Donnerstag, 28. September 2006
Schreibtipp von Horaz. I
wählt einen Stoff, dem ihr gewachsen seid*
und wäget wohl vorher, was eure Schultern
vermögen oder nicht, eh' ihr die Last
zu tragen übernehmt. Wer seinen Stoff
so wählte, dem wird’s an Gedanken
und Klarheit nie, auch nie an Ordnung fehlen;
und unter manchem Vorteil, der durch Ordnung
gewonnen wird, ist sicher keiner von
den kleinsten: daß man immer wisse, was
zu sagen ist, doch vieles, was sich auch
noch sagen ließe, jetzt zurückbehalte,
und für den Platz, wo man's bedarf, verspare.
Quintus Horatius Flaccus
(In Horazens Brief an L. Calpurnius Piso und seine Söhne [Von der Dichtkunst (De arte poetica)], übersetzt von Christoph Martin Wieland)
*Eine vortreffliche Regel für den Lehrling, der einen Genius hat, der ihn die Regel verstehen und anwenden lehrt! aber unbrauchbar für jeden andern. Und so ists mit allen Regeln.
Sonntag, 24. September 2006
Aus Schriftstellers Schreibstube
Der eine Autor kann nur unter Zeitdruck arbeiten, der andere fühlt sich blockiert, wenn der Abgabetermin droht. Dostojewski schrieb den Spieler in siebenundzwanzig Tagen, weil er Geld brauchte. Der Verleger Hetzel verpflichtete Jules Verne, zweimal im Jahr einen Roman zu liefern. Der Vertrag lief zweiundvierzig Jahre lang …
Patricia Highsmith sagt über ihre Arbeitsweise: „Wenn ich mich an die neue Tagesarbeit setze, lese ich selten alles wieder, was ich am Vortag geschrieben habe, sondern nur die letzten beiden Seiten. Wenn ich nicht bis zum Ende eines Kapitels gekommen bin, dann prüfe ich, wie lang das Kapitel ist, da mir die Länge sehr wichtig ist, auch wenn es über Kapitellängen keine Gesetze gibt ... Ich bin oft befragt worden über diese Kleinigkeit – ob ich die Arbeit des vergangenen Tages durchlese (oder sogar ganze Manuskripte, wie es, glaube ich, Hemingway getan hat) –, und darum erwähne ich das hier. Ich finde es notwendig, wenigstens eine Seite wiederzulesen, um die Gangart der Prosa und ihre Stimmung wiederaufzunehmen.“
Und was sagt Hemingway selbst? „Wenn ich an einem Buch oder einer Erzählung arbeite, fange ich jeden Morgen so früh wie möglich, sobald es hell wird, mit Schreiben an. Niemand kann einen stören, es ist kühl oder sogar kalt, man kommt leicht ins Arbeiten und schreibt sich warm. Man liest, was man gestern geschrieben hat, und da man immer dann aufhört, wenn man weiß, wie es weitergehen soll, fährt man einfach an der Stelle fort. Man schreibt weiter, bis man an eine Stelle kommt, an der man immer noch Stoff hat und weiß, wie es weitergehen soll, und da hört man auf und versucht, so gut es geht, weiterzuleben bis zum nächsten Tag.“
Mitunter habe er „einen vollen Arbeitsmorgen für einen einzigen Absatz” benötigt.
Und Christoph Peters erzählt: „Und dann sitze ich da, Tag für Tag von morgens neun bis nachmittags fünf und teste Sätze. Schreibe zehn Zeilen, prüfe, korrigiere, streiche vier wieder weg, versuche zwei neue, verwerfe die erste oder den ganzen Passus und fange von vorne an. Solange, bis ich überzeugt bin, daß das, was da steht, nicht mehr schlecht ist.“
Samstag, 23. September 2006
Was ist eigentlich – ein schwieriger Fall?
