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Mittwoch, 18. Juli 2012

Was haben eigentlich der Widerwart mit der Gegenwart und die Gegenwart wiederum mit der Antwort zu tun?


Vom Widerwart


Nachtrag zum Post http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2012/06/sinniges-und-widersinniges-uber-die.html:

Ich muss mich leider korrigieren: Es gibt den Widerwart für Feind, unangenehme Person, man muss nur ins Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm schauen. Unter anderem führen sie als BelegMatteo Maria Boiardo (1441–1494) an, der im Verliebten Roland fragt: „Woher ist dieser Widerwart gekommen?“ (S. 144)

Ganz ergötzlich schreibt Heinrich Bauer in der Vollständigen Grammatik der neuhochdeutschen Sprache dazu:
(…) die Gegenwart, neben welcher keine Widerwart statt findet, obgleich dem gegenwärtig das widerwärtig untergeordnet ist, dessen Ableitung die Widerwärtigkeiten wieder keinen allgemeinern, höhern Begriff in Gegenwärtigen mit sich hat. (S. 498)
Fritz Mauthner schreibt im Wörterbuch der Philosophie zum Stichwort Gegenwart:
Ich hätte für eine Wortgeschichte nur das D. W. [Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm] auszuschreiben, den Artikel Gegenwart aus dem unvergleichlich besten Bande des Wörterbuchs. Man hat in historischer Zeit und bis heute die Entstehung des Wortes nicht erklären können, und daraus sind wohl viele unorganische alte Formen zu erklären. In seiner ältesten Gestalt scheint das Wort nur eine Verstärkung von gegen gewesen zu sein: was gegenüber steht; der Gegenwart wie der Widerwart (in diesem Sinne widerwärtig noch bei Goethe), das dem Sprachgefühl an Widerpart anzuklingen schien, bedeutete den Gegner. Für praesentia finden sich in alter Zeit die merkwürdigen Formen Gegenwurt (falsche Analogie nach Gegenwurf = Objekt?), Gegenwürt, endlich Gegenwärtigkeit und erst im 17. Jahrhunderte unser Gegenwart, das seltsamerweise zuerst im Rechtsleben aufgekommen zu sein scheint. Gegenwart und Beisein werden gewichtig miteinander verknüpft, und Gegenwart scheint eine aktivere Beziehung zu bezeichnen, als das bloße Beisein; in so feierlicher Weise wird besonders von der Gegenwart des Richters, des Fürsten, des Gottes geredet. Eine Nachwirkung dieses Gebrauchs, der uns noch bei Goethe und Schiller mitunter den eigentlichen Sinn eines Satzes verfehlen läßt [kursiv jmw], ist in der Definition gebucht, die Adelung von dem Begriffe gibt: »Der Zustand, da man durch seine eigne Substanz ohne moralische Mittelursachen, ja ohne alle Werkzeuge an einem Orte wirken kann, die Anwesenheit.« Zweierlei ist an diesen schulmeisterlichen Worten sehr beachtenswert: daß Gegenwart vor nicht viel mehr als hundert Jahren zunächst noch gar nicht als Zeitbegriff empfunden wurde, und daß man bei Gegenwart noch unmittelbar an eine Wirksamkeit im Räume dachte. Beide Vorstellungen scheinen dem Sprachgebrauche der Gegenwart, für die das Wort ganz besonders ein grammatischer Zeitbegriff geworden ist, zu widersprechen; und dennoch lassen sich beide Vorstellungen sehr gut mit den Tendenzen der gegenwärtigen Psychologie vereinigen. 
Und die Brüder Grimm schreiben unter Gegenwart:
ursprünglich auch ein subst. m., der gegenwart gegner, wie sonst widerwart (widerwarte), woher unser widerwärtig; md.: daß er nicht underbrêche / deme gegenwarte sîne wort. [In F. K. Köpke: Das Passional: Eine Legenden-Sammlung des dreizehnten Jahrhunderts, S. 73]
Und überhaupt sei die Gegenwart „ursprünglich und lange eine fragliche“ Form gewesen, „in den wbb. zu rasch angesetzt“.

Hm. Nun wollte ich es genau wissen. Woher kommt eigentlich das „vielfach merkwürdige“ (Grimm) Wort Gegenwart? Und wahrlich, es ist ein merkwürdiges Wort, wenn die Grimms für die Erklärung fast 50.000 Zeichen benötigen … (Wer es ganz genau wissen möchte, schaue selbst auf http://woerterbuchnetz.de/DWB/?lemid=GG04611 nach.)

