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Montag, 30. März 2009

Merksätze zum Schreiben

  • Der Schriftsteller beschreibt die Welt nicht, wie sie ist, er lässt sie erscheinen. Er findet für seine Empfindungen, für seine Sicht der Menschen und der Welt Worte, die dem Leser vermitteln, was er gefühlt oder gedacht hat. Er schreibt etwas Neues und Überraschendes – für den Leser und sich.
  • Schreiben bedeutet, Leben in Geschichten zu verwandeln und Geschichten mit Leben zu füllen, Empfindungen, Gedanken, Visionen, in Sprache zu kleiden, bereit zu sein, etwas von sich selbst preiszugeben und sich damit verwundbar zu machen.
  • Einem guten Text kann weder etwas genommen noch hinzugefügt werden.
  • Die Sprachbegabung macht zehn Prozent aus, neunzig Prozent sind Handwerk.
  • Ein Schriftsteller kann lernen, wie er die Wörter gebraucht und wie er seine Sätze bauen muss, um den Leser zu fesseln, wie er das ausdrücken soll, was er mitteilen will.
  • Der Leser soll zwischen den Zeilen lesen.
  • Jede Regel kann gebrochen werden, wenn es begründet ist – etwa weil der Schriftsteller seinen Leser irritieren und zum Hinsehen bringen will –, doch dazu muss er die Regeln beherrschen, muss er seine eigene künstlerische Identität gefunden haben.

Samstag, 28. März 2009

Vermeiden Sie ungewöhnliche Namen (Über Namen. IV)


Viele Autoren verpassen ihren Helden einen exotisch klingenden Vornamen. Das soll wohl suggerieren, wie außergewöhnlich die Heldin (oder der Autor) ist, der Leser wird das jedoch nicht so empfinden, wenn nur der Name und nicht ihr Leben beeindruckend ist. In der ehemaligen DDR wählten die Eltern für ihre Kinder allerdings oft ausländisch klingende Vornamen. Wenn Sie also einen Roman über die geglückte oder weniger geglückte Wiedervereinigung schreiben, sollten Sie Brandenburger, Sachsen oder Thüringer Ronny, Maik, Haike, Danilo oder Mändy nennen. (Wenn Sie auch ehemaligen Ostberlinern und West-Berlinern die typischen Vornamen geben, umso besser).

Jessamyn WEST schreibt in ihrem Roman Der Tag kommt ganz von selber:
Tasmania, Marmion, Blix, Le Cid, Basil. Von einer Geschichte, die sie gerade las, sagte einmal Blix: »Sie gefällt mir schon, wenn nur die ungewöhnlichen Namen nicht wären!«
»Aber denk bloß an unsere Namen«, erwiderte ich. »Mir persönlich kommen Leute, die Mary, Jane oder John heißen, einfach nicht recht glaubwürdig vor. Sie haben für mich so viel Farbe wie eins, zwei, drei oder vier.«
»Neunzehntel der Welt sind aber die Johns, Marys oder Janes«, wandte Blix ein. »Ich wette, daß allzu gesuchte Namen die meisten Leser vertreiben.«
Wahrscheinlich hatte sie recht. Aber für mich ist es eine Erleichterung, daß ich, während ich von meiner Familie erzählte, keine Wahl habe. Meine Mutter hat uns diese Namen gegeben und nicht ich. Und Namen prägen den Charakter eines Menschen mehr, als wir oft meinen. Wenn Blix, anstatt nach der Heldin von Frank Norris’ Roman benannt zu sein, Sarah oder Jane geheißen hätte, wäre sie vielleicht eine andere Frau geworden. Oder wenn ich nun Hannah oder Ethel – und nicht Tasmania hieße ...«
Vor allem sollten Sie einer Figur keinen seltenen Namen geben, wenn die anderen Figuren Allerweltsnamen tragen und sie sich von ihnen nicht durch eine herausragende Leistung oder einen eindrucksvollen Charakter unterscheidet. Wenn Sie ihr dennoch einen exotischen Namen geben, so weisen Sie darauf hin:
Jeden Tag nach der Schule versteckten wir uns hinter einem Baum und beobachteten Antoninius (welche Eltern nennen ihren Sohn eigentlich Antoninius?), wie er die Straße lang trottete, und warteten darauf, daß der Wind sich hinter seinen abstehenden Ohren verfing und ihn durch die Luft wirbelte. Wir warteten und warteten. Aber das geschah nie.
Auch mit den Namen Ihrer Figuren lassen Sie Bilder in Ihrem Leser entstehen

Donnerstag, 26. März 2009

Namen kennzeichnen den Charakter (Über Namen. III)


Eine attraktive Frau wird nicht Gisela oder Else heißen (womit ich um Himmels Willen nicht behaupten will, dass Frauen, die diese Namen tragen, per se unattraktiv sind; ich bitte alle Trägerinnen und Träger von Namen, die ich hier in ihren Augen abwerte, um Entschuldigung; ich kenne natürlich sehr eindrucksvolle Menschen mit den Namen Gisela oder Fritz – es geht mir einzig und allein um die Wirkung von solchen Namen auf die Leserinnen und Leser Ihrer Bücher), es sei denn, Sie ändern Gisela in Gila und Else in Elsa. Statt Fritz werden Sie Ihren Helden Friedrich oder Friedhelm nennen, wenn er ruhig, bedächtig sein soll. Das zweite n in Hanns verwandelt dagegen einen schlichten Hans in einen Tatmenschen. Eine Jo ist burschikos und trägt eine Kurzhaarfrisur, eine Johanna ist keine verführerische Blondine. Auch mit Gabriele, Gabriella oder Gaby lassen sich unterschiedliche Charaktere darstellen.

