Dienstag, 28. November 2006
Montag, 27. November 2006
Üben üben üben (Schreibanlässe)
Und woher wissen Sie, welche Wörter die Sinne Ihres Lesers ansprechen – welche leben? Sehen Sie das vor sich, worüber Sie schreiben, riechen, ertasten, hören und schmecken Sie es. Denken Sie daran, wie intensiv Sie als Kind alles wahrgenommen hatten – bevor Sie die Welt durch die Augen derer sahen, die sie Ihnen erklärten –, erwecken Sie diese Gabe wieder zum Leben. Notieren Sie in Ihrem Notizbuch Gerüche, abstoßende oder angenehme, die Ihnen auffallen, eindringliche Farben, Geräusche, Empfindungen. Wie beschreiben andere Schriftsteller Sinneseindrücke, mit welchen Mitteln haben sie erreicht, dass Ihre Sinne angesprochen wurden?
Was empfinden Sie bei den folgenden Aufgaben? Schreiben Sie darüber einen Text. Er muss nicht druckreif sein, doch versuchen Sie, die Wahrnehmungen so genau wie möglich in Worte zu fassen.
Verbinden Sie Ihre Augen und lassen Sie sich unterschiedlich riechende Dinge vor die Nase halten: Rosen, Bohnenkaffee, WC-Reiniger. Lassen Sie sich füttern mit Marzipan und Senf. – Wie schildern Sie die Schärfe einer Chilischote?
– Lässt sich überhaupt die Schärfe einer Chilischote beschreiben? Oder das Aroma des Kaffees, wie WITTGENSTEIN fordert:
Streichen Sie über Dinge, die Ihnen jemand hinlegt: Samt, eine Bürste, einen nassen Waschlappen.
Was macht das Riechen, Schmecken, Fühlen mit Ihnen?
Schalten Sie das Radio und den Computer aus. Was hören Sie? Vielleicht fällt Ihnen zum ersten Mal das Zwitschern der Vögel auf oder der Straßenlärm. Falls Sie nichts hören, wie wirkt die Stille? – DOMBRADY sagt, dass der Dichter in zwei Bewusstseinzuständen lebt, die Stille wird erst als solche empfunden durch den Lärm, die Schärfe eines Grillentons wird erst durch die Stille vernehmbar. – Was für Geräusche macht Ihr Computer? Klackklackklack, toctoc-toc, Cuckoo oder fiep?
Der Künstler nimmt Formen und Farben nuancierter wahr als andere Menschen. Wie wirkt das Blau des Bildschirms auf Sie? Können Sie die Farbe genauer beschreiben? Ist die Wand Ihrer Dichterstube gelb, braun oder terracotta, in gebranntem Siena oder ocker gestrichen? Nehmen Sie die Grünschattierungen der Yucca-Palme wahr, das Gelb der Tulpen auf dem Schreibtisch. Lassen Sie das Spiel der Sonnenstrahlen auf der Tapete und in der Dämmerung die Schwarzweiß-Töne auf sich wirken. Betrachten Sie Formen – Linien, Kurven, Ecken – und Bewegungen – das Zittern der Blätter im Wind, das Bauschen der Gardine bei geöffnetem Fenster, das Gleiten Ihrer Katze über den Teppich.
Bei welcher Aufgabe haben Sie am wenigsten empfunden? Üben Sie so lange, bis Sie für alle Sinneseindrücke das gleiche Gespür bekommen.
Bei solch einer Übung entstand mein Text Marzipan:
Was empfinden Sie bei den folgenden Aufgaben? Schreiben Sie darüber einen Text. Er muss nicht druckreif sein, doch versuchen Sie, die Wahrnehmungen so genau wie möglich in Worte zu fassen.
Verbinden Sie Ihre Augen und lassen Sie sich unterschiedlich riechende Dinge vor die Nase halten: Rosen, Bohnenkaffee, WC-Reiniger. Lassen Sie sich füttern mit Marzipan und Senf. – Wie schildern Sie die Schärfe einer Chilischote?
– Lässt sich überhaupt die Schärfe einer Chilischote beschreiben? Oder das Aroma des Kaffees, wie WITTGENSTEIN fordert:
»Beschreib das Aroma des Kaffees! - Warum geht es nicht? Fehlen uns die Worte? Und wofür fehlen sie uns? – Woher aber der Gedanke, es müsse doch so eine Beschreibung möglich sein? Ist dir so eine Beschreibung je abgegangen? Hast du versucht, das Aroma zu beschreiben, und es ist nicht gelungen? (Ich möchte sagen: »Diese Töne sagen etwas Herrliches, aber ich weiß nicht was.« Diese Töne sind eine starke Geste, aber ich kann ihr nichts Erklährendes an die Seite stellen. Ein tief ernstes Kopfnicken. James: »Es fehlen uns die Worte.« Warum führen wir sie denn nicht ein? Was müsste der Fall sein, damit wir es könnten?« kursiv jmw)Das ist es: Warum finden wir keine Worte, warum geben wir so schnell auf? –
Streichen Sie über Dinge, die Ihnen jemand hinlegt: Samt, eine Bürste, einen nassen Waschlappen.
Was macht das Riechen, Schmecken, Fühlen mit Ihnen?
Schalten Sie das Radio und den Computer aus. Was hören Sie? Vielleicht fällt Ihnen zum ersten Mal das Zwitschern der Vögel auf oder der Straßenlärm. Falls Sie nichts hören, wie wirkt die Stille? – DOMBRADY sagt, dass der Dichter in zwei Bewusstseinzuständen lebt, die Stille wird erst als solche empfunden durch den Lärm, die Schärfe eines Grillentons wird erst durch die Stille vernehmbar. – Was für Geräusche macht Ihr Computer? Klackklackklack, toctoc-toc, Cuckoo oder fiep?
Der Künstler nimmt Formen und Farben nuancierter wahr als andere Menschen. Wie wirkt das Blau des Bildschirms auf Sie? Können Sie die Farbe genauer beschreiben? Ist die Wand Ihrer Dichterstube gelb, braun oder terracotta, in gebranntem Siena oder ocker gestrichen? Nehmen Sie die Grünschattierungen der Yucca-Palme wahr, das Gelb der Tulpen auf dem Schreibtisch. Lassen Sie das Spiel der Sonnenstrahlen auf der Tapete und in der Dämmerung die Schwarzweiß-Töne auf sich wirken. Betrachten Sie Formen – Linien, Kurven, Ecken – und Bewegungen – das Zittern der Blätter im Wind, das Bauschen der Gardine bei geöffnetem Fenster, das Gleiten Ihrer Katze über den Teppich.
Bei welcher Aufgabe haben Sie am wenigsten empfunden? Üben Sie so lange, bis Sie für alle Sinneseindrücke das gleiche Gespür bekommen.
Bei solch einer Übung entstand mein Text Marzipan:
Nie wieder hat ihr Marzipan so gut geschmeckt wie damals.
Stundenlang stand sie in der Küche ihrer Eltern, ließ Wasser aufkochen, warf ein halbes Pfund ungeschälter Mandeln hinein, goss das Wasser in den Ausguss, rubbelte die aufgeweichte Schale ab, bis die Fingerspitzen wellig wurden von der Nässe und der Geruch nach feuchten Mandeln sie schwindlig werden ließ. Sie mahlte sie in der Mandelmühle, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte, einmal und noch einmal, goss Rosenwasser hinzu, schüttete durchgesiebten Puderzucker darauf und knetete die Masse solange, bis sie geschmeidig wurde. Sie stach kleine Stücke ab und rollte sie zwischen ihren Handflächen, wälzte die Kügelchen in Kakaopulver, tat sie in Pergamenttüten und verschenkte sie an die Menschen, die sie liebte.
