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Montag, 23. Juli 2007

Antwort auf den Kommentar zum Post „Lohnenswerte Wörter für Ihre Giftliste (Modewörter)“ und ein Sprachrätsel

Gute Schriftsteller vermeiden Modewörter, wo sie nur können.
Woran man Modewörter erkennt? Man erkennt sie nicht;
man muss das fühlen.
(Kurt TUCHOLSKY)

Man könnte die Wörter und Wendungen, die ich in der Liste aufgeführt habe, natürlich auch als Phrasen bezeichnen. Aber im Unterschied dazu sind Modewörter Wörter, die man wie aus heiterem Himmel plötzlich überall liest und hört (und selbst gebraucht), und die ebenso plötzlich, wie sie gekommen sind, verschwinden.

Schauen Sie sich die Wörter noch mal an: Was sagen denn aufzeigen, attraktiv, beispielhaft, hinterfragen, Gewinnwarnung, meisterlich, phantastisch, praktikabel, vollinhaltlich, um nur einige zu nennen, aus?

Sicherlich ist kein Wort an sich negativ, aber fraglos suboptimal ist, wenn man für alles Mögliche ein- und dasselbe Wort verwendet. Was heute „Aktivitäten“ genannt wird, wurde früher mit Taten, Handlungen, Aktionen, Wirken, Arbeit, Aufgabe, Rührigkeit, Engagement, Pflicht oder Leistung bezeichnet. (Und es ist schlichtweg falsch, wenn man aus „Aktivität“ einen Plural macht. Es gibt auch keine Aktivitäten oder Fleiße oder Wüte.)*

Die äußerst beliebten Modewörter eignen sich eben phantastisch dazu, sich das Nachdenken über das besondere Wort zu ersparen, weil einem die Aktivitäten dazu keinen Spielraum lassen. Nur wird die Sprache dadurch eintönig und ausdrucksarm. Denn die Problematik dabei ist, dass AutorInnen Wörter, die wieder und wieder in den Medien erscheinen, schließlich unbewusst selbst schreiben, ja, dass sie als unverzichtbar gelten für einen echt guten Text.

Modewörter werden auch als „Fresswörter“ bezeichnet, da sie vertraute Wörter mit ihren subtilen Unterschiedlichkeiten verschlucken, weil sie Kult sind, weil die anderen einen für altmodisch halten könnten, wenn man sie nicht gebraucht. Aber was heute „in“ ist, ist morgen veraltet. Ihrem Leser jedenfalls gehen solche Wörter ein stückweit schlicht auf die Nerven.

Meine Lieblingsmodephase ist übrigens zur Zeit „nicht wirklich“ (von „not really“).

Sicher haben Sie gemerkt, dass mir hier einige Modewörter unterlaufen sind. Welche sind es?

* Den geilen Artikel über Modewörter und das Wort „Aktivitäten“ finden Sie hier und einen coolen Artikel über die Modewörter „online“ und „virtuell“ (beide natürlich von Wolf Schneider) hier

Dienstag, 18. Juli 2006

Keine Regel ohne Ausnahme (Modewörter)

Den Modewörtern ergeht es, sagt Siegfried LENZ, »wie dem Papiergeld – wenn es zu sehr abgegriffen ist, tauschst du es gegen frisch gedrucktes ein«. Heute selten gebrauchte Wörter wandeln sich schnell zu Modewörtern, andererseits klingen Wörter, die früher als Modewörter bezeichnet wurden, heute wieder unverbraucht. Deshalb sollten wir beim Verurteilen dieser Wörter vorsichtig sein. Vor hundertzwanzig Jahren nannte WUSTMANN in Sprachdummheiten Modewörter, die immer noch lebendig sind wie bislang, erheblich, erhellen, herausbilden, langzeitig, kurzzeitig, naturgemäß, selbstredend, unerfindlich, unentwegt, Schulter an Schulter, von ungeheurer Tragweite. Ob sie einen Text verschönern, steht auf einem anderen Blatt.

Nicht nur Modewörter können neu belebt werden. Viele »große« Wörter sind mürbe geworden, viel zu oft benutzt und ihrer ursprünglichen Aussage beraubt. Was bedeuten heute noch Wohltäter, Demut oder Pflicht? »Man muß einen Ausdruck aus der Sprache herausziehen, ihn zum Reinigen geben – und kann ihn dann wieder in den Verkehr einführen«, sagt WITTGENSTEIN. Wenn die Worte rekonstruiert sind und wieder in den Umlauf gebracht werden, würde ihnen wieder zu trauen sein. Vor allem nach der Nazizeit war, wie SCHNURRE schreibt, die Sprache nicht mehr zu gebrauchen:
Sie musste erst mühsam wieder Wort für Wort abgeklopft werden. Jedem »und« und jedem Adjektiv gegenüber war Vorsicht geboten. Die Sprache, die so entstand war nicht schön. Sie wirkte keuchend und kahl, und Umgangsidiome und das Misstrauen gegenüber langen Sätzen und großen Worten hatten mitgearbeitet an ihr. Doch sie ließ sich gebrauchen.

Verwenden Sie Modewörter ironisch: Karl KRAUS las im Ersten Weltkrieg soviel über Munitionsfabriken, die wie »Pilze aus dem Boden schossen«, dass er bat, es möchten endlich »die Pilze wie die Munitionsfabriken aus dem Boden schießen«, und die in der ehemaligen DDR gebürtige Schriftstellerin Gabriele ECKART kommentierte die überquellenden Schaufenster in Westdeutschland mit »Im Gegensatz zu der DDR stehen hier die Dinge Schlange nach dem Kunden«.

