaftskreise ironisch charakterisieren. FONTANE lässt seine Kommerzienrätin Jenny Treibel das Wort unentwegt sagen, um ihre Bemühungen um (Schein-)Bildung und gesellschaftliche Anerkennung bloßzulegen. – Ist charakterisieren nun ein Fremdwort, ein Modewort oder das treffende Wort? Entspräche beschreiben, bewerten, darstellen oder kennzeichnen, wie das der Thesaurus von MS-Word vorschlägt, dem Gemeinten eher? – Sie sehen, Sie müssen jedes Wort bewusst wählen. Bitte schreiben Sie uns, wenn Ihnen hier eine nachlässige Wortwahl auffällt. Wir sind für jeden Hinweis dankbar.
Nicht nur Modewörter können neu belebt werden. Viele »große« Wörter sind mürbe geworden, viel zu oft benutzt und ihrer ursprünglichen Aussage beraubt. Was bedeuten heute noch Wohltäter, Demut oder Pflicht? »Man muß einen Ausdruck aus der Sprache herausziehen, ihn zum Reinigen geben – und kann ihn dann wieder in den Verkehr einführen«, sagt WITTGENSTEIN. Wenn die Worte rekonstruiert sind und wieder in den Umlauf gebracht werden, würde ihnen wieder zu trauen sein. Vor allem nach der Nazizeit war, wie SCHNURRE schreibt, die Sprache nicht mehr zu gebrauchen:
Sie musste erst mühsam wieder Wort für Wort abgeklopft werden. Jedem »und« und jedem Adjektiv gegenüber war Vorsicht geboten. Die Sprache, die so entstand war nicht schön. Sie wirkte keuchend und kahl, und Umgangsidiome und das Misstrauen gegenüber langen Sätzen und großen Worten hatten mitgearbeitet an ihr. Doch sie ließ sich gebrauchen.
Verwenden Sie Modewörter ironisch: Karl KRAUS las im Ersten Weltkrieg soviel über Munitionsfabriken, die wie »Pilze aus dem Boden schossen«, dass er bat, es möchten endlich »die Pilze wie die Munitionsfabriken aus dem Boden schießen«, und die in der ehemaligen DDR gebürtige Schriftstellerin Gabriele ECKART kommentierte die überquellenden Schaufenster in Westdeutschland mit »Im Gegensatz zu der DDR stehen hier die Dinge Schlange nach dem Kunden«.
Mit Modewörtern lassen sich auch Figuren oder Gesellschaftskreise ironisch charakterisieren. FONTANE lässt seine Kommerzienrätin Jenny Treibel das Wort unentwegt sagen, um ihre Bemühungen um (Schein-)Bildung und gesellschaftliche Anerkennung bloßzulegen. – Ist charakterisieren nun ein Fremdwort, ein Modewort oder das treffende Wort? Entspräche beschreiben, bewerten, darstellen oder kennzeichnen, wie das der Thesaurus von MS-Word vorschlägt, dem Gemeinten eher? – Sie sehen, Sie müssen jedes Wort bewusst wählen. Bitte schreiben Sie uns, wenn Ihnen hier eine nachlässige Wortwahl auffällt. Wir sind für jeden Hinweis dankbar.
Montag, 17. Juli 2006
Lohnenswerte Vorschläge für Ihre Giftliste (Modewörter)
Atemberaubend, attraktiv, aufzeigen, ausgerechnet, auslasten, Ausmaß, auswerten, authentisch, bedingen, Befindlichkeit, beispielhaft, bombensicher, brutalstmöglich, schick, darstellen, durchführen (eine Maßnahme durchführen), Ebene (auf Länderebene), echt, einwandfrei, eminent, erneut, erstmalig, Faktor, fieberhaft, Fingerspitzengefühl, fraglos, Fremdbestimmung, fungieren, genau, großzügig, Gespräch (die Politiker führten ein angeregtes Gespräch – vermutlich sagten sie nichts Wichtiges), Gespür, Gewinnwarnung (Warnung vor einem Gewinn?), hemmungslos, hinterfragen, hochspielen, hundertprozentig, keinerlei, klammheimlich, Klasse (als Anerkennung gemeint), eine Lawine (der Hilfsbereitschaft usw.), legitim, Manipulation, Masche (Eigenart), meisterlich, Mentalität, Milieu, nachbessern, neuartig, neuzeitlich, Partner, phänomenal, phantastisch, prima, praktikabel, preisgünstig, profiliert, prominent, richtig gehend, schmissig, Sektor, Sichtwiese, starten, Stellenwert, tadellos, tätigen, tiefschürfend, sich umstellen, unabdingbar, unentwegt, ungeahnt, unmissverständlich, untragbar, verankern, nicht verfehlen, verheerend, vertieft, vollinhaltlich, vorbildlich, wohlweislich.