über die Gegenwart und Otfried von Weissenburg


Die Grimms schreiben dazu:
ahd. nur ein adj. geginwart praesens, auch gagenwarti promptus (…), kakanwarti (…) nachher gagenwerte u. ä. (…); ebenso alts[ächsisch]. geginward und geginwerd adj., altn[ordisch]. gagnvart und gagnvert (…)., in der bedeutung gegenüber, vielleicht in einer vermischung mit vart als adv. zu varr genau u. ä.; (…), sodaß man für das altn. deutschen einfluß vermuten darf. die bedeutung gegenüber gibt aber den ursprüngl. begriff genau: in meinem gesichtskreis gegen mich gekehrt oder gegen mich herkommend, d. h. wie gegen, ahd. gagan eigentlich selbst schon (…), sodaß geginwart, gaganwart wie eine verdeutlichende ausmalung des einfachen wortes aussieht (…), mittelst wart, d. h. gewendet, versus; vgl. die spätere verstärkung von gegen durch nachgebrachtes wart, wert (…), z. b. mhd. gegen dem mere wart, nhd. gen dem meer werts (vgl. DWB gegenwarts), was denn eigentlich mit dem ahd. geginwart zusammenfällt, da auch dieß zugleich eine bewegung bezeichnete, wie noch gegenwärtig.
Allerdings gebraucht Ottfrid von Weissenburg bereits um 870 im Evangelienbuch* mehrmals das Wort  géginuuerti im Sinne von Anwesenheit:
Vuir thina géginuuerti niazen mit giuuúrti,
ioh sin thih saman lóbonti allo uuórolt uuorolti. (IV, V. 24, 22–23, S. 384)  
Wo deine Gegenwart nie satt dahingibt alles was sie hat,
Und Welt an Welt zum Heil verjüngt dir ewig Hallelujah singt. (S. 155)
– In diesem Buch ersetzte er als erster deutscher Dichter den bis dahin in der germanischen Dichtung verwendeten „heidischen“ Stabreimvers (Alliteration) durch den „christlichen“ (christlich, weil er in lateinischen kirchlichen Hymnen verwendet wurde) Endreimvers. Reste davon finden wir heute noch in Redensarten wie Kind und Kegel, Haus und Hof, über Stock und Stein). (Siehe zu Otfried, vor allem im Hinblick auf seine Sprache, E. G. Graff: Krist, S. V ff.  und zum Reim Herz / Schmerz auch http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2008/10/auflsung-von-sprachrtsel-no-10.html) –

*Leider ist die zitierte Stelle in dieser Handschrift (The Heidelberg Codex (Cod. Pal. lat. 52) unlesbar)

Als ersten Beleg für den Gebrauch des Wortes Gegenwart als Zeitbegriff nennen die Brüder Grimm die Zeilen Friedrich Schillers in dessen Gedicht Poesie des Lebens - An ***, „Bei dessen Worten“
Soll gleich mit meinem Wahn mein ganzer Himmel schwinden,
Soll gleich den freien Geist, den der erhab’ne Flug
Ins grenzenlose Reich der Möglichkeiten trug,
Die Gegenwart mit strengen Fesseln binden (Gedichte. 1806, S. 153),
„wir nun mehr oder völlig an den bloßen zeitbegriff denken (…)“

Als Begriff „von der „gegenwärtigen Zeit“ sei er jedoch
jung (…)  für gegenwart, denn noch am ende des vorigen jahrh. führt ihn ADELUNG [in Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, 1796, http://www.zeno.org/Adelung-1793/A/Gegenwart,+die] gar nicht mit an (bei CAMPE nachgetragen als 2. bed[eutung,  [Wörterbuch der deutschen Sprache, 1813,  S. 831)  während er ihn beim adj. aufführt [siehe das Stichwort Actuéll; Presénce bedeutet dagegen die körperliche Gegenwart]; (…). dennoch war er schon da: in gegenwart, gegenwärtig, vor jetzo.
Eine ausführliche Zusammenstellung der unterschiedlichen Schreibweisen von Gagenwart siehe Eberhard Gottlieb Graffs Althochdeutscher Sprachschatz oder Wörterbuch der althochdeutschen Sprache, 1834, S. 64 f.)  zum Begriff Gegenwart siehe auch Goethe-Wörterbuch, Sp. 1260 ff.

