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Sonntag, 12. November 2006

Stilblüten: Falsche Metaphern und Bildbruch


"Wenn der Mensch nur einen Gegenstand mit dem andern vergleicht, so lügt er schon. »Das Morgenrot streut Rosen.« Gibt es etwas Dümmeres? »Die Sonne taucht sich in das Meer.« Fratzen! »Der Wein glüht purpurn.« Narrenspossen! »Der Morgen erwacht.« Es gibt keinen Morgen; wie kann er schlafen? Es ist ja nichts, als die Stunde, wenn die Sonne aufgeht. Verflucht! Die Sonne geht ja nicht auf; auch das ist ja schon Unsinn und Poesie. O dürft ich nur einmal über die Sprache her, und sie so recht säubern und ausfegen! O verdammt! Ausfegen! Man kann in dieser lügenden Welt es nicht lassen, Unsinn zu sprechen!" (Ludwig TIECK)
Man kann mit tränenerstickter Stimme sprechen, aber keinen Beileidsbrief mit tränenerstickter Feder schreiben und damit trösten, dass der Zahn der Zeit, der schon so viele Tränen getrocknet hat, auch über diese Wunde Gras wachsen lassen wird. Das schlägt dem Fass doch tatsächlich die Krone ins Gesicht! Ein Flugzeug kann nicht vom Himmel herab auftauchen, ein Pandabär kann kein Zugpferd in einem Spielzeugladen sein, und ebenso wenig kann ein Fernsehsender »in die Gewinnzone rutschen« (SPIEGEL). Die Börse ist keine »Lawine, die mal herauf, mal herunter geht« (aus einem Zeitungsartikel). Der Arzt, der zu seinem Patienten sagt: »Nehmen Sie Ihren gebrochenen Arm nicht auf die leichte Schulter«, und der Dichter, der »die liebste zerstrahlt/in zahllose funken/sie umglühen mich« schreibt, wissen nicht, welches Bild sie gebrauchen – nach Hiroshima sollten nicht nur Dichter mit derartigen Bildern vorsichtig sein. Auch der Schöpfer des Wirtschaftswunders, Ludwig ERHARD, weiß es nicht, wenn er sagt, es sei »erfreulich, daß die politischen Extremitäten in Deutschland keinen Fuß fassen konnten«. DOSTOJEWSI bezeichnet in den Brüdern Karamasow mit »Kurz, diese Physiognomie hatte etwas so entschieden Vogelhaftes, daß es auffallen mußte« die ungewöhnlich nahe beieinander stehenden Augen des Verteidigers. Nur – beim Vogel liegen die Augen hundertachtzig Grad auseinander, damit er alles überblicken kann.

Unfreiwillig komisch ist: »Wenn alle Stricke reißen, dann hänge ich mich auf«, und äußerst schief: »Wir lassen uns das soziale Netz nicht durchlöchern«.

Prüfen Sie, ob das Bild, das Sie verwenden, stimmt, oder ob sich etwas Unsinniges und Schiefes ergibt.

Kommentare:

  1. Die besten Beispiele entnommen aus "Stilkunst: ein Lehrbuch deutscher Prosa" von Ludwig Reiners (Hrsg.) S. 236f. Bitte Quellen korrekt angeben !!!

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  2. Ludwig Reiners hat Tieck in seiner Stilkunst zitiert. Die Quelle ist aber http://tinyurl.com/ycj4a3h

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