Mit Modewörtern lassen sich auch Figuren oder Gesellschaftskreise ironisch charakterisieren. FONTANE lässt seine Kommerzienrätin Jenny Treibel das Wort unentwegt sagen, um ihre Bemühungen um (Schein-)Bildung und gesellschaftliche Anerkennung bloßzulegen. – Ist charakterisieren nun ein Fremdwort, ein Modewort oder das treffende Wort? Entspräche beschreiben, bewerten, darstellen oder kennzeichnen, wie das der Thesaurus von MS-Word vorschlägt, dem Gemeinten eher? – Sie sehen, Sie müssen jedes Wort bewusst wählen. Bitte schreiben Sie uns, wenn Ihnen hier eine nachlässige Wortwahl auffällt. Wir sind für jeden Hinweis dankbar.

Montag, 5. November 2012

Die Sprache wandelt sich


Wörter sind wie Lebewesen: Sie kennen Geburt und Tod, Jugend und Alter, Familie und Vorfahren.
(Duden-Newsletter; zitiert nach http://woerter.germanblogs.de/archive/2007/07/23/wie-kommt-ein-wort-in-den-duden.htm)

Jeden Tag erblicken neue Wörter (Neologismen, von gr. neos = neu, logos = Wort) das Licht der Welt. Doch nicht immer werden sie kampflos übernommen. Wörter wie belichten, Gepflogenheit, Jetztzeit, die heute selbstverständlich sind, waren im neunzehnten Jahrhundert heftig umstritten. Doch schließlich gewöhnte man sich an diese »anstößigen« Wörter – sie hörten auf, Neologismen zu sein.

Wandel der Bedeutung von Wörtern

Aber es ändert sich auch die Bedeutung von Wörtern. So schreibt Walter Porzig, dass sich
Aussprache, Wortschatz und Satzfügung bei den einzelnen Altersklassen einer Gemeinde und innerhalb derselben Familie bei Kindern und Erwachsenen verschiedener Altersstufen merkbar unterscheiden, ja, dass sie sich bei demselben Menschen im Laufe seines Lebens sehr allmählich aber dauernd ändern. Die Älteren unter uns können das an ihrer eigenen Sprache beobachten: ein Angeber war in meiner Jugend ein Denunziant, jetzt ist er ein Großtuer. Das heißt, daß die Bezeichnung Angeber für Denunziant außer Gebrauch gekommen ist und daß der Großtuer einen neuen Namen bekommen hat. Es handelt sich gar nicht um ein Wort, sondern um zwei Wörter Angeber, die nur zufällig gleich sind. Worauf es hier ankommt, ist, daß sich die Bezeichnung für die beiden Begriffe im Laufe eines Menschenalters völlig geändert hat. (Das Wunder der Sprache. Francke 1957, S. 301)
Brandschatzen bedeutet heute das Niederbrennen eines Anwesens, ursprünglich jedoch das Erpressen von Schutzgeld, damit es eben nicht niedergebrannt wird. Ein Geschäftsmann war zu Goethes Zeiten ein Staatsbeamter, Firma die Unterschrift eines Fürsten. Ekel stand für wählerisch und anspruchsvoll. Das Wort Dirne bezeichnete ein Mädchen und Weib eine Frau. Mit »Bin weder Fräulein, weder schön / Kann ungeleitet nach Hause gehn« aus Goethes Faust I begründet Gretchen, dass sie keine ledige Adlige sei, denn nur diese wurde damals als Fräulein bezeichnet.

Vogel hieß alles, was flog. In manchen Dialekten, vor allem in der Schweiz, werden Schmetterlinge heute noch Sommervögel genannt. Wilhelm Buschs »Jeder weiß, was so ein Mai- / Käfer für ein Vogel sei« in Max und Moritz ist also durchaus nicht komisch.

Veraltete Wörter (Archaismen; latinisiert vom altgriechischen archaios = alt, ehemalig)

»Jeder von uns«, so Hans Eggers,
könnte bemerken, daß seine eigene Sprache anders ist als die seiner Großeltern. Wir sagen er kommt, wo Großmutter vielleicht noch er kömmt sagt, und wenn wir heute wechselweise zu Haus und zu Hause sagen, bald eine neue, bald eine ältere Form verwendend, pflegt Großvater wohl noch regelmäßig das e des Dativs zu bewahren. Auffälliger noch als solche lautlichen Veränderungen sind die Wandlungen des Wort- und Ausdrucksschatzes. Manches Wort und manche Redewendung, die die Großeltern ständig im Munde führen, verstehen wir freilich, werden sie aber niemals selbst gebrauchen, und unser modisches genau für das schlichte ja, unser prima, unser mit achtzig Sachen und viele Ausdrücke unserer Tage werden sich die Alten unter uns nicht mehr angewöhnen. Und sprechen unsere Kinder und Enkel nicht wieder eine andere Sprache? Wir, die wir mitten im Leben stehen, werden uns nur schwer daran gewöhnen, die Sprößlinge als Teenager und Twens zu bezeichnen, und auch deren Ausdrücke für ein hübsches Mädchen, dufte Biene oder steiler Zahn, werden wir uns kaum noch zu eigen machen. (Deutsche Sprachgeschichte. Rowohlt 1986 , S. 10)
Wörter können aber auch wieder modern werden. Manche veraltete Wörter wie Hain, Fehde, Degen, Recke, Tafelrunde, hegen und küren wurden vor allem durch Schriftsteller neu belebt.

Alte und neue Wörter und die Weltliteratur

Viele heute alltägliche Wörter waren unseren Großeltern unbekannt (abgesehen von Schreibwerkstatt, Internet und Geldautomat), aber wussten Sie, dass es vor einhundertfünfzig Jahren noch nicht das Wort jubeln gab? Man jubilierte oder frohlockte. Hingegen sagen wir nicht mehr justament für ausgerechnet, zu diesem Behufe für zu diesem Zweck, Veloziped für Fahrrad, Comptoir für Büro, Droschke für Taxi, Elektrische für Straßenbahn oder Automobil, platterdings, Gendarm und Boudoir.

Dagegen wurden so aktuelle Wörter wie Nervosität, Unsicherheit, Gespaltenheit, schon vor zweihundert Jahren gebraucht, und Karl Kraus benutzte bereits das Wort ausgepowert: »Aber selbst wenn diese Journalistik nicht die Sprache ausgepowert hätte, gäbe es keinen Ausdruck, ihr moralisches Niveau zu bezeichnen.« (Fackel, H. 622, 1913, S. 201)

Johann Wolfgang von Goethe schrieb von der Anarchie, der Bundesregierung, vom ankiffen und von den Aktien. Berühmt ist er auch für die Prägung des Begriffs Weltliteratur. Erster Beleg ist der Tagebucheintrag vom 15.1. 1827: »An Schuchardt diktiert bezüglich auf französische und Welt-Literatur.« (Tagebücher. Cotta 1959, S. 368) Doch schon wenige Tage später, am 27. 1. 1827, schreibt er an Karl Streckfuss: »Ich bin überzeugt, daß eine Weltliteratur sich bilde«, und prophezeit: »Der Deutsche kann und soll hier am meisten wirken, er wird eine schöne Rolle bei diesem Zusammentreten zu spielen haben.« (Briefe, S. 215)

Der Begriff Weltliteratur wurde zwar erstmals von Christoph Martin Wieland um 1790 geprägt, doch dieser meinte damit die Literatur, die der homme du monde, der Weltmann, liest. Für Goethe hingegen ist Welt die Menschheit jenseits der nationalen Grenzen. Er versteht darunter die Literatur, die aus einem übernationalen Geist heraus geschaffen wurde, also die Kleinstaaterei auch in der Dichtung überwindet. (Und musste später erkennen, dass das auch ein Überschwemmtwerden mit trivialer fremdsprachiger Literatur bedeutet.) (Siehe dazu auch http://www.adglossar.de/Weltliteratur und Goethes Aufsatz über die Weltliteratur auf http://www.wissen-im-netz.info/literatur/goethe/aufsatz/07.htm)

Modewörter

Heute selten gebrauchte Wörter wandeln sich schnell zu Modewörtern, andererseits klingen Wörter, die früher als Modewörter bezeichnet wurden, heute wieder unverbraucht. Vor über hundert Jahren prangerte Gustav Wustmann in Allerhand Sprachdummheiten: Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen. Ein Hilfsbuch für alle, die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen Modewörter an, die heute noch lebendig sind, wie belanglos, Darbietung, Ehrung, einwandfrei, erheblich, erhellen, großzügig, jugendlich, Prozent/Prozentsatz (für Teil), schreiten, selbstlos, unerheblich, unerfindlich, unentwegt. – Ob sie einen Text verschönern, steht auf einem anderen Blatt und ist auch ein anderes Thema. –

Nicht nur Modewörter können neu belebt werden. Viele große Wörter sind mürbe geworden, weil viel zu oft benutzt und ihrer ursprünglichen Aussage beraubt. Was bedeuten heute noch Wohltäter, Demut oder Pflicht? »Man muß manchmal einen Ausdruck aus der Sprache herausziehen, ihn zum Reinigen geben, – und kann ihn dann wieder in den Verkehr einführen«, sagt Ludwig Wittgenstein in Vermischte Bemerkungen, S. 504. Wenn die Worte rekonstruiert sind und wieder in den Umlauf gebracht werden, würde ihnen wieder zu trauen sein.

Die verlorenen Wörter

Christa Wolf mahnte bei ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Nelly-Sachs-Preises 1999 eine Liste über verlorene Worte an:
Müßten wir nicht damit anfangen, eine Liste der verlorenen Wörter anzulegen, so wie die Naturforscher Listen der aussterbenden Arten angelegt haben, die täglich länger werden? Und ist es abwegig, zu vermuten, daß die sterbenden Wörter etwas mit den ausgestorbenen Tieren und Pflanzen zu tun haben? Weil wir geduldet haben, daß ein Wort wie »Ehrfurcht« uns fremd geworden ist, ausgesondert, überflüssig, peinlich, bleibt eine Gefühlsstelle in uns taub, wenn wir Mitlebendes ausmerzen.
Und sie fragte:
Was ist heute menschlich? Worauf beziehen wir heutzutage das Wort »human«? Für welche Inhalte ist es uns unverzichtbar geblieben oder geworden? (Der Worte Adernetz. Suhrkamp 2006 , S. 89)
Verlorene Wörter sind auch solche, die von Schriftstellern geprägt, von anderen Autoren jedoch nicht aufgenommen wurden, wie Absonderling (Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen); Betschwesterei (Georg Christoph Lichtenberg); entdonnern (Archim von Arnim); Halbgeschmack (Johann Wolfgang von Goethe); Icher (Friedrich Gottlieb Klopstock); Schicksalssohn (Johann Gottfried Herder); vergottscheden (A. G. Kästner); Warmländer (Jean Paul); zwiesprachig (Theodor Mommsen).