Damals hatte sie noch Zeit.
Damals bereitete sie auch Schokolade zu und Nougat und Krokant.
Jedes Jahr am dritten Adventsonntag buk sie ein Lebkuchenhaus und bedeckte das Dach mit Schokoladenplätzchen. Sie schuf Lebkuchentannen und einen Schlitten und einen Zaun und einen Holzstapel aus Borkenschokolade und klebte alles mit Eiweiß auf eine Lebkuchenplatte. Aus Zuckerguss zauberte sie Eiszapfen und aus Puderzucker Schnee. Sie klebte rotes Seidenpapier gegen die Fenster, und ihr Vater baute eine Puppenstubenlampe in das Haus. Es schien, als lebe dort jemand.
Damals hatte sie noch Zeit.
Dann verliebte sie sich, verlobte sich, heiratete. Sie musste den Heilig Abend bei ihren Schwiegereltern verbringen – bei ihnen sei es viel feierlicher, hieß es. Dort gab es Marzipan aus dem Laden und Schokolade aus dem Laden und keine Lebkuchenhäuser.
Nein, es stimmt nicht, dass ihr nie wieder Marzipan so gut geschmeckt hat wie damals. Seither isst sie es überhaupt nicht mehr.
Sonntag, 26. November 2006
Das Wort lebt II
Das Dorf im Abu Telfan lebt (vergleichen Sie RAABES Schilderung mit Beschreibungen anderer Autoren – wie leblos werden sie Ihnen erscheinen durch die immer gleichen Wörter, nichtssagenden Adjektive und abgedroschenen Bilder):
Die Menschen, an die sich die Protagonistin in Rebecca WELLS’ Roman Die göttlichen Geheimnisse der Ya-Ya-Schwestern erinnert, leben fort wegen ihrer Gerüche:
Es war ebenfalls ein Vogelnest im Grün, dieses Dorf Bumsdorf, aber weniger voll zwitschernder Melodien als voll Gebrumm und Gegrunz, Geschnarr und Geknarr, Gequick und Gequak, Gefluch und Gepfeif, Gezeter und Gejodel und die Sonne beschien heiter die Kirche, das Pfarrhaus, den Gutshof, das Wirtshaus und den Mühlenteich, die Wohnungen der Vollspänner, Halbspänner, Brinksitzer, Kotsassen, Häuslinge und Anbauer und das Haus des pensionierten Steuerinspektors Hagebucher, eines Mannes, der seiner wohlverdienten Ruhe in ländlich sittlicher Abgeschiedenheit, jedoch nicht gar zu entfernt von den Annehmlichkeiten des städtischen Lebens, genoß.Lebendige Geschichten entstehen auch durch Gegensätze. CANETTI baut in seine Reise-Impressionen Stille und Lärm, das Helle und das Dunkel ein:
Um in einer fremdartigen Stadt vertraut zu werden, braucht man einen abgeschlossenen Raum, auf den man ein gewisses Anrecht hat und in dem man allein sein kann, wenn die Verwirrung der neuen und unverständlichen Stimmen zu groß wird. Dieser Raum soll still sein, niemand soll einen sehen, wenn man sich in ihn rettet, niemand, wenn man ihn wieder verläßt. Am schönsten ist es, in eine Sackgasse zu verschwinden, vor einem Tore stehenzubleiben, zu dem man den Schlüssel in der Tasche hat, und aufzusperren, ohne daß es eine Sterbensseele hört.Wie viele Autoren beschreiben Figuren, statt sie vor uns erscheinen zu lassen! Leider haben sie Gottfried KELLERS Verlorene Lachen nicht gelesen.
Man tritt in die Kühle des Hauses und macht das Tor hinter sich zu. Es ist dunkel und für einen Augenblick sieht man nichts. Man ist wie einer der Blinden auf den Plätzen und Gassen, die man verlassen hat. Aber man gewinnt das Augenlicht sehr bald wieder. Man sieht die steinernen Stufen, die in die Etage führen, und oben findet man eine Katze vor. Sie verkörpert die Lautlosigkeit, nach der man sich gesehnt hat. Man ist dankbar dafür, daß sie lebt, so läßt es sich auch leise leben. Sie wird gefüttert, ohne daß sie tausendmal am Tage »Allah« ruft. Sie ist nicht verstümmelt und sie hat es auch nicht nötig, sich in ein schreckliches Schicksal zu ergeben. Sie mag grausam sein, aber sie sagt es nicht.
Man geht auf und ab, und atmet die Stille ein. Wo ist das ungeheuerliche Treiben geblieben? Das grelle Licht und die grellen Laute? Die hundert und aberhundert Gesichter?« (Reiseimpression über Marrakesch)
Dann zog sie ihr modisches Oberkleid aus, schlug eines der weißen Halstücher der Großmutter um, die Zipfel auf dem Rücken verbunden, und kochte die gebrannte Mehlsuppe, buk den duftenden Eierkuchen oder briet die leckere Fettwurst, die sie eigenmächtig zum Nachtmahl aus der Vorratskammer geraubt. Wenn sie dann mit gerötetem Gesicht gar fröhlich und lieblich dreinschaute und vollends die glänzende Zinnkanne mit klarem, leichtem Weine regierte, so bezeugten die Alten, daß sie erst jetzt wie eine rechte alte Landjungfer aussehe, und es gab etwa noch eine kleine Mummerei, indem die Großmutter ihren verjährten Granatschmuck sowie Sonntagshäubchen und seidene Jacken herbeibrachte, die sie vor sechzig Jahren in blühender Jugend getragen.Da duftet es, da läuft dem Leser das Wasser im Munde zusammen. Er weiß gar nicht, wohin er zuerst schauen soll, in den Kochtopf oder zur Großmutter. Er hört zwar nichts, aber er stellt sich vor, wie sie beim Kochen eine Melodie summt.
