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Sonntag, 31. August 2008

Tolle Sprüche

"Wenn Sie zu den Senioren in ihrer Sprache sprechen und seniorengerechten Nutzen barrierefrei kommunizieren, gewinnen Sie lukrative Kunden, steigern Ihren Umsatz dramatisch, und sichern Ihren Wettbewerbsvorsprung auf Dauer!"
(Gefunden auf auf der Startseite eines Fachmanns für 50plus-Marketing)

Hm, dieser Satz wird mir, fürchte ich, schlaflose Nächte bereiten. Denn ich werde nächtelang grübeln, wie Senioren sprechen oder auch, weil ich die angesprochene Seniorin bin, inwiefern sich meine Sprache zu früher geändert hat. Ich hoffe nicht, dass der Fachmann damit meint, man solle der Gruppe 50plus gegenüber eine einfache Sprache gebrauchen, weil sie komplexe Zusammenhänge nicht mehr versteht.

Über die Wendung „seniorengerechten Nutzen barrierefrei kommunizieren“ werde ich lieber nicht nachdenken, denn ich werde sicher auch nach vielen schlaflosen Nächten nicht darauf kommen, was der Texter der Website damit meint.

Mittwoch, 27. August 2008

Achtung: Klischees! (Ihre Figuren. VII)


Ein US-amerikanisches Sprichwort sagt: »Ein Klischee ist grauenvoll, zehn sind unerträglich, fünfundzwanzig grandios«. Doch überlassen Sie Klischees lieber den Schreibern von Heftchen oder Drehbüchern von Seifenopern.

Schreiben Sie keine Klischees, mag das Leben noch so klischeehaft sein.

Beim Beschreiben von Figuren können Sie leicht in Klischees verfallen: die Narbe über der rechten Gesichtshälfte, die Tätowierungen, das nervöse Zucken des linken Augenlids Ihres Bösewichts. Ihr Bösewicht starrt auch nicht mit kleinen schwarzen oder verwaschenen blauen Augen (haben Sie schon einmal gelesen, dass der Held mit verwaschenen blauen Augen seinen Gegner beäugt?) und trägt kein dünnes Goldkettchen (dünnes Goldkettchen ist ohnehin ein Pleonasmus, da Kettchen bereits eine Verkleinerungsform ist). Und vergessen Sie die »dumme« Blondine. Und der Held ist kein weißblonder, stahlblauäugiger Recke mit markantem Kinn und einer klaren, hohen Stirn.

Nur in der Trivialliteratur behandelt der Schurke die wunderschöne Gefangene mit kalter Höflichkeit, mustert sie mit ausdruckslosem Blick aus einem Gesicht, das eisige Kälte ausstrahlt, ist seine einzige Regung ein eisiges Glitzern in den eng stehenden eisgrauen Augen unter den zusammengewachsenen Augenbrauen, stiert der Gefängniswärter verschlagen mit Rattenaugen, ist sein Äußeres verwahrlost, sein Gesicht bärtig mit faulenden Zähnen in einem wulstlippigen Mund. Und nur dort knirscht der Schlüssel im rostigen Schloss der Gefängnistür.

Die Zigeunerin, die Ihr Held aufsucht, um sich aus der Hand lesen zu lassen, trägt keine klingenden Münzen an ihrem weit schwingenden roten Rock mit dem engen schwarzen Mieder. Ihr fällt auch keine rabenschwarze Löwenmähne, die sie mit einem bunten Kopftuch mühsam bändigt, über die schmalen Schultern. Sie schaut nicht aus schwarzglühenden Augen und spricht kein gebrochenes Deutsch, und sie verstaut Ihre Scheine nicht in einer in einer prächtigen Kassette aus Ebenholz, edel verziert mit geheimnisvollen arabischen Schriftzeichen und Sternen und Monden. Nein, sie trägt ein Designer-Kostüm, der Held wird vom Walkürenritt ihres Handys gestört, und die Münzen klappern höchstens im Portemonnaie. Lieber sind ihr Schecks.

Ältere Damen tragen keine grauhaarige Betonfrisuren und keine geblümten Kleider und warten nicht sehnsüchtig auf den Anruf ihrer erwachsenen Kinder, der dann doch nicht kommt. Sie wohnen nicht Reihenhäusern mit schmalen Vorgärten. Und Rentnerehepaare schaukeln nicht abends auf der Veranda im letzten Schein der Sonne in ihren Stühlen (so wie nicht alle Rentner auf Mallorca überwintern oder auf dem Traumschiff ihre stattliche Rente verjubeln).

Weitere Stereotypen gefällig? Hier sind sie (wohlgemerkt – ich habe sie mir nicht ausgedacht, sondern einer seriösen Tageszeitung entnommen):
Huschende Augen; unsteter, fast panischer Blick; jungenhaftes Grinsen, das Harmlosigkeit signalisiert; instinktive Wachsamkeit, die hinter dem japanischen Lächeln lauert; müdes Lächeln; forensische Kühle; rosige, wie von Puder bestäubte Wangen; oberlehrerhafter Zeigefinger; pastoral vor dem Schmerbauch gefaltete Hände; auffallend kleine Füße; einen cleveren, ja zu cleveren Eindruck machen; der Kleine, fast Zwerg, der Zu-kurz-Gekommene; auch Zwerge haben klein angefangen; am Hemdkragen rumfummeln; linkisch Blumen hochhalten; die Zunge, die die Wangen aufbeult.
Ein einziges schlechtes Wort zerstört jeden gut geschriebenen Text.

(eine der wichtigsten Schreibregeln; am besten abtippen und über den Schreibtisch hängen!)

REICH-RANICKI schreibt in seiner Kritik zu Anna SEGHERS’ Roman Das Vertrauen:
Wer gut und wer böse ist, wird uns immer nachdrücklich mitgeteilt: »Er sah vor sich Ulspergers schönes, hartes Gesicht, seine aufrechte Haltung.« Einer, der ein schönes und hartes Gesicht hat und sich überdies aufrecht hält, ist natürlich ein vorbildlicher Kommunist. Oder: »Hell stach es aus Janauschs weißblauen Augen heraus in Webers ruhigen, noch jungen Blick, als berührten sich die Spitzen zweier elektrisch geladener Drähte.« Und selbst der Klassenletzte ahnt, daß sich derjenige, aus dessen Augen etwas heraussticht, als ein Verräter, der andere hingegen als ein treuer Sohn des Arbeiter- und Bauernstaates erweisen wird.
Aber mit einer derartigen Kennzeichnung ihrer Gestalten gibt sich Anna Seghers nicht zufrieden, sie hat neuerdings noch massivere Mittel in Reserve: Um die Abscheulichkeit jenes Janausch, aus dessen Augen etwas heraussticht, vollends zu verdeutlichen, läßt uns die Erzählerin wissen, daß er einen ekelerregenden Geruch verbreitet.
Zu HEYMS 5 Tage im Juni schreibt er:
Heyms Romanfiguren voneinander zu unterscheiden ist oft nicht leicht, dafür kann man, wie beim Fußballspiel, gleich erkennen, auf welcher Seite sie stehen. Da gibt es Bürger der DDR mit widerlichen Zähnen und spinnenhaften Fingern, sie haben in ihrem Wesen »etwas Lauerndes und zugleich Herrisches«, sie sind geil und feige und mißhandeln Frauen. Von einem heißt es, er habe »in besseren Tagen die Zwangsarbeiter von Rowono« drangsaliert, dem anderen wird wenigstens ein Vater nachgesagt, der in der SS war. Sie alle sind – wie könnte es anders sein? – westliche Agenten. »Wenn es brodelt, steigt der Dreck nach oben« – werden wir belehrt.
Und zu ANDERSCHS Efraim:
Hier aber sind die meisten Darlegungen entwaffnend banal und naiv zugleich, ein Klischee jagt das andere. Der deutsche Verleger ist blond, »ungeheuer humorlos« und zeichnet sich durch Gründlichkeit aus. Der jüdische Journalist wird »von Unrast beherrscht« und trägt natürlich »randlose Gläser, die mich zum Intellektuellen machen«; um den Angestellten der Jüdischen Gemeinde – in Berlin Anno 1962 – ist »etwas Morgenländisches«, der alte enttäuschte Kommunist hat »ein nicht nur von der Arbeit, sondern auch von Leiden ausgehöhltes Gesicht«. In Rom ist es trocken und sonnig, in London feucht, grau und neblig.
Nachtrag: Sie haben Probleme mit der Figurenbeschreibung? Trösten Sie sich: Sie stehen nicht alleine da. Denn auch Schüler sind oft verzweifelt, weil sie in einer Klassenarbeit Personenbeschreibungen machen müssen. Eine entzückende (dieses Adjektiv sei mir gestattet) Sammlung mit Fragen von Schülern zu dem Thema fand ich hier: lehrerfreund.de/in/schule/1s/personenbeschreibung-aufbau/

Dienstag, 26. August 2008

Die Hauptperson: Ihr Leser. I


Liebe deinen Leser wie dich selbst. (Wolf SCHNEIDER)

»Jedes Kunstwerk hat es in sich, daß es wahrgenommen werden will. Es will, wie monologisch es ausfallen mag, jemanden ansprechen. Und wenn auch dieser Jemand, den wir ansprechen, von uns durchaus als Fiktion gemeint ist«, schreibt Max FRISCH. Für wen studieren Sie also Ihr Handwerk? Für wen erdulden Sie Qualen, Einsamkeit, Angst vor dem leeren Blatt Papier? Für sich selbst? Ja, in erster Linie, denn das Schreiben soll vor allem Ihnen Freude bereiten. – »Ich finde nicht, daß ein Künstler sich mit Gedanken an sein Publikum belasten sollte. Sein bestes Publikum ist der Mensch, dessen Gesicht er allmorgendlich im Rasierspiegel erblickt«, so NABOKOV. – Aber auch für ein Gegenüber: für Ihren Leser. Sie schreiben die ersten Seiten für ihn, damit er die nächsten zwanzig oder zweihundert auch noch liest. Sie sehen ihn vor sich und überlegen, wie Ihre Worte und Ihr Thema auf ihn wirken, wie Sie seine Neugier wach halten können, und vermitteln ihm mit literarischen Mitteln ein einzigartiges Erlebnis, Sie lassen ihn vergessen, »dass er eigentlich nur Worte auf Papier sieht«, wie Sol STEIN schreibt.