Und dann gibt es noch die Wörter, die heute vergessen sind wie Abnolken, Anquerdern, Anspinn, befetschen, Dolk, Empter, entnafzen, Gurbe, Gusel, hangdrüslicht, Hirsetute, Hupfelrei, ichtes (mit ichtesicht, ichteswann, ichtwan, ichtwas, ichtwasig, ichtwer, ichtwvo), Immi, Karschbein, Kannenwvroge, kille, Klipse, Kleuder, kommlich, Kone, Leibfall, Leuchse, Ludellerche, Mannsen, Melkter, Momber, Musterherr, Muttich, Pinge, Qualster, Quarre, Quappel, reuen, Ritscher, Sanduhrstein, Tschinke, Übersatz, Watschar, Wurstgraben, Zerte, Zeute, Zust.

So manches Wort werden wir bald vermissen, weil es heute schon selten erklingt, wie Anmut, Base, Belletage, betrübt, dämmern, Demut, entschwinden, entzückt, gefeit sein, Flegel, Gabelfrühstück, Göre, Herrenzimmer, Hochpaterre, Hupfdohle, intim werden, kredenzen, Lameng (aus der Lameng), Lichtspielhaus, lind, Mündel, Obacht, Ober (Ober, bringse noch’n Bier), Oheim, Philister, Plage, Plumpe, prellen, Racker, Ränke, reuen, rühmenswert, Rüstung, schwirren, schnauben, übertölpeln, Wählscheibe, Zecke, Zinne, Zuchthaus, Zugehfrau, Zwielicht, Zwist.

Dazu kommen noch die Wörter, über die wir froh sein werden, wenn sie verloren sind (diese Wörter notiere sich der Leser selbst).

Dienstag, 7. August 2007

Lösung des Sprachrätsels

Die äußerst beliebten Modewörter eignen sich eben phantastisch dazu, sich das Nachdenken über das besondere Wort zu ersparen, weil einem die Aktivitäten dazu keinen Spielraum lassen. Nur wird die Sprache dadurch eintönig und ausdrucksarm. Denn die Problematik dabei ist, dass AutorInnen Wörter, die wieder und wieder in den Medien erscheinen, schließlich unbewusst selbst schreiben, ja, dass sie als unverzichtbar gelten für einen echt guten Text.

Modewörter werden auch als „Fresswörter“ bezeichnet, da sie vertraute Wörter mit ihren subtilen Unterschiedlichkeiten verschlucken, weil sie Kult sind, weil die anderen einen für altmodisch halten könnten, wenn man sie nicht gebraucht. Aber was heute „in“ ist, ist morgen veraltet. Ihrem Leser jedenfalls gehen solche Wörter ein stückweit schlicht auf die Nerven.

Fett = Modewörter (und ja, ich gestehe es, "AutorInnen" schreibe ich auch gern). Und weil ich Füllwörter so liebe, habe ich auch gleich einige kursiv markiert.

Neuester Stand in Sachen Blog: Der Account des Blogs ist immer noch gesperrt. Der Webmaster bekommt vom Support keine Antworten und kann sich auch nicht im Forum des Hosters beschweren, weil – eben, weil der Account zum Einloggen gesperrt ist. Nun werde ich juristischen Rat einholen.

Montag, 23. Juli 2007

Kurt Tucholslky: "Die Angelegenheit" (über Modewörter)

Bei meiner Jagd auf Modewörter springt ein seltsam schwarz-weiß gestreiftes Ding durch die Grammatik-Bäume, ich lege an, es bekommt die Ironie-Ladung grade in den ... ich habe vergessen, wie wir Jäger diesen Teil des Wildes nennen, und als ich näher trete, erkenne ich die Beute. Es ist ›die Angelegenheit‹. Das ist ja eine dolle Angelegenheit.

In dem Wort schnoddert so viel Offizierskasino, und dorther kommt es wohl auch. Noch vor drei Jahren gebrauchte man den Ausdruck richtig für ›affaire‹, für ein Gefüge von Ereignissen, Sachen, Personen, die alle zusammen eine Angelegenheit ausmachten. Das hat sich geändert.

Der Gebrauch des Wortes hat sich zunächst ausgedehnt; es wird, wie fast alle Modewörter, wahllos auf halbfertiggedachte Begriffe angewendet, so dass eine Definition kaum noch möglich ist. Alles ist eine Angelegenheit, und sie geht selten ohne Adjektiv aus. Sie hat leicht pejorativen Sinn; wenn einer ›Angelegenheit‹ sagt oder schreibt, ist es, als rümpfe er verächtlich die Nase.

›Angelegenheit‹ wird auch recht reizvoll burschikos verwandt. »Martha – eine verwandtschaftliche Angelegenheit.« Auch wird das Wort da gesetzt, wo früher ein Adjektiv stand, also etwa so: »Das Stück ist eine verjährte Angelegenheit« – es klingt mongdäner, mehr aus der linken la main, wir schreiben das zwischen Frühstück und Golf.

Neulich traf die Angelegenheit im Walde ein Tier, das ihm merkwürdig ähnlich sah. Sie beschnupperten sich, sie waren sich sympathisch, sie konnten sich riechen. »Wer bist du?« sagte die Angelegenheit. Das andre Tier hob stolz den Podex. »Ich bin das Problem –!« sagte es. »Ah – drum!« sagte die Angelegenheit. Und im frischen Waldesgrün zeugten sie ein Kind, das hieß: Einstellung.

