Sonntag, 7. Juni 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. IV


Aus Dichters Schreibstube

GOETHE sagt über WIELAND:
Denn daß er alles mit eigener Hand und sehr schön schrieb, zugleich mit Freiheit und Besonnenheit, daß er das Geschriebene immer vor Augen hatte, sorgfältig prüfte, veränderte, besserte, unverdrossen bildete und umbildete, ja nicht müde ward, Werke von Umfang wiederholt abzuschreiben, dieses gab seinen Produktionen das Zarte, Zierliche, Faßliche, das Natürlich-Elegante, welches nicht durch Bemühung, sondern durch heitere genialische Aufmerksamkeit auf ein schon fertiges Werk hervorgebracht werden kann.
THUKYDIDES feilte beim Schreiben seines Werkes über den peloponnesischen Krieg immer wieder am Stil. Er verlängerte ein Wort zu einem Satz oder zog einen Satz in ein Wort zusammen, ersetzte ein Substantiv durch ein Verb oder ein Verb durch ein Substantiv. PLATON schrieb den Anfang der Republik in sieben verschiedenen Fassungen und FRIEDRICH DER GROSSE den Antimacchiavelli in drei. CAPOTE schreibt vier Niederschriften: eine mit Bleistift, eine auf blaues, eine auf gelbes und die endgültige Version auf weißes Papier. RANSMAYR, der keine Manuskriptseite weniger als dreißig Mal schreiben soll, die meisten gar hundert bis zweihundert Mal, sagt:
Die Zahlen haben gelegentlich zu einem seltsamen Poker geführt: 100, 200 Versionen! Wichtiger als solche Einsätze ist doch, dass ich das Glück habe, mir für meine Geschichten sieben Jahre und mehr nehmen zu können, bis sie in ihrer für mich schlüssigsten Form zur Sprache gebracht ist.
Einer der unermüdlichsten Feiler war BALZAC. Er gab die Hälfte seiner Honorare für das Ändern von Druckvorlagen aus und wollte sogar das Doppelte bezahlen, doch die Drucker setzten seine bis zur Unleserlichkeit korrigierten Manuskripte nur widerwillig. Und wenn sie sie dann doch gesetzt hatten, korrigierte er sie wieder.

ECO berichtet, dass LAMARTINE über eines seiner Gedichte schrieb, es sei ihm »spontan eingefallen, urplötzlich in einer stürmischen Nacht im Walde«. Doch, so Eco: »Als er gestorben war, fand man seine Manuskripte mit zahlreichen Korrekturen und Varianten, und besagtes Gedicht erwies sich als das vielleicht am meisten ›bearbeitete‹ der gesamten französischen Literatur.«

FONTANE ist manchmal vierzehn Tage einem einzigen Wort »hinterhergerannt«. Er meint, dass drei Viertel seiner »ganzen literarischen Tätigkeit überhaupt Korrigieren und Feilen gewesen« sei. »Und vielleicht ist drei Viertel noch zu wenig.« STORM erzählt, dass ihn seine Prosa mehr Zeit gekostet habe als Verse, und Erich FRIED antwortet auf die Frage, ob er das fertig gestellte Buch noch einmal lese, ob er sich »sehr über scheinbare oder wirkliche Fehler« ärgere und ob er Lust habe, es noch einmal zu schreiben:
Nein, ich glaube nicht, daß man ein schon einmal geschriebenes Buch noch einmal schreiben darf, weil man nicht mehr derselbe Mensch ist. Wenn mir ein Buch oder ein Gedichtband gedanklich Mängel zu haben scheint, weil ich jetzt, wenn es zu einer Neuauflage erscheinen soll, über einiges anders denke, dann schreibe ich an den betreffenden Stellen ein Gegengedicht.
Marie Luise KASCHNITZ hat oft »Gedichte ins Schmierheft gekritzelt, sie verworfen, zerhackt, mit neuen Gliedmaßen ausgestattet, mit Flitter behängt, von Flitter befreit, Kargwort neben Kargwort gesetzt, endlich das Ganze zerknüllt und in den Müll geworfen«, und es seien »nur zwei Worte oder drei gewesen …, die den nächsten Morgen überdauerten«.

SELBY hat zweieinhalb Jahre lang Nacht für Nacht an dem Kapitel aus Letzte Ausfahrt Brooklyn geschrieben, in dem eine Bande eine fünfzehnjährige Hure vergewaltigt. »Kannst du dir das vorstellen», sagte er zu seinem Interviewer, »zwanzig Seiten in zweieinhalb Jahren? Danach war ich so fertig, dass ich über ein Jahr keine Zeile schreiben konnte.« Auf die Frage, ob es nicht nervtötend gewesen sei, jeden Satz tausend Mal neu zu schreiben, entgegnet er:
Überhaupt nicht. Ich glaube, ich schreibe so, wie Edison erfand. Der wurde mal gefragt, ob das nicht entmutigend sei, 1138-mal damit zu scheitern, die Birne zum Glühen zu bringen. Und er sagte: Nein, jetzt kenne ich 1138 Methoden, wie es nicht funktioniert.
James THURBER streicht neunzig Prozent seiner Wörter. Er soll seine Erzählungen fünfzehn Mal umgeschrieben und zweitausend Stunden für eine Arbeit verwendet haben, die zum Schluss höchstens zwanzigtausend Wörter umfasste. »Ich weiß nicht«, soll er geseufzt haben, »meine ersten Entwürfe klingen immer, als hätte die Putzfrau sie geschrieben. Nur ein einziges Mal ist es mir gelungen, eine Sache glatt herunterzuschreiben«. Bei Dorothy PARKER kommen auf fünf Wörter sieben, die sie streicht. SCHLINK streicht die Hälfte dessen, was er geschrieben hat, durch, schreibt etwas anderes darüber, korrigiert später noch einmal, und manchmal merkt er, wenn er den Text schließlich ins Diktiergerät spricht, dass die zweite durchgestrichene Fassung doch die richtige war.

Bedenken Sie jedoch bei allem Feilen und Löschen und Einfügen: Sie finden nie ein Ende, wenn Sie wieder und wieder versuchen, Ihren Text zu vervollkommnen. Denken Sie an den Spruch: Das Beste ist der Feind des Guten.

Ihr Werk ist fertig, wenn Sie nicht einen Satz daraus entfernen können, ohne ihm zu schaden. Sie sollten jedoch Ihr Werk als abgeschlossen betrachten: wenn der Punkt des »Verschlimmbesserns« erreicht ist

Last not least

Prüfen Sie, ob Sie jeden Rechtschreib- und Trennfehler korrigiert haben. Prüfen Sie Grammatik und Zeichensetzung.

Immer wieder muss man die Meinung sogenannter Autoren lesen, dass sie Stil, Rechtschreibung und Grammatik für zweitrangig halten, solange diese die Verständlichkeit des Textes nicht beeinflussen, und schließlich wolle man die Lektoren nicht arbeitslos machen. Abgesehen davon, dass die Verlage kaum noch Lektoren beschäftigen und freie Lektoren teuer sind – haben diese Autoren schon einmal einen Schauspieler sagen hören, dass Mimik und Gestik, Betonung und Ausdruck für ihn zweitrangig seien, solange der Zuschauer seine Worte versteht? Vertrauen sie einem Schuster, dem Material und Verarbeitung der Schuhe zweitrangig sind, solange sie nicht auseinander fallen? Kann jemand Mathematikprofessor werden, der die Grundrechenarten nicht beherrscht? Rechtschreibung, Grammatik, Interpunktion und Stil sind die Grundrechenarten des Schriftstellers. Sie entscheiden darüber, ob ein Text flüssig lesbar oder gespickt mit sprachlichen Stolpersteinen, dilettantisch oder professionell ist. Wer sich keine Mühe mit den Äußerlichkeiten gibt, wird kaum Vertrauen für sein Werk finden. Wenn der Text schon äußerlich schlampig ist, wie wird dann der Inhalt sein? Der Leser will sich nicht durch einen Text durchkämpfen. Vor allem will er ernst genommen werden.*

Je leichter sich ein Text liest, um so mehr Mühe hat sich der Autor mit ihm gegeben.

*Ich habe das absichtlich hervorgehoben, weil mich die Diskussion in vielen Foren gerade bei Xing einfach nervt. Ansonsten sollte man mit Hervorhebungen sparsam umgehen.

Samstag, 6. Juni 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. III


Polieren Sie Ihren Text

Kunst ist schön, macht aber Arbeit. (Karl VALENTIN)

Schreiben macht nicht Schwierigkeiten, Schreiben ist Schwierigkeit.
(Hartmut VON HENTIG)

Achten Sie beim Überarbeiten auch darauf, ob zusätzliche Einzelheiten für das Verständnis benötigt werden. Sie haben als Autor eine genaue Vorstellung von Ihrem Text und vergessen, dass Ihr Leser diese nicht hat. Vielleicht haben Sie einen Ort oder eine Figur nicht genau beschrieben, weil Sie alles detailliert vor Ihrem inneren Auge gesehen haben.

Ebenso sollten Sie prüfen, ob Sie Ihre Figuren richtig gezeichnet haben. Wirkt die böse Nachbarin zu sympathisch? Reden Jungs wirklich so oder wirkt der Dialog zu gestelzt? Stimmt der Text stilistisch? Haben Sie die Figuren eindrucksvoll gezeichnet? Stimmen die Details? Könnten Sie indirekte Rede in einen Dialog umwandeln? Sind Sie in den alten Fehler zurückgefallen und beschreiben, statt die Figuren handeln zu lassen (suchen Sie mit dem Suchbegriff nach hatte oder war – meist stehen diese Wörter in Sätzen, in denen Sie nur berichten)? Muss mehr Tempo in den Text, oder müssen Sie hin und wieder einen Gang zurückschalten?

BÖLL schreibt zum Überarbeiten:
Nun, ich bin noch nie, besonders bei Kurzgeschichten nicht, mit viel weniger als drei Fassungen ausgekommen. Manche haben fünf, sechs, einige nur eine. Genauso ist es bei Romankapiteln. Und ich brauche dazu unbedingt einen Kritiker. Der erste ist meine Frau, die unbestechlich ist, der zweite der Lektor des Verlages, manchmal zwei Lektoren, dann Freunde. Und es ist eine gute Probe, wenn man das, was man hingeschrieben hat, laut vorlesen muß. Es muß einem sozusagen über die Lippen, viele Male, dann spürt man jede flaue Stelle, jeden dummen Ausdruck wie einen Nadelstich … Die letzte, etwa die fünfte Station oder die vierte, ist die Korrekturfahne, das ist die bitterste, wenn man’s dann schwarz auf weiß sieht. Alles Gedruckte hat etwas Endgültiges. Ich nehme jede Gelegenheit wahr, dann noch zu korrigieren, obwohl ich, wie wohl jeder Autor, gerade dann, wenn die Druckfahnen kommen, von einer fast vollkommenen Indolenz befallen bin und am liebsten nichts mehr mit der Sache zu tun haben möchte. Aber gerade dann kommen die üblen Schnitzer zutage, wichtige Kleinigkeiten, von denen man viele eben leider unkorrigiert gelassen hat, etwa Daten, Hausnummern, Zimmernummern. Die notiere ich mir während des Schreibens in einer Schulkladde in der Reihenfolge ihres Auftretens und korrigiere sie dann am Bürstenabzug.
Suchen Sie also auch nach sachlichen oder inhaltlichen Fehlern. Vielleicht stellen Sie dabei fest, dass Sie einen Pudel auf der zweiten Seite Ajax genannt haben und auf der dreiundneunzigsten Fiffi, oder dass Sie auf Seite 37 über eine Yacht berichtet haben, die 1938 gebaut wurde, auf Seite 110 jedoch erzählen, dass Ihr Held eine Messingplakette am Bug poliert und die Inschrift 1939 erbaut – 1996 restauriert freilegt. Haben Sie gründlich recherchiert? (Wo befindet sich solch eine Plakette – am Bug oder am Heck?) Stimmen die Einzelheiten konkreter Ereignisse?

Auch das Einbauen von altmodischen oder umgangssprachlichen Wendungen gehört zum Feilen, wenn sie an dieser Stelle wichtig sind. Sie verhindern, dass ein Text zu blank poliert wirkt und ein langweiliger Einheitsbrei entsteht. –

Prüfen Sie, ob Sie das, was Sie sagen wollten, für den Leser verständlich geschrieben haben, wenn nicht, überlegen Sie, wie Sie sich besser ausdrücken oder wie Sie das einfacher sagen könnten

Lassen Sie Ihr Manuskript gegenlesen

Geben Sie Ihr Manuskript so vielen Menschen wie möglich zu lesen – wenn Sie das nicht wagen, wie sollen Sie sich trauen, es einem Verlag zu schicken? Meist stehen Sie Ihrem eigenen Werk betriebsblind gegenüber und erkennen nicht, wo Sie unklar geblieben sind, wo die Charaktere nicht schlüssig beschrieben sind und die Handlung unlogisch ist, und natürlich, wo Sätze zu umständlich und zu langatmig sind – und, wo Sie doch ein überflüssiges Adjektiv geschrieben haben.

Wo Sie ehrliche Gegenleser finden? Kaum im privaten Umfeld. Entweder sind Ihre Freunde und Verwandten von Ihren Geschichten so begeistert, dass sie alles, was Sie schreiben, unbesehen gut finden, oder sie wollen Sie nicht verletzen, weil sie weiterhin Ihre Freunde bleiben wollen.

Die Kritikpunkte, die öfter angesprochen werden, werden Sie beherzigen, andere Einwände werden Sie sich anhören, weil jeder Gegenleser einen anderen Text gelesen hat – das spricht für Sie. Diese Bedenken müssen Sie Ernst nehmen, Sie sollten sich jedoch nicht sklavisch daran halten. An den Reaktionen Ihrer Gegenleser merken Sie auch, ob Ihr Text ankommt, ob überhaupt ein Publikum dafür vorhanden ist. (Wobei von fünfzig Personen, denen Sie Ihr Manuskript anvertrauen, sich höchstens zehn mit ihm beschäftigen werden. Dafür haben sie sich besonders eindringlich mit ihm auseinandergesetzt.) Gertrude STEIN zerpflückte gnadenlos HEMINGWAYS Manuskripte und hielt ihn zu Stilübungen an. »Schreiben war leicht, bevor ich Sie kennenlernte«, schimpfte er und stand doch wieder vor ihrer Tür. Er schrieb manche Szenen solange um, bis sie ihm gefielen, manchmal dreißig oder vierzig Mal.

Wichtig ist, dass die Kritik konkret ist, denn allgemeine Bemerkungen wie »Warum schreibst du nur über dieses Thema« oder die Beschränkung auf Komma- oder Rechtschreibfehler helfen, so wichtig sie auch sein mögen, nicht weiter.

