Donnerstag, 19. November 2009

Wie man einen schlechten Text schreibt

Gastbeitrag von Bernd Hutschenreuther (http://www.hutschi.com/)

Wenn es zwei Möglichkeiten gibt, ist es besser, die falsche zu wählen

1. Überfalle den Leser nicht schon zu Beginn mit dem zentralen Konflikt. Du hast Zeit. Den Anfang einer Geschichte bildet die Einleitung. Dann folgen noch Hauptteil und Schluss.
2. Bringe viele Adjektive pro Satz unter, nutze Synonyme. Verwende vorzugsweise nebulöse Begriffe. Vertraue auf die Phantasie des Lesers.
3. Nutze Fremdwörter. Zeige so dem Leser, wie klug du bist.
4. Wähle Partizipialkonstruktionen, diese sind umständlich und ermöglichen, vorläufig auf Handlung zu verzichten, wenn dir keine einfällt.
5. Schreibe Zahlen als Ziffern und Formeln in mathematischer Schreibweise. Ziffern fallen, ebenso wie Formelzeichen, in einem Text schon bei flüchtigem Lesen auf und erinnern den Leser wohltuend an den Mathematikunterricht.
6. Unterbreche das Schriftbild nicht durch Absätze. Lange Absätze ermöglichen lange, komplizierte und wohlstrukturierte Sätze, bringen den Blocksatz richtig zur Geltung und lenken den Leser nicht durch Denkpausen ab.
7. Bringe so viel Text wie möglich auf einer Seite unter. 64 Zeilen pro Seite und 80 Zeichen pro Zeile ergeben bei zweiseitigem Druck immerhin 5.120 Zeichen pro Blatt. Wähle notfalls geringere Zeilenab-stände und geringere Schriftgrößen.
8. Gestalte deinen Text abwechslungsreich, indem du ständig die Erzählperspektive änderst.
9. Es gibt genügend preiswerte Computerschriften. Zeige dem Leser, welche du hast. Ziehe schmale Schriftarten vor und verwende Hervorhebungen wie Fett, kursiv und unterstrichen möglichst oft und gleichzeitig.
10. Verzichte bei Manuskripten auf die Seitennummerierung, besonders bei umfangreichen Manuskrip-ten. Die Überraschung ist garantiert.




Samstag, 14. November 2009

Wie Joanne Rowling versuchte, ihr Buch zu verkaufen


Joanne Rowling wusste ebenso wenig wie die meisten Autoren, wie man ein Buch verkauft und hatte sich darüber offensichtlich auch keine Gedanken gemacht. Vielleicht war es vor fünfzehn Jahren auch nicht so wie heute, wo allgemein verlangt wird, dass man unter anderem Verkaufsargumente nennt, was wiederum daran liegen kann, dass man sich damals noch nicht ausführlich im Internet informieren konnte.

Aber sie war von ihrem Manuskript so überzeugt, dass sie auf den ersten Seiten von Harry Potter und der Stein der Weisen Professorin McGonagall, stellvertretende Schulleiterin von Hogwarts, sagen ließ: »Er wird berühmt werden - eine Legende –, es würde mich nicht wundern, wenn der heutige Tag in Zukunft Harry-Potter-Tag heißt – ganze Bücher wird man über Harry schreiben – jedes Kind auf der Welt wird seinen Namen kennen!«

– Berühmt ist er geworden, einen Harry-Potter-Tag gibt es bisher noch nicht. –

Also suchte Joanne Rowling aus einer Liste Londoner Literaturagenturen die Agentur Christopher Little heraus, einfach, weil ihr der Name so gut gefiel. Auf einen Zettel, es war noch nicht mal ein Brief, schrieb sie mit der Hand:
30 June 199? (die Jahreszahl ist schwer lesbar)

Dear Mr Little,
I enclose a synopsis and sample chapters of a book intended for children aged 9-12. I would be very grateful if you could tell me if you would be interested in seeing the full manuscript.

Yours sincerely,
Joanne Rowling
(Sehr geehrter Mr. Little,
anbei schicke ich Ihnen eine Zusammenfassung und drei Probekapitel eines Buches für Kinder zwischen 9 und 12 Jahren. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie Interesse hätten und gern das vollständige Manuskript einsehen würden.

Mit freundlichen Grüßen
Joanne Rowling)
Christopher Little, der heute immer noch ihr Agent ist, sagt dazu in einem Interview: »Ganz zu Anfang waren wir in der Agentur richtig angetan von dem Buch, aber es ließ sich schwer verkaufen. Und von den Verlagen erhielten wir nicht wenige Absagen. Es war zu lang und außerdem nicht politisch korrekt, weil Harry sozusagen auf ein Internat ging.«

(Das ganze Interview können Sie hier lesen, dort finden Sie auch den Original‘brief').

Das Ergebnis ist bekannt.

Ob uns das Mut machen kann? Ich fürchte nein. Heute würde das Manuskript allein wegen des Begleitzettels ungelesen in den Papierkorb wandern. Schade.

Freitag, 13. November 2009

Kurt Tucholskys Ratschläge für Redner


Der Schriftsteller und Sprachkritiker Kurt Tucholsky gab unter seinem Pseudonym Peter Panter auch Ratschläge für den schlechten und den guten Redner, die ebenso für Schreiber gelten. Denn alle Schreibregeln wurden aus der Rhetorik übernommen.

Ein Tipp – schauen Sie sich die Ratschläge an ohne die Überschrift zu lesen. Sie werden schon an der Form erkennen, welche für den schlechten und welche für den guten Redner geschrieben sind.

Ratschläge für einen schlechten Redner (Auszug, den ganzen Text finden Sie hier):

Fang nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen vor dem Anfang! Etwa so: "Meine Damen und Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz ..."

Sprich mit langen, langen Sätzen - solchen, bei denen Du, der Du Dich zu Hause, wo Du ja die Ruhe, deren Du so sehr benötigst, Deiner Kinder ungeachtet, hast, vorbereitest, genau weißt, wie das Ende ist, die Nebensätze schön ineinandergeschachtelt, so daß der Hörer, ungeduldig auf seinem Sitz hin und her träumend, sich in einem Kolleg wähnend, in dem er früher so gern geschlummert hat, auf das Ende solcher Periode wartet ...

Fang immer bei den alten Römern an und gib stets, wovon du auch sprichst, die geschichtlichen Hintergründe der Sache. Das ist nicht nur deutsch, das tun alle Brillenmenschen. …

Du mußt alles in die Nebensätze legen. Sag nie: "Die Steuern sind zu hoch." Das ist zu einfach. Sag: "Ich möchte zu dem, was ich soeben gesagt habe, noch kurz bemerken, daß mir die Steuern bei weitem ..." So heißt das!

Ratschläge für einen guten Redner ((Auszug, den ganzen Text finden Sie hier)

Hauptsätze, Hauptsätze, Hauptsätze. …

Tatsachen, oder Appell an das Gefühl. Schleuder oder Harfe. Ein Redner sei kein Lexikon. Das haben die Leute zu Hause. …

Suche keine Effekte zu erzielen, die nicht in deinem Wesen liegen. Ein Podium ist eine unbarmherzige Sache - das steht der Mensch nackter als im Sonnenbad. …

Merk Otto Brahms* Spruch: Wat jestrichen is, kann nich durchfalln.

*Otto Brahm (1856–1912), Kritiker und Intendant des Deutschen Theaters Berlin

Haben Sie es gemerkt? Für die Ratschläge für den schlechten Redner gebraucht Tucholsky rund 4.600 Zeichen, für die Ratschläge an den guten Redner dagegen – 516.

Dienstag, 10. November 2009

Brief an Herrn Johann Wolfgang v. G.*


Hochwohlgeborner Herr, Gnädiger Herr, Höchstzuverehrender Gönner!

Erlaubet meiner Wenigkeit, dass ich Eure so kostbare Zeit in Anspruch nehme. Ach, wer bin ich denn, dass ich mich wegen einer solchen Lappalie an Euch wende. Aber wie sprachet Ihr doch dereinsten so schön, so wunderbar, geradezu genial: »Das, was Man schwarz auf weiss besitzt, kann Man getrost nach Hause tragen.« Nun befürchtet nur meine Wenigkeit, dass Ihr diese meine Epistel in die nächste Ecke feuern werdet, anstatt sie mitzunehmen in Euer trautes Heim – mag sie Euch doch gleichsam als zu minderwertig erscheinen.

Aber auch ich habe Schreiberey und auch Poesie durchaus studiert mit heissem Bemühen. Und stehe nun da, ich armer Thor, und bin so klug als wie zuvor. Was nahm ich mir ein Beispiel an Euerm Heideröslein! Mit welcher Inbrunst lernte ich das Verslein »Gefunden« Da wanderte ich dereinsten mit meinem guten Väterlein entlang des Rennsteiges im Thüringschen und vernahm von allen Gipfeln her Eure hehren Worte: »Über allen Gipfeln ist Ruh«. Da lernte ich den Faust, des teutschen Bildungsbürgers höchstes Guth, gleichsam auswendig und fühlte in jedem Kleide der Erden Pein, wenn mir die Worte, Eure göttlichen Worte, mit Verlaub zu sagen, doch nicht gar so leicht in meinem armseeligen Hirne haften bleiben sollten. Aber ach, bin ich nicht auch zu alt, um nur zu spielen und zu jung, um ohne Wunsch zu sein? Dem heissen, innigen Wunsche, Euch nur ein bisschen, ein ganz kleines bisschen mit meinem geringen Gaben nacheifern zu wollen? Oh, welch vermessener, schlechterdings unanständiger Wunsch!