ECO schreibt dazu in der Nachschrift zu Der Name der Rose:
Es kann sein, daß der Autor beim Schreiben an ein empirisch vorhandenes Publikum denkt, wie es die Begründer des neuzeitlichen Romans taten, Richardson, Fielding oder Defoe, die für Kaufleute und deren Gattinnen schrieben, doch für ein Publikum schrieb auch Joyce, der sich einen Idealleser mit einer idealen Schlaflosigkeit vorstellte. In beiden Fällen heißt schreiben – ob nun der Schreibende glaubt, ein vorhandenes Publikum anzusprechen, das mit dem Geld in der Hand vor der Tür steht, oder ob er sich vornimmt, für einen künftigen Leser zu schreiben – sich mit Hilfe des eigenen Textes den gewünschten Lesertyp schaffen.
»Schreiber, was bemühst du dich, immer gut zu schreiben?/  Liest dich denn ein jeder gut? Treib’s, wie’s alle treiben!«, meint Wilhelm MÜLLER, doch

Der Leser verdient, dass Sie das Beste geben, was Ihnen möglich ist, auch wenn er nicht weiß, was das ist. Er hat einen Anspruch darauf, dass Sie ihn mit Hochachtung behandeln. Er opfert Ihnen Lebenszeit, ebenso wie Sie Lebenszeit geopfert haben, um ihn zu unterhalten.

Denken Sie daran, dass Sie Ihren Leser nicht kennen und jeder Leser andere Bedürfnisse hat. Der eine will bei der Lektüre entspannen, der andere einen Gewinn für sein Leben daraus ziehen und etwas lernen, der dritte sucht Abenteuer oder Trost. Und manch einer möchte »Abhakliteratur« (abhaken: ursprünglich seemännisch: vom Haken des Schleppers nehmen) lesen: Er setzt hinter jeden dritten Satz in Gedanken ein Häkchen: »Ja, stimmt, das kenne ich, genauso habe ich gefühlt, als ich arbeitslos wurde.« – »Ja, ganz genauso habe ich reagiert, als Oliver mir sagte, dass er ausziehen wird.«

Ihr Leser möchte lachen, weinen oder beides zugleich, er möchte er möchte sich im Helden wiederfinden, möchte mitfiebern und spekulieren, ob er es schafft, aus dem Elend herauszukommen. Er möchte seine Gedanken schweifen lassen, möchte erinnert werden oder Hoffnung spüren, aber auch Wut, Zorn, Ärger. Er möchte, dass Sie dem Sprache verleihen, was er selbst nicht auszudrücken vermag. Womöglich vergisst er zu essen oder packt ihn das Fernweh, weil Sie so eindrucksvoll einen Markt auf Mauritius oder eine Reise nach Timbuktu geschildert haben. Er möchte Ihr Buch zur Arbeit mitnehmen, in die S-Bahn, ins Bett, weil er nicht aufhören kann zu lesen. Er möchte den Alltag vergessen. Und manchmal möchte er beten nach der Lektüre. Lesen bedeutet sich einzufühlen in andere Menschen, sich mit ihm auseinanderzusetzen, und vermittelt dadurch soziale Kompetenz.

Doch Sie können es nicht jedem Recht machen. Zwanzig Prozent der Leser werden schockiert das Buch zuklappen, wenn Ihre Heldin mit ihrer neuen Eroberung auf der ersten Seite ins Bett hüpft, springt sie nicht gleich mit ihm ins Bett, werden das dreißig Prozent der Leser spießig finden. Der eine Leser legt ein Buch zur Seite, wenn es zu reißerisch beginnt, der andere, weil ihm missfällt, dass der Autor nicht gleich mit der Tür ins Haus fällt. Schreiben Sie jedoch so stromlinienförmig, dass Ihr Leser nichts zum Anecken findet, wird das so öde sein, dass nach zehn Seiten neunzig Prozent Ihrer Leser weg sind. Und denken Sie daran: Sie schreiben Ihre eigene Wahrheit sie ist nicht allgemeingültig. Nicht jeder Leser wird Ihrer Meinung sein, doch wie langweilig wären Bücher, wenn wir in ihnen nur das fänden, was wir ohnehin fühlen und denken.

Patricia HIGHSMITH schreibt in Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt, dass ein
Schriftsteller finanziell mit guten Erfolgen rechnen (kann), wenn er aktuelle Trends kopiert und dabei logisch und nüchtern vorgeht, denn solche Imitationen lassen sich verkaufen und beanspruchen den Schreiber auch emotionell nicht zu stark. Er kann daher zwei- onzder zehnmal soviel produzieren wie ein origineller Autor, der sich nicht nur physisch und gefühlsmäßig verausgabt, sondern dazu noch riskiert, daß sein Buch abgelehnt wird.
Schreiben Sie so, dass Ihr Leser nicht einschläft. »Ein Mann«, so William ZINSSER, »der in seinem Sessel eingenickt ist mit einer halb gelesene Zeitschrift auf dem Schoß, ist jemand, dem der Schreiber zu viel unnötige Mühe bereitet hat.« Aber lassen Sie ihn träumen. Das bedeutet jedoch nicht, wie ECO schreibt, die Leser »zu besänftigen, mit versöhnlichen Bildern zu trösten. Es kann auch heißen, sie aufzuschrecken: mit Alpträumen, Obsessionen«.

Vor allem aber will der Leser unterhalten werden, ob er den Zauberberg liest oder Vom Winde verweht.

Montag, 25. August 2008

Schreiben – was bedeutet das? I

Schreiben ist eine Arbeit so hart wie Holzhacken. (SIMMEL)

Holzhacken ist deshalb so beliebt, weil man bei dieser Tätigkeit den Erfolg sofort sieht. (Albert EINSTEIN)

Ein Buch zu schreiben ist wie ein Boot zu rudern. Wenn man erst einmal auf hoher
See ist, merkt man, dass man ein Galeerensklave ist
und einfach weiter rudern muss.
(unbekannt)
Das Schreiben zählt zu den großen Leistungen des menschlichen Geistes, in denen sich seine Freiheit ausdrückt. Es läßt der Individualität Raum. Es ist eine Quelle der Freude, ein Weg, auf dem es vieles zu entdecken gibt. Wer sein eigenes Leben schreibend verfolgt, vertrauensvoll und gelassen, empfindet die Welt immer als einladend und rätselhaft, als unermeßliche Sphäre, die lebendige Realität und Unberechenbarkeit des Traums miteinander vereint. Durch das Hin-und-her-Wechseln zwischen Erlebnis und Gedanke gelangt der Schreibende über Raum und Zeit hinaus. Ihm gehört das ganze unerforschte Reich der menschlichen Vorstellungskraft (William STAFFORD).
Schreiben bedeutet auch, Leben in Geschichten zu verwandeln und Geschichten mit Leben zu füllen.

Schreiben bedeutet Ausdauer

Schriftsteller arbeiten immer, sie hören niemals auf. (Edna O’BRIEN)

Karl KRAUS beschreibt den »Werdegang des Schreibenden«: »Im Anfang ist man’s ungewohnt und es geht darum wie geschmiert. Aber dann wird’s schwerer und immer schwerer, und wenn man erst in die Übung kommt, dann wird man mit manch einem Satz nicht fertig.«

Schreiben zählt nicht nach Minuten, Stunden oder Tagen. Meist hat der Schriftsteller an dem, was Sie in zehn Minuten lesen, zehn Stunden oder zehn Tage gearbeitet, denn zum Schreiben gehören auch das Recherchieren und vor allem das Feilen. Manche Autoren sind froh, wenn sie an einem Tag wenigstens eine Seite zustande bringen. LOWRY zum Beispiel hat für seinen Roman Unter dem Vulkan zwölf Jahre benötigt. Für Christoph PETERS besteht »Literatur – so banal das klingt – nicht aus Ideen oder Konzepten, sondern aus Sätzen. Und wenn jeden Tag drei Sätze gelingen, sind das bei 365 Jahrestagen schon 1095.«

In einem Interview mit dem Tagesspiegel antwortete Martin WALSER auf die Frage, wie viele Seiten er am Tag schreibe: „Das können wir ja mal ausrechnen. Nehmen wir die gedruckten Seiten vom »Lebenslauf der Liebe«, etwas über 500. Mehr als 600 Tage habe ich geschrieben, dann komme ich nicht auf eine Seite pro Tag.«

Oft ist der Text abends sogar kürzer als morgens, weil der Autor so viel gestrichen hat. So beklagt sich KAFKA in einem Brief an Max Brod:
Daß ich so viel weggelegt und weggestrichen habe, ja fast alles, was ich in diesem Jahre überhaupt geschrieben habe, das hindert mich jedenfalls auch sehr am Schreiben. Es ist ja ein Berg, es ist fünfmal so viel als ich überhaupt je geschrieben habe, und schon durch seine Masse zieht es alles, was ich schreibe, mir unter der Feder weg zu sich hin.«
So wie der Chemiker, ohne auf die Uhr zu schauen, konzentriert im Labor arbeitet, der Paläontologe, ohne auf die Zeit zu achten, in der Wüste Gobi nach Dinosaurierknochen sucht, der Bergsteiger den K2 besteigt, arbeitet der Autor konzentriert an seinem Text.

Schreiben heißt Geduld

Außer Phantasie, Begeisterung(!), Schreibgerät, Papier, benötigen Sie zum Schreiben vor allem Geduld und Hartnäckigkeit. Denn schreiben heißt auch warten, warten auf Einfälle, auf den passenden Satz, das einzig richtige Wort an einer bestimmten Stelle.

Ich kann Ihnen keine Wunder versprechen, Ihr Weg wird lang und einsam werden (frei nach Jacqueline KENNEDY), zu oft werden Sie verzagen und den Federhalter beiseite legen (oder den Laptop ausschalten) und nie wieder ein einziges Wort schreiben wollen. Doch geben Sie nicht auf! Denken Sie daran: Sie sind in guter Gesellschaft. Viele namhafte Schriftsteller haben wieder und wieder gezweifelt und waren wieder und wieder verzweifelt, weil ihnen nichts einfiel, weil das, was ihnen einfiel, ihnen nicht gefiel, weil das, was ihnen gefiel, anderen, einem Lektor zum Beispiel, nicht. Und sie haben doch weiter geschrieben, so wie SARTRE, der sich in einem Brief an Simone DE BEAUVOIR beklagt:
Es gibt ausgezeichnete Sachen im Stillen Don, allerdings ist er nicht so gut wie Neuland unterm Pflug. Gut genug jedoch, um mich zu beschämen: ich habe heute morgen dreißig Seiten über ein Damenorchester zerrissen und weggeworfen, dann habe ich die Hoffnung aufgegeben, je mein Handwerk zu beherrschen, dann habe ich die Frage klugerweise auf später verschoben. Ich werde morgen von vorn anfangen.
Für VALÉRY entsteht Gelungenes »durch Verwandlung aus Verfehltem. Verfehlt heißt demnach: zu früh aufgegeben«.