Gemeint sind die Fantasien über Liebesbeziehungen zwischen zwei sehr ungleichen Menschen, etwa dem „Monster“ Glöckner von Notre Dame und seiner bildschönen, jungen Angebeteten, oder zwischen einem sehr alten und einem sehr jungen Menschen.
Ganz abgesehen davon, dass Sol Steins Text phrasenhaft-umständlich übersetzt worden ist (→ „… interessieren sich für …“ und „akzeptieren“): worauf bezieht sich denn „wesentlich mehr“? Ist es die Altersgruppe „junge Leute”, die ein besonderes Interesse am grotesken Element hat? – oder ist es das groteske Element, für das sie sich besonders interessieren? Über beides gibt weder der vor noch hinter dem zitierten Satz stehende Text hinreichend Auskunft.
„Wesentlich mehr“ ist eine Art Komparativ, eine Steigerungsform, die diesmal nicht an oder aus nur einem Wort gebildet wird. Geht das hier?
Wie würden Sie – so einfach wie möglich – diesen Satz umformen, damit er seine Missverständlichkeit los wird?
Horst Dinter
Freitag, 22. September 2006
Unsinnige Tautologien
Wirklich? Nein, das ist ein Pleonasmus. Leider kennen die Süddeutsche und viele Schriftsteller nicht den Unterschied zwischen Tautologie und Pleonasmus. Ist ja auch schwer. Was Pleonasmus ist, wissen Sie schon. Aber was ist, um Himmels Willen, eine Tautologie, werden Sie sagen, denn der Begriff ist Ihnen sicher viel vertrauter als der des Pleonasmus.
Tautologie (gr. tautología: von tó autón: dasselbe und lógos: Ausdruck) ist eine rhetorische Figur, in der bedeutungsgleiche oder sinnverwandte Wörter derselben Wortart wie hegen und pflegen, ganz und gar, immer und ewig oder wie in Brechts Gedicht: „Die Liebe dauert oder dauert nicht, in dem oder jenem Ort“ aneinandergereiht werden.
Auch tautologische Verstärkungen durch zwei Adjektive wie das kleine, winzige Etwas, das schöne, liebliche Mädchen, der graugelbliche, schmutzige Fluss, der gichtige, grauhaarige Mann, sind als rhetorisches Mittel legitim.
Tautologien gehören zum stilistischen Mittel der Häufung – der Wiederholung von Wörtern, Bildern oder Sätzen, ohne dass sich der Sinn des Gesagten verändert.
(Einen interessanten Artikel zu Tautologie & Pleonasmus finden Sie übrigens auf http://www.leiwandelounge.at/poetisches/profweber/tautoplasmus1.htm)
Mittwoch, 20. September 2006
Kommentar zu all dem Unlogischen
R.M.Chandra
Übers Widerspiegeln und andere Pleonasmen
Auch das dünne Goldkettchen gehört dazu, da Kettchen bereits eine Verkleinerungsform ist, ebenso die geraden Fichtenstämme, die ein Spalier bilden. Schlendern bedeutet langsamen Schrittes gehen. Helmut eilte rasch zur Tür oder Raoul hastete eilig in die Kanzlei – kann man langsam eilen? Und man zwängt sich nicht in enge Jeans.
Gerade die allgemeinen Adjektive (keine Angst, auf diese werde ich noch zu sprechen kommen) sind oft Pleonasmen: Die Melodie rollte dahin mit mächtigen Akkorden; die kostbare chinesische Vase aus der Ming-Dynastie zersprang in tausend Stücke; Lisa lief mit nackten Füßen durch die Wellen – Akkorde sind immer mächtig, jeder weiß, dass eine Vase aus der Ming-Dynastie kostbar ist und Füße nackt sind. Gassen und Büchlein sind schmal, eine Kluft ist tief, und das Gras ist grün. Sie dürfen die Farbe nur betonen, wen, n das wichtig ist: Das rotgoldene Laub bildete zu dem grünen Gras einen wirkungsvollen Kontrast – da sich die Blätter im Herbst bunt färben, könnte das Gras bereits braun sein. Ein Baby schlummert immer friedlich.