Gundula Rössner ist eher eine selbstbewusste, nicht mehr ganz so junge Frau, und Kurt Schulze bricht keine Frauenherzen, es sei denn, er hieße Curd Shultz. Susan hockt nicht im Büro und Mario nicht an der Kasse eines Supermarktes. Eine Martha Krause wird ein anderer Mensch sein als eine Ulrike Maiwald. Der Name spiegelt auch das Äußere von Figuren: sind sie dünn, dick, vital, träge?

Ein Unterschied besteht auch darin, ob sich ein Baron von Szrebniki aus seinem Sessel erhebt oder ein Rudi Müller. Hans Schmidt stürzte das Bier runter zeigt einen anderen Menschen als Rainer Göldenbroth trank ein Pils.

Selbst mit dem Klang eines Namens lassen sich unterschiedliche Charaktere zeigen. Einen kraftvollen, energischen Menschen werden Sie nicht mit klanglosen Vokalen wie dem e bezeichnen (Peter Jensch – anders sieht es aus, wenn Sie ihn Jens Jaensch nennen), sondern Sie werden Namen mit a oder o wählen (Roswitha Hannstein). Ein einfacher Mensch trägt eher einen einsilbigen Namen (Gerd Lenz), ein vielschichtiger einen mehrsilbigen (Maria-Luise Wandenstedt).

Im Sommer des Erwachens lässt Marjorie REYNOLDS ihre Heldin erzählen:
Ihr Name war Teal. Sie hatte mir erzählt, daß eine Farbe so genannt wurde, eine Schattierung zwischen Blau und Grün, zwischen Seen und Wälder, und ich fand, daß der Name wunderbar zu ihr paßte. Namen waren für Mom sehr wichtig, sie glaubte, daß sie einen Menschen auf angenehme Gedanken brachten, und meinte, es sei ein Schande, daß der Name meines Vaters – Claude Junior – gar nichts aussagte, aber ihr gefiel, wie er klang. Mom nannte ihn immer Claude Junior, niemals nur Claude, weil die beiden Worte zusammen, wie sie behauptete, eine Kadenz bildeten und rhythmisch waren. Es tat ihr leid, daß sie selbst keinen zweiten Namen hatte, denn obwohl Teal die Bezeichnung für eine Farbe war, hätte das Wort einen harschen Klang. Dad schlug vor, sie sollte sich einfach einen zweiten Namen aussuchen, aber für sie war das nicht dasselbe.

Mittwoch, 25. März 2009

Nomen sind omen (Über Namen. II)


Nomina sunt ipso paene timenda sono.
(Schon wie sie klingen, sind solche Namen zu fürchten.) (OVID)
Viele Vornamen entstammen dem Lateinischen, Hebräischen oder Germanischen und haben eine Bedeutung. Nehmen Sie Nomen est omen wörtlich und geben Sie Ihren Helden Vornamen, deren Bedeutung ihren Charakteren oder Handlungen entspricht. Ein Mann, den das Schicksal stiefmütterlich behandelt, ist kein Felix (von lat. felix: glücklich) und eine Frau, die vom Pech verfolgt wird, keine Beate (von lat. beatus: glückselig). (In Vornamenbüchern finden Sie den Sinngehalt.)
Auch Nachnamen sollten Sie überlegt wählen. Es ist zwar einfach, das Telefonbuch zu wälzen, wirkungsvoller jedoch sind Nachnamen, die eine Bedeutung haben. Im Stiller aus FRISCHS gleichnamigem Roman steckt still im wahrsten Sinne des Wortes, aber auch im Sinne von stiller als und von stillen zum Beispiel von Sehnsüchten, Begierden oder Rache. In Thomas MANNS Aschenbach im Tod in Venedig steckt die Asche; die Bedeutung des Namens Grünlich muss ich nicht erklären. Die Übersetzung von Agatha CHRISTIES Detektiv Poirot lautet Lauch – kein Wunder, dass er ein besonderes Ego entwickelte – und die von SÜSKINDS Mörder Grenouille im Parfum Frosch. – Das kennzeichnet dessen Charakter besser als tausend Worte. – Heßling in Heinrich MANNS Untertan kann mit hässlich gedeutet werden. In Effi Briest steckt das Biest, der Vorname bezeichnet mit der Koseform von Elfriede eine junge Frau, und der Ort Briest (gleich Birkenort) in der Mark Brandenburg weist auf ihre Herkunft hin. – Offensichtlich konnte FONTANE sie gar nicht anders nennen, denn er schimpft selbst über »diesen affigen Effi-Namen«. –* Martin WALSER gibt im Lebenslauf der Liebe einer seiner Hauptfiguren, ein scheinbar mondänes Luxusweibchen, das aus einfachen, frommen Verhältnissen stammt, den »womöglich angemessen unmöglichen« Namen Susi Gern (aus einem Interview mit dem SPIEGEL).
Egon FRIEDELL schreibt in Kulturgeschichte der Neuzeit zur Namensgebung bei Wilhelm BUSCH:
Die höchste Meisterschaft der Lautbehandlung zeigt er unter anderem auch in der Erfindung der Namen. Bisher hatte man die Komik auf diesem Gebiet in Begriffsassoziationen gesucht, was aber bloß witzig ist. So verfährt selbst noch Nestroy, wenn er zum Beispiel einen Wirt Pantsch oder einen Dieb Graps nennt. Buschs Namen hingegen sind gefühlsdeskriptiv, onomatopoetisch, sie malen nicht mit Anspielungen, sondern mit Klängen, wie dies der große Lyriker und das kleine Kind tut. Ein milder salbungsvoller Rektor heißt Debisch, ein barscher plattfüßiger Förster Knarrtje, ein grauslicher alter Eremit Krökel, ein dicker Veterinärpraktikant Sutitt, ein flotter Kavalier Herr von Gnatzel. Schon bei dem einfachen Namen Nolte steigt die ganze muffige und doch anheimelnde Hinterwelt eines kleinen deutschen Landnestes auf.
Der Name Meursault des Fremden bei CAMUS ist eine Verschmelzung von meutre (Mord) und seul (allein) oder mer und soleil (Meer und Sonne). Misery in KINGS Misery Chastain bedeutet Elend, und in Chastain erkennen wir chaste (keusch, rein, anständig), chasten (züchtigen und läutern) oder chase (jagen, verfolgen); vielleicht hat King aber auch disdain (Verachtung, Hochmut) gemeint. Henry JAMES nennt in seinem Roman Die goldene Schale eine Figur Fanny Assingham. Fan steht für fan und Ventilator, fanny und ass sind vulgäre Bezeichnungen für den verlängerten Rücken, und ham bedeutet Schinken, Oberschenkel. – Gönnen Sie sich den Spaß, falls Sie sich einmal langweilen sollten, und deuten Sie Namen. Lassen Sie Ihre Assoziationen fließen. Es gibt noch vieles zu entdecken. –