Für ein kleines Brieflein mit Rathschlägen über Styl, über gutes Teutsch, über Versmass, über Aufbau: Einleitung, Ausführung, Schluss, danket Euch bereits jetzt in allergnädigster Demuth und Ehrerbietung
Ew. Gnaden
gehorsamste Dienerin
Jutta Miller-Waldner

*Für die Suchmaschinen: gemeint ist natürlich Johann Wolfgang von Goethe

Dienstag, 20. Oktober 2009

Wie man zu sagen pflegt: Umständliche Wendungen für einfache Wörter

Sie brauchen keine modernen Stilratgeber zu lesen, schon Johann Wolfgang von Goethe, der gern Listen schrieb, veröffentlichte 1817 eine Liste von Redensarten, welche der Schriftsteller vermeidet, sie jedoch dem Leser beliebig einzuschalten überlässt:

Aber
Gewissermaßen
Einigermaßen
Beinahe
Ungefähr
Kaum
Groß
Fast
Unmaßgeblich
Wenigstens
Ich glaube
Mich deucht
Ich leugne nicht
Wahrscheinlich
Vielleicht
Nach meiner Einsicht
Wenn man will
Soviel mir bewußt
Wie ich mich erinnere
Wenn mich recht berichtet
Mit Einschränkung besprochen
Ich werde nicht irren
Es schwebt mir so vor
Eine Art von
Mit Ausnahme
Ohne Zweifel
Ich möchte sagen
Man könnte sagen
Wie man zu sagen pflegt
Warum soll ich nicht gestehen
Wie ich es nennen will
Nach jetziger Weise zu reden
Wenn ich die Zeiten nicht verwechsle
Irgend
Irgendwo
Damals
Sonst
Ich sage nicht viel
Wie man mir sagt
Man denke nicht
Wie natürlich ist
Wie man sich leicht vorstellen kann
Man gebe mir zu
Zugegeben
Mit Erlaubnis zu sagen
Erlauben Sie
Man verzeihe mir
Aufrichtig gesprochen
Ohne Umschweife gesagt
Geradezu
Das Kinde bei seinem Namen genannt
Verzeiht den derben Ausdruck

(Aus: Das Buch der Listen. In Karl Richter (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Bd. 11.2. München: Hanser 1994)

Aber auch der Meister hat Sätze geschrieben wie »Sie peitschen den Quark, ob nicht etwa Creme daraus werden wolle« …

Montag, 5. Oktober 2009

Es ist schlechter Stil, das Wörtchen Es zu schreiben


Dichter wählen das Es oft für Versanfänge, weil sie für manche Versmaße eine unbetonte Silbe benötigen, wie bei »Es waren zwei Königskinder« oder »Es braust ein Ruf wie Donnerhall«. In der Prosa sollte es vermieden werden, weil das Wörtchen Es zum zweiten unpersönlichen Subjekt, zum Scheinsubjekt wird. Außerdem ist es veraltet, was auch mit der veränderten Einstellung des Menschen gegenüber unbekannten Kräften zusammenhängen mag.

Das überaus beliebte und so nichtssagende Es ist angebracht und wird in ein echtes Subjekt umgewandelt, wenn auf eine überirdische Macht hingewiesen wird. So schreibt Thomas MANN, dessen Gespür für die Feinheiten der Sprache Helmut BÖTTIGER zur Prägung von »thomasmännisch« für Sprachbegabung bewegte: »Ich schrie auch nicht selbst, es schrie, es war eine heilige Ekstase der Schmerzen.« Es ist auch angebracht, wenn ein Geschehen geschildert wird, das unabhängig von einem Willen geschieht: Es atmet in mir. Aber normalerweise friert es mich nicht, sondern ich friere, es sei denn, auch hier ist eine höhere Macht im Gange wie in »Es friert mi, dass mir's Herz im Leibe zittert« oder im Märchen Die Sterntaler: »Es friert mich so an meinem Kopfe, schenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann!«

Etwas anderes ist es, wenn ich sage: »Mich friert es an den Füßen« (dieses Themas hat sich auch schon der Zwiebelfisch angenommen). Der (ernsthaft gemeinte) Vorschlag, statt Es friert mich »es ist mir kalt« zu schreiben, den ich in den unendlichen Weiten des Netzes gefunden habe, ist reiner Quatsch.

Auch bei den Wachstumsverben wie Es grünt so grün oder Es wächst und gedeiht, die sich auf die Natur beziehen, ist das Es erforderlich, ebenso bei den Witterungsverben wie es blitzt, es donnert, es regnet; vor allem aber bei den Geräuschsverben wie Es raschelt und knistert; Es tropft und klopft an die Fensterscheiben, denn Geräusche weisen oft auf Geheimnisvolles, gar Unheimliches hin. Bei Es poltert und spukt kann man nur an Geister denken.

Es gibt in den meisten Fällen keinen vernünftigen Grund, es gibt und es ist zu schreiben, auch wenn Sie diese Wendungen ständig hören und lesen müssen. Vergessen Sie nicht:

Die gesprochene Sprache unterscheidet sich von der geschriebenen Sprache

In dem Satz Es gab einen Kollegen, der schwor, Birgit aus der Firma hinauszumobben. Es war schwer für Karin, sich das vorzustellen, wirken die Es ungeschickt. Bei Ein Kollege schwor, dass er Birgit aus der Firma mobben würde. Karin konnte sich das nicht vorstellen, entrüstet sich der Leser ob der Schändlichkeit des Kollegen. Das Unglück nahm an einem Freitag seinen Lauf wirkt unmittelbarer als Es war an einem Freitag, als das Unglück seinen Lauf nahm. Besser als Es war an einem trüben Novembermorgen, an dem Rolf sich vornahm, es sich künftig leichter zu machen und sich die Zeitung ins Haus bringen zu lassen klingt Rolf nahm sich an einem trüben Novembermorgen vor, die Zeitung zu abonnieren, damit er nicht mehr fünf Treppen hinunterlaufen muss. (Damit werden auch machen und die Reihung der Infinitive vermieden.)

Oft gebraucht, aber deshalb nicht richtiger ist es, wenn es auf einen Ergänzungssatz hinweist: Ich verstehe es, dass Susanne böse ist; Marion ist es zufrieden, dass David sich entschuldigt hat. Richtig muss es heißen: Ich verstehe, dass Susanne böse ist; Marion ist zufrieden

Verwenden Sie das, wenn es sich auf den Gegenstand eines vorhergehenden Satzes bezieht. Nicht: Wenn Fred denkt, er könne sich alles erlauben, ist es ein Irrtum, sondern: … ist das ein Irrtum. Noch besser ist es … – nein, dieser Satz ist genauso falsch –, noch besser drücken Sie sich aus, wenn Sie schreiben: … irrt er. Und da Nebensätze möglichst nicht an den Anfang gestellt werden sollten, lautet die richtige Formulierung kurz und knapp: Fred irrt, wenn er denkt, er könne sich alles erlauben.

Neuerdings ist es braucht modern geworden. Statt es dauert heißt es nun »es braucht viel Zeit«; statt Nur wenig ist nötig, um das Leben menschenwürdig zu machen »Es braucht wenig, um das Leben menschenwürdig zu machen«; statt ein neuer Vertrag muss geschlossen werden braucht es jetzt einen Vertrag.

Es braucht viel Mühe, gutes Deutsch zu schreiben, jedenfalls braucht es dazu mehr, als Buchstaben aneinanderzureihen, und es braucht viel mehr Menschen, die sich um die deutsche Sprache bemühen

Siehe dazu auch: Es war einmal … (Nicht) jeder Anfang ist schwer. II

Dienstag, 22. September 2009

Marcel Proust über das Lesen

Es gibt vielleicht keine Tage unserer Kindheit, die wir so voll erlebt haben wie jene, die wir glaubten verstreichen zu lassen, ohne sie zu erleben, jene nämlich, die wir mit einem Liebslingsbuch verbracht haben. Alles, was sie, wie es schien, für die andern erfüllte und was wir wie eine vulgäre Unterbrechung eines göttlichen Vergnügens beiseiteschoben: das Spiel, zu dem uns ein Freund bei der interessantesten Stelle abholen wollte; die störende Biene oder der lästige Sonnenstrahl, die uns zwangen, den Blick von der Seite zu heben oder den Platz zu wechseln; die für die Nachmittagsmahlzeit mitgegebenen Vorräte, die wir unberührt neben uns auf der Bank liegen ließen, während über unserm Haupt die Sonne am blauen Himmel unaufhaltsam schwächer wurde; das Abendessen, zu dem wir zurück ins Haus mußten, und während dessen wir nur daran dachten, sogleich danach in unser Zimmer hinaufzugehen, um das unterbrochene Kapitel zu beenden, all das, worin unser Lesen uns nur Belästigung hätte sehen lassen müssen, grub im Gegenteil eine so sanfte Erinnerung in uns ein (die nach unserm heutigen Urteil um so vieles kostbarer ist als das, was wir damals mit Hingabe lasen), daß, wenn wir heute manchmal in diesen Büchern von einst blättern, sie nur noch wie die einzigen aufbewahrten Kalender der entflohenen Tage sind, und es mit der Hoffnung geschieht, auf ihren Seiten die nicht mehr existierenden Wohnstätten und Teiche sich widerspiegeln zu sehen. Wer erinnert sich nicht, wie ich, des Lesens während der Ferien, das man nacheinander in all jenen Stunden des Tages barg, die hinreichend friedlich und unverletzlich waren, um ihm Asyl zu gewähren. weiterlesen

Marcel Proust: Tages des Lesens

Montag, 21. September 2009

Ein Ding der Unmöglichkeit oder: Über die Subjektivitis. II


Zu den Amtsstubenwörtern gehören ferner die Flickverben (ROST) vornehmen, treffen, unterziehen, erfolgen. Sie führen zur Substantivitis: Korrekturen vornehmen, die Änderungen einer Kontrolle unterziehen, die Rückgabe muss schriftlich erfolgen, die Entscheidung über den Druck trifft die zuständige Abteilung, die Benachrichtigung über den Druck erfolgt per E-Mail.

Laut Werner RAITH hat die Substantivitis »mehrere Gründe«, die »fast alle in Vorschriften« liegen, die von »klugen Stilrezeptgebern verfügt wurden«, zwei davon seien »die Kürze und das Verbot von Schachtelsätzen«. Als Beispiel dafür nennt er in seinem Buch Gut schreiben das Wort Inanspruchnahme statt der Infinitivkonstruktion in Anspruch nehmen, weil es kürzer sei und die Kommasetzung und damit das Schachteln im Satz vermeide. Er meint, die Stilrezeptgeber würden den Satz »Auf das Verbot der Inanspruchnahme unserer Toilette haben wir bereits des öfteren hingewiesen« der Infinitivkonstruktion »Wir haben bereits des öfteren darauf hingewiesen, dass es verboten ist, unsere Toilette in Anspruch zu nehmen« vorziehen, weil so »13 statt 17 Worte« (Wörter müsste es richtig heißen) und keine Kommata verwendet würden. Doch ob in Anspruch nehmen oder Inanspruchnahme: Beide Wörter sind grauslich. Warum schlägt er nicht vor, dass man schreiben solle: Wir haben bereits öfter darauf hingewiesen, dass betriebsfremde Personen die Toilette nicht benutzen dürfen.