Die Menschen, an die sich die Protagonistin in Rebecca WELLS’ Roman Die göttlichen Geheimnisse der Ya-Ya-Schwestern erinnert, leben fort wegen ihrer Gerüche:
Wenn ich die Augen schließe und mich konzentriere, kann ich hier in dieser Hütte, 2500 Meilen von Louisiana und viele Jahre von meiner Kindheit entfernt, tatsächlich meine Mutter und die Ya-Yas riechen. Es kommt mir vor, als ob mein Körper die verschiedenen Düfte der Ya-Yas auf einer verborgenen Flamme leise am Sieden hält, und immer, wenn ich am wenigsten darauf gefaßt bin, steigt dieses Aroma auf und vermischt sich mit den Gerüchen meines jetzigen Lebens, bis ein neues und doch vertrautes Parfüm entsteht. Ich rieche die verwaschene Baumwolle aus einer Wäschetruhe, Tabakrauch in einem Angorapullover, Handcreme von Jergen, geschmorte Zwiebeln mit grünem Paprika, den süßen, nußartigen Duft von Erdnußbutter und Bananen, das Eichenaroma eines guten Bourbon, eine Mischung aus Maiglöckchen, Zeder, Vanille und dem schweren Duft von Damaszenerrosen.Erklären Sie nicht mit nüchternen Worte eine Epoche. Erwecken Sie sie zum Leben, indem Sie sie, wie Rebecca Wells, erklingen lassen:
Sidda wusste nicht, dass die Leute noch viel mehr gesungen hatten in der Zeit, als Vivi selbst noch ein Kind gewesen war. So etwas steht in keinem Geschichtsbuch. Wie die Leute auch außerhalb ihrer Wohnung stets ein Lied auf den Lippen hatten. Damals, in den dreißiger und vierziger Jahren, konnte man in Thornton, Louisiana, nicht auf die Straße gehen, ohne daß man jemanden singen hörte. Singen oder pfeifen. Hausfrauen trällerten, während sie die Wäsche aufhängten. Die alten Sonderlinge und Käuze pfiffen ein Liedchen, während sie vor dem Gerichtsgebäude in der River Street herumlungerten. Gärtner summten vor sich hin beim Unkrautjäten oder Hacken. Kindern sangen aus voller Kehle, wenn sie auf ihren Fahrrädern die Gegend unsicher machten. Selbst seriöse Geschäftsleute betraten oder verließen fröhlich pfeifend die Bank. Damals hatten die Leute ein Klavier im Wohnzimmer stehen und keinen Fernsehapparat. Der Gesang war keineswegs immer ein Zeichen von Freude, gelegentlich hörte man Trauerlieder oder die alten Kirchenlieder. Und oft war es die Musik der schwarzen Bevölkerung, die in Vivi eine Traurigkeit auslöste, die sie nicht beschreiben konnte. Damals, schien es, gab es niemanden, der nicht gesungen hätte.Ich erklärte Salome, dass ich in sie verliebt sei – nein, so schreibt ein HESSE nicht. Er lässt uns in seiner Erzählung Hans Amstein diese Aussage sinnlich erfahren:
Einmal kam sie zu uns, Onkel und Cousine waren nicht da, und sie setzte sich zu mir auf die Gartenbank. Die Dirlitzen waren schon rot, das Beerenzeug reif, und Salome griff behaglich hinter sich in die Stachelbeeren. Nebenher nahm sie am Gespräche teil, und wir waren bald so weit, daß ich mit feuerrotem Gesicht ihr erklärte, ich sei rasend in sie verliebt.Durch die Intensität der Sprache wie schreiendes Rot, farbige Klänge, wird erreicht, dass Bilder mit allen Sinnen aufgenommen werden: »Durch die Nacht, die mich umfangen,/blickt zu mir der Töne Licht« (Clemens BRENTANO, Abendständchen).
Vermeiden Sie die beziehungslosen, toten, schablonenhaften, trivialen, klischeehaften Wörter; verwenden Sie die dichten, kraftvollen, plastischen, unwiderstehlichen.
Samstag, 25. November 2006
Das Wort lebt
Der Dichter benutzt die Worte nicht einfach, er liebt sie,
seine Sprache kann unglaublich sinnlich sein.
Sigrid LÖFFLER
Sprache soll, so HAMSUN, »über Skalen der Musik (Hervorhebung jmw) verfügen. Der Dichter soll immer, in allen Fällen, des lebendigen Wortes mächtig sein, das mir die Sache erzählt, das meine Seele durch seine Treffsicherheit bis hin zum Jammer verletzen kann. Das Wort kann in Farbe, in Laute, in Gerüche verwandelt werden. Aufgabe des Dichters ist es, das Wort so zu verwenden, daß es wirkt, daß es nie versagt und nie abprallt. ... Man soll sich in der Wortfülle tummeln und austoben können; man soll nicht nur die unmittelbare, sondern die heimliche Macht des Wortes kennen und verstehen. ... Es gibt Ober- und Untertöne in Wörtern, und es gibt Nebentöne ...«
HERDER wiederum fordert, dass der Dichter Empfindungen nicht ausdrücken, sondern malen soll. Jedoch sei es schwer, sie »durch eine gemalte Sprache in Büchern (auzudrücken, jmw) …, ja an sich unmöglich. Im Auge, im Antlitz, durch den Ton, durch die Zeichensprache des Körpers – so spricht die Empfindung eigentlich, und überläßt den toten Gedanken das Gebiet der toten Sprache. Nun, armer Dichter! und du sollst deine Empfindungen aufs Blatt malen, sie durch einen Kanal schwarzen Safts hinströmen, du sollst schreiben, daß man es fühlt, und sollst dem wahren Ausdruck der Empfindungen entsagen; du sollst nicht dein Papier mit Tränen benetzen, daß die Tinte zerfließt, du sollst deine ganze lebendige Seele in tote Buchstaben hinmalen, und parlieren, statt auszudrücken.«
Um Empfindungen zu malen, um Ober- und Untertöne zu finden – um Bilder im Leser lebendig werden zu lassen, muss der Erzähler lebendige Wörter finden, Wörter, die all unsere Sinne ansprechen. Nicht nur solche, die wir riechen können wie Moder oder Zimt, sondern auch, die wir hören können, wie quietschen oder blubbern, die wir sehen können, wie Schattenriss oder Wachspuppenkopf, die wir schmecken, wie gegoren oder chilischotenscharf, und die wir ertasten können, wie stachlig oder flauschig. Aber auch solche, die eine Tat ausdrücken, wie japsen oder stöckeln.
Für LICHTENBERG sind die »Schallwörter« wie »es donnert, heult, brüllt, zischt, pfeift. braust, saust, summet, brummet, rumpelt, quäkt, ächzt, singt, rappelt, prasselt, knallt, rasselt, knistert, klappert, knurret, poltert, winselt, wimmert, rauscht, murmelt, kracht, gluckset, … klingelt, bläset, schnarcht, klatscht, lispeln, keuchen, es kocht, schreien, weinen, schluchzen, krächzen, stottern, lallen, girren, hauchen, klirren, blöken, wiehern. Schnarren, scharren, sprudeln«, und noch »andere, welche Töne ausdrücken, … nicht bloße Zeichen, sondern eine Art von Bilderschrift für das Ohr.«
Schreiben Sie mit Ihrer Nase, Ihren Augen, Ihren Ohren, Ihrem Mund, Ihren Fingerspitzen, Ihren Füßen – schreiben Sie mit dem ganzen Körper.
seine Sprache kann unglaublich sinnlich sein.
Sigrid LÖFFLER
Sprache soll, so HAMSUN, »über Skalen der Musik (Hervorhebung jmw) verfügen. Der Dichter soll immer, in allen Fällen, des lebendigen Wortes mächtig sein, das mir die Sache erzählt, das meine Seele durch seine Treffsicherheit bis hin zum Jammer verletzen kann. Das Wort kann in Farbe, in Laute, in Gerüche verwandelt werden. Aufgabe des Dichters ist es, das Wort so zu verwenden, daß es wirkt, daß es nie versagt und nie abprallt. ... Man soll sich in der Wortfülle tummeln und austoben können; man soll nicht nur die unmittelbare, sondern die heimliche Macht des Wortes kennen und verstehen. ... Es gibt Ober- und Untertöne in Wörtern, und es gibt Nebentöne ...«
HERDER wiederum fordert, dass der Dichter Empfindungen nicht ausdrücken, sondern malen soll. Jedoch sei es schwer, sie »durch eine gemalte Sprache in Büchern (auzudrücken, jmw) …, ja an sich unmöglich. Im Auge, im Antlitz, durch den Ton, durch die Zeichensprache des Körpers – so spricht die Empfindung eigentlich, und überläßt den toten Gedanken das Gebiet der toten Sprache. Nun, armer Dichter! und du sollst deine Empfindungen aufs Blatt malen, sie durch einen Kanal schwarzen Safts hinströmen, du sollst schreiben, daß man es fühlt, und sollst dem wahren Ausdruck der Empfindungen entsagen; du sollst nicht dein Papier mit Tränen benetzen, daß die Tinte zerfließt, du sollst deine ganze lebendige Seele in tote Buchstaben hinmalen, und parlieren, statt auszudrücken.«
Um Empfindungen zu malen, um Ober- und Untertöne zu finden – um Bilder im Leser lebendig werden zu lassen, muss der Erzähler lebendige Wörter finden, Wörter, die all unsere Sinne ansprechen. Nicht nur solche, die wir riechen können wie Moder oder Zimt, sondern auch, die wir hören können, wie quietschen oder blubbern, die wir sehen können, wie Schattenriss oder Wachspuppenkopf, die wir schmecken, wie gegoren oder chilischotenscharf, und die wir ertasten können, wie stachlig oder flauschig. Aber auch solche, die eine Tat ausdrücken, wie japsen oder stöckeln.
