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Dienstag, 24. März 2009

Nomen est Omen (Über Namen. I.)


Es wird zuwenig bedacht, dass nur ein genialer Dichter die Fähigkeit besitzt,
seine Geschöpfe mit Namen auszustatten, die ihnen ganz entsprechen.
Der Name muß die Gestalt sein. Ein Dichter, der das nicht weiß, weiß gar nichts. (Victor HUGO)

Das größte Vergnügen war es, Namen zu finden. Manchmal mußte ich meine Neigung für das Ausgefallene – für das Komische, das Wortspiel, das Anzügliche – unterdrücken, aber meistens war ich damit zufrieden, die Grenzen des Vorstellbaren einzuhalten. (AUSTER, Hinter verschlossenen Türen)
Als die Menschen begannen, in größeren Gemeinschaften zu leben und sich ihrer selbst bewusst zu werden, als sie begannen, einander zu lieben und die geliebten Toten zu bestatteten, gaben sie einander Namen. Nur so konnten sie sich erinnern und ihren Gefühlen ein Gesicht verleihen. Durch die Namensgebung wurde der Mensch einzigartig.

Aber viele Mythen und Sagen sprechen auch von der Macht der Namen: vom Wort Gottes, das man nicht ohne Not im Munde führen darf bis Lohengrin und Rumpelstilzchen, denn das, was benannt ist, verliert seinen Zauber. Und doch: welche Assoziationen verbinden wir mit solch einem schlichten Namen wie Hans: von Johannes dem Täufer, Hänschen klein, Hänsel und Gretel, Hans im Glück über Was Hänschen nicht lernt … bis zum Johannestrieb.

Geben also auch Sie Ihren Geschöpfen Namen. Nur so schaffen Sie lebendige Wesen mit einer eigenen Geschichte, mit denen nicht nur Sie sich identifizieren, sondern in die auch der Leser hineinschlüpfen kann, mit denen er leidet, sich freut und mit denen er sich anfreundet. Auch in Kurzgeschichten sollten die Figuren benannt werden. Wie langweilig ist eine Geschichte über einen fühlenden und handelnden Menschen, wenn der Leser sich nicht in ihn hineinversetzen – wenn er nicht selbst Hans oder Lisa werden kann?

Das mag Ihnen selbstverständlich sein, doch viele Autoren empfinden das als Schikane, als Eingriff in ihre schöpferische Freiheit.

Die Namen aller Figuren – auch der Nebenfiguren –, die Sie zum Leben erwecken, sind ebenso wichtig wie der Text und müssen deshalb bedachtsam ausgewählt werden. Sicher ist die Wahl oft subjektiv. Der Name Ihrer großen Liebe, den Sie Ihrem Helden verliehen haben, erinnert die Leserin an traumatische Ereignisse; mit dem Namen der Schurkin, den Sie gewählt haben, weil Sie sich dessen leibhaftiger Trägerin nur widerwillig erinnern, verbindet Ihr Leser traumhafte Stunden. Und doch:

Jeder Mensch hat einen Namen, auch Ihre Figuren haben das Recht darauf.

Manche Autoren meinen, ihr Text wirke bedeutender, raffinierter, gar literarischer, wenn ihr Held anonym bleibt. Sie benutzen stattdessen Umschreibungen wie er, sie, die Chefin, der Sohn, bezeichnen ihre Figuren gar nur mit Schätzchen oder junge Frau und werten sie so, vielleicht absichtslos, ab. Das haben auch literarische Figuren nicht verdient. Dadurch wird auch das Gebot der Neutralität verletzt, wenn die Autoren nicht aus der Position des auktorialen Erzählers schreiben. Dazu kommt, dass der Autor sich alberne Umschreibungen ausdenken muss wie die Frau im roten Kleid oder der Mann in den ausgeblichenen Jeans, um seine Helden zu bezeichnen, und dass die anderen Figuren übereinander und miteinander nur sprechen können, ohne Namen zu nennen.