Doch schreibt er wirklich gut, wenn er von »klugen Stilrezeptgebern« spricht – ist das nicht polemisch? –, von »mehreren Gründen, die fast alle …« – mehrere bedeutet eine geringe Anzahl, fast alle weist auf eine größere Zahl hin –, und kann man Vorschriften verfügen? Was meint er mit Kürze? Kurze Sätze, Wendungen oder Wörter? Das geht aus dem Text nicht hervor. Und warum benutzt er das Passiv? Warum umständlich, wenn es auch einfach geht: »Stilratgeber nennen mehrere Vorschriften, darunter die Kürze und das Verbot von Schachtelsätzen, die zur Substantivitis führen.« Die Frage ist nur, ob diese beiden Regeln immer dazu führen. Warum nicht schreiben: »Die Stilregel, dass man kurze Sätze schreiben und Schachtelsätze vermeiden solle, kann zur Substantivitis verleiten.«

Befürworter des Amtsdeutschs meinen, dass einfache Sprache nicht korrekt genug sein könne, zudem würde die Verwaltung ihren Respekt verspielen. Aber kann es nicht sein, dass die Befürworter gar nicht mehr in der Lage sind, verständlich zu schreiben, weil es bequemer ist, Worthülsen zu verfassen statt nach dem passenden Wort suchen? Geben Sie also dem Amtsschimmel die Sporen und lassen Sie ihn ins Nimmerland verschwinden.

Diese Aufzählung der Kanzleiwörter erhebt keinen Anspruch hinsichtlich der Vollständigkeit – wie leicht sagt sich das, liest oder hört man doch diese Floskeln täglich und ersparen sie das Nachdenken über den richtigen Ausdruck. Ich streiche also diesen Satz und schreibe: »Diese Aufzählung ist unvollständig.« (Weitere Wörter, bei denen der Amtssschimmel wiehert, finden Sie jedoch in Juttas Schreibblog.)

Der Gebrauch von Substantiven statt Verben, des Passiv statt des Aktiv und das falsche Bilden von Wörtern mit der Nachsilbe -bar wie unverzichtbar* kennzeichnet einen hölzernen, angestaubten Stil

*Auch wenn 1000 Mal benutzt: Unverzichtbar bedeutet unentbehrlich, unerlässlich, notwendig, unersetzlich. Verzichten ist nicht transitiv, kann also kein Akkusativobjekt haben. Da man kein Ding verzichten kann sondern nur auf etwas, kann kein Ding verzichtbar oder unverzichtbar sein.

(Teil I dieses Artikels finden Sie hier)

Samstag, 19. September 2009

Ein Ding der Unmöglichkeit oder: Über die Subjektivitis. I


Wenn die Sprache nicht stimmt, dann ist das, was gesagt wird,
nicht das, was gemeint ist. (KONFUZIUS)

Zielsetzung und Anliegen dieser Abhandlung ist desgleichen, seitens der Autorin einem dringenden Bedürfnis der Adressaten entsprechend Aufschluss bezüglich dessen zu geben, welche Begriffe einem vorzüglichen Deutsch gemäß sind, und damit zur Problemlösung dieser Fragestellung zu dienen.

– Ist Ihnen bei diesem Satz etwas aufgefallen? Glückwunsch! Wie würden Sie formulieren, nein, wie würden Sie ihn schreiben? Vielleicht so: »Ich möchte, dass Sie nach dem Lesen meines Buches wissen, was gutes Deutsch ist.« Zielsetzung, Anliegen, Adressat, Abhandlung, einem Bedürfnis entsprechen, Aufschluss geben, hinsichtlich sind Bürokratendeutsch. Schwülstig klingen auch desgleichen und vorzüglich. –

Was für ein mit vielen Worten nichtssagender Satz! Und doch müssen wir viel zu oft derartiges lesen. Nicht nur in Amtsblättern, sondern auch in Texten, ob es Fachartikel oder Belletristik ist. Vielen Wissenschaftlern, die sich an Romane oder Kurzgeschichten wagen, fällt es schwer, sich einfach auszudrücken, und nicht nur ihnen. So manch Beamter wird die gleichen Schwierigkeiten haben.

Sie, lieber Leser, wissen jedoch, dass der Amtsschimmel bei solchen Worten formelhaft wiehert und keine Bilder hervorruft, und erliegen nicht der Verlockung, zu diesem Zeitpunkt statt jetzt zu schreiben (da Sie wissen, dass jetzt ein Blähwort ist, lassen Sie es eh weg), keine Seltenheit statt häufig, ein Ding der Unmöglichkeit statt unmöglich, unter Beweis stellen statt beweisen, in Abrede stellen statt bestreiten. Sie schweigen, wenn andere strenges (noch besser strengstes) Stillschweigen bewahren, Sie mutmaßen nicht, sondern vermuten, gehen auch nicht aus von etwas, sondern nehmen an. Sie schreiben auch keine Worthülsen wie anbei, andernfalls, angesagt sein, baldmöglichst, Basis beziehungsweise Grundlage, beiliegend, Beschaffenheit, bezüglich, Bezug nehmend, diesbezüglich, gegebenenfalls, Gegebenheiten, gewähren, Größenordnung, hiermit, hinsichtlich, im Rahmen von, eine Maßnahme ergreifen, oben genannt, schnellstmöglich, teilen wir Ihnen mit, umgehend, unter Bezug auf, verfügbar, verfügen über, verbleiben, zu unserer Entlastung, zwecks.

Sie wissen auch, dass Substantive mit der Endung -ung bürokratendeutsch sind, wie Abwicklung, Arbeitsbedingungen, Ausübung, in Bewegung setzen, Bestätigung geben, eine Bestrafung durchführen, Erzeugung, Gewährung, Verpflichtung, zur Verfügung stehen/stellen, oder der scheußliche Satz In Erwartung ihrer Großmutter hatte Pia die Hoffnung, dass diese für die Opferung der kostbaren Zeit eine Belohnung mitbringen würde. Und Sie wissen, dass die beliebten Wendungen beinhalten, vergegenwärtigen, versorgen mit … und Ebene (auf allen Ebenen) in die Mottenkiste gehören – alles Wendungen, bei denen wir innerlich zusammenzucken.

Wie oft müssen wir zwischenzeitlich statt inzwischen lesen, in Augenschein nehmen statt anschauen, in Angriff nehmen statt beginnen; da wird von der weitgehenden (wenn nicht gar weitestgehenden) Klärung, dem strittigen Punkt, von zum Tragen kommen gesprochen.

Ich möchte Ihnen mit meinem Eintrag hier keine Hilfestellung leisten, sondern helfen, und ich stimme Ihnen vollinhaltlich zu, sollten Sie beschließen, diese verstaubten Wörter in Zukunft wegzulassen (und über vollinhaltlich gestolpert sind).

Beamte lieben aber auch Infinitivkonstruktionen mit ist … zu oder hat … zu: Die Zahlung hat am 1. eines Monats zu geschehen, der Termin ist pünktlich einzuhalten. Sie schlagen damit einen Oberlehrer- oder Kommandoton ein, den sie tunlichst – was hat das Wort tunlichst hier zu suchen? – streichen sollten. Ich streiche es also auch und schreibe: den Sie nicht anschlagen dürfen.

Fortsetzung hier

Nietzsche zum Schreibstil und Sprechstil

Die Kunst zu schreiben verlangt vor allem Ersatzmittel für die Ausdrucksarten, welche nur der Redende hat: also für Gebärden, Akzente, Töne, Blicke. Deshalb ist der Schreibstil ein ganz anderer als der Sprechstil, und etwas viel Schwierigeres: – er will mit wenigerem sich ebenso verständlich machen wie jener. Demosthenes hielt seine Reden anders als wir sie lesen: er hat sie zum Gelesenwerden erst überarbeitet. – Ciceros Reden sollten zum gleichen Zwecke erst demosthenisiert werden: jetzt ist viel mehr römisches Forum in ihnen, als der Leser vertragen kann.

Sonntag, 2. August 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. V

Last not least:

Prüfen Sie, ob Sie jeden Rechtschreib- und Trennfehler korrigiert haben. Prüfen Sie Grammatik und Zeichensetzung.

Immer wieder muss man die Meinung sogenannter Autoren lesen, dass sie Stil, Rechtschreibung und Grammatik für zweitrangig halten, solange diese die Verständlichkeit des Textes nicht beeinflussen, und schließlich wolle man die Lektoren nicht arbeitslos machen. Abgesehen davon, dass die Verlage kaum noch Lektoren beschäftigen und freie Lektoren teuer sind – haben diese Autoren schon einmal einen Schauspieler sagen hören, dass Mimik und Gestik, Betonung und Ausdruck für ihn zweitrangig seien, solange der Zuschauer seine Worte versteht? Vertrauen sie einem Schuster, dem Material und Verarbeitung der Schuhe zweitrangig sind, solange sie nicht auseinander fallen? Kann jemand Mathematikprofessor werden, der die Grundrechenarten nicht beherrscht? Rechtschreibung, Grammatik, Interpunktion und Stil sind die Grundrechenarten des Schriftstellers. Sie entscheiden darüber, ob ein Text flüssig lesbar oder gespickt mit sprachlichen Stolpersteinen, dilettantisch oder professionell ist. Wer sich keine Mühe mit den Äußerlichkeiten gibt, wird kaum Vertrauen für sein Werk finden. Wenn der Text schon äußerlich schlampig ist, wie wird dann der Inhalt sein? Der Leser will sich nicht durch einen Text durchkämpfen. Vor allem will er ernst genommen werden.

Je leichter sich ein Text liest, um so mehr Mühe hat sich der Autor mit ihm gegeben.

Samstag, 25. Juli 2009

Merksätze zum Feilen


Feilen? Ich bin doch kein Metallwerker, ich bin Schriftsteller! (unbekannt)
  • Kein Manuskript ist auf Anhieb perfekt.
  • Lassen Sie Ihren Text eine Zeit lang liegen.
  • Lassen Sie Ihr Manuskript von Menschen, die vom Schreiben eine Ahnung haben, gegenlesen.
  • Literatur bedeutet auch Streichen, auf das Wesentliche verdichten.
  • Bei einem literarischen Text muss sich jedes Wort, jedes Bild, darauf abklopfen lassen, ob es richtig, notwendig und klar ist.
  • Prüfen Sie, ob Sie das, was Sie sagen wollten, für den Leser verständlich geschrieben haben, wenn nicht, überlegen Sie, wie Sie sich besser ausdrücken oder wie Sie das einfacher sagen könnten.
  • Wenn Sie unsicher sind, ob Sie ein Wort, einen Satz oder Absatz streichen sollen – verlassen Sie sich auf Ihr Gefühl und streichen Sie.
  • Prüfen Sie nach dem Kürzen, ob jede Figur weiterhin wichtig für den Text ist.
  • Wenn Sie Ihr Text nach dem Überarbeiten länger ist als vorher, haben Sie etwas falsch gemacht.
  • Vergleichen Sie das, was Sie geschrieben haben, mit dem, was Sie schreiben wollten.
  • Je leichter sich ein Text liest, um so mehr Mühe hat sich der Autor mit ihm gegeben.
  • Ihr Werk ist fertig, wenn Sie nicht einen Satz daraus entfernen können, ohne ihm zu schaden.
  • Betrachten Sie Ihr Werk eines Tages als abgeschlossen.