Ausgebrannt sein; auszeichnen durch etwas (es sei denn, Sie meinen es positiv); das Beispiel, das sich bietet; es geht ihm blendend; Brustton der Überzeugung; etwas dahingestellt sein lassen; sich entschuldigen oder um Entschuldigung bitten (wenn es nicht ernst gemeint ist); etwas erhärten; Fakt ist …; ein Fingerzeichen für etwas sein; aufs Ganze gehen; es liegt auf der Hand; Hand in Hand mit etwas gehen; von der Hand weisen; auf der Höhe der Zeit sein; der Höhepunkt, der erreicht wird; in etwa; in erster Linie; eine Lücke ausfüllen; Mantel der Nächstenliebe; nicht drin sein (mehr ist nicht drin); echt in Ordnung; im Rahmen bleiben; kein Raum, der für einen Gedanken bleibt; selten schön; auf jemanden zukommen; etwas ist von eigenem Reiz; eine Sache, der man Rechnung trägt; verhaftet sein in etwas; ein Versprechen, das man einlöst; bloßer Verstand; nackte Wahrheit; wissen um; ein Zeichen von etwas sein,
etcetera etcetera etcetera …
Ausgebrannt sein; auszeichnen durch etwas (es sei denn, Sie meinen es positiv); das Beispiel, das sich bietet; es geht ihm blendend; Brustton der Überzeugung; etwas dahingestellt sein lassen; sich entschuldigen oder um Entschuldigung bitten (wenn es nicht ernst gemeint ist); etwas erhärten; Fakt ist …; ein Fingerzeichen für etwas sein; aufs Ganze gehen; es liegt auf der Hand; Hand in Hand mit etwas gehen; von der Hand weisen; auf der Höhe der Zeit sein; der Höhepunkt, der erreicht wird; in etwa; in erster Linie; eine Lücke ausfüllen; Mantel der Nächstenliebe; nicht drin sein (mehr ist nicht drin); echt in Ordnung; im Rahmen bleiben; kein Raum, der für einen Gedanken bleibt; selten schön; auf jemanden zukommen; etwas ist von eigenem Reiz; eine Sache, der man Rechnung trägt; verhaftet sein in etwas; ein Versprechen, das man einlöst; bloßer Verstand; nackte Wahrheit; wissen um; ein Zeichen von etwas sein,
etcetera etcetera etcetera …
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Modewörter
Ich mag immer den Mann lieber, der so schreibt, wie es Mode werden kann,
als den, der so schreibt, wie es Mode ist. (LICHTENBERG)
Der Unterschied zwischen modern und modern ist manchmal nur eine Frage der Betonung. (ENZENSBERGER)
Das Ringen mit dem Gedankenausdruck wird geringer, und je mehr sich der Geist nur des schon Geschaffenen bedient, desto mehr erschlafft sein schöpferischer Trieb und mit ihm auch seine schöpferische Kraft. (Wilhelm VON HUMBOLDT)
Äußerst beliebt sind die Wörtchen, die überall zu passen scheinen und doch nichts sagen, die wieder einmal das Nachdenken über das besondere Wort ersparen. Stürzen Sie sich nicht mit Begeisterung auf einen Ausdruck, nur weil er wieder und wieder in den Medien erscheint. Ihr Leser versteht Sie auch ohne diese kurzlebigen Wörter. REINERS schreibt dazu:
Ein bequemer Autor schreibt lieber nachvollziehen als zu überlegen, ob das, was er sagen will, sich mit begreifen, einsehen, einleuchten, billigen, nachfühlen, nachempfinden oder verstehen besser ausdrücken lässt. Wer die Hochhäuser auf dem Potsdamer Platz und den Rosenmontagszug in Köln als toll bezeichnet, hat vermutlich weder bei dem einen oder anderen etwas Besonderes empfunden, und wer Ich denke oder gar Ich habe angedacht (hat er nun gedacht oder nicht) schreibt, denkt gar nichts.
Ekkehard SCHWENK sorgt sich im Tagesspiegel über das Wort sorgen und sorgt so fürs Nachdenken besorgter Schreiber über den sorglosen Umgang mit der Sprache:
Auch mit betroffen, soweit es schmerzlich überrascht, innerlich bewegt oder berührt bedeutet, beziehungsweise Betroffenheit sollten wir sorgfältiger umgehen. Es ist seit den 1980er Jahren »zum Schlüsselwort des Empfindungsmenschen«, »zum Paßwort, das jeder gebrauchen muß, der für einen anständigen Menschen gehalten werden will« (Dieter E. ZIMMER), zur »moralisch begründeten Einstellung aller Geistestätigkeit« (Johannes GROSS) geworden.
Seien Sie ebenfalls vorsichtig mit mit Sicherheit. Sicherlich schreiben Sie es oft, ohne Zweifel lesen Sie es noch öfter, und gewiss haben Sie sich bisher darüber kaum Gedanken gemacht. Aber unbestritten ist es ein Modewort, und unzweifelhaft wird es der Lektor streichen, ja wir sind überzeugt, dass er die Stirn runzeln wird. Zweifellos werden Sie es nie wieder schreiben. Verlassen Sie sich darauf, Ihr Text gewinnt an Güte, wenn Sie mit Sicherheit vermeiden. Seien Sie sich Ihrer Sache sicher, bevor Sie ihn einreichen.
