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Sonntag, 7. Juni 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. IV


Aus Dichters Schreibstube

GOETHE sagt über WIELAND:
Denn daß er alles mit eigener Hand und sehr schön schrieb, zugleich mit Freiheit und Besonnenheit, daß er das Geschriebene immer vor Augen hatte, sorgfältig prüfte, veränderte, besserte, unverdrossen bildete und umbildete, ja nicht müde ward, Werke von Umfang wiederholt abzuschreiben, dieses gab seinen Produktionen das Zarte, Zierliche, Faßliche, das Natürlich-Elegante, welches nicht durch Bemühung, sondern durch heitere genialische Aufmerksamkeit auf ein schon fertiges Werk hervorgebracht werden kann.
THUKYDIDES feilte beim Schreiben seines Werkes über den peloponnesischen Krieg immer wieder am Stil. Er verlängerte ein Wort zu einem Satz oder zog einen Satz in ein Wort zusammen, ersetzte ein Substantiv durch ein Verb oder ein Verb durch ein Substantiv. PLATON schrieb den Anfang der Republik in sieben verschiedenen Fassungen und FRIEDRICH DER GROSSE den Antimacchiavelli in drei. CAPOTE schreibt vier Niederschriften: eine mit Bleistift, eine auf blaues, eine auf gelbes und die endgültige Version auf weißes Papier. RANSMAYR, der keine Manuskriptseite weniger als dreißig Mal schreiben soll, die meisten gar hundert bis zweihundert Mal, sagt:
Die Zahlen haben gelegentlich zu einem seltsamen Poker geführt: 100, 200 Versionen! Wichtiger als solche Einsätze ist doch, dass ich das Glück habe, mir für meine Geschichten sieben Jahre und mehr nehmen zu können, bis sie in ihrer für mich schlüssigsten Form zur Sprache gebracht ist.
Einer der unermüdlichsten Feiler war BALZAC. Er gab die Hälfte seiner Honorare für das Ändern von Druckvorlagen aus und wollte sogar das Doppelte bezahlen, doch die Drucker setzten seine bis zur Unleserlichkeit korrigierten Manuskripte nur widerwillig. Und wenn sie sie dann doch gesetzt hatten, korrigierte er sie wieder.

ECO berichtet, dass LAMARTINE über eines seiner Gedichte schrieb, es sei ihm »spontan eingefallen, urplötzlich in einer stürmischen Nacht im Walde«. Doch, so Eco: »Als er gestorben war, fand man seine Manuskripte mit zahlreichen Korrekturen und Varianten, und besagtes Gedicht erwies sich als das vielleicht am meisten ›bearbeitete‹ der gesamten französischen Literatur.«

FONTANE ist manchmal vierzehn Tage einem einzigen Wort »hinterhergerannt«. Er meint, dass drei Viertel seiner »ganzen literarischen Tätigkeit überhaupt Korrigieren und Feilen gewesen« sei. »Und vielleicht ist drei Viertel noch zu wenig.« STORM erzählt, dass ihn seine Prosa mehr Zeit gekostet habe als Verse, und Erich FRIED antwortet auf die Frage, ob er das fertig gestellte Buch noch einmal lese, ob er sich »sehr über scheinbare oder wirkliche Fehler« ärgere und ob er Lust habe, es noch einmal zu schreiben:
Nein, ich glaube nicht, daß man ein schon einmal geschriebenes Buch noch einmal schreiben darf, weil man nicht mehr derselbe Mensch ist. Wenn mir ein Buch oder ein Gedichtband gedanklich Mängel zu haben scheint, weil ich jetzt, wenn es zu einer Neuauflage erscheinen soll, über einiges anders denke, dann schreibe ich an den betreffenden Stellen ein Gegengedicht.
Marie Luise KASCHNITZ hat oft »Gedichte ins Schmierheft gekritzelt, sie verworfen, zerhackt, mit neuen Gliedmaßen ausgestattet, mit Flitter behängt, von Flitter befreit, Kargwort neben Kargwort gesetzt, endlich das Ganze zerknüllt und in den Müll geworfen«, und es seien »nur zwei Worte oder drei gewesen …, die den nächsten Morgen überdauerten«.

