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Sonntag, 19. September 2010

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Autor und Schriftsteller?


Neulich las ich eine sehr interessante Frage: »Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Autor und einem Schriftsteller?«. Darüber hatte ich zwar auch schon nachgedacht, aber wie mir scheint, nicht genug. Ich hatte nämlich die beiden Begriffe immer als Synonym verwendet und manchmal einfach nur, um Platz zu sparen.

Das Wort Verfasser, das ich auch gern verwende, ist übrigens kein Synonym für Autor oder Schriftsteller, sondern die Eindeutschung des Begriffs Autor durch Philipp von Zesen im siebzehnten Jahrhundert. Ihm verdanken wir auch so schöne Wörter wie Bücherei (für Bibliothek), Letzter Wille (für Testament), Moment (für Augenblick), Freistaat (für Republik) und Weltall (für Universum); dass er den Gesichtserker geprägt hat, ist allerdings ein Gerücht. Das Wort Schriftsteller (von Schriftensteller) wiederum, das seit 1616 belegt ist, ist die Eindeutschung von Concipient (von lat. concipere = verfassen, zusammenfassen), womit jemand gemeint war, der für andere juristische Schreiben aufsetzte (Schriften stellte). Das Wort war anfangs negativ besetzt, wie auch die Schriftstellerei zeigt, erst im 18. Jahrhundert wurde es aufgewertet. Seither ist auch die Berufsbezeichnung Schriftsteller für jemanden, der berufsmäßig eine schriftstellerische Tätigkeit ausübt, üblich. Die Eindeutschung Schöngeist für Belletrist oder bel esprit wurde jedoch schnell fallengelassen.

Ich habe also ein bisschen recherchiert und fand im Ultimativen Literaturforum diese Definition:
Der Unterschied zwischen Dichter, Schriftsteller und Autor liegt in ihrer Eigenschaft: Dichter - erstellt ein aus freiem Gedankengut geschaffenes Werk der Lyrik; Schriftsteller - Schöpfer von Epik und Dramatik-Werken; Autor - Erfasser von vorgegebenen Fakten, Wissen und Hypothesen (Fach- und Sachbücher).
Dann fand ich zufällig eine Seite, auf der der Unterschied zwischen Autor und Schriftsteller meiner Meinung nach am besten erklärt wird (und stellte beim Lesen der Definition bei Wikipedia  fest, dass auf beiden Seiten genau dasselbe steht, wie so oft, wenn man die geistreichen Ausführungen eines Autors bewundert und dann feststellen muss, dass sie von Wikipedia ohne Angabe der Quelle geklaut wurden). Daraufhin googelte ich nach »Ein Autor (lat.: auctor; Urheber, Schöpfer, Förderer, Veranlasser)« und fand auf der Seite Fragen zu Wikipedia folgendes:
Verwendung des Begriffes "Autor"
Immer öfter hört und liest man diese falsche Verwendung des Begriffes Autor, leider auch in der WP. … Im Artikel Autor lese ich zunächst einmal richtig "Ein Autor (lat.: auctor; Urheber, Schöpfer, Förderer, Veranlasser) ist der Verfasser oder geistige Urheber eines Werkes". Im weiteren Verlauf des Artikels … scheint es mir dann teilweise auch unscharf zu werden. Und überall findet man dann "Autor" als Beruf oder als Tätigkeit. Wenn jemand Bücher geschrieben hat, sollte man dann nicht "Schriftsteller" schreiben? Und "Autor" auf seine eigentliche Bedeutung beschränken, also "der Autor von "Die Feuerzangebowle"", "Autor mehrerer bekannter Romane", "Autor des grundlegenden Werkes in dieser Disziplin", "Autor der bekanntesten Biographie des Königs" etc.?
Schließlich stieß ich auf eine Diskussion bei WP zu dem Thema, bei der es eigentlich darum geht, wann Personen als Autor und wann als Schriftsteller kategorisiert werden.  Besonders wichtig erscheint mir der Beitrag: »Nochmal: Autor oder Schriftsteller«, in dem jemand aus seiner »historisch-literaturwissenschaftlichen Praxis« dazu Stellung nimmt (warum »Homer ... kein Schriftsteller, aber ein Autor« war, verstehe ich allerdings nicht).

Das Autorenmagazin schreibt übrigens in seinem Beitrag »Traumberuf: Auf Platz 8 der Skala«, dass es für keinen Beruf so viele Bezeichnungen gibt
wie für den, der den Kopf so lange strapaziert, bis die Hand endlich schreibt: Dichter, Journalisten, Poeten, Schriftsteller, Verfasser, Prosaisten, Erzähler, Epiker, Romanciers, Novellisten, Essayisten, Dramatiker, Lyriker, Glossen- und Stückeschreiber, Drehbuchautoren, Literaten, Skribenten, Verse- oder Reimschmiede, Biographen, Texter. Auch die dienstbaren Ghostwriter gehören mit zur Familie der Autoren.
Es bat die Leser, weitere Bezeichnungen für diesen Beruf einzuschicken. Das Ergebnis gibt es hier.

Die Bezeichnungen Literaturproduzenten, Buchstabenhengste, Pegasus’ Töchter, Goethes Erben und Frauen der Feder, die ich mir mal notiert hatte, wurden leider nicht in die Liste aufgenommen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Der Bibliothekar, Lexikograph und Germanist Johann Christoph Adelung hatte es bereits im 18. Jahrhundert in seinem Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart auf den Punkt gebracht:
In weiterer Bedeutung ist Schriftsteller ein jeder, welcher eine eigene Schrift durch den Druck bekannt gemacht hat, welcher etwas geschrieben hat; mit einem Lateinischen Ausdrucke, ein Autor.
Ich denke, daran könnte man sich halten. Was Verlage damit meinen, wenn sie verkünden, dass sie Autoren »machen«, weiß ich allerdings immer noch nicht.

Donnerstag, 10. Juli 2008

»eigentlich«

Das ist ein schönes, deutsches Wort, so schön, dass man es nicht einmal ins Französische übersetzen kann. »Proprement dit« ... nein, »eigentlich« ist überhaupt kein Wort. Das ist eine Lebensauffassung.

Da leben die Leute in ihren Vierzimmerwohnungen und verdienen elfhundertundsiebenunddreißig Mark im Monat, und haben eine Frau und zwei Kinder (oder umgekehrt), und fahren jeden Tag mit der Untergrundbahn ... aber »eigentlich« sind sie ganz etwas anders. Dichter zum Beispiel, für die das äußere Leben nur provisorisch vorhanden ist, bis sie eines Tages einsehen, dass dieses Provisorium alles war, und dass nichts mehr danach kommt ... und Prominente sind sie in irgendeiner Kunst, Beamte, Politiker; sie gehen, nennt man das, in ihrem Beruf auf – kurz: »eigentlich« sind sie alle ganz etwas anders. Man sieht es ihnen gar nicht an, das Eigentliche.

Es wimmelt von verkappten Königen, die inkognito leben. Vielleicht braucht jeder diesen kleinen Privatstolz, sonst könnte er es ja wohl nicht durchstehen; vielleicht muß diese Bezugnahme auf einen tieferen, oft nur vermeintlichen Wert dasein, man könnte sonst nicht leben. Es gibt so viel Verhinderte ...

Da sind die »Nur-Journalisten«, die »eigentlich« Dichter sind, so große lyrische Dichter, dass Stefan George von Glück sagen kann; »eigentliche« Musiker gibt es zu Hunderttausenden, es ist ein Glück, dass uns die meisten erspart bleiben. Es kommt aber, wenns soweit ist, gar nicht auf das Eigentliche an.

»Eigentlich« haben die Richter ihn freisprechen wollen, aber dann haben sie ihn doch verurteilt ... und nun sitzt er im Gefängnis und kann mit dem Eigentlichen nicht viel beginnen. »Eigentlich« sollte er Privatdozent werden, aber er ist dann doch in die Industrie gegangen. Eigentlich bin ich ja ein Freidenker, aber wenn meine Schwiegermutter will, dass wir uns kirchlich trauen lassen ... ? Eigentlich müßte man sich diesen Wucher nicht gefallen lassen, aber wir zahlen dann doch.

Und eigentlich sind wir ja dem Arbeitgeber, der uns bedrückt, tausendfach überlegen, und wir spotten seiner und sind so feine Herren ... Und eigentlich sind wir überhaupt ganz anders, als man glauben könnte, wenn man uns so leben sieht. Wonach es aber nicht geht.

Sondern es geht nach dem Erfolg und nach der Wirklichkeit. Und es ist ein schöner und gefährlicher deutscher Traum, die Realität zu ignorieren, und im Wunschland zu leben, wo es nichts kostet und wo alles glatt und hemmungsfrei zugeht. So fliehen sie – und bleiben auf derselben Stelle.