Mit Hilfe dieser Wörter fallen den Schreibern die fertigen Artikel aus dem Munde, es genügt, diese Ausdrücke aneinanderzusetzen, und man hat einen Aufsatz. »Meine Einstellung zu diesem Problem ist schon irgendwie eine komische Angelegenheit.« Es ist, wie wenn ein Kommis ein Monokel trägt. Eine halbe Brille.

Montag, 17. Juli 2006

Modewörter

Ich mag immer den Mann lieber, der so schreibt, wie es Mode werden kann,
als den, der so schreibt, wie es Mode ist.
(LICHTENBERG)

Der Unterschied zwischen modern und modern ist manchmal nur eine Frage der Betonung. (ENZENSBERGER)

Das Ringen mit dem Gedankenausdruck wird geringer, und je mehr sich der Geist nur des schon Geschaffenen bedient, desto mehr erschlafft sein schöpferischer Trieb und mit ihm auch seine schöpferische Kraft. (Wilhelm VON HUMBOLDT)

Äußerst beliebt sind die Wörtchen, die überall zu passen scheinen und doch nichts sagen, die wieder einmal das Nachdenken über das besondere Wort ersparen. Stürzen Sie sich nicht mit Begeisterung auf einen Ausdruck, nur weil er wieder und wieder in den Medien erscheint. Ihr Leser versteht Sie auch ohne diese kurzlebigen Wörter. REINERS schreibt dazu:
Der Satz Hebbels: »Das Wort finden, heißt die Sache selbst finden«, läßt sich auch verneinend formulieren: Wer das Wort nicht findet, hat auch die Sache nicht gefunden. Er empfindet nach einem festen Schema; er bemerkt nicht mehr die Eigenart der einzelnen Sache, sondern er ordnet sie ein in eine bequeme und gleichbleibende Wert- und Wortskala. Ein Ausländer, der Deutsch nicht aus Büchern, sondern aus der Umgangssprache erlernt hatte, besaß eine feste Reihenfolge von lobenden Ausdrücken, die er bei einem Museumsbesuch der Reihe nach abrollen ließ, nämlich wunderbar, Donnerwetter, kolossal und allerhand. Als er aber schließlich zu Dürers Aposteln gelangte, sagte er: Das Bild ist aber wirklich meine Herrn. Er hielt den Modeausdruck meine Herrn für das oberste Eigenschaftswort der Deutschen.


Ein bequemer Autor schreibt lieber nachvollziehen als zu überlegen, ob das, was er sagen will, sich mit begreifen, einsehen, einleuchten, billigen, nachfühlen, nachempfinden oder verstehen besser ausdrücken lässt. Wer die Hochhäuser auf dem Potsdamer Platz und den Rosenmontagszug in Köln als toll bezeichnet, hat vermutlich weder bei dem einen oder anderen etwas Besonderes empfunden, und wer Ich denke oder gar Ich habe angedacht (hat er nun gedacht oder nicht) schreibt, denkt gar nichts.
Ekkehard SCHWENK sorgt sich im Tagesspiegel über das Wort sorgen und sorgt so fürs Nachdenken besorgter Schreiber über den sorglosen Umgang mit der Sprache:
In unserer restlos verwilderten Sprache wird das Sorgen … nicht mehr nur als eine zwschenmenschliche Zuneigung, Hilfe, ja Fürsorge verstanden, sondern als Müllbeseitigung (Entsorgen), als Wetterwirkung (überfrierender Regen »sorgt« für Karambolagen), ja sogar als Euro-Eigenschaft, die in einer Zeitung stand: »Der Euro sorgt für kostenloses Parken.«

Auch mit betroffen, soweit es schmerzlich überrascht, innerlich bewegt oder berührt bedeutet, beziehungsweise Betroffenheit sollten wir sorgfältiger umgehen. Es ist seit den 1980er Jahren »zum Schlüsselwort des Empfindungsmenschen«, »zum Paßwort, das jeder gebrauchen muß, der für einen anständigen Menschen gehalten werden will« (Dieter E. ZIMMER), zur »moralisch begründeten Einstellung aller Geistestätigkeit« (Johannes GROSS) geworden.

Seien Sie ebenfalls vorsichtig mit mit Sicherheit. Sicherlich schreiben Sie es oft, ohne Zweifel lesen Sie es noch öfter, und gewiss haben Sie sich bisher darüber kaum Gedanken gemacht. Aber unbestritten ist es ein Modewort, und unzweifelhaft wird es der Lektor streichen, ja wir sind überzeugt, dass er die Stirn runzeln wird. Zweifellos werden Sie es nie wieder schreiben. Verlassen Sie sich darauf, Ihr Text gewinnt an Güte, wenn Sie mit Sicherheit vermeiden. Seien Sie sich Ihrer Sache sicher, bevor Sie ihn einreichen.

Der Politiker möchte ein Stück weit Freiheit, der Arbeiter ein Stück weit Freizeit; Lehrer und Schüler, Arbeitgeber und Gewerkschaften verhandeln auf Augenhöhe – kann Freiheit geteilt werden, Freizeit gestückelt werden? Ist der Schüler gewachsen, haben Arbeitgeber und Gewerkschaften Augen? Ein Journalist schreibt ein neues Wort, und alle Schreiber folgen nach, mag es noch so unsinnig sein. Der Rattenfänger von Hameln lässt grüßen. –

Mal ehrlich – sind Sie nicht bei manchen Wörtern zusammengezuckt? Und sind Ihnen nicht doch einige Wörtchen aufgefallen, die Sie auch liebend gern gebrauchen (und ist das nicht wieder eine Phrase? – Sie sehen, wie schwer man ihnen »aus dem Wege gehen« kann)? Doch wir sind sicher, dass Sie fortan mit Vergnügen Modewörter suchen und aus Ihrem Sprachschatz verbannen werden.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Merkblatt für Autoren (vom VIRPRIV VERLAG)

Autoren-Merkblatt – für Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane

(Leider glauben zu viele neue Autoren, daß diese Formalien zweitrangig sind – sie sind es nicht.)