Ebenso überflüssig sind Erklärungen wie: »Der Text ist viel zu lang, du kannst aber weitermachen.« – »Du kannst weitermachen« wird viel zu häufig gesagt, besagt jedoch gar nichts (die Autorin dieser Zeilen spricht aus Erfahrung). – Und freuen Sie sich nicht, wenn Sie jemand lobt, weil er an Ihrem Text überhaupt nichts auszusetzen findet, weil er super ist, toll, phantastisch. Das ist er nämlich in den allerseltensten Fällen (hier muss ich diese Übertreibung benutzen). Wenig hilfreich ist auch, wenn der Leser zu allgemein bleibt: »Manche Wendungen gefallen mir nicht so gut»; »Einiges müsstest du noch streichen« oder »Du müsstest über den Text noch einmal rübergehen« (auch so ein beliebter Satz). Das wissen Sie meist selbst. Sie wissen aber nicht, welche Wendungen nicht so gut sind oder was gestrichen werden müsste.

Seien Sie vorsichtig, wenn Sie Ihren Text im Internet zur Kritik stellen. Entweder werden Sie gnadenlos fertig gemacht, was bei der Anonymität des Netzes manche sogenannten Kritiker oder Schreibexperten mit Herzenslust tun, oder Sie erhalten nichtssagende Kommentare, die Sie nicht weiter bringen, ebenfalls nach dem Motto »Das gefällt mir« oder »Ich habe nichts daran auszusetzen». Im ersten Fall werden Sie verschreckt nie mehr eine Zeile schreiben und in eine Depression verfallen, im zweiten Fall werden Sie sich darüber wundern, dass niemand, noch nicht einmal eine unbedeutende Literaturzeitschrift, Sie druckt.

An alle Mac- und PC-User

Kopieren Sie jedes Mal (!) die Datei, bevor Sie an ihr weiterarbeiten, und kennzeichnen Sie die neue Version mit einer Nummer (aus Version 1.3 wird zum Beispiel 1. 4) oder dem aktuellen Datum. Aber: Werfen Sie die alten Dateien nicht in den Papierkorb, richten Sie einen Ordner mit der Bezeichnung Müll ein. Ich habe zwanzig alte Fassungen meines Buches in solch einem Ordner gespeichert und musste einige Male auf die eine oder andere Fassung zurückgreifen, nicht nur, weil der Rechner abgestürzt war und ich trotz aller Routine nicht zwischengespeichert hatte (also immer wieder zwischenspeichern, die Funktion Automatisch speichern gibt beim Wiederherstellen nicht immer die letzte Version wieder), sondern auch, weil ich beim Überarbeiten zuviel gestrichen oder geändert hatte.

Auf der Kopie können Sie nach Herzenslust die Funktionen Ausschneiden und Einfügen benutzen: Schneiden Sie am Text herum, streichen Sie Passagen oder fügen Sie sie anderswo ein. Ihre wunderschöne Prosa geht dabei nicht verloren, denn Sie besitzen ja die Originalversion. Sollten Sie unsicher sein, fertigen Sie eine zweite Kopie an und so weiter und so fort. Ich habe Kapitel ausgeschnitten und an anderer Stelle eingefügt und die Rückgängig-Funktion benutzt, wenn sie mir dort doch nicht gefielen; ich haben Absätze ausgeschnitten, die ich an der betreffenden Stelle als falsch empfand, und dort eingefügt, wo sie der Logik nach hingehörten.

Drucken Sie den Text aber auch aus. Wenn er schwarz auf weiß vor Ihnen liegt, lesen Sie ihn anders als am Bildschirm. Umgekehrt finden Sie, wenn Sie mit dem Suchbefehl nach Füllwörtern oder Ihren Lieblingswörtern forschen, mehr sprachliche oder inhaltliche Schnitzer und Tippfehler sowie grammatikalische Fehler als beim Lesen des ausgedruckten Manuskripts. Und das Suchen nach dem treffenden Wort ist mit dem Thesaurus bei MS-Word einfacher als mit einem Synonymlexikon.

Freitag, 5. Juni 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. II


Stil lebt vom Opfer

Neuschreiben ist das ganze Geheimnis des Schreibens. (Mario PUZO)

Zwei Dinge sind zu unserer Arbeit nötig: Unermüdliche Ausdauer und die Bereitschaft, etwas, in das man viel Zeit und Arbeit gesteckt hat, wieder wegzuwerfen. (Albert EINSTEIN)

THOMA beschwert sich über GANGHOFER: »Er sagt immer alles. Er hat es nie gelernt, daß man als Schriftsteller von zehn beabsichtigten Worten nur eines schreiben darf und nicht elf.« Mit jedem weggelassenen Wort findet der Autor einen Leser mehr, doch die meisten Schreiber lieben jedes Wort, das sie geschrieben haben. So auch Anna RHEINSBERG: »Am Anfang meinte ich, jeder alberne Satz wär’ das Naturereignis, ich bin die Königin. Man wird dann vorsichtiger, man nimmt sich nicht mehr so ernst.«

So mancher Schriftsteller musste zähneknirschend erleben, wie seine Texte, die er anderen Schriftstellern zum Lesen gab, erbarmungslos zusammengestrichen wurden. BRECHT zum Beispiel unterstrich in Ingeborg BACHMANNS Gedichtband Die gestundete Zeit alles, was ihm gefiel, fliederrot. Das, was er nicht unterstrichen hatte, musste weg. Die fünfzig Verse des Gedichts Thema und Variation strich er auf fünf zusammen (nur die erste Strophe und den ersten Vers der achten ließ er gelten!):
In diesem Sommer blieb der Honig aus.
Die Königinnen zogen Schwärme fort,
der Erdbeerschlag war über Tag verdorrt,
die Beerensammler kehrten früh nach Haus.
Unten im Dorf standen die Eimer leer.
– Sie hätte die Gedichte Brecht geben sollen, bevor sie sie veröffentlichte. –

T. S. ELIOT dagegen überarbeitete das wüste Land zunächst selbst und strich es per »Kaiserschnitt«, wie sein Biograf Peter ACKROYD schreibt, auf neunzehn Seiten zusammen. Aber dann gab er es Ezra POUND. Der sagte »Complimenti, du Hundesohn. Ich bin von allen sieben Eifersüchten geplagt« und kürzte es von achthundert auf vierhundertdreiunddreißig Verse. Der dankbare Eliot widmete es ihm mit den Worten: »For Ezra Pound, il miglior fabbro« – dem besseren Schmied.

GOETHE wiederum wurmte, dass GELLERT an seinen poetischen Versuchen, die er – wie wohl jeder Dichter – voll Leidenschaft geschrieben hatte, kaum ein gutes Haar ließ und fast jede Zeile mit roter Tinte korrigierte und mit Randbemerkungen versah. Er warf die Arbeiten – die er für seine besten hielt – in den Herd.
Die Enttäuschung über seine Versuche verarbeitete GOETHE in einem – natürlich – Gedicht:
Ganz and’re Wünsche steigen jetzt als sonst,
Geliebter Freund, in meiner Brust herauf.
Du weißt, wie sehr ich mich zur Dichtkunst neigte,
Wie großer Hass in meinem Busen schlug,
Mit dem ich die verfolgte, die sich nur
Dem Recht und seinem Heiligtum weihten,
Und nicht der Musen sanften Lockungen
Ein offnes Ohr und ausgestreckte Hände
Voll Sehnsucht reichten. Ach, du weißt, mein Freund,
Wie sehr ich (und gewiss mit Unrecht) glaubte,
Die Muse liebte mich und gäb’ mir oft
Ein Lied. Es klang von meiner Leier zwar
Manch stolzes Lied, das aber nicht die Musen
Und nicht Apollo reichten. Zwar mein Stolz,
Der glaubt’ es, dass so tief zu mir herab
Sich Götter niederließen, glaubte, dass
Aus Meisterhänden nichts Vollkommners käme,
Als es aus meiner Hand gekommen war.
Ich fühlte nicht, dass keine Schwingen mir
Gegeben waren, mich empor zu rudern,
Und auch vielleicht mir von der Götter Hand
Niemals gegeben werden würden. Doch
Glaubt’ ich, ich hab’ sie schon und könnte fliegen.
Allein kaum kam ich her, als schnell der Nebel
Vor meine Augen sank, als ich den Ruhm
Der großen Männer sah, und erst vernahm,
Wie viel dazu gehörte, Ruhm erwerben,
Da sah ich erst, dass mein erhabner Flug,
Wie es mir schien, nichts war, als das Bemühen
Des Wurms im Staub, der den Adler sieht
Zur Sonn’ sich schwingen – – – –
Die Re-Writerin Marcy KAHAN, die schlechte Drehbücher so umschreibt, dass sie verfilmt werden können, schreibt hin und wieder ein Hörspiel oder ein Drehbuch und bearbeitet sie selbst. Sie sagte einmal:
Auch, wenn du sehr lange in diesem Metier arbeitest, es tut immer noch weh, auch nur eine Zeile von dir selbst rauszuschmeißen. Nie weiß ich, was ich herausnehmen oder was ich doch besser stehen lassen sollte. Eines Tages jammerte ich das meiner Redakteurin vor. Die lachte und gab mir den Tip: Marcy, kill your darling! Nimm immer das heraus, was dir ganz persönlich am Herzen liegt, denn deine Hörer haben andere Herzen. – Richte dich nach dem Text, das ist die eigentliche Arbeit. Dichten ist kürzen. Und dazu gehört ein Mindestmaß an Mordlust.
– Kleine Anmerkung: Ich kenne den Ausdruck kill your darlings aus US-amerikanischen Schreibschulen. Dort bedeutet er allerdings, dass man seinen Lieblingsfiguren kein Happyend gönnen solle, weil das meist kitschig und voller Klischees ist. Wie auch immer: so oder so sollte man den Rat beherzigen. –

Und HORAZ erinnert an QUINTILIUS:
Wenn du Quintilius etwas vortrugst, sagte er wohl. »Verbessere bitte dies hier und dies.« Behauptetest du, du könntest besser nicht machen, was du zwei- oder dreimal vergeblich versucht hättest, so hieß er dich, es zu vernichten und die schlecht gedrechselten Verse zurück auf den Amboß zu legen. Wenn du den Fehler lieber verteidigen als ihn ausmerzen wolltest, verschwendete er kein Wort und keine fruchtlose Mühe, damit du dich und das Deinige nur ruhig liebtest, allein und ohne Rivalen.
Stellen Sie sich vor, Sie möchten eine Kurzgeschichte mit neuntausend Zeichen bei einem Literaturwettbewerb einreichen, bei dem höchstens sechstausend Zeichen vorgeschrieben sind. Also müssen Sie kürzen: Sie müssen aus langen Sätzen kürzere Sätze bilden und Wörter streichen. Manchmal geht es um wenige Buchstaben. (Das ist auch eine gute Übung, um treffendere Wörter zu finden.) Vertrauen Sie mir: Ihr gekürzter Text wird Ihnen viel besser gefallen. Mit der Zeit werden Sie (hoffentlich) mit Leidenschaft kürzen.

In einer Internetschreibwerkstatt, die ich einige Zeit leitete, gab ich einen Text mit siebentausend Zeichen (einschließlich Leerzeichen) vor. Die Aufgabe löste einen allgemeinen Aufschrei aus: Es sei unmöglich, das, was man sagen wolle, auf so wenige Zeichen zu beschränken. Doch bei jedem Text, dessen Autor die Zeichenvorgabe beklagt hatte, ließen sich Adjektive, Füllwörter und unwichtige Passagen streichen.

Gerade der Anfänger hat oft Probleme, sich auf das Wesentliche zu beschränken – aber er kann das lernen. Vor allem lernt er das durch Üben und durch das Besprechen von Texten in Schreibwerkstätten.

Literatur bedeutet auch streichen, verknappen, auf das Wesentliche verdichten. Wenn Ihr Text nach dem Überarbeiten länger ist, haben Sie etwas falsch gemacht

Donnerstag, 4. Juni 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. I


Alles Eigene gefällt, solange es im Entstehen begriffen ist. Deshalb müssen
wir immer wieder mißtrauisch überprüfen, was wir fertiggestellt haben. (QUINTILIAN)

Der erste Entwurf ist immer Mist. (HEMINGWAY)
Ferdinand radiert

Ferdinand nimmt eine leere Seite
und denkt nach und schreibt dann eine Sorte
wohlgeformter, ungenauer Worte,
insgesamt gesehen, eine Pleite.

Auf dem Blatt, an beinah jedem Orte
– mithin also fast in jeder Zeile –
stören Kommas oder andre Teile,
Ferdinand bemerkt’s, sich selbst zum Torte.

Und er spricht: Wenn ich hier weiter weile
und das Ganze ganz in Ruh betrachte,
merke ich, wie ich mich drob verachte,

doch was soll ich tun? Na gut, ich feile
und radiere, füge zu und schreite
durch des Raumes angenehme kühle Weite.

Bernd HUTSCHENREUTHER
Klare Sätze sind kein Zufall

Schreiben ist die perfekte Zusammenarbeit von Hirn und Hintern. (SCHILLER)

Hirn ist gut, Hintern ist besser. (Uta GLAUBITZ)

Ach, Schreiben bedeutet nicht nur für Ferdinand harte Arbeit … Die erste Fassung ist niemals die richtige, auch wenn Ihnen Ihr Werk gefällt und Sie meinen, es sei aus einem Guss und Sie den »Genius zwischen den Zeilen« (GLAUBITZ) vermuten. Auch große Schriftsteller betrachten das Ganze in Ruhe und seufzen »Na gut« und radieren und fügen hinzu, und das nicht nur einmal. Trösten Sie sich damit, wenn Sie beim Feilen verzweifeln oder einen Horror davor haben, Ihre Arbeit noch einmal und noch einmal zur Hand zu nehmen und sich noch einmal auseinanderzusetzen mit den schwachen Teilen, den wohlgeformten, ungenauen Worten, den umständlich formulierten Sätzen. Für William C. KNOTT ist »das Überarbeiten … wie der Ringkampf mit einem Dämon«, aber kaum einer, der schreiben kann, käme drum herum, denn »nur Schriftsteller wissen, wie man einen Text umschreibt. Diese Fähigkeit allein macht den Amateur zum Profi«.

FLAUBERT rät Louise COLET:
Vernachlässigen Sie nichts, arbeiten Sie, schreiben Sie neu und lassen Sie das Werk erst aus der Hand, wenn Sie die Überzeugung haben, daß Sie es zu dem Grad von Vollkommenheit gebracht haben, den ihm zu geben Ihnen möglich war.
Für Erich FRIED steckt
… im schnellen Schreiben und erst nachher gewissenhaft Korrigieren eine Art Respekt und Vertrauen gegenüber seinem ursprünglichen Einfall … und daß … (ist) sehr gut, weil dann die Einfälle nicht so leicht austrocknen wie bei einem Menschen, der seinen eigenen Einfällen gegenüber respektlos ist und ihnen ausbeuterisch gegenübersteht.
FLAUBERT und FRIED waren Genies. War es ihr Genie, das sie zwang, hart zu arbeiten, oder waren ihre Werke das Ergebnis ihrer harten Arbeit?