zur Antwort


Die Grimms schlagen einen Bogen von der Gegenwart zur Antwort:
die ursprüngliche bed. eines feindlichen entgegenstehens, die uns in widerwärtig noch anklingt, in mhd. zeit auch in gegenwart m. gegner vertreten (…), zeigt sich in dem begrifflichen subst. nd. in dem bose yegenwart für malus occursus (…), eigentlich was mir feindlich entgegentritt; man sehe dazu gegen in seiner entstehung (…), daß ursprünglich auch bewegung mitgedacht sein konnte. von da mag es zunächst in den gebrauch vor gericht übergegangen sein. (…)
gerade im rechtsleben ist nämlich im 13. 14. jh. das ältere antwerte daneben noch geläufig (…), z. b.: swen man vor gerichte schuldiget in sîn antwerte, wirt her ding [vluchtic, her ist in der clage gewunnen; in Sachsenspiegel, Art. 45, S. 89; in der Ausgabe steht allerdings statt antwerte antwurte] nd. in sîn antwerde; in sîn antworte. (…) ebenso zu antwerte, antwurte gegenwärtig. da aber vor gericht das antworten, gegenreden die hauptsache war, ist es begreiflich daß sich die begriffe gegenwart und antwort verflochten, (…); die mischung ist so völlig, daß auch die form mit e (eigentlich i) vom antworten gebraucht war (…); lebt sie doch noch in unserm deutsch in überantworten (…). ja das auffallende fem. von unserm antwort (…) mag sich eben aus dieser mischung herschreiben. selbst gegen und ant gehäuft findet sich, aus einer md. hs. des Ssp [Sachsenspiegel]. bringt HOMEYER im reg[ister] unter antwort bei zu geginantworte, gemeint wol: als gegenwärtig zur verantwortung, vergl. [und dar du] jegenwardich* tur antwerde nicht [en denne also] [Der Rechtsteig Landrechts nebst Cautela und Premis, S. 299]
*auch uniegenwardich

Im Mittelhochdeutschen Handwörterbuch von Matthias Lexer finden wir unter ant-würte antwort :
antwort. nbff. antwerte, antwert, antwirt, éntwurte, (…) entwürt u. später antwort. im rechtlichen sinne die antw. vertheidigung des beklagten (nach clag und antwurt, red und widerred) und rechenschaft.
und unter ant-würten:
prät. antwurte. nbff. antworten, antwerten (prät. antwarte), antwirten, éntwurten, éntwerten: antworten; verantwortlich sein, rechenschaft geben; sich gegen eine gerichtliche klage vertheidigen. allg.mit ge-, ver-.

und zu ward/wart/wert/wurt


Woher die Silbe ward/wart/wert/wurt (-wärts) kommt, habe ich nicht recherchiert, man mag es mir nachsehen. Eigentlich sollte dieser Beitrag ja nur nachweisen, dass es den Widerwart doch gibt. Dass ich dabei wieder einmal vom Hündchen zum Stöckchen gekommen bin, liegt halt an den äußerst ausführlichen Ausführungen der Brüder Grimm. Aber wer daran interessiert ist, schaue in Graffs Althochdeutschem Sprachschatz nach. Auf 23 Seiten hat er sämtliche Formen und Bedeutungen dazu zusammengetragen, darunter in den Spalten 1001 f. die zu Antwort (Antwart, antwarti, antwerti = gegenwärtig und Antwart, Antwarti, Antwerti, Antwurt, Antwurti = Gegenwart (siehe antwurti  in wort), von Spalte 1008 bis 1010 alle Formen zu Gaganwart = Gegenwart und in  Spalte 1020 ff. alles zu Wort. Das Wörterbuch erinnert etwas an die heute üblichen Wortwolken auf Webseiten und Blogs, benützt der Drucker doch unterschiedliche Schriftgrößen für die Einträge, was das (Quer-)Lesen ungemein erleichtert.

Wer mag, lese die bewegende Vorrede zu seinem Werk). Beklagt er doch unter anderem den durch die  mangelnde Unterstützung verzögerten Druck – welcher Schriftsteller kann ihm da nicht aus vollstem Herzen zustimmen. Und er schreibt: „Mit welchen Empfindungen werde ich, wenn Gott mich mein Werk vollenden läßt, am Schlusse desselben auf diese Zeilen blicken? Mit noch tieferem Grame? oder mit einem in Dank und Freude aufgelösten Gemüthe?” Die Antwort kennen wir nicht, aber hoffen wir das letztere. Zumindest hat er die Herausgabe des Buches 1834, das er 1824 begonnen hatte, um sieben Jahre überlebt.