Der Politiker möchte ein Stück weit Freiheit, der Arbeiter ein Stück weit Freizeit; Lehrer und Schüler, Arbeitgeber und Gewerkschaften verhandeln auf Augenhöhe – kann Freiheit geteilt werden, Freizeit gestückelt werden? Ist der Schüler gewachsen, haben Arbeitgeber und Gewerkschaften Augen? Ein Journalist schreibt ein neues Wort, und alle Schreiber folgen nach, mag es noch so unsinnig sein. Der Rattenfänger von Hameln lässt grüßen. –
Mal ehrlich – sind Sie nicht bei manchen Wörtern zusammengezuckt? Und sind Ihnen nicht doch einige Wörtchen aufgefallen, die Sie auch liebend gern gebrauchen (und ist das nicht wieder eine Phrase? – Sie sehen, wie schwer man ihnen »aus dem Wege gehen« kann)? Doch wir sind sicher, dass Sie fortan mit Vergnügen Modewörter suchen und aus Ihrem Sprachschatz verbannen werden.
als den, der so schreibt, wie es Mode ist. (LICHTENBERG)
Der Unterschied zwischen modern und modern ist manchmal nur eine Frage der Betonung. (ENZENSBERGER)
Das Ringen mit dem Gedankenausdruck wird geringer, und je mehr sich der Geist nur des schon Geschaffenen bedient, desto mehr erschlafft sein schöpferischer Trieb und mit ihm auch seine schöpferische Kraft. (Wilhelm VON HUMBOLDT)
Äußerst beliebt sind die Wörtchen, die überall zu passen scheinen und doch nichts sagen, die wieder einmal das Nachdenken über das besondere Wort ersparen. Stürzen Sie sich nicht mit Begeisterung auf einen Ausdruck, nur weil er wieder und wieder in den Medien erscheint. Ihr Leser versteht Sie auch ohne diese kurzlebigen Wörter. REINERS schreibt dazu:
Der Satz Hebbels: »Das Wort finden, heißt die Sache selbst finden«, läßt sich auch verneinend formulieren: Wer das Wort nicht findet, hat auch die Sache nicht gefunden. Er empfindet nach einem festen Schema; er bemerkt nicht mehr die Eigenart der einzelnen Sache, sondern er ordnet sie ein in eine bequeme und gleichbleibende Wert- und Wortskala. Ein Ausländer, der Deutsch nicht aus Büchern, sondern aus der Umgangssprache erlernt hatte, besaß eine feste Reihenfolge von lobenden Ausdrücken, die er bei einem Museumsbesuch der Reihe nach abrollen ließ, nämlich wunderbar, Donnerwetter, kolossal und allerhand. Als er aber schließlich zu Dürers Aposteln gelangte, sagte er: Das Bild ist aber wirklich meine Herrn. Er hielt den Modeausdruck meine Herrn für das oberste Eigenschaftswort der Deutschen.
Ein bequemer Autor schreibt lieber nachvollziehen als zu überlegen, ob das, was er sagen will, sich mit begreifen, einsehen, einleuchten, billigen, nachfühlen, nachempfinden oder verstehen besser ausdrücken lässt. Wer die Hochhäuser auf dem Potsdamer Platz und den Rosenmontagszug in Köln als toll bezeichnet, hat vermutlich weder bei dem einen oder anderen etwas Besonderes empfunden, und wer Ich denke oder gar Ich habe angedacht (hat er nun gedacht oder nicht) schreibt, denkt gar nichts.
Ekkehard SCHWENK sorgt sich im Tagesspiegel über das Wort sorgen und sorgt so fürs Nachdenken besorgter Schreiber über den sorglosen Umgang mit der Sprache:
In unserer restlos verwilderten Sprache wird das Sorgen … nicht mehr nur als eine zwschenmenschliche Zuneigung, Hilfe, ja Fürsorge verstanden, sondern als Müllbeseitigung (Entsorgen), als Wetterwirkung (überfrierender Regen »sorgt« für Karambolagen), ja sogar als Euro-Eigenschaft, die in einer Zeitung stand: »Der Euro sorgt für kostenloses Parken.«
Auch mit betroffen, soweit es schmerzlich überrascht, innerlich bewegt oder berührt bedeutet, beziehungsweise Betroffenheit sollten wir sorgfältiger umgehen. Es ist seit den 1980er Jahren »zum Schlüsselwort des Empfindungsmenschen«, »zum Paßwort, das jeder gebrauchen muß, der für einen anständigen Menschen gehalten werden will« (Dieter E. ZIMMER), zur »moralisch begründeten Einstellung aller Geistestätigkeit« (Johannes GROSS) geworden.
Seien Sie ebenfalls vorsichtig mit mit Sicherheit. Sicherlich schreiben Sie es oft, ohne Zweifel lesen Sie es noch öfter, und gewiss haben Sie sich bisher darüber kaum Gedanken gemacht. Aber unbestritten ist es ein Modewort, und unzweifelhaft wird es der Lektor streichen, ja wir sind überzeugt, dass er die Stirn runzeln wird. Zweifellos werden Sie es nie wieder schreiben. Verlassen Sie sich darauf, Ihr Text gewinnt an Güte, wenn Sie mit Sicherheit vermeiden. Seien Sie sich Ihrer Sache sicher, bevor Sie ihn einreichen.