Die Namenlosigkeit ist nur angebracht, wenn der Autor jede Individualität vermeiden will oder zeigen will, wie beziehungslos das Leben seines Helden ist. Oder wenn in einem Roman mit zwei Erzählsträngen, die in der Gegenwart und in der Vergangenheit spielen, die Identität einer Person aus erzählerischen Gründen bis zum Schluss geheimnisvoll bleiben soll. Doch meist will der Autor nur einen Effekt erhaschen. Wenn sie Lisa heißt und er Hans, dann nennen Sie sie auch so.

Sie stellen eine Distanz her, wenn Sie eine Figur nur mit dem Nachnamen bezeichnen. Auf den Leser wirkt das jedoch meist eindimensional, weil es ihm unmöglich gemacht wird, in sie einzutauchen, selbst Frau Schmidt zu werden, mit ihr zu lachen oder zu weinen. Zudem wirkt bei neutralen Bezeichnungen der Text eher wie ein Bericht. Wählen Sie also nur dann den Nachnamen für eine Figur, wenn Sie bewusst zu ihr Abstand halten möchten. Vermeiden Sie aber läppische Namen wie Bumsberger oder Mueller-Tauschenberg. Sie wirken nur lächerlich.

Wie wichtig Namen sind, zeigt Paul SCOTT im Juwel in der Krone. Eine »pferdegesichtige« junge Erzieherin (nebenbei: pferdegesichtig ist ein Klischee – warum sehen in englischen Romanen alte Jungfern ständig pferdegesichtig aus? – siehe auch meine Ausführungen über abgedroschene Metaphern auf http://tinyurl.com/dz3an3 ) sorgt sich, dass sie eines Tages niemand mehr mit dem Vornamen anreden wird. Schon jetzt wird sie meistens nur mit dem Nachnamen angesprochen – sogar ohne Miss. Als sie in die Kirche geht, fragt sie sich,
wie ER sie wohl nennen würde, ob Crane, Miss Crane oder Edwina? Für IHN als den Sohn war sie vermutlich Edwina, aber für Gott in seinem Zorn zweifellos Crane.
»Miss Crane?«
Aufgeschreckt durch die Stimme blickte sie über ihre Schulter. Es war der Gemeindepfarrer … Er hieß Grant, und das rief während des Gottesdienstes verhaltenes Lächeln hervor, wenn er Gebete sprach, die mit den Worten begannen: Grant, O Lord, we besseech Thee … Gib, o Herr, wir bitten dich … Sie lächelte …
HESSE erklärt in Karl Eugen Eiselein, wieso er einen bestimmten Namen gewählt hat:
Dieser Sohn hieß Karl Eugen Eiselein, und es wollte etwas bedeuten, daß er von klein auf nicht Karl oder Eugen, sondern stets mit dem fürstlichen Doppelnamen Karleugen gerufen ward. Dementsprechend gab der Kleine auch für zwei zu tun und zu sorgen, schrie für zwei und brauchte Windeln und Kleider für zwei …
– Ein Tipp für Einsendungen bei Wettbewerben mit vorgegebener Zeichenzahl: Ändern Sie längere Namen in kurze wie Jan oder Ute, wenn Sie kürzen müssen, weil Sie wieder einmal viel zu viel, oder kurze Namen in mehrsilbige wie Maria-Luise oder Hans-Joachim, wenn Sie zu wenig geschrieben haben. Doch Vorsicht: Doppelnamen wie Klaus-Peter oder Gesina-Maria können eine Figur abwerten. –

Generell sollten Vor- und Nachname jedoch nicht mehr als vier bis sechs Silben lang sein. »Ashton Hilary Akbar Pelham Martin« heißt die Hauptfigur in Mary M. KAYS Palast der Winde. Und wer kennt nicht Karl MAYS »Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah« … – Nur erscheinen diese Namen nicht später mehr im Buch, denn wer kann sie sich merken. (*Einen sehr interessanten Beitrag über die Namensgebung Karl MAYS, der sie bewusst als Ausdrucksmittel einsetzt, bietet Karl Otto SAUERBECKS Name und Anrede – Schema und Bild: die vielseitige Verwendung einiger Darstellungsmittel bei Karl May auf karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/JbKMG/1997/211.htm)

Durch die Wahl des Namens lässt sich auch die Beziehung zwischen zwei Figuren ausdrücken, zum Beispiel, wenn der Mann einer Frau den Namen nimmt, indem er sie Mary statt Maria nennt und sie damit in die Nähe einer klischeehaften Hollywoodfigur rückt, oder sie ihn beim Namen nennt, er sie jedoch nie anredet.