Donnerstag, 14. Juni 2012

Sinniges und Widersinniges: Über die Unlogik der deutschen Sprache. I


Wider bedeutet gegen, das wissen wir seit der Schule, als unser Lehrer angewidert war, wenn er in unseren Aufsätzen mal wieder wiederspiegeln lesen musste, und er, wenn wir ihm widersprachen, auf unsere Widerworte widerlich reagierte. Aber wenn wider gegen bedeutet, warum ist dann der Widerstand kein Gegenstand, aber das rot unterstrichene Widerwärtige in unserem Diktatheft für unsere Eltern durchaus gegenwärtig?

Uns dagegen widerte das Warten auf das Wiederbekommen der Diktathefte an, ja, es war uns zuwider, weil wir wieder erwarteten, dass die Seiten von rot unterstrichenen Fehlern wimmelten. Wider Erwarten hatte der Lehrer aber nichts gegen Werte, wenn sie sich in unseren Aufsätzen widerspiegelten. Und er wird sicher nicht widersprechen, wenn ich wieder spreche, dass man wider Widerreden reden und sich Gegensätzen widersetzen kann.

Warum ist etwas widersprüchlich, wenn andererseits nichts dagegen spricht, jeden Morgen im Kalender wieder Sprüche zu lesen, mögen sie noch so widersinnig sein (warum bedeutet eigentlich dagegen sprechen etwas anderes als widersprechen)? Und warum sollen wir immer wieder streben, nach Geld, nach Besitz, nach was auch immer, wenn uns das widerstrebt? Und überhaupt, warum sind wir widerspenstig, widerborstig, gar widersetzlich, wenn wir uns diesem Ansinnen widersetzen, und warum gibt es keinen Widersatz?

Ich habe inzwischen gelernt, dass man Gegensprechanlagen nicht widersprechen kann und dass man im Gegenlicht den Widerschein der Sonne in einem Tautropfen nicht fotografieren sollte. Es gibt nichts, was ich gegenwärtig widerwärtig finde, auch mag ich in der Gegenwart und auch sonst nicht nichts mit einem Widerwärtigen zu tun haben, aber warum gibt es keinen Widerwart? [Nachtrag: Es gibt ihn! Siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2012/07/was-haben-eigentlich-der-widerwart-mit.html]

Ach ja, schon Jacob Grimm hielt in seiner Deutschen Grammatik aus dem Jahr 1826 die Unterscheidung zwischen wider und wieder für widersinnig:
(Es) haben die grammatiker (...) einen unbegründeten, dem ohr unvernehmbaren unterschied zwischen wider und wieder eingeführt, um die bedeutung contra [lat. = gegen] oder rursus [lat. = wieder, nochmals] damit zu faßen. Da diese natürlich in einander streifen, z. b. wider-schein sowohl abprall und gegenwirkung, als wiederhohlung des lichts bezeichnet, (...) so könnte man die unterscheidung getrost aufgeben. (S. 796)
Auch Konrad Duden fand das unsinnig. So schreibt er in einer Fußnote zum Stichwort wieder/wider in der ersten Ausgabe seines Wörterbuches (Leipzig 1880, S. 181):
... an sich sind beide Auffassungen, also auch beide Schreibungen, zufällig und zwar um so mehr, als wieder und wider ursprünglich dasselbe Wort sind, welches beide Bedeutungen („noch einmal“ und „entgegen“) in sich vereinigte. (Zitiert nach GrafOrtho)
Doch da er sich nicht durchsetzte, wurden diese Schreibweisen auf der Orthographischen Konferenz im Juni 1901 in Berlin festgeschrieben.

Was meint eigentlich der aktuelle DUDEN dazu? Nun, er schreibt, dass dieses „Wort oder diese Verbindung rechtschreiblich schwierig“ ist. Und zu Herkunft des Wortes schreibt er kurz und knapp: „mittelhochdeutsch wider, althochdeutsch widar (Präposition, Adverb), eigentlich = mehr auseinander, weiter weg“ (http://www.duden.de/rechtschreibung/wider), und unter dem Stichwort wieder („mittelhochdeutsch wider, althochdeutsch widar) weist er daraufhin, dass wieder erst im 17. Jahrhundert orthografisch und nach der Bedeutung von wider unterschieden wurde (http://www.duden.de/rechtschreibung/wieder).

