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Sonntag, 18. Juli 2010

Das süße Gefühl ganz tief im pochenden Herzen (Über das Erzählen. VI)


Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. (Deutsches Sprichwort)

Die Hände werden feucht, die Knie zittern und die Mundhöhle trocknet aus, bevor wir merken, dass wir Angst haben. Das Gehirn greift immer auf Körperbeobachtungen zurück, auch wenn wir Gefühle aus unserer Erinnerung heraufbeschwören. Gefühle entstehen im Leser also nicht durch Adjektive, sondern der Schreiber ruft sie durch seine Worte so hervor, dass Bilder entstehen – dass der Leser selbst fühlt. So manche Autoren, die die Kunst des Schreibens nicht studiert haben oder meinen, sie hätten das nicht nötig, wissen das nicht und sind beleidigt, wenn der Lektor ihre geliebten Adjektive streicht (siehe meine Ausführungen über Adjektive).

Ein meisterliches Beispiel dafür ist der Anfang von MELVILLES Moby Dick:
Wenn ich Bitterkeitsfalten spüre um den Mund, wenn meine Seele wie ein naßkalter und nieselnder November ist, wenn ich mich dabei ertappe, daß ich vor jedem Sargmagazin stehenbleibe und wie von selbst jedem Leichenzug folge, dann und hauptsächlich, wenn mein Miesmacher dermaßen Oberhand gewinnt, daß ich an mich halten muß, um nicht auf die Straße hinunterzusteigen und den Leuten die Hüte vom Kopf zu schlagen, dann begreife ich, daß es höchste Zeit für mich ist auf See zu gehen.
Lassen Sie Ihren Leser Angst spüren. Er möchte nicht Paule verspürte Angst (oder noch schlimmer Paule hatte Angst) lesen, sondern:
Paule war in die hinterste Ecke seines Zimmers zurückgewichen. Er stand starr da, die Hände wie in Abwehr erhoben und den Rücken gegen die Wand gepresst. (Paule mit der roten Mütze)
Paule überwand auch nicht seine Angst, sondern er »schob sich näher und streckte vorsichtig seine Hand aus«. Er war nicht erstaunt, sondern »ihm klappte der Kiefer hinunter«.

Bei diesen Worten Max GOLDTS spüren wir sein Entsetzen über die Ereignisse des 11. September 2001:
Zwei Stunden glotzte ich auf den Bildschirm. Ich war unglaublich durstig, sah mich aber außer Stande, in die Küche zu gehen, um mir etwas zu Trinken zu holen. …
Nach Edmund Stoiber stellte ich den Fernseher aus. Leicht weggetreten wanderte ich, dem Panther von Rilke recht ähnlich, eine nicht gemessene Zeit lang durch die Wohnung, öffnete sinnlos Schubladen und schob sie wieder zu, betätigte sinnlos Lichtschalter und trat sinnlos auf den Treter vom Trittmülleimer. …
Ich war ganz ruhig und sachlich, der Wein schmeckte, aber dennoch: Von der Lebensfreude war mir die Schaumkrone heruntergeblasen worden. (Süddeutsche Zeitung, 13.07.2002)
KÄSTNER lässt uns Weinen sehen:
Die Augen der alten Steiners sind vom Weinen rot, und die Augenränder sind vom Salz der Tränen so entzündet, daß Lotte aus dem Rucksack eine Tube mit Wundsalbe hervorgekramt hat. Die beiden sitzen erschöpft auf dem Sofa, haben leere Gesichter und starren aus fettverklebten Augen vor sich hin. (Ein Tagebuch)
Elizabeth GEORGE zeigt in Undank ist der Väter Lohn das Entsetzen der Mutter, als sie vom Mord an ihrer Tochter erfährt, anhand deren Reaktion:
Als Nan Maiden hörte, daß es ganz anders gewesen war, sank sie vornüber und verharrte in dieser Stellung, die Ellbogen in die Oberschenkel gedrückt und die Hände vor den Mund gepreßt.
Edna Annie PROULX schreibt in Schiffsmeldungen nicht, dass der Held traurig ist, weil sein Freund wegen eines besseren Jobs weit weg ziehen will, sondern sie setzt dessen Kummer in Bewegung um: »Quoyle versuchte, ihm zu gratulieren, schüttelte Patridge schließlich unentwegt die Hand, konnte nicht mehr loslassen.«