Für LICHTENBERG sind die »Schallwörter« wie »es donnert, heult, brüllt, zischt, pfeift. braust, saust, summet, brummet, rumpelt, quäkt, ächzt, singt, rappelt, prasselt, knallt, rasselt, knistert, klappert, knurret, poltert, winselt, wimmert, rauscht, murmelt, kracht, gluckset, … klingelt, bläset, schnarcht, klatscht, lispeln, keuchen, es kocht, schreien, weinen, schluchzen, krächzen, stottern, lallen, girren, hauchen, klirren, blöken, wiehern. Schnarren, scharren, sprudeln«, und noch »andere, welche Töne ausdrücken, … nicht bloße Zeichen, sondern eine Art von Bilderschrift für das Ohr.«
Schreiben Sie mit Ihrer Nase, Ihren Augen, Ihren Ohren, Ihrem Mund, Ihren Fingerspitzen, Ihren Füßen – schreiben Sie mit dem ganzen Körper.
Donnerstag, 23. November 2006
Was ist eigentlich Poesie?
Zuhörer beim seinerzeit sagenhaften „Literarischen Quartett” brauchten nicht viel Geduld, wenn sie auf eine der alternativen Bemerkungen Marcel REICH-RANICKIS warteten: „Ich vermisse hier wieder einmal jegliche Poesie” oder „Hier endlich hört man sie wieder einmal, die Poesie” – und dann war ihm vieles andere an einem literarischen Werk minder wichtig.
MRR hat seine Worte immer sorgfältig gewählt. Wenn er „jegliche” sagte, wollte er andeuten, dass es unterschiedliche Formen der Poesie gibt, und wenn er „hören” sagte, hatte er Poesie schon ziemlich genau beschrieben.
Dem (gr.) poiein, das zunächst nur machen, schaffen, schöpferisch tätig sein bedeutete, wurde bald das Dichten zugeordnet, und im 18. Jahrhundert fand man dann den dichterischen Stimmungsgehalt/den Zauber/– die Verzauberung – hinzu.
Da hat es sich der Freiherr von EICHENDORFF ziemlich leicht gemacht, als er sein vielleicht berühmtestes Gedicht über eine „Mondnacht“ schrieb, in der für uns Menschen seit alters ein unerklärbarer Zauber wirkt: die Poesie des Themas? Aber dann:
Es war, als hätt' der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst.
Die Luft ging durch die Felder,
die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis die Wälder,
so sternklar war die Nacht.
Die Poesie der Sprache!
Und schließlich kann es sich Eichendorff sogar leisten, sein Eingangsthema zu verlassen:
Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.
denn seine dichterische Sprache trägt ihn – nicht irgendwohin, aber jedenfalls aus dem Bilde.
Und jetzt mache ich es mir leicht, wenn ich gleich bei Eichendorff bleibe, um ein Beispiel für die Poesie in der Prosa zu suchen, denn reine Poesie ist der Anfang zum „Taugenichts”:
"Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: „Du Taugenichts! Da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und lässt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Weit und erwirb dir selber dein Brot.”
Natürlich geht der Taugenichts.
Und dann geschieht etwas geradezu Sensationelles:
"Wie aber denn die Sonne immer höher stieg, rings am Horizont schwere weiße Mittagswolken aufstiegen und alles in der Luft und auf der weiten Fläche so leer und schwül und still wurde über den leise wogenden Kornfeldern …",
denn da reißt seine poetische Sprache den Dichter ganz aus seiner Zeit heraus, in den hohen Sommer, obwohl gerade eben noch der letzte Schnee emsig vom Mühlendach getropft war.
Zunächst also trägt die Sprache den Dichter mit sich fort, sogar aus dem Bilde heraus, und wenn sie ganz zauberhaft ist, merken auch wir das noch nicht einmal – oder jedenfalls erst mit dem zweiten Hinsehen. Denn wir sind selbst verzaubert.
Eichendorff zählt zu den Romantikern, die ganz besonderen Wert auf die Poesie in ihren Werken gelegt haben, vor allem auf die Poesie der Sprache. Und es wäre ganz unfair, sie auch heute den Dichtern in Lyrik und Prosa als Vorbilder zu empfehlen: Wir leben in einer anderen Zeit. Aber beim Lesen (– beim Laut-Lesen!) hat wahrscheinlich jeder von uns ein Schwingen gespürt, das weiter trägt, den Ton gehört, der über allen diesen Sätzen liegt.
MRR hat in seinen Anmerkungen kaum jemals genau gesagt, wo oder wie er das besonders Poetische heraus gehört hatte und wie man Poesie bestimmen kann, aber er hat mit seinen Hinweisen fast immer Recht gehabt. Umstritten war dann bei der Beurteilung eines literarischen Werkes nur noch der Stellenwert, den die Poesie haben sollte.
Nun die unangenehme Rückseite der Medaille!
Das Gedicht eines jungen Lyrikers ist zweifellos poetisch:
Über die Wiesen, leis hingesungen,
weht schon der Jubel des Maien;
flüsternd fließen alle Brunnen,
wärmer tönen die Schalmeien.
Zärtlich sind die Stimmen der Welt
und ruhig atmet die Erden.
Selbst der geschwätzige Star verhält
sich still, da alle stiller werden.
Birken wiegen sich sacht im Wind
nach ungehörter Melodei …
Der junge Dichter lebt längst nicht mehr. Er starb sehr früh im Polenfeldzug des Zweiten Weltkriegs. Und deswegen, und weil er ein sehr guter Freund war, darf ich die letzten Zellen seines kleinen Opus einfach weglassen: sie sind Kitsch.
Aber auch die fliegende Seele könnte Kitsch sein, ebenso wie das blaue Band und die prangenden goldenen Sternlein und …
– sogar das junge und morgenschöne Röslein! Dass sie es nicht sind, liegt an dem sicheren Gespür der großen Dichter für die Grenzen ihrer Poesie.
Und jetzt braucht es Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit: Sie wissen vermutlich nicht, wo der Vers
Als wüchsen zwischen staubgrauen Steinen des Weges
die süßen Schwingel des Grases
und als bräche aus schwerem Herbstgewölk
unvermutet der Frühling …
steht, aber er ist zweifellos große Poesie. Sie finden ihn in Hermann STEHRS, eines schlesischen Dichters (um 1900), „Amadeus Mandels Geburt“. Und dort steht er als ganz schlichte Prosa!
(Versuchen Sie jetzt bitte einmal, die vier Zeilen als Prosa zu lesen!)
Horst Dinter
MRR hat seine Worte immer sorgfältig gewählt. Wenn er „jegliche” sagte, wollte er andeuten, dass es unterschiedliche Formen der Poesie gibt, und wenn er „hören” sagte, hatte er Poesie schon ziemlich genau beschrieben.
Dem (gr.) poiein, das zunächst nur machen, schaffen, schöpferisch tätig sein bedeutete, wurde bald das Dichten zugeordnet, und im 18. Jahrhundert fand man dann den dichterischen Stimmungsgehalt/den Zauber/– die Verzauberung – hinzu.