Da weiß Johann Christoph Adelung aber mehr. Im Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart aus dem Jahr 1801 schreibt er unter anderem:
Dieses alte Wort lautet schon von den frühesten Zeiten an widhar, und ward ehedem auch häufig mit dem Dative gebraucht, widar mir, Notker. Im Niederdeutschen wedder, im Ulphilas vithra, im Schwed. veder. Von dem seit langen Zeiten eingeführten orthographischen Unterschiede zwischen dieser Präposition wider und dem Adverbio wieder, siehe das letztere [den Eintrag zum Wörtchen wieder, jmw]. (http://www.zeno.org/Adelung-1793/A/Wider?hl=wider)
Er spricht sich auch für die Beibehaltung der unterschiedlichen Schreibweisen aus:
Ob nun gleich beyde Wörter im Grunde Eines Stammes sind, so ist es doch in der neuern Hochdeutschen Mundart seit dem 16ten Jahrh. gewöhnlich, selbige durch die Orthographie zu unterscheiden, und die Präposition wider, ohne e, das Adverbium aber mit dem e, wieder zu schreiben. Es ist der Mühe werth, die Ursache aufzusuchen, durch welche man dazu bewogen worden; und diese liegt ohne Zweifel in der Klarheit und Deutlichkeit des Ausdruckes.
Joachim Heinrich Campe schreibt im Wörterbuch der deutschen Sprache aus dem Jahr 1811
Dieses wieder ist eigentlich wie wider gleichen Urspunges, wie vor und für, dann und denn, wann und wen; man hat sie aber ihrer verschiedenen Bedeutungen wegen, die bei gleicher Schreibung dieser Wörter, verwechselt und mißverstanden werden könnten, durch verschiedene Schreibungen unterschieden. (S. 706)
Alle drei, Adelung, und Campe und vor allem Grimm, haben eine Menge zum Wörtchen wider zu sagen (lesen Sie einfach, wenn Sie mögen, hier,  hier und hier nach) und  Adelung hier und Campe hier zum Wörtchen wieder.

Ach ja, ich persönlich bin wieder nicht wider wider …

Mittwoch, 20. September 2006

Kommentar zu all dem Unlogischen

Deutsch ist eine merkwürdige Sprache. Wenn es ernst wird sagen die Leute: Das kann ja heiter werden.

R.M.Chandra

Sonntag, 17. September 2006

Welcher Hahn kräht nicht? Unlogisches IV (und ein Sprachrätsel)

Es ist eine ganz bekannte Tatsache,
daß die Viertel-Stündchen größer sind als die Viertelstunden.
Lichtenberg

Und welches Pferd frisst kein Heu? Welcher Schuh hat keine Sohle? Welche Hose kann man nicht anziehen? Wie viele Erbsen gehen in ein Literglas?

Wenn die Arbeitspause eine Pause von der Arbeit bedeutet, was ist dann die Atempause? Die Kaffeemühle mahlt Kaffee, die Windmühle … In der Sprechstunde des Arztes werden keine Warzen und Gürtelrosen besprochen. Wir messen in Pferdestärken und beobachten Walfische. Im Meeresspiegel kann man sich nicht spiegeln*, der Buchmacher stellt keine Bücher her, eine Preisgabe ist kein Geschenk.

Das Matterhorn ist kein Horn, sondern ein Berg. Der Teufelsberg in Berlin, auf dem sogar einmal ein Wordcup-Slalom stattfand, weil die Berliner so wintersportbegeistert sind, ist fünfundfünfzig Meter hoch und besteht aus Trümmern. Auf Wellenberge kann man nicht klimmen, im Ruhrgebiet findet man trotz der Bergwerke keine Berge.

Das Haus kann ein Haus sein, aber auch das Parlament bedeuten. Im Berliner Abgeordnetenhaus tagte die Abgeordnetenversammlung, bevor sie in den Preußischen Landtag zog. Im Wort Bundestag bedeutet der Tag ebenfalls Parlament, im Reichstag traten dagegen früher die Fürsten zusammen.
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Das Wort widerspiegeln, das ich im gestrigen Exkurs verwandte – ups, seit wann bin ich mit einem Wort verwandt –, ist natürlich falsch. Denn alles Spiegeln ist ein Widerspiegeln. Das Wort ist also ein Pleonasmus.