Kurzgeschichten – so kurz wie möglich, so lang wie nötig.

Das Manuskript einer Kurzgeschichte muß immer – wie auch eine Romanvorlage – als Manuskriptseiten, einseitig ausgedruckt verschickt werden, selbstverständlich niemals Handgeschriebenes: 30 Zeilen pro Seite / ca. 60 Zeichen (mit Leerzeichen!) pro Zeile bei 1,5 Zeilen-abstand, Schrift (z. B.) Times New Roman 12. Eine Kurzgeschichte ist eine Geschichte, an der man sehr lange arbeiten muß, um sie so kurz und so gut wie möglich zu machen.
Jedes Wort zuviel ist zuviel – also werden alle Füllwörter und Füllsätze gestrichen.

In der Kurzgeschichte, aber auch in Romanen, wird der Stil durch das Weglassen von Unwesentlichem geprägt. Die fünf großen „W“ sind nicht nur für Journalisten gültig: wer, was, wann, wo, warum. Die Substanz der Geschichte (der Konflikt) muß in einem Satz ausgedrückt werden können, die Geschichte ist nur dann gut, wenn sich die Handlung in wenigen Sätzen zusammenfassen läßt. Schon der Anfang einer Erzählung muß fesseln, die Spannung sollte möglichst mit dem ersten Satz beginnen, also: ein Ereignis ankündigen, eine Erwartung schaffen, den Leser zum Weiterlesen verführen. Keine lange Gedankenmonologe.

Überflüssiges streichen. Was weder die Handlung vorwärts treibt noch die Geschichte würzt, ist überflüssig, es wird gestrichen – und zwar gnadenlos – und das nicht nur bei Kurzgeschichten, auch bei Erzählungen und Romanen, wo der Autor zu häufig ins Schwafeln gerät. Immer so straff und dicht wie nur möglich schreiben, jedoch mehr, als eigentlich gebraucht wird. Das heißt, wenn sechs Seiten (und das sind immer Manuskriptseiten!) verlangt werden, wenigstens sieben Seiten schreiben, dann muß herausgestrichen werden, um auf die erforderlichen sechs Seiten zu kommen, die dann abgeschickt werden können. Keine ewigen Beschreibungen (von Menschen, Häusern, Landschaften und so weiter), wenn es die Geschichte nicht erfordert, sondern ein einziges Charakteristikum sorgsam ausgewählt kann schon ausreichen. Keine langen Gedankenmonologe oder Erklärungsversuche „was der Autor meint“.

Recherchen, die Wochen und Monate dauern können, sind notwendig, wenn man über Dinge schreiben will (oder muß), die man nur flüchtig oder vom Hörensagen kennt. Ein Mediziner kann zum Beispiel nicht – ohne Fachbücher zu studieren, Gespräche zu führen etc. – seinen Protagonisten Rinderfarmen leiten lassen, oder umgekehrt.

Statt Substantive mehr Verben (nicht: im Besitz sein, sondern: besitzen), und nicht zu viele Adjektive verwenden. Adjektive sind nur dann richtig, wenn auch das Gegenteil einen Sinn ergibt: echter Schmuck – unechter Schmuck. Es gibt aber keinen echten (unechten) Sommer ... außer – sehr sparsam – in der wörtlichen Rede. Schachtelsätze/Bandwurmsätze, Wiederholungen, Ausrufezeichen und Modewörter vermeiden. Unterscheiden Sie zwischen Trenn- Binde- und Gedankenstrichen. In wörtlichen Reden muß erkennbar sein, wer was fragt/antwortet – die Personen bekommen also jeweils eine neue Zeile. Sparsam mit Fremdwörtern umgehen – ausgenommen, sie sind fest eingebürgert, verständlich und nicht durch deutsche Wörter zu ersetzen. Keine abgenutzten Redensarten verwenden (vom Regen in die Traufe kommen/ kapitaler Hirsch ...) Im Text (dem Leser) Fragen zu stellen ist nicht sinnvoll, wörtliche Rede und gedachte, sparsame Monologe natürlich ausgenommen.

Wenn maximal acht Seiten für eine Anthologie ausgeschrieben sind, nicht neun Seiten einsenden. Verlage erhalten für Anthologieausschrei-bungen meist weit über 200 Texte. Autoren, die sich nicht nach den Ausschreibungsregeln richten haben selbst mit der besten Geschichte keine Chance, es wird oft noch nicht mal angelesen. Die Zahlen eins bis zwölf werden ausgeschrieben, ausgenommen beispielsweise Uhrzeiten. Keine Abkürzungen im Manuskript (usw., km, kg, ca. ...) – das wird alles ausgeschrieben. Nicht verkrampft nach Wörtern suchen. Es gibt nur eine deutsche Sprache, und man sollte sich nicht allzu weit vom Sprechdeutsch entfer-nen, nicht gewollt originell schreiben. Den eigenen Text immer wieder – sich selbst – laut vorlesen, überarbeiten, bis er Ihnen hundertprozen-tig gefällt. In der Hausbibliothek stehen außer Duden, Fremdwörterlexikon und diversen Nachschlagewerken mindestens zwei Synonyme-Bücher.