Da hat es sich der Freiherr von EICHENDORFF ziemlich leicht gemacht, als er sein vielleicht berühmtestes Gedicht über eine „Mondnacht“ schrieb, in der für uns Menschen seit alters ein unerklärbarer Zauber wirkt: die Poesie des Themas? Aber dann:
Es war, als hätt' der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst.
Die Luft ging durch die Felder,
die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis die Wälder,
so sternklar war die Nacht.
Die Poesie der Sprache!
Und schließlich kann es sich Eichendorff sogar leisten, sein Eingangsthema zu verlassen:
Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.
denn seine dichterische Sprache trägt ihn – nicht irgendwohin, aber jedenfalls aus dem Bilde.
Und jetzt mache ich es mir leicht, wenn ich gleich bei Eichendorff bleibe, um ein Beispiel für die Poesie in der Prosa zu suchen, denn reine Poesie ist der Anfang zum „Taugenichts”:
"Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: „Du Taugenichts! Da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und lässt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Weit und erwirb dir selber dein Brot.”
Natürlich geht der Taugenichts.
Und dann geschieht etwas geradezu Sensationelles:
"Wie aber denn die Sonne immer höher stieg, rings am Horizont schwere weiße Mittagswolken aufstiegen und alles in der Luft und auf der weiten Fläche so leer und schwül und still wurde über den leise wogenden Kornfeldern …",
denn da reißt seine poetische Sprache den Dichter ganz aus seiner Zeit heraus, in den hohen Sommer, obwohl gerade eben noch der letzte Schnee emsig vom Mühlendach getropft war.
Zunächst also trägt die Sprache den Dichter mit sich fort, sogar aus dem Bilde heraus, und wenn sie ganz zauberhaft ist, merken auch wir das noch nicht einmal – oder jedenfalls erst mit dem zweiten Hinsehen. Denn wir sind selbst verzaubert.
Eichendorff zählt zu den Romantikern, die ganz besonderen Wert auf die Poesie in ihren Werken gelegt haben, vor allem auf die Poesie der Sprache. Und es wäre ganz unfair, sie auch heute den Dichtern in Lyrik und Prosa als Vorbilder zu empfehlen: Wir leben in einer anderen Zeit. Aber beim Lesen (– beim Laut-Lesen!) hat wahrscheinlich jeder von uns ein Schwingen gespürt, das weiter trägt, den Ton gehört, der über allen diesen Sätzen liegt.
MRR hat in seinen Anmerkungen kaum jemals genau gesagt, wo oder wie er das besonders Poetische heraus gehört hatte und wie man Poesie bestimmen kann, aber er hat mit seinen Hinweisen fast immer Recht gehabt. Umstritten war dann bei der Beurteilung eines literarischen Werkes nur noch der Stellenwert, den die Poesie haben sollte.
Nun die unangenehme Rückseite der Medaille!
Das Gedicht eines jungen Lyrikers ist zweifellos poetisch:
Über die Wiesen, leis hingesungen,
weht schon der Jubel des Maien;
flüsternd fließen alle Brunnen,
wärmer tönen die Schalmeien.
Zärtlich sind die Stimmen der Welt
und ruhig atmet die Erden.
Selbst der geschwätzige Star verhält
sich still, da alle stiller werden.
Birken wiegen sich sacht im Wind
nach ungehörter Melodei …
Der junge Dichter lebt längst nicht mehr. Er starb sehr früh im Polenfeldzug des Zweiten Weltkriegs. Und deswegen, und weil er ein sehr guter Freund war, darf ich die letzten Zellen seines kleinen Opus einfach weglassen: sie sind Kitsch.
Aber auch die fliegende Seele könnte Kitsch sein, ebenso wie das blaue Band und die prangenden goldenen Sternlein und …
– sogar das junge und morgenschöne Röslein! Dass sie es nicht sind, liegt an dem sicheren Gespür der großen Dichter für die Grenzen ihrer Poesie.
Und jetzt braucht es Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit: Sie wissen vermutlich nicht, wo der Vers
Als wüchsen zwischen staubgrauen Steinen des Weges
die süßen Schwingel des Grases
und als bräche aus schwerem Herbstgewölk
unvermutet der Frühling …
steht, aber er ist zweifellos große Poesie. Sie finden ihn in Hermann STEHRS, eines schlesischen Dichters (um 1900), „Amadeus Mandels Geburt“. Und dort steht er als ganz schlichte Prosa!
(Versuchen Sie jetzt bitte einmal, die vier Zeilen als Prosa zu lesen!)
Horst Dinter
Labels:
Gedichte,
Über Sprache,
Übers Schreiben,
was ist eigentlich
Dienstag, 21. November 2006
Aus Schriftstellers Schreibstube
Das Wort
Lebendgem Worte bin ich gut:
das springt heran so wohlgemut,
das grüßt mit artigem Genick,
ist lieblich selbst im Ungeschick,
hat Blut in sich, kann herzhaft schnauben,
kriecht dann zum Ohre selbst dem Tauben,
und ringelt sich und flattert jetzt,
und was es tut - das Wort ergetzt.
Doch bleibt das Wort ein zartes Wesen,
bald krank und aber bald genesen.
Willst ihm sein kleines Leben lassen,
musst du es leicht und zierlich fassen,
nicht plump betasten und bedrücken,
es stirbt oft schon an bösen Blicken -
und liegt dann da, so ungestalt,
so seelenlos, so arm und kalt,
sein kleiner Leichnam arg verwandelt,
von Tod und Sterben missgehandelt.
Ein totes Wort - ein hässlich Ding,
ein klapperdürres Kling-Kling-Kling.
Pfui allen hässlichen Gewerben,
an denen Wort und Wörtchen sterben!
Friedrich Nietzsche
Lebendgem Worte bin ich gut:
das springt heran so wohlgemut,
das grüßt mit artigem Genick,
ist lieblich selbst im Ungeschick,
hat Blut in sich, kann herzhaft schnauben,
kriecht dann zum Ohre selbst dem Tauben,
und ringelt sich und flattert jetzt,
und was es tut - das Wort ergetzt.
Doch bleibt das Wort ein zartes Wesen,
bald krank und aber bald genesen.
Willst ihm sein kleines Leben lassen,
musst du es leicht und zierlich fassen,
nicht plump betasten und bedrücken,
es stirbt oft schon an bösen Blicken -
und liegt dann da, so ungestalt,
so seelenlos, so arm und kalt,
sein kleiner Leichnam arg verwandelt,
von Tod und Sterben missgehandelt.
Ein totes Wort - ein hässlich Ding,
ein klapperdürres Kling-Kling-Kling.
Pfui allen hässlichen Gewerben,
an denen Wort und Wörtchen sterben!
Friedrich Nietzsche
Labels:
Gedichte,
Schriftstellers Schreibstube,
Über Sprache
Samstag, 18. November 2006
Üben üben üben (Metaphern)
Wir hätten auch »Übung macht den Meister« schreiben können, aber keine Angst – auch dieser Ausspruch ist inzwischen zur Phrase geworden.
Wie finden Sie nun die Metaphern, die Ihrem Text Kraft verleihen und in Ihrem Leser etwas bewirken (sie müssen ja nicht gleich eine ganze Welt bewegen)?