Donnerstag, 14. September 2006

Noch mehr Unlogisches

Alle Kirschen sind gepflückt, nun sind sie alle. Alle kann alles oder nichts bedeuten.* Wer ist älter, die ältere Dame oder die alte Frau, wer jünger, der jüngere oder der junge Mann? Was meint ein Vater von vier Kindern damit, wenn er sagt »Ich habe nur Töchter« – ausschließlich Töchter oder (leider) nur Töchter? Und was hat ahnten mit ahnden zu tun?

Jean PAUL schreibt dazu:

Ahnen bedeutet vorausfühlen, Ahnden strafen; warum will man beides mit einem Worte ausdrücken, zu welchem einige Ahnen, andere Ahnden wählen? Wie, wenn ich nun sagen wollte: ich ahne das Ahnden, ja man wird wieder das Ahnen ahnden; d. h. ich ahne (errate) das kritische Ahnden (Strafen) dieser Stelle, denn man wird sogar dieses Erraten strafen wollen. … Auch hat Ahnen für sich noch das Schwanen (mir schwant es), das einige vom weissagenden Schwanengesang ableiten.

Nutzen Sie die ungeheuren Möglichkeiten, »glitzernde Wörtchen« (LICHTENBERG) zu finden, denn ein schlampig geschriebener Text ist Ihrem Leser nicht geheuer, wenn nicht gar ein sprachliches Ungeheuer.

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* Das Wort alle als Bedeutung dafür, dass etwas nicht mehr vorhanden ist, soll auf hugenottische Schwestern zurückgehen, die in Berlin Spitzen verkauften. Wenn sie etwas nicht mehr auf Lager hatten, sagten sie zu ihren Kundinnen »c’est allé« – es ist (aus)gegangen. Wenn SCHILLER in den Räuber schreibt, »Der Wein all’ ist in unsern Schläuchen», bedeutet das schlicht und einfach, dass die Weinschläuche leergetrunken sind und nicht, wie ein französischer Übersetzer annahm, dass sie in den, nun ja, inwendigen Schläuchen sind.

Mittwoch, 13. September 2006

Über Un-Wörter


Die deutsche Sprache ist unlogisch, man nehme nur die Vorsilbe Un-. Im allgemeinen dient sie zur Verneinung von Eigenschaften und Zuständen wie bei Unvermögen, Unachtsamkeit oder Ungeduld. Doch wie sieht es aus mit Menge und Unmenge, Kosten und Unkosten, Summen und Unsummen, die jeweils dasselbe bedeuten? Hier wirkt die Vorsilbe bedeutungsverstärkend. Ist Unrat die Verneinung von Rat, Unmut die Verneinung von Mut, Unwetter die von Wetter? Bei solchen Wörtern bedeutet die Vorsilbe, dass etwas schlecht, falsch oder unangenehm ist.

Die Untiefe kann das Gegenteil von Tiefe (abgeleitet von Un- als Verneinung, also nicht tief) bedeuten, als Zusammensetzung mit Tiefe aber eine ungeheure Tiefe. »Hans, der mit Paul verwandt ist, starrt unverwandt auf das Fenster« – was haben verwandt und unverwandt miteinander zu tun?

Doch Vorsicht: Diese Art von Un-Wörtern kann gefährlich werden, weil sie oft erniedrigend gebraucht wird und im Leser Un-Willen hervorruft: wenn Unfug zur Untat wird, die Unperson zum Unmenschen, wenn vom unwerten Leben und unwerten Dasein gesprochen wird.

Unwörter können auch zu Reizwörtern werden: Du undankbares Kind! Dein Lehrer sagte uns, dass deine Leistungen ungenügend sind, dass du unpünktlich, unartig und unwillig bist. Wir geben uns ungeheure Mühe mit Dir, aber du bist unvernünftig, unerträglich und unerfreulich. Geh in dein Zimmer und komme erst wieder, wenn du nicht mehr so unfreundlich und unleidlich bist. Unfassbar, was du uns mit unserer unendlichen Geduld antust. Kein Wunder, dass sich solch ein Kind unangenommen und ungeliebt – unwürdig fühlt und immer unter Unsicherheit, Unzufriedenheit und dem Gefühl der Unzulänglichkeit leiden wird.

Versuchen Sie, für Wörter die mit der Vorsilbe -un beginnen, vor allem bei Zusammensetzungen mit einer weiteren Vorsilbe, bessere Ausdrücke zu finden. Sie wirken unschön, ungeschickt und unprofessionell.

Siehe dazu auch:
http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/10/uber-deppen-aussagen-selbstmord-und.html und http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2006/07/mgen-htte-ich-schon-wollen-aber-drfen.html