Dienstag, 24. März 2009

Nomen est Omen (Über Namen. I.)


Es wird zuwenig bedacht, dass nur ein genialer Dichter die Fähigkeit besitzt,
seine Geschöpfe mit Namen auszustatten, die ihnen ganz entsprechen.
Der Name muß die Gestalt sein. Ein Dichter, der das nicht weiß, weiß gar nichts. (Victor HUGO)

Das größte Vergnügen war es, Namen zu finden. Manchmal mußte ich meine Neigung für das Ausgefallene – für das Komische, das Wortspiel, das Anzügliche – unterdrücken, aber meistens war ich damit zufrieden, die Grenzen des Vorstellbaren einzuhalten. (AUSTER, Hinter verschlossenen Türen)
Als die Menschen begannen, in größeren Gemeinschaften zu leben und sich ihrer selbst bewusst zu werden, als sie begannen, einander zu lieben und die geliebten Toten zu bestatteten, gaben sie einander Namen. Nur so konnten sie sich erinnern und ihren Gefühlen ein Gesicht verleihen. Durch die Namensgebung wurde der Mensch einzigartig.

Aber viele Mythen und Sagen sprechen auch von der Macht der Namen: vom Wort Gottes, das man nicht ohne Not im Munde führen darf bis Lohengrin und Rumpelstilzchen, denn das, was benannt ist, verliert seinen Zauber. Und doch: welche Assoziationen verbinden wir mit solch einem schlichten Namen wie Hans: von Johannes dem Täufer, Hänschen klein, Hänsel und Gretel, Hans im Glück über Was Hänschen nicht lernt … bis zum Johannestrieb.

Geben also auch Sie Ihren Geschöpfen Namen. Nur so schaffen Sie lebendige Wesen mit einer eigenen Geschichte, mit denen nicht nur Sie sich identifizieren, sondern in die auch der Leser hineinschlüpfen kann, mit denen er leidet, sich freut und mit denen er sich anfreundet. Auch in Kurzgeschichten sollten die Figuren benannt werden. Wie langweilig ist eine Geschichte über einen fühlenden und handelnden Menschen, wenn der Leser sich nicht in ihn hineinversetzen – wenn er nicht selbst Hans oder Lisa werden kann?

Das mag Ihnen selbstverständlich sein, doch viele Autoren empfinden das als Schikane, als Eingriff in ihre schöpferische Freiheit.

Die Namen aller Figuren – auch der Nebenfiguren –, die Sie zum Leben erwecken, sind ebenso wichtig wie der Text und müssen deshalb bedachtsam ausgewählt werden. Sicher ist die Wahl oft subjektiv. Der Name Ihrer großen Liebe, den Sie Ihrem Helden verliehen haben, erinnert die Leserin an traumatische Ereignisse; mit dem Namen der Schurkin, den Sie gewählt haben, weil Sie sich dessen leibhaftiger Trägerin nur widerwillig erinnern, verbindet Ihr Leser traumhafte Stunden. Und doch:

Jeder Mensch hat einen Namen, auch Ihre Figuren haben das Recht darauf.

Manche Autoren meinen, ihr Text wirke bedeutender, raffinierter, gar literarischer, wenn ihr Held anonym bleibt. Sie benutzen stattdessen Umschreibungen wie er, sie, die Chefin, der Sohn, bezeichnen ihre Figuren gar nur mit Schätzchen oder junge Frau und werten sie so, vielleicht absichtslos, ab. Das haben auch literarische Figuren nicht verdient. Dadurch wird auch das Gebot der Neutralität verletzt, wenn die Autoren nicht aus der Position des auktorialen Erzählers schreiben. Dazu kommt, dass der Autor sich alberne Umschreibungen ausdenken muss wie die Frau im roten Kleid oder der Mann in den ausgeblichenen Jeans, um seine Helden zu bezeichnen, und dass die anderen Figuren übereinander und miteinander nur sprechen können, ohne Namen zu nennen.