FLAUBERT wundert sich in einem Brief an Louise COLET:
Und wenn Ihnen trotz allem keine Metaphern einfallen? Vergeuden Sie nicht Ihre Zeit, indem Sie verzweifelt die kühne, die noch nie gesagte Metapher suchen, die Sie unsterblich macht. Ihr Text wirkt nicht literarischer, nur weil Sie in jeden zweiten Absatz abgedroschene Vergleiche und schiefe Bilder streuen. Metaphern zu finden kann man nicht lernen, dazu gehört Begabung, die Begabung nämlich, Ähnlichkeiten zu erkennen.
Generell soll man laut W. E. SÜSKIND
Wie finden Sie nun die Metaphern, die Ihrem Text Kraft verleihen und in Ihrem Leser etwas bewirken (sie müssen ja nicht gleich eine ganze Welt bewegen)?
FLAUBERT wundert sich in einem Brief an Louise COLET:
In Ronsard steht eine merkwürdige Vorschrift: er empfiehlt dem Dichter, sich in den Künsten und Handwerken, bei Schmieden, Goldschmieden, Schlossern usw. zu unterrichten, um dort Metaphern zu schöpfen; das gibt einem wirklich eine reiche, mannigfaltige Sprache; die Sätze müssen sich in einem Buch wie die Blätter in einem Walde bewegen, alle in ihrer Ähnlichkeit unähnlich.Schöpfen Sie also auch bei anderen Künstlern. Und üben Sie (und nun sagen Sie nicht, ach, schon wieder die alte Leier …). Überlegen Sie beim Entwerfen Ihrer Figuren, wie groß sie sind, wie klug, wie böse. Schreiben Sie gelungene (und weniger gelungene) Metaphern, die Ihnen auffallen, in Ihr Notizbuch. Doch denken Sie daran: Gute Bilder können Sie sich nicht ausdenken, oft wirken sie nur gekünstelt. Der Leser merkt das und ist verstimmt. »Besser sind jedenfalls jene Metaphern«, schreibt VON LUTTEROTTI, »die einem die Phantasie sozusagen schenkt, als jene, nach denen man krampfhaft suchen muss«. Oft glauben Autoren, dass sie eine Metapher ersonnen haben, und doch haben sie nur ein Bild aus dem Unterbewusstsein ausgegraben, das sich dort eingenistet hatte.
Und wenn Ihnen trotz allem keine Metaphern einfallen? Vergeuden Sie nicht Ihre Zeit, indem Sie verzweifelt die kühne, die noch nie gesagte Metapher suchen, die Sie unsterblich macht. Ihr Text wirkt nicht literarischer, nur weil Sie in jeden zweiten Absatz abgedroschene Vergleiche und schiefe Bilder streuen. Metaphern zu finden kann man nicht lernen, dazu gehört Begabung, die Begabung nämlich, Ähnlichkeiten zu erkennen.
Generell soll man laut W. E. SÜSKIND
»wie jede außergewöhnliche Redefigur das Gleichnis nur sparsam verwenden … . Es unterbricht, so sehr es innerlich weiterführt, zunächst einmal den Fortgang der Rede. Der Hörer und noch mehr der Leser empfindet es als störend, wenn er ohne besonderen Anlaß aus dem einmal angeschlagenen Marschrhythmus herausgerissen wird und noch auf einem zweiten Gleis, einer höheren Ebene, mitdenken soll, wie es im Gleichnis von ihm verlangt wird. … Das Gleichnis sitzt dann richtig, wenn es den Augenblick erfaßt, in welchem eine Rhythmusänderung, eine Rast als angenehm empfunden wird. Dann gilt es, den Leser zu überlisten, so daß er, der stillzustehen und auszurasten meint, in Wirklichkeit auf einem anderen Gleis weiterschreitet. So wird aus dem Bild das Gleichnis.«Laut einer Faustregel sollte höchstens jeder zweite Satz eine Metapher enthalten.
Verzichten Sie auf Metaphern, wenn Ihnen keine gelungenen einfallen.
Mehr zu Metaphern siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/Metaphern
Mittwoch, 15. November 2006
Die Übertreibung
Wir verwenden im Alltag oft Hyperbeln (gr.: hyperbole = Übermaß) – übertreibende Vergleiche, bei denen ein Gegenstand oder Sachverhalt unangemessen vergrößert oder verkleinert wird –, weil sie außerordentlich wirkungsvoll sind: Wenn ich Hans sehe, möchte ich vor Wut platzen; Die Vase zerbrach in tausend Scherben; Lieber sterbe ich, als dass ich Hühnerfrikassee mit Reis esse; Anita und Jochen schnäbelten einander, als wollten sie sich vor Liebe auffressen; Als Marianne den Verlagsvertrag erhielt, war ihr, als sei Ostern und Pfingsten an einem Tag, aber zentnerschwer lastete auf ihr die Aufgabe, das Buch bis Ultimo fertigzustellen. Es ist jammerschade, dass sie es nicht auf die Reihe brachte, denn es wäre ein Bombenerfolg geworden, und zu ihren Lesungen wären die Zuhörer zahlreich wie Sand am Meer geströmt.
Doch auch diese Metaphern haben wir tausend Mal gelesen. Übertreiben Sie mit neuen Worten. Mephisto freut sich im Faust: »Mir ist so kannibalisch wohl als wie fünfhundert Säuen«, und BÜRGER zeigt uns den Abt in Der Kaiser und der Abt mit kraftvollen Worten: »Wie Vollmond glänzte sein feistes Gesicht//Vier Männer umfaßten den Schmerbauch ihm nicht.« Thomas MANN spricht von »einem Schneidergeselle(n), so dünn, dass die Sterne durchschimmern konnten« und GRYPHIUS in seinem Gedicht Tränen in schwerer Krankheit von »Ich sitz in tausend Schmerzen«.
Sie können die Kraft der Metaphern durch Wiederholungen verstärken: »Ich war schwindlig wie ein Derwisch, schwach wie eine müde Waschmaschine, ich hing durch wie ein Dachsbauch, war so scheu wie eine Spitzmaus, und meine Chancen waren so gering wie die von einem Ballettmädchen mit einem Holzbein«. (Raymond CHANDLER, Die kleine Schwester)
Besonders wirksam sind skurrile Übertreibungen, wie sie oft in der Komik oder Satire benutzt werden, wie Du wirst mich an den Rand des Bettelstabes bringen oder Die ganze Sache ist ein totgeborenes Kind, das sich im Sand verlaufen wird.
Lassen Sie wegen der gelungenen Übertreibungen nicht des Neides Zügel umnebeln Ihren Geist. Sie werden sicher keine Ewigkeit warten müssen, bis Ihnen auch solche bombastischen Metaphern einfallen.
Mehr zu Metaphern siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/Metaphern
Doch auch diese Metaphern haben wir tausend Mal gelesen. Übertreiben Sie mit neuen Worten. Mephisto freut sich im Faust: »Mir ist so kannibalisch wohl als wie fünfhundert Säuen«, und BÜRGER zeigt uns den Abt in Der Kaiser und der Abt mit kraftvollen Worten: »Wie Vollmond glänzte sein feistes Gesicht//Vier Männer umfaßten den Schmerbauch ihm nicht.« Thomas MANN spricht von »einem Schneidergeselle(n), so dünn, dass die Sterne durchschimmern konnten« und GRYPHIUS in seinem Gedicht Tränen in schwerer Krankheit von »Ich sitz in tausend Schmerzen«.
Sie können die Kraft der Metaphern durch Wiederholungen verstärken: »Ich war schwindlig wie ein Derwisch, schwach wie eine müde Waschmaschine, ich hing durch wie ein Dachsbauch, war so scheu wie eine Spitzmaus, und meine Chancen waren so gering wie die von einem Ballettmädchen mit einem Holzbein«. (Raymond CHANDLER, Die kleine Schwester)
Besonders wirksam sind skurrile Übertreibungen, wie sie oft in der Komik oder Satire benutzt werden, wie Du wirst mich an den Rand des Bettelstabes bringen oder Die ganze Sache ist ein totgeborenes Kind, das sich im Sand verlaufen wird.
Lassen Sie wegen der gelungenen Übertreibungen nicht des Neides Zügel umnebeln Ihren Geist. Sie werden sicher keine Ewigkeit warten müssen, bis Ihnen auch solche bombastischen Metaphern einfallen.
Mehr zu Metaphern siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/Metaphern
Dienstag, 14. November 2006
Giftliste II (Metaphern)
Morgenluft wittern; grünes Licht geben; die Spitze des Eisberges; die offenen Arme, mit denen man empfängt; Hebel, die man in Bewegung setzt; Kräfte, die in einem schlummern; die Pistole, die man auf die Brust setzt; der glücklose Politiker, der weg vom Fenster ist; der Spieß, den man umdreht; der Standpunkt, auf dem man beharrt; die Tür, mit der man ins Haus fällt; der reine Wein, den man einschenkt; der Willen, von dem man beseelt ist; die Wolken, aus denen man fällt, die weiße Pracht, der fahrbare Untersatz
Mehr zu Metaphern siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/Metaphern
Mehr zu Metaphern siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/Metaphern
Sonntag, 12. November 2006
Stilblüten: Falsche Metaphern und Bildbruch
"Wenn der Mensch nur einen Gegenstand mit dem andern vergleicht, so lügt er schon. »Das Morgenrot streut Rosen.« Gibt es etwas Dümmeres? »Die Sonne taucht sich in das Meer.« Fratzen! »Der Wein glüht purpurn.« Narrenspossen! »Der Morgen erwacht.« Es gibt keinen Morgen; wie kann er schlafen? Es ist ja nichts, als die Stunde, wenn die Sonne aufgeht. Verflucht! Die Sonne geht ja nicht auf; auch das ist ja schon Unsinn und Poesie. O dürft ich nur einmal über die Sprache her, und sie so recht säubern und ausfegen! O verdammt! Ausfegen! Man kann in dieser lügenden Welt es nicht lassen, Unsinn zu sprechen!" (Ludwig TIECK)Man kann mit tränenerstickter Stimme sprechen, aber keinen Beileidsbrief mit tränenerstickter Feder schreiben und damit trösten, dass der Zahn der Zeit, der schon so viele Tränen getrocknet hat, auch über diese Wunde Gras wachsen lassen wird. Das schlägt dem Fass doch tatsächlich die Krone ins Gesicht! Ein Flugzeug kann nicht vom Himmel herab auftauchen, ein Pandabär kann kein Zugpferd in einem Spielzeugladen sein, und ebenso wenig kann ein Fernsehsender »in die Gewinnzone rutschen« (SPIEGEL). Die Börse ist keine »Lawine, die mal herauf, mal herunter geht« (aus einem Zeitungsartikel). Der Arzt, der zu seinem Patienten sagt: »Nehmen Sie Ihren gebrochenen Arm nicht auf die leichte Schulter«, und der Dichter, der »die liebste zerstrahlt/in zahllose funken/sie umglühen mich« schreibt, wissen nicht, welches Bild sie gebrauchen – nach Hiroshima sollten nicht nur Dichter mit derartigen Bildern vorsichtig sein. Auch der Schöpfer des Wirtschaftswunders, Ludwig ERHARD, weiß es nicht, wenn er sagt, es sei »erfreulich, daß die politischen Extremitäten in Deutschland keinen Fuß fassen konnten«. DOSTOJEWSI bezeichnet in den Brüdern Karamasow mit »Kurz, diese Physiognomie hatte etwas so entschieden Vogelhaftes, daß es auffallen mußte« die ungewöhnlich nahe beieinander stehenden Augen des Verteidigers. Nur – beim Vogel liegen die Augen hundertachtzig Grad auseinander, damit er alles überblicken kann.
Unfreiwillig komisch ist: »Wenn alle Stricke reißen, dann hänge ich mich auf«, und äußerst schief: »Wir lassen uns das soziale Netz nicht durchlöchern«.
Prüfen Sie, ob das Bild, das Sie verwenden, stimmt, oder ob sich etwas Unsinniges und Schiefes ergibt.
Mehr zu Metaphern siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/Metaphern
Samstag, 11. November 2006
Überflüssig wie ein Kropf
Gebt lieber die nackten schwarzen Holz-Äste als einen welken Umhang rauschenden Laubes vom vorigen Jahr! (Jean PAUL)
Jemand sagte zu mir:
»Geh nur immer hübsch deiner Nase nach.«
Wahrscheinlich stand sie mir aber
schräg im Gesicht.
Ich kam vom Wege ab
und auf die schiefe Bahn.
Ich bin ganz schön heruntergekommen.
Hans MANZ, Auszug aus Lebenslauf
Notwendige Metaphern füllen Lücken in der Sprache, sie sind deshalb eine der häufigsten, wenn auch oft unbewusst gebrauchten rhetorischen Figuren. Aber viele Wörter und Wendungen der Alltagssprache sind erstarrte Katachresen. Vermeiden Sie die hohlen Worte, die alten Zöpfe und Hüte. Sie haben keine Bildkraft und werden nur noch in der Regenbogenpresse oder Trivialliteratur gebraucht. Reines Wortgeklingel sind die folgenden Sätze: Der zielstrebige Forscher wird seinen Weg schon machen; er wird eine Beamten-Laufbahn einschlagen, Fortschritte erzielen und gut vorankommen. Er wird allerdings mit anderen Kollegen wetteifern und seinen Vorgesetzten entgegenkommen müssen, statt ihnen im Wege zu sein. Mit seinen Ideen wird er offene Türen einrennen, und doch wird er sein Leben lang zur Schule gehen müssen, sogar dann und wann gegen Windmühlen kämpfen. Aber früher oder später wird ihm das Anrennen reichen, er wird sein Wort auf die Goldwaage legen und immer wieder in die Wagschale werfen müssen. Die Damenwelt schätzt an ihm, dass er ein Draufgänger und kein Waschlappen ist. Und so wird er seine unsterbliche Liebe finden, bei ihr hängen bleiben und im Hafen der Ehe landen. Im Honeymoon werden beide auf Wüstenschiffen durchs Sandmeer reiten; ihre Kinder werden wie die Orgelpfeifen sein. Hoffen wir, dass seine Angebetete ihm nicht im Herbst des Lebens Hörner aufsetzt, er vor den Scherben seines Glücks steht – dass er aufs Abstellgleis geschoben wird. Wünschen wir ihm auch nicht, dass er strauchelt, auf Abwege gerät, unter die Räder kommt, vor die Hunde geht, sich irgendwann fragt Wovon soll der Schornstein rauchen? und arm wie eine Kirchenmaus wird. Dann wird er schimpfen wie ein Rohrspatz. Dem Himmel sei auch getrommelt und gepriesen, wenn er kein kalter Hund wird und nicht geizig wie ein Schotte, wenn er nicht frisst wie ein Scheunendrescher. Doch Schwamm drüber, er wird das Kind schon schaukeln und wenn der Sensemann das Stundenglas nicht mehr umdreht, auf dem Sterbebett schmunzeln: Da hab ich doch alles in allem Schwein gehabt.
Gerade beim Schildern von Gefühlen greifen wir oft zu Klischees, weil wir die richtigen Worte nicht finden (oder uns zu mühselig scheint, für Gefühle, die eh jeder kennt, neue Worte zu suchen): Das Herz sinkt in die Hose; Weltschmerz und Durchhängen; das Herz schlägt bis zum Hals; die Hände werden feucht vor Angst (auch wenn das physikalische Tatsachen sind).