Gestatten Sie, dass ich Ihnen das sagen darf, doch ich bin der Lage, Ihnen das sagen zu können: Pleonasmen sind auch die Wiederholung von Modalverben wie dürfen, können, müssen, sollen und wollen durch ein zusätzliches Wort: die Fähigkeit, Gedichte schreiben zu können; die Erlaubnis, den Computer benutzen zu dürfen; er hatte sich in den Kopf gesetzt, sie beschützen zu müssen, oder wie in: Jessika soll angeblich mit Matthias in Rom gewesen sein. Wolfram meint zwar, dass er sich möglicher Weise geirrt haben könnte, ihr Mann dürfte es aber vermutlich erfahren haben. In dem Satz "Wir sind imstande, mitteilen zu können, dass die Teilnehmer das Recht haben, sich eine Eintrittskarte aushändigen lassen zu dürfen" bedeuten imstande sein und können dasselbe, ebenso das Recht haben und dürfen. So oder ähnlich könnte der Satz lauten: "Wir teilen mit, dass den Teilnehmern eine Eintrittskarte zusteht" (warum kompliziert, wenn es auch einfach geht).
Und was wenige Autoren wissen: Oft führen sogar Abkürzungen zu Pleonasmen. Z. B. dürfen Abkürzungen wie z. B. nicht zusammen mit u. a. oder usw. verwendet werden. Aber dieser Satz ist schon falsch: Z. B. und wie sind ebenfalls Pleonasmen.
Dienstag, 19. September 2006
Auflösung des Sprachrätsels vom 17. 9. 2006
Sonntag, 17. September 2006
Welcher Hahn kräht nicht? Unlogisches IV (und ein Sprachrätsel)
daß die Viertel-Stündchen größer sind als die Viertelstunden.
Lichtenberg
Und welches Pferd frisst kein Heu? Welcher Schuh hat keine Sohle? Welche Hose kann man nicht anziehen? Wie viele Erbsen gehen in ein Literglas?
Wenn die Arbeitspause eine Pause von der Arbeit bedeutet, was ist dann die Atempause? Die Kaffeemühle mahlt Kaffee, die Windmühle … In der Sprechstunde des Arztes werden keine Warzen und Gürtelrosen besprochen. Wir messen in Pferdestärken und beobachten Walfische. Im Meeresspiegel kann man sich nicht spiegeln*, der Buchmacher stellt keine Bücher her, eine Preisgabe ist kein Geschenk.
Das Matterhorn ist kein Horn, sondern ein Berg. Der Teufelsberg in Berlin, auf dem sogar einmal ein Wordcup-Slalom stattfand, weil die Berliner so wintersportbegeistert sind, ist fünfundfünfzig Meter hoch und besteht aus Trümmern. Auf Wellenberge kann man nicht klimmen, im Ruhrgebiet findet man trotz der Bergwerke keine Berge.
Das Haus kann ein Haus sein, aber auch das Parlament bedeuten. Im Berliner Abgeordnetenhaus tagte die Abgeordnetenversammlung, bevor sie in den Preußischen Landtag zog. Im Wort Bundestag bedeutet der Tag ebenfalls Parlament, im Reichstag traten dagegen früher die Fürsten zusammen.
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* Das Wort widerspiegeln, das ich im gestrigen Exkurs verwandte – ups, seit wann bin ich mit einem Wort verwandt –, ist natürlich falsch. Denn alles Spiegeln ist ein Widerspiegeln. Das Wort ist also ein Pleonasmus.
Donnerstag, 14. September 2006
Noch mehr Unlogisches
Jean PAUL schreibt dazu:
Ahnen bedeutet vorausfühlen, Ahnden strafen; warum will man beides mit einem Worte ausdrücken, zu welchem einige Ahnen, andere Ahnden wählen? Wie, wenn ich nun sagen wollte: ich ahne das Ahnden, ja man wird wieder das Ahnen ahnden; d. h. ich ahne (errate) das kritische Ahnden (Strafen) dieser Stelle, denn man wird sogar dieses Erraten strafen wollen. … Auch hat Ahnen für sich noch das Schwanen (mir schwant es), das einige vom weissagenden Schwanengesang ableiten.