Der Politiker möchte ein Stück weit Freiheit, der Arbeiter ein Stück weit Freizeit; Lehrer und Schüler, Arbeitgeber und Gewerkschaften verhandeln auf Augenhöhe – kann Freiheit geteilt werden, Freizeit gestückelt werden? Ist der Schüler gewachsen, haben Arbeitgeber und Gewerkschaften Augen? Ein Journalist schreibt ein neues Wort, und alle Schreiber folgen nach, mag es noch so unsinnig sein. Der Rattenfänger von Hameln lässt grüßen. –
Mal ehrlich – sind Sie nicht bei manchen Wörtern zusammengezuckt? Und sind Ihnen nicht doch einige Wörtchen aufgefallen, die Sie auch liebend gern gebrauchen (und ist das nicht wieder eine Phrase? – Sie sehen, wie schwer man ihnen »aus dem Wege gehen« kann)? Doch wir sind sicher, dass Sie fortan mit Vergnügen Modewörter suchen und aus Ihrem Sprachschatz verbannen werden.
Samstag, 15. Juli 2006
Keine Regel ohne Ausnahme
Natürlich gibt es auch Ausnahmen: Füllwörter und Füllwendungen sind ein Stilmittel, um eine Figur ironisch zu charakterisieren.
Ein Füllwort kann auch eine andere Aufgabe übernehmen. Das verpönte vollends zum Beispiel kann den Abschluss eines Vorganges andeuten: Der Bundeskanzler trat vollends aus dem Schatten seines Vorgängers heraus. Der Satz stimmt auch ohne das Füllwort, hier bedeutet er jedoch, dass es dem Politiker, nachdem er es lange Zeit vergebens versucht hatte, endlich gelungen ist.
Anfangs mag es Ihnen schwer fallen, Füllwörter zu streichen. Beim nächsten Feilen werden Sie sie jedoch nicht mehr vermissen – oder sogar wieder einbauen. Denn: sparsam angewandt geben sie einem Text die Würze, die er braucht, um nicht eintönig zu wirken. Auch hier gilt: Im Einerseits – Andererseits liegt die Wirkung (wobei einerseits zehn Prozent beträgt und andererseits neunzig).
Ein Tipp: Streichen Sie die Füllwörter und bauen Sie sie, wenn der Text dadurch stilistisch besser wirkt, später wieder ein.
Ein Füllwort kann auch eine andere Aufgabe übernehmen. Das verpönte vollends zum Beispiel kann den Abschluss eines Vorganges andeuten: Der Bundeskanzler trat vollends aus dem Schatten seines Vorgängers heraus. Der Satz stimmt auch ohne das Füllwort, hier bedeutet er jedoch, dass es dem Politiker, nachdem er es lange Zeit vergebens versucht hatte, endlich gelungen ist.
Anfangs mag es Ihnen schwer fallen, Füllwörter zu streichen. Beim nächsten Feilen werden Sie sie jedoch nicht mehr vermissen – oder sogar wieder einbauen. Denn: sparsam angewandt geben sie einem Text die Würze, die er braucht, um nicht eintönig zu wirken. Auch hier gilt: Im Einerseits – Andererseits liegt die Wirkung (wobei einerseits zehn Prozent beträgt und andererseits neunzig).
Ein Tipp: Streichen Sie die Füllwörter und bauen Sie sie, wenn der Text dadurch stilistisch besser wirkt, später wieder ein.
Freitag, 14. Juli 2006
Giftliste I (Füllwörter)
abermals, allem Anschein nach, allemal, allenfalls, allenthalben, allesamt, allzu, an sich, andauernd, andernfalls, anscheinend, auch, auffallend, aufs neue, augenscheinlich, ausdrücklich, ausgerechnet, ausnahmslos, außerdem, äußerst, bei weitem, bekanntlich, bereits, bestenfalls, bloß, dabei, dadurch, dafür, danach, dann und wann, demgegenüber, demgemäß, demnach, denkbar, denn, dennoch, des öfteren, deshalb, desungeachtet, deswegen, durchaus, durchweg, eben, ein bisschen, ein wenig, einerseits, einige, einmal, entsprechend, ergo, etliche, folgendermaßen, folglich, förmlich, ganz gerne, gänzlich, gar nicht, gemeinhin, gewisse, glatt, glücklicherweise, gottseidank, größtenteils, hätte, häufig, hie und da, hingegen, hinlänglich, höchst, im allgemeinen, im Grunde genommen, im Prinzip, immerzu, in der Tat, indessen, infolgedessen, insbesondere, insofern, irgendein, irgendjemand, irgendwann, irgendwie, je, jedenfalls, jedoch, jemals, längst, lediglich, leider, letztlich, manchmal, mehr oder weniger, mehrfach, meines Erachtens, meinetwegen, meistens, meistenteils, mindestens, mithin, mitunter, möchte, möglichst, nämlich, naturgemäß, neuerdings, neuerlich, neulich, niemals, offenkundig, offensichtlich, ohne weiteres, ohnedies, partout, persönlich, quasi, recht, reichlich, reiflich, restlos, richtiggehend, riesig, rundheraus, rundum, samt und sonders, sattsam, schlicht, schlichtweg, schließlich, schlussendlich, schwerlich, selbstredend, seltsamerweise, so, sogar, sowieso, sowohl als auch, stellenweise, stets, trotzdem, überaus, überdies, üblicher Weise, umständehalber, unerhört, ungemein, ungewöhnlich, ungleich, unmaßgeblich, unsagbar, unsäglich, unstreitig, unzweifelhaft, vermutlich, voll, voll und ganz, vollends, völlig, vollständig, von neuem, weidlich, weitgehend, wiederum, wohlgemerkt, womöglich, ziemlich, zudem, zumeist, zusehends, zuweilen, zweifelsfrei.
Noch mehr Füllwörter siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/09/giftliste-iv-noch-mehr-fullworter.html
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Donnerstag, 13. Juli 2006
Die ach so überflüssigen Flick- und Füllwörter
»Eure Rede aber sei: ja ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.« (Matth. 5, 37)
Ja ist, wenn es nicht im Wortsinn gebraucht wird, wie alle Füllwörter von Übel, ist überflüssig. Füllwörter werden oft des vermeintlichen Verständnisses wegen eingefügt, machen einen Text jedoch holprig und zäh, walzen ihn aus. Ja zum Beispiel wird gern gebraucht, um eine Vertrautheit mit dem Leser herzustellen oder um beiläufig etwas zu sagen, was eigentlich recht unbestimmt ist (ich habe ja schon bewiesen, dass …).Ja, Sie haben Recht, es gibt einfach zu viele Wörter, die Wortballast sind. Das beginnt schon bei einfach, wenn das Wort nicht einfach für einfach = mühelos, unkompliziert oder schlicht gebraucht wird. Auch Wörter wie nun (nun, das hatte ich mir anders vorgestellt) und solche, die nichts Neues sagen wie gleichsam und sozusagen, sind nichts weiter als Krücken.
Ei, freilich benutzen Poeten Füllwörter gern in Gedichten, halt des Rhythmus wegen, gar des Versmaßes, wie dem auch sei, doch in der Prosa müssen Sie Füllwörter schon mal wie GOETHE betrachten, der schon vor etwa zweihundert Jahren ernstlich feststellte:
„Je mehr von Jugend auf das Gefühl bei mir wuchs, daß man schweigen solle, wenn man nichts zu sagen hat, desto mehr bemerkte ich, daß man aus natürlicher Fahrlässigkeit immer noch gewisse Flick- und Schaltwörter behaglich einschiebt, um eine sonst tüchtige und wirksame Rede zu verlängern.“
Fast ist ein gutes Wort, wenn man fast nichts zu sagen hat. LESSING sagt dazu: »Das fast ist ein recht nützliches Wörtchen, wenn man etwas Ungereimtes sagen und auch nicht sagen will.«
Beteuerungen wie zweifellos, tatsächlich, sicher(lich), gewiss, fraglos, selbstverständlich (selbstverständlich werde ich kommen – wenn es selbstverständlich ist, müssen Sie es nicht erwähnen), keineswegs, keinesfalls, natürlich (natürlich hatte ich keine Angst), vollkommen, wenn es nicht als vollkommen = makellos, fehlerlos, gemeint ist) sind zweifelsohne entbehrlich. Überhaupt sind solche Wörter gedankenlos, sie können ganz und gar in ihr Gegenteil umschlagen. Der Leser stolpert über sie und überlegt, ob das, was der Autor sagen will, wirklich selbstverständlich ist.
Und unvergleichlich schreibt schon LICHTENBERG: »Das Wort: unvergleichlich zeigt, was in der Welt aus Worten werden kann« und »So ist zum Beispiel das Wort unvergleichlich im Deutschen ganz unvergleichlich erbärmlich«.
Eigentlich gehört eigentlich auch dazu. HASCHTMANN bezeichnet es ebenso wie könnte, sollte, müsste, eventuell, im Normalfall, als Selbstmordwort: Es relativiert eine Aussage und stellt den Autor selbst in Frage; er buddelt sich damit sein (rhetorisches) Grab.
Beliebt sind auch die Wagwörter oder Vorsichtswörter wie vielleicht, meist, wahrscheinlich, im Grunde, unter Umständen, praktisch (für fast – es ist praktisch ausgeschlossen, dass …), gewissermaßen, wohl kaum, wohl doch, doch (wenn es nicht als jedoch gemeint ist), denn doch (so hat sie es denn doch nicht gemeint – damit wird unterstellt, dass sie es ständig versucht hat), nicht unbedingt, möglicherweise und Wendungen wie wenn man so will und man könnte meinen. Sie schwächen ein Urteil ab, nehmen es zurück, sie leiten Behauptungen ein, die dem Autor selbst verdächtig erscheinen oder die er nicht näher begründen möchte. REINERS bezeichnet diese Wörter als »flauen Stil, der nichts beim Namen nennt«: »Kein Ding ist groß, es ist höchstens nicht unbeträchtlich. Und der Rest muß irgendwie Schweigen sein.« Sie machen eine Aussage unverbindlicher.