An ausdrucksstarken Metaphern lässt sich ein guter Text erkennen. Abgedroschene, an den Haaren herbeigezogene oder aus anderen Texten entlehnte sprechen für einen schlechten Text und einen nachlässigen Schreiber. Verzichten Sie auf Metaphern, wenn Ihnen nur Klischees einfallen.
Mehr zu Metaphern siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/Metaphern
Mittwoch, 8. November 2006
Schreibtipp von Horaz. II
Ein jedes Werk in jedem Dichterfache
hat seinen eignen Farbenton und Stil.
Versteh' ich nichts von dieser Farbengebung,
mit welcher Stirne kann ich einen Dichter
mich nennen hören? Oder, warum lieber
aus falscher Scham unwissend sein, als lernen?
Quintus Horatius Flaccus
(In Horazens Brief an L. Calpurnius Piso und seine Söhne [Von der Dichtkunst (De arte poetica)], übersetzt von Christoph Martin Wieland)
hat seinen eignen Farbenton und Stil.
Versteh' ich nichts von dieser Farbengebung,
mit welcher Stirne kann ich einen Dichter
mich nennen hören? Oder, warum lieber
aus falscher Scham unwissend sein, als lernen?
Quintus Horatius Flaccus
(In Horazens Brief an L. Calpurnius Piso und seine Söhne [Von der Dichtkunst (De arte poetica)], übersetzt von Christoph Martin Wieland)
Labels:
Geprüfte Zitate,
Horaz' Schreibtipps,
Schreibtipps
Dienstag, 7. November 2006
Metaphern in der Alltagssprache
Für Jean PAUL ist die Sprache ein »Wörterbuch verblasster Metaphern«. Verblasste Metaphern, die Katachresen (von gr. katáchresis: Missbrauch) werden nicht mehr als solche empfunden. Sie sind zu einem neuen, wörtlichen Begriff geworden wie Strom, Schalter, Tischbein. Der Fluss schläft nicht in seinem Bett und im Kindergarten werden keine Kinder angepflanzt. Die Orange ist der Begriff für eine Südfrucht, zugleich ist sie eine Katachrese, die sich auf die Farbe der Frucht bezieht.
Die Katachrese bezeichnet aber auch notwendige Metaphern, die als Ersatz für einen in der Sprache nicht vorhandenen Ausdruck benutzt werden wie zum Beispiel bei neuen Gegenständen in der Technik. Mit einem Fuchsschwanz kann man nicht sägen, mit einer Maus keinen Cursor bewegen und beim Elchtest beurteilen Gourmets keine nordischen Wildspezialitäten.
Wie oft lesen wir Sätze wie diese, ohne dass uns bewusst wird, dass es Metaphern sind: Florian fiel es schwer, seine Gefühle in Worte zu fassen. Seine Freundin Sandra drang einfach nicht zu ihm durch. Nun schieß los!, sagte sie – sie wollte endlich in die Tiefe gehen. Doch Florian blockte ab, er ließ nichts als hohle Phrasen raus. Sandra ärgerte sich über das leere Geschwätz. Wozu sollte sie seinen Problemen nachgehen, wenn er offensichtlich nichts mit ihr im Sinn hatte. Nach fünf Minuten riss der Gesprächsfaden ab, und Florian bereute, dass er sich ihr überhaupt geöffnet hatte. Sandra ließ das kalt; sie beschloss, auf ihrem Drahtesel nach Hause zu düsen, ein wenig im Internet zu surfen und in einem Chatroom zu landen. Sicher wird ihr ein Bruder im Geiste auf der Datenautobahn über den Weg laufen, der weniger verschlossen ist und dem sie ihr Herz ausschütten konnte.
Viele Metaphern finden wir in der Bibel: neuen Wein in alte Schläuche füllen; die Schale des Zorns ausgießen; nicht wert sein, jemandem die Schuhriemen zu lösen.
Die Metaphern in »Du machst mich mit deiner Eifersucht noch fertig, doch ich sage dir den Kampf an und irgendwann wirst du die Waffen strecken, das ist bombenklar« entstammen den Begriffen für den Kampf; »Ich werde meine Einstellung dazu noch weiter untermauern, und bestimmt zimmerst du dir Argumente dagegen zurecht« denen fürs Bauen. Manche Metaphern sind dem Spinnen oder Weben entnommen: »Na, da hast du dir ja eine Ausrede zurecht gesponnen«; dem Zeichnen oder Malen: »Deinen Einwänden fehlt die große Linie«, und der Fortbewegung: »Ich fürchte, wir werden in Zukunft den Weg nicht mehr gemeinsam gehen.«
Und viele Metaphern finden wir beim Wetter. Es ist kein Sturm im Wasserglas, wenn jemanden der Sturm der Leidenschaft packt. Wie oft steht eine Frau mit umwölkter Stirne, verhagelter Stimmung, vernebeltem Blick und gefrorenem Lächeln im Regen, weil sie vergebens auf den windigen Gesellen mit den blitzenden Augen wartet, der doch nichts ist als ein Blatt im Wind. Wieder einmal fühlt sie sich aufs Eis gelockt, beschließt, nie wieder Schönwetterreden auf den Leim zu gehen. Und Proteste werden auf ihn hageln und ein Sturm der Entrüstung wird auf ihn niederprasseln, wenn sie ihn wiedersieht.
SHAKESPEARE prägte Kanonenfutter, Wunsch als der Vater des Gedankens, Winter unseres Missvergnügens und den Zahn der Zeit, und für Hamlet gerät die Zeit aus den Fugen.
Und mit welchen Metaphern werden wir Schriftsteller bezeichnet? Hoffen wir, dass wir keine Bierdeckelpoeten, Buchstabenhengste, Federfuchser, Gebrauchsdichter, Literaturfabrikanten oder Phrasenschmiede sind, sondern Pegasus’ Töchter, Goethes Erben oder Frauen der Feder.
Und nun will ich nicht viel Federlesens um diese Metaphern machen (was bedeutete, dass man vornehmen Herrschaften angeflogene Federn vom Gewand las, um sich dadurch beliebt zu machen) und Ihnen nicht auf den Wecker fallen (von Wecker als Sinnbild des Alarmrufes für die höchste Alarmbereitschaft der Nerven).
Mehr zu Metaphern auf http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/Metaphern, http://beta.blogger.com/post-edit.g?blogID=30491595&postID=116210555886994547 und http://beta.blogger.com/post-edit.g?blogID=30491595&postID=116175523705328582
Samstag, 4. November 2006
Auflösung von Sprachrätsel No. 5
Haben Sie es gewusst? Das Gedicht ist von Christian Morgenstern und heißt Fisches Nachtgesang: das tiefste deutsche Gedicht (aus den Galgenliedern). Es ist eine Parodie auf Goethes Gedicht "Ein Gleiches" ("Wanderers Nachtlied").
Freitag, 3. November 2006
Sprachrätsel No. 5
Dieses Mal ist es eher ein Literaturrätsel. Die Frage lautet nämlich: Von wem ist dieses Gedicht?
Und wie lautet sein Titel?
-
o o
- - -
o o o o
- - -
o o o o
- - -
o o o o
- - -
o o o o
- - -
o o
-
o o
- - -
o o o o
- - -
o o o o
- - -
o o o o
- - -
o o o o
- - -
o o
-
Und wie lautet sein Titel?
Abonnieren
Posts (Atom)