Die Namenlosigkeit ist nur angebracht, wenn der Autor jede Individualität vermeiden will oder zeigen will, wie beziehungslos das Leben seines Helden ist. Oder wenn in einem Roman mit zwei Erzählsträngen, die in der Gegenwart und in der Vergangenheit spielen, die Identität einer Person aus erzählerischen Gründen bis zum Schluss geheimnisvoll bleiben soll. Doch meist will der Autor nur einen Effekt erhaschen. Wenn sie Lisa heißt und er Hans, dann nennen Sie sie auch so.

Sie stellen eine Distanz her, wenn Sie eine Figur nur mit dem Nachnamen bezeichnen. Auf den Leser wirkt das jedoch meist eindimensional, weil es ihm unmöglich gemacht wird, in sie einzutauchen, selbst Frau Schmidt zu werden, mit ihr zu lachen oder zu weinen. Zudem wirkt bei neutralen Bezeichnungen der Text eher wie ein Bericht. Wählen Sie also nur dann den Nachnamen für eine Figur, wenn Sie bewusst zu ihr Abstand halten möchten. Vermeiden Sie aber läppische Namen wie Bumsberger oder Mueller-Tauschenberg. Sie wirken nur lächerlich.

Wie wichtig Namen sind, zeigt Paul SCOTT im Juwel in der Krone. Eine »pferdegesichtige« junge Erzieherin (nebenbei: pferdegesichtig ist ein Klischee – warum sehen in englischen Romanen alte Jungfern ständig pferdegesichtig aus? – siehe auch meine Ausführungen über abgedroschene Metaphern auf http://tinyurl.com/dz3an3 ) sorgt sich, dass sie eines Tages niemand mehr mit dem Vornamen anreden wird. Schon jetzt wird sie meistens nur mit dem Nachnamen angesprochen – sogar ohne Miss. Als sie in die Kirche geht, fragt sie sich,
wie ER sie wohl nennen würde, ob Crane, Miss Crane oder Edwina? Für IHN als den Sohn war sie vermutlich Edwina, aber für Gott in seinem Zorn zweifellos Crane.
»Miss Crane?«
Aufgeschreckt durch die Stimme blickte sie über ihre Schulter. Es war der Gemeindepfarrer … Er hieß Grant, und das rief während des Gottesdienstes verhaltenes Lächeln hervor, wenn er Gebete sprach, die mit den Worten begannen: Grant, O Lord, we besseech Thee … Gib, o Herr, wir bitten dich … Sie lächelte …
HESSE erklärt in Karl Eugen Eiselein, wieso er einen bestimmten Namen gewählt hat:
Dieser Sohn hieß Karl Eugen Eiselein, und es wollte etwas bedeuten, daß er von klein auf nicht Karl oder Eugen, sondern stets mit dem fürstlichen Doppelnamen Karleugen gerufen ward. Dementsprechend gab der Kleine auch für zwei zu tun und zu sorgen, schrie für zwei und brauchte Windeln und Kleider für zwei …
– Ein Tipp für Einsendungen bei Wettbewerben mit vorgegebener Zeichenzahl: Ändern Sie längere Namen in kurze wie Jan oder Ute, wenn Sie kürzen müssen, weil Sie wieder einmal viel zu viel, oder kurze Namen in mehrsilbige wie Maria-Luise oder Hans-Joachim, wenn Sie zu wenig geschrieben haben. Doch Vorsicht: Doppelnamen wie Klaus-Peter oder Gesina-Maria können eine Figur abwerten. –

Generell sollten Vor- und Nachname jedoch nicht mehr als vier bis sechs Silben lang sein. »Ashton Hilary Akbar Pelham Martin« heißt die Hauptfigur in Mary M. KAYS Palast der Winde. Und wer kennt nicht Karl MAYS »Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah« … – Nur erscheinen diese Namen nicht später mehr im Buch, denn wer kann sie sich merken. (*Einen sehr interessanten Beitrag über die Namensgebung Karl MAYS, der sie bewusst als Ausdrucksmittel einsetzt, bietet Karl Otto SAUERBECKS Name und Anrede – Schema und Bild: die vielseitige Verwendung einiger Darstellungsmittel bei Karl May auf karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/JbKMG/1997/211.htm)

Durch die Wahl des Namens lässt sich auch die Beziehung zwischen zwei Figuren ausdrücken, zum Beispiel, wenn der Mann einer Frau den Namen nimmt, indem er sie Mary statt Maria nennt und sie damit in die Nähe einer klischeehaften Hollywoodfigur rückt, oder sie ihn beim Namen nennt, er sie jedoch nie anredet.

In seiner Kurzgeschichte Katze im Regen zeigt HEMINGWAY die Beziehung zwischen den Eheleuten daran, dass der Ehemann einen Namen hat – George –, seine Frau jedoch namenlos bleibt.

Seien Sie jedoch vorsichtig mit Kosenamen oder Diminuativa. Sie könnten damit Ihre Figur denunzieren. Außerdem: Schumperhäschen mag lustig klingen, nervt aber auf die Dauer den Leser. Liebling und Schatzi sind so abgedroschen, dass sie abwertend klingen. Andererseits können solche abgedroschen Koseworte die Erstarrung einer Beziehung charakterisieren. Vor allem sollten Sie einer unsympathischen Figur keinen Kosenamen geben, es sei denn, Sie wollten sie ironisch überhöhen.