In der Erzählung Heimkehr werden ebenfalls Gefühle in Bewegung umgesetzt:
Aber es hat ihn immer wieder getrieben, durch die Straßenschluchten zu wandern, die Hände tief vergraben in den Manteltaschen, die Schultern zusammengezogen und den hoch gewachsenen Körper gebeugt; er lief nur gebeugt in der Zeit, dass ihn nur niemand sah.
Auch Gottfried KELLER lässt seinen Helden durch Straßen laufen:
Voll von Ärger und Kummer über die verletzte Eitelkeit und Eigenliebe ging er durch die dunklen Straßen. Die Hauptsache, die verlorene Liebe seiner Frau, schien ihm nicht viel Beschwerde zu machen; wenigstens aß er ein großes Stück vortrefflicher Lachsforelle auf der Rathausstube, wohin er sich begab und wo die Angesehenen den Samstagabend zuzubringen und die Nacht durchzuzechen pflegten. (Die mißbrauchten Liebesbriefe)
– Überraschend ist das Wort Lachsforelle. Fisch hätte auch gereicht, aber das wäre zu allgemein. Abgesehen davon: Keller hätte den Satz Die Hauptsache, die verlorene Liebe seiner Frau, schien ihm nicht viel Beschwerde zu machen … weglassen können, denn mit ein großes Stück vortrefflicher Lachsforelle zeigt er, dass der Held nicht allzu sehr leidet (wer hat, wenn er leidet, Appetit, und wenn er aus Hunger isst, weiß er nicht, was er gerade zu sich nimmt. Dann schmeckt eine Lachsforelle wie Stroh und nicht vortrefflich). –