Die mühevolle Arbeit des Feilens kann Ihnen kaum jemand abnehmen. Verlage lehnen aus Kostengründen Manuskripte, die eine umfangreiche Überarbeitung erfordern, meist ab. Und gute Lektoren sind teuer. Auch Redakteure von Literaturzeitschriften, die meist ehrenamtlich arbeiten, sind nicht dazu da, Ihnen den Feinschliff abzunehmen.

Nonumque premator in annum …

Zum Handwerk des Dichters gehören zwei Bewegungsabläufe, die stures Training verlangen: Schreiben und Streichen. (Jo LENDLE)

Das Schwierigste am Sammeln ist das Wegwerfen. (KÖSTER)

… »dann sei’s neun Jahre verborgen« schreibt HORAZ in seiner Ars Poetica (Von der Dichtkunst). Er soll damit auf den Lyriker CATULL angespielt haben, der über den Dichter CINNA spottete: »Die Zmyrna meines Freundes Cinna wurde 9 Jahre nach ihrem Beginn endlich veröffentlicht. Während in der selben Zeit Hortensius in jedem beliebigen Jahr 50000 Verse herausgebracht hat.

Das zu beherzigen, ist jedoch zuviel verlangt, wie auch HEINE feststellt:
Als Horaz dem Autor die berühmte Regel gab, sein Werk neun Jahre im Pult liegen zu lassen, hätte er ihm auch zu gleicher Zeit das Rezept geben sollen, wie man neun Jahre ohne Essen zubringen kann. Wir unglücklichen Spätgeborenen, wir leben in einer anderen Zeit. Ich komme wieder auf die Horazische Regel und ihre Unanwendbarkeit im neunzehnten Jahrhundert, ich könnte es keine vierundzwanzig Stunden, viel weniger neun Jahre aushalten, mein Magen hat wenig Sinn für Unsterblichkeit, ich hab’ mir’s überlegt, ich will nur halb sterblich und ganz satt werden, man muß Geld in dieser Welt haben, Geld in der Tasche und nicht Manuskripte im Pult.
Aber lassen Sie Ihren Text zumindest ein paar Wochen liegen. Danach können Sie zum Rotstift greifen oder besser noch zum Bleistift. Denn Sie werden nicht nur einmal korrigieren, sondern Ihre Korrekturen prüfen und wieder korrigieren und wieder prüfen und wieder korrigieren. Bei der Verwendung eines Kugelschreibers oder Füllers entsteht aus Korrekturen der Korrekturen, aus Durchstreichungen, aus deren Rückgängigmachen mit Pünktchen, aus Einfügungen von Wörtern in eingefügte Sätze ein Chaos, durch das Sie nicht mehr durchblicken. –

Streichen Sie all die überflüssigen Wörter, Sätze und Absätze, die sich trotz aller Bemühungen eingeschlichen haben. – »Wenn es möglich ist, ein Wort zu streichen – streiche es«, rät auch ORWELL. Ihre Worte sind nicht in Stein gemeißelt, lassen Sie jedes Wort um seine Berechtigung kämpfen. »Da ich keine Zeit habe, dir einen kurzen Brief zu schreiben, schreibe ich dir einen langen«, schreibt GOETHE im Alter von achtzehn Jahren seiner Schwester Cornelia. (Er hatte diesen Satz in einem Briefwechsel zwischen CATO und CICERO gelesen. Viele Aussprüche unserer Klassiker sind nicht auf deren »eigenem Mist gewachsen« – wie tröstlich für uns.) Und Martin WALSER sagt, als der Lebenslauf der Liebe gedruckt auf seinem Schreibtisch lag, habe er ihn aufgeschlagen und auf irgendeiner Seite den ersten Satz angeschaut und sich gefragt: Steht der zu Recht da?

Nehmen Sie Träume, in denen Ihr Manuskript oder Abschnitte daraus als missglückt erscheinen, ernst, auch wenn Sie beim Aufwachen feststellen: Träume sind Schäume, und weiterhin begeistert Ihr Werk lesen. Sie werden der einzige sein, der es begeistert liest. Ihr Unterbewusstsein will Ihnen auf diese Weise sagen, dass Sie an Ihrem Werk oder an den Abschnitten feilen sollen.

Wenn Sie unsicher sind, ob Sie ein Wort, einen Satz oder Absatz streichen sollen – verlassen Sie sich auf Ihr Gefühl und streichen Sie

Gerade der Anfänger leidet, wenn er sich von Wörtern, von mit soviel Mühe und noch mehr Liebe formulierten Sätzen, von seiner Meinung nach gelungenen Passagen trennen muss. Doch mit der Zeit findet er die nötige Distanz zu seinen Texten. Auch ich habe das Buch, aus dem dieser Beitrag stammt, vielfach überarbeitet, ich habe gestrichen und hinzugefügt und wieder gestrichen. Ich habe versucht, für meine ach zu häufig verwendeten Lieblingswörter selten gebrauchte Ausdrücke zu finden, habe Füllwörter gestrichen, Passiv in Aktiv umgewandelt, Substantive in Verben (und umgekehrt, wenn mir das Substantiv stärker erschien), den Plural in das Singular. Ich haben Hilfsverben ausgemerzt, Wendungen aus der Umgangssprache in Hochsprache umgewandelt. Doch ich habe mich bemüht, meine eigene Stimme zu behalten und keinen zu glatt polierten Text zu schreiben, und mir deshalb erlaubt, die Schreibregeln hin und wieder zu brechen. Was nützt mir ein ausgefeilter, nach allen Regeln der rhetorischen Kunst ausgearbeiteter Text, wenn Sie ihn ungern lesen, weil er zu hochgestochen klingt und dadurch langweilig oder unverständlich wird? Das Feilen hat mindestens dreifach soviel Arbeit gemacht wie das Schreiben und mindestens dreimal so lange gedauert. Es hat viel Geduld erfordert – aber auch am meisten Spaß gemacht, und oft bin ich dabei wie Ferdinand durch des Raumes angenehme kühle Weite geschritten.

Trösten Sie sich, kaum ein Manuskript ist auf Anhieb perfekt. HORAZ ärgert sich in der Ars poetica, dass Homer manchmal schläft (womit er meint, dass Homer sprachlich und dichterisch hin und wieder nicht so gut ist wie gewohnt). »Quandoque bonus domitat Homerus« (frei übersetzt: Dann und wann schläft sogar der gute Homer) ist sprichwörtlich geworden dafür, dass auch der beste Schriftsteller schwächere Momente hat. Selbst bei GOETHE würde ein Lektor immer noch einiges ändern.

Wie schreibt Gottfried KELLER so schön:
Es gehört ein Raffael dazu, jeden Strich stehen lassen zu können, wie er ist. Wie manche Blume, die man in aufgeregter Abendstunde glaubt gepflückt zu haben, ist am Morgen ein dürres Strohwisch! wie manches schimmernde Goldstück, welches man am Werktage gefunden, verwandelt sich an einem stillen Sonntagmorgen, wo man es wieder besehen will, in eine gelbe Rübenschnitte! Man erwacht in der Nacht und hat einen sublimen Gedanken und freut sich seines Genies, steht auf und schreibt ihn auf bei Mondschein, im Hemde, und erkältet die Füße: und siehe, am Morgen ist es eine lächerliche Trivialität, wo nicht gar ein krasser Unsinn! Da heißt es aufpassen und jeden Pfennig zweimal umkehren, ehe man ihn ausgibt!
Bei einem literarischen Text muss sich jedes Wort, jedes Bild, darauf abklopfen lassen, ob es richtig, notwendig und klar ist

Barbara SLAWIG erzählt von ihren Erfahrungen mit dem Feilen:
Es mag Leute geben, denen ihre Texte gleich beim ersten Aufschreiben so gut gelingen, dass höchstens noch ein bisschen an Rechtschreibung und Grammatik korrigiert werden muss. Meine ersten Entwürfe sind immer lückenhaft und voller Brüche. Beim Überarbeiten finde ich es vor allem wichtig, dass man nicht versucht, inhaltliche Schwächen auf der sprachlichen Ebene zu beheben. Bevor ich ans Überarbeiten gehe, muss ich mir über die wichtigsten inhaltlichen und erzähltechnischen Fragen vollkommen klar sein. (Also z. B.: Aus welcher Perspektive erzähle ich? Welches ist der Haupt-Spannungsbogen, welches sind eher Nebenstränge? Werde ich meinen Personen gerecht, oder verrate ich sie irgendwo? Stimmt der Schluss, oder ist etwas daran verlogen? usw.) Um das alles beurteilen zu können, brauche ich natürlich einen gewissen Abstand zum Text, das heißt, ich lasse ihn mindestens eine Woche liegen (bei längeren Texten länger). Wenn die inhaltlichen Fragen geklärt sind, wende ich mich stärker der Sprache zu und suche nach schwachen oder überflüssigen Sätzen, nach Sprachklischees, ungewollten Wiederholungen etc. … Natürlich ist Überarbeiten mühsam, aber halb fertige, nicht durchgearbeitete Texte sind in meinen Augen eine traurige Verschwendung von Zeit und Ideen.
Vergleichen Sie das, was Sie geschrieben haben, mit dem, was Sie schreiben wollten

Eine (seltene) Gefahr besteht jedoch: dass Sie zu viel streichen und dadurch den Leser verwirren oder verständnislos zurücklassen. REICH-RANICKI moniert in HEYMS 5 Tage im Juni: »Die Zahl der Personen ist übermäßig groß, was damit zusammenhängen mag, daß die ursprüngliche Fassung etwa doppelt so umfangreich war wie die endgültige.«

Prüfen Sie nach dem Kürzen, ob jede Figur weiterhin wichtig für den Text ist

Freitag, 24. April 2009

Über Zwanzig-Dollar-Wörter


Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge. (SCHOPENHAUER)

»Widerstehe der Versuchung, ein 20-Dollar-Wort zu benutzen, wenn du ein 10-Cent-Stück zur Hand hast, das den gleichen Zweck erfüllt«, rät E. B. WHITE. Wählen Sie also schlichte Wörter, denn funkelnde sind aufdringlich und stören. Vermeiden Sie allen Zierrat, alle Schnörkel, Glitzer, Verspieltheit und Selbstverliebtheit. »Sprache ist eine Waffe, haltet sie scharf«, schreibt TUCHOLSKY. Damit meint er nicht etwa das Gefecht mit der spitzen Feder gegen Unrecht, sondern das Bewusstsein des Erzählers für Sprache.

Doch was ist Zierrat? Das sind Fremdwörter, die zeigen sollen, wie weltgewandt, wie klug der Autor ist; Wörter, die einer höheren Sprachschicht angehören; Wörter, die einen Text trivial machen wie wohlklingende, aber nichtssagende Adjektive. Das ist eine Sprache, von der Walter BENJAMIN sagt, dass es eine Schreibtradition gibt, »die sich am Wort berauscht, das bedeutet, den Umgang mit Worten zu einer Art Stil des schönen und faszinierenden Schreibens macht, der sich von seinen Inhalten zu lösen droht«. So wie manch Eiskunstläufer glitzernde Kostüme wählen, um vom Mittelmaß abzulenken, sollen glitzernde Wörter, von Rüschen ganz zu schweigen, von mittelmäßigen Texten ablenken. – Wobei einzelne Pailletten, einzelne »glitzernde Wörtchen« (LICHTENBERG), erst den Stoff zum Funkeln bringen.

LESSING empfahl am 30. Dezember 1743 seiner Schwester Dorothea: »Schreibe wie du redest, so schreibst du schön«, und GOETHE rund zwanzig Jahre später seiner Schwester Cornelia: »Merke dies: Schreibe nur, wie du reden würdest, und so wirst du einen guten Brief schreiben.« (Und änderte so manche ungewöhnlichen Wörter und Wendungen in ihren Briefen.)
»Von Staub bist du gekommen, und zu Staub sollst du werden«, lesen wir in der Bibel, und BÜCHNER schreibt: »Friede den Hütten – Krieg den Palästen.« Einfacher kann man das nicht ausdrücken.

Wählen Sie im Zweifelsfall das weniger bedeutende Wort.

Vorsicht: Kopieren Sie nicht den Stil anderer Schriftsteller


Er las immer Agamemnon statt »angenommen«, so sehr hatte er seinen Homer studiert. (LICHTENBERG)

Es ist geradezu schimpflich, sich nur mit dem Nachahmen zu begnügen. Denn wo wären wir heute, wenn niemand mehr zustande gebracht hätte, als seine Vorgänger. (QUINTILIAN)

Dante Alighieri nennt in seiner Komödie den Virgil mit einem Respekt seinen Lehrer, und hat ihn, wie Herr Meinhard bemerkt, doch so schlecht genützt, eine deutliche Probe, dass man schon damals die Alten lobte, ohne zu wissen warum, sie loben und andere Sachen tun, dieser Respekt gegen Dichter, die man nicht versteht und doch erreichen will, ist die Quelle unserer schlechten Schriften. (LICHTENBERG)
Nehmen Sie sich das Handwerk anderer Schriftsteller als Vorbild, aber vergleichen Sie sich nicht mit ihnen. Sie möchten sicher nicht, dass es Ihnen wie jenem Autor einst beim Ingeborg Bachmann-Preis, zu dessen Text die Juroren erst einmal bemerkten, dass er sie sehr an BUKOWSKI erinnere. Gehen Sie auch nicht mit der Mode. Sie werden nicht berühmt werden, nur weil Sie über das Thema oder in dem Stil schreiben, die gerade in sind. Wichtig ist die Einzigartigkeit des Schriftstellers.

Bitte arbeiten Sie die Werke berühmter Schriftsteller nicht wie in der Schule durch. Niemand lernt durch bloßes Analysieren einen guten Stil schreiben. Kaufen Sie keine Hefte mit den Auslegungen ihrer Werke. Die Interpreten sind stets subjektiv, besonders bei Gedichten: Woher wollen sie wissen, was der Dichter uns sagen will? Manchmal weiß der es selbst nicht. »Feuchtohrige Buben fischen Phrases aus der Schlacht bei Cannä und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie exponieren müssen«, schreibt SCHILLER in den Räubern (vielleicht hat GOETHES Mutter ihren Sohn deshalb ermahnt, möglichst gar nichts zu schreiben ...). Denken Sie an Ihre Schulzeit, als den Jugendlichen nicht nur die Freude am Schreiben genommen wurde, sondern auch am Lesen durch das Durchkauen von Texten und deren Analysen, die bei Klausuren verlangt wurden und deshalb vorher gebüffelt werden mussten. Wie viele Generationen von Abiturienten haben später die Bücher, die sie in der Schule lesen mussten, und die Referate mit deren Deutungen in einem Freudenfeuer verbrannt. Lesen Sie zur eigenen Erbauung, mit Genuss (und manchmal auch nur zur Entspannung).

