Seiten

Mittwoch, 18. Juli 2012

Was haben eigentlich der Widerwart mit der Gegenwart und die Gegenwart wiederum mit der Antwort zu tun?


Vom Widerwart


Nachtrag zum Post http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2012/06/sinniges-und-widersinniges-uber-die.html:

Ich muss mich leider korrigieren: Es gibt den Widerwart für Feind, unangenehme Person, man muss nur ins Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm schauen. Unter anderem führen sie als BelegMatteo Maria Boiardo (1441–1494) an, der im Verliebten Roland fragt: „Woher ist dieser Widerwart gekommen?“ (S. 144)

Ganz ergötzlich schreibt Heinrich Bauer in der Vollständigen Grammatik der neuhochdeutschen Sprache dazu:
(…) die Gegenwart, neben welcher keine Widerwart statt findet, obgleich dem gegenwärtig das widerwärtig untergeordnet ist, dessen Ableitung die Widerwärtigkeiten wieder keinen allgemeinern, höhern Begriff in Gegenwärtigen mit sich hat. (S. 498)
Fritz Mauthner schreibt im Wörterbuch der Philosophie zum Stichwort Gegenwart:
Ich hätte für eine Wortgeschichte nur das D. W. [Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm] auszuschreiben, den Artikel Gegenwart aus dem unvergleichlich besten Bande des Wörterbuchs. Man hat in historischer Zeit und bis heute die Entstehung des Wortes nicht erklären können, und daraus sind wohl viele unorganische alte Formen zu erklären. In seiner ältesten Gestalt scheint das Wort nur eine Verstärkung von gegen gewesen zu sein: was gegenüber steht; der Gegenwart wie der Widerwart (in diesem Sinne widerwärtig noch bei Goethe), das dem Sprachgefühl an Widerpart anzuklingen schien, bedeutete den Gegner. Für praesentia finden sich in alter Zeit die merkwürdigen Formen Gegenwurt (falsche Analogie nach Gegenwurf = Objekt?), Gegenwürt, endlich Gegenwärtigkeit und erst im 17. Jahrhunderte unser Gegenwart, das seltsamerweise zuerst im Rechtsleben aufgekommen zu sein scheint. Gegenwart und Beisein werden gewichtig miteinander verknüpft, und Gegenwart scheint eine aktivere Beziehung zu bezeichnen, als das bloße Beisein; in so feierlicher Weise wird besonders von der Gegenwart des Richters, des Fürsten, des Gottes geredet. Eine Nachwirkung dieses Gebrauchs, der uns noch bei Goethe und Schiller mitunter den eigentlichen Sinn eines Satzes verfehlen läßt [kursiv jmw], ist in der Definition gebucht, die Adelung von dem Begriffe gibt: »Der Zustand, da man durch seine eigne Substanz ohne moralische Mittelursachen, ja ohne alle Werkzeuge an einem Orte wirken kann, die Anwesenheit.« Zweierlei ist an diesen schulmeisterlichen Worten sehr beachtenswert: daß Gegenwart vor nicht viel mehr als hundert Jahren zunächst noch gar nicht als Zeitbegriff empfunden wurde, und daß man bei Gegenwart noch unmittelbar an eine Wirksamkeit im Räume dachte. Beide Vorstellungen scheinen dem Sprachgebrauche der Gegenwart, für die das Wort ganz besonders ein grammatischer Zeitbegriff geworden ist, zu widersprechen; und dennoch lassen sich beide Vorstellungen sehr gut mit den Tendenzen der gegenwärtigen Psychologie vereinigen. 
Und die Brüder Grimm schreiben unter Gegenwart:
ursprünglich auch ein subst. m., der gegenwart gegner, wie sonst widerwart (widerwarte), woher unser widerwärtig; md.: daß er nicht underbrêche / deme gegenwarte sîne wort. [In F. K. Köpke: Das Passional: Eine Legenden-Sammlung des dreizehnten Jahrhunderts, S. 73]
Und überhaupt sei die Gegenwart „ursprünglich und lange eine fragliche“ Form gewesen, „in den wbb. zu rasch angesetzt“.

Hm. Nun wollte ich es genau wissen. Woher kommt eigentlich das „vielfach merkwürdige“ (Grimm) Wort Gegenwart? Und wahrlich, es ist ein merkwürdiges Wort, wenn die Grimms für die Erklärung fast 50.000 Zeichen benötigen … (Wer es ganz genau wissen möchte, schaue selbst auf http://woerterbuchnetz.de/DWB/?lemid=GG04611 nach.)