Nutzen Sie die ungeheuren Möglichkeiten, »glitzernde Wörtchen« (LICHTENBERG) zu finden, denn ein schlampig geschriebener Text ist Ihrem Leser nicht geheuer, wenn nicht gar ein sprachliches Ungeheuer.
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* Das Wort alle als Bedeutung dafür, dass etwas nicht mehr vorhanden ist, soll auf hugenottische Schwestern zurückgehen, die in Berlin Spitzen verkauften. Wenn sie etwas nicht mehr auf Lager hatten, sagten sie zu ihren Kundinnen »c’est allé« – es ist (aus)gegangen. Wenn SCHILLER in den Räuber schreibt, »Der Wein all’ ist in unsern Schläuchen», bedeutet das schlicht und einfach, dass die Weinschläuche leergetrunken sind und nicht, wie ein französischer Übersetzer annahm, dass sie in den, nun ja, inwendigen Schläuchen sind.
Mittwoch, 13. September 2006
Über Un-Wörter
Die deutsche Sprache ist unlogisch, man nehme nur die Vorsilbe Un-. Im allgemeinen dient sie zur Verneinung von Eigenschaften und Zuständen wie bei Unvermögen, Unachtsamkeit oder Ungeduld. Doch wie sieht es aus mit Menge und Unmenge, Kosten und Unkosten, Summen und Unsummen, die jeweils dasselbe bedeuten? Hier wirkt die Vorsilbe bedeutungsverstärkend. Ist Unrat die Verneinung von Rat, Unmut die Verneinung von Mut, Unwetter die von Wetter? Bei solchen Wörtern bedeutet die Vorsilbe, dass etwas schlecht, falsch oder unangenehm ist.
Die Untiefe kann das Gegenteil von Tiefe (abgeleitet von Un- als Verneinung, also nicht tief) bedeuten, als Zusammensetzung mit Tiefe aber eine ungeheure Tiefe. »Hans, der mit Paul verwandt ist, starrt unverwandt auf das Fenster« – was haben verwandt und unverwandt miteinander zu tun?
Doch Vorsicht: Diese Art von Un-Wörtern kann gefährlich werden, weil sie oft erniedrigend gebraucht wird und im Leser Un-Willen hervorruft: wenn Unfug zur Untat wird, die Unperson zum Unmenschen, wenn vom unwerten Leben und unwerten Dasein gesprochen wird.
Unwörter können auch zu Reizwörtern werden: Du undankbares Kind! Dein Lehrer sagte uns, dass deine Leistungen ungenügend sind, dass du unpünktlich, unartig und unwillig bist. Wir geben uns ungeheure Mühe mit Dir, aber du bist unvernünftig, unerträglich und unerfreulich. Geh in dein Zimmer und komme erst wieder, wenn du nicht mehr so unfreundlich und unleidlich bist. Unfassbar, was du uns mit unserer unendlichen Geduld antust. Kein Wunder, dass sich solch ein Kind unangenommen und ungeliebt – unwürdig fühlt und immer unter Unsicherheit, Unzufriedenheit und dem Gefühl der Unzulänglichkeit leiden wird.
Versuchen Sie, für Wörter die mit der Vorsilbe -un beginnen, vor allem bei Zusammensetzungen mit einer weiteren Vorsilbe, bessere Ausdrücke zu finden. Sie wirken unschön, ungeschickt und unprofessionell.
Siehe dazu auch:
http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/10/uber-deppen-aussagen-selbstmord-und.html und http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2006/07/mgen-htte-ich-schon-wollen-aber-drfen.html
Sonntag, 10. September 2006
Über das Zurückerhalten von Manuskripten III
Sie erhalten Manuskripte nicht zurück, wenn Sie die folgenden Angaben beachten:
Keinerlei Formatierungen, keine Zeilenumbrüche, nur Absätze, aber keine formatierten, sondern solche, die durch die Return-Taste entstehen.