In seiner Kurzgeschichte Katze im Regen zeigt HEMINGWAY die Beziehung zwischen den Eheleuten daran, dass der Ehemann einen Namen hat – George –, seine Frau jedoch namenlos bleibt.

Seien Sie jedoch vorsichtig mit Kosenamen oder Diminuativa. Sie könnten damit Ihre Figur denunzieren. Außerdem: Schumperhäschen mag lustig klingen, nervt aber auf die Dauer den Leser. Liebling und Schatzi sind so abgedroschen, dass sie abwertend klingen. Andererseits können solche abgedroschen Koseworte die Erstarrung einer Beziehung charakterisieren. Vor allem sollten Sie einer unsympathischen Figur keinen Kosenamen geben, es sei denn, Sie wollten sie ironisch überhöhen.

Den richtigen Namen zu finden, ist nicht leicht. Doch selbst das lässt sich üben. Erfinden Sie für den Menschen, den Sie hinter einem Namen im Telefonbuch vermuten, eine Lebensgeschichte. Rüsten Sie ihn mit guten und schlechten Charaktereigenschaften aus, mit Vorlieben und Lastern, Wünschen und Ängsten, und geben Sie ihm ein Äußeres. Wenn Sie fühlen, dass Name und Person sich entsprechen, nennen Sie Ihr Geschöpf versuchsweise anders. Sie werden merken, dass die neue Vita nicht mehr mit dem Menschen, den Sie so vorzüglich gezeichnet hatten, übereinstimmt.

Haben Sie einmal einen Namen gewählt, so ist er untrennbar mit Ihrer Figur verbunden. Es wird Ihnen schwer fallen, ihn später zu ändern, auch wenn das der Text verlangt; vielleicht, weil Sie einer Figur einen Allerweltsnamen gegeben haben, die sich im Laufe der Geschichte zu einer Hauptfigur wandelt; weil Sie sie mit einem allegorischen Namen versehen haben, den sie nicht erfüllt (Ihre Victoria wird zur Pechmarie), oder weil der Held, der sich des androgynen Namens Toni erfreut, zu einem Frauenheld wird.

Arno SCHMIDT schreibt in Der Platz, an dem ich schreibe:
Es ist nämlich »bei Schriftstellers«, zumal bei deutschen, … so, daß man laufend viele Namen benötigt; bald wohlklingende, bald banale. Meist weiß man (bei häufig auftretenden Hauptpersonen, um sie mit einem akustisch-fonetischen Zug sich selbst und dem Leser unverwechselbar zu malen; bei Nebenfiguren, um sie rasch und ohne Arbeit, aber dennoch solide, zumindest verantwortbar ausreichend, zu »erledigen«) wieviel Silben der betreffende Name haben muß, um in den Takt des Satzes zu passen; also auch, welche dieser Silben betont sein muß .... Bei mir ... ist es so, daß ich ... für deutsche Namen das Register des »Hannoverschen Staatshandbuches für 1839« verwende, (es enthält immerhin 80000 zur Auswahl); für ausländische den »Regenhardt; Geschäftskalender für den Weltverkehr, 1927«.
Der Name »Winnetou« entstand aus Lautmalereien wie »Inn-nu-woh«, der Wohlklang wurde zum Sympathieträger. Heute ist Winnetou nicht mehr eine Romanfigur, sondern kulturelles Allgemeingut. Leverkühn hieß der Vormund Thomas MANNS, und KAFKA verwendet seinen Familiennamen abgekürzt als Josef K. im Prozeß und K. im Schloß.

Wählen Sie die Vor- und Nachnamen Ihrer Figuren bewusst aus.

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