Es ist schier unmöglich, alle Füllwörter zu nennen – für den Fall, dass das doch möglich ist, steht schier davor, wir haben uns nur davor gedrückt, alle aufzuzählen.
Übrigens sollte man übrigens auch weglassen. Der Autor ist meist zu bequem, nach einem passenden Übergang zu einem neuen Satz oder Absatz zu suchen, gleichwohl haben wir es auch gern gebraucht. Prompt haben wir es gestrichen.
Manche Wörter wurden früher spaßig gebraucht, inzwischen ist der Spaß verloren gegangen wie bei nichtsdestotrotz, zusammengesetzt aus nichtsdestoweniger und trotzdem. Es hat das richtige nichtsdestoweniger völlig verdrängt.
Und last not least: Ohnehin ist sowieso ein schlechtes Wort, wenn man eh nichts zu sagen hat. Verlegenheitswörter wie eh und ach werden wie allerdings allerdings auch gern geschrieben.
Dienstag, 11. Juli 2006
Goethes Liste von "Redensarten welche der Schriftsteller vermeidet, sie jedoch dem Leser beliebig einzuschalten überlässt"
Die Liste finden Sie jetzt hier: http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/06/wie-man-zu-sagen-pflegt-von-welchen.html
Samstag, 8. Juli 2006
Über Interpretationen des eigenen Textes und über Unverständlichkeit und Unklarheit
Manche Autoren veranstalten gern Quizspiele: Der Leser gewinnt, der sich nicht so leicht hinters Licht führen lässt wie die anderen, die zu dumm sind, ihren mit ach so vielen Zeichen ach so literarisch ausgearbeiteten Text zu kapieren. Und Lektoren sind natürlich "schwachköpfig", nur weil sie ihr Kunstwerk ablehnen. Ein Text, den nur eine exquisite Anzahl Leser und nicht Hinz und Kunz als wunderbar und genial erkennt, ist schlicht und ergreifend gescheitert. Denn absichtliche Unverständlichkeit oder Unklarheit wirken nicht subtil, sondern sind leserverachtend. Alle großen Schriftsteller schreiben allgemeinverständlich. Wollen sie eine Minderheit ansprechen, schreiben sie Essays oder Fachliteratur.
Das muss man als Autor akzeptieren, ebenso wie man akzeptieren muss, dass Interpretationen des eigenen Textes meist unmöglich sind, auch wenn man damit eine Botschaft verkündigen, ein Anliegen unter die Leute bringen will. Laut ECO darf ein Erzähler das eigene Werk gar nicht deuten, »andernfalls hätte er keinen Roman geschrieben, denn ein Roman ist eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen«. Deutungen des eigenen Werkes sind auch oft nicht möglich, weil der Autor nicht weiß, wie er etwas geschrieben hat – was für ein Meisterstück ihm gelungen ist (sollte ihn ein Leser darauf hinweisen, so freue er sich insgeheim). REICH-RANICKI fasst das unnachahmlich in Worte: »So ist es auch mit unseren Autoren: Die meisten verstehen von Literatur so wenig wie Vögel von Ornithologie.«
Das muss man als Autor akzeptieren, ebenso wie man akzeptieren muss, dass Interpretationen des eigenen Textes meist unmöglich sind, auch wenn man damit eine Botschaft verkündigen, ein Anliegen unter die Leute bringen will. Laut ECO darf ein Erzähler das eigene Werk gar nicht deuten, »andernfalls hätte er keinen Roman geschrieben, denn ein Roman ist eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen«. Deutungen des eigenen Werkes sind auch oft nicht möglich, weil der Autor nicht weiß, wie er etwas geschrieben hat – was für ein Meisterstück ihm gelungen ist (sollte ihn ein Leser darauf hinweisen, so freue er sich insgeheim). REICH-RANICKI fasst das unnachahmlich in Worte: »So ist es auch mit unseren Autoren: Die meisten verstehen von Literatur so wenig wie Vögel von Ornithologie.«
Freitag, 7. Juli 2006
Anton Tschechows Maximen
(aus einem Brief an seinen Bruder Aleksander von 1886)
1. Abwesenheit langer Wortergüsse politisch-sozialökonomischen Charakters.
2. Absolute Objektivität.
3. Wahrhaftigkeit in der Beschreibung der handelnden Personen und Gegenstände.
4. Äußerste Kürze.
5. Kühnheit und Originalität; meide das Klischee.
6. Herzlichkeit.
1. Abwesenheit langer Wortergüsse politisch-sozialökonomischen Charakters.
2. Absolute Objektivität.
3. Wahrhaftigkeit in der Beschreibung der handelnden Personen und Gegenstände.
4. Äußerste Kürze.
5. Kühnheit und Originalität; meide das Klischee.
6. Herzlichkeit.
Donnerstag, 6. Juli 2006
EIGENTLICH – Sprachübungen für Anspruchsvolle
Sie alle sind anspruchsvoll. Sie wissen viel von vielgelesenen Autoren. Nun kann man heute schon ein vielgelesener Autor werden, ohne dass man sich mit der Sprache besonders viel Mühe gibt; – oder eben deswegen! Wenn Sie so ein „Vielgelesener“ wären, brauchten Sie nicht in der IGdA zu sein. Wir mühen uns noch – nein – nicht mit, sondern um die Sprache. Dass sie sich im täglichen Gebrauch abnutzt, ist wohl unvermeidlich. Dafür wird einfach zu viel gesprochen. (Frank würde sich an Handke anlehnen und von einer „fürsorglichen Belaberung“ reden.) Gegen das Abnutzen hilft Aufputzen. (Gegen Verwilderung hilft nichts mehr!)
Bleiben wir beim Aufputzen.
Sie haben recht: das ist (eigentlich) falsch. Putzen genügt. Und damit haben Sie ein Beispiel dafür, was die Reihe „Was ist eigentlich …?“ will. Große Fehler machen wir alle schon langst nicht mehr. Die kleinen sind vielleicht noch nicht einmal ärgerlich. Aber schöner wäre es ohne sie!
Ich werde versuchen, in unseren Übungen den Humor so hoch wie möglich zu halten, denn auch ganz ernste Arbeit soll Spaß machen. (Überlegen Sie bitte, ob „Ernst“ und „Spaß“ wirklich einen Widerspruch darstellen.)
(Übrigen: auf „einfach“ werden wir in dieser Reihe noch zurück kommen.)
Bleiben wir beim Aufputzen.
Sie haben recht: das ist (eigentlich) falsch. Putzen genügt. Und damit haben Sie ein Beispiel dafür, was die Reihe „Was ist eigentlich …?“ will. Große Fehler machen wir alle schon langst nicht mehr. Die kleinen sind vielleicht noch nicht einmal ärgerlich. Aber schöner wäre es ohne sie!
Ich werde versuchen, in unseren Übungen den Humor so hoch wie möglich zu halten, denn auch ganz ernste Arbeit soll Spaß machen. (Überlegen Sie bitte, ob „Ernst“ und „Spaß“ wirklich einen Widerspruch darstellen.)
(Übrigen: auf „einfach“ werden wir in dieser Reihe noch zurück kommen.)
Horst Dinter
aus: IGdA-aktuell, Heft 1, 2003
Dienstag, 4. Juli 2006
Texte sind mehrdimensional
In Lauter Verrisse schreibt Reich-Ranicki:
Ein Text muss geheimnisvoll bleiben, auch wenn er offensichtlich erscheint, er überzeugt erst dann, wenn er nicht hermetisch ist. Denn dadurch bietet er immer wieder neue Lesarten und kann immer wieder neu erlebt und enträtselt werden. Wir lesen Vom Winde verweht oder Effi Briest mit sechzehn Jahren anders als mit sechzig, obwohl wir sie beide Male »richtig« gelesen haben. Wir erleben sie nur anders, weil sich unser Wissen, unser Blick auf die Welt und unser Ich geändert haben und wir auf andere Zeichen achten.
»Alle Interpretationen der Leser haben gleichermaßen Gültigkeit und sind wichtiger als die Absichten des Autors«, schreibt Dekon. Der Autor schreibt auch aus dem Unbewussten heraus. Doch ebenso wie er seine Weltanschauung einbringt, bringt der Leser seine Denkweise ein, die den Text bis zu einem gewissen Grad neu schafft. Er entnimmt ihm seine eigene Wahrheit, anders, als der Autor geplant hatte.
Das ist sein gutes Recht. Erklären Sie dem Leser nicht, was Sie gemeint haben, verteidigen Sie Ihren Text nicht, und vor allem: Behandeln Sie Ihren Leser (oder Zuhörer) nicht von oben herab. Er ist nicht beschränkt, weil er Ihren Text anders versteht, als Sie beabsichtigt hatten; umgekehrt entnimmt nicht »irgendein Doofer« einem Text etwas, das der Schreiber gar nicht gesagt hat – die Meinung so mancher Autoren, die von Literatur keine Ahnung haben. Nur ein schlechter Text ist eindimensional.
Ich vermisse in dieser Prosa … eine ganze Dimension – jene, in der die dargestellten Sachverhalte und Situationen, Vorgänge und Vorfälle mehr als nur sich selbst erkennen lassen, wo sie etwas signalisieren und also zu Chiffren werden. Es fehlt, was man gemeinhin und anschaulich den »doppelten Boden« nennt. Ich befürchte, daß Romane, denen diese Dimension abgeht, nicht wert sind, gelesen zu werden.Wörter können die Wirklichkeit nicht beschreiben, denn sie ist immer subjektiv. Aber Sprache ist mehr als Wörter. Der literarische Text schafft durch das, was er verschweigt, das wovon er nicht handelt, zusätzliche (Deutungs-)Ebenen, er ist mehrdimensional: Der Leser soll zwischen den Zeilen lesen. Spätestens hierdurch wird das Handwerk zum Kunstwerk, ein Schritt, der den Könner vom Anfänger unterscheidet.