Dienstag, 21. Juli 2009

Schreibtipp von Nietzsche

Das Rezept zum Beispiel, wie einer ein guter Novellist werden kann, ist leicht zu geben, aber die Ausführung setzt Eigenschaften voraus, über die man hinwegzusehen pflegt, wenn man sagt »ich habe nicht genug Talent«. Man mache nur hundert und mehr Entwürfe zu Novellen, keinen länger als zwei Seiten, doch von solcher Deutlichkeit, daß jedes Wort darin notwendig ist; man schreibe täglich Anekdoten nieder, bis man es lernt, ihre prägnanteste, wirkungsvollste Form zu finden; man sei unermüdlich im Sammeln und Ausmalen menschlicher Typen und Charaktere; man erzähle vor allem so oft es möglich ist und höre erzählen, mit scharfem Auge und Ohr für die Wirkung auf die anderen Anwesenden, man reise wie ein Landschaftsmaler und Kostümzeichner; man exzerpiere sich aus einzelnen Wissenschaften alles das, was künstlerische Wirkungen macht, wenn es gut dargestellt wird, man denke endlich über die Motive der menschlichen Handlungen nach, verschmähe keinen Fingerzeig der Belehrung hierüber und sei ein Sammler von dergleichen Dingen bei Tag und Nacht. In dieser mannigfachen Übung lasse man einige zehn Jahre vorübergehen: was dann aber in der Werkstätte geschaffen wird, darf auch hinaus in das Licht der Straße.

Aus: Friedrich Nietzsche: Der Ernst des Handwerks

Sonntag, 7. Juni 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. IV


Aus Dichters Schreibstube

GOETHE sagt über WIELAND:
Denn daß er alles mit eigener Hand und sehr schön schrieb, zugleich mit Freiheit und Besonnenheit, daß er das Geschriebene immer vor Augen hatte, sorgfältig prüfte, veränderte, besserte, unverdrossen bildete und umbildete, ja nicht müde ward, Werke von Umfang wiederholt abzuschreiben, dieses gab seinen Produktionen das Zarte, Zierliche, Faßliche, das Natürlich-Elegante, welches nicht durch Bemühung, sondern durch heitere genialische Aufmerksamkeit auf ein schon fertiges Werk hervorgebracht werden kann.
THUKYDIDES feilte beim Schreiben seines Werkes über den peloponnesischen Krieg immer wieder am Stil. Er verlängerte ein Wort zu einem Satz oder zog einen Satz in ein Wort zusammen, ersetzte ein Substantiv durch ein Verb oder ein Verb durch ein Substantiv. PLATON schrieb den Anfang der Republik in sieben verschiedenen Fassungen und FRIEDRICH DER GROSSE den Antimacchiavelli in drei. CAPOTE schreibt vier Niederschriften: eine mit Bleistift, eine auf blaues, eine auf gelbes und die endgültige Version auf weißes Papier. RANSMAYR, der keine Manuskriptseite weniger als dreißig Mal schreiben soll, die meisten gar hundert bis zweihundert Mal, sagt:
Die Zahlen haben gelegentlich zu einem seltsamen Poker geführt: 100, 200 Versionen! Wichtiger als solche Einsätze ist doch, dass ich das Glück habe, mir für meine Geschichten sieben Jahre und mehr nehmen zu können, bis sie in ihrer für mich schlüssigsten Form zur Sprache gebracht ist.
Einer der unermüdlichsten Feiler war BALZAC. Er gab die Hälfte seiner Honorare für das Ändern von Druckvorlagen aus und wollte sogar das Doppelte bezahlen, doch die Drucker setzten seine bis zur Unleserlichkeit korrigierten Manuskripte nur widerwillig. Und wenn sie sie dann doch gesetzt hatten, korrigierte er sie wieder.

ECO berichtet, dass LAMARTINE über eines seiner Gedichte schrieb, es sei ihm »spontan eingefallen, urplötzlich in einer stürmischen Nacht im Walde«. Doch, so Eco: »Als er gestorben war, fand man seine Manuskripte mit zahlreichen Korrekturen und Varianten, und besagtes Gedicht erwies sich als das vielleicht am meisten ›bearbeitete‹ der gesamten französischen Literatur.«

FONTANE ist manchmal vierzehn Tage einem einzigen Wort »hinterhergerannt«. Er meint, dass drei Viertel seiner »ganzen literarischen Tätigkeit überhaupt Korrigieren und Feilen gewesen« sei. »Und vielleicht ist drei Viertel noch zu wenig.« STORM erzählt, dass ihn seine Prosa mehr Zeit gekostet habe als Verse, und Erich FRIED antwortet auf die Frage, ob er das fertig gestellte Buch noch einmal lese, ob er sich »sehr über scheinbare oder wirkliche Fehler« ärgere und ob er Lust habe, es noch einmal zu schreiben:
Nein, ich glaube nicht, daß man ein schon einmal geschriebenes Buch noch einmal schreiben darf, weil man nicht mehr derselbe Mensch ist. Wenn mir ein Buch oder ein Gedichtband gedanklich Mängel zu haben scheint, weil ich jetzt, wenn es zu einer Neuauflage erscheinen soll, über einiges anders denke, dann schreibe ich an den betreffenden Stellen ein Gegengedicht.
Marie Luise KASCHNITZ hat oft »Gedichte ins Schmierheft gekritzelt, sie verworfen, zerhackt, mit neuen Gliedmaßen ausgestattet, mit Flitter behängt, von Flitter befreit, Kargwort neben Kargwort gesetzt, endlich das Ganze zerknüllt und in den Müll geworfen«, und es seien »nur zwei Worte oder drei gewesen …, die den nächsten Morgen überdauerten«.

SELBY hat zweieinhalb Jahre lang Nacht für Nacht an dem Kapitel aus Letzte Ausfahrt Brooklyn geschrieben, in dem eine Bande eine fünfzehnjährige Hure vergewaltigt. »Kannst du dir das vorstellen», sagte er zu seinem Interviewer, »zwanzig Seiten in zweieinhalb Jahren? Danach war ich so fertig, dass ich über ein Jahr keine Zeile schreiben konnte.« Auf die Frage, ob es nicht nervtötend gewesen sei, jeden Satz tausend Mal neu zu schreiben, entgegnet er:
Überhaupt nicht. Ich glaube, ich schreibe so, wie Edison erfand. Der wurde mal gefragt, ob das nicht entmutigend sei, 1138-mal damit zu scheitern, die Birne zum Glühen zu bringen. Und er sagte: Nein, jetzt kenne ich 1138 Methoden, wie es nicht funktioniert.
James THURBER streicht neunzig Prozent seiner Wörter. Er soll seine Erzählungen fünfzehn Mal umgeschrieben und zweitausend Stunden für eine Arbeit verwendet haben, die zum Schluss höchstens zwanzigtausend Wörter umfasste. »Ich weiß nicht«, soll er geseufzt haben, »meine ersten Entwürfe klingen immer, als hätte die Putzfrau sie geschrieben. Nur ein einziges Mal ist es mir gelungen, eine Sache glatt herunterzuschreiben«. Bei Dorothy PARKER kommen auf fünf Wörter sieben, die sie streicht. SCHLINK streicht die Hälfte dessen, was er geschrieben hat, durch, schreibt etwas anderes darüber, korrigiert später noch einmal, und manchmal merkt er, wenn er den Text schließlich ins Diktiergerät spricht, dass die zweite durchgestrichene Fassung doch die richtige war.

Bedenken Sie jedoch bei allem Feilen und Löschen und Einfügen: Sie finden nie ein Ende, wenn Sie wieder und wieder versuchen, Ihren Text zu vervollkommnen. Denken Sie an den Spruch: Das Beste ist der Feind des Guten.

Ihr Werk ist fertig, wenn Sie nicht einen Satz daraus entfernen können, ohne ihm zu schaden. Sie sollten jedoch Ihr Werk als abgeschlossen betrachten: wenn der Punkt des »Verschlimmbesserns« erreicht ist

Last not least

Prüfen Sie, ob Sie jeden Rechtschreib- und Trennfehler korrigiert haben. Prüfen Sie Grammatik und Zeichensetzung.

Immer wieder muss man die Meinung sogenannter Autoren lesen, dass sie Stil, Rechtschreibung und Grammatik für zweitrangig halten, solange diese die Verständlichkeit des Textes nicht beeinflussen, und schließlich wolle man die Lektoren nicht arbeitslos machen. Abgesehen davon, dass die Verlage kaum noch Lektoren beschäftigen und freie Lektoren teuer sind – haben diese Autoren schon einmal einen Schauspieler sagen hören, dass Mimik und Gestik, Betonung und Ausdruck für ihn zweitrangig seien, solange der Zuschauer seine Worte versteht? Vertrauen sie einem Schuster, dem Material und Verarbeitung der Schuhe zweitrangig sind, solange sie nicht auseinander fallen? Kann jemand Mathematikprofessor werden, der die Grundrechenarten nicht beherrscht? Rechtschreibung, Grammatik, Interpunktion und Stil sind die Grundrechenarten des Schriftstellers. Sie entscheiden darüber, ob ein Text flüssig lesbar oder gespickt mit sprachlichen Stolpersteinen, dilettantisch oder professionell ist. Wer sich keine Mühe mit den Äußerlichkeiten gibt, wird kaum Vertrauen für sein Werk finden. Wenn der Text schon äußerlich schlampig ist, wie wird dann der Inhalt sein? Der Leser will sich nicht durch einen Text durchkämpfen. Vor allem will er ernst genommen werden.*

Je leichter sich ein Text liest, um so mehr Mühe hat sich der Autor mit ihm gegeben.

*Ich habe das absichtlich hervorgehoben, weil mich die Diskussion in vielen Foren gerade bei Xing einfach nervt. Ansonsten sollte man mit Hervorhebungen sparsam umgehen.

Samstag, 6. Juni 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. III


Polieren Sie Ihren Text

Kunst ist schön, macht aber Arbeit. (Karl VALENTIN)

Schreiben macht nicht Schwierigkeiten, Schreiben ist Schwierigkeit.
(Hartmut VON HENTIG)

Achten Sie beim Überarbeiten auch darauf, ob zusätzliche Einzelheiten für das Verständnis benötigt werden. Sie haben als Autor eine genaue Vorstellung von Ihrem Text und vergessen, dass Ihr Leser diese nicht hat. Vielleicht haben Sie einen Ort oder eine Figur nicht genau beschrieben, weil Sie alles detailliert vor Ihrem inneren Auge gesehen haben.

Ebenso sollten Sie prüfen, ob Sie Ihre Figuren richtig gezeichnet haben. Wirkt die böse Nachbarin zu sympathisch? Reden Jungs wirklich so oder wirkt der Dialog zu gestelzt? Stimmt der Text stilistisch? Haben Sie die Figuren eindrucksvoll gezeichnet? Stimmen die Details? Könnten Sie indirekte Rede in einen Dialog umwandeln? Sind Sie in den alten Fehler zurückgefallen und beschreiben, statt die Figuren handeln zu lassen (suchen Sie mit dem Suchbegriff nach hatte oder war – meist stehen diese Wörter in Sätzen, in denen Sie nur berichten)? Muss mehr Tempo in den Text, oder müssen Sie hin und wieder einen Gang zurückschalten?

BÖLL schreibt zum Überarbeiten:
Nun, ich bin noch nie, besonders bei Kurzgeschichten nicht, mit viel weniger als drei Fassungen ausgekommen. Manche haben fünf, sechs, einige nur eine. Genauso ist es bei Romankapiteln. Und ich brauche dazu unbedingt einen Kritiker. Der erste ist meine Frau, die unbestechlich ist, der zweite der Lektor des Verlages, manchmal zwei Lektoren, dann Freunde. Und es ist eine gute Probe, wenn man das, was man hingeschrieben hat, laut vorlesen muß. Es muß einem sozusagen über die Lippen, viele Male, dann spürt man jede flaue Stelle, jeden dummen Ausdruck wie einen Nadelstich … Die letzte, etwa die fünfte Station oder die vierte, ist die Korrekturfahne, das ist die bitterste, wenn man’s dann schwarz auf weiß sieht. Alles Gedruckte hat etwas Endgültiges. Ich nehme jede Gelegenheit wahr, dann noch zu korrigieren, obwohl ich, wie wohl jeder Autor, gerade dann, wenn die Druckfahnen kommen, von einer fast vollkommenen Indolenz befallen bin und am liebsten nichts mehr mit der Sache zu tun haben möchte. Aber gerade dann kommen die üblen Schnitzer zutage, wichtige Kleinigkeiten, von denen man viele eben leider unkorrigiert gelassen hat, etwa Daten, Hausnummern, Zimmernummern. Die notiere ich mir während des Schreibens in einer Schulkladde in der Reihenfolge ihres Auftretens und korrigiere sie dann am Bürstenabzug.
Suchen Sie also auch nach sachlichen oder inhaltlichen Fehlern. Vielleicht stellen Sie dabei fest, dass Sie einen Pudel auf der zweiten Seite Ajax genannt haben und auf der dreiundneunzigsten Fiffi, oder dass Sie auf Seite 37 über eine Yacht berichtet haben, die 1938 gebaut wurde, auf Seite 110 jedoch erzählen, dass Ihr Held eine Messingplakette am Bug poliert und die Inschrift 1939 erbaut – 1996 restauriert freilegt. Haben Sie gründlich recherchiert? (Wo befindet sich solch eine Plakette – am Bug oder am Heck?) Stimmen die Einzelheiten konkreter Ereignisse?

Auch das Einbauen von altmodischen oder umgangssprachlichen Wendungen gehört zum Feilen, wenn sie an dieser Stelle wichtig sind. Sie verhindern, dass ein Text zu blank poliert wirkt und ein langweiliger Einheitsbrei entsteht. –

Prüfen Sie, ob Sie das, was Sie sagen wollten, für den Leser verständlich geschrieben haben, wenn nicht, überlegen Sie, wie Sie sich besser ausdrücken oder wie Sie das einfacher sagen könnten

Lassen Sie Ihr Manuskript gegenlesen

Geben Sie Ihr Manuskript so vielen Menschen wie möglich zu lesen – wenn Sie das nicht wagen, wie sollen Sie sich trauen, es einem Verlag zu schicken? Meist stehen Sie Ihrem eigenen Werk betriebsblind gegenüber und erkennen nicht, wo Sie unklar geblieben sind, wo die Charaktere nicht schlüssig beschrieben sind und die Handlung unlogisch ist, und natürlich, wo Sätze zu umständlich und zu langatmig sind – und, wo Sie doch ein überflüssiges Adjektiv geschrieben haben.

Wo Sie ehrliche Gegenleser finden? Kaum im privaten Umfeld. Entweder sind Ihre Freunde und Verwandten von Ihren Geschichten so begeistert, dass sie alles, was Sie schreiben, unbesehen gut finden, oder sie wollen Sie nicht verletzen, weil sie weiterhin Ihre Freunde bleiben wollen.

Die Kritikpunkte, die öfter angesprochen werden, werden Sie beherzigen, andere Einwände werden Sie sich anhören, weil jeder Gegenleser einen anderen Text gelesen hat – das spricht für Sie. Diese Bedenken müssen Sie Ernst nehmen, Sie sollten sich jedoch nicht sklavisch daran halten. An den Reaktionen Ihrer Gegenleser merken Sie auch, ob Ihr Text ankommt, ob überhaupt ein Publikum dafür vorhanden ist. (Wobei von fünfzig Personen, denen Sie Ihr Manuskript anvertrauen, sich höchstens zehn mit ihm beschäftigen werden. Dafür haben sie sich besonders eindringlich mit ihm auseinandergesetzt.) Gertrude STEIN zerpflückte gnadenlos HEMINGWAYS Manuskripte und hielt ihn zu Stilübungen an. »Schreiben war leicht, bevor ich Sie kennenlernte«, schimpfte er und stand doch wieder vor ihrer Tür. Er schrieb manche Szenen solange um, bis sie ihm gefielen, manchmal dreißig oder vierzig Mal.

Wichtig ist, dass die Kritik konkret ist, denn allgemeine Bemerkungen wie »Warum schreibst du nur über dieses Thema« oder die Beschränkung auf Komma- oder Rechtschreibfehler helfen, so wichtig sie auch sein mögen, nicht weiter.

Ebenso überflüssig sind Erklärungen wie: »Der Text ist viel zu lang, du kannst aber weitermachen.« – »Du kannst weitermachen« wird viel zu häufig gesagt, besagt jedoch gar nichts (die Autorin dieser Zeilen spricht aus Erfahrung). – Und freuen Sie sich nicht, wenn Sie jemand lobt, weil er an Ihrem Text überhaupt nichts auszusetzen findet, weil er super ist, toll, phantastisch. Das ist er nämlich in den allerseltensten Fällen (hier muss ich diese Übertreibung benutzen). Wenig hilfreich ist auch, wenn der Leser zu allgemein bleibt: »Manche Wendungen gefallen mir nicht so gut»; »Einiges müsstest du noch streichen« oder »Du müsstest über den Text noch einmal rübergehen« (auch so ein beliebter Satz). Das wissen Sie meist selbst. Sie wissen aber nicht, welche Wendungen nicht so gut sind oder was gestrichen werden müsste.

Seien Sie vorsichtig, wenn Sie Ihren Text im Internet zur Kritik stellen. Entweder werden Sie gnadenlos fertig gemacht, was bei der Anonymität des Netzes manche sogenannten Kritiker oder Schreibexperten mit Herzenslust tun, oder Sie erhalten nichtssagende Kommentare, die Sie nicht weiter bringen, ebenfalls nach dem Motto »Das gefällt mir« oder »Ich habe nichts daran auszusetzen». Im ersten Fall werden Sie verschreckt nie mehr eine Zeile schreiben und in eine Depression verfallen, im zweiten Fall werden Sie sich darüber wundern, dass niemand, noch nicht einmal eine unbedeutende Literaturzeitschrift, Sie druckt.

An alle Mac- und PC-User

Kopieren Sie jedes Mal (!) die Datei, bevor Sie an ihr weiterarbeiten, und kennzeichnen Sie die neue Version mit einer Nummer (aus Version 1.3 wird zum Beispiel 1. 4) oder dem aktuellen Datum. Aber: Werfen Sie die alten Dateien nicht in den Papierkorb, richten Sie einen Ordner mit der Bezeichnung Müll ein. Ich habe zwanzig alte Fassungen meines Buches in solch einem Ordner gespeichert und musste einige Male auf die eine oder andere Fassung zurückgreifen, nicht nur, weil der Rechner abgestürzt war und ich trotz aller Routine nicht zwischengespeichert hatte (also immer wieder zwischenspeichern, die Funktion Automatisch speichern gibt beim Wiederherstellen nicht immer die letzte Version wieder), sondern auch, weil ich beim Überarbeiten zuviel gestrichen oder geändert hatte.

Auf der Kopie können Sie nach Herzenslust die Funktionen Ausschneiden und Einfügen benutzen: Schneiden Sie am Text herum, streichen Sie Passagen oder fügen Sie sie anderswo ein. Ihre wunderschöne Prosa geht dabei nicht verloren, denn Sie besitzen ja die Originalversion. Sollten Sie unsicher sein, fertigen Sie eine zweite Kopie an und so weiter und so fort. Ich habe Kapitel ausgeschnitten und an anderer Stelle eingefügt und die Rückgängig-Funktion benutzt, wenn sie mir dort doch nicht gefielen; ich haben Absätze ausgeschnitten, die ich an der betreffenden Stelle als falsch empfand, und dort eingefügt, wo sie der Logik nach hingehörten.

Drucken Sie den Text aber auch aus. Wenn er schwarz auf weiß vor Ihnen liegt, lesen Sie ihn anders als am Bildschirm. Umgekehrt finden Sie, wenn Sie mit dem Suchbefehl nach Füllwörtern oder Ihren Lieblingswörtern forschen, mehr sprachliche oder inhaltliche Schnitzer und Tippfehler sowie grammatikalische Fehler als beim Lesen des ausgedruckten Manuskripts. Und das Suchen nach dem treffenden Wort ist mit dem Thesaurus bei MS-Word einfacher als mit einem Synonymlexikon.

Freitag, 5. Juni 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. II


Stil lebt vom Opfer

Neuschreiben ist das ganze Geheimnis des Schreibens. (Mario PUZO)

Zwei Dinge sind zu unserer Arbeit nötig: Unermüdliche Ausdauer und die Bereitschaft, etwas, in das man viel Zeit und Arbeit gesteckt hat, wieder wegzuwerfen. (Albert EINSTEIN)

THOMA beschwert sich über GANGHOFER: »Er sagt immer alles. Er hat es nie gelernt, daß man als Schriftsteller von zehn beabsichtigten Worten nur eines schreiben darf und nicht elf.« Mit jedem weggelassenen Wort findet der Autor einen Leser mehr, doch die meisten Schreiber lieben jedes Wort, das sie geschrieben haben. So auch Anna RHEINSBERG: »Am Anfang meinte ich, jeder alberne Satz wär’ das Naturereignis, ich bin die Königin. Man wird dann vorsichtiger, man nimmt sich nicht mehr so ernst.«

So mancher Schriftsteller musste zähneknirschend erleben, wie seine Texte, die er anderen Schriftstellern zum Lesen gab, erbarmungslos zusammengestrichen wurden. BRECHT zum Beispiel unterstrich in Ingeborg BACHMANNS Gedichtband Die gestundete Zeit alles, was ihm gefiel, fliederrot. Das, was er nicht unterstrichen hatte, musste weg. Die fünfzig Verse des Gedichts Thema und Variation strich er auf fünf zusammen (nur die erste Strophe und den ersten Vers der achten ließ er gelten!):
In diesem Sommer blieb der Honig aus.
Die Königinnen zogen Schwärme fort,
der Erdbeerschlag war über Tag verdorrt,
die Beerensammler kehrten früh nach Haus.
Unten im Dorf standen die Eimer leer.
– Sie hätte die Gedichte Brecht geben sollen, bevor sie sie veröffentlichte. –

T. S. ELIOT dagegen überarbeitete das wüste Land zunächst selbst und strich es per »Kaiserschnitt«, wie sein Biograf Peter ACKROYD schreibt, auf neunzehn Seiten zusammen. Aber dann gab er es Ezra POUND. Der sagte »Complimenti, du Hundesohn. Ich bin von allen sieben Eifersüchten geplagt« und kürzte es von achthundert auf vierhundertdreiunddreißig Verse. Der dankbare Eliot widmete es ihm mit den Worten: »For Ezra Pound, il miglior fabbro« – dem besseren Schmied.

GOETHE wiederum wurmte, dass GELLERT an seinen poetischen Versuchen, die er – wie wohl jeder Dichter – voll Leidenschaft geschrieben hatte, kaum ein gutes Haar ließ und fast jede Zeile mit roter Tinte korrigierte und mit Randbemerkungen versah. Er warf die Arbeiten – die er für seine besten hielt – in den Herd.
Die Enttäuschung über seine Versuche verarbeitete GOETHE in einem – natürlich – Gedicht:
Ganz and’re Wünsche steigen jetzt als sonst,
Geliebter Freund, in meiner Brust herauf.
Du weißt, wie sehr ich mich zur Dichtkunst neigte,
Wie großer Hass in meinem Busen schlug,
Mit dem ich die verfolgte, die sich nur
Dem Recht und seinem Heiligtum weihten,
Und nicht der Musen sanften Lockungen
Ein offnes Ohr und ausgestreckte Hände
Voll Sehnsucht reichten. Ach, du weißt, mein Freund,
Wie sehr ich (und gewiss mit Unrecht) glaubte,
Die Muse liebte mich und gäb’ mir oft
Ein Lied. Es klang von meiner Leier zwar
Manch stolzes Lied, das aber nicht die Musen
Und nicht Apollo reichten. Zwar mein Stolz,
Der glaubt’ es, dass so tief zu mir herab
Sich Götter niederließen, glaubte, dass
Aus Meisterhänden nichts Vollkommners käme,
Als es aus meiner Hand gekommen war.
Ich fühlte nicht, dass keine Schwingen mir
Gegeben waren, mich empor zu rudern,
Und auch vielleicht mir von der Götter Hand
Niemals gegeben werden würden. Doch
Glaubt’ ich, ich hab’ sie schon und könnte fliegen.
Allein kaum kam ich her, als schnell der Nebel
Vor meine Augen sank, als ich den Ruhm
Der großen Männer sah, und erst vernahm,
Wie viel dazu gehörte, Ruhm erwerben,
Da sah ich erst, dass mein erhabner Flug,
Wie es mir schien, nichts war, als das Bemühen
Des Wurms im Staub, der den Adler sieht
Zur Sonn’ sich schwingen – – – –
Die Re-Writerin Marcy KAHAN, die schlechte Drehbücher so umschreibt, dass sie verfilmt werden können, schreibt hin und wieder ein Hörspiel oder ein Drehbuch und bearbeitet sie selbst. Sie sagte einmal:
Auch, wenn du sehr lange in diesem Metier arbeitest, es tut immer noch weh, auch nur eine Zeile von dir selbst rauszuschmeißen. Nie weiß ich, was ich herausnehmen oder was ich doch besser stehen lassen sollte. Eines Tages jammerte ich das meiner Redakteurin vor. Die lachte und gab mir den Tip: Marcy, kill your darling! Nimm immer das heraus, was dir ganz persönlich am Herzen liegt, denn deine Hörer haben andere Herzen. – Richte dich nach dem Text, das ist die eigentliche Arbeit. Dichten ist kürzen. Und dazu gehört ein Mindestmaß an Mordlust.
– Kleine Anmerkung: Ich kenne den Ausdruck kill your darlings aus US-amerikanischen Schreibschulen. Dort bedeutet er allerdings, dass man seinen Lieblingsfiguren kein Happyend gönnen solle, weil das meist kitschig und voller Klischees ist. Wie auch immer: so oder so sollte man den Rat beherzigen. –

Und HORAZ erinnert an QUINTILIUS:
Wenn du Quintilius etwas vortrugst, sagte er wohl. »Verbessere bitte dies hier und dies.« Behauptetest du, du könntest besser nicht machen, was du zwei- oder dreimal vergeblich versucht hättest, so hieß er dich, es zu vernichten und die schlecht gedrechselten Verse zurück auf den Amboß zu legen. Wenn du den Fehler lieber verteidigen als ihn ausmerzen wolltest, verschwendete er kein Wort und keine fruchtlose Mühe, damit du dich und das Deinige nur ruhig liebtest, allein und ohne Rivalen.
Stellen Sie sich vor, Sie möchten eine Kurzgeschichte mit neuntausend Zeichen bei einem Literaturwettbewerb einreichen, bei dem höchstens sechstausend Zeichen vorgeschrieben sind. Also müssen Sie kürzen: Sie müssen aus langen Sätzen kürzere Sätze bilden und Wörter streichen. Manchmal geht es um wenige Buchstaben. (Das ist auch eine gute Übung, um treffendere Wörter zu finden.) Vertrauen Sie mir: Ihr gekürzter Text wird Ihnen viel besser gefallen. Mit der Zeit werden Sie (hoffentlich) mit Leidenschaft kürzen.

In einer Internetschreibwerkstatt, die ich einige Zeit leitete, gab ich einen Text mit siebentausend Zeichen (einschließlich Leerzeichen) vor. Die Aufgabe löste einen allgemeinen Aufschrei aus: Es sei unmöglich, das, was man sagen wolle, auf so wenige Zeichen zu beschränken. Doch bei jedem Text, dessen Autor die Zeichenvorgabe beklagt hatte, ließen sich Adjektive, Füllwörter und unwichtige Passagen streichen.

Gerade der Anfänger hat oft Probleme, sich auf das Wesentliche zu beschränken – aber er kann das lernen. Vor allem lernt er das durch Üben und durch das Besprechen von Texten in Schreibwerkstätten.

Literatur bedeutet auch streichen, verknappen, auf das Wesentliche verdichten. Wenn Ihr Text nach dem Überarbeiten länger ist, haben Sie etwas falsch gemacht

Donnerstag, 4. Juni 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. I


Alles Eigene gefällt, solange es im Entstehen begriffen ist. Deshalb müssen
wir immer wieder mißtrauisch überprüfen, was wir fertiggestellt haben. (QUINTILIAN)

Der erste Entwurf ist immer Mist. (HEMINGWAY)
Ferdinand radiert

Ferdinand nimmt eine leere Seite
und denkt nach und schreibt dann eine Sorte
wohlgeformter, ungenauer Worte,
insgesamt gesehen, eine Pleite.

Auf dem Blatt, an beinah jedem Orte
– mithin also fast in jeder Zeile –
stören Kommas oder andre Teile,
Ferdinand bemerkt’s, sich selbst zum Torte.

Und er spricht: Wenn ich hier weiter weile
und das Ganze ganz in Ruh betrachte,
merke ich, wie ich mich drob verachte,

doch was soll ich tun? Na gut, ich feile
und radiere, füge zu und schreite
durch des Raumes angenehme kühle Weite.

Bernd HUTSCHENREUTHER
Klare Sätze sind kein Zufall

Schreiben ist die perfekte Zusammenarbeit von Hirn und Hintern. (SCHILLER)

Hirn ist gut, Hintern ist besser. (Uta GLAUBITZ)

Ach, Schreiben bedeutet nicht nur für Ferdinand harte Arbeit … Die erste Fassung ist niemals die richtige, auch wenn Ihnen Ihr Werk gefällt und Sie meinen, es sei aus einem Guss und Sie den »Genius zwischen den Zeilen« (GLAUBITZ) vermuten. Auch große Schriftsteller betrachten das Ganze in Ruhe und seufzen »Na gut« und radieren und fügen hinzu, und das nicht nur einmal. Trösten Sie sich damit, wenn Sie beim Feilen verzweifeln oder einen Horror davor haben, Ihre Arbeit noch einmal und noch einmal zur Hand zu nehmen und sich noch einmal auseinanderzusetzen mit den schwachen Teilen, den wohlgeformten, ungenauen Worten, den umständlich formulierten Sätzen. Für William C. KNOTT ist »das Überarbeiten … wie der Ringkampf mit einem Dämon«, aber kaum einer, der schreiben kann, käme drum herum, denn »nur Schriftsteller wissen, wie man einen Text umschreibt. Diese Fähigkeit allein macht den Amateur zum Profi«.

FLAUBERT rät Louise COLET:
Vernachlässigen Sie nichts, arbeiten Sie, schreiben Sie neu und lassen Sie das Werk erst aus der Hand, wenn Sie die Überzeugung haben, daß Sie es zu dem Grad von Vollkommenheit gebracht haben, den ihm zu geben Ihnen möglich war.
Für Erich FRIED steckt
… im schnellen Schreiben und erst nachher gewissenhaft Korrigieren eine Art Respekt und Vertrauen gegenüber seinem ursprünglichen Einfall … und daß … (ist) sehr gut, weil dann die Einfälle nicht so leicht austrocknen wie bei einem Menschen, der seinen eigenen Einfällen gegenüber respektlos ist und ihnen ausbeuterisch gegenübersteht.
FLAUBERT und FRIED waren Genies. War es ihr Genie, das sie zwang, hart zu arbeiten, oder waren ihre Werke das Ergebnis ihrer harten Arbeit?

Die mühevolle Arbeit des Feilens kann Ihnen kaum jemand abnehmen. Verlage lehnen aus Kostengründen Manuskripte, die eine umfangreiche Überarbeitung erfordern, meist ab. Und gute Lektoren sind teuer. Auch Redakteure von Literaturzeitschriften, die meist ehrenamtlich arbeiten, sind nicht dazu da, Ihnen den Feinschliff abzunehmen.

Nonumque premator in annum …

Zum Handwerk des Dichters gehören zwei Bewegungsabläufe, die stures Training verlangen: Schreiben und Streichen. (Jo LENDLE)

Das Schwierigste am Sammeln ist das Wegwerfen. (KÖSTER)

… »dann sei’s neun Jahre verborgen« schreibt HORAZ in seiner Ars Poetica (Von der Dichtkunst). Er soll damit auf den Lyriker CATULL angespielt haben, der über den Dichter CINNA spottete: »Die Zmyrna meines Freundes Cinna wurde 9 Jahre nach ihrem Beginn endlich veröffentlicht. Während in der selben Zeit Hortensius in jedem beliebigen Jahr 50000 Verse herausgebracht hat.

Das zu beherzigen, ist jedoch zuviel verlangt, wie auch HEINE feststellt:
Als Horaz dem Autor die berühmte Regel gab, sein Werk neun Jahre im Pult liegen zu lassen, hätte er ihm auch zu gleicher Zeit das Rezept geben sollen, wie man neun Jahre ohne Essen zubringen kann. Wir unglücklichen Spätgeborenen, wir leben in einer anderen Zeit. Ich komme wieder auf die Horazische Regel und ihre Unanwendbarkeit im neunzehnten Jahrhundert, ich könnte es keine vierundzwanzig Stunden, viel weniger neun Jahre aushalten, mein Magen hat wenig Sinn für Unsterblichkeit, ich hab’ mir’s überlegt, ich will nur halb sterblich und ganz satt werden, man muß Geld in dieser Welt haben, Geld in der Tasche und nicht Manuskripte im Pult.
Aber lassen Sie Ihren Text zumindest ein paar Wochen liegen. Danach können Sie zum Rotstift greifen oder besser noch zum Bleistift. Denn Sie werden nicht nur einmal korrigieren, sondern Ihre Korrekturen prüfen und wieder korrigieren und wieder prüfen und wieder korrigieren. Bei der Verwendung eines Kugelschreibers oder Füllers entsteht aus Korrekturen der Korrekturen, aus Durchstreichungen, aus deren Rückgängigmachen mit Pünktchen, aus Einfügungen von Wörtern in eingefügte Sätze ein Chaos, durch das Sie nicht mehr durchblicken. –

Streichen Sie all die überflüssigen Wörter, Sätze und Absätze, die sich trotz aller Bemühungen eingeschlichen haben. – »Wenn es möglich ist, ein Wort zu streichen – streiche es«, rät auch ORWELL. Ihre Worte sind nicht in Stein gemeißelt, lassen Sie jedes Wort um seine Berechtigung kämpfen. »Da ich keine Zeit habe, dir einen kurzen Brief zu schreiben, schreibe ich dir einen langen«, schreibt GOETHE im Alter von achtzehn Jahren seiner Schwester Cornelia. (Er hatte diesen Satz in einem Briefwechsel zwischen CATO und CICERO gelesen. Viele Aussprüche unserer Klassiker sind nicht auf deren »eigenem Mist gewachsen« – wie tröstlich für uns.) Und Martin WALSER sagt, als der Lebenslauf der Liebe gedruckt auf seinem Schreibtisch lag, habe er ihn aufgeschlagen und auf irgendeiner Seite den ersten Satz angeschaut und sich gefragt: Steht der zu Recht da?

Nehmen Sie Träume, in denen Ihr Manuskript oder Abschnitte daraus als missglückt erscheinen, ernst, auch wenn Sie beim Aufwachen feststellen: Träume sind Schäume, und weiterhin begeistert Ihr Werk lesen. Sie werden der einzige sein, der es begeistert liest. Ihr Unterbewusstsein will Ihnen auf diese Weise sagen, dass Sie an Ihrem Werk oder an den Abschnitten feilen sollen.

Wenn Sie unsicher sind, ob Sie ein Wort, einen Satz oder Absatz streichen sollen – verlassen Sie sich auf Ihr Gefühl und streichen Sie

Gerade der Anfänger leidet, wenn er sich von Wörtern, von mit soviel Mühe und noch mehr Liebe formulierten Sätzen, von seiner Meinung nach gelungenen Passagen trennen muss. Doch mit der Zeit findet er die nötige Distanz zu seinen Texten. Auch ich habe das Buch, aus dem dieser Beitrag stammt, vielfach überarbeitet, ich habe gestrichen und hinzugefügt und wieder gestrichen. Ich habe versucht, für meine ach zu häufig verwendeten Lieblingswörter selten gebrauchte Ausdrücke zu finden, habe Füllwörter gestrichen, Passiv in Aktiv umgewandelt, Substantive in Verben (und umgekehrt, wenn mir das Substantiv stärker erschien), den Plural in das Singular. Ich haben Hilfsverben ausgemerzt, Wendungen aus der Umgangssprache in Hochsprache umgewandelt. Doch ich habe mich bemüht, meine eigene Stimme zu behalten und keinen zu glatt polierten Text zu schreiben, und mir deshalb erlaubt, die Schreibregeln hin und wieder zu brechen. Was nützt mir ein ausgefeilter, nach allen Regeln der rhetorischen Kunst ausgearbeiteter Text, wenn Sie ihn ungern lesen, weil er zu hochgestochen klingt und dadurch langweilig oder unverständlich wird? Das Feilen hat mindestens dreifach soviel Arbeit gemacht wie das Schreiben und mindestens dreimal so lange gedauert. Es hat viel Geduld erfordert – aber auch am meisten Spaß gemacht, und oft bin ich dabei wie Ferdinand durch des Raumes angenehme kühle Weite geschritten.

Trösten Sie sich, kaum ein Manuskript ist auf Anhieb perfekt. HORAZ ärgert sich in der Ars poetica, dass Homer manchmal schläft (womit er meint, dass Homer sprachlich und dichterisch hin und wieder nicht so gut ist wie gewohnt). »Quandoque bonus domitat Homerus« (frei übersetzt: Dann und wann schläft sogar der gute Homer) ist sprichwörtlich geworden dafür, dass auch der beste Schriftsteller schwächere Momente hat. Selbst bei GOETHE würde ein Lektor immer noch einiges ändern.

Wie schreibt Gottfried KELLER so schön:
Es gehört ein Raffael dazu, jeden Strich stehen lassen zu können, wie er ist. Wie manche Blume, die man in aufgeregter Abendstunde glaubt gepflückt zu haben, ist am Morgen ein dürres Strohwisch! wie manches schimmernde Goldstück, welches man am Werktage gefunden, verwandelt sich an einem stillen Sonntagmorgen, wo man es wieder besehen will, in eine gelbe Rübenschnitte! Man erwacht in der Nacht und hat einen sublimen Gedanken und freut sich seines Genies, steht auf und schreibt ihn auf bei Mondschein, im Hemde, und erkältet die Füße: und siehe, am Morgen ist es eine lächerliche Trivialität, wo nicht gar ein krasser Unsinn! Da heißt es aufpassen und jeden Pfennig zweimal umkehren, ehe man ihn ausgibt!
Bei einem literarischen Text muss sich jedes Wort, jedes Bild, darauf abklopfen lassen, ob es richtig, notwendig und klar ist

Barbara SLAWIG erzählt von ihren Erfahrungen mit dem Feilen:
Es mag Leute geben, denen ihre Texte gleich beim ersten Aufschreiben so gut gelingen, dass höchstens noch ein bisschen an Rechtschreibung und Grammatik korrigiert werden muss. Meine ersten Entwürfe sind immer lückenhaft und voller Brüche. Beim Überarbeiten finde ich es vor allem wichtig, dass man nicht versucht, inhaltliche Schwächen auf der sprachlichen Ebene zu beheben. Bevor ich ans Überarbeiten gehe, muss ich mir über die wichtigsten inhaltlichen und erzähltechnischen Fragen vollkommen klar sein. (Also z. B.: Aus welcher Perspektive erzähle ich? Welches ist der Haupt-Spannungsbogen, welches sind eher Nebenstränge? Werde ich meinen Personen gerecht, oder verrate ich sie irgendwo? Stimmt der Schluss, oder ist etwas daran verlogen? usw.) Um das alles beurteilen zu können, brauche ich natürlich einen gewissen Abstand zum Text, das heißt, ich lasse ihn mindestens eine Woche liegen (bei längeren Texten länger). Wenn die inhaltlichen Fragen geklärt sind, wende ich mich stärker der Sprache zu und suche nach schwachen oder überflüssigen Sätzen, nach Sprachklischees, ungewollten Wiederholungen etc. … Natürlich ist Überarbeiten mühsam, aber halb fertige, nicht durchgearbeitete Texte sind in meinen Augen eine traurige Verschwendung von Zeit und Ideen.
Vergleichen Sie das, was Sie geschrieben haben, mit dem, was Sie schreiben wollten

Eine (seltene) Gefahr besteht jedoch: dass Sie zu viel streichen und dadurch den Leser verwirren oder verständnislos zurücklassen. REICH-RANICKI moniert in HEYMS 5 Tage im Juni: »Die Zahl der Personen ist übermäßig groß, was damit zusammenhängen mag, daß die ursprüngliche Fassung etwa doppelt so umfangreich war wie die endgültige.«

Prüfen Sie nach dem Kürzen, ob jede Figur weiterhin wichtig für den Text ist

Freitag, 24. April 2009

Über Zwanzig-Dollar-Wörter


Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge. (SCHOPENHAUER)

»Widerstehe der Versuchung, ein 20-Dollar-Wort zu benutzen, wenn du ein 10-Cent-Stück zur Hand hast, das den gleichen Zweck erfüllt«, rät E. B. WHITE. Wählen Sie also schlichte Wörter, denn funkelnde sind aufdringlich und stören. Vermeiden Sie allen Zierrat, alle Schnörkel, Glitzer, Verspieltheit und Selbstverliebtheit. »Sprache ist eine Waffe, haltet sie scharf«, schreibt TUCHOLSKY. Damit meint er nicht etwa das Gefecht mit der spitzen Feder gegen Unrecht, sondern das Bewusstsein des Erzählers für Sprache.

Doch was ist Zierrat? Das sind Fremdwörter, die zeigen sollen, wie weltgewandt, wie klug der Autor ist; Wörter, die einer höheren Sprachschicht angehören; Wörter, die einen Text trivial machen wie wohlklingende, aber nichtssagende Adjektive. Das ist eine Sprache, von der Walter BENJAMIN sagt, dass es eine Schreibtradition gibt, »die sich am Wort berauscht, das bedeutet, den Umgang mit Worten zu einer Art Stil des schönen und faszinierenden Schreibens macht, der sich von seinen Inhalten zu lösen droht«. So wie manch Eiskunstläufer glitzernde Kostüme wählen, um vom Mittelmaß abzulenken, sollen glitzernde Wörter, von Rüschen ganz zu schweigen, von mittelmäßigen Texten ablenken. – Wobei einzelne Pailletten, einzelne »glitzernde Wörtchen« (LICHTENBERG), erst den Stoff zum Funkeln bringen.