In Onkel Hans wird anhand eines Lachsfilets gezeigt, dass die Protagonistin nach viel zu vielen Katastrophenfilmen, die sie gesehen hat, vor allem nach der Unglaublichen Reise in einem verrückten Flugzeug, Angst vorm Fliegen hat.
Sie buchte einen Flug in der ersten Klasse – wenn schon Zusammenstoß, Absturz oder Treiben im Weltall, dann wenigstens luxuriös. … Machte ihr Testament. Nahm tränenreich Abschied … Stieg in das Flugzeug. Lehnte das angebotene Lachsfilet ab … Genoss Kaviar, Champagner, Carlos Primero, den Film (leider nichts über Katastrophen, dafür mit viel Liebe und Tränen).
Nachdem sie sich verliebt hatte (worauf die Bemerkung über den Film mit viel Liebe und Tränen hinweist), werden wir nicht informiert, dass die beiden sich getrennt haben (weshalb das geschah, wird auch nicht erklärt, weil es unwichtig ist für den Text) und sie deshalb traurig ist, auch das wird gezeigt:
Sie stieg … ins Flugzeug, genoss nicht Kaviar, Champagner, Carlos Primero, aß Lachsfilet. Schaute sich nicht den Film an. Der war in ihrem Kopf.
Gut lassen sich Gemütsbewegungen(sic!) daran zeigen, wie die Heldin etwas backt oder kocht (aus Ab Sonntag bin ich erwachsen):
»Meine Tochter wird erwachsen«, dachte die Mutter, rührte energischer die Eier in der Tonschüssel, warf einen Schwung Zucker hinein. Rührte. »Jetzt trägt sie bald nur noch Nylonstrümpfe und Pumps.« Sie schnitt ein Stück Butter ab, wog es, warf es zu der Zuckerei-Masse in der Schüssel. Rührte. »Und dann müssen es zehn Zentimeter hohe Absätze sein und Fesselriemchen.« Sie beobachtete Margot, wie sie durch den Flur stakte, wog Mehl ab, schmiss es in die Schüssel, dass es stäubte. »Und es wird nicht lange dauern, und sie treibt sich mit Jungs rum.«
Sie tat eine Messerspitze Salz an den Teig, einen Teelöffel Zimt und einige Tropfen Vanillearoma. Rührte. »Und was trage ich Sonntag? Wann hatte ich denn das letzte Mal Gelegenheit, Pumps zu tragen? Immer Kochen und Bügeln, Wegräumen, Aufräumen, Hinterherräumen. Und wieder schwanger.«
Sie holte eine Kuchenform aus dem Küchenschrank, schmetterte die Tür zu, dass die Gläser schepperten. »Und Essen gehen wir nie, nur an diesem Sonntag, weil Konfirmation ist, und was das wieder kostet. Und ich kann wieder meine guten Schuhe anziehen, die ich zur Hochzeit gekauft hatte.«
Sie wischte sich die Hände an der Kittelschürze ab, schlurfte in den Flur, schaute in den Spiegel. Zog mit dem rechten Zeigefinger die Linien in ihrem Gesicht nach, versuchte die Mundwinkel nach oben zu ziehen. Hörte das Klack Klack im Treppenhaus, eilte zurück in die Küche, schob die Kuchenform in den Backofen, verbrannte sich die Finger.
In der Liebesgeschichte Das Fräulein K. werden Gefühle anhand der Aktenberge auf Fräulein K.s Schreibtisch gezeigt, einer älteren, überkorrekten Beamtin. Zuerst lesen wir: »Links auf Fräulein K.s Schreibtisch lag ein Stapel Akten, das waren die unerledigten, rechts ein Stapel Akten, das waren die erledigten. Die beiden Stapel blieben immer gleich hoch.« Als sie sich verliebt, wird »der linke Stapel … größer, der rechte Stapel kleiner«, und als sie ihn lange Zeit nicht mehr sieht, wächst »der Stapel der unerledigten Akten«. Das Wort »Liebe« kommt im Text nicht vor.

Der Charakter Fräulein K.s erschließt sich dem Leser dadurch, dass sie seit Jahrzehnten mit ihrer Mutter in dieselbe Pension am Tegernsee reist, auf demselben Sitz in der U-Bahn Platz nimmt, die gleichen Pflanzen pflegt und jeden Morgen zwei Bleistifte anspitzt und sie akkurat neben die anderen Schreibwerkzeuge legt.

Bilder zeigen also auch den Charakter: Die eine stottert vor Wut, der andere erkrankt an einem Magengeschwür, beim dritten schwellen die Zornesadern, dass die Familie fürchtet, ihn treffe auf der Stelle der Schlag.

Stellen Sie Gefühle aber nicht ständig mit den gleichen körperlichen Merkmalen dar. Das wirkt laut Silke ROSENBÜCHLER, als verwende man bei dem einen »Charakter die Körperbefindlichkeit Nr. 7, mit steifem Hals und knackendem Rücken, während bei einer anderen Person in derselben Szene die Körperbefindlichkeit Nr. 13 besser passt: ausgetrockneter Mund und starkes Druckgefühl im Schädel«.

Zeigen Sie Gefühle abwechslungsreich, benutzen Sie keine Versatzstücke, die Sie sich für jede Art von Empfindungen mal ausgedacht haben.

In HEMINGWAYS Kurzgeschichte Katze im Regen fühlt sich eine Frau von ihrem Mann nicht mehr wahrgenommen, und sehnt sich nach einem Kind. Diese Sehnsucht zeigt Hemingway an ihrem verzweifelten Verlangen nach einer Katze, die sie in ihrem Italienurlaub »unter einem der von Regen triefenden Tische« hocken sieht. Aber ihr Mann lässt sie und ihre Wünsche und Gefühle wie die Katze »im Regen stehen«. Für ihn ist die Katze nichts anderes als – eine Katze im Regen.