»Ich wünschte ein Shakespeare zu sein und wurde ein Shaw«, bedauert SHAW. Begehen Sie also nicht den Fehler, den Stil des von Ihnen geschätzten Schriftstellers zu kopieren (es sei denn, Sie wollen ihn parodieren). Schließlich kann man »niemanden überholen, wenn man in seine Fußstapfen tritt«, wie François TRUFFAUT sagt. Für LICHTENBERG liegt »das was man tun muß, um wie Shakespeare zu schreiben zu lernen, viel weiter ab als die Lesung desselben«, und Patricia HIGHSMITH fehlt beim »Nachahmen die Begeisterung …, und ohne Begeisterung kann man kein anständiges Buch schreiben«. Auch Jean PAUL warnt vor dem Kopieren:
Um deswillen ist einem jungen Dichter nichts so nachteilig als ein gewaltiger Dichter, den er oft lieset; das beste Epos in diesem zerschmilzt zur Lyra in jenem. Ja, ich glaube, ein Amt ist in der Jugend gesünder als ein Buch – obwohl in spätern Jahren das Umgekehrte gilt. – Das Ideal vermischt sich am leichtesten mit jedem Ideal, d. h. das Allgemeine mit dem Allgemeinen. Dann holet der blühende junge Mensch die Natur aus dem Gedicht, anstatt das Gedicht aus der Natur. Die Folge davon und die Erscheinung ist die, welche aus allen Buchläden heraussieht: nämlich Farben-Schatten statt der Leiber; nicht einmal nachsprechende, sondern nachklingende Bilder von Urbildern – fremde, zerschnittene Gemälde werden zu musaischen Stiften neuer Bilder zusammengereiht – und man geht mit fremden poetischen Bildern um, wie im Mittelalter mit heiligen, von welchen man Farben loskratzte, um solche im Abendmahlwein zu nehmen.
Ein Text wird nicht deshalb literarisch, weil er klingt, als wäre er von Updike, Franzen, Virginia Wolf, Irving, Grass oder Ingeborg Bachmann

Stil ist wie ein Fingerabdruck


Jeder Stil ist einzigartig, nicht nur in der Art des Ausdrucks, sondern auch in der Wortwahl.


Viele Schriftsteller haben ihre Lieblingswörter. KLEIST mag dergestalt und das Wörtchen dass, wie man an diesem berühmten Satz sieht:
Der Graf setzte sich, indem er die Hand der Dame fahren ließ, nieder, und sagte, daß er, durch die Umstände gezwungen, sich sehr kurz fassen müsse; daß er, tödlich durch die Brust geschossen, nach P... gebracht worden wäre; daß er mehrere Monate daselbst an seinem Leben verzweifelt hätte; daß während dessen die Frau Marquise sein einziger Gedanke gewesen wäre; daß er die Lust und den Schmerz nicht beschreiben könnte, die sich in dieser Vorstellung umarmt hätten; daß er endlich, nach seiner Wiederherstellung, wieder zur Armee gegangen wäre; daß er daselbst die lebhafteste Unruhe empfunden hätte; daß er mehrere Male die Feder ergriffen, um in einem Briefe, an den Herrn Obristen und die Frau Marquise, seinem Herzen Luft zu machen; daß er plötzlich mit Depeschen nach Neapel geschickt worden wäre; daß er nicht wisse, ob er nicht von dort weiter nach Konstantinopel werde abgeordert werden; daß er vielleicht gar nach St. Petersburg werde gehen müssen; daß ihm inzwischen unmöglich wäre, länger zu leben, ohne über eine notwendige Forderung seiner Seele ins Reine zu sein; daß er dem Drang bei seiner Durchreise durch M..., einige Schritte zu diesem Zweck zu tun, nicht habe widerstehen können; kurz, daß er den Wunsch hege, mit der Hand der Frau Marquise beglückt zu werden, und daß er auf das ehrfurchtsvollste, inständigste und dringendste bitte, sich ihm hierüber gütig zu erklären. – (Die Marquise von O... (Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem Süden verlegt worden)
Dieser Satz ist erst einmal schwer zu verdauen, aber wenn man die Melodie des Textes (und auch die anderer langer Sätze Kleists) eingefangen hat, erkennt man, dass er das Stilmittel der Wiederholung von Wörtern (nicht zu verwechseln mit Redundanz), in diesem Fall die Anapher – Sätze, die mit demselben Wort beginnen – meisterlich beherrscht. Allerdings kann sich die Wiederholung des Wörtchens dass eben nur ein Meister des Schreibhandwerks leisten. Zur Nachahmung ist das jedenfalls nicht empfohlen.

GRILLPARZER liebt flammen und Gebein. EICHENDORFF lässt es gern rauschen (und das sicher nicht nur des schönen Reimes wegen mit dem Wort lauschen): die Erde mit allen Bäumen, die Bäume selbst, die Wipfel, den Wald, die Quelle, den Bach, Fluss und Strom, es rauscht im Hain, in den Bäumen. NOVALIS mag den Traum und die Wollust.

Manchmal häufen sich solche Lieblingswörter. Eine Zeitlang sah alles malvenfarben aus, ohne dass man genau wusste, wie diese Farbe aussieht. Zur Zeit ist vor allem bei Elizabeth GEORGE dauernd jemand verdrossen, und alles wird genossen, die leckere Speise ebenso wie Filme oder Bücher.

Lange wurde gerätselt, ob PROKOP das Pamphlet der Geheimgeschichte des Kaiserhofs von Byzanz gegen Kaiser JUSTINIAN I. und Kaiserin THEODORA wirklich selbst geschrieben hatte, berichtete er von den beiden als Hofgeschichtsschreiber sonst nur Gutes. Als ein Forscher den Stil des Werkes analysierte, stellte er fest, dass Prokop tatsächlich nicht nur Erfreuliches über das kaiserliche Paar geschrieben hatte.

HERDER reagierte dermaßen empfindlich auf Kritik, dass sie ihm häufig das Schreiben verleidete und er deshalb anfangs seine Schriften anonym veröffentlichte (noch im Jahr 1795 schrieb er Friedrich SCHILLER: »Ich bin kein Dichter.«) Er verleugnete sogar (und das als Prediger), dass er die Kritischen Wälder Oder Betrachtungen, die Wissenschaft und des Schönen betreffend, nach Maasgabe neuerer Schriften geschrieben hat. Aber das nutzte ihm nichts. Jeder erkannte Herder an dessen Stil, dessen schwunghafter Art zu schreiben Mit der Zeit wurde er jedoch selbstbewusster und bekannte sich als Autor.

Auch wenn Sie Texte verschiedener Genre, ob Kurzgeschichte, Fantasy, Krimi, unter Pseudonym schreiben, wird jeder, der Sie kennt, wissen, dass nur Sie sie geschrieben haben können. Das mag Sie ärgern, ist es Ihnen doch gar nicht recht, dass Sie so schnell zu erkennen sind. Doch herzlichen Glückwunsch – Sie haben Ihren unverwechselbaren Stil gefunden.

Seien Sie stolz darauf, dass Ihnen das gelungen ist; wieviele Autoren suchen ihr Leben lang vergebens danach! Lassen Sie sich nicht einreden, dass es auf die Dauer langweilig ist, wenn man Ihre Handschrift schon an den ersten Absätzen erkennt. Wir mögen FRISCH wegen seines einfachen Stils und wären enttäuscht, wenn er in einem anderen Roman so ins Detail ginge wie Thomas MANN.

Samstag, 4. April 2009

Über ähnliche Klänge, die oder den Ulli, Johnny und Jenny (Über Namen. V)


Viele Autoren begehen den Fehler, dass sie leicht verwechselbare Namen wählen. Bei Lara und Sandra fragt sich der Leser, welche von beiden den aufregenden Job bei der Investmentgesellschaft angetreten hat und welche gerade fristlos entlassen wurde, statt weiterzulesen. In einem Krimi, in dem die Beamten Hellmer und Kullmer heißen, übersieht der Leser, wer von den beiden nach fünf Monaten endlich den Mord aufgeklärt hat, weil er sich dauernd überlegen muss, wer nun wer ist. Doris LESSINGS Figuren in Und wieder die Liebe heißen Sarah, Mary, Sandy, Patrick sowie Stephen und Henry und die Schauplätze Queen’s Gift und Belles Rivières – das verwirrt den Leser. Vollends verwirrt ist der Zuschauer, wenn in der Serie Star Treck – Das nächste Jahrhundert – der Sicherheitsoffizier Worf heißt, der Antrieb des Raumschiffs Warp (gesprochen Worp), und die größte Bedrohung für die Föderation, zu der sich im vierundzwanzigsten Jahrhundert viele Planeten, darunter die Erde, zusammengeschlossen haben, die Bork sind – ein bisschen viel or

Ähnlich klingende Namen stören den Lesefluss

Wählen Sie nur Namen, die eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind. Ulli zum Beispiel kann eine Abkürzung von Ulrike, aber auch von Ulrich sein. Solche Namen irritieren den Leser, auch wenn Sie meinen, dass Ihre Figur nur so heißen kann. Wenn Ihr Text in Italien spielt, dürfen Sie Ihre Heldin nicht Andrea nennen, er ist dort ein Männername.

Überhaupt sollten Sie vorsichtig mit ausländischen Namen sein. Es gibt keinen Grund, jemanden Johnny oder Jenny zu nennen, wenn er nicht in einem englisch sprechenden Land lebt. Sollten Sie doch Wert auf diese Namen legen, müssen Sie das begründen. Dasselbe gilt für Nachnamen. Miller mögen auch in deutschsprachigen Ländern viele Menschen heißen, doch wenn Sie einer Figur in einem fiktiven Werk diesen Namen geben, muss er eine Bedeutung für den Text haben. Der Leser ist enttäuscht, wenn Peter Miller in Müden an der Örze lebt und nie weiter als bis Lüneburg gekommen ist, oder wenn er feststellen muss, dass die Geschichte nicht in New York, Toronto, London oder Canberra spielt, sondern in Salzburg, Genf oder Schlüsselfeld. Denken Sie auch an die regionalen Unterschiede: Eine Wienerin wird nicht Birte Matthiessen heißen und ein Hamburger nicht Sigi Prohaska. Und nennen Sie Ihre Hauptfigur nicht Meier beziehungsweise Meyer, wenn sie in Mitteldeutschland lebt. Dort gibt es nämlich ein »Meierloch«. Das bedeutet, dass dort viel weniger Menschen Meier heißen als anderswo. Denn zu der Zeit, als die Menschen noch nach ihren Berufen benannt wurden, war die Bezeichnung für den Verwalter einer Landwirtschaft in manchen Regionen Mitteldeutschlands Vogt und nicht Meier. (Hier können Sie nach der regionalen Häufigkeit von Namen in Deutschland suchen: www.verwandt.de/karten/absolut/meier.html)

Sie dürfen in Ihrem Text grundlos nichts, aber auch gar nichts, schreiben, das den Leser in die Irre führt

Aristoteles' Schreibtipps

Die vollkommene sprachliche Form ist klar und zugleich nicht banal. Die sprachliche Form ist am klarsten, wenn sie aus lauter üblichen Wörtern besteht … Die sprachliche Form ist erhaben und vermeidet das Gewöhnliche, wenn sie fremdartige Ausdrücke verwendet. Als fremdartig bezeichne ich die Glosse*, die Metapher, die Erweiterung und überhaupt alles, was nicht üblicher Ausdruck ist. Doch wenn jemand nur derartige Wörter verwenden wollte, dann wäre das Ergebnis entweder ein Rätsel oder ein Barbarismus: wenn das Erzeugnis aus Metaphern besteht, ein Rätsel, wenn es aus Glossen besteht, ein Barbarismus. Denn das Wesen des Rätsels besteht darin, unvereinbare Wörter miteinander zu verknüpfen und hiermit gleichwohl etwas wirklich Vorhandenes zu bezeichnen. Dies läßt sich nicht erreichen, wenn man andere Arten von Wörtern zusammenfügt, wohl aber, wenn es Metaphern sind, z. B. »Ich sah einen Mann, der mit Feuer Erz auf einen Mann klebte« und dergleichen mehr. Aus Glossen ergibt sich der Barbarismus. Man muß also die verschiedenen Arten irgendwie mischen. Denn die eine Gruppe bewirkt das Ungewöhnliche und Nicht-Banale, nämlich die Glosse, die Metapher, das Schmuckwort und alle übrigen genannten Arten; der übliche Ausdruck hingegen bewirkt Klarheit. Durchaus nicht wenig tragen sowohl zur Klarheit als auch zur Ungewöhnlichkeit der sprachlichen Form die Erweiterungen und Verkürzungen und Abwandlungen der Wörter bei. Denn dadurch, daß sie anders beschaffen sind als der übliche Ausdruck und vom Gewohnten abweichen, bewirken sie das Ungewöhnliche, dadurch aber, daß sie dem Gewohnten nahestehen, die Klarheit. Daher haben diejenigen unrecht, die eine solche Ausdrucksweise verwerfen und sich über den Dichter lustig machen, wie es der ältere Eukleides getan hat. Der behauptete nämlich, es sei leicht zu dichten, wenn es erlaubt sei, die Worte nach Belieben zu erweitern, und er parodierte den Dichter in eben diesem Sprachgebrauch … Derlei Erweiterungen derart auffällig zu gebrauchen, ist lächerlich; hierbei maßvoll zu verfahren, ist die Regel, die für alle diese Wortarten gemeinsam gilt. Denn wenn man Metaphern und Glossen und die übrigen Arten unpassend verwendet, dann erreicht man dieselbe Wirkung, wie wenn man sie eigens zu dem Zweck verwendet, Gelächter hervorzurufen.

*Glosse bedeutete in der Antike „fremdartiges Wort“

Aristoteles: Poetik

Montag, 30. März 2009

Merksätze zum Schreiben

  • Der Schriftsteller beschreibt die Welt nicht, wie sie ist, er lässt sie erscheinen. Er findet für seine Empfindungen, für seine Sicht der Menschen und der Welt Worte, die dem Leser vermitteln, was er gefühlt oder gedacht hat. Er schreibt etwas Neues und Überraschendes – für den Leser und sich.
  • Schreiben bedeutet, Leben in Geschichten zu verwandeln und Geschichten mit Leben zu füllen, Empfindungen, Gedanken, Visionen, in Sprache zu kleiden, bereit zu sein, etwas von sich selbst preiszugeben und sich damit verwundbar zu machen.
  • Einem guten Text kann weder etwas genommen noch hinzugefügt werden.
  • Die Sprachbegabung macht zehn Prozent aus, neunzig Prozent sind Handwerk.
  • Ein Schriftsteller kann lernen, wie er die Wörter gebraucht und wie er seine Sätze bauen muss, um den Leser zu fesseln, wie er das ausdrücken soll, was er mitteilen will.
  • Der Leser soll zwischen den Zeilen lesen.
  • Jede Regel kann gebrochen werden, wenn es begründet ist – etwa weil der Schriftsteller seinen Leser irritieren und zum Hinsehen bringen will –, doch dazu muss er die Regeln beherrschen, muss er seine eigene künstlerische Identität gefunden haben.