Schreiben bedeutet kein Hundertmetersprint, sondern die Tour de France: durchhalten, auch wenn jedes Glied schmerzt, sich immer wieder neu motivieren und dem Ziel – das eigene Buch – alles andere unterordnen. Oder, um mit Walter GOODEFROOT, dem Teamchef des ehemligen Radsport-Teams Telekom, zu sprechen: Stürzen, aufstehen, siegen.

Samstag, 23. August 2008

Figuren sind auch nur Menschen (Ihre Figuren. VI)


Oh je, höre ich Sie sagen, da habe ich Ihre Beiträge studiert, ich habe sie ausgedruckt und durchgearbeitet, habe alles Wichtige markiert (und manchmal ein Fragezeichen an den Rand geschrieben), habe meinen Figuren Eltern, Geschwister, Großeltern Onkel, Tanten, Cousins und Freunde und eine Ausbildung gegeben, habe sie mit Vorlieben und Abneigungen, mit Talenten und mit mindestens zwanzig negativen und dreißig positiven Charaktereigenschaften versehen. Ich weiß, wie sie aussehen, was sie fühlen, wie sie sich geben, und trotzdem bleiben sie nur Papierfiguren. Wie kann ich sie atmen lassen – wie kann ich sie lebendig machen? Noch einmal: Schlüpfen Sie in Ihre Figuren und seien Sie Roswitha oder Martin, ebenso wie Ihr Leser das tut, wenn Sie sie gut geschildert haben. Nicht Roswitha leidet die Qualen eines Liebeskummers, sondern Sie erleiden ihn, nicht Martin wird gemobbt, sondern Sie. Nicht Hannelore findet ein Kästchen mit Goldmünzen, sondern Sie, nicht Anna fährt voll Sehnsucht in die Toskana, sondern Sie, und wenn Sie Kindergeschichten schreiben, ist nicht Paule plötzlich auf einem fernen Planeten, sondern Sie sind es. Sie verkörpern die Figur, ebenso wie ein Schauspieler, wie Dustin Hoffman Rain Man ist und Meryl Streep Karen Blixen.

Doch wie es so ist, Menschen sind Individuen und haben ihren eigenen Willen und ihre eigenen Vorstellungen. Damit ein lebendiger Text entsteht, müssen Sie sich von Ihren Figuren überraschen lassen, die im Laufe des Schreibens ihr eigenen Leben führen. Eine Nebenfigur kann sogar zur Hauptfigur werden und die Hauptfigur zur Nebenfigur. Denn die Figuren lösen sich von Ihnen, entwickeln sich, entscheiden sich und handeln, ohne Sie zu fragen. Manchmal beeinflussen sie sogar den Ausgang dessen, was Sie erzählen möchten. CERVANTES wollte mit Don Quijote die Fahrten der Troubadoure und damit die altmodischen Ritterromane verspotten, doch »der Ritter von der traurigen Gestalt«, wie Ludwig TIECK ihn nennt, entwickelte ein Eigenleben: Aus dem Narren wurde im zweiten Band ein Idealist, der an der Wirklichkeit scheitert, daran, dass die Träume, die er der Lektüre von Ritterromanen entnommen hatte, nicht mit ihr vereinbar waren.

Die Figuren beginnen zu leben und Sie leben mit ihnen. Sie lieben sie – wie soll Ihr Leser sie lieben, wenn Sie das nicht tun –, Sie leiden und freuen sich mit ihnen und weinen, wenn Sie Ihre Heldin sterben lassen müssen, auch wenn das für die Geschichte notwendig ist. Harry MULISCH erzählt von seinen Erfahrungen beim Schreiben seines Romans Siegfried:»Als der kleine Siegfried erschossen wird, da tat ich mich schwer. Ich habe öfters geschrieben, wie einer stirbt. Normalerweise trinke ich ein Glas Wein, wenn mir diese Szene gelungen ist. Diesmal war es anders, es war scheußlich. ... Ich habe ihn auf andere Weise getrunken, ich wollte was wegspülen.«

Für die Dramaturgie Ihrer Geschichte kann es sogar wichtig sein, dass Sie Ihre Figur quälen, sogar durch psychische Gewalt, auch wenn Sie das ablehnen und Sie körperliches Unbehagen beim Schreiben fühlen. »Quäle die Heldin«, rät DUMAS D. Ä. allen werdenden Autoren. Je mehr Unglück der Autor auf den Schultern seiner Hauptfigur ablädt, um mehr Aufmerksamkeit wird er beim Publikum finden.

Die Figuren können aber auch ein Eigenleben entfalten, das Sie erschreckt: Ihr Held zeigt plötzlich negative Eigenschaften oder der Antagonist entwickelt sich zum Positiven. Unter Umständen müssen Sie sogar den Roman umschreiben. Das kann zum Beispiel erforderlich sein, wenn Sie über einen Landwirt von altem Schrot und Korn schreiben und auf Seite 170 feststellen, dass er sich völlig anders verhält, als Sie beabsichtigt hatten, weil Sie anders als ein Landwirt denken und es Ihnen nicht gelungen ist, sich in dessen Welt zu versetzen. Auch Schauplatz oder Zeit können sich ändern. Halten Sie nicht an den einmal festgelegten Orten fest, gönnen Sie Ihren Figuren auch die örtliche Veränderung.

Das Eigenleben der Figuren und Handlungen macht einen Text lebendig.

Andererseits: ECO wusste, als er »Jorge in die Bibliothek setzte«, »noch nicht, daß er der Mörder war. Er hat das Ganze sozusagen auf eigene Faust getan. Und man halte das nicht für einen »Idealismus« wie die Behauptung, Romanpersonen hätten ein Eigenleben und der Autor lasse sich, wie in Trance, ihr Handeln von ihnen eingeben. Dummheiten für Abituraufsatzthemen. Nein, die Personen sind gezwungen, nach den Gesetzen der Welt zu handeln, in der sie leben. Anders gesagt, der Erzähler ist der Gefangene seiner eigenen Prämissen.«

Ob das Eigenleben der Figuren nun Dummheit ist oder nicht: Geben Sie die Regie nicht ab und schauen nur noch zu, was mit Ihrem Text geschieht: Sie entscheiden über Ihre Geschichte, das Wohl und Wehe Ihrer Figuren – Sie sind der Boss. Ihre Geschichte geschieht einzig und allein auf dem Papier, sie lässt sich jederzeit mit einem Füllerstrich oder Mausklick ändern. Seien Sie also mutig und spielen Sie mit den Möglichkeiten: Die Heldin schickt ihren Liebhaber in der nächsten Szene in die Wüste; wenn sie ihn ermordet, besorgen Sie ihr im nächsten Kapitel einen guten Anwalt. Ja, Sie können sogar aus dem Paul eine Paula machen und umgekehrt: aus dem Mann, der dreißig Jahre älter ist als seine Geliebte, eine Frau, die dreißig Jahre älter ist als ihr Geliebter. Bei meiner Kurzgeschichte Fräulein K. habe ich das getan. Zuerst war es Herr K., der sich in eine viel jüngere Frau verliebt. Das fand ich abgedroschen und verwandelte Herrn K. in Fräulein K. (was merkwürdigerweise die Männer nicht gut fanden).

Und noch etwas: Die Idee, die Sie zum Schreiben veranlasst hat, ist kein Dogma. Gestatten Sie sich neue Einfälle, die Ihnen im Laufe der Geschichte kommen. Manchmal ist es angebracht, die ursprüngliche Idee dortzulassen, wo sie anfangs war: in Ihrem Kopf, und das Papier, auf das Sie Ihr Konzept (von lat. concipere: aufnehmen, erkennen, auffassen, schwanger werden) geschrieben haben, dorthin zu werfen, wohin Konzeptpapiere gehören: in den Papierkorb.

Freitag, 22. August 2008

Konflikt! Konflikt! Konflikt! … (Ihre Figuren. V)


… sind laut FREY die drei wichtigsten Regeln für eine spannende Geschichte. Konflikt entsteht, wenn der Protagonist und der Antagonist entgegengesetzte Ziele haben und diese verfolgen. Denn nur wenn ein Problem die Figuren zum Handeln zwingt, interessiert sich der Leser für den Text; die Figuren dürfen nicht passiv etwas erdulden. Für eine Charakterdarstellung (von gr. charakter – abgeleitet von charassein: einritzen, prägen – mit der moralischen Bedeutung »Haupteigenschaft«, später auch »Unterscheidungsmerkmal«; seit dem 17. Jahrhundert die dem Menschen eingeprägte innere Form), überhaupt für jede Geschichte, benötigen Sie also ein Hindernis, aus dem sich ein spannender Konflikt ergibt. Aber auch dieser Konflikt muss glaubwürdig sein, damit der Leser eine Verbindung zwischen Fiktion und Realität, zwischen dem Helden und sich herstellen kann.

Konflikte (von lat. confligere: zusammenschlagen, zusammenstoßen) können sein: der Mensch im Kampf gegen sich selbst oder einen anderen, gegen Organisationen oder die Gesellschaft, gegen die Natur oder das Schicksal. Entwickeln Sie den Konflikt zur Krise, arbeiten Sie die Klimax aus, und enden Sie mit der Aufdeckung und Wiedergutmachung einer Ungerechtigkeit, der Aussicht auf Glück oder einer Erkenntnis über das Leben. Sie können auch den Niedergang eines Charakters darstellen: Der liebenswerte, aber kleinmütige Held lässt den Leser hoffen, dass er sich zum Besseren bekehrt, scheitert aber am Ende; der Kämpfer gegen Ausbeutung und Korruption hält den Kampf nicht durch und wird aus Gründen, die Sie beweisen müssen(!), Teil des Systems.

Denken Sie außer an die psychologischen Feinheiten auch an das Motiv, an die Triebfeder, die die Art, Richtung und Stärke des Handelns bestimmt. Im Othello ist sie rasende Eifersucht, im Geizigen krankhafter Geiz, im Kohlhaas der Kampf um sein Recht.

Helden oder Bösewichter (Ihre Figuren. IV)


Kein Mensch ist schlecht, keiner! Und ich verbürg’ es. (WILDE)

Auch Ihr edler Held hat Schwächen und darf verlieren. – Achill und Siegfried sind uns sympathisch gerade wegen ihrer verwundbaren Stellen. – Er darf nicht vollkommen sein; er muss das haben, was ARISTOTELES den »tragischen Fehler« nennt: Der Leser möchte, dass sich durch einen Konflikt Wesen und Handlungsweise des Helden zum Besseren ändern. Denn ist er fehlerlos, kann sein Charakter nur schlechter werden. Nur der Trivialautor beachtet nicht die Widersprüche, die einen Charakter ausmachen. Denken Sie beim Entwerfen Ihrer Figuren auch an die Leiche im Keller oder das Skelett im Schrank, an ihre Schatten.