Auch anhand der Atmosphäre eines Schauplatzes lassen sich Gefühle zeichnen:
Als ich die Haustür aufschob, schlug mir der Geruch nach Sauerbraten und Rotkohl entgegen. Und ich schmeckte wieder die Bitterkeit der Gewürznelke, auf die ich versehentlich gebissen hatte, fischte wieder die Rosinen aus der Soße und verteilte sie auf dem Tellerrand. Und ich spürte wieder Mutters Blick und duckte mich, als ich Vaters Räuspern hörte. Der vertraute Schmerz kroch vom Nacken hoch in die Schläfen: Ich war wieder zu Hause.
– Aber Vorsicht: Gerüche wirken oft abgedroschen. In zu vielen Texten riecht es in Treppenhäusern nach Weißkohl und schalem Bier, und zu viele Großmütter duften nach 4711. –

Verschmelzen Sie die Atmosphäre mit der Stimmung Ihrer Figur oder machen Sie den Schauplatz zum Spiegelbild ihres Innenlebens:
Ich sitze gern an meinem Schlafzimmerfenster und schaue hinaus. Gewiss, ich liebe auch dicke Romane und alte Filme im Fernsehen, aber am Leben so richtig teilnehmen kann ich am besten, wenn ich die Passanten beobachte – wie sie sich kleiden, wie sie aussehen, wie sie sich geben, wenn ich dem Geschnatter der Nachbarinnen am Gartenzaun lausche, ja, und wenn ich den Wechsel der Jahreszeiten am Kastanienbaum vor meinem Fenster erlebe: am Aufbrechen der Knospen und an den Kerzen in ihrer Pracht, am Größerwerden der Kastanien, bis sie schließlich auf die Autos poltern, und an dem in allen Rot- und Gelb- und Ockertönen aufflammenden Laub. Doch die meiste Zeit des Jahres über, so scheint mir, ist er kahl und reckt seine nackten Zweige in den Himmel. (Der Kastanienbaum)
Ebenso könnenTageszeiten ihr Innenleben spiegeln:
Es war schon lange dunkel um sie her. Seit wann? Brigitte zählte nicht die Zeit. Sie fuhr im Dunkeln zur Arbeit, saß in Dunkelheit gehüllt vor dem Bildschirm. Sie aß im Dunkeln, sprach, wenn sie überhaupt sprach, im Dunkeln, handelte im Dunkeln. Soweit sie das, was sie Tag für Tag unbedacht verrichtete, Handeln nennen konnte. Die Sonne, die vom Himmel prallte, schien sie zu verhöhnen. (Dunkel)
Sie können Gefühle mit Musikstücken verbinden:
Immer wieder, in den unmöglichsten Situationen, wenn Rosi zum Beispiel am Computer sitzt, eine Datei einrichtet und die Felder rosa, rot, grün oder gelb färbt, erscheint vor ihren Augen dieses Bild. … Und wenn im September die Verkäuferinnen Dominosteine und Spekulatius in den Regalen verstauen, dann riecht sie wieder den Gänsebraten, sieht Kerzen flackern, hört Stille Nacht, Heilige Nacht und Little Drummer Boy, und dann wird ihr schlecht.
Oder mit einem Spaziergang wie in der Erzählung Glas:
Ich bin aus Glas. Mein Körper ist aus Glas. Ich bin eine Frau aus Glas. – Frauen aus Glas gibt es nicht. Existieren nicht. Sind keine Frauen. Wenn ich durch die Straßen gehe, streifen mich keine Blicke, geschweige denn, dass mich jemand sieht. Sehen – gesehen werden – da sein. Ich bin nicht da.
Was sagen Uwe ist stets fröhlich oder Ruth ist herzensgut aus? Nichts als inhaltslose, tote Sätze – Phrasen für schreib- und denkfaule Schreiber.

Lassen Sie Ihre Figuren handeln, statt mit Adjektiven ihre Gefühle zu beschreiben, und rufen Sie dadurch beim Leser Empfindungen hervor.

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