Dann Beachtung der üblichen Regeln:
Am Satzende gehört vor Punkte, Ausrufungszeichen und Fragezeichen KEIN Leerschlag.
Es sollte unbedingt in einer einheitlichen Schrift geschrieben werden, möglichst Garamond. Ansonsten bleiben beim Umformatieren oft die Anführungszeichen unterschiedlich und müssen später alle ausgetauscht werden, was eine unzumutbare Arbeit bedeutet, die viel Zeit und damit Geld kostet.
Auf keinen Fall dürfen nach Einreichen des Manuskripts Änderungswünsche eingereicht werden, weil dem Autoren plötzlich einfällt, eine Passage wäre anders besser. Auch das geht ins Geld und macht das Buch für den Verlag zum Verlustgeschäft. Personalstunden sind teuer.
Jedes Buch muss korrigiert werden, auch wenn der Autor es nicht für nötig hält. Sollten die Rechtschreibfehler aber zu viele sein, was ein Lektor auf einen Blick erkennt, wird die Korrektur zu teuer und macht das Manuskript uninteressant. Von daher wäre es gut, im Freundeskreis jemanden vor-korrigieren zu lassen, der davon etwas Ahnung hat.
Ein Verlag ist kein Wohlfahrtsunternehmen, sondern muss betriebswirtschaftlich planen. Handgeschriebene Manuskripte oder formatierte Manuskripte kosten zu viel Zeit und Geld, die muss man ablehnen. Es sei denn, der Autor beteiligt sich an den Kosten. Dann kann man jemanden bezahlen, der diese Unvollkommenheiten bearbeitet. Auf Kosten des Verlages geht es keinesfalls, so ein Buch wird zum Verlust. Jedenfalls, wenn nicht klar ist, dass es sich in großer Auflage verkaufen wird.
Weiter ist es leider so, dass sehr viele Autoren ihre Werke scheinbar nicht überarbeiten, was die eigentliche Kunst ist. Etwas runterschreiben kann beinahe jeder. Es nachher aber zu überarbeiten und nachzuschleifen, erfordert Technik und Können. Wenn viele Wortwiederholungen vorkommen und zu langatmige Passagen, die den Leser nicht mitreißen, müsste intensive Lektoratsarbeit eingebracht werden, um das Buch interessant zu machen. Das lohnt sich auch nicht mehr und hat nur eine Chance mit einem Zuschuss des Autoren.
All diese Dinge entscheidet ein Lektor innerhalb von einigen Sekunden. Er muss nur eine Seite sehen, um zu wissen, ob es sich lohnen könnte, oder nicht. Und meist wandert das Werk dann schon in den digitalen Papierkorb.
Mein Rat ist es, dass Autoren Schreibwerkstätten besuchen, um ihren Stil zu verbessern, und ihre Manuskripte vor Einreichen bei einem Verlag vor-korrigieren lassen.
Verlage werden mit Manuskripten förmlich überschwemmt, aber es gibt extrem wenige, die brauchbar sind. Die meisten sind unbrauchbar, leider. Die Konkurrenz ist demnach nicht groß. Sie besteht fast nicht. Wer gut ist und für den Markt schreibt, schafft es.
Wenn ein Autor nicht bereit ist, sich weiterzubilden, sein Handwerk zu lernen, dann darf er sich nicht wundern, wenn er im Gegenzug keine Chance bekommt.
Cornelia WilmsVerlag Widenboom Limited, Zweigniederlassung
www.widenboom.de
Mittwoch, 6. September 2006
Niemals geschieht irgendwem irgendetwas irgendwie irgendwann irgendwo
Wer ist man? Unsichere Menschen wählen gern das Wörtchen, wenn sie von sich selbst sprechen, Sie als Schriftsteller sind jedoch mutig, denn Sie denken weiter als andere und wollen Ihr Werk veröffentlichen.