Schildern Sie also einen Charakter durch Gegenmotive: Zeigen Sie das Laster vor dem Hintergrund einer Tugend. Versehen Sie Ihren Schurken mit positiven Eigenschaften, damit er nicht plakativ wirkt: der Vorliebe für Barockmusik oder dem Engagement für Obdachlose. Oder schildern Sie ihn so böse, dass er schon wieder fesselt. Umgekehrt soll Ihr »edler« Held negative Eigenschaften besitzen: Der Klaviervirtuose schlägt seine Kinder, die Sozialarbeiterin ist eine Kleptomanin.

Soll Ihre Hauptfigur Sieger oder Besiegter sein? – Doch bedenken Sie, dass Figuren, die Sie anfangs als Schurken schildern, später zu Helden werden können. Wer hat nicht schon Mitleid mit dem Dieb oder Kidnapper gehabt, dem die Polizei dicht auf den Fersen war, weil sie mit all ihren Schwächen und Stärken geschildert werden? –

Barbara SLAWIG findet es »unerlässlich«,
»auch diejenigen Personen stark und stimmig zu gestalten, mit deren Handlungsweise ich im wirklichen Leben nicht einverstanden wäre. Es ist für einen Autor sehr leicht, einer Person den moralischen Boden unter den Füßen wegzuziehen, sie als böse zu denunzieren. Die meisten Menschen handeln jedoch aus der Überzeugung heraus, dass ihre Handlungsweise gerechtfertigt ist, und wenn ich diese Überzeugung als lächerlich oder fadenscheinig hinstelle, dann mache ich die Person zu einer Pappfigur.«
Auch Ihr Bösewicht schläft, träumt, isst, lacht und wird geliebt.

Für einen Wahnsinnigen wird Ihr Leser sich kaum interessieren, weil er zu unmotiviert handelt, für einen Psychopathen jedoch eher als für einen edelmütigen Helden. Dr. Hannibal Lecter aus HARRIS’ Schweigen der Lämmer fasziniert gerade deshalb, weil er menschlich dargestellt wird.

Ihre Figuren wirken dynamischer, wenn sie in einem Umfeld handeln, das nicht ihrem Charakter entspricht. Der Weichling stopft keine Kartoffelchips vorm Fernseher in sich hinein, sondern strampelt in einem Fitnessstudio verzweifelt seine Pfunde ab. Die mausgraue Beamtin tanzt in einer Disco, wohin sie ein junger Punk gelockt hat.

Lassen Sie den Charakter sich äußerlich erkennbar widersprechen. Versehen Sie einen farblosen Menschen mit einem reichhaltigen Innenleben und eine sympathischen Figur mit miesen Eigenschaften. Der Held – ein Psychopath – in Ruth RENDELLS Sonderling wirkt so liebenswert, dass der Leser hofft, dass er keinen weiteren Mord begeht. Natürlich mordet er dann doch.

Auch die Widersprüche im Charakter müssen, wie alle Eigenschaften Ihrer Figuren, für Ihren Text wichtig sein; sie müssen ihr Handeln und Fühlen beeinflussen.

Zeigen Sie den Charakter Ihrer Figuren anhand der Umgebung, in der sie leben. Graham GREENE beschreibt zum Beispiel ein Zimmer:
Dieses Zimmer hatte ich noch nie gesehen; ich war stets nur Sarahs Freund gewesen, und als ich Henry kennenlernte, geschah es in ihrem Bereich, in dem Wohnzimmer mit der bunt zusammengewürfelten Einrichtung, von der nicht zwei Stücke zusammenpaßten, demselben Stil angehörten oder planvoll aufgestellt waren, wo alles dem jeweiligen Augenblick anzugehören schien, weil niemals ein Erinnerungszeichen eines vergangenen Geschmacks, eines überlebten Gefühls zurückbleiben durfte. Dort machte die Einrichtung den Eindruck, daß sie benützt wurde, während ich jetzt in Henrys Arbeitszimmer das Empfinden hatte, daß es nie wirklich bewohnt worden war. Ich zweifelte, ob er Gibbons »Römische Geschichte« je aufgeschlagen hatte, und die Gesamtausgabe von Scotts Werken stand wohl nur deshalb da, weil sie – gleich der Bronzekopie des Diskuswerfers – vermutlich aus dem Besitz seines Vaters stammte. Und doch war er in seinem kaum benutzten Zimmer glücklicher, einfach deshalb, weil es sein Eigentum war. Voll Bitterkeit und Neid dachte ich: Wenn man etwas sicher in seinem Besitz weiß, dann braucht man es nie zu benützen. (Das Ende einer Affäre)
In der Erzählung Als die Standuhr drei Mal schlug wird der Charakter anhand der Wohnung und dem Tagesablauf der Heldin gezeigt:
Nach dem Frühstück fuhr sie mit dem Teppichkehrer über die Fußböden der zwei Zimmer von den fünf, die sie nur noch bewohnte. Anschließend ging sie im Stadtpark spazieren und auf dem Rückweg schaute sie beim Supermarkt an der Ecke vorbei, legte ein halbes Pfund Mohrrüben oder Rosenkohl, eine kleine Packung Reis, ein Viertel Gehacktes und manchmal auch ein Putenschnitzel in den Einkaufswagen. Und Kitekat und Trill. (jmw)
Erklären und beschreiben Sie nicht den Charakter, sondern zeigen Sie ihn.

Schildern Sie Ihren Helden so, dass sich der Leser mit ihm identifizieren kann. Was aber, wenn Ihr Held, wie bei Ruth Rendel, ein Psychopath ist? Dann, so Patricia HIGHSMITH, für die allerdings das Identifizieren »ein Terminus« ist, »den ich schon nicht mehr hören kann«, »sollte man dem Leser einen oder zwei weniger wichtige Personen liefern (am besten eine, die nicht von dem psychopathischen Helden umgebracht wird), damit er sich mit einer von ihnen identifizieren kann.«

Charakter und Darstellung müssen stimmen (Ihre Figuren. III)


Ob Sie einen Kriminalroman voll action schreiben, eine Familiengeschichte mit fetzenden Dialogen, einen Fantasyroman oder einen historischen »Schinken«: Die Charaktere, das Milieu, die Sprechweise, Ihre Darstellung insgesamt, müssen stimmen. Denn Sie schreiben über »lebendige Wesen, die mit ungestümer Kraft zum Gipfel des Erfolges stürmen oder die aus Mißgunst diesen Gipfelstürmern Fallen stellen oder die aus Verzweiflung über die unerreichbaren Ziele sich töten wollen« (MEYNECKE).

Wählen Sie vor dem Schreiben den Charakter der Hauptfigur. Soll sie der Schurke oder die schillernde Figur sein? Wer ist der Gegenspieler? Wer sagt oder tut an welcher Stelle die wichtigen Dinge? Wessen Gedanken sind es Wert, gehört werden? – Berücksichtigen Sie, dass Sie Ihre Figuren, ob Hauptfigur oder Gegenspieler, gleichwertig und mit der gleichen Sorgfalt darstellen müssen. – Arbeiten Sie die Charaktere sorgfältig aus und achten Sie darauf, dass das, was sie tun, schlüssig ist. In einem Thriller darf die Agentin – die rechte Hand des Geheimdienstchefs –nicht erschrecken, weil sie eine Yacht mit dem Killer, den sie in Mexiko vermutet, in Marokko entdeckt. Cool muss solch eine Frau schon sein.

Prüfen Sie, ob Ihr Held seinem Charakter gemäß, also personallogisch, handelt. Wie alles, was Sie in Ihre Geschichte einbringen, glaubwürdig sein muss, muss auch Ihre Figur einen Grund für ihr Tun haben. Fragen Sie sich, bevor Ihre Heldin sich in den Schurken verliebt, ob das möglich ist. Haben Sie den Manager, der einer Sekte verfällt, so beschrieben, dass Ihr Leser sein Handeln versteht? Billigt der Leser, dass Ihr Geizkragen zehntausend Euro für Tsunamiopfer spendet (dass er Steuern sparen will, wäre zu einfach und vor allem ein Klischee)? Für Henry JAMES folgt »aus dem Charakter … zwangsläufig das Ereignis. Das Ereignis kennzeichnet den Charakter«.

Alles, was Sie schreiben, muss glaubwürdig sein: Ihre Figuren, auch der Bösewicht, müssen so real wirken wie die Menschen, denen Sie im Alltag begegnen.

Der Dummkopf auf dem Dachboden

Prüfen Sie auch, ob das, was Ihr Held tut, der gesunde Menschenverstand nachfühlen kann. Lassen Sie ihn nicht in eine stockfinstere Jahrmarktsbude gehen, über deren Eingang »Höllentor« steht, um sich von einer Zigeunerin aus der Hand lesen zu lassen. Würden Sie das tun? Dieser Fehler ist als »Der Dummkopf, der auf den Dachboden geht« bekannt geworden: »Ein Mann hört ein schlurfendes Geräusch auf dem Dachboden. Er nimmt eine Taschenlampe und geht die Treppe nach oben. Schritt für Schritt.« An dieser Stelle fragt sich der Leser: Warum geht der Idiot auf den Dachboden? Ich würde das nie tun. Er legt das Buch aus der Hand, weil er sich fragt, wie die anderen Figuren handeln, wenn schon die Hauptperson unglaubwürdig ist. (Vor allem wird er nicht weiter lesen, wenn Sie die Zigeunerin auch noch klischeehaft beschreiben.)

Sie müssen begründen, warum sich eine Figur so und nicht anders verhält, sonst wird der Text unglaubwürdig.

Auch Figuren haben eine Biografie (Ihre Figuren. II)


Ihre Figuren atmen und handeln, sie sind mehrdimensional. Um sie zum Leben zu erwecken, müssen Sie alles über sie wissen – was sie antreibt, umtreibt, was sie fühlen, worüber sie sich ärgern und freuen. Sie haben Vorlieben, Vorurteile, Talente, Rituale, Schulden, Krankheiten, Schmerzen. Sie träumen und sie lügen. Sammeln Sie Informationen zu diesen Themen, aber auch zur Zeit (wann wurde welche Schlager im Radio gedudelt, wann waren Petticoats, gebatikte indische Kleider, Jeans mit Löchern modern, wer war wann Bundeskanzler, Bundespräsident, welche Parteien regierten?), und Wetter (schließlich beeinflusst es mehr oder weniger unseren Alltag, also auch den Ihrer Figuren; nicht ohne Grund beginnen viele Geschichten damit) – Ihrer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Sammeln Sie Zeitungsartikel und Fotografien aus allen Gebieten wie Sport, Tagesgeschehen, Kunst, Klatsch und Tratsch, damit Sie jederzeit Vorlagen haben, wenn Sie sich ein Bild vom Umfeld Ihrer Figuren machen möchten. Denken Sie daran: Ihre Figuren leben nicht im luftleeren Raum. Thomas MANN legte sich zu jedem Thema Mappen an, in denen er alle Fotos aus Illustrierten sammelte, die dazu passten. Bilder von Krankenhäusern halfen ihm beim Schreiben von Krankenhausszenen, solche von Lokomotiven und Bahnhöfen beim Schreiben über Abschiede. Beschreiben Sie Straßen, Plätze, Läden, Sehenswürdigkeiten, die Sie bei einem Spaziergang in Ihrer Stadt oder auf Reisen sehen (hier dürfen Sie nach Herzenslust beschreiben (siehe die Beiträge übers Erzählen).

Schreiben Sie zu jeder Figur eine Biografie, damit Sie Sie sie kennen lernen, mit allen Einzelheiten zur Kindheit, zum familiären Hintergrund, aber auch zu Freundschaften, zu Ausbildung und Beruf, zum Alter. Welche seelischen Verletzungen haben sie erlitten und welche Glanzleistungen vollbracht? Was essen sie gern (oder auch nicht), wie kleiden sie sich? Welche Macken haben sie? – Überlegen Sie, was sie von den anderen Figuren unterscheidet, denn jede Figur muss anders sein. Freundinnen mögen sich zwar im realen Leben ähneln, aber den Leser langweilt das. – Aber auch:
  • Wie sehen Ihre Figuren aus? Sie sollten sie vor sich sehen wie auf einer Fotografie (welche Augenfarbe, Haarfarbe, aber auch: wie klingt die Stimme, sind sie kurzsichtig oder weitsichtig);
  • welchen Körperbau haben sie (wie Größe, ob gelenkig, knochig, schlank/dick, arm an Gestik und Mimik);
  • Informationen zur Religions(Sekte)-/Partei- oder Vereinszugehörigkeit (wie Greenpeace oder Mitglied in einem Kirchenchor);
  • zu Charaktereigenschaften (wie charismatisch/graue Maus, ehrlich/unehrlich/lügt gern, emotionell/gefühlslos, entschlossen/unentschlossen, fleißig/faul, geduldig/ungeduldig, Führernatur (Führungsqualitäten)/Mitläufer, Kämpfernatur/wirft schnell die Finte ins Korn, konsequent/inkonsequent, mutig/feige, offenherzig/zugeknöpft, Optimist/Pessimist, Partymensch/Einzelgänger, selbstbewusst/voller Minderwertigkeitskomplexe, selbstlos/egoistisch (voller Eigenliebe), treu/untreu, offen/hinterhältig, stur, tolerant, vertrauensselig/misstrauisch/argwöhnisch, arrogant, dominant, eifersüchtig, gerecht leicht beinflussbar, nachtragend, willensstark, zerstreut; neigen sie zur Selbstüberschätzung, sind sie hilfsbereit, gierig, gastfreundlich (und weitere der rund fünftausend Eigenschaften, die ein Mensch so hat, siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2008/08/heldinnen-und-bsewichter-ihre-figuren-i.html);
  • wie sind sie im Umgang mit anderen (wie kontakfreudig, kontaktarm; berühren sie gern andere Menschen, umarmen sie sie bei der Begrüßung);
  • aber auch Infos zu Lastern (sind sie abergläubisch, rauchen sie, trinken sie gern ein Gläschen, sind sie ein Putzteufel);
  • zu Vorlieben und Hobbys wie Blumenpflege und Gärtnern (welche Blumen und Pflanzen mögen sie; welche nicht), Kochen (was kochen sie gern), Lesen (was für Bücher lesen sie gern bzw. nicht gern), Musizieren (welche Komponisten mögen sie, welche Musikrichtung und welche nicht), Töpfern;
  • zu Abneigungen wie putzen, kochen, aufräumen, sich unter Menschen begeben, aber auch Ängste, Zwänge und Panikattacken;
  • zu Begabungen wie zum Beispiel für Mathematik, Kunst, Sprachen, und natürlich auch das, was sie nicht können.
Wie sind die Wohnverhältnisse? Malen Sie einen Plan mit allen Einzelheiten: Wohnung – Bungalow oder Plattenbau –, Einrichtung – wo stehen Herd und Bett, wie sind die Wände tapeziert, mit Blümchen- oder Raufasertapete; hängen an den Fenstern Wolkenstores oder Lamellen? Blättern Sie in Möbelkatalogen, stöbern Sie in Immobilienanzeigen. Elizabeth GEORGE dachte sich, bevor sie Auf Ehre und Gewissen zu schreiben begann, ein Internat aus (aber erst nachdem sie neun verschiedene Schulen besucht hatte, zeichnete dessen Grundriss, beschriftete die Räume und möblierte sie, und hängte ihn an die Wand, bis sie das Buch fertiggeschrieben hatte.

Patricia HIGHSMITH erzählt, dass sie
»einmal während der Hochsaison zu Weihnachten in einem Warenhaus … gearbeitet (hat). Da war ein Chaos von Details, Geräuschen, Menschen und einem neuen, ziemlich hektischen Tempo: ein endloser Strom kleiner Dramen, die man bei Kunden, Mitarbeitern und den recht selbstherrlichen Managern beobachten konnte. Diesen neuen Schauplatz habe ich in meiner Schreiberei voll ausgenutzt. Als Schriftsteller sollte man sich auf jede neue Szene stürzen, die einem in den Weg kommt, sich Notizen machen und sie an der richtigen Stelle verwenden. Das gleiche gilt für neue Städte, Großstädte und Länder, ja sogar für neue Straßen. Eine verwahrloste Straße irgendwo, voll von Mülleimern, Kindern und streunenden Hunden, ist für die Phantasie ein ebenso fruchtbares Feld wie ein Sonnenuntergang am Kap Union, wo Byron seinen Namen in eine der Marmorsäulen des Apollotempels geritzt hat.«
Einen guten Link zu Profilerstellung habe ich hier gefunden.

Sammeln Sie lieber zu viele als zu wenige Informationen. Sie müssen nicht alle verwerten, Sie müssen nur wissen, dass sie zu Ihren Figuren gehören und ihr Verhalten prägen.
Für FLAUBERT gibt es »zahlreiche Einzelheiten, die ich nicht aufschreibe [zu Madame Bovary, jmw]. So war für mich Herr Hornais leicht pockennarbig. – In dem Abschnitt, den ich augenblicklich schreibe, sehe ich ein ganzes Mobiliar (einschließlich der Flecken auf den Möbeln), von dem kein einziges Wort gesagt wird.

Sie vermeiden mit den Aufzeichnungen auch, dass Sie einer Figur auf Seite 150 eine völlig andere Charaktereigenschaft oder Augenfarbe zuweisen als am Anfang oder gar den Überblick verlieren. BALZAC benutzte Puppen, um sich beim Schreiben nicht zu verheddern: Wer gestorben war, verschwand in einer Kiste.

Nebenbei: Um Figuren zu entwerfen, können Sie einen Trick anwenden, den schon SHAKESPEARE benutzte: Suchen Sie sich einen Schauspieler oder eine andere reale Figur als Vorbild für eine Figur und übernehmen Sie dessen Körpersprache, Ausdrücke, die Art sich zu geben, zu bewegen, Gefühle zu zeigen. Recherchieren Sie über sein Privatleben, um ihn näher kennenzulernen.

Und nun fragen Sie sich noch, ob Sie Figuren eingeführt haben, in die sich der Leser hineinversetzen, mit der weinen und lachen kann. Führen Sie aber auf den ersten Seiten nicht jede Figur mit all ihren Lebensumständen und Eigenschaften ein; nach den nächsten zehn Seiten hat der Leser die Hälfte vergessen und weiß nicht mehr, wer was ist oder was wer wann warum wo tut. Doch sollte er seinen Leser nicht seitenlang auf die Folter spannen, bis die Heldin erscheint, nach zwei Seiten möchte der Leser zumindest wissen, mit wem er es hauptsächlich zu tun hat. Nach einem Drittel des Buches sollten Sie allerdings keine Figur mehr einfügen.

Donnerstag, 21. August 2008

Heldinnen und Bösewichter (Ihre Figuren. I)


Der Leser will Außergewöhnliches lesen: nicht über den Durchschnittsbürger, der ist er selbst, sondern über Riesen oder Zwerge; nicht über die Durchschnittsehe, sondern über Lachen, Weinen, Streit, Versöhnung. Die Figuren sollen einerseits so sein wie er selbst, denn er identifiziert sich mit ihnen, er erkennt in ihnen sein Spiegelbild und seinen Schatten. Ist er selbst langweilig und spießig, sollen die Figuren noch langweiliger und spießiger sein als er. Andererseits sollen sie das bisschen mehr Mut und Glamour besitzen, das er sich selbst immer gewünscht hat. Sie sollen böser, feiger, glücklicher sein als gewöhnliche Menschen, sie sollen leidenschaftlicher lieben, tödlicher hassen, sollen größere Wünsche haben, größere Autos fahren und in größeren Häusern wohnen. Der Leser will Erfahrungen sammeln, die er anders nicht gewinnen kann. Deshalb sollen Figuren mit Eigenschaften und Angewohnheiten, guten und schlechten, versehen werden, die sie von den anderen unterscheiden und sie herausheben aus der Menge. Der Leser interessiert sich nicht besonders für das, was er kennt. Ihn lockt das, was ihm ähnelt und doch fremd ist.

Ohne Figuren, die lieben und hassen, verbinden und integrieren, lachen und weinen, die wütend, neidisch und böse sind – die leben –, gibt es keine Handlung, ist keine Geschichte denkbar

Aber wie erreicht man, dass die Figuren, die Charaktere, die Helden, Protagonisten und Antagonisten zwischen zwei Buchdeckeln leben? Dass sie atmen wie Du und ich? Nun, die Menschen sind vielschichtig: Jeder Mensch besitzt rund fünftausend Charaktereigenschaften, heißt es. Schöpfen Sie also aus sich selbst, kundschaften Sie aber auch aus, was Sie nicht sind. Sie selbst sind der Ursprung Ihrer Figuren: Arbeiten Sie Ihre Facetten aus und formen Sie daraus eigene, vielschichtige Charaktere. Erfinden Sie sich neu. Denken Sie an Ihre Schattenseite, aber vergessen Sie Ihre Sonnenseite nicht. Überlegen Sie, was geschehen wäre, wenn ein Ereignis in Ihrem Leben nicht stattgefunden hätte. All das ergibt unendlich viel Material für Ihre Geschichten.

Lernen Sie die Menschen kennen

»Romanschreiber sollten des Studiums des echten Lebens nie überdrüssig werden.« (Charlotte BRONTÈ)

»Wenn du das Leben verstehen willst, hör auf zu glauben, was die Leute sagen und schreiben. Beobachte lieber dich selbst, und mach dir deine eigenen Gedanken.« (TSCHECHOW)

Leblose Figuren bleiben Ihrem Leser gleichgültig. Um lebendige Menschen zu schaffen, nicht »Perspektiventräger«, die nur die Handlung vorantreiben sollen, müssen Sie Vorbilder für Ihre Figuren suchen. Versetzen Sie sich also in andere Menschen, studieren Sie ihre Natur und versuchen Sie, ihr Handeln zu verstehen. Sie müssen kein Psychologe sein, Sie müssen sich nur Zeit für den anderen nehmen. Die besten Geschichten entstehen aus dem genauen Beobachten von Menschen. Doch vorher

beobachten Sie sich selbst

»Jeder Alptraum ist ein Hinweis auf die in der menschlichen Seele verborgenen Schätze der Vorstellungskraft. Was jeder Schriftsteller braucht, gleichgültig ob er schon etabliert ist oder erst anfängt, ist irgendein Zauber, ein Schlüssel,
der ihn mit sich selbst in Berührung bringt.« (John GARDNER)

Der Dichter besitzt die Gabe, sich selbst zu beobachten und auch aus dem scheinbar Banalen und Flüchtigen wichtige Erkenntnisse zu gewinnen – und er besitzt die Gabe, sie anderen zu vermitteln. Überlegen Sie also, wie Sie bei bestimmten Ereignissen handeln und was Sie in bestimmten Situationen fühlen. Wie würden Sie sich weiter verhalten? Wie drücken Sie Liebe, Enttäuschung, Freude, Wut, Erfolg und Niederlage und Ablehnung körperlich aus? Wie atmen Sie? Wie laufen Sie eine Treppe hinab, wie schließen Sie eine Tür? Wie sitzen Sie mit Freunden, mit der Familie, am Esstisch? Wer sitzt am Kopfende? Wie öffnen Sie eine Weinflasche?

Schauen Sie sich Ihre Mitmenschen an

Befassen Sie sich aber auch mit den Gefühlen, auch mit den außergewöhnlichsten, und mit den Wünschen und Sorgen Ihrer Mitmenschen. Woher wollen Sie sonst wissen, welche Freuden und Nöte sie bewegen?

Führen Sie keinen Small Talk, sondern hören Sie den Menschen, die Ihnen im Büro, bei Seminaren oder im Urlaub begegnen, aufmerksam zu. Sprechen Sie mit anderen Menschen über ihre Hoffnungen und Ängste, fragen Sie sie nach ihren Träumen und Gedanken. Lassen Sie sich ihr Leben erzählen.

Beobachten Sie Gebärden, Gesten, die Körpersprache: Was verrät jemand durch sein Äußeres? Wie streicht sich die Frau im Bus das Haar zurück? Wie sitzt der Mann im Bahnhofswartesaal? Wie bewegt sich die Verkäuferin? Verschränkt er die Arme vor der Brust? Geht sie aufrecht oder gebeugt? »Welche Sprache hat sein Lächeln?« (Anna RHEINSBERG)

Achten Sie auch auf scheinbar Nebensächliches, denn für das Drum und Dran Ihrer Figuren ist jede Einzelheit wichtig. Ihre Geschichte kann noch so spannend erzählt sein: Den Leser, der die Figur nicht vor sich sieht und ihren Charakter nicht kennt, lässt es kalt, wenn der ach so böse Einbrecher die arme alte Frau überfällt und in ihrem Blute liegen lässt. Betrachten Sie also die Menschen – hässliche und schöne, alte und junge –, achten Sie auf Figur und Frisur, Hautfarbe und Gesichtsausdruck, auf Falten, Warzen und Narben. Hinken, schlurfen oder schreiten sie? Wie kleiden sie sich, welchen Schmuck tragen sie? Duften sie nach teurem Parfum oder riechen sie nach Schweiß? Sind die Schuhsohlen abgetreten, die Fingernägel gepflegt oder abgekaut?

Sehen Sie die Welt und die Figuren, die darin leben, beim Schreiben vor sich, hauchen Sie ihnen, und damit Ihrem Text, Leben ein.

Schlüpfen Sie in das Leben anderer – der Chefin, der Freundin oder der Nachbarin, von Menschen, die Ihnen im Bus, in Zeitschriften oder im Fernsehen auffallen. Überlegen Sie, wie sie leben mögen außerhalb dessen, was sie zeigen, schauen Sie hinter die Masken – machen Sie das Unbegreifliche in ihnen begreiflich. Jeder von uns hat mehrere Gesichter, deren Widersprüche uns erst einzigartig machen, und in jedem von uns wohnen extreme Gefühle dicht beieinander. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, Unschuldslamm und schwarzes Schaf. Auch der starke Mensch besitzt Schwächen, und der vermeintlich Schwache ist oft stärker als der, der sich mächtig gibt. Suchen Sie nach den Schwächen des Starken und den Stärken des Schwachen.

Barbara SLAWIG schreibt dazu:
»Der erste Schritt ist immer, daß ich versuche, die Person in mir lebendig werden zu lassen, das heißt, ich versuche sie mir in ihrem Alltag vorzustellen, beim Essen, Arbeiten, in der Kneipe ... Wenn mir das schwer fällt, hilft mir manchmal die Frage: Kenne ich jemand, der meiner Person ähnlich sieht? Also den gleichen Beruf hat, die gleiche Charakterschwäche etc. … Wenn ich gar keinen inneren Bezug zur Lebenswelt einer Person herstellen kann, ist es wohl besser, nicht über sie zu schreiben. Ganz wichtig scheint es mir zu bedenken, daß Menschen immer komplex sind, daß also niemand auf seine Funktion innerhalb der Geschichte reduziert werden darf … Und man kann auch die Eigenschaften einer Person nicht aus ihrer Funktion deduzieren. Es reicht also nicht, wenn ich mich frage: Ich brauche einen Computerfachmann – wie sind diese Computerleute denn so? Auf diesem Weg landet man nur bei Klischees. Eher umgekehrt: Ich habe hier jemand, der aus irgendwelchen Gründen Computerfachmann geworden ist – was gibt es denn sonst noch Wichtiges in seinem Leben?«
Martin WALSER beschäftigt sich mit Figuren oft jahrzehntelang:
»Die sind zunächst schemenhaft, zusammengesetzt aus realen Personen, oft ganz fernen, zufälligen Bekannten. Je weniger ich einen Menschen kenne, desto mehr kann ich von ihm verwenden. Denn dann kann er noch zusetzen. Ich lasse die Figuren spielen. Manche stammen aus der Literatur. Dann lebt Hamlet eben am Bodensee. Manche habe ich aus Zeitungsmeldungen. Solange sich die Projekte entwickeln, lebt jede Figur im Bauch, wie ein Kind, dessen Herzschlag man hört. Wenn mir dann eine Szene einfällt, notiere ich sie. Sind noch 15 Szenen dazugekommen, beginne ich zu schreiben. Wenn die Figuren Fleisch ansetzen, verlieren sich nach und nach die Konturen der Lieferanten. Die Figuren agieren dann selbsttätig. Sie schreiben die Geschichte, den Roman.«
WONDRATSCHEK sagt in einem Interview mit dem Tagesspiegel, dass er den meisten seiner Figuren tatsächlich begegnet sei. »Nur ihre Anordnung und die motivische Bedeutung ist Fiktion. Das gehört zur Alchimie des Erzählens (kursiv jmw).« Und: »Vieles ist gefunden – und alles erfunden.«

Seien Sie bei Ihren Beobachtungen jedoch nicht voyeuristisch, sondern achten Sie die Würde des Menschen, der Ihnen soviel Stoff für Ihre Texte schenkt. Sie dürfen, ja müssen sogar neugierig sein – das ist Ihr Beruf –, doch Sie dürfen niemand verachten. Projizieren Sie nicht Ihr Leben in das des anderen, werten Sie nicht, sondern fühlen Sie sich hinein.

Dienstag, 12. August 2008

Über Bewegung, Wasserkessel, Wut und das Wetter (Übers Erzählen. II)


Bewegung! Bewegung! Bewegung!


In der Kunst kommt es nicht darauf an, daß man Eier und Fett nimmt,
sondern daß man Feuer und Pfanne hat. (Karl KRAUS)

Um zu erreichen, dass Bilder im Leser entstehen und er so den Text sinnlich erfährt, gibt es die goldene Regel:

Setzen Sie alles, was Ihr Leser sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken und ertasten soll, in Bewegung um, sonst bleibt Ihre Geschichte blutleer.

Zwei Evangelisten berichten über dieselbe Rede Jesu, doch der eine – Lukas – spricht von einer Eigenschaft Gottes »… denn er ist gütig über die Undankbaren und Bösen« (6, 35), der andere – Matthäus – setzt sie in Bewegung um: »… denn er läßt seine Sonne auf¬gehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte« (5, 44–45).

Ludwig REINERS zeigt an einer weiteren Bibelstelle den Unterschied zwischen Bewegung und Bericht:
Als dem Belsazar sein Schicksal angekündigt wird, heißt es in der Lutherschen Übersetzung: »Aber ich ward sehr betrübt in meinen Gedanken und meine Gestalt verfiel …« Man sieht förmlich, wie der König vor Angst zusammenschrumpft; heute hat man Luthers Worte abgeändert in die banale Formel: »… und jede Farbe war aus meinem Antlitz gewichen.«
GIONO setzt in Triumph des Lebens Duft und Geschmack in Bewegung um, indem er Menschen in Bewegung setzt:
»Hol mir eine Handvoll Pfeffer, eine Handvoll Wacholder, zwei Gewürznelken, ein Lorbeerblatt, einen Stengel Basilikum, zwei Stengel Minze, einen Schirm Fenchel, Salz, Essig und ein Stück Speck ... Geht und holt mir, du ein Glas Schnaps, ein großes, du mageren Speck, du trockenen Thymian und Bindfaden. Du nimmst jetzt die Spicknadel; schlagt das Feuer nieder ... Reibt mir dies ganze Fleisch mit Branntwein ab« ...
Kein Gemälde könnte die Szene im Kohlhaas so anschaulich zeigen wie die Sprache:
Er war aber noch kaum unter den Schlagbaum gekommen, als eine neue Stimme schon: halt dort, der Roßkamm! hinter ihm vom Turm erscholl – und er den Burgvogt ein Fenster zuwerfen und zu ihm herabeilen sah. Nun, was gibt’s Neues? fragte Kohlhaas bei sich selbst und hielt mit den Pferden an. Der Burgvogt, indem er sich noch eine Weste über seinen weitläufigen Leib zuknüpfte, kam und fragte, schief gegen die Witterung gestellt, nach dem Paßschein.
Auch das Äußere des Burgvogts zeigt KLEIST anhand dessen Bewegungen.

Der Erzähler verwandelt die Bilder in seinem Inneren in Sprache, und der Leser wandelt die Sprache wieder in Bilder um.

Über Wasserkessel, Wut und das Wetter

»Es ist nur mühsam klarzumachen, daß schon der Satz ›Die Stadt machte einen verwahrlosten Eindruck‹ nicht ausdrückt, was der Schreiber gesehen hat, sondern nur, was er aus seinen Sinneseindrücken gefolgert hat – daß er sich also abstrakt ausdrückt und damit mögliches Leserinteresse verschenkt.
Was zum Beispiel könnte der Schreiber gesehen haben? Mauerschwamm und Fladen von abgeblättertem Putz, einen rostigen Heizkörper mitten auf der Straße, Unrat vor den Türen – nein, Unrat nicht, denn das ist ein weiter und kein enger Begriff und wieder eine Abstraktion: Scherben also, Plastikbecher, verfaulte Essensreste und Fäkalien. Nun hat der Leser jede Freiheit, sich das Wort ›verwahrlost‹ seinerseits hinzuzudenken, falls ihn das freut.
Diese Freiheit ist um so wichtiger, als aus denselben Beobachtungen ganz verschiedene Schlüsse gezogen werden können: Wenn in einem Wohnzimmer die Schrankwand aus Palisander ins Auge sticht, der Kaufhof-Teppich mit dem Orientmuster und der Schlag in den Paradekissen – dann sollte es, nach solch minutiöser Schilderung, dem Leser überlassen bleiben, ob er deutsche Gemütlichkeit oder eher eine Schreckenskammer vor sich sieht. Abstraktion kann in Bevormundung ausarten – noch ein Argument gegen sie.« (SCHNEIDER)
Der Leser möchte nicht über die Wut Hannas wegen der Untreue ihres Mannes informiert werden, sondern die Teller gegen die Wand fliegen sehen. Er möchte nicht erklärt bekommen, dass es regnet, sondern nass werden; er möchte nicht lesen, dass es schneit, sondern durch Schneeverwehungen stapfen. Wenn der Held über eine holprige Straße fährt, soll der Leser den aufgewirbelten Staub riechen, Kinder sehen, die am Straßenrand Ball spielen, Ölpfützen auf dem Belag. Der Autor muss den Sätzen seinen Herzschlag (REINERS) mitgeben.

Aber wie schafft er das?, höre ich Sie fragen. Darauf kann ich nur antworten: Setzen Sie das Kino in Ihrem Kopf in Worte um, tauchen Sie ein in die Szenen vor Ihrem geistigen Auge. Ebenso wenig wie Kino statisch ist, dürfen Ihre Schilderungen statisch sein. Lassen Sie den Leser erleben, was Ihre Heldin empfindet, wenn sie friert, nass wird oder fröhlich ist, indem Sie diese Empfindungen in Bewegung umsetzen. Noch einmal: Bewegung – Bewegung – Bewegung ist das Zauberwort.

Oft werden Sie den Kopf hängen lassen, weil Ihnen das nicht gelingt. Aber verzagen Sie nicht! Auch hier heißt es üben, üben, üben. Lesen Sie Bücher verschiedener Schriftsteller aus verschiedenen Ländern. Die Sinnlichkeit, mit der vor allem lateinamerikanische und asiatische, aber auch arabische Autoren ihre Welt und die (fiktiven) Menschen, die in ihr leben, zeigen, ist ein Lehrstück für viele deutschsprachige Autoren (und nicht nur Anfänger!). Vielleicht hilft es Ihnen, wenn ich gestehe, dass ich das Aha!-Erlebnis auch erst hatte, nachdem ich bei vielen Schreibseminaren gnadenlos kritisiert worden war. Bei einer Schreibaufgabe während einer Schreibwerkstatt dachte ich mir: Nun oder nie mehr, setzte mich wutentbrannt an meinen Tisch und schrieb eine Geschichte. Das war’s dann – ich hatte begriffen, wie es geht.

Überlegen Sie bei Texten, die Ihnen nicht gefallen, warum das so ist. Das kann schlicht und ergreifend daran liegen, dass Ihnen das Thema nichts sagt, doch wahrscheinlich missfällt Ihnen das Buch, weil die Figuren eben nicht leben – weil der Verfasser Sie nicht fühlen lässt. Lesen Sie nicht weiter, wenn er Wörter wie gutgelaunt gebraucht, denn dann hat er sein Handwerk nicht gelernt und das Lesen lehrt Sie nichts. Solche Ausdrücke sind abgedroschen und rufen deshalb keine Gefühle im Leser hervor.

Lernen Sie aus Ihren Misserfolgen – auch Misserfolge gehören zum Schriftsteller; sie sind für seine Entfaltung notwendig – und aus den Beispielen, die ich Ihnen hier biete. Verzweifeln Sie nicht, weil die Fülle der Beispiele Sie erschlägt – irgendwann »fällt der Groschen«, so wie er bei mir gefallen ist, und Heureka werden Sie sagen – Ich kann’s, ich habe es begriffen.

Wenn es dem Schriftsteller nicht gelingt, das Kino im Kopf in Worte umzusetzen, sieht der Leser nichts weiter als – Leere.

Wie können Sie nun Ihren Leser spüren lassen, dass der Held friert? Das lernen Sie zum Beispiel bei Andrew VACCHS: »Ich verfluchte die Kälte, während der Plymouth um eine weitere Ecke schlitterte, die Wischblätter kapitulierten fast vor dem bleiernen Schneeregen, der aus einem düsteren Himmel fiel wie Hohn.»

Und wie wird der Leser nass? Er geht mit Ludwig THOMAS Schormayer einen morastigen Weg entlang:
»Der Schormayer trat tiefe Löcher in die weiche Dorfgasse, wie er jetzt an dem trübseligen Herbstnachmittag heimging, aber er achtete nicht auf den glucksenden Lehm, der ihm an den Stiefeln hängen blieb. Wenn er vom Wege abkam und beinahe knietief in den Schmutz trat, fluchte er still und lenkte in die Mitte der Straße ein, aber bald zog es ihn wieder links oder rechts an einen Zaun, und er blieb stehen und brummte vor sich hin: ›Nix mehr is, gar nix mehr.‹ ›Himmelherrgott!‹ sagte er, wenn ein Windstoß in die Obstbäume fuhr und ihm kalte Regentropfen ins Gesicht schleuderte.«
Bei Rebecca WELLS Worten in Die göttlichen Geheimnisse der Ya-Ya-Schwestern spannt der Leser den Regenschirm auf:
»Am nächsten Tag … nieselte es. Es war kein richtiger Regen, kein Regenschauer und auch kein Sprühregen. Sondern Nieselregen. Wenn Sidda ein Wort für Niederschlag eingefallen wäre, das auf eine passive Weise aggressiver war als ›Nieseln‹, hätte sie es verwendet. Zum ersten Mal begann sie zu verstehen, was May Sorenson gemeint hatte, als sie sagte, im Nordwesten wird sogar die Seele eines Menschen von Mehltau befallen.«
Und er zeigt größtes Verständnis für die Heldin, wenn er liest:
Sonja steckte den Kopf aus dem Fenster, zog ihn schnell wieder zurück, schüttelte sich. Bei dem Wetter jagt man ja keinen Hund auf die Straße. Sie setzte sich an den Rechner, schaltete ihn an, klickte new mail an und tippte: »Liebe Dagmar, ich nehme heute einen Urlaubstag. Kannst du bitte einen Urlaubsantrag für mich ausfüllen?«
Wir werden ganz neugierig bei diesem Auszug aus den Dornenvögeln von Colleen McCULLOUGH:
Am 8. Dezember 1915 hatte Meggie Cleary ihren vierten Geburtstag. Nach dem Abräumen des Frühstücksgeschirrs drückte ihre Mutter ihr wortlos ein braunes Papierpäckchen in die Arme und befahl ihr, nach draußen zu gehen. So hockte Meggie sich hinter den Stechginster beim Vordertor und begann, ungeduldig und mit ungeschickten Fingern am Einwickelpapier zu zerren.
Was wird Meggie aus dem Päckchen hervorholen?

Der Satz »Um zwei Uhr nachts wurde sie durchs Klingeln des Telefons geweckt« ist ein vollständiger Satz mit Subjekt und Prädikat, aber er informiert uns nur. So oder ähnlich können Sie das Aufwachen zeigen:
Monica tauchte schweißgebadet aus einem Traum empor, in dem tausend kleine Teufel ein ohrenbetäubendes Konzert aus tausend Fahrradklingeln veranstaltet hatten, der Oberteufel dreckig grinste und ein schwarzes Ungeheuer sie zu verschlingen drohte. Sie tastete nach dem Lichtschalter an der Nachttischlampe, riss dabei ihr Wasserglas um, das langsam über den Nachttisch rollte und auf dem Boden zerbrach. ›Mist‹, schimpfte Monica. Sie blinzelte zum Radiowecker hinüber: ›Welcher Idiot ruft denn schon wieder um zwei Uhr nachts an? (Jutta MILLER-WALDNER, Der Anrufbeantworter)
»Sie kochte eine Tasse Kaffee« ist ebenfalls eine Information. Gehen Sie mit Ihrer Heldin in die Küche:
Sie schlurfte in die Küche, ließ Wasser in den Kessel laufen, stellte ihn auf die Herdplatte, schob die Brille wieder auf die Nase und bückte sich ächzend, um die winzigen Symbole zu erkennen. Schließlich schaltete sie auf drei. (jmw, Als die Standuhr drei Mal schlug)
Ihr Leser ist sicher schon einmal in einen Swimmingpool gesprungen. »Laaaangweilig«, wird er bei dem Satz »Sie sprang in den Pool« sagen. Das sagt er aber nicht, wenn er UPDIKES Worte liest: »Mit unbeholfener Begeisterung stieß sich Polly von dem ratternden Brett ab und tauchte lachend durch das Tanggewirr ihrer Haare wieder auf.«

Schildern Sie auch banale Tätigkeiten wie das Zubereiten eines Salats oder Einkaufen so, dass der Leser sie sieht. Das gibt Ihrem Text erst Farbe. Wir sitzen mit Margot am Küchentisch und »schnippeln Tomaten, Gurken, Zwiebeln« (jmw, Und morgen werde ich 21), wir schauen in einen Einkaufswagen: »Ich sah die Frau die Fenster putzen, traf sie im Rewe-Markt an der Bushaltestelle, wenn sie den Einkaufswagen voll packte mit Säften, Butter, verschiedenen Sorten Marmeladen, stand manchmal neben ihr, wenn sie an der Wursttheke Prager Schinken, Zwiebelmettwurst und feine Leberwurst auswählte.« (jmw, Das Haus gegenüber)