über die Gegenwart und Otfried von Weissenburg


Die Grimms schreiben dazu:
ahd. nur ein adj. geginwart praesens, auch gagenwarti promptus (…), kakanwarti (…) nachher gagenwerte u. ä. (…); ebenso alts[ächsisch]. geginward und geginwerd adj., altn[ordisch]. gagnvart und gagnvert (…)., in der bedeutung gegenüber, vielleicht in einer vermischung mit vart als adv. zu varr genau u. ä.; (…), sodaß man für das altn. deutschen einfluß vermuten darf. die bedeutung gegenüber gibt aber den ursprüngl. begriff genau: in meinem gesichtskreis gegen mich gekehrt oder gegen mich herkommend, d. h. wie gegen, ahd. gagan eigentlich selbst schon (…), sodaß geginwart, gaganwart wie eine verdeutlichende ausmalung des einfachen wortes aussieht (…), mittelst wart, d. h. gewendet, versus; vgl. die spätere verstärkung von gegen durch nachgebrachtes wart, wert (…), z. b. mhd. gegen dem mere wart, nhd. gen dem meer werts (vgl. DWB gegenwarts), was denn eigentlich mit dem ahd. geginwart zusammenfällt, da auch dieß zugleich eine bewegung bezeichnete, wie noch gegenwärtig.
Allerdings gebraucht Ottfrid von Weissenburg bereits um 870 im Evangelienbuch* mehrmals das Wort  géginuuerti im Sinne von Anwesenheit:
Vuir thina géginuuerti niazen mit giuuúrti,
ioh sin thih saman lóbonti allo uuórolt uuorolti. (IV, V. 24, 22–23, S. 384)  
Wo deine Gegenwart nie satt dahingibt alles was sie hat,
Und Welt an Welt zum Heil verjüngt dir ewig Hallelujah singt. (S. 155)
– In diesem Buch ersetzte er als erster deutscher Dichter den bis dahin in der germanischen Dichtung verwendeten „heidischen“ Stabreimvers (Alliteration) durch den „christlichen“ (christlich, weil er in lateinischen kirchlichen Hymnen verwendet wurde) Endreimvers. Reste davon finden wir heute noch in Redensarten wie Kind und Kegel, Haus und Hof, über Stock und Stein). (Siehe zu Otfried, vor allem im Hinblick auf seine Sprache, E. G. Graff: Krist, S. V ff.  und zum Reim Herz / Schmerz auch http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/2008/10/auflsung-von-sprachrtsel-no-10.html) –

*Leider ist die zitierte Stelle in dieser Handschrift (The Heidelberg Codex (Cod. Pal. lat. 52) unlesbar)

Als ersten Beleg für den Gebrauch des Wortes Gegenwart als Zeitbegriff nennen die Brüder Grimm die Zeilen Friedrich Schillers in dessen Gedicht Poesie des Lebens - An ***, „Bei dessen Worten“
Soll gleich mit meinem Wahn mein ganzer Himmel schwinden,
Soll gleich den freien Geist, den der erhab’ne Flug
Ins grenzenlose Reich der Möglichkeiten trug,
Die Gegenwart mit strengen Fesseln binden (Gedichte. 1806, S. 153),
„wir nun mehr oder völlig an den bloßen zeitbegriff denken (…)“

Als Begriff „von der „gegenwärtigen Zeit“ sei er jedoch
jung (…)  für gegenwart, denn noch am ende des vorigen jahrh. führt ihn ADELUNG [in Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, 1796, http://www.zeno.org/Adelung-1793/A/Gegenwart,+die] gar nicht mit an (bei CAMPE nachgetragen als 2. bed[eutung,  [Wörterbuch der deutschen Sprache, 1813,  S. 831)  während er ihn beim adj. aufführt [siehe das Stichwort Actuéll; Presénce bedeutet dagegen die körperliche Gegenwart]; (…). dennoch war er schon da: in gegenwart, gegenwärtig, vor jetzo.
Eine ausführliche Zusammenstellung der unterschiedlichen Schreibweisen von Gagenwart siehe Eberhard Gottlieb Graffs Althochdeutscher Sprachschatz oder Wörterbuch der althochdeutschen Sprache, 1834, S. 64 f.)  zum Begriff Gegenwart siehe auch Goethe-Wörterbuch, Sp. 1260 ff.