SELBY hat zweieinhalb Jahre lang Nacht für Nacht an dem Kapitel aus Letzte Ausfahrt Brooklyn geschrieben, in dem eine Bande eine fünfzehnjährige Hure vergewaltigt. »Kannst du dir das vorstellen», sagte er zu seinem Interviewer, »zwanzig Seiten in zweieinhalb Jahren? Danach war ich so fertig, dass ich über ein Jahr keine Zeile schreiben konnte.« Auf die Frage, ob es nicht nervtötend gewesen sei, jeden Satz tausend Mal neu zu schreiben, entgegnet er:
Überhaupt nicht. Ich glaube, ich schreibe so, wie Edison erfand. Der wurde mal gefragt, ob das nicht entmutigend sei, 1138-mal damit zu scheitern, die Birne zum Glühen zu bringen. Und er sagte: Nein, jetzt kenne ich 1138 Methoden, wie es nicht funktioniert.
James THURBER streicht neunzig Prozent seiner Wörter. Er soll seine Erzählungen fünfzehn Mal umgeschrieben und zweitausend Stunden für eine Arbeit verwendet haben, die zum Schluss höchstens zwanzigtausend Wörter umfasste. »Ich weiß nicht«, soll er geseufzt haben, »meine ersten Entwürfe klingen immer, als hätte die Putzfrau sie geschrieben. Nur ein einziges Mal ist es mir gelungen, eine Sache glatt herunterzuschreiben«. Bei Dorothy PARKER kommen auf fünf Wörter sieben, die sie streicht. SCHLINK streicht die Hälfte dessen, was er geschrieben hat, durch, schreibt etwas anderes darüber, korrigiert später noch einmal, und manchmal merkt er, wenn er den Text schließlich ins Diktiergerät spricht, dass die zweite durchgestrichene Fassung doch die richtige war.

Bedenken Sie jedoch bei allem Feilen und Löschen und Einfügen: Sie finden nie ein Ende, wenn Sie wieder und wieder versuchen, Ihren Text zu vervollkommnen. Denken Sie an den Spruch: Das Beste ist der Feind des Guten.

Ihr Werk ist fertig, wenn Sie nicht einen Satz daraus entfernen können, ohne ihm zu schaden. Sie sollten jedoch Ihr Werk als abgeschlossen betrachten: wenn der Punkt des »Verschlimmbesserns« erreicht ist

Last not least

Prüfen Sie, ob Sie jeden Rechtschreib- und Trennfehler korrigiert haben. Prüfen Sie Grammatik und Zeichensetzung.

Immer wieder muss man die Meinung sogenannter Autoren lesen, dass sie Stil, Rechtschreibung und Grammatik für zweitrangig halten, solange diese die Verständlichkeit des Textes nicht beeinflussen, und schließlich wolle man die Lektoren nicht arbeitslos machen. Abgesehen davon, dass die Verlage kaum noch Lektoren beschäftigen und freie Lektoren teuer sind – haben diese Autoren schon einmal einen Schauspieler sagen hören, dass Mimik und Gestik, Betonung und Ausdruck für ihn zweitrangig seien, solange der Zuschauer seine Worte versteht? Vertrauen sie einem Schuster, dem Material und Verarbeitung der Schuhe zweitrangig sind, solange sie nicht auseinander fallen? Kann jemand Mathematikprofessor werden, der die Grundrechenarten nicht beherrscht? Rechtschreibung, Grammatik, Interpunktion und Stil sind die Grundrechenarten des Schriftstellers. Sie entscheiden darüber, ob ein Text flüssig lesbar oder gespickt mit sprachlichen Stolpersteinen, dilettantisch oder professionell ist. Wer sich keine Mühe mit den Äußerlichkeiten gibt, wird kaum Vertrauen für sein Werk finden. Wenn der Text schon äußerlich schlampig ist, wie wird dann der Inhalt sein? Der Leser will sich nicht durch einen Text durchkämpfen. Vor allem will er ernst genommen werden.*

Je leichter sich ein Text liest, um so mehr Mühe hat sich der Autor mit ihm gegeben.