Den richtigen Namen zu finden, ist nicht leicht. Doch selbst das lässt sich üben. Erfinden Sie für den Menschen, den Sie hinter einem Namen im Telefonbuch vermuten, eine Lebensgeschichte. Rüsten Sie ihn mit guten und schlechten Charaktereigenschaften aus, mit Vorlieben und Lastern, Wünschen und Ängsten, und geben Sie ihm ein Äußeres. Wenn Sie fühlen, dass Name und Person sich entsprechen, nennen Sie Ihr Geschöpf versuchsweise anders. Sie werden merken, dass die neue Vita nicht mehr mit dem Menschen, den Sie so vorzüglich gezeichnet hatten, übereinstimmt.

Haben Sie einmal einen Namen gewählt, so ist er untrennbar mit Ihrer Figur verbunden. Es wird Ihnen schwer fallen, ihn später zu ändern, auch wenn das der Text verlangt; vielleicht, weil Sie einer Figur einen Allerweltsnamen gegeben haben, die sich im Laufe der Geschichte zu einer Hauptfigur wandelt; weil Sie sie mit einem allegorischen Namen versehen haben, den sie nicht erfüllt (Ihre Victoria wird zur Pechmarie), oder weil der Held, der sich des androgynen Namens Toni erfreut, zu einem Frauenheld wird.

Arno SCHMIDT schreibt in Der Platz, an dem ich schreibe:
Es ist nämlich »bei Schriftstellers«, zumal bei deutschen, … so, daß man laufend viele Namen benötigt; bald wohlklingende, bald banale. Meist weiß man (bei häufig auftretenden Hauptpersonen, um sie mit einem akustisch-fonetischen Zug sich selbst und dem Leser unverwechselbar zu malen; bei Nebenfiguren, um sie rasch und ohne Arbeit, aber dennoch solide, zumindest verantwortbar ausreichend, zu »erledigen«) wieviel Silben der betreffende Name haben muß, um in den Takt des Satzes zu passen; also auch, welche dieser Silben betont sein muß .... Bei mir ... ist es so, daß ich ... für deutsche Namen das Register des »Hannoverschen Staatshandbuches für 1839« verwende, (es enthält immerhin 80000 zur Auswahl); für ausländische den »Regenhardt; Geschäftskalender für den Weltverkehr, 1927«.
Der Name »Winnetou« entstand aus Lautmalereien wie »Inn-nu-woh«, der Wohlklang wurde zum Sympathieträger. Heute ist Winnetou nicht mehr eine Romanfigur, sondern kulturelles Allgemeingut. Leverkühn hieß der Vormund Thomas MANNS, und KAFKA verwendet seinen Familiennamen abgekürzt als Josef K. im Prozeß und K. im Schloß.

Wählen Sie die Vor- und Nachnamen Ihrer Figuren bewusst aus.

Samstag, 21. März 2009

Was ist Literatur. VI.


Pro U-Literatur

Gute Unterhaltungsliteratur (nicht zu verwechseln mit Kitsch) hat aber durchaus ihre Berechtigung, und es ist kein Wunder, dass in Deutschland viel mehr englischsprachige als deutschsprachiger Romane gelesen werden. REICH-RANICKI weiß, weshalb: »Man sehe sich die Romane und Kurzgeschichten solcher Autoren an wie Saul Bellow, John Updike, Yoyce Carol Oates. Alle diese Autoren verachten das Publikum nicht, und anders als viele deutsche Autoren vergessen sie den Leser nie.«

Auch Gregor DOTZAUER bricht eine Lanze für die Unterhaltungsliteratur:
An trüben Tagen, wenn man sich wieder einmal durch besonders ambitionierte neue deutsche Prosa quält, kann es einem schon so vorkommen, als wäre die ganze Literatur eine Angelegenheit von Doktoranden, Gymnasialprofessoren und höheren Töchtern. Man stellt sich vor, wie unglückliche Menschen feingliedrige Metaphern für den fatalen Weltenlauf entwerfen, die andere unglückliche Menschen mit schwerem hermeneutischem Instrumentarium entschlüsseln. Und man malt sich aus, wie Autoren und Leser dabei zusammen von einer Schönheit träumen, die sich spätestens bei einer Stadtteilbibliotheks-Lesung, zwischen Leuchtstoffröhren, Resopal-Tischen und stapelbaren Plastikstühlen, als hoffnungslos überirdische Sehnsucht entpuppt. Im Grunde muß man nur an die Tristesse des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs denken, damit einen ein heiliger Zorn packt und man bereit ist, all die Forderungen an eine saftlose Literatur zu unterschreiben, die man inzwischen schon auswendig kann: Mehr Spaß! Mehr Sex! Mehr Glamour! Mehr Drogen! Mehr Wahnsinn! Mehr Gegenwart! Mehr Wirklichkeit!
BECKETT las Kriminalromane von Edgar WALLACE, Agatha CHRISTIE, Erle Stanley GARDNER und STOUT, um sich zu entspannen.

Für Patricia HIGHSMITH sind Schriftsteller »Entertainer«: »Sie genießen es, Dinge in reizvoller und amüsanter Form darzubieten, damit Zuschauer oder Leser überrascht aufblicken, anteilnehmen und Spaß an der Darbietung haben.«

– Man stelle sich den Aufschrei hierzulande vor, wenn ein anerkannter Autor zugäbe, er wolle amüsant schreiben, damit sein Leser Spaß bei der Lektüre habe. –

Auch REICH-RANICKI benutzt das Wort amüsant:
Dürrenmatt hat vor bald dreißig Jahren sehr richtig gesagt, daß gerade große Schriftsteller sehr wohl imstande gewesen wären, das Ihrige unter den auferlegten Bedingungen an den Mann zu bringen: Indem sie den menschlichen Unterhaltungstrieb einkalkulierten, hätten sie amüsant geschrieben und damit bewiesen, daß sie ihr Geschäft verstehen.
Jeder Dramatiker, ob SHAKESPEARE, HAUPTMANN, legt Wert darauf, seinen Zuschauer zu unterhalten, und denkt auch an den weniger anspruchsvollen. BRECHT will Gesellschaftskritik üben und die Welt verändern, und doch baut er Lieder in seine Stücke ein. Ihm ist wichtig, dass seine Botschaft alle Menschen erreicht, auch die, denen der Ton mehr sagt als das Wort. Sind die Dreigroschenoper oder der Sommernachtstraum deshalb trivial?