Samstag, 28. März 2009

Vermeiden Sie ungewöhnliche Namen (Über Namen. IV)


Viele Autoren verpassen ihren Helden einen exotisch klingenden Vornamen. Das soll wohl suggerieren, wie außergewöhnlich die Heldin (oder der Autor) ist, der Leser wird das jedoch nicht so empfinden, wenn nur der Name und nicht ihr Leben beeindruckend ist. In der ehemaligen DDR wählten die Eltern für ihre Kinder allerdings oft ausländisch klingende Vornamen. Wenn Sie also einen Roman über die geglückte oder weniger geglückte Wiedervereinigung schreiben, sollten Sie Brandenburger, Sachsen oder Thüringer Ronny, Maik, Haike, Danilo oder Mändy nennen. (Wenn Sie auch ehemaligen Ostberlinern und West-Berlinern die typischen Vornamen geben, umso besser).

Jessamyn WEST schreibt in ihrem Roman Der Tag kommt ganz von selber:
Tasmania, Marmion, Blix, Le Cid, Basil. Von einer Geschichte, die sie gerade las, sagte einmal Blix: »Sie gefällt mir schon, wenn nur die ungewöhnlichen Namen nicht wären!«
»Aber denk bloß an unsere Namen«, erwiderte ich. »Mir persönlich kommen Leute, die Mary, Jane oder John heißen, einfach nicht recht glaubwürdig vor. Sie haben für mich so viel Farbe wie eins, zwei, drei oder vier.«
»Neunzehntel der Welt sind aber die Johns, Marys oder Janes«, wandte Blix ein. »Ich wette, daß allzu gesuchte Namen die meisten Leser vertreiben.«
Wahrscheinlich hatte sie recht. Aber für mich ist es eine Erleichterung, daß ich, während ich von meiner Familie erzählte, keine Wahl habe. Meine Mutter hat uns diese Namen gegeben und nicht ich. Und Namen prägen den Charakter eines Menschen mehr, als wir oft meinen. Wenn Blix, anstatt nach der Heldin von Frank Norris’ Roman benannt zu sein, Sarah oder Jane geheißen hätte, wäre sie vielleicht eine andere Frau geworden. Oder wenn ich nun Hannah oder Ethel – und nicht Tasmania hieße ...«
Vor allem sollten Sie einer Figur keinen seltenen Namen geben, wenn die anderen Figuren Allerweltsnamen tragen und sie sich von ihnen nicht durch eine herausragende Leistung oder einen eindrucksvollen Charakter unterscheidet. Wenn Sie ihr dennoch einen exotischen Namen geben, so weisen Sie darauf hin:
Jeden Tag nach der Schule versteckten wir uns hinter einem Baum und beobachteten Antoninius (welche Eltern nennen ihren Sohn eigentlich Antoninius?), wie er die Straße lang trottete, und warteten darauf, daß der Wind sich hinter seinen abstehenden Ohren verfing und ihn durch die Luft wirbelte. Wir warteten und warteten. Aber das geschah nie.
Auch mit den Namen Ihrer Figuren lassen Sie Bilder in Ihrem Leser entstehen

Donnerstag, 26. März 2009

Namen kennzeichnen den Charakter (Über Namen. III)


Eine attraktive Frau wird nicht Gisela oder Else heißen (womit ich um Himmels Willen nicht behaupten will, dass Frauen, die diese Namen tragen, per se unattraktiv sind; ich bitte alle Trägerinnen und Träger von Namen, die ich hier in ihren Augen abwerte, um Entschuldigung; ich kenne natürlich sehr eindrucksvolle Menschen mit den Namen Gisela oder Fritz – es geht mir einzig und allein um die Wirkung von solchen Namen auf die Leserinnen und Leser Ihrer Bücher), es sei denn, Sie ändern Gisela in Gila und Else in Elsa. Statt Fritz werden Sie Ihren Helden Friedrich oder Friedhelm nennen, wenn er ruhig, bedächtig sein soll. Das zweite n in Hanns verwandelt dagegen einen schlichten Hans in einen Tatmenschen. Eine Jo ist burschikos und trägt eine Kurzhaarfrisur, eine Johanna ist keine verführerische Blondine. Auch mit Gabriele, Gabriella oder Gaby lassen sich unterschiedliche Charaktere darstellen.

Gundula Rössner ist eher eine selbstbewusste, nicht mehr ganz so junge Frau, und Kurt Schulze bricht keine Frauenherzen, es sei denn, er hieße Curd Shultz. Susan hockt nicht im Büro und Mario nicht an der Kasse eines Supermarktes. Eine Martha Krause wird ein anderer Mensch sein als eine Ulrike Maiwald. Der Name spiegelt auch das Äußere von Figuren: sind sie dünn, dick, vital, träge?

Ein Unterschied besteht auch darin, ob sich ein Baron von Szrebniki aus seinem Sessel erhebt oder ein Rudi Müller. Hans Schmidt stürzte das Bier runter zeigt einen anderen Menschen als Rainer Göldenbroth trank ein Pils.

Selbst mit dem Klang eines Namens lassen sich unterschiedliche Charaktere zeigen. Einen kraftvollen, energischen Menschen werden Sie nicht mit klanglosen Vokalen wie dem e bezeichnen (Peter Jensch – anders sieht es aus, wenn Sie ihn Jens Jaensch nennen), sondern Sie werden Namen mit a oder o wählen (Roswitha Hannstein). Ein einfacher Mensch trägt eher einen einsilbigen Namen (Gerd Lenz), ein vielschichtiger einen mehrsilbigen (Maria-Luise Wandenstedt).

Im Sommer des Erwachens lässt Marjorie REYNOLDS ihre Heldin erzählen:
Ihr Name war Teal. Sie hatte mir erzählt, daß eine Farbe so genannt wurde, eine Schattierung zwischen Blau und Grün, zwischen Seen und Wälder, und ich fand, daß der Name wunderbar zu ihr paßte. Namen waren für Mom sehr wichtig, sie glaubte, daß sie einen Menschen auf angenehme Gedanken brachten, und meinte, es sei ein Schande, daß der Name meines Vaters – Claude Junior – gar nichts aussagte, aber ihr gefiel, wie er klang. Mom nannte ihn immer Claude Junior, niemals nur Claude, weil die beiden Worte zusammen, wie sie behauptete, eine Kadenz bildeten und rhythmisch waren. Es tat ihr leid, daß sie selbst keinen zweiten Namen hatte, denn obwohl Teal die Bezeichnung für eine Farbe war, hätte das Wort einen harschen Klang. Dad schlug vor, sie sollte sich einfach einen zweiten Namen aussuchen, aber für sie war das nicht dasselbe.

Mittwoch, 25. März 2009

Nomen sind omen (Über Namen. II)


Nomina sunt ipso paene timenda sono.
(Schon wie sie klingen, sind solche Namen zu fürchten.) (OVID)

Viele Vornamen entstammen dem Lateinischen, Hebräischen oder Germanischen und haben eine Bedeutung. Nehmen Sie Nomen est omen wörtlich und geben Sie Ihren Helden Vornamen, deren Bedeutung ihren Charakteren oder Handlungen entspricht. Ein Mann, den das Schicksal stiefmütterlich behandelt, ist kein Felix (von lat. felix: glücklich) und eine Frau, die vom Pech verfolgt wird, keine Beate (von lat. beatus: glückselig). (In Vornamenbüchern finden Sie den Sinngehalt.)

Auch Nachnamen sollten Sie überlegt wählen. Es ist zwar einfach, das Telefonbuch zu wälzen, wirkungsvoller jedoch sind Nachnamen, die eine Bedeutung haben. Im Stiller aus FRISCHS gleichnamigem Roman steckt still im wahrsten Sinne des Wortes, aber auch im Sinne von stiller als und von stillen zum Beispiel von Sehnsüchten, Begierden oder Rache. In Thomas MANNS Aschenbach im Tod in Venedig steckt die Asche; die Bedeutung des Namens Grünlich muss ich nicht erklären. Die Übersetzung von Agatha CHRISTIES Detektiv Poirot lautet Lauch – kein Wunder, dass er ein besonderes Ego entwickelte – und die von SÜSKINDS Mörder Grenouille im Parfum Frosch. – Das kennzeichnet dessen Charakter besser als tausend Worte. – Heßling in Heinrich MANNS Untertan kann mit hässlich gedeutet werden. In Effi Briest steckt das Biest, der Vorname bezeichnet mit der Koseform von Elfriede eine junge Frau, und der Ort Briest (gleich Birkenort) in der Mark Brandenburg weist auf ihre Herkunft hin. – Offensichtlich konnte FONTANE sie gar nicht anders nennen, denn er schimpft selbst über »diesen affigen Effi-Namen«. – Martin WALSER gibt im Lebenslauf der Liebe einer seiner Hauptfiguren, ein scheinbar mondänes Luxusweibchen, das aus einfachen, frommen Verhältnissen stammt, den »womöglich angemessen unmöglichen« Namen Susi Gern (aus einem Interview mit dem SPIEGEL).

Egon FRIEDELL schreibt in Kulturgeschichte der Neuzeit zur Namensgebung bei Wilhelm BUSCH:
Die höchste Meisterschaft der Lautbehandlung zeigt er unter anderem auch in der Erfindung der Namen. Bisher hatte man die Komik auf diesem Gebiet in Begriffsassoziationen gesucht, was aber bloß witzig ist. So verfährt selbst noch Nestroy, wenn er zum Beispiel einen Wirt Pantsch oder einen Dieb Graps nennt. Buschs Namen hingegen sind gefühlsdeskriptiv, onomatopoetisch, sie malen nicht mit Anspielungen, sondern mit Klängen, wie dies der große Lyriker und das kleine Kind tut. Ein milder salbungsvoller Rektor heißt Debisch, ein barscher plattfüßiger Förster Knarrtje, ein grauslicher alter Eremit Krökel, ein dicker Veterinärpraktikant Sutitt, ein flotter Kavalier Herr von Gnatzel. Schon bei dem einfachen Namen Nolte steigt die ganze muffige und doch anheimelnde Hinterwelt eines kleinen deutschen Landnestes auf.
Der Name Meursault des Fremden bei CAMUS ist eine Verschmelzung von meutre (Mord) und seul (allein) oder mer und soleil (Meer und Sonne). Misery in KINGS Misery Chastain bedeutet Elend, und in Chastain erkennen wir chaste (keusch, rein, anständig), chasten (züchtigen und läutern) oder chase (jagen, verfolgen); vielleicht hat King aber auch disdain (Verachtung, Hochmut) gemeint. Henry JAMES nennt in seinem Roman Die goldene Schale eine Figur Fanny Assingham. Fan steht für fan und Ventilator, fanny und ass sind vulgäre Bezeichnungen für den verlängerten Rücken, und ham bedeutet Schinken, Oberschenkel. – Gönnen Sie sich den Spaß, falls Sie sich einmal langweilen sollten, und deuten Sie Namen. Lassen Sie Ihre Assoziationen fließen. Es gibt noch vieles zu entdecken. –

ECOS Meisterdetektiv William von Baskerville und sein Assistent Adson von Melk in der Rose sind Anspielungen auf den Hund von Baskerville und auf Sherlock Holmes’ Gehilfen Dr. Watson. – Sie können natürlich auch mit Namen auf Werke anderer Schriftsteller oder auf Filmfiguren anspielen (und damit angeben, was Sie alles gelesen haben, wobei »damit angeben« doppeldeutig gemeint ist, wie Sie sicher gemerkt haben). Damit überfordern Sie jedoch den Leser, der nicht so belesen ist wie Sie und diese Feinheiten nicht bemerkt. Und schließlich sind Sie kein Eco. Falls Ihr Roman dennoch für jeden verständlich ist und nicht nur für Eingeweihte, dürfen Sie sich diesen kleinen Spaß erlauben. –

Dienstag, 24. März 2009

Nomen est Omen (Über Namen. I.)


Es wird zuwenig bedacht, dass nur ein genialer Dichter die Fähigkeit besitzt,
seine Geschöpfe mit Namen auszustatten, die ihnen ganz entsprechen.
Der Name muß die Gestalt sein. Ein Dichter, der das nicht weiß, weiß gar nichts. (Victor HUGO)

Das größte Vergnügen war es, Namen zu finden. Manchmal mußte ich meine Neigung für das Ausgefallene – für das Komische, das Wortspiel, das Anzügliche – unterdrücken, aber meistens war ich damit zufrieden, die Grenzen des Vorstellbaren einzuhalten. (AUSTER, Hinter verschlossenen Türen)
Als die Menschen begannen, in größeren Gemeinschaften zu leben und sich ihrer selbst bewusst zu werden, als sie begannen, einander zu lieben und die geliebten Toten zu bestatteten, gaben sie einander Namen. Nur so konnten sie sich erinnern und ihren Gefühlen ein Gesicht verleihen. Durch die Namensgebung wurde der Mensch einzigartig.

Aber viele Mythen und Sagen sprechen auch von der Macht der Namen: vom Wort Gottes, das man nicht ohne Not im Munde führen darf bis Lohengrin und Rumpelstilzchen, denn das, was benannt ist, verliert seinen Zauber. Und doch: welche Assoziationen verbinden wir mit solch einem schlichten Namen wie Hans: von Johannes dem Täufer, Hänschen klein, Hänsel und Gretel, Hans im Glück über Was Hänschen nicht lernt … bis zum Johannestrieb.

Geben also auch Sie Ihren Geschöpfen Namen. Nur so schaffen Sie lebendige Wesen mit einer eigenen Geschichte, mit denen nicht nur Sie sich identifizieren, sondern in die auch der Leser hineinschlüpfen kann, mit denen er leidet, sich freut und mit denen er sich anfreundet. Auch in Kurzgeschichten sollten die Figuren benannt werden. Wie langweilig ist eine Geschichte über einen fühlenden und handelnden Menschen, wenn der Leser sich nicht in ihn hineinversetzen – wenn er nicht selbst Hans oder Lisa werden kann?

Das mag Ihnen selbstverständlich sein, doch viele Autoren empfinden das als Schikane, als Eingriff in ihre schöpferische Freiheit.

Die Namen aller Figuren – auch der Nebenfiguren –, die Sie zum Leben erwecken, sind ebenso wichtig wie der Text und müssen deshalb bedachtsam ausgewählt werden. Sicher ist die Wahl oft subjektiv. Der Name Ihrer großen Liebe, den Sie Ihrem Helden verliehen haben, erinnert die Leserin an traumatische Ereignisse; mit dem Namen der Schurkin, den Sie gewählt haben, weil Sie sich dessen leibhaftiger Trägerin nur widerwillig erinnern, verbindet Ihr Leser traumhafte Stunden. Und doch:

Jeder Mensch hat einen Namen, auch Ihre Figuren haben das Recht darauf.