zur Antwort


Die Grimms schlagen einen Bogen von der Gegenwart zur Antwort:
die ursprüngliche bed. eines feindlichen entgegenstehens, die uns in widerwärtig noch anklingt, in mhd. zeit auch in gegenwart m. gegner vertreten (…), zeigt sich in dem begrifflichen subst. nd. in dem bose yegenwart für malus occursus (…), eigentlich was mir feindlich entgegentritt; man sehe dazu gegen in seiner entstehung (…), daß ursprünglich auch bewegung mitgedacht sein konnte. von da mag es zunächst in den gebrauch vor gericht übergegangen sein. (…)
gerade im rechtsleben ist nämlich im 13. 14. jh. das ältere antwerte daneben noch geläufig (…), z. b.: swen man vor gerichte schuldiget in sîn antwerte, wirt her ding [vluchtic, her ist in der clage gewunnen; in Sachsenspiegel, Art. 45, S. 89; in der Ausgabe steht allerdings statt antwerte antwurte] nd. in sîn antwerde; in sîn antworte. (…) ebenso zu antwerte, antwurte gegenwärtig. da aber vor gericht das antworten, gegenreden die hauptsache war, ist es begreiflich daß sich die begriffe gegenwart und antwort verflochten, (…); die mischung ist so völlig, daß auch die form mit e (eigentlich i) vom antworten gebraucht war (…); lebt sie doch noch in unserm deutsch in überantworten (…). ja das auffallende fem. von unserm antwort (…) mag sich eben aus dieser mischung herschreiben. selbst gegen und ant gehäuft findet sich, aus einer md. hs. des Ssp [Sachsenspiegel]. bringt HOMEYER im reg[ister] unter antwort bei zu geginantworte, gemeint wol: als gegenwärtig zur verantwortung, vergl. [und dar du] jegenwardich* tur antwerde nicht [en denne also] [Der Rechtsteig Landrechts nebst Cautela und Premis, S. 299]
*auch uniegenwardich

Im Mittelhochdeutschen Handwörterbuch von Matthias Lexer finden wir unter ant-würte antwort :
antwort. nbff. antwerte, antwert, antwirt, éntwurte, (…) entwürt u. später antwort. im rechtlichen sinne die antw. vertheidigung des beklagten (nach clag und antwurt, red und widerred) und rechenschaft.
und unter ant-würten:
prät. antwurte. nbff. antworten, antwerten (prät. antwarte), antwirten, éntwurten, éntwerten: antworten; verantwortlich sein, rechenschaft geben; sich gegen eine gerichtliche klage vertheidigen. allg.mit ge-, ver-.

und zu ward/wart/wert/wurt


Woher die Silbe ward/wart/wert/wurt (-wärts) kommt, habe ich nicht recherchiert, man mag es mir nachsehen. Eigentlich sollte dieser Beitrag ja nur nachweisen, dass es den Widerwart doch gibt. Dass ich dabei wieder einmal vom Hündchen zum Stöckchen gekommen bin, liegt halt an den äußerst ausführlichen Ausführungen der Brüder Grimm. Aber wer daran interessiert ist, schaue in Graffs Althochdeutschem Sprachschatz nach. Auf 23 Seiten hat er sämtliche Formen und Bedeutungen dazu zusammengetragen, darunter in den Spalten 1001 f. die zu Antwort (Antwart, antwarti, antwerti = gegenwärtig und Antwart, Antwarti, Antwerti, Antwurt, Antwurti = Gegenwart (siehe antwurti  in wort), von Spalte 1008 bis 1010 alle Formen zu Gaganwart = Gegenwart und in  Spalte 1020 ff. alles zu Wort. Das Wörterbuch erinnert etwas an die heute üblichen Wortwolken auf Webseiten und Blogs, benützt der Drucker doch unterschiedliche Schriftgrößen für die Einträge, was das (Quer-)Lesen ungemein erleichtert.

Wer mag, lese die bewegende Vorrede zu seinem Werk). Beklagt er doch unter anderem den durch die  mangelnde Unterstützung verzögerten Druck – welcher Schriftsteller kann ihm da nicht aus vollstem Herzen zustimmen. Und er schreibt: „Mit welchen Empfindungen werde ich, wenn Gott mich mein Werk vollenden läßt, am Schlusse desselben auf diese Zeilen blicken? Mit noch tieferem Grame? oder mit einem in Dank und Freude aufgelösten Gemüthe?” Die Antwort kennen wir nicht, aber hoffen wir das letztere. Zumindest hat er die Herausgabe des Buches 1834, das er 1824 begonnen hatte, um sieben Jahre überlebt.

1 Kommentar: