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Samstag, 28. Januar 2012

Ende gut – alles gut (?): Übers Enden. I


Zum Beispiel zunehmend ein Problem: der Romanschluß. Wie gut kann ein Roman aufhören? Ich hasse schlecht ausgehende Romane, und ich habe ein unheimliches Bedürfnis, daß der Roman gut ausgehe. Aber ich kann natürlich keinen guten Schluß draufpappen und kann ihn nicht erlügen, kann ihn nicht erfinden. Aber ich versuche aus dem Material, das ich habe, den besten Romanschluß herauszuschreiben. Das kann ich aber nur, wenn die Wirklichkeit ihn mir bietet. Ich weigere mich, einen Romanschluß zu schreiben, der eine ungeheuer kritische Potenz enthielte, aber diese Potenz erzielte mit einer reinen Fiktion, die in der Wirklichkeit keinen Gewährsmann mehr hat. (Martin WALSER, Auskunft: 22 Gespräche aus 28 Jahren)
Die ersten Geschichten, die uns verzauberten, endeten mit den Worten »Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute«. Und wir waren’s zufrieden. Dass jemand stirbt, konnten wir uns eh nicht vorstellen.

Bei einem anderen Schluss, den wir lasen, sobald wir Buchstaben zu Wörtern zusammenfügen konnten (zumindest war es für uns das Ende, die übrigen Seiten haben wir überflogen – viele Texte hören auf, bevor der Autor sie offiziell enden lässt; oft ist das, was er dann noch schreibt, mehr ein Epilog oder Nachwort), weinten wir bitterlich – nicht nur, weil unser Held starb, sondern auch, weil wir wussten: Eine Fortsetzung gibt es nicht. Also lasen wir noch einmal und noch einmal Winnetou III, weinten wieder, schauten uns wieder und wieder die Filme an und erinnerten uns an unser Bangen mit Winnetou, wenn wir die Filmmusik hörten.

Karl MAY ist zum Klassiker geworden, mögen seine Bücher auch als noch so trivial bezeichnet werden und die Kritiker noch so oft auf dessen Gefängnisstrafen hinweisen. Uns interessierte nicht, was für ein Mensch er war, uns interessierten nur unsere Helden.

Das Ende eines Buches ist ebenso wichtig wie sein Anfang. Es soll eine Steigerung bringen und sich vom übrigen Text abgrenzen.
Dramatiker überlegen ganz genau, wie sie die Akte enden lassen, vor allem den letzten Akt. So beschwerte sich Richard STRAUSS einmal in einem Brief an seinen Texter Hugo VON HOFMANNSTHAL: »Aber um Gottes willen: nicht gleich drei Aktschlüsse, nach denen sich keine Hand rührt«. Varietékünstler und Tänzer heben sich den Höhepunkt ihres Auftritts für den Schluss auf, und bei Shows singt der berühmteste Popstar als letzter. Und viele Schriftsteller denken nicht nur nächtelang darüber nach, wie sie ihren Text beginnen, sondern mindestens ebenso lange, wie sie enden sollen.

Aber das blockiert meist nur, es sei denn, Sie halten es wie John IRVING: Er entwirft für jeden Roman zunächst einen genauen Plan und kennt das Ende, bevor er zu schreiben beginnt. In einem Interview mit dem Spiegel erklärt er auch, warum:
Wenn ein Ereignis extrem und übertrieben ist, muss die Schilderung besonders realistisch sein. Es kommt dabei dann nur auf die Sprache, den richtigen Ton an. Deswegen weiß ich gern, wie die Geschichte endet, bevor ich anfange: Ich will nicht darüber nachdenken, was als Nächstes kommt, sondern nur über die Sprache, in der ich es ausdrücke.
Seien Sie also flexibel und sehen Sie nicht dauernd das Ende vor den Augen, arbeiten Sie nicht voll Eifer darauf hin, auch wenn Arbeitsexposé und Gliederung das verlangen. Für Martin WALSER »determiniert sich das Ende eines Romans um die Mitte. Er produziert dann sein Ende selbst« (siehe dazu das Interview im Tagesspiegel), und MARK TWAIN soll auf die Frage eines Reporters »Und wenn dann endlich der Schluss einer Geschichte geschrieben ist, was machen Sie dann? Auf Reisen gehen, oder einfach eine Zeitlang nichts tun?«, geantwortet haben: »Nichts dergleichen, dann schreib ich endlich den Anfang!«.

Für George ELIOT sind Enden nur Scheinschlüsse, weil das Leben der Figuren weitergehen könnte. Und deshalb sind sie, wie sie in einem Brief an John Blackwood schreibt, »die Schwachstellen der meisten Autoren, aber die Schuld liegt zum Teil gerade in der Natur eines Schlusses, der im besten Falle eine Verneinung ist«, also eine Verneinung weiterer Fortsetzungen (Conclusions are the weak point of most authors, but some of the fault lies in the very nature of a conclusion, which is at best  a negation).

Warum nicht einfach mehrere Schlüsse schreiben …
Jede Handlung kann auch anders endigen (…) Also das Kunstwerk ist Sache der Willkür respektive benommener Trunkenheit. Ich ziehe die erstere vor, da sie imstande ist, Rücksicht und Takt zu üben. Das Kunstwerk ist Sache der Willkür, also der Wahl, des Wartens. Was soll gewählt werden? Sicher, man kann alles nehmen. Jedoch - es ist langweilig, von Dingen zu hören, die zu oft gesagt wurden. Was einmal mit Gottes Hilfe anständig traitiert ist, lasse man ruhen. Wir wiederholen ja doch. (Carl EINSTEIN, Gesammelte Werke)
Für Flann O’BRIEN waren »ein Anfang und ein Ende pro Buch (…) etwas, das mir nicht behagte«. Denn »Ein gutes Buch kann drei völlig verschiedene Anfänge haben, die nur im vorausschauenden Wissen ihres Verfassers zusammenhängen, und mindestens hundertmal so viele Schlüsse.« (Zumindest die drei Anfänge können Sie hier nachlesen http://www.mjucker.ch/buchanfaenge.html)*

John FOWLES offeriert in der Geliebten des französischen Leutnants drei Schlüsse: nach dem eigentlichen Ende zwei weitere, wobei der eine Schluss für den Helden glücklich ausgeht, der andere unglücklich. Er erklärt auch, wieso er das getan hat. Und da seine Überlegungen gleichsam eine poetologische Abhandlung über das Enden sind, möchte ich sie Ihnen nicht vorenthalten.
Nun, da ich diesen Roman zu einem durch und durch herkömmlichen Schluß gebracht habe, muß ich dartun, daß gleichwohl alles, was ich in den beiden letzten Kapiteln beschrieben habe, sich nicht ganz so abspielte, wie ich es Sie habe glauben machen.
Ich sagte schon, wir sind alle Dichter, aber nicht viele von uns schreiben Dichtungen; wir sind ebenso auch alle Romanciers, das heißt, wir haben die Gewohnheit, uns eine romanhafte Zukunft für uns selbst auszumalen (…). Wir bauen in Gedanken Hypothesen, wie wir uns verhalten würden, wenn dies und das auf uns zukäme; auf unser tatsächliches Verhalten haben dann diese literarischen (…) Hypothesen mehr Einfluß, als wir dies im allgemeinen zugeben – sobald die wirkliche Zukunft Gegenwart wird.
Darin bildete Charles keine Ausnahme; auf den letzten Seiten lasen Sie nicht, was wirklich geschah, sondern womit er die Stunden auf der Fahrt zwischen London und Exeter in seiner Einbildung zubrachte.
Also schreibt Fowles zwei weitere Kapitel. Und wieder überlegt er:
Aber wirklich: was, zum Teufel, soll ich jetzt mit dir tun? Ich dachte schon daran, Charles Lebenslauf jetzt und hier enden zu lassen (…) Aber die Regeln des viktorianischen Romans erlauben, erlaubten keinen offenen Schluß, kein anderes als ein endgültiges Ende. Und ich habe oben [siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2012/01/john-fowles-ubers-plotten-zu-gut.html] die Freiheit gepredigt, die man den Gestalten eines Romans lassen muß. Mein Problem ist ja einfach: was Charles will, ist doch klar, oder? (…) Was Sarah will, ist nicht so klar; ich weiß aber überhaupt, nicht, wo sie sich im Augenblick aufhält. Wenn diese beiden Figuren des wirklichen Lebens wären und nicht eine Erfindung meiner Phantasie, läge die Auflösung des Dilemmas auf der Hand: ein Wille streitet mit einem anderen, er unterliegt oder siegt, wie es eben kommt. Im Roman wird meistens behauptet, dies sei der Wirklichkeit nachgebildet: der Schriftsteller schickt die einander bekämpfenden Willensbestrebungen in den Ring, beschreibt den Kampf – aber tatsächlich entscheidet er den Ausgang, weil er jenen Willen gewinnen läßt, den er favorisiert. Und wir beurteilen Romanschriftsteller sowohl nach der Klugheit, mit der sie die Entscheidung vornehmen, das heißt, mit der sie uns überzeugen, daß der Ausgang durchaus offen sei, als auch nach dem Typ des Helden, den sie begünstigen: ist es der Gute, der Tragische, der Böse, der Lustige und so weiter.
Er denkt weiter nach:
[Ich] sehe diesmal keinen Grund, den Kampf, auf den er sich einläßt, auf eine bestimmte Weise enden zu lassen. Dadurch bleiben mir zwei Möglichkeiten. Entweder ich lasse den Kampf seinen Verlauf nehmen und beschränke mich auf die Rolle des Berichterstatters; oder ich übernehme die Standpunkte beider Partner. (…) Und da wir uns London nähern, glaube ich, die Lösung zu sehen; ich sehe nämlich, daß mein Dilemma unecht ist. Die einzige Möglichkeit, in diesem Kampf nicht Partei zu ergreifen, besteht darin, daß ich zwei Versionen liefere; dadurch verbleibt mir nur ein einziges Problem: ich kann nicht beide Versionen gleichzeitig geben, und das Diktat des letzten Kapitels ist so stark, daß eben die zweite Version als die endgültige, die »wirkliche« erscheinen wird.
Dem glücklichen Schluss nimmt Fowles das allzu Süßliche mit den Worten (siehe dazu auch Happy-End: Der Ritt in den Sonnenuntergang: über O-Bein-Romane und den schmalen Grat zwischen Kitsch und Kunst):
Damit erinnert sie ihn daran – es war wirklich höchste Zeit –, daß tausend Violinen uns sehr schnell anwidern, wenn nicht auch ein Schlagzeug vorhanden ist.
Offensichtlich empfindet er selber solch einen Schluss zu unglaubwürdig, also endet er endgültig mit den Worten:
Geht er dem drohenden Tod von eigener Hand entgegen? Ich glaube nicht; denn er hat endlich jenen Funken Selbstvertrauen gefunden, etwas wahrhaft Einmaliges, auf dem sich bauen läßt; obgleich er es bitter verneinen würde, obgleich die Tränen in seinen Augen seinem Nein Nachdruck verleihen, hat er begonnen einzusehen, daß das Leben, wie sehr Sarah auch für die Rolle der Sphinx geeignet schien, kein Geheimnis und kein ungelöstes Rätsel ist, daß es nicht nur ein Gesicht hat und daß man nicht aufgeben darf, wenn die Würfel gefallen sind; sondern daß das Leben ertragen werden muß, wie unzulänglich, leer und hoffnungslos es auch sei, bis ins eiserne Herz der Städte hinein. Und dann wieder hinaus auf das unergründliche, salzige, befremdende Meer.
Fowles überlässt es also dem Leser, zu entscheiden, welcher Schluss ihm mehr zusagt. Doch ohne dass er das ausdrücklich betont, bestärkt er ihn darin, dass der zweite glaubwürdiger ist, nicht nur, weil er trauriger, sondern weil er offen ist – weil das Leben in einer ungewissen Zukunft weitergeht.

… oder einen Epilog

Sie können auch mehrere Schlüsse anbieten, indem Sie einen Epilog schreiben wie Umberto  ECO in Der Name der Rose.

Der Roman selbst endet mit:
»Zuviel Durcheinander hier«, sagte William. »Non in commotione, non in commotione Dominus.« [Nicht in der Aufregung, nicht in der Aufregung ist der Herr.]
 Und der Epilog:
Kalt ist’s im Skriptorium, der Daumen schmerzt mich. Ich gehe und hinterlasse dies Schreiben, ich weiß nicht, für wen, ich weiß auch nicht mehr, worüber: Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus. [Die Rose von einst steht nur noch als Name, uns bleiben nur nackte Namen.]
Streichen Sie die letzten Sätze

Ein Ende zu finden ist schwer, doch noch schwerer ist, ein Ende zu finden – mit dem Schreiben nämlich. Viele Schriftsteller schreiben weiter, obwohl sie längst geendet haben (siehe dazu meinem Blogpost über Absätze und Kapitel), vor allem Anfänger neigen dazu.  Sie meinen, sie müssten dem Leser eine Moral mit auf den Weg geben (siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2011/10/kunst-hat-nichts-mit-moral-zu-tun.html) oder sie müssten noch etwas erklären. Nur sollten sie ihren Leser nicht für dumm halten. Wenn tatsächlich eine Erklärung nötig ist, ist der Roman gescheitert. Und besonders originell, wie manche Autoren meinen, sind solche überflüssigen letzten Sätze sicher nicht.

Ein Beispiel ist der Schluss meiner Kurzgeschichte Schuld, die ich aus guten Grund noch nirgends veröffentlicht habe …
Niemals kommt jemand mit jemandem zusammen und verschmilzt zu einem Ganzen. Immer scheint es nur so. Und die Planken explodierten zu Blitzen vor seinen Augen und zu Zacken und zerplatzten in einem Nichts.
Im letzten Augenblick wusste er, dass er niemals ankommen würde, ankommen wollte, dort in das Blockhaus. Er jedenfalls konnte nicht fortgehen und weiterleben mit dem Anblick von leeren Händen in seinem Herzen.
Abgesehen davon, dass die »leeren Hände in seinem Herzen« eine Phrase sind, ist mit »die Planken explodierten« und »zerplatzten in einem Nichts« alles gesagt.

Streichen Sie nicht nur die letzten Sätze, mitunter sollten Sie den letzten Absatz streichen.
Aus Schriftstellers Schreibstübchen

Ernest HEMINGWAY hat das Ende seines Romans In einem anderen Land neununddreißig Mal umgeschrieben, bis er wie er einem Interview  sagt, zufrieden war, weil er Probleme hatte, »die richtigen Worte zu finden«. Und John UPDIKE berichtet, dass er manchmal vierhundert Seiten geschrieben und plötzlich eine viel bessere Idee für das Ende der Story habe. Dann schreibe er eben die vierhundert Seiten noch einmal. Oft existierten mehrere Versionen eines Romans.

*vollständig lautet das Zitat:
Nachdem ich mir genügend Brot für ein dreiminütiges Kauen in den Mund geschoben hatte, löschte ich meine Fähigkeiten zu sinnlicher Wahrnehmung und zog mich ins Privatleben meines Kopfes zurück, wobei Augen und Antlitz einen leeren und gedankenverlorenen Ausdruck annahmen. Ich stellte Betrachtungen zum Thema meiner literarischen Freizeitgestaltung an. Ein Anfang und ein Ende pro Buch waren etwas, das mir nicht behagte. Ein gutes Buch kann drei völlig verschiedene Anfänge haben, die nur im vorausschauenden Wissen ihres Verfassers zusammenhängen, und mindestens hundertmal so viele Schlüsse.  
Es ist gleichzeitig der Anfang seines Romans Schwimmen-Zwei-Vögel 

Fortsetzung folgt
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