*Ich habe das absichtlich hervorgehoben, weil mich die Diskussion in vielen Foren gerade bei Xing einfach nervt. Ansonsten sollte man mit Hervorhebungen sparsam umgehen.

Samstag, 6. Juni 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. III


Polieren Sie Ihren Text

Kunst ist schön, macht aber Arbeit. (Karl VALENTIN)

Schreiben macht nicht Schwierigkeiten, Schreiben ist Schwierigkeit.
(Hartmut VON HENTIG)

Achten Sie beim Überarbeiten auch darauf, ob zusätzliche Einzelheiten für das Verständnis benötigt werden. Sie haben als Autor eine genaue Vorstellung von Ihrem Text und vergessen, dass Ihr Leser diese nicht hat. Vielleicht haben Sie einen Ort oder eine Figur nicht genau beschrieben, weil Sie alles detailliert vor Ihrem inneren Auge gesehen haben.

Ebenso sollten Sie prüfen, ob Sie Ihre Figuren richtig gezeichnet haben. Wirkt die böse Nachbarin zu sympathisch? Reden Jungs wirklich so oder wirkt der Dialog zu gestelzt? Stimmt der Text stilistisch? Haben Sie die Figuren eindrucksvoll gezeichnet? Stimmen die Details? Könnten Sie indirekte Rede in einen Dialog umwandeln? Sind Sie in den alten Fehler zurückgefallen und beschreiben, statt die Figuren handeln zu lassen (suchen Sie mit dem Suchbegriff nach hatte oder war – meist stehen diese Wörter in Sätzen, in denen Sie nur berichten)? Muss mehr Tempo in den Text, oder müssen Sie hin und wieder einen Gang zurückschalten?

BÖLL schreibt zum Überarbeiten:
Nun, ich bin noch nie, besonders bei Kurzgeschichten nicht, mit viel weniger als drei Fassungen ausgekommen. Manche haben fünf, sechs, einige nur eine. Genauso ist es bei Romankapiteln. Und ich brauche dazu unbedingt einen Kritiker. Der erste ist meine Frau, die unbestechlich ist, der zweite der Lektor des Verlages, manchmal zwei Lektoren, dann Freunde. Und es ist eine gute Probe, wenn man das, was man hingeschrieben hat, laut vorlesen muß. Es muß einem sozusagen über die Lippen, viele Male, dann spürt man jede flaue Stelle, jeden dummen Ausdruck wie einen Nadelstich … Die letzte, etwa die fünfte Station oder die vierte, ist die Korrekturfahne, das ist die bitterste, wenn man’s dann schwarz auf weiß sieht. Alles Gedruckte hat etwas Endgültiges. Ich nehme jede Gelegenheit wahr, dann noch zu korrigieren, obwohl ich, wie wohl jeder Autor, gerade dann, wenn die Druckfahnen kommen, von einer fast vollkommenen Indolenz befallen bin und am liebsten nichts mehr mit der Sache zu tun haben möchte. Aber gerade dann kommen die üblen Schnitzer zutage, wichtige Kleinigkeiten, von denen man viele eben leider unkorrigiert gelassen hat, etwa Daten, Hausnummern, Zimmernummern. Die notiere ich mir während des Schreibens in einer Schulkladde in der Reihenfolge ihres Auftretens und korrigiere sie dann am Bürstenabzug.
Suchen Sie also auch nach sachlichen oder inhaltlichen Fehlern. Vielleicht stellen Sie dabei fest, dass Sie einen Pudel auf der zweiten Seite Ajax genannt haben und auf der dreiundneunzigsten Fiffi, oder dass Sie auf Seite 37 über eine Yacht berichtet haben, die 1938 gebaut wurde, auf Seite 110 jedoch erzählen, dass Ihr Held eine Messingplakette am Bug poliert und die Inschrift 1939 erbaut – 1996 restauriert freilegt. Haben Sie gründlich recherchiert? (Wo befindet sich solch eine Plakette – am Bug oder am Heck?) Stimmen die Einzelheiten konkreter Ereignisse?

Auch das Einbauen von altmodischen oder umgangssprachlichen Wendungen gehört zum Feilen, wenn sie an dieser Stelle wichtig sind. Sie verhindern, dass ein Text zu blank poliert wirkt und ein langweiliger Einheitsbrei entsteht. –

Prüfen Sie, ob Sie das, was Sie sagen wollten, für den Leser verständlich geschrieben haben, wenn nicht, überlegen Sie, wie Sie sich besser ausdrücken oder wie Sie das einfacher sagen könnten

Lassen Sie Ihr Manuskript gegenlesen

Geben Sie Ihr Manuskript so vielen Menschen wie möglich zu lesen – wenn Sie das nicht wagen, wie sollen Sie sich trauen, es einem Verlag zu schicken? Meist stehen Sie Ihrem eigenen Werk betriebsblind gegenüber und erkennen nicht, wo Sie unklar geblieben sind, wo die Charaktere nicht schlüssig beschrieben sind und die Handlung unlogisch ist, und natürlich, wo Sätze zu umständlich und zu langatmig sind – und, wo Sie doch ein überflüssiges Adjektiv geschrieben haben.

Wo Sie ehrliche Gegenleser finden? Kaum im privaten Umfeld. Entweder sind Ihre Freunde und Verwandten von Ihren Geschichten so begeistert, dass sie alles, was Sie schreiben, unbesehen gut finden, oder sie wollen Sie nicht verletzen, weil sie weiterhin Ihre Freunde bleiben wollen.

Die Kritikpunkte, die öfter angesprochen werden, werden Sie beherzigen, andere Einwände werden Sie sich anhören, weil jeder Gegenleser einen anderen Text gelesen hat – das spricht für Sie. Diese Bedenken müssen Sie Ernst nehmen, Sie sollten sich jedoch nicht sklavisch daran halten. An den Reaktionen Ihrer Gegenleser merken Sie auch, ob Ihr Text ankommt, ob überhaupt ein Publikum dafür vorhanden ist. (Wobei von fünfzig Personen, denen Sie Ihr Manuskript anvertrauen, sich höchstens zehn mit ihm beschäftigen werden. Dafür haben sie sich besonders eindringlich mit ihm auseinandergesetzt.) Gertrude STEIN zerpflückte gnadenlos HEMINGWAYS Manuskripte und hielt ihn zu Stilübungen an. »Schreiben war leicht, bevor ich Sie kennenlernte«, schimpfte er und stand doch wieder vor ihrer Tür. Er schrieb manche Szenen solange um, bis sie ihm gefielen, manchmal dreißig oder vierzig Mal.

Wichtig ist, dass die Kritik konkret ist, denn allgemeine Bemerkungen wie »Warum schreibst du nur über dieses Thema« oder die Beschränkung auf Komma- oder Rechtschreibfehler helfen, so wichtig sie auch sein mögen, nicht weiter.

Ebenso überflüssig sind Erklärungen wie: »Der Text ist viel zu lang, du kannst aber weitermachen.« – »Du kannst weitermachen« wird viel zu häufig gesagt, besagt jedoch gar nichts (die Autorin dieser Zeilen spricht aus Erfahrung). – Und freuen Sie sich nicht, wenn Sie jemand lobt, weil er an Ihrem Text überhaupt nichts auszusetzen findet, weil er super ist, toll, phantastisch. Das ist er nämlich in den allerseltensten Fällen (hier muss ich diese Übertreibung benutzen). Wenig hilfreich ist auch, wenn der Leser zu allgemein bleibt: »Manche Wendungen gefallen mir nicht so gut»; »Einiges müsstest du noch streichen« oder »Du müsstest über den Text noch einmal rübergehen« (auch so ein beliebter Satz). Das wissen Sie meist selbst. Sie wissen aber nicht, welche Wendungen nicht so gut sind oder was gestrichen werden müsste.