Und wir wühlen mit Kutte in einem Abfallkorb:
»Er wühlte. Fand zwei in Alufolie gewickelte Schrippen – is doch meen Jlückstach heute –, wühlte weiter, zog eine viertelvolle Colaflasche heraus, eine halbleere Dose Red Bull, ein Überraschungsei, eine Sonnenbrille, deren linkes Glas verschrammt war, drei Sammelbilder für das Fußball-EM-Album mit Ballack, Lehmann und Klose. ›Nanu‹, wunderte er sich. ›Wat schmeißen die denn sowat wech?!‹ … Des weiteren fand er eine Barbiepuppe mit nur einem Bein, warf sie angewidert zurück. Fand eine Tarot-Karte. (jmw, Und Kutte lachte)
Wir verbarrikadieren uns nicht, sondern zeigen das: »Wenn Vater zu mir ins Zimmer hätte kommen wollen, hätte er eine Barriere überwinden müssen aus der Tür, meinem Sessel, einem Stuhl und dem Schreibtisch.«

Jeder Mensch kleidet sich morgens an, über solche Beschreibungen liest der Leser hinweg. Zeigen Sie ihm, wie eine Figur sich zurechtmacht:
Monica begutachte in ihrem Kleiderschrank Hosen und Pullover, bevor sie sich für die Jeans entschied, die sie am Vortag schon getragen hatte, und für ihren Lieblingspullover, den mit den rotweißblauen Streifen. Sie tupfte Hautcreme auf das Gesicht, tuschte die Wimpern und zwirbelte ihre aschblonden Haare zu einem Knoten zusammen.« (jmw, Der Anrufbeantworter)
– Hier sehen Sie auch die Person vor sich: nicht sehr modebewusst und nicht mehr jung. –

Beschreiben Sie also nicht, wie Ihre Figuren aussehen. Lassen Sie sich ein Foto anschauen, eine andere Figur über ihr Äußeres reden (beim Schminken oder Rasieren in den Spiegel zu schauen oder sich beim Spazierengehen in Schaufensterscheiben zu spiegeln, ist abgedroschen; lassen Sie sich etwas Neues einfallen), oder lassen Sie sie etwas Anschauliches tun. Kurt trägt eine Brille wirkt statisch, Kurt blickte über seine Brillengläser auf seine Schüler lebendig. Markus war nervös informiert, Markus kaute an seinen Fingernägeln zeigt. Verzichten Sie jedoch auf Einzelheiten. Lebendiger wirken Figuren, wenn sich das Bild, das sich der Leser von ihnen macht, aus ihren Handlungen ergibt. Überlassen Sie der Phantasie Ihres Lesers, sie sich auszumalen.

Wie schläft man ein? Wie wacht man auf? Wie lange dauern fünf Sekunden? Wie lang sind fünfhundert Meter? – Fünf Sekunden können lange dauern, fünfhundert Meter kurz sein. – Wie öffnet man eine Milchflasche? Darunter, dass jemand aufwacht, etwas öffnet, einige Sekunden lang zögert, die Treppe hinab läuft und fünfzig Meter zur Bushaltestelle geht, kann sich der Leser nichts vorstellen. Wenn Sie zeigen, wie jemand aufsteht, eine Milchflasche öffnet, eine Treppe hinab läuft, steht der Leser mit ihm auf, öffnet die Flasche, geht die Treppe hinab und läuft zur Bushaltestelle.

Wir wissen, dass Blut rot ist, auch der Hinweis, dass es nach Eisen schmeckt, ist wenig originell. SARAMAGO das Blut fühlen:
Das Blut fühlte sich klebrig an, es verwirrte ihn, er dachte, vielleicht, weil er es nicht sehen konnte, sein Blut hätte sich in eine farblose, klebrige Masse verwandelt, in etwas, das ihm zwar gehörte, aber dennoch wie eine Drohung gegen ihn wirkte.
Was ist ein spärlich möbliertes Zimmer? Lassen Sie Ihre Figur durch den Raum schlendern und schildern, was sie sieht. Thomas MANN zeigt das Haus der Buddenbrooks bei einem Rundgang des Konsuls mit einem Besucher:
Senator Langhans fragte: ›Da oben wohnst du also, Buddenbrook?‹ Rechts führte die Treppe in den zweiten Stock hinauf, wo die Schlafzimmer des Konsuls und seiner Familie lagen; aber auch an der linken Seite des Vorplatzes befand sich noch eine Reihe von Räumen. Die Herren schritten rauchend die breite Treppe mit dem weißlackierten, durchbrochenen Holzgeländer hinunter. Auf dem Absatz blieb der Konsul stehen. ›Dies Zwischengeschoß ist noch drei Zimmer tief«, erklärte er, ›das Frühstückszimmer, das Schlafzimmer meiner Eltern und ein wenig benutzter Raum nach dem Garten hinaus; ein schmaler Gang läuft als Korridor nebenher … Aber vorwärts! – Ja, sehen Sie, die Diele wird von den Transportwagen passiert, sie fahren dann durch das ganze Grundstück bis zur Bäckergrube.‹
Lassen Sie den Leser hören, wo Ihr Held wohnt. Welche Laute dringen von der Straße herein? Vogelgezwitscher oder hupende Autos, quietschende Straßenbahnen oder Nachbarn, die sich über die Straße hinweg unterhalten? Kindergeschrei oder kläffende Hunde?

Sie können auch einen Charakter anhand der Geräusche in dessen Wohnung zeigen: Welche Musik spielt das Radio, Liszts Prelude, You could be mine von Guns’n’roses oder Blau, blau, blau blüht der Enzian?

Geben Sie Bewegungen und Handlungen Ihrer Figur so wieder, dass sie anschaulich sind. Schreiben Sie nicht das, was Sie beobachten, sondern schlüpfen Sie in Ihre Figuren und seien Sie Roswitha oder Martin, ebenso wie Ihr Leser das macht, wenn Sie sie gut geschildert haben. Prüfen Sie bei allem, was Sie in Bewegung umsetzen, ob das so überhaupt möglich ist.


Doch Vorsicht:

Zuviel zeigen kann den Leser ermüden, nämlich dann, wenn es zum Geschwafel wird, wenn der Bezug zur Geschichte verloren geht oder der Leser das Gefühl hat, der Autor wolle ihm zeigen, was er so alles in Bewegung umzusetzen vermag. Manchmal genügt ein kurz und bündiges: »Es regnet« (vor allem, wenn Sie sonst alles meisterlich in Bewegung umgesetzt haben). Und noch eine Gefahr besteht: dass beim Zeigen falsche Bilder entstehen. Deshalb:

Prüfen Sie, ob das, was Sie in Bewegung umsetzen, so überhaupt möglich ist.

Montag, 11. August 2008

Malen mit Worten (Übers Erzählen. I)


Niemand lernt schreiben, der nicht sehen gelernt hat. (REINERS)

Das Auge war vor allem andern das Organ, womit ich die Welt fasste. (GOETHE)

Jean PAUL lobte den Schriftsteller Thümmel, weil man dessen Geschichten ebenso gut malen wie drucken könne … So paradox das klingen mag, der Erzähler darf gar nicht erzählen. Er fasst Farben, Geräusche, Gesten – die Bilder, von denen er erfüllt ist –, in Sprache, um im Leser Bilder entstehen zu lassen und Erinnerungen und Vorstellungen zu wecken.Wenn er die Bilder richtig wählt, erfährt der Leser den Text sinnlich und sieht viel mehr in ihm, als der Erzähler geschrieben hat (eine der Voraussetzungen für Literatur ist der »doppelte Boden« – der Subtext –, von dem Reich-Ranicki spricht). Die Bilder entstehen jedoch nicht durch Betrachten und Registrieren, sondern durch Schauen und Erkennen. Der Autor, der nur das schreibt, was er registriert, sollte Sachliteratur verfassen (womit nichts gegen das Schreiben von Sachbüchern gesagt sein soll) und keine Geschichten erzählen wollen. Aber selbst von Sachliteratur wird heutzutage mehr verlangt als das Aneinanderreihen von mehr oder wenigen schlauen Sätzen.

GOETHE bezeichnet Gedichte in dem gleichnamigen Gedicht als »gemalte Fensterscheiben«. Für den »Philister« – den Banausen –, ist alles »dunkel und düster« – unverständlich und ohne tieferen Sinn –, wenn er vom »Markt in die Kirche« hineinschaut. Und, so dichtet Goethe weiter, mag er »denn wohl verdrießlich sein/und lebenslang verdrießlich bleiben«. (Beachten Sie den Redundanz des Wortes verdrießlich, wodurch der elende Zustand besonders betont wird). Geht der Leser aber vorurteilsfrei in die Kirche hinein – in Gedichte und Geschichten –, wird es »auf einmal farbig helle«, »Zierat glänzt« und »bedeutend wirkt ein edler Schein«, und er nimmt er die Bedeutung von Gedichten und Geschichten gleichsam sinnlich wahr. Das erreicht der Schriftsteller aber nur, wenn er die Scheiben so farbig gestaltet, dass der Leser hineintreten und das Geschriebene lesen muss.

Denn so wie der Maler Geschichten mit dem Pinsel und Farben erzählt, malt der Erzähler mit Worten. Er schreibt nicht nur mit dem Ohr, sondern auch mit den Augen: Er lauscht nicht nur der Musik seiner Worte, sondern setzt das, was er innerlich sieht, in Bilder um: Er sieht das Kino in seinem Kopf, das Kopfkino.

Google findet für dieses Wort über 120.000 Treffer, aber kein einziges, wenn man Sartre und Kopfkino eingibt. Denn wohl niemand weiß, dass SARTRE es war, der den Begriff prägte. In seinen Erinnerungen Die Wörter schreibt er nämlich, weshalb er sich schon als Kind zum Schreiben hingezogen fühlte: »Wenn meine Mutter mich fragte: ›Poulou, was machst du?‹, kam es manchmal vor, daß ich mein Schweigegelöbnis brach, um ihr zu antworten: ›Ich mache Kino.‹ Tatsächlich versuchte ich, die Bilder aus meinem Kopf zu reißen und außerhalb meiner selbst zu verwirklichen.« –

Wenn der Schriftsteller diese Regel erfolgreich umgesetzt hat, würde ihn sogar ein PICASSO loben, der einmal sagte: »Wenn man ein Buch liest, hat man häufig das Gefühl, der Autor hätte es eigentlich vorgezogen zu malen, statt zu schreiben. Man kann die Freude, die er bei der Beschreibung einer Landschaft oder einer Person verspürt hat, richtig nachempfinden, da sie so plastisch wirken, als hätte er tief in seinem Innersten lieber Pinsel und Farben für ihre Ausgestaltung verwendet.«

Der Leser will nicht informiert werden, er möchte sehen, hören, fühlen, tasten, riechen und schmecken.

Bemühen Sie sich, wenn schon nicht in jedem Absatz, so doch auf jeder Seite etwas Sinnliches zu schreiben.