REICH-RANICKI geht es
also immer wieder darum, daß sich die Autoren bemühen sollten, die in Deutschland besonders große und ärgerliche Kluft zwischen der Literatur und ihren Adressaten zu verringern. Nur dies hatte ich im Sinn, wenn ich gelegentlich bedauerte, daß es den intelligenten deutschen Unterhaltungsroman nur sehr selten gibt. Ich habe einmal gesagt, der Weg von dem in den Niederungen gelegenen »Schloß Hubertus« des Ludwig Ganghofer zu dem auf einem hohen Berggipfel befindlichen »Schloß« sei beschwerlich, könne aber den Lesern erleichtert werden, wenn sie, von einem Schloß zum anderen aufsteigend, auf halber Höhe Rast machen, beispielsweise in einem »Schloß Gripsholm«. Eine derartige Literatur auf mittlerer Höhe ist legitim und heute nötiger als je. Man könnte hier die Unterhaltungsromane von Erich Kästner nennen, die Kriminalromane von Dürrenmatt und ähnliches. Beispielhaft ist diese Zwischenstufe in der angelsächsischen Welt. Ich meine solche Autoren wie Somerset Maugham, Priestley, Angus Willson und, vor allem, den hierzulande meist unterschätzten Graham Greene. Heute, da die Literatur von allen Seiten bedroht ist, scheint mir die Rolle und Funktion derartiger Romane und Erzählungen besonders wichtig.
Thomas MANN entgegnet auf HESSES Vorwurf, in der Königlichen Hoheit seien gar zu viele »Antreibereien des Publikums« zu finden, dass ihm daran gelegen sei, nicht nur von Kennern und Eingeweihten gelesen zu werden.

SCHLINK, der mit dem Vorleser einen Weltbestseller geschaffen hat, sagt, dass er eine Literaturlandschaft mag,
die nicht aufgeteilt ist zwischen »U«- und »E«-Kultur. Ich wollte immer Bücher schreiben, die man in jeder Bahnhofsbuchhandlung kaufen kann und einfach in die Tasche steckt und unterwegs liest, im Zug, in der U-Bahn. Und was ich so an Zuschriften aus den USA bekomme, zeigt eine ganz demokratische Leserschaft: von Intellektuellen bis zu Mitgliedern eines kleinen Buchclubs irgendwo im Mittleren Westen.
Während einer Lesereise wurde der erfolgreichsten zeitgenössischen Kriminalautorin, Elizabeth GEORGE, bedeutet, dass eine wie sie nicht im Hamburger Literaturhaus auftreten dürfe. Sie sagt dazu in einem Interview mit dem Tagesspiegel:
In unserer Diskussion über die Frage »Was ist Literatur?« fiel dieser Satz, der mich sehr erschüttert hat. Ich weiß, dass in Deutschland ein großer Unterschied gemacht wird zwischen Literatur und Unterhaltung. Doch ich frage mich schon manchmal: Wo ordnen sie jemand wie Hemingway ein oder, um auf England zu kommen, Jane Austen. Beide sind nicht unbedingt Vertreter einer elaborierten Sprache, die in Deutschland anscheinend Voraussetzung für Literatur ist.
Auf die Frage, ob sie deutsche Literatur kennt, antwortet sie: »Leider nicht gut. Zurzeit lese ich Medeas Stimmen von Christa Wolf. Ein gutes, ein schönes Buch. Und nun würde mich mal interessieren: Ist das in Deutschland Literatur oder Unterhaltung?«

– Man mag zu Elizabeth Georges Romanen stehen, wie man will, aber erschaffen die Autoren, die zur Zeit hoch gelobt werden, wirklich Hochliteratur? –

Arthur C. CLARKE erhielt 1998 für seine Verdienste um die Literatur den Ritterschlag. »Das macht mich sehr glücklich, weil Science-Fiction oft nicht als Literatur ernstgenommen wird«, sagt Sir Arthur.

In Deutschland wird nicht nur Science-Fiction abgelehnt (was auch daran liegen mag, dass früher selbst gut geschriebene SF-Literatur als Heftchenroman erschien). Sogenannte Experten werten die Leistung eines Schriftstellers ab, wenn er eine beachtliche Verkaufszahl erreicht oder – wie furchtbar – einen Bestseller landet. Als sich Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Martin WALSERS Fliehendes Pferd gut verkaufte, warfen ihm Kritiker Anbiederung an den Massengeschmack vor.

Mittlerweile haben die Literaturwissenschaftler jedoch den Leser entdeckt und kommen langsam vom Begriff des literarischen Textes als Sprachkunstwerk ab.

Was ist Literatur. V.


U-Literatur

Texte, die den ästhetischen, formalen und funktionalen Kriterien der Literaturwissenschaft nicht genügen, gelten als trivial. Wer keine literarischen Texte, sprich Hochliteratur oder E-Literatur, schreibt, geht auf das Bedürfnis einer möglichst großen Anzahl von Käufern, also aufs Massenpublikum, ein und verfasst Trivialliteratur (deshalb spricht man heute auch von Massenliteratur).