Und so leben eigentlich viele Leute mit dem Kopf in den höheren Schichten und spielen sich ein Dasein vor, das sie gar nicht führen, obgleich sie es führen – und eigentlich sind sie auch gar keine mondänen Sportsleute, sondern geborener Mittelstand, der aus den Pantinen gekippt ist. Es gibt ein Ding, das es deutlicher zeigt als alles andere: das ist die Fassadenarchitektur, die nicht immer klassizistisch oder barock sein muß – falsche Intimität, falscher Reichtum und falsches Silber tuns auch. Ja, es gibt sogar falsche Ornamentlosigkeit ...

Ein merkwürdiges Wechselspiel: mal ist das zugrunde liegende »Eigentliche« unwahr, und mal stimmt die Oberfläche nicht ... Weil aber keiner ganz er selber ist, so bleibt immer ein kleines »Eigentlich« übrig, auf das er sich, bei Bedarf, zurückziehen kann. Denn was wollen sie eigentlich alle –? Proprement dit: das Glück.


Peter Panter
Vossische Zeitung vom 14. 3. 1928

Donnerstag, 26. Juni 2008

Über das Umstandswort "wo"

Ich habe vor einigen Jahren einmal etwas über das mächtigste Wort in der Deutschen Sprache (man) geschrieben – und brauche heute an meinen kritischen Feststellungen von damals nichts zu ändern: (schlechte) Sprach- und Sprechgewohnheiten sind zählebig! Diesmal ärgert mich der Missbrauch eines Umstandswortes, weil er unsere Sprache in einer Art und Weise ärmer, ein-fältiger macht, die nicht hingenommen werden darf.

Eigentlich ist wo,

ein Umstandswort des Ortes/der Ortsbestimmung, ein-deutig: Berlin ist die Stadt, wo Siegessäule und Brandenburger Tor stehen.

Dabei braucht eine Fehlkonstruktion mit wo gar nicht so albern zu sein wie in der Feststellung: Das ist der Mann, wo bei uns die Gasuhr abliest – und sagen Sie bitte nicht, so spräche niemand! Beinahe richtig klingt etwa: Das ist nun eine Gelegenheit, wo wir unsere Erfahrungen einbringen können. Gelegenheit ist aber kein Ort, auf den hingewiesen werden darf. Und ebenso falsch ist der Satz Hier erreichen wir den Punkt, wo wir eingreifen müssen – denn auch ein Punkt ist kein Ort (– jedenfalls in der Sprache ist ein Punkt nur ein gedachter Einhalt!) Ebenso schlecht: Das ist ein Fall, wo man dann sagt ...

Manchmal verfolgt einen Schreiber sein sprachliches Gewissen. Da wird dann die Antwort des Dalai Lama auf die Frage nach dem Nirwana der Buddhisten mit »Nirwana ist vor allem ein Geisteszustand. Er ist schwer zu beschreiben. Ein Zustand, wo keine Emotionen mehr stören. Es ist kein wirklicher Ort« übersetzt.

Haben Sie für die Beispielsätze die sprachlich besseren Lösungen gefunden – das sind auch Ortsbestimmungen (bei/an ... )? Nur weisen sie nicht unmittelbar auf einen Ort hin, sondern sie lassen die Nähe offen.

Jetzt müssen Sie nur noch entscheiden:
»Dort, wo es bequem ist, verwenden wir eben auch ein Wort …« oder »Dann, wenn es bequem erscheint ...«

Horst Dinter

Dienstag, 12. Dezember 2006

Was ist eigentlich -weise?

Nun, weise ist es nicht und sprachlich ungeschickt, an allerlei Begriffe noch –weise anzuhängen: interessanterweise, freundlicherweise, möglicherweise, verständlicherweise ... fatalerweise.

Wie verständlich (– oder verständlicher?) sind Wörter, die durch –weise „veredelt“ werden? – oder hat -weise etwa gar nichts mit „weise“ zu tun, mit dem oder der Weisen?

Natürlich nicht! Vielmehr leitet es sich von jener „Beschaffenheit“ her, die bei der Verbindung „Art und Weise“ sogar doppelt-moppelt – und weist (noch einmal) auf die Besonderheit des Wortes hin, dem es angehängt ist. Vielleicht verstärkend,
verdeutlichend?

Eigentlich aber überflüssig (– oder überflüssigerweise?) und jede.falls sprachlich unschön.

Horst Dinter

Donnerstag, 23. November 2006

Was ist eigentlich Poesie?

Zuhörer beim seinerzeit sagenhaften „Literarischen Quartett” brauchten nicht viel Geduld, wenn sie auf eine der alternativen Bemerkungen Marcel REICH-RANICKIS warteten: „Ich vermisse hier wieder einmal jegliche Poesie” oder „Hier endlich hört man sie wieder einmal, die Poesie” – und dann war ihm vieles andere an einem literarischen Werk minder wichtig.

MRR hat seine Worte immer sorgfältig gewählt. Wenn er „jegliche” sagte, wollte er andeuten, dass es unterschiedliche Formen der Poesie gibt, und wenn er „hören” sagte, hatte er Poesie schon ziemlich genau beschrieben.

Dem (gr.) poiein, das zunächst nur machen, schaffen, schöpferisch tätig sein bedeutete, wurde bald das Dichten zugeordnet, und im 18. Jahrhundert fand man dann den dichterischen Stimmungsgehalt/den Zauber/– die Verzauberung – hinzu.

Da hat es sich der Freiherr von EICHENDORFF ziemlich leicht gemacht, als er sein vielleicht berühmtestes Gedicht über eine „Mondnacht“ schrieb, in der für uns Menschen seit alters ein unerklärbarer Zauber wirkt: die Poesie des Themas? Aber dann:

Es war, als hätt' der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis die Wälder,
so sternklar war die Nacht.

Die Poesie der Sprache!

Und schließlich kann es sich Eichendorff sogar leisten, sein Eingangsthema zu verlassen:

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.


denn seine dichterische Sprache trägt ihn – nicht irgendwohin, aber jedenfalls aus dem Bilde.

Und jetzt mache ich es mir leicht, wenn ich gleich bei Eichendorff bleibe, um ein Beispiel für die Poesie in der Prosa zu suchen, denn reine Poesie ist der Anfang zum „Taugenichts”:

"Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: „Du Taugenichts! Da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und lässt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Weit und erwirb dir selber dein Brot.”

Natürlich geht der Taugenichts.

Und dann geschieht etwas geradezu Sensationelles:

"Wie aber denn die Sonne immer höher stieg, rings am Horizont schwere weiße Mittagswolken aufstiegen und alles in der Luft und auf der weiten Fläche so leer und schwül und still wurde über den leise wogenden Kornfeldern …",

denn da reißt seine poetische Sprache den Dichter ganz aus seiner Zeit heraus, in den hohen Sommer, obwohl gerade eben noch der letzte Schnee emsig vom Mühlendach getropft war.

Zunächst also trägt die Sprache den Dichter mit sich fort, sogar aus dem Bilde heraus, und wenn sie ganz zauberhaft ist, merken auch wir das noch nicht einmal – oder jedenfalls erst mit dem zweiten Hinsehen. Denn wir sind selbst verzaubert.

Eichendorff zählt zu den Romantikern, die ganz besonderen Wert auf die Poesie in ihren Werken gelegt haben, vor allem auf die Poesie der Sprache. Und es wäre ganz unfair, sie auch heute den Dichtern in Lyrik und Prosa als Vorbilder zu empfehlen: Wir leben in einer anderen Zeit. Aber beim Lesen (– beim Laut-Lesen!) hat wahrscheinlich jeder von uns ein Schwingen gespürt, das weiter trägt, den Ton gehört, der über allen diesen Sätzen liegt.

MRR hat in seinen Anmerkungen kaum jemals genau gesagt, wo oder wie er das besonders Poetische heraus gehört hatte und wie man Poesie bestimmen kann, aber er hat mit seinen Hinweisen fast immer Recht gehabt. Umstritten war dann bei der Beurteilung eines literarischen Werkes nur noch der Stellenwert, den die Poesie haben sollte.

Nun die unangenehme Rückseite der Medaille!

Das Gedicht eines jungen Lyrikers ist zweifellos poetisch:

Über die Wiesen, leis hingesungen,
weht schon der Jubel des Maien;
flüsternd fließen alle Brunnen,
wärmer tönen die Schalmeien.

Zärtlich sind die Stimmen der Welt
und ruhig atmet die Erden.
Selbst der geschwätzige Star verhält
sich still, da alle stiller werden.

Birken wiegen sich sacht im Wind
nach ungehörter Melodei …


Der junge Dichter lebt längst nicht mehr. Er starb sehr früh im Polenfeldzug des Zweiten Weltkriegs. Und deswegen, und weil er ein sehr guter Freund war, darf ich die letzten Zellen seines kleinen Opus einfach weglassen: sie sind Kitsch.

Aber auch die fliegende Seele könnte Kitsch sein, ebenso wie das blaue Band und die prangenden goldenen Sternlein und …
– sogar das junge und morgenschöne Röslein! Dass sie es nicht sind, liegt an dem sicheren Gespür der großen Dichter für die Grenzen ihrer Poesie.

Und jetzt braucht es Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit: Sie wissen vermutlich nicht, wo der Vers

Als wüchsen zwischen staubgrauen Steinen des Weges
die süßen Schwingel des Grases
und als bräche aus schwerem Herbstgewölk
unvermutet der Frühling …

steht, aber er ist zweifellos große Poesie. Sie finden ihn in Hermann STEHRS, eines schlesischen Dichters (um 1900), „Amadeus Mandels Geburt“. Und dort steht er als ganz schlichte Prosa!

(Versuchen Sie jetzt bitte einmal, die vier Zeilen als Prosa zu lesen!)

Horst Dinter

Samstag, 21. Oktober 2006

Was bedeutet eigentlich "eigentlich"?

Wir haben nun schon ein paar Mal „Was ist eigentlich …“gefragt. Nun fragen wir endlich: was bedeutet eigentlich – „eigentlich“?

Sagen wir’s zunächst einmal ganz grob: in vielen Texten steht „eigentlich“ ohne jede Bedeutung „nur so herum“. Es könnte also auch weggelassen werden. Aber da und dort hat es doch einen (Hinter-)Sinn. „Was wollen Sie?“, ist eine Frage, „Was wollen Sie eigentlich?“, ist fast schon ein Vorwurf. Jedenfalls klingt es recht unfreundlich.

Und wenn wir „so recht eigentlich“ lesen, müssen wir uns in die Zeit zurück denken, in der man so schrieb, also etwa zweihundert Jahre zurück. Damals wies diese Formel auf das Wesent-liche. „Wesen“ aber ist sinngleich mit „wirken“. Im Norddeutschen wird „wesen“ gelegentlich noch statt „tun“/„machen“/„sein“ gebraucht. Das Wesent-liche ist also das Wirk-liche. Und im Denken und Tun des Menschen wirkt vor allem das Eigene, das Ur-sprüngliche – also das Eigen(t)liche (das „t“ steht nur für bessere Sprechbarkeit). Das aber musste wahr sein, musste eine (eigene) Bedeutung haben.

Dazu schauen wir doch am besten einmal bei Martin Heidegger nach. Der benutzt einen alten Trick der (philosophischen) Denker: Er setzt neben den erfragten Begriff einen Gegenbegriff; er erfindet also zum „Eigentlichen“ das „Uneigentliche“. Und von hier aus entwickelt(!) er dann Wesen und Inhalt des Eigentlichen. Das Uneigentliche aber bestimmt er – gar nicht so dunkel, wie es ihm oft nachgesagt wird – als das „Verfallen-sein an das ’man’“, also an genau das, was uns nicht mehr eigen ist oder bestenfalls als eine Form von Gemein-Eigentum.

„Im Eigentlichen aber sollen wir/die Dinge/die Begriffe ganz (…) wir selbst sein.“ Das ist ein sehr hoher Anspruch. Er verbietet (eigentlich?), das Wort bei jeder passenden, weit öfter aber noch bei vielen unpassenden Gelegenheiten zu verwenden.

Und nun sagen Sie bitte nicht: Eigentlich hätte ich es gar nicht so genau wissen wollen. Ich habe bisher „eigentlich“ so schön unbefangen verwendet – und das werde ich von jetzt an nicht mehr können.

Horst Dinter

Samstag, 23. September 2006

Was ist eigentlich – ein schwieriger Fall?

In Sol Steins Buch „Über das Schreiben“ steht auf S. 243 der Satz: „Junge Leute heute bringen dem grotesken Element solcher Fantasien wesentlich mehr Interesse und Akzeptanz entgegen.”

Gemeint sind die Fantasien über Liebesbeziehungen zwischen zwei sehr ungleichen Menschen, etwa dem „Monster“ Glöckner von Notre Dame und seiner bildschönen, jungen Angebeteten, oder zwischen einem sehr alten und einem sehr jungen Menschen.

Ganz abgesehen davon, dass Sol Steins Text phrasenhaft-umständlich übersetzt worden ist (→ „… interessieren sich für …“ und „akzeptieren“): worauf bezieht sich denn „wesentlich mehr“? Ist es die Altersgruppe „junge Leute”, die ein besonderes Interesse am grotesken Element hat? – oder ist es das groteske Element, für das sie sich besonders interessieren? Über beides gibt weder der vor noch hinter dem zitierten Satz stehende Text hinreichend Auskunft.

„Wesentlich mehr“ ist eine Art Komparativ, eine Steigerungsform, die diesmal nicht an oder aus nur einem Wort gebildet wird. Geht das hier?

Wie würden Sie – so einfach wie möglich – diesen Satz umformen, damit er seine Missverständlichkeit los wird?

Horst Dinter

Dienstag, 5. September 2006

Was bedeutet eigentlich während?

Man muss nicht einmal genau hinhören: „während” ist eine Zeitangabe; also „Während er langsam die Treppe hinauf stieg, machte man sich oben schon zu seinem Empfang bereit.”
Vielleicht sollte es ein heißer Empfang werden, aber das interessiert uns hier nicht. Wir wollen nur festhalten, dass „in der Zeitspanne“, in der er die Treppe aufwärts stieg, etwas geschah, was offenbar Zeit kostete; zur gleichen Zeit.
Früher währte auch manchmal etwas länger, was heute ebenso lange dauert.

Notwendig sind unsere Überlegungen deshalb, weil „während” heute viel zu oft in einer Gegensatz-Bildung „ver“braucht wird: „Max versuchte meistens eine große Schau, während Egon so bescheiden wie möglich auftrat.” Eine Zeit-Gleichheit ist hier aber nicht gemeint (– wer genau hinhört, kann es am „meistens” feststellen; aber auch wenn man das „meistens” weglässt, ist an eine Gleichzeitigkeit nicht gedacht, vielmehr soll eine andauernde Grundeinstellung vorgestellt werden).
Und wie müsste unser Beispielsatz ohne „während” lauten?
Vielleicht „Max versuchte meistens eine große Schau, Egon hingegen trat so bescheiden wie möglich auf.”
Hingegen? Na ja, sehr gebräuchlich ist das nicht mehr – aber schön.

Fatal kann es werden, wenn es dem Zuhörer/ Leser unschwer gelingt, einen zeitlichen Zusammenhang ganz unmittelbar (mit-)zuhören: „Während Max Zigaretten rauchte, liebte Egon schöne Frauen” – womöglich gleich nachdem Max als starker Raucher vorgestellt worden ist. (Und weil diese Szene so schön grotesk ist, darf hier „unschwer” ausnahmsweise(!) einmal stehen bleiben.)
Belassen wir „während'“ am besten in seiner Zeitbestimmung. Unzweideutig!
Unzweideutig: „Ehrlich währt am längsten.”
– unzweideutig, bitte!

Horst Dinter

Donnerstag, 6. Juli 2006

EIGENTLICH – Sprachübungen für Anspruchsvolle

Sie alle sind anspruchsvoll. Sie wissen viel von vielgelesenen Autoren. Nun kann man heute schon ein vielgelesener Autor werden, ohne dass man sich mit der Sprache besonders viel Mühe gibt; – oder eben deswegen! Wenn Sie so ein „Vielgelesener“ wären, brauchten Sie nicht in der IGdA zu sein. Wir mühen uns noch – nein – nicht mit, sondern um die Sprache. Dass sie sich im täglichen Gebrauch abnutzt, ist wohl unvermeidlich. Dafür wird einfach zu viel gesprochen. (Frank würde sich an Handke anlehnen und von einer „fürsorglichen Belaberung“ reden.) Gegen das Abnutzen hilft Aufputzen. (Gegen Verwilderung hilft nichts mehr!)

Bleiben wir beim Aufputzen.

Sie haben recht: das ist (eigentlich) falsch. Putzen genügt. Und damit haben Sie ein Beispiel dafür, was die Reihe „Was ist eigentlich …?“ will. Große Fehler machen wir alle schon langst nicht mehr. Die kleinen sind vielleicht noch nicht einmal ärgerlich. Aber schöner wäre es ohne sie!

Ich werde versuchen, in unseren Übungen den Humor so hoch wie möglich zu halten, denn auch ganz ernste Arbeit soll Spaß machen. (Überlegen Sie bitte, ob „Ernst“ und „Spaß“ wirklich einen Widerspruch darstellen.)

(Übrigen: auf „einfach“ werden wir in dieser Reihe noch zurück kommen.)

Horst Dinter
aus: IGdA-aktuell, Heft 1, 2003