Manche Autoren meinen, ihr Text wirke bedeutender, raffinierter, gar literarischer, wenn ihr Held anonym bleibt. Sie benutzen stattdessen Umschreibungen wie er, sie, die Chefin, der Sohn, bezeichnen ihre Figuren gar nur mit Schätzchen oder junge Frau und werten sie so, vielleicht absichtslos, ab. Das haben auch literarische Figuren nicht verdient. Dadurch wird auch das Gebot der Neutralität verletzt, wenn die Autoren nicht aus der Position des auktorialen Erzählers schreiben. Dazu kommt, dass der Autor sich alberne Umschreibungen ausdenken muss wie die Frau im roten Kleid oder der Mann in den ausgeblichenen Jeans, um seine Helden zu bezeichnen, und dass die anderen Figuren übereinander und miteinander nur sprechen können, ohne Namen zu nennen.

Die Namenlosigkeit ist nur angebracht, wenn der Autor jede Individualität vermeiden will oder zeigen will, wie beziehungslos das Leben seines Helden ist. Oder wenn in einem Roman mit zwei Erzählsträngen, die in der Gegenwart und in der Vergangenheit spielen, die Identität einer Person aus erzählerischen Gründen bis zum Schluss geheimnisvoll bleiben soll. Doch meist will der Autor nur einen Effekt erhaschen. Wenn sie Lisa heißt und er Hans, dann nennen Sie sie auch so.

Sie stellen eine Distanz her, wenn Sie eine Figur nur mit dem Nachnamen bezeichnen. Auf den Leser wirkt das jedoch meist eindimensional, weil es ihm unmöglich gemacht wird, in sie einzutauchen, selbst Frau Schmidt zu werden, mit ihr zu lachen oder zu weinen. Zudem wirkt bei neutralen Bezeichnungen der Text eher wie ein Bericht. Wählen Sie also nur dann den Nachnamen für eine Figur, wenn Sie bewusst zu ihr Abstand halten möchten. Vermeiden Sie aber läppische Namen wie Bumsberger oder Mueller-Tauschenberg. Sie wirken nur lächerlich.

Wie wichtig Namen sind, zeigt Paul SCOTT im Juwel in der Krone. Eine »pferdegesichtige« junge Erzieherin (nebenbei: pferdegesichtig ist ein Klischee – warum sehen in englischen Romanen alte Jungfern ständig pferdegesichtig aus? – siehe auch meine Ausführungen über abgedroschene Metaphern auf http://tinyurl.com/dz3an3 ) sorgt sich, dass sie eines Tages niemand mehr mit dem Vornamen anreden wird. Schon jetzt wird sie meistens nur mit dem Nachnamen angesprochen – sogar ohne Miss. Als sie in die Kirche geht, fragt sie sich,
wie ER sie wohl nennen würde, ob Crane, Miss Crane oder Edwina? Für IHN als den Sohn war sie vermutlich Edwina, aber für Gott in seinem Zorn zweifellos Crane.
»Miss Crane?«
Aufgeschreckt durch die Stimme blickte sie über ihre Schulter. Es war der Gemeindepfarrer … Er hieß Grant, und das rief während des Gottesdienstes verhaltenes Lächeln hervor, wenn er Gebete sprach, die mit den Worten begannen: Grant, O Lord, we besseech Thee … Gib, o Herr, wir bitten dich … Sie lächelte …
HESSE erklärt in Karl Eugen Eiselein, wieso er einen bestimmten Namen gewählt hat:
Dieser Sohn hieß Karl Eugen Eiselein, und es wollte etwas bedeuten, daß er von klein auf nicht Karl oder Eugen, sondern stets mit dem fürstlichen Doppelnamen Karleugen gerufen ward. Dementsprechend gab der Kleine auch für zwei zu tun und zu sorgen, schrie für zwei und brauchte Windeln und Kleider für zwei …
– Ein Tipp für Einsendungen bei Wettbewerben mit vorgegebener Zeichenzahl: Ändern Sie längere Namen in kurze wie Jan oder Ute, wenn Sie kürzen müssen, weil Sie wieder einmal viel zu viel, oder kurze Namen in mehrsilbige wie Maria-Luise oder Hans-Joachim, wenn Sie zu wenig geschrieben haben. Doch Vorsicht: Doppelnamen wie Klaus-Peter oder Gesina-Maria können eine Figur abwerten. –

Generell sollten Vor- und Nachname jedoch nicht mehr als vier bis sechs Silben lang sein. »Ashton Hilary Akbar Pelham Martin« heißt die Hauptfigur in Mary M. KAYS Palast der Winde. Und wer kennt nicht Karl MAYS »Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah« … – Nur erscheinen diese Namen nicht später mehr im Buch, denn wer kann sie sich merken. (*Einen sehr interessanten Beitrag über die Namensgebung Karl MAYS, der sie bewusst als Ausdrucksmittel einsetzt, bietet Karl Otto SAUERBECKS Name und Anrede – Schema und Bild: die vielseitige Verwendung einiger Darstellungsmittel bei Karl May auf karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/JbKMG/1997/211.htm)

Durch die Wahl des Namens lässt sich auch die Beziehung zwischen zwei Figuren ausdrücken, zum Beispiel, wenn der Mann einer Frau den Namen nimmt, indem er sie Mary statt Maria nennt und sie damit in die Nähe einer klischeehaften Hollywoodfigur rückt, oder sie ihn beim Namen nennt, er sie jedoch nie anredet.

In seiner Kurzgeschichte Katze im Regen zeigt HEMINGWAY die Beziehung zwischen den Eheleuten daran, dass der Ehemann einen Namen hat – George –, seine Frau jedoch namenlos bleibt.

Seien Sie jedoch vorsichtig mit Kosenamen oder Diminuativa. Sie könnten damit Ihre Figur denunzieren. Außerdem: Schumperhäschen mag lustig klingen, nervt aber auf die Dauer den Leser. Liebling und Schatzi sind so abgedroschen, dass sie abwertend klingen. Andererseits können solche abgedroschen Koseworte die Erstarrung einer Beziehung charakterisieren. Vor allem sollten Sie einer unsympathischen Figur keinen Kosenamen geben, es sei denn, Sie wollten sie ironisch überhöhen.

Den richtigen Namen zu finden, ist nicht leicht. Doch selbst das lässt sich üben. Erfinden Sie für den Menschen, den Sie hinter einem Namen im Telefonbuch vermuten, eine Lebensgeschichte. Rüsten Sie ihn mit guten und schlechten Charaktereigenschaften aus, mit Vorlieben und Lastern, Wünschen und Ängsten, und geben Sie ihm ein Äußeres. Wenn Sie fühlen, dass Name und Person sich entsprechen, nennen Sie Ihr Geschöpf versuchsweise anders. Sie werden merken, dass die neue Vita nicht mehr mit dem Menschen, den Sie so vorzüglich gezeichnet hatten, übereinstimmt.

Haben Sie einmal einen Namen gewählt, so ist er untrennbar mit Ihrer Figur verbunden. Es wird Ihnen schwer fallen, ihn später zu ändern, auch wenn das der Text verlangt; vielleicht, weil Sie einer Figur einen Allerweltsnamen gegeben haben, die sich im Laufe der Geschichte zu einer Hauptfigur wandelt; weil Sie sie mit einem allegorischen Namen versehen haben, den sie nicht erfüllt (Ihre Victoria wird zur Pechmarie), oder weil der Held, der sich des androgynen Namens Toni erfreut, zu einem Frauenheld wird.

Arno SCHMIDT schreibt in Der Platz, an dem ich schreibe:
Es ist nämlich »bei Schriftstellers«, zumal bei deutschen, … so, daß man laufend viele Namen benötigt; bald wohlklingende, bald banale. Meist weiß man (bei häufig auftretenden Hauptpersonen, um sie mit einem akustisch-fonetischen Zug sich selbst und dem Leser unverwechselbar zu malen; bei Nebenfiguren, um sie rasch und ohne Arbeit, aber dennoch solide, zumindest verantwortbar ausreichend, zu »erledigen«) wieviel Silben der betreffende Name haben muß, um in den Takt des Satzes zu passen; also auch, welche dieser Silben betont sein muß .... Bei mir ... ist es so, daß ich ... für deutsche Namen das Register des »Hannoverschen Staatshandbuches für 1839« verwende, (es enthält immerhin 80000 zur Auswahl); für ausländische den »Regenhardt; Geschäftskalender für den Weltverkehr, 1927«.
Der Name »Winnetou« entstand aus Lautmalereien wie »Inn-nu-woh«, der Wohlklang wurde zum Sympathieträger. Heute ist Winnetou nicht mehr eine Romanfigur, sondern kulturelles Allgemeingut. Leverkühn hieß der Vormund Thomas MANNS, und KAFKA verwendet seinen Familiennamen abgekürzt als Josef K. im Prozeß und K. im Schloß.

Wählen Sie die Vor- und Nachnamen Ihrer Figuren bewusst aus.

Samstag, 21. März 2009

Was ist Literatur. VI.


Pro U-Literatur

Gute Unterhaltungsliteratur (nicht zu verwechseln mit Kitsch) hat aber durchaus ihre Berechtigung, und es ist kein Wunder, dass in Deutschland viel mehr englischsprachige als deutschsprachiger Romane gelesen werden. REICH-RANICKI weiß, weshalb: »Man sehe sich die Romane und Kurzgeschichten solcher Autoren an wie Saul Bellow, John Updike, Yoyce Carol Oates. Alle diese Autoren verachten das Publikum nicht, und anders als viele deutsche Autoren vergessen sie den Leser nie.«

Auch Gregor DOTZAUER bricht eine Lanze für die Unterhaltungsliteratur:
An trüben Tagen, wenn man sich wieder einmal durch besonders ambitionierte neue deutsche Prosa quält, kann es einem schon so vorkommen, als wäre die ganze Literatur eine Angelegenheit von Doktoranden, Gymnasialprofessoren und höheren Töchtern. Man stellt sich vor, wie unglückliche Menschen feingliedrige Metaphern für den fatalen Weltenlauf entwerfen, die andere unglückliche Menschen mit schwerem hermeneutischem Instrumentarium entschlüsseln. Und man malt sich aus, wie Autoren und Leser dabei zusammen von einer Schönheit träumen, die sich spätestens bei einer Stadtteilbibliotheks-Lesung, zwischen Leuchtstoffröhren, Resopal-Tischen und stapelbaren Plastikstühlen, als hoffnungslos überirdische Sehnsucht entpuppt. Im Grunde muß man nur an die Tristesse des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs denken, damit einen ein heiliger Zorn packt und man bereit ist, all die Forderungen an eine saftlose Literatur zu unterschreiben, die man inzwischen schon auswendig kann: Mehr Spaß! Mehr Sex! Mehr Glamour! Mehr Drogen! Mehr Wahnsinn! Mehr Gegenwart! Mehr Wirklichkeit!
BECKETT las Kriminalromane von Edgar WALLACE, Agatha CHRISTIE, Erle Stanley GARDNER und STOUT, um sich zu entspannen.

Für Patricia HIGHSMITH sind Schriftsteller »Entertainer«: »Sie genießen es, Dinge in reizvoller und amüsanter Form darzubieten, damit Zuschauer oder Leser überrascht aufblicken, anteilnehmen und Spaß an der Darbietung haben.«

– Man stelle sich den Aufschrei hierzulande vor, wenn ein anerkannter Autor zugäbe, er wolle amüsant schreiben, damit sein Leser Spaß bei der Lektüre habe. –

Auch REICH-RANICKI benutzt das Wort amüsant:
Dürrenmatt hat vor bald dreißig Jahren sehr richtig gesagt, daß gerade große Schriftsteller sehr wohl imstande gewesen wären, das Ihrige unter den auferlegten Bedingungen an den Mann zu bringen: Indem sie den menschlichen Unterhaltungstrieb einkalkulierten, hätten sie amüsant geschrieben und damit bewiesen, daß sie ihr Geschäft verstehen.
Jeder Dramatiker, ob SHAKESPEARE, HAUPTMANN, legt Wert darauf, seinen Zuschauer zu unterhalten, und denkt auch an den weniger anspruchsvollen. BRECHT will Gesellschaftskritik üben und die Welt verändern, und doch baut er Lieder in seine Stücke ein. Ihm ist wichtig, dass seine Botschaft alle Menschen erreicht, auch die, denen der Ton mehr sagt als das Wort. Sind die Dreigroschenoper oder der Sommernachtstraum deshalb trivial?

REICH-RANICKI geht es
also immer wieder darum, daß sich die Autoren bemühen sollten, die in Deutschland besonders große und ärgerliche Kluft zwischen der Literatur und ihren Adressaten zu verringern. Nur dies hatte ich im Sinn, wenn ich gelegentlich bedauerte, daß es den intelligenten deutschen Unterhaltungsroman nur sehr selten gibt. Ich habe einmal gesagt, der Weg von dem in den Niederungen gelegenen »Schloß Hubertus« des Ludwig Ganghofer zu dem auf einem hohen Berggipfel befindlichen »Schloß« sei beschwerlich, könne aber den Lesern erleichtert werden, wenn sie, von einem Schloß zum anderen aufsteigend, auf halber Höhe Rast machen, beispielsweise in einem »Schloß Gripsholm«. Eine derartige Literatur auf mittlerer Höhe ist legitim und heute nötiger als je. Man könnte hier die Unterhaltungsromane von Erich Kästner nennen, die Kriminalromane von Dürrenmatt und ähnliches. Beispielhaft ist diese Zwischenstufe in der angelsächsischen Welt. Ich meine solche Autoren wie Somerset Maugham, Priestley, Angus Willson und, vor allem, den hierzulande meist unterschätzten Graham Greene. Heute, da die Literatur von allen Seiten bedroht ist, scheint mir die Rolle und Funktion derartiger Romane und Erzählungen besonders wichtig.
Thomas MANN entgegnet auf HESSES Vorwurf, in der Königlichen Hoheit seien gar zu viele »Antreibereien des Publikums« zu finden, dass ihm daran gelegen sei, nicht nur von Kennern und Eingeweihten gelesen zu werden.

SCHLINK, der mit dem Vorleser einen Weltbestseller geschaffen hat, sagt, dass er eine Literaturlandschaft mag,
die nicht aufgeteilt ist zwischen »U«- und »E«-Kultur. Ich wollte immer Bücher schreiben, die man in jeder Bahnhofsbuchhandlung kaufen kann und einfach in die Tasche steckt und unterwegs liest, im Zug, in der U-Bahn. Und was ich so an Zuschriften aus den USA bekomme, zeigt eine ganz demokratische Leserschaft: von Intellektuellen bis zu Mitgliedern eines kleinen Buchclubs irgendwo im Mittleren Westen.
Während einer Lesereise wurde der erfolgreichsten zeitgenössischen Kriminalautorin, Elizabeth GEORGE, bedeutet, dass eine wie sie nicht im Hamburger Literaturhaus auftreten dürfe. Sie sagt dazu in einem Interview mit dem Tagesspiegel:
In unserer Diskussion über die Frage »Was ist Literatur?« fiel dieser Satz, der mich sehr erschüttert hat. Ich weiß, dass in Deutschland ein großer Unterschied gemacht wird zwischen Literatur und Unterhaltung. Doch ich frage mich schon manchmal: Wo ordnen sie jemand wie Hemingway ein oder, um auf England zu kommen, Jane Austen. Beide sind nicht unbedingt Vertreter einer elaborierten Sprache, die in Deutschland anscheinend Voraussetzung für Literatur ist.
Auf die Frage, ob sie deutsche Literatur kennt, antwortet sie: »Leider nicht gut. Zurzeit lese ich Medeas Stimmen von Christa Wolf. Ein gutes, ein schönes Buch. Und nun würde mich mal interessieren: Ist das in Deutschland Literatur oder Unterhaltung?«

– Man mag zu Elizabeth Georges Romanen stehen, wie man will, aber erschaffen die Autoren, die zur Zeit hoch gelobt werden, wirklich Hochliteratur? –

Arthur C. CLARKE erhielt 1998 für seine Verdienste um die Literatur den Ritterschlag. »Das macht mich sehr glücklich, weil Science-Fiction oft nicht als Literatur ernstgenommen wird«, sagt Sir Arthur.