Nur – wie passt GOETHES Ausspruch »Wer nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben hierhin«? Und wie sieht es aus mit SCHILLER, der mit trivialen Erzählmustern einen größeren Leserkreis erreichen wollte, so mit seiner Erzählung Verbrecher aus verlorener Ehre und seinem Fortsetzungsroman Der Geisterseher. Der Roman ist ein Politthriller mit einem obskuren Geheimbund (wofür er sich mit den Illuminaten und Rosenkreuzlern beschäftigte), mit Spiritismus, Hokospokus, einer schönen Betrügerin und geheimnisvollen Ereignissen, wodurch ein Prinz in die Fänge des besagten Geheimbundes gelangt, der durch ihn einen Thron für die Kirche erwerben will; also mit allen Elementen der U-Literatur. Der Roman blieb unvollendet, denn Schiller bezeichnete seine Romane später als »Schmiererei«, die er allmählich satt habe, obwohl er mit dem Geisterseher sein höchstes Honorar erzielte.

Schiller hatte auch keine Schwierigkeiten, von den Autoren von Abenteuerromanen und Schauerliteratur zu lernen. Er beschwerte sich zwar darüber, dass »das immer allgemeiner werdende Bedürfnis zu lesen ... noch immer von mittelmäßigen Scribenten und gewinnsüchtigen Verlegern dazu gemißbraucht (wird), ihre schlechte Ware ... in Umlauf zu bringen«. Dennoch wäre es kein »geringer Gewinn … für die Wahrheit, wenn sich bessere Schriftsteller herablassen möchten, den schlechten die Kunstgriffe abzusehen, wodurch sie sich Leser erwerben, und zum Vorteil der guten Sache davon Gebrauch machen.« Denn »es (ist) an einem unterhaltenden Buch schon Verdienst genug, wenn es seinen Zweck ohne die schädlichen Folgen erreicht, womit man bei den meisten Schriften dieser Gattung das geringe Maß der Unterhaltung, die sie gewähren, erkaufen muss«.

(Wenn es Sie interessiert: Hier ist eine ausführliche Darstellung über Schiller als Romanschriftsteller.)

Aber auch Goethe las Romane von Trivialautoren, um zu lernen, wie er im Wilhelm Meister einen Geheimbund agieren lassen könnte.

Heitere Texte können expressis verbis keine E-(ernste) Literatur sein, gelten also ebenfalls als trivial.

Bei der Trivialliteratur (von lat. trivialis: gewöhnlich – im Sinne von ordinär, allgemein bekannt) wird die Handlung in anspruchsloser Sprache (In der tiefblauen Bucht, auf die eine strahlende Sonne lachte, lag eine blendendweiße Yacht vor Anker) mit vielen schmückenden, nichtssagenden Adjektiven (Die beiden entzückenden jungen Frauen genossen ein leckeres Mahl und plauderten gut gelaunt miteinander) und breit getretenen Metaphern (Er versank in ihren blauen Augen wie in einem abgrundtiefen Meer) nach immer demselben simplen Muster – zwei links, zwei rechts – gestrickt, und eine Masche, die fällt, wird nicht wieder aufgenommen. Die Trivialliteratur gleicht einem Streuselkuchen: Er ist bedeckt mit Streuseln verschiedener Größe. Jeder Streusel ist anders, sie schmecken aber alle gleich.

Sie wird auch nach immer demselben Schema verfasst (deshalb wird sie auch als Schemaliteratur bezeichnet). Probleme werden so gelöst, wie es der Leser erwartet, Gefühle beschrieben statt im Leser hervorgerufen und die Charaktere einfach gezeichnet. Gut und Böse sind feststehende Kategorien: Der Gute ist ohne Fehler und braucht den Bösen als Gegenspieler. Nuancen kommen kaum vor. Gute Taten und hohe Ideale werden einseitig, klischeehaft und damit verlogen dargestellt, auf das Schlechte wird mit dem moralisierenden Zeigefinger hingewiesen.

Elend und Armut werden zum Beispiel romantisch verbrämt (die arme Einwandererfamilie, die trotz allem Hunger und Elend zusammenhält und ihre Kinder zu achtbaren Menschen erzieht wie in Die Asche meiner Mutter). Bruno PREISENDÖRFER schreibt dazu: »In den Künsten ist die unveredelte Darstellung von Armut in Wahrheit sehr selten, weil so etwas ästhetisch nicht genießbar ist. Elend ist schmutzig, stinkt und entwürdigt diejenigen, die ihm zum Opfer fallen, weil sie die Elenden selber schmutzig, stinkend, böse und gemein machen.«

Trivialliteratur spiegelt nicht die Wirklichkeit. Die Texte haben keinen »doppelten Boden«, weil das, was sie sagen wollen, auf dem Silbertablett präsentiert wird. Die Trivialliteratur ist eine Ware, für die nicht die literarischen Regeln gelten, sondern der Markt. Ein belangloses Manuskript wird zum Bestseller, wenn der Schreiber jemanden findet, der mehrere hunderttausend Euro spendiert.