Bevor ein Manuskript auf den Weg gebracht wird:

• jeder Computer hat ein Rechtschreibprogramm – alte oder neue Rechtschreibung, keine handschriftlichen Ergänzungen im Manuskript,
• Titelung nicht vergessen (nicht den Titel der Anthologie-Ausschreibung verwenden),
• Seitenzahlen nicht vergessen, Seiten lose in Mappe/Hülle legen, nicht in Ordnern abheften,
• das Anschreiben ist höflich, kurz und bündig – ohne Lobhudelei, ohne persönliche Bemerkungen, ohne Manuskripterklärungen. Eventuelle Empfehlungen (anderer Autor, anderer Verlag) mit einem Satz erwähnen, nicht ausschweifig erklären.
• Die Vita ist sachlich (nicht bei Adam und Eva beginnen), maximal eine Seite: wann geboren, eventuell der Beruf, ob, wo und wann bereits veröffentlicht wurde. „Zahlreiche Beiträge in Literaturzeitschriften“ reicht, keine langatmigen Aufzählungen. Bei Buchveröffentlichungen: wann und wo. Wenn ein Verlag mehr wissen möchte, wird nachgefragt. Oft werden nur fünf bis sechs Zeilen Vita gewünscht, dann auch nicht mehr schreiben.
• Wenn ein Ansprechpartner namentlich bekannt ist, und er bereits im Adreßfeld vermerkt wurde, dann sollte man ihn auch ansprechen und nicht „Sehr geehrte Damen und Herren“ oder „Hallo“ schreiben – Ihr Anschreiben ist schließlich Ihre Visitenkarte.
• Ausreichend Rückporto nicht vergessen – entweder für eine komplette Rücksendung oder lediglich ein Antwortschreiben.

• Für Roman-Manuskripte wird außerdem das Genre (Krimi, Mystik, Jugendbuch ...) angegeben und ein Inhaltsverzeichnis beigelegt. Auch hier kurz fassen, nur den Inhalt sachlich auf einer Seite wiedergeben ohne persönliche Anmerkungen,
• die Anzahl der Manuskriptseiten des vollständigen Romans vermerken.
• Vor allen Dingen immer erst fragen, ob und was der Verlag zur Beurteilung haben möchte.

Anmerkung: Nur Disketten/CDs schicken, wenn es ausdrücklich gewünscht wird.
Nicht ohne nachzufragen per E-Mail Stories zusenden, sie werden ungelesen gelöscht – nicht nur wegen Virusgefahr. Lektoren lesen nicht am Bildschirm, sondern sie sitzen bequem, studieren die Manuskripte mit einem Stift in der Hand, trinken Kaffee ... Es werden auch keine Texte von Autoren-HPs heruntergeladen. Autoren sollten die Wünsche der Verlage respektieren und nur das schicken, was angefordert wird.

Autoren schreiben nicht nur, sondern lesen, lesen, lesen – Werke bekannter und unbekannter Autoren. Und, so bitter es klingt: Familienangehörige, Freunde und Bekannte sind keine objektiven Kritiker. Das können sie nicht sein, denn sie mögen den Poeten, lesen seine Geschichten mit anderen Augen, wollen ihn nicht verbessern oder gar verletzen.

(Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Monika Wunderlich, VIRPRIV VERLAG; siehe auch virpriv.de)

Samstag, 27. Oktober 2007

Sprachrätsel No. 8: Doppelt gemoppelt (oder: Wie man einen Text streckt)


Erst denken sie nicht, und dann drücken sie’s schlecht aus. (TUCHOLSKY)

Nicht nur Füllwörter und Modewörter blähen einen Text auf, sondern auch Redundanzen (von lat. redudans: überströmend, überflüssig). Sie bedeuten wörtliche oder inhaltliche Wiederholungen, also einen Überschuss an Informationen, und tragen deshalb nichts zu Bedeutung eines Textes bei. In der geschriebenen Sprache soll die Redundanz 75 Prozent ausmachen.

Die Redundanzen in dem folgenden Text betragen sicher nicht soviel, aber ich habe eine Menge beliebter Redundanzen eingebaut. Welche sind es?

Die anderen Frauen um sie herum in ihrem Freundeskreis würden sie als hochnäsig bezeichnen, ob sie sie aber dann noch einmal besuchen würde, stand auf einem anderen Blatt. Im Grunde war Clara bereits vor Monaten schon klar geworden, dass die Zeiten endgültig vorüber waren, da sie alle gemeinsam miteinander Skat spielten. Sie beschloss bei sich selbst, sich nicht einmal zu Weihnachten bei ihnen zu melden. Dazu war sie sich selbst zu schade. Dabei war sie von allen die Geduldigste gewesen, wie Clara sich zurück erinnerte, und ihr gingen mit einem Mal fast die Emotionen durch, dass die kleinen Härchen auf ihrem Arm sich aufrichteten. Doch sie beschloss schließlich innerlich, darüber nicht weiter nachzudenken. Alles weitere würde sich dann gewiss schon von allein ergeben. Seufzend zog sie die Luft in sich hoch, denn das wurde ihr mit jeder verstreichenden Sekunde klarer: Ohne jeden Zweifel war von ihrer früheren Lockerheit endgültig nichts mehr übrig geblieben.

Sie nestelte in ihrer Tasche herum, zog den Schlüssel daraus hervor und öffnete die Tür vor ihr. Das Licht, das vom Treppenhaus in den Flur hineinfiel, schien auf sie hinab. Sie stapfte mitten ins Wohnzimmer, ging direkt zum Schrank und öffnete die einzelnen Türen, weil sie nicht wusste, wohin sie neulich die Cognacflasche gestellt hatte. Sie nahm ein Glas heraus, betrachtete darin ihr eigenes Spiegelbild und schüttelte dabei den Kopf. Nicht einmal ein kleines Lächeln konnte sie entdecken. Niemand interessiert sich länger für mich, dachte sie bei sich selbst. Sie trank ein kleines Schlückchen und schaute hinaus aus dem Fenster. Draußen wurde es sichtlich dunkler. Doch plötzlich umspielte ein Lächeln ihre Lippen: Gegenüber auf der anderen Straßenseite spazierte gerade Liane vorbei und winkte hinauf!

Clara juchzte laut. In der darauffolgenden Woche nach dieser würde sie einen neuen Anfang wagen. Eigentlich fühlte sie sich doch ziemlich einsam. Was soll’s, dachte sie bei sich selbst, sie musste sich ja nicht mit allen Frauen weiter unterhalten. Ihr bestes Ausgehkleid würde sie aber nicht anziehen, das wäre dann doch zuviel des Guten.

Mittwoch, 19. Juli 2006

Sprachrätsel No. 2

Nun haben Sie eine Menge über Mode- und Füllwörter erfahren. Deshalb wird es Ihnen nicht schwerfallen, das folgende Rätsel zu lösen:

Den folgenden Text Robert Walsers haben wir durch vierzehn Füll- und Modewörter verändert. Welche sind es und woraus ist der Text?

Ich kam dann und dann zur Welt, wurde dort und dort erzogen, ging übrigens ordentlich zur Schule, bin das und das, auf der Höhe der Zeit, und heiße so und so und denke absolut nicht viel. Geschlechteswegen bin ich zum Glück ein Mann, staatswegen bin ich sowieso ein guter Bürger und rangeshalber gehöre ich schließlich zur besseren Gesellschaft. Ich bin voll und ganz ein säuberliches, stilles nettes Mitglied der menschlichen Gesellschaft, ja, ein sogenannter guter Bürger, trinke gern mein Glas Bier in aller Vernunft und denke nicht viel. Auf der Hand liegt natürlich, daß ich mit Vorliebe gut esse, und ebenso liegt auf der Hand, daß mir Ideen fern liegen. Der springende Punkt ist: Scharfes Denken liegt mir gänzlich fern; Ideen liegen mir vollständig fern, und tiefschürfende Darstellungen sowieso, und deshalb bin ich letztlich ein guter Bürger, denn ein guter Bürger denkt eh nicht viel. Ein guter Bürger ißt nämlich sein Essen, und damit basta!

Montag, 17. Juli 2006

Lohnenswerte Vorschläge für Ihre Giftliste (Modewörter)

Atemberaubend, attraktiv, aufzeigen, ausgerechnet, auslasten, Ausmaß, auswerten, authentisch, bedingen, Befindlichkeit, beispielhaft, bombensicher, brutalstmöglich, schick, darstellen, durchführen (eine Maßnahme durchführen), Ebene (auf Länderebene), echt, einwandfrei, eminent, erneut, erstmalig, Faktor, fieberhaft, Fingerspitzengefühl, fraglos, Fremdbestimmung, fungieren, genau, großzügig, Gespräch (die Politiker führten ein angeregtes Gespräch – vermutlich sagten sie nichts Wichtiges), Gespür, Gewinnwarnung (Warnung vor einem Gewinn?), hemmungslos, hinterfragen, hochspielen, hundertprozentig, keinerlei, klammheimlich, Klasse (als Anerkennung gemeint), eine Lawine (der Hilfsbereitschaft usw.), legitim, Manipulation, Masche (Eigenart), meisterlich, Mentalität, Milieu, nachbessern, neuartig, neuzeitlich, Partner, phänomenal, phantastisch, prima, praktikabel, preisgünstig, profiliert, prominent, richtig gehend, schmissig, Sektor, Sichtwiese, starten, Stellenwert, tadellos, tätigen, tiefschürfend, sich umstellen, unabdingbar, unentwegt, ungeahnt, unmissverständlich, untragbar, verankern, nicht verfehlen, verheerend, vertieft, vollinhaltlich, vorbildlich, wohlweislich.

Ausgebrannt sein; auszeichnen durch etwas (es sei denn, Sie meinen es positiv); das Beispiel, das sich bietet; es geht ihm blendend; Brustton der Überzeugung; etwas dahingestellt sein lassen; sich entschuldigen oder um Entschuldigung bitten (wenn es nicht ernst gemeint ist); etwas erhärten; Fakt ist …; ein Fingerzeichen für etwas sein; aufs Ganze gehen; es liegt auf der Hand; Hand in Hand mit etwas gehen; von der Hand weisen; auf der Höhe der Zeit sein; der Höhepunkt, der erreicht wird; in etwa; in erster Linie; eine Lücke ausfüllen; Mantel der Nächstenliebe; nicht drin sein (mehr ist nicht drin); echt in Ordnung; im Rahmen bleiben; kein Raum, der für einen Gedanken bleibt; selten schön; auf jemanden zukommen; etwas ist von eigenem Reiz; eine Sache, der man Rechnung trägt; verhaftet sein in etwas; ein Versprechen, das man einlöst; bloßer Verstand; nackte Wahrheit; wissen um; ein Zeichen von etwas sein,

etcetera etcetera etcetera …