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Donnerstag, 26. März 2009

Namen kennzeichnen den Charakter (Über Namen. III)


Eine attraktive Frau wird nicht Gisela oder Else heißen (womit ich um Himmels Willen nicht behaupten will, dass Frauen, die diese Namen tragen, per se unattraktiv sind; ich bitte alle Trägerinnen und Träger von Namen, die ich hier in ihren Augen abwerte, um Entschuldigung; ich kenne natürlich sehr eindrucksvolle Menschen mit den Namen Gisela oder Fritz – es geht mir einzig und allein um die Wirkung von solchen Namen auf die Leserinnen und Leser Ihrer Bücher), es sei denn, Sie ändern Gisela in Gila und Else in Elsa. Statt Fritz werden Sie Ihren Helden Friedrich oder Friedhelm nennen, wenn er ruhig, bedächtig sein soll. Das zweite n in Hanns verwandelt dagegen einen schlichten Hans in einen Tatmenschen. Eine Jo ist burschikos und trägt eine Kurzhaarfrisur, eine Johanna ist keine verführerische Blondine. Auch mit Gabriele, Gabriella oder Gaby lassen sich unterschiedliche Charaktere darstellen.

Gundula Rössner ist eher eine selbstbewusste, nicht mehr ganz so junge Frau, und Kurt Schulze bricht keine Frauenherzen, es sei denn, er hieße Curd Shultz. Susan hockt nicht im Büro und Mario nicht an der Kasse eines Supermarktes. Eine Martha Krause wird ein anderer Mensch sein als eine Ulrike Maiwald. Der Name spiegelt auch das Äußere von Figuren: sind sie dünn, dick, vital, träge?

Ein Unterschied besteht auch darin, ob sich ein Baron von Szrebniki aus seinem Sessel erhebt oder ein Rudi Müller. Hans Schmidt stürzte das Bier runter zeigt einen anderen Menschen als Rainer Göldenbroth trank ein Pils.

Selbst mit dem Klang eines Namens lassen sich unterschiedliche Charaktere zeigen. Einen kraftvollen, energischen Menschen werden Sie nicht mit klanglosen Vokalen wie dem e bezeichnen (Peter Jensch – anders sieht es aus, wenn Sie ihn Jens Jaensch nennen), sondern Sie werden Namen mit a oder o wählen (Roswitha Hannstein). Ein einfacher Mensch trägt eher einen einsilbigen Namen (Gerd Lenz), ein vielschichtiger einen mehrsilbigen (Maria-Luise Wandenstedt).

Im Sommer des Erwachens lässt Marjorie REYNOLDS ihre Heldin erzählen:
Ihr Name war Teal. Sie hatte mir erzählt, daß eine Farbe so genannt wurde, eine Schattierung zwischen Blau und Grün, zwischen Seen und Wälder, und ich fand, daß der Name wunderbar zu ihr paßte. Namen waren für Mom sehr wichtig, sie glaubte, daß sie einen Menschen auf angenehme Gedanken brachten, und meinte, es sei ein Schande, daß der Name meines Vaters – Claude Junior – gar nichts aussagte, aber ihr gefiel, wie er klang. Mom nannte ihn immer Claude Junior, niemals nur Claude, weil die beiden Worte zusammen, wie sie behauptete, eine Kadenz bildeten und rhythmisch waren. Es tat ihr leid, daß sie selbst keinen zweiten Namen hatte, denn obwohl Teal die Bezeichnung für eine Farbe war, hätte das Wort einen harschen Klang. Dad schlug vor, sie sollte sich einfach einen zweiten Namen aussuchen, aber für sie war das nicht dasselbe.

Kommentare:

  1. Hallo Jutta,

    sehr interessant finde ich, was Du über Namen in der Literatur schreibst. EIne Frage: Gibt es dafür ein Fremdwort? Ich beziehe mich auf Werke, worin bspw. ein Akteur "Wild" heißt und dies auch seinen Charakter beschreibt, etc.. vielen Dank, viele Grüße Daniel

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  2. Hallo Daniel,

    solche Namen werden als sprechende oder auch redende Namen bezeichnet. In den Literaturwissenschaften gibt es für diese Namensgebung den Fachausdruck „poetische (literarische) Onomastik“. Wenn es Sie interessiert: Im „Reader zur Namenkunde: Namentheorie“ von Friedhelm Debus u. a. gibt es auf Google bücher Ausführungen dazu http://tinyurl.com/mk3bkg.

    Herzliche Grüße Jutta

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  3. Liebe Jutta,

    vielen Dank für Deine prompte Reaktion. Ich habe mich gerade für Deinen Blog angemeldet, da ich auch selbst mich sehr fürs Schreiben interessiere und schreiberisch schonmal tätig war.
    Beste Grüße, Daniel

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