In Deutschland wird nicht nur Science-Fiction abgelehnt (was auch daran liegen mag, dass früher selbst gut geschriebene SF-Literatur als Heftchenroman erschien). Sogenannte Experten werten die Leistung eines Schriftstellers ab, wenn er eine beachtliche Verkaufszahl erreicht oder – wie furchtbar – einen Bestseller landet. Als sich Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Martin WALSERS Fliehendes Pferd gut verkaufte, warfen ihm Kritiker Anbiederung an den Massengeschmack vor.

Mittlerweile haben die Literaturwissenschaftler jedoch den Leser entdeckt und kommen langsam vom Begriff des literarischen Textes als Sprachkunstwerk ab.

Was ist Literatur. V.


U-Literatur

Texte, die den ästhetischen, formalen und funktionalen Kriterien der Literaturwissenschaft nicht genügen, gelten als trivial. Wer keine literarischen Texte, sprich Hochliteratur oder E-Literatur, schreibt, geht auf das Bedürfnis einer möglichst großen Anzahl von Käufern, also aufs Massenpublikum, ein und verfasst Trivialliteratur (deshalb spricht man heute auch von Massenliteratur).

Nur – wie passt GOETHES Ausspruch »Wer nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben hierhin«? Und wie sieht es aus mit SCHILLER, der mit trivialen Erzählmustern einen größeren Leserkreis erreichen wollte, so mit seiner Erzählung Verbrecher aus verlorener Ehre und seinem Fortsetzungsroman Der Geisterseher. Der Roman ist ein Politthriller mit einem obskuren Geheimbund (wofür er sich mit den Illuminaten und Rosenkreuzlern beschäftigte), mit Spiritismus, Hokospokus, einer schönen Betrügerin und geheimnisvollen Ereignissen, wodurch ein Prinz in die Fänge des besagten Geheimbundes gelangt, der durch ihn einen Thron für die Kirche erwerben will; also mit allen Elementen der U-Literatur. Der Roman blieb unvollendet, denn Schiller bezeichnete seine Romane später als »Schmiererei«, die er allmählich satt habe, obwohl er mit dem Geisterseher sein höchstes Honorar erzielte.

Schiller hatte auch keine Schwierigkeiten, von den Autoren von Abenteuerromanen und Schauerliteratur zu lernen. Er beschwerte sich zwar darüber, dass »das immer allgemeiner werdende Bedürfnis zu lesen ... noch immer von mittelmäßigen Scribenten und gewinnsüchtigen Verlegern dazu gemißbraucht (wird), ihre schlechte Ware ... in Umlauf zu bringen«. Dennoch wäre es kein »geringer Gewinn … für die Wahrheit, wenn sich bessere Schriftsteller herablassen möchten, den schlechten die Kunstgriffe abzusehen, wodurch sie sich Leser erwerben, und zum Vorteil der guten Sache davon Gebrauch machen.« Denn »es (ist) an einem unterhaltenden Buch schon Verdienst genug, wenn es seinen Zweck ohne die schädlichen Folgen erreicht, womit man bei den meisten Schriften dieser Gattung das geringe Maß der Unterhaltung, die sie gewähren, erkaufen muss«.

(Wenn es Sie interessiert: Hier ist eine ausführliche Darstellung über Schiller als Romanschriftsteller.)

Aber auch Goethe las Romane von Trivialautoren, um zu lernen, wie er im Wilhelm Meister einen Geheimbund agieren lassen könnte.

Heitere Texte können expressis verbis keine E-(ernste) Literatur sein, gelten also ebenfalls als trivial.

Bei der Trivialliteratur (von lat. trivialis: gewöhnlich – im Sinne von ordinär, allgemein bekannt) wird die Handlung in anspruchsloser Sprache (In der tiefblauen Bucht, auf die eine strahlende Sonne lachte, lag eine blendendweiße Yacht vor Anker) mit vielen schmückenden, nichtssagenden Adjektiven (Die beiden entzückenden jungen Frauen genossen ein leckeres Mahl und plauderten gut gelaunt miteinander) und breit getretenen Metaphern (Er versank in ihren blauen Augen wie in einem abgrundtiefen Meer) nach immer demselben simplen Muster – zwei links, zwei rechts – gestrickt, und eine Masche, die fällt, wird nicht wieder aufgenommen. Die Trivialliteratur gleicht einem Streuselkuchen: Er ist bedeckt mit Streuseln verschiedener Größe. Jeder Streusel ist anders, sie schmecken aber alle gleich.

Sie wird auch nach immer demselben Schema verfasst (deshalb wird sie auch als Schemaliteratur bezeichnet). Probleme werden so gelöst, wie es der Leser erwartet, Gefühle beschrieben statt im Leser hervorgerufen und die Charaktere einfach gezeichnet. Gut und Böse sind feststehende Kategorien: Der Gute ist ohne Fehler und braucht den Bösen als Gegenspieler. Nuancen kommen kaum vor. Gute Taten und hohe Ideale werden einseitig, klischeehaft und damit verlogen dargestellt, auf das Schlechte wird mit dem moralisierenden Zeigefinger hingewiesen.

Elend und Armut werden zum Beispiel romantisch verbrämt (die arme Einwandererfamilie, die trotz allem Hunger und Elend zusammenhält und ihre Kinder zu achtbaren Menschen erzieht wie in Die Asche meiner Mutter). Bruno PREISENDÖRFER schreibt dazu: »In den Künsten ist die unveredelte Darstellung von Armut in Wahrheit sehr selten, weil so etwas ästhetisch nicht genießbar ist. Elend ist schmutzig, stinkt und entwürdigt diejenigen, die ihm zum Opfer fallen, weil sie die Elenden selber schmutzig, stinkend, böse und gemein machen.«

Trivialliteratur spiegelt nicht die Wirklichkeit. Die Texte haben keinen »doppelten Boden«, weil das, was sie sagen wollen, auf dem Silbertablett präsentiert wird. Die Trivialliteratur ist eine Ware, für die nicht die literarischen Regeln gelten, sondern der Markt. Ein belangloses Manuskript wird zum Bestseller, wenn der Schreiber jemanden findet, der mehrere hunderttausend Euro spendiert.

Autoren von Trivialliteratur kommt es auf Spannung und action an, und nicht auf Sorgfalt bei der sprachlichen und inhaltlichen Ausführung

Besser als FLAUBERT in Madame Bovary kann man Trivialliteratur nicht beschreiben:
Es wimmelte darin von Liebschaften, Liebhabern, Geliebten, verfolgten Damen, die in einsamen Gartenpavillons in Ohnmacht sanken, von Postillionen, die an jeder Poststation ermordet wurden, von Rossen, die man auf jeder Seite zuschanden ritt, von düsteren Wäldern, Herzenswirrnissen, Schwüren, Seufzern, Tränen und Küssen, Gondelfahrten bei Mondschein, Nachtigallen in den Gebüschen, von Edelherren, die tapfer wie Löwen und sanft wie Lämmer waren, dazu stets schön gekleidet und tränenselig wie Urnen. Ein halbes Jahr lang machte sich Emma als Fünfzehnjährige mit dem Staub der alten Leihbibliotheken die Hände schmutzig. Später berauschte sie sich mit Walter Scott an historischen Begebnissen, träumte von Truhen, Waffensälen und Minnesängern. Sie hätte, ach! so gern auf einer alten Burg gelebt wie jene Schloßfräulein im langmiedrigen Gewand, die unter Kleeblattfensterbogen ihre Tage hinbrachten und, den Ellbogen auf den Stein und das Kinn in die Hand gestützt, Ausschau hielten nach dem Reiter mit der weißen Feder, der auf einem Rappen von weither über die Ebene herangaloppiert kam. Damals trieb sie auch einen wahren Kult mit Maria Stuart und verehrte enthusiastisch alle berühmten oder unglücklichen Frauen. Jeanne d’Arc, Héloise, Agnes Sorel, die schöne Helmschmiedin und Clemence Isaure hoben sich leuchtend wie Kometen von der endlosen Finsternis der Geschichte ab, aus der noch hie und da, jedoch verlorener im Dunkel und ohne jede Beziehung untereinander noch andere Gestalten hervortraten: der heilige Ludwig mit seiner Eiche, der sterbende Bayard, ein paar Greueltaten Ludwigs XI., ein bißchen Bartholomäus-Nacht, der Helmbusch des Béarners hervortraten, und immer wieder die Erinnerung an die bemalten Teller, auf denen Ludwig XIV. verherrlicht wurde.
Die Einteilung von Autoren in solche von E- und von U-Literatur ist oft subjektiv, von Vorurteilen geprägt. Zu den U-Autoren zählt außer Karl MAY, Hedwig COURTHS-MAHLER oder Vicki BAUM auch VERNE, weil seine literarischen Mittel nicht ausreichten, um eine atmosphärische Dichte zu erzeugen, wie es heißt. Dem widerspricht Arno SCHMIDT: Für ihn liegt Vernes »eigentliches literarisches, noch nie so recht gewürdigtes Verdienst« darin, dass er als Erster »den Groß-Nachweis geführt hat: wie die Errungenschaften des Technikers … nicht nur nicht poesie-zerstörend wirkten; sondern vielmehr unerhört neue-reiche Gebiete dem Dichter eröffneten!«.

Erstaunlicherweise wird SIMMEL ist inzwischen anerkannt. »Der Simmel-Diskurs ist schick geworden«, schreibt Beatrice VON MATT. Er gilt als »demokratischer Gebrauchsschriftsteller«, als »Chronist unserer Zeit«.

Seine ersten Bücher wie Es muss nicht immer Kaviar sein und Mich wundert, daß ich so fröhlich bin waren zwar gelungen, doch seither sind seine Romane, in denen er über so wichtige Themen wie die Mafia, die Zerstörung des Regenwaldes oder die Gentechnik schreibt, nach immer demselben Muster gestrickt: Kennt man einen seiner Helden, kennt man alle, und immer wird der edelmütige, leicht weltfremde Held mit der zauberhaften Heldin eine zauberhafte Affäre erleben. Ärgerlich sind auch die Phrasen: »Ungeheure Trauer ging von ihm aus«, »Das Traurigste, was ich jemals gesehen habe«, »Großes Erlebnis, mit Ihnen zusammenzutreffen«. Der Leser liest darüber hinweg und beschäftigt sich mit dem, was wirklich wichtig ist, eben der Mafia, der Zerstörung des Regenwaldes oder der Gentechnik. Nur bleibt dann nicht viel übrig. Er fragt sich, wie er einen Text schlecht finden kann, wenn es Simmel doch um das Gute geht. Nur leider sorgt der sich zu sehr um die Welt und zu wenig um die Kunst.

Kinder- und Jugendbücher zählen ebenfalls zur Trivialliteratur, weil sie in kunstloser Sprache und nur für eine bestimmte Gruppe geschrieben werden. Doch viele bekannte Schriftsteller wie Martin WALSER und BRECHT schreiben auch für die Jugend. Viele Jugendbücher sind Erwachsenenbücher, sogar Weltliteratur geworden, wie die Schatzinsel oder Robinson Crusoe. Und Millionen Erwachsene verschlingen ein Kinderbuch: Harry Potter. Für Harald MARTENSTEIN »hängt es damit zusammen, dass eine bestimmte Art des Schreibens sich zu einem großen Teil in den Kinder- und Jugendbuchmarkt zurückgezogen hat. Naiv, aber kunstvoll, geradeaus erzählt, aber skrupellos fabulierend, keinem literarischen Modell verpflichtet, nur der eigenen Fantasie und der Lust des Publikums«.

KÄSTNER, der nicht nur Jugendbücher schrieb, sondern auch Satiriker, Feuilletonist, Romançier und zeitkritischer Lyriker war, galt als »Gebrauchspoet« – ein Titel, auf den er stolz war. Er bekannte sich zur Einfachheit und Klarheit in Sprache und Stil, zu Volksnähe und Witz – das, was seine Kritiker bemängelten. »Mit der Sprache seiltanzen, das gehört ins Varieté«, kritisiert er seine Kritiker.

Mittwoch, 25. Februar 2009

Was ist Literatur? IV


E-Literatur

… kein Zweifel, ein hochinteressantes, ein brillantes Buch.
Ich habe es nach dreißig Seiten weggelegt,
weil es unaussprechlich langweilig war. (REICH-RANICKI)
Denn all unser Lesen, worauf läuft es schließlich hinaus? Daß wir rechtzeitig an die richtigen Bücher kommen und Geld und Zeit nicht verläppern. Philologisch mag sie anfechtbar sein, die Inschrift auf der alten Berliner Bibliothek »Nutrimentum Spiritus«, aber sachlich trifft sie den Nagel auf den Kopf: Bücher sind Nahrung. Alles was man über das Lesen klugreden und geistreicheln mag, ist Geschwätz, ohne diese Grundwahrheit: Bücher sind keine Narkotika, Bücher sind keine Stimulantien, Bücher sind Nahrung, und wer glaubt, von Stimulantien und Narkotika leben zu können, wird an ihnen sterben. Daß ein Mensch nicht mit Eierkognak, Kaviar und Schlagrahm auf die Dauer bestehen kann, weiß jeder. Aber Tausende füttern sich mit nichts als Konditorliteratur, Likörliteratur, Gourmetliteratur und laufen geistig mit einem scheußlichen Magenkatarrh herum, weil sie’s nicht glauben, daß auch im Geistigen Anfang und Ende aller Weisheit die einfachen unverfälschten Dinge sind: Milch, Brot, Honig, Früchte. (Josef HOFMILLER)
Im deutschsprachigen und mittlerweile leider auch im angelsächsischen Sprachraum (wo man früher nur fiction für literarische Prosa und nonfiction für Sachliteratur kannte) wird zwischen Hochliteratur beziehungsweise Sprachkunstwerken (E-Literatur) und Unterhaltungs- beziehungsweise Trivialliteratur (U-Literatur) unterschieden.