LESSING empfahl am 30. Dezember 1743 seiner Schwester Dorothea: »Schreibe wie du redest, so schreibst du schön«, und GOETHE rund zwanzig Jahre später seiner Schwester Cornelia: »Merke dies: Schreibe nur, wie du reden würdest, und so wirst du einen guten Brief schreiben.« (Und änderte so manche ungewöhnlichen Wörter und Wendungen in ihren Briefen.)
»Von Staub bist du gekommen, und zu Staub sollst du werden«, lesen wir in der Bibel, und BÜCHNER schreibt: »Friede den Hütten – Krieg den Palästen.« Einfacher kann man das nicht ausdrücken.

Wählen Sie im Zweifelsfall das weniger bedeutende Wort.

Vorsicht: Kopieren Sie nicht den Stil anderer Schriftsteller


Er las immer Agamemnon statt »angenommen«, so sehr hatte er seinen Homer studiert. (LICHTENBERG)

Es ist geradezu schimpflich, sich nur mit dem Nachahmen zu begnügen. Denn wo wären wir heute, wenn niemand mehr zustande gebracht hätte, als seine Vorgänger. (QUINTILIAN)

Dante Alighieri nennt in seiner Komödie den Virgil mit einem Respekt seinen Lehrer, und hat ihn, wie Herr Meinhard bemerkt, doch so schlecht genützt, eine deutliche Probe, dass man schon damals die Alten lobte, ohne zu wissen warum, sie loben und andere Sachen tun, dieser Respekt gegen Dichter, die man nicht versteht und doch erreichen will, ist die Quelle unserer schlechten Schriften. (LICHTENBERG)
Nehmen Sie sich das Handwerk anderer Schriftsteller als Vorbild, aber vergleichen Sie sich nicht mit ihnen. Sie möchten sicher nicht, dass es Ihnen wie jenem Autor einst beim Ingeborg Bachmann-Preis, zu dessen Text die Juroren erst einmal bemerkten, dass er sie sehr an BUKOWSKI erinnere. Gehen Sie auch nicht mit der Mode. Sie werden nicht berühmt werden, nur weil Sie über das Thema oder in dem Stil schreiben, die gerade in sind. Wichtig ist die Einzigartigkeit des Schriftstellers.

Bitte arbeiten Sie die Werke berühmter Schriftsteller nicht wie in der Schule durch. Niemand lernt durch bloßes Analysieren einen guten Stil schreiben. Kaufen Sie keine Hefte mit den Auslegungen ihrer Werke. Die Interpreten sind stets subjektiv, besonders bei Gedichten: Woher wollen sie wissen, was der Dichter uns sagen will? Manchmal weiß der es selbst nicht. »Feuchtohrige Buben fischen Phrases aus der Schlacht bei Cannä und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie exponieren müssen«, schreibt SCHILLER in den Räubern (vielleicht hat GOETHES Mutter ihren Sohn deshalb ermahnt, möglichst gar nichts zu schreiben ...). Denken Sie an Ihre Schulzeit, als den Jugendlichen nicht nur die Freude am Schreiben genommen wurde, sondern auch am Lesen durch das Durchkauen von Texten und deren Analysen, die bei Klausuren verlangt wurden und deshalb vorher gebüffelt werden mussten. Wie viele Generationen von Abiturienten haben später die Bücher, die sie in der Schule lesen mussten, und die Referate mit deren Deutungen in einem Freudenfeuer verbrannt. Lesen Sie zur eigenen Erbauung, mit Genuss (und manchmal auch nur zur Entspannung).

»Ich wünschte ein Shakespeare zu sein und wurde ein Shaw«, bedauert SHAW. Begehen Sie also nicht den Fehler, den Stil des von Ihnen geschätzten Schriftstellers zu kopieren (es sei denn, Sie wollen ihn parodieren). Schließlich kann man »niemanden überholen, wenn man in seine Fußstapfen tritt«, wie François TRUFFAUT sagt. Für LICHTENBERG liegt »das was man tun muß, um wie Shakespeare zu schreiben zu lernen, viel weiter ab als die Lesung desselben«, und Patricia HIGHSMITH fehlt beim »Nachahmen die Begeisterung …, und ohne Begeisterung kann man kein anständiges Buch schreiben«. Auch Jean PAUL warnt vor dem Kopieren:
Um deswillen ist einem jungen Dichter nichts so nachteilig als ein gewaltiger Dichter, den er oft lieset; das beste Epos in diesem zerschmilzt zur Lyra in jenem. Ja, ich glaube, ein Amt ist in der Jugend gesünder als ein Buch – obwohl in spätern Jahren das Umgekehrte gilt. – Das Ideal vermischt sich am leichtesten mit jedem Ideal, d. h. das Allgemeine mit dem Allgemeinen. Dann holet der blühende junge Mensch die Natur aus dem Gedicht, anstatt das Gedicht aus der Natur. Die Folge davon und die Erscheinung ist die, welche aus allen Buchläden heraussieht: nämlich Farben-Schatten statt der Leiber; nicht einmal nachsprechende, sondern nachklingende Bilder von Urbildern – fremde, zerschnittene Gemälde werden zu musaischen Stiften neuer Bilder zusammengereiht – und man geht mit fremden poetischen Bildern um, wie im Mittelalter mit heiligen, von welchen man Farben loskratzte, um solche im Abendmahlwein zu nehmen.
Ein Text wird nicht deshalb literarisch, weil er klingt, als wäre er von Updike, Franzen, Virginia Wolf, Irving, Grass oder Ingeborg Bachmann

Stil ist wie ein Fingerabdruck


Jeder Stil ist einzigartig, nicht nur in der Art des Ausdrucks, sondern auch in der Wortwahl.


Viele Schriftsteller haben ihre Lieblingswörter. KLEIST mag dergestalt und das Wörtchen dass, wie man an diesem berühmten Satz sieht:
Der Graf setzte sich, indem er die Hand der Dame fahren ließ, nieder, und sagte, daß er, durch die Umstände gezwungen, sich sehr kurz fassen müsse; daß er, tödlich durch die Brust geschossen, nach P... gebracht worden wäre; daß er mehrere Monate daselbst an seinem Leben verzweifelt hätte; daß während dessen die Frau Marquise sein einziger Gedanke gewesen wäre; daß er die Lust und den Schmerz nicht beschreiben könnte, die sich in dieser Vorstellung umarmt hätten; daß er endlich, nach seiner Wiederherstellung, wieder zur Armee gegangen wäre; daß er daselbst die lebhafteste Unruhe empfunden hätte; daß er mehrere Male die Feder ergriffen, um in einem Briefe, an den Herrn Obristen und die Frau Marquise, seinem Herzen Luft zu machen; daß er plötzlich mit Depeschen nach Neapel geschickt worden wäre; daß er nicht wisse, ob er nicht von dort weiter nach Konstantinopel werde abgeordert werden; daß er vielleicht gar nach St. Petersburg werde gehen müssen; daß ihm inzwischen unmöglich wäre, länger zu leben, ohne über eine notwendige Forderung seiner Seele ins Reine zu sein; daß er dem Drang bei seiner Durchreise durch M..., einige Schritte zu diesem Zweck zu tun, nicht habe widerstehen können; kurz, daß er den Wunsch hege, mit der Hand der Frau Marquise beglückt zu werden, und daß er auf das ehrfurchtsvollste, inständigste und dringendste bitte, sich ihm hierüber gütig zu erklären. – (Die Marquise von O... (Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem Süden verlegt worden)
Dieser Satz ist erst einmal schwer zu verdauen, aber wenn man die Melodie des Textes (und auch die anderer langer Sätze Kleists) eingefangen hat, erkennt man, dass er das Stilmittel der Wiederholung von Wörtern (nicht zu verwechseln mit Redundanz), in diesem Fall die Anapher – Sätze, die mit demselben Wort beginnen – meisterlich beherrscht. Allerdings kann sich die Wiederholung des Wörtchens dass eben nur ein Meister des Schreibhandwerks leisten. Zur Nachahmung ist das jedenfalls nicht empfohlen.

GRILLPARZER liebt flammen und Gebein. EICHENDORFF lässt es gern rauschen (und das sicher nicht nur des schönen Reimes wegen mit dem Wort lauschen): die Erde mit allen Bäumen, die Bäume selbst, die Wipfel, den Wald, die Quelle, den Bach, Fluss und Strom, es rauscht im Hain, in den Bäumen. NOVALIS mag den Traum und die Wollust.

Manchmal häufen sich solche Lieblingswörter. Eine Zeitlang sah alles malvenfarben aus, ohne dass man genau wusste, wie diese Farbe aussieht. Zur Zeit ist vor allem bei Elizabeth GEORGE dauernd jemand verdrossen, und alles wird genossen, die leckere Speise ebenso wie Filme oder Bücher.

Lange wurde gerätselt, ob PROKOP das Pamphlet der Geheimgeschichte des Kaiserhofs von Byzanz gegen Kaiser JUSTINIAN I. und Kaiserin THEODORA wirklich selbst geschrieben hatte, berichtete er von den beiden als Hofgeschichtsschreiber sonst nur Gutes. Als ein Forscher den Stil des Werkes analysierte, stellte er fest, dass Prokop tatsächlich nicht nur Erfreuliches über das kaiserliche Paar geschrieben hatte.

HERDER reagierte dermaßen empfindlich auf Kritik, dass sie ihm häufig das Schreiben verleidete und er deshalb anfangs seine Schriften anonym veröffentlichte (noch im Jahr 1795 schrieb er Friedrich SCHILLER: »Ich bin kein Dichter.«) Er verleugnete sogar (und das als Prediger), dass er die Kritischen Wälder Oder Betrachtungen, die Wissenschaft und des Schönen betreffend, nach Maasgabe neuerer Schriften geschrieben hat. Aber das nutzte ihm nichts. Jeder erkannte Herder an dessen Stil, dessen schwunghafter Art zu schreiben Mit der Zeit wurde er jedoch selbstbewusster und bekannte sich als Autor.

Auch wenn Sie Texte verschiedener Genre, ob Kurzgeschichte, Fantasy, Krimi, unter Pseudonym schreiben, wird jeder, der Sie kennt, wissen, dass nur Sie sie geschrieben haben können. Das mag Sie ärgern, ist es Ihnen doch gar nicht recht, dass Sie so schnell zu erkennen sind. Doch herzlichen Glückwunsch – Sie haben Ihren unverwechselbaren Stil gefunden.

Seien Sie stolz darauf, dass Ihnen das gelungen ist; wieviele Autoren suchen ihr Leben lang vergebens danach! Lassen Sie sich nicht einreden, dass es auf die Dauer langweilig ist, wenn man Ihre Handschrift schon an den ersten Absätzen erkennt. Wir mögen FRISCH wegen seines einfachen Stils und wären enttäuscht, wenn er in einem anderen Roman so ins Detail ginge wie Thomas MANN.