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Donnerstag, 13. Juli 2006

Die ach so überflüssigen Flick- und Füllwörter

»Eure Rede aber sei: ja ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.« (Matth. 5, 37)

Ja ist, wenn es nicht im Wortsinn gebraucht wird, wie alle Füllwörter von Übel, ist überflüssig. Füllwörter werden oft des vermeintlichen Verständnisses wegen eingefügt, machen einen Text jedoch holprig und zäh, walzen ihn aus. Ja zum Beispiel wird gern gebraucht, um eine Vertrautheit mit dem Leser herzustellen oder um beiläufig etwas zu sagen, was eigentlich recht unbestimmt ist (ich habe ja schon bewiesen, dass …).

Ja, Sie haben Recht, es gibt einfach zu viele Wörter, die Wortballast sind. Das beginnt schon bei einfach, wenn das Wort nicht einfach für einfach = mühelos, unkompliziert oder schlicht gebraucht wird. Auch Wörter wie nun (nun, das hatte ich mir anders vorgestellt) und solche, die nichts Neues sagen wie gleichsam und sozusagen, sind nichts weiter als Krücken.

Ei, freilich benutzen Poeten Füllwörter gern in Gedichten, halt des Rhythmus wegen, gar des Versmaßes, wie dem auch sei, doch in der Prosa müssen Sie Füllwörter schon mal wie GOETHE betrachten, der schon vor etwa zweihundert Jahren ernstlich feststellte:
„Je mehr von Jugend auf das Gefühl bei mir wuchs, daß man schweigen solle, wenn man nichts zu sagen hat, desto mehr bemerkte ich, daß man aus natürlicher Fahrlässigkeit immer noch gewisse Flick- und Schaltwörter behaglich einschiebt, um eine sonst tüchtige und wirksame Rede zu verlängern.“

Fast
ist ein gutes Wort, wenn man fast nichts zu sagen hat. LESSING sagt dazu: »Das fast ist ein recht nützliches Wörtchen, wenn man etwas Ungereimtes sagen und auch nicht sagen will.«

Beteuerungen wie zweifellos, tatsächlich, sicher(lich), gewiss, fraglos, selbstverständlich (selbstverständlich werde ich kommen – wenn es selbstverständlich ist, müssen Sie es nicht erwähnen), keineswegs, keinesfalls, natürlich (natürlich hatte ich keine Angst), vollkommen, wenn es nicht als vollkommen = makellos, fehlerlos, gemeint ist) sind zweifelsohne entbehrlich. Überhaupt sind solche Wörter gedankenlos, sie können ganz und gar in ihr Gegenteil umschlagen. Der Leser stolpert über sie und überlegt, ob das, was der Autor sagen will, wirklich selbstverständlich ist.

Und unvergleichlich schreibt schon LICHTENBERG: »Das Wort: unvergleichlich zeigt, was in der Welt aus Worten werden kann« und »So ist zum Beispiel das Wort unvergleichlich im Deutschen ganz unvergleichlich erbärmlich«.

Eigentlich gehört eigentlich auch dazu. HASCHTMANN bezeichnet es ebenso wie könnte, sollte, müsste, eventuell, im Normalfall, als Selbstmordwort: Es relativiert eine Aussage und stellt den Autor selbst in Frage; er buddelt sich damit sein (rhetorisches) Grab.

Beliebt sind auch die Wagwörter oder Vorsichtswörter wie vielleicht, meist, wahrscheinlich, im Grunde, unter Umständen, praktisch (für fast – es ist praktisch ausgeschlossen, dass …), gewissermaßen, wohl kaum, wohl doch, doch (wenn es nicht als jedoch gemeint ist), denn doch (so hat sie es denn doch nicht gemeint – damit wird unterstellt, dass sie es ständig versucht hat), nicht unbedingt, möglicherweise und Wendungen wie wenn man so will und man könnte meinen. Sie schwächen ein Urteil ab, nehmen es zurück, sie leiten Behauptungen ein, die dem Autor selbst verdächtig erscheinen oder die er nicht näher begründen möchte. REINERS bezeichnet diese Wörter als »flauen Stil, der nichts beim Namen nennt«: »Kein Ding ist groß, es ist höchstens nicht unbeträchtlich. Und der Rest muß irgendwie Schweigen sein.« Sie machen eine Aussage unverbindlicher.

Es ist schier unmöglich, alle Füllwörter zu nennen – für den Fall, dass das doch möglich ist, steht schier davor, wir haben uns nur davor gedrückt, alle aufzuzählen.

Übrigens sollte man übrigens auch weglassen. Der Autor ist meist zu bequem, nach einem passenden Übergang zu einem neuen Satz oder Absatz zu suchen, gleichwohl haben wir es auch gern gebraucht. Prompt haben wir es gestrichen.

Manche Wörter wurden früher spaßig gebraucht, inzwischen ist der Spaß verloren gegangen wie bei nichtsdestotrotz, zusammengesetzt aus nichtsdestoweniger und trotzdem. Es hat das richtige nichtsdestoweniger völlig verdrängt.

Und last not least: Ohnehin ist sowieso ein schlechtes Wort, wenn man eh nichts zu sagen hat. Verlegenheitswörter wie eh und ach werden wie allerdings allerdings auch gern geschrieben.

Kommentare:

  1. Welch ein Genuss ist es, Goethe zu lesen.
    Waere dieser Genuss noch, wenn alle so Schreiben koennten?
    Regeln sind wichtig, um sie gezielt brechen zu koennen.
    Individualitaet ist sinnvoll. Sie spiegelt unsere Seele wieder.
    Warum sollten wir nicht so Schreiben, wie wir denken und sprechen?
    Terence

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