Vergessen Sie auch alle, viele, keiner. Was heißt viele Menschen? Schreiben Sie tausend, wenn Sie eine große Menge meinen, hundert, wenn die Menge überschaubar ist. Ihr Leser kann das eh nicht nachprüfen. Unter viele kann er sich nichts vorstellen, unter tausend oder hundert schon. Noch besser ist, wenn Sie ein Bild oder einen Vergleich wählen: Als Bernd die Bühne betrat, umtoste ihn ein Beifallssturm; Die Menschen standen Schlange, um den Roman signieren zu lassen; Fritz schien es, als schöben sich auf der Strandpromenade mehr Menschen vorwärts als bei der Loveparade. Vage ist auch all das. Diese Floskel zeigt, dass es dem Autor nicht gelungen ist, das herüberzubringen, worum es ihm geht. Keiner hatte Hunger – wer ist keiner? Ihr Leser sieht ein Bild vor sich, wenn Sie schreiben »Die Gäste hatten keinen Hunger« oder »Die Passanten hatten keinen Hunger, so dass der Imbiss auf seinen Dönern sitzen blieb.« (Sitzen blieb werden Sie auch nicht schreiben, weil das Wort einer anderen Sprachschicht angehört. Imbiss auch nicht, weil er nicht sitzenbleiben kann. Ach, die Sprache stellt tausend Fallen.) Und was soll jede Menge bedeuten? Nichts.
Schreiben Sie nicht Amerika, wenn Sie die USA meinen. Jeder Südamerikaner, Mittelamerikaner und Kanadier wird Ihnen danken. »Susanne spricht ein gutes Amerikanisch.« Welche Sprache ist damit gemeint? Spricht sie Englisch, Spanisch oder Portugiesisch? »In Amerika leben die meisten Millionäre.« Da wird sich der Hirte in den Anden aber wundern.
Dienstag, 5. September 2006
Was bedeutet eigentlich während?
Vielleicht sollte es ein heißer Empfang werden, aber das interessiert uns hier nicht. Wir wollen nur festhalten, dass „in der Zeitspanne“, in der er die Treppe aufwärts stieg, etwas geschah, was offenbar Zeit kostete; zur gleichen Zeit.
Früher währte auch manchmal etwas länger, was heute ebenso lange dauert.
Notwendig sind unsere Überlegungen deshalb, weil „während” heute viel zu oft in einer Gegensatz-Bildung „ver“braucht wird: „Max versuchte meistens eine große Schau, während Egon so bescheiden wie möglich auftrat.” Eine Zeit-Gleichheit ist hier aber nicht gemeint (– wer genau hinhört, kann es am „meistens” feststellen; aber auch wenn man das „meistens” weglässt, ist an eine Gleichzeitigkeit nicht gedacht, vielmehr soll eine andauernde Grundeinstellung vorgestellt werden).
Und wie müsste unser Beispielsatz ohne „während” lauten?
Vielleicht „Max versuchte meistens eine große Schau, Egon hingegen trat so bescheiden wie möglich auf.”
Hingegen? Na ja, sehr gebräuchlich ist das nicht mehr – aber schön.
Fatal kann es werden, wenn es dem Zuhörer/ Leser unschwer gelingt, einen zeitlichen Zusammenhang ganz unmittelbar (mit-)zuhören: „Während Max Zigaretten rauchte, liebte Egon schöne Frauen” – womöglich gleich nachdem Max als starker Raucher vorgestellt worden ist. (Und weil diese Szene so schön grotesk ist, darf hier „unschwer” ausnahmsweise(!) einmal stehen bleiben.)
Belassen wir „während'“ am besten in seiner Zeitbestimmung. Unzweideutig!
Unzweideutig: „Ehrlich währt am längsten.”
– unzweideutig, bitte!