Autoren von Trivialliteratur kommt es auf Spannung und action an, und nicht auf Sorgfalt bei der sprachlichen und inhaltlichen Ausführung

Besser als FLAUBERT in Madame Bovary kann man Trivialliteratur nicht beschreiben:
Es wimmelte darin von Liebschaften, Liebhabern, Geliebten, verfolgten Damen, die in einsamen Gartenpavillons in Ohnmacht sanken, von Postillionen, die an jeder Poststation ermordet wurden, von Rossen, die man auf jeder Seite zuschanden ritt, von düsteren Wäldern, Herzenswirrnissen, Schwüren, Seufzern, Tränen und Küssen, Gondelfahrten bei Mondschein, Nachtigallen in den Gebüschen, von Edelherren, die tapfer wie Löwen und sanft wie Lämmer waren, dazu stets schön gekleidet und tränenselig wie Urnen. Ein halbes Jahr lang machte sich Emma als Fünfzehnjährige mit dem Staub der alten Leihbibliotheken die Hände schmutzig. Später berauschte sie sich mit Walter Scott an historischen Begebnissen, träumte von Truhen, Waffensälen und Minnesängern. Sie hätte, ach! so gern auf einer alten Burg gelebt wie jene Schloßfräulein im langmiedrigen Gewand, die unter Kleeblattfensterbogen ihre Tage hinbrachten und, den Ellbogen auf den Stein und das Kinn in die Hand gestützt, Ausschau hielten nach dem Reiter mit der weißen Feder, der auf einem Rappen von weither über die Ebene herangaloppiert kam. Damals trieb sie auch einen wahren Kult mit Maria Stuart und verehrte enthusiastisch alle berühmten oder unglücklichen Frauen. Jeanne d’Arc, Héloise, Agnes Sorel, die schöne Helmschmiedin und Clemence Isaure hoben sich leuchtend wie Kometen von der endlosen Finsternis der Geschichte ab, aus der noch hie und da, jedoch verlorener im Dunkel und ohne jede Beziehung untereinander noch andere Gestalten hervortraten: der heilige Ludwig mit seiner Eiche, der sterbende Bayard, ein paar Greueltaten Ludwigs XI., ein bißchen Bartholomäus-Nacht, der Helmbusch des Béarners hervortraten, und immer wieder die Erinnerung an die bemalten Teller, auf denen Ludwig XIV. verherrlicht wurde.
Die Einteilung von Autoren in solche von E- und von U-Literatur ist oft subjektiv, von Vorurteilen geprägt. Zu den U-Autoren zählt außer Karl MAY, Hedwig COURTHS-MAHLER oder Vicki BAUM auch VERNE, weil seine literarischen Mittel nicht ausreichten, um eine atmosphärische Dichte zu erzeugen, wie es heißt. Dem widerspricht Arno SCHMIDT: Für ihn liegt Vernes »eigentliches literarisches, noch nie so recht gewürdigtes Verdienst« darin, dass er als Erster »den Groß-Nachweis geführt hat: wie die Errungenschaften des Technikers … nicht nur nicht poesie-zerstörend wirkten; sondern vielmehr unerhört neue-reiche Gebiete dem Dichter eröffneten!«.

Erstaunlicherweise wird SIMMEL ist inzwischen anerkannt. »Der Simmel-Diskurs ist schick geworden«, schreibt Beatrice VON MATT. Er gilt als »demokratischer Gebrauchsschriftsteller«, als »Chronist unserer Zeit«.

Seine ersten Bücher wie Es muss nicht immer Kaviar sein und Mich wundert, daß ich so fröhlich bin waren zwar gelungen, doch seither sind seine Romane, in denen er über so wichtige Themen wie die Mafia, die Zerstörung des Regenwaldes oder die Gentechnik schreibt, nach immer demselben Muster gestrickt: Kennt man einen seiner Helden, kennt man alle, und immer wird der edelmütige, leicht weltfremde Held mit der zauberhaften Heldin eine zauberhafte Affäre erleben. Ärgerlich sind auch die Phrasen: »Ungeheure Trauer ging von ihm aus«, »Das Traurigste, was ich jemals gesehen habe«, »Großes Erlebnis, mit Ihnen zusammenzutreffen«. Der Leser liest darüber hinweg und beschäftigt sich mit dem, was wirklich wichtig ist, eben der Mafia, der Zerstörung des Regenwaldes oder der Gentechnik. Nur bleibt dann nicht viel übrig. Er fragt sich, wie er einen Text schlecht finden kann, wenn es Simmel doch um das Gute geht. Nur leider sorgt der sich zu sehr um die Welt und zu wenig um die Kunst.

Kinder- und Jugendbücher zählen ebenfalls zur Trivialliteratur, weil sie in kunstloser Sprache und nur für eine bestimmte Gruppe geschrieben werden. Doch viele bekannte Schriftsteller wie Martin WALSER und BRECHT schreiben auch für die Jugend. Viele Jugendbücher sind Erwachsenenbücher, sogar Weltliteratur geworden, wie die Schatzinsel oder Robinson Crusoe. Und Millionen Erwachsene verschlingen ein Kinderbuch: Harry Potter. Für Harald MARTENSTEIN »hängt es damit zusammen, dass eine bestimmte Art des Schreibens sich zu einem großen Teil in den Kinder- und Jugendbuchmarkt zurückgezogen hat. Naiv, aber kunstvoll, geradeaus erzählt, aber skrupellos fabulierend, keinem literarischen Modell verpflichtet, nur der eigenen Fantasie und der Lust des Publikums«.

KÄSTNER, der nicht nur Jugendbücher schrieb, sondern auch Satiriker, Feuilletonist, Romançier und zeitkritischer Lyriker war, galt als »Gebrauchspoet« – ein Titel, auf den er stolz war. Er bekannte sich zur Einfachheit und Klarheit in Sprache und Stil, zu Volksnähe und Witz – das, was seine Kritiker bemängelten. »Mit der Sprache seiltanzen, das gehört ins Varieté«, kritisiert er seine Kritiker.