Der Kritiker Joachim KAISER erklärt in einem Interview mit dem Tagesspiegel den »Unterschied zwischen Kunst erster und zweiter Klasse«:
Die einen gucken doch zu sehr nach dem Markt. Das ist das Paradox des klassischen Künstlers: Ein Beethoven wollte weiß Gott auch leben, er war ein sehr geschäftstüchtiger Mann, er hat den Markt ausgenutzt, sich aber gleichzeitig nicht von ihm beeinflussen lassen. Richard Wagner war ein ähnlicher Fall. Nachdem eine Zeit lang von ihm nichts aufgeführt wurde, wollte er eine ganz leichte Liebesgeschichte schreiben. Daraus wurde dann der Tristan.
Originalität bestünde weniger darin, in einem Text »etwas völlig anders zu machen, als vielmehr darin, wie viel Tradition er in sich birgt«. In dieser Originalität sieht er den Unterschied zwischen »großer Literatur« und Unterhaltungsliteratur.

Für Ezra POUND ist »große Literatur einfach Sprache, die bis zum Höchstmaß mit Bedeutung geladen ist«, und für Patricia HIGHSMITH bedeutet ein guter Text »Scharfblick, Charakter, Horizonterweiterung für die Phantasie des Lesers«. YEATS nennt ein Kunstwerk umso vollkommener, »je verschiedener und zahlreicher die Elemente sind, die in seiner Vollkommenheit zusammenströmen«.

Mittwoch, 18. Februar 2009

Textarten (Was ist Literatur. III)


Der Gebrauchstext

Wörtlich gemeinte Texte sind Gebrauchstexte: Der Schreiber will nicht unterhalten, sondern informieren. Er selbst tritt hinter das Geschriebene zurück. Hierzu zählen unter anderem Gebrauchsanweisungen, Werbung und Zeitungsartikel.

Der literarische Gebrauchstext

Literarische Gebrauchstexte sind nichtfiktive Texte wie Briefe oder Tagebucheintragungen einer Figur. Thomas MANN verknüpft in den Buddenbrooks einen Lexikonartikel über Typhus (»Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt«) mit dem Roman, um den Tod des kleinen Hanno darzustellen. Er erreicht damit eine stärkere Wirkung, als wenn er die Krankheit beschrieben hätte, auch vermeidet er so jede Rührseligkeit. Berühmt geworden ist auch die Passage in DÖBLINS Roman Berlin Alexanderplatz, in der Franz Biberkopf Ida, seine Braut, erschlägt:
Was die Sekunde vorher mit dem Brustkorb der Frauensperson geschehen war, hängt zusammen mit den Gesetzen von Starre und Elastizität und Stoß und Widerstand. Das erste Newtonsche [njutensche] Gesetz, welches lautet: Ein jeder Körper verharrt im Zustand der Ruhe, solange keine Kraftwirkung ihn veranlaßt, seinen Zustand zu ändern [bezieht sich auf Idas Rippen]. Das zweite Bewegungsgesetz Njutens: Die Bewegungsänderung ist proportional der wirkenden Kraft und hat mit ihr die gleiche Richtung [die wirkende Kraft ist Franz, beziehungsweise sein Arm und seine Faust mit Inhalt]. Die Größe der Kraft wird mit folgender Formel ausgedrückt:

Die durch die Kraft bewirkte Beschleunigung, also den Grad der erzeugten Ruhestörung, spricht die Formel aus:

Danach ist zu erwarten und tritt tatsächlich ein: Die Spirale des Schaumschlägers wird zusammengepreßt, das Holz selbst trifft auf. Auf der andern Seite, Trägheits-, Widerstandsseite: Rippenbruch 7.- 8. Rippe, linke hintere Achsellinie.

Bei solcher zeitgemäßen Betrachtung kommt man gänzlich ohne Erinnyen aus. Man kann Stück für Stück verfolgen, was Franz tat und Ida erlitt. Es gibt nichts Unbekanntes in der Gleichung. Bleibt nur aufzuzählen der Fortgang des Prozesses, der so eingeleitet war: Also Verlust der Vertikalen bei Ida, Übergang in die Horizontale, dies als grobe Stoßwirkung, zugleich Atembehinderung, heftiger Schmerz, Schreck und physiologische Gleichgewichtsstörung."
SIMMEL druckt in Es muss nicht immer Kaviar sein Speisekarten ab und die Kochrezepte dazu. »Auf >russisch< style="font-style: italic;">Russischem Borscht, Filet de Boef Stroganoff und Zitronen-Soufflé. Sachbuchautoren wiederum wählen eine verständliche, bildhafte Sprache und verwenden literarische Elemente wie die Schilderung von (fiktiven) Gefühlen, um den Text lebendiger zu gestalten.

Drei Möglichkeiten, über den Mond zu schreiben

Die folgende Definition aus der Kleinen Enzyklopädie Natur ist ein Gebrauchstext:
Der Mond ist unser Nachbar im Weltraum. Ein Flugzeug mit 400 km Stundengeschwindigkeit würde schon nach etwa 40 Tagen ununterbrochenen Fluges auf ihm landen. Zur Sonne würde es 42 Jahre unterwegs sein,
BÜRGELS Beschreibung in Aus fernen Welten ist ein literarischer Gebrauchstext:
Zwei Gestirne vor allem haben den Menschen seit den grauesten Tagen beschäftigt, haben auf sein Leben, sein Denken, sein Naturfühlen eingewirkt: »das große Licht, das den Tag regiert, und das kleine Licht, das die Nacht regiert«. Das Tagesgestirn haben wir bereits eingehend betrachtet, nun wollen wir uns dem bleichen Nachtwandler zuwenden, dem Monde,
und EICHENDORFFS Mondnacht ein literarischer Text:
Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst’.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
VERNE drückt den Unterschied so aus:
Für den Dichter ist die Perle eine Träne aus dem Meer … Für den Chemiker jedoch ist sie ein Gemisch aus Phosphat und Kalziumkarbonat mit etwas Gelatine. Und für den Biologen ist sie einfach eine krankhafte Sekretion des Organs, das in gewissen zweischaligen Muscheln Perlmutt produziert.
Im Gebrauchstext schreibt der Autor, was eine Figur sagt. Im fiktiven Text schreibt er, was sie denkt.

Ich beschränke mich hier, wie Sie sicher schon bemerkt haben, auf die Belletristik, die »schöne« Literatur. Viele Regeln, Beispiele und Zitate gelten aber auch für Lyrik, Essay und Sachliteratur. Doch auf einen wesentlichen Unterschied muss ich (leider) hinweisen: Literatur ist nicht gleich Literatur.

(Wenn mir jetzt noch jemand sagen könnte, wie ich die Rahmen um die Formeln wegkriege, wäre ich ihm sehr dankbar. Beim Verfassen des Posts ist er nämlich nicht zu sehen, jmw)

Aus Schriftstellers Schreibstübchen

"Unter den paar tausend Zeilen, die ich Dir gebe, könnte ich vielleicht noch zehn duldsam anhören, die Posaunenstöße im vorigen Brief waren nicht nötig, statt der Offenbarung kommt Kindergekritzel … Der größte Teil ist mir widerlich, das sage ich offen (zum Beispiel „Der Morgen“ und anderes), es ist mir unmöglich, das ganz zu lesen, und ich bin zufrieden, wenn Du Stichproben verträgst. Du mußt aber daran denken, daß ich in einer Zeit anfing, in der man „Werke schuf“, wenn man Schwulst schrieb; es gibt keine schlimmere Zeit zum Anfang. Und ich war so vertollt in die großen Worte. Unter den Papieren ist ein Blatt, auf dem ungewöhnliche und besonders feierliche Namen aus dem Kalender ausgesucht stehn. Ich brauchte nämlich zwei Namen für einen Roman und wählte endlich die unterstrichenen: Johannes und Beate (Renate war mir schon weggeschnappt wegen ihres dicken Glorienscheins. Das ist doch fast lustig)."

(Aus dem Begleitschreiben zu einigen älteren Arbeiten, die Kafka im Herbst 1903 seinem Schulfreund Oskar Pollak schickte; siehe auch http://tinyurl.com/dcx7ok)

Dienstag, 17. Februar 2009

Textarten (Was ist Literatur. II)


Der literarische Text

Ein Text (von lat. textus: Gewebe, von textere: weben) ist wie ein Teppich ein inhaltlich zusammenhängendes Gebilde. Der Schreiber webt ihn mit langen und kurzen Fäden – einige aus Zwirn und andere aus Seide –, er verflechtet sie kunstvoll und entwirrt sie wieder. Er tauscht gelbe gegen grüne, wenn sie ihm besser gefallen, und entfernt Fäden, die den Stoff überfrachten. Aber immer führt durch den Text ein roter Faden. Ab und zu wird der Teppich aufgedröselt und neu gewebt, doch nie darf der rote Faden verloren gehen. Und zum Schluss verknüpft der Schreiber kunstreich die losen Enden.

Er knüpft innere Bilder zu prunkvollen Ornamenten, und er webt hinein Tränen und Blut und manchmal ein Lachen, seine Erinnerungen und Ängste, Faden auf Faden, Farbe auf Farbe. Nicht immer ist das hübsch, was er verknüpft, nicht immer schimmert es und ist schmiegsam. Das darf es auch gar nicht sein. Denn er webt Widersprüche hinein und seine Wut und seine Gedanken über sich und die Welt.

Manche Erzähler schaffen in mühevoller Handarbeit ein wohl gebildetes Gewebe, dessen Farben auch nach Jahren noch leuchten, andere mit maschineller Routine synthetische Massenware.

Der Schriftsteller erschafft eine Illusion, eine Welt mit sprechenden und handelnden Menschen, mit Dingen und Ereignissen, die es ohne ihn nicht gäbe. Er zeigt die Schönheit und den Zauber, die zu entdecken sind, wenn der Leser die Welt mit den Augen des Erzählers sieht – Schneelandschaften oder Straßenfluchten, einen Regenmorgen am Meer oder einen Sonnenaufgang über der Wüste. Er lockt den Leser durch die packende Darstellung atmender Figuren, sich mit ungewohnten Themen, Menschen und Schicksalen zu befassen.

Der Schriftsteller beschreibt die Welt nicht, wie sie ist, er lässt sie erscheinen.

Der literarische Text erfüllt durch seine Gestaltung – wie Aufbau, Perspektive und Art des Erzählens –, durch seine Sprache – wie den Gebrauch rhetorischer Figuren und das Vermeiden von Klischees –, und dadurch, dass er dem Leser neue Erfahrungen ermöglicht, ästhetische (Ästhetik = Lehre von der Schönheit; von gr. aisthetikós: das Wahrnehmbare betreffend) Ansprüche und wird sinnlich erfahrbar. Für Sigrid LÖFFLER transportiert »literarische Sprache, wenn sie gelingt, … Bilder, Klänge, Phantasien, Erregungszustände, (sie) schafft den unmittelbaren Zugang zu den Gefühls- und Erinnerungsspeichern und gewinnt damit ihren ästhetischen Reiz«.

Der Leser kann alle Wörter, die er benötigt, in einem Wörterbuch finden. Was er aber in Ihren Geschichten findet, ist der Sinn der Worte. Und wichtiger noch, das Gefühl, das dieser Wortsinn in ihm erzeugt. … Nicht das zählt, was gesagt wird, sondern die Wirkung dessen, was gemeint ist. (Sol STEIN)

Der literarische Text beruht auf In-Frage-Stellen. TSCHECHOW schreibt am 27. Oktober 1898 an SUVORIN:
Wenn Sie vom Künstler ein bewusstes Verhältnis zu seiner Arbeit verlangen, so haben Sie recht, aber Sie verwechseln zwei Begriffe: die Lösung der Frage und die richtige Stellung der Frage. Nur zum zweiten ist der Künstler verpflichtet. In »Anna Karenina« und im »Onegin« wird keine Frage gelöst, aber beide befrieden Sie völlig, nur weil in ihnen alle Fragen richtig gestellt sind.
Ein Text mag wie die Ethik oder die Philosophie Fragen stellen nach der Moral, nach dem rechten Verhalten, er darf jedoch anders als sie keine allgemeingültigen Antworten bieten.

Der literarische Text wird nicht geschrieben, sondern sprachlich gestaltet und nach stilistischen Regeln logisch aufgebaut. Dazu gehört auch die zeitliche Ordnung. Der inhaltliche Zusammenhang reicht nicht aus, wie ich an einem Ausschnitt aus dem Kapitel Landwirtschaftsausstellung , das als eine der gelungensten Passagen in den Romanen des neunzehnten Jahrhunderts gilt, in FLAUBERTS Madame Bovary zeigen möchte:
Darin standen die Tiere, mit den Mäulern nach dem Strick hin, die ungleichmäßig hohen Kruppen aneinandergereiht, wie es gerade kam. Pferdeknechte mit nackten Armen hielten an den Trensen sich bäumende Zuchthengste, die mit geblähten Nüstern nach der Seite hin wieherten, wo die Stuten standen. Kälber brüllten, Schafe blökten, Kühe, das Knie eingeknickt, breiteten ihre Bäuche auf dem Rasen aus, käuten langsam wieder und zuckten mit den schweren Lidern, der sie umschwärmenden Stechfliegen wegen. Schläfrige Schweine wühlten mit ihrem Rüssel im Erdboden.
Ist der Text richtig gegliedert oder wirkt er unharmonisch? Richtig: ich habe die Sätze umgestellt (und einen Punkt in ein Semikolon geändert). Der erste Satz ist richtig, der folgende schildert die Szene, der darauf folgende stellt sie allgemeiner dar und der letzte Satz ungenau. Normalerweise wird vom Allgemeinen zum Besonderen beschrieben. Wie beim Zoom geht der Blick erst in die Weite, und dann werden die Einzelheiten herangeholt. Flaubert, der erste moderne Schriftsteller, beschreibt Menschen, Ereignisse und Landschaften mit fotografischer Genauigkeit, seine Sätze und Szenen ähneln Schnittfolgen und der Kameraperspektive beim Film. Hier ist also die richtige Fassung:
Darin standen die Tiere, mit den Mäulern nach dem Strick hin, die ungleichmäßig hohen Kruppen aneinandergereiht, wie es gerade kam. Schläfrige Schweine wühlten mit ihrem Rüssel im Erdboden; Kälber brüllten, Schafe blökten, Kühe, das Knie eingeknickt, breiteten ihre Bäuche auf dem Rasen aus, käuten langsam wieder und zuckten mit den schweren Lidern, der sie umschwärmenden Stechfliegen wegen. Pferdeknechte mit nackten Armen hielten an den Trensen sich bäumende Zuchthengste, die mit geblähten Nüstern nach der Seite hin wieherten, wo die Stuten standen.
Außerdem gehört zu einem literarischen Text die gleichmäßige Verteilung dessen, was erzählt werden soll: Es dürfen nicht einige Stellen mit Ereignissen überfrachtet und andere mit leerem Gerede gefüllt werden. Nicht zuletzt gehört zu ihm die optische Gestaltung wie die Unterteilung in Absätze und Kapitel.