Ein Text muss geheimnisvoll bleiben, auch wenn er offensichtlich erscheint, er überzeugt erst dann, wenn er nicht hermetisch ist. Denn dadurch bietet er immer wieder neue Lesarten und kann immer wieder neu erlebt und enträtselt werden. Wir lesen Vom Winde verweht oder Effi Briest mit sechzehn Jahren anders als mit sechzig, obwohl wir sie beide Male »richtig« gelesen haben. Wir erleben sie nur anders, weil sich unser Wissen, unser Blick auf die Welt und unser Ich geändert haben und wir auf andere Zeichen achten.
»Alle Interpretationen der Leser haben gleichermaßen Gültigkeit und sind wichtiger als die Absichten des Autors«, schreibt Dekon. Der Autor schreibt auch aus dem Unbewussten heraus. Doch ebenso wie er seine Weltanschauung einbringt, bringt der Leser seine Denkweise ein, die den Text bis zu einem gewissen Grad neu schafft. Er entnimmt ihm seine eigene Wahrheit, anders, als der Autor geplant hatte.
Das ist sein gutes Recht. Erklären Sie dem Leser nicht, was Sie gemeint haben, verteidigen Sie Ihren Text nicht, und vor allem: Behandeln Sie Ihren Leser (oder Zuhörer) nicht von oben herab. Er ist nicht beschränkt, weil er Ihren Text anders versteht, als Sie beabsichtigt hatten; umgekehrt entnimmt nicht »irgendein Doofer« einem Text etwas, das der Schreiber gar nicht gesagt hat – die Meinung so mancher Autoren, die von Literatur keine Ahnung haben. Nur ein schlechter Text ist eindimensional.
Nachtrag zum Sprachrätsel
Ich vergaß zu sagen, aus welchem Text der Absatz ist. Er ist aus Franz Kafkas Aus der Galerie, nachzulesen unter http://gutenberg.spiegel.de/kafka/erzaehlg/galerie.htm
Montag, 3. Juli 2006
Lesen Sie Ihre Texte vor
„Erlauschter Klang ist süß“ sagt der englische Dichter Keats. Schreiben Sie nicht nur mit der Hand, sondern auch mit dem Ohr, und lesen Sie nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Mund: Rezitieren Sie Ihren fertigen Text, wenn möglich auf Kassette. Noch besser ist, wenn Sie Ihren Text mit ausdrucksloser Stimme vorlesen lassen. Sie kennen sicher von Lesungen die schlechten Texte, die der Rezensent so ausdrucksvoll vorträgt, dass er die Zuhörer fesselt, und die guten, die so langweilig “heruntergeleiert” werden, dass die Zuhörer beinahe einschlafen. Bei einigen Literaturwettbewerben lesen Schauspieler die Texte vor, und erst dann entscheidet die Jury über die Preisvergabe. Dabei gewinnt nicht unbedingt der beste Text, sondern der, der am besten vorgetragen wurde.
Beim Vorlesen oder Abhören der Kassette merken Sie, ob ein Satz gut oder schlecht gebaut ist, wo Ihr Text holpert, wo er zu lang ist, wo er grammatisch falsch ist – wo Sie selbst beim Zuhören ermüden. Und wenn Sie selbst ermüden, werden das erst Recht Ihre Zuhörer.
Beim Vorlesen oder Abhören der Kassette merken Sie, ob ein Satz gut oder schlecht gebaut ist, wo Ihr Text holpert, wo er zu lang ist, wo er grammatisch falsch ist – wo Sie selbst beim Zuhören ermüden. Und wenn Sie selbst ermüden, werden das erst Recht Ihre Zuhörer.
Sonntag, 2. Juli 2006
Auflösung des Sprachrätsels vom 1. 7. 2006
Haben Sie den Stilbruch erkannt? Richtig: Band, Boss und für Monate sind Angloamerikanismen, Ross, Gaul und Stopp Umgangssprache, Küsschen und Spielchen sind eine Verniedlichung. Setzen Sie für Ross Pferd ein, für Boss Chef und für Monate monatelang, für Gaul Pferd, für Band Orchester, für Küsschen Kuss und Spielchen Spiel, für Stopp Halt, und Sie werden merken, dass der Text einheitlich ist.
Samstag, 1. Juli 2006
Sprachrätsel No. 1
In jedem guten Text herrscht sprachliche Einheit. Im folgenden Text von Franz Kafka ist diese jedoch nicht gegeben – was nicht Kafka vorzuwerfen ist. Er möge uns verzeihen: Ich habe den Text an acht Stellen verändert. Einige Veränderungen werden Sie leicht erkennen, weil die Wörter nicht in Kafkas Zeit gehören. Für andere brauchen Sie einfach Stilgefühl. (Und wenn Sie noch ein Rätsel lösen möchten: Aus welcher Geschichte stammt der Auszug?)
Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Ross vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Boss für Monate ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Gaule schwirrend, Küsschen werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spielchen unter dem nichtaussetzenden Brausen der Band und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das – Stopp! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.
Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Ross vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Boss für Monate ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Gaule schwirrend, Küsschen werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spielchen unter dem nichtaussetzenden Brausen der Band und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das – Stopp! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.
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