Seien Sie vorsichtig, wenn Sie Ihren Text im Internet zur Kritik stellen. Entweder werden Sie gnadenlos fertig gemacht, was bei der Anonymität des Netzes manche sogenannten Kritiker oder Schreibexperten mit Herzenslust tun, oder Sie erhalten nichtssagende Kommentare, die Sie nicht weiter bringen, ebenfalls nach dem Motto »Das gefällt mir« oder »Ich habe nichts daran auszusetzen». Im ersten Fall werden Sie verschreckt nie mehr eine Zeile schreiben und in eine Depression verfallen, im zweiten Fall werden Sie sich darüber wundern, dass niemand, noch nicht einmal eine unbedeutende Literaturzeitschrift, Sie druckt.

An alle Mac- und PC-User

Kopieren Sie jedes Mal (!) die Datei, bevor Sie an ihr weiterarbeiten, und kennzeichnen Sie die neue Version mit einer Nummer (aus Version 1.3 wird zum Beispiel 1. 4) oder dem aktuellen Datum. Aber: Werfen Sie die alten Dateien nicht in den Papierkorb, richten Sie einen Ordner mit der Bezeichnung Müll ein. Ich habe zwanzig alte Fassungen meines Buches in solch einem Ordner gespeichert und musste einige Male auf die eine oder andere Fassung zurückgreifen, nicht nur, weil der Rechner abgestürzt war und ich trotz aller Routine nicht zwischengespeichert hatte (also immer wieder zwischenspeichern, die Funktion Automatisch speichern gibt beim Wiederherstellen nicht immer die letzte Version wieder), sondern auch, weil ich beim Überarbeiten zuviel gestrichen oder geändert hatte.

Auf der Kopie können Sie nach Herzenslust die Funktionen Ausschneiden und Einfügen benutzen: Schneiden Sie am Text herum, streichen Sie Passagen oder fügen Sie sie anderswo ein. Ihre wunderschöne Prosa geht dabei nicht verloren, denn Sie besitzen ja die Originalversion. Sollten Sie unsicher sein, fertigen Sie eine zweite Kopie an und so weiter und so fort. Ich habe Kapitel ausgeschnitten und an anderer Stelle eingefügt und die Rückgängig-Funktion benutzt, wenn sie mir dort doch nicht gefielen; ich haben Absätze ausgeschnitten, die ich an der betreffenden Stelle als falsch empfand, und dort eingefügt, wo sie der Logik nach hingehörten.

Drucken Sie den Text aber auch aus. Wenn er schwarz auf weiß vor Ihnen liegt, lesen Sie ihn anders als am Bildschirm. Umgekehrt finden Sie, wenn Sie mit dem Suchbefehl nach Füllwörtern oder Ihren Lieblingswörtern forschen, mehr sprachliche oder inhaltliche Schnitzer und Tippfehler sowie grammatikalische Fehler als beim Lesen des ausgedruckten Manuskripts. Und das Suchen nach dem treffenden Wort ist mit dem Thesaurus bei MS-Word einfacher als mit einem Synonymlexikon.

Freitag, 5. Juni 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. II


Stil lebt vom Opfer

Neuschreiben ist das ganze Geheimnis des Schreibens. (Mario PUZO)*

Zwei Dinge sind zu unserer Arbeit nötig: Unermüdliche Ausdauer und die Bereitschaft, etwas, in das man viel Zeit und Arbeit gesteckt hat, wieder wegzuwerfen. (Albert EINSTEIN)

THOMA beschwert sich über GANGHOFER: »Er sagt immer alles. Er hat es nie gelernt, daß man als Schriftsteller von zehn beabsichtigten Worten nur eines schreiben darf und nicht elf.« Mit jedem weggelassenen Wort findet der Autor einen Leser mehr, doch die meisten Schreiber lieben jedes Wort, das sie geschrieben haben. So auch Anna RHEINSBERG: »Am Anfang meinte ich, jeder alberne Satz wär’ das Naturereignis, ich bin die Königin. Man wird dann vorsichtiger, man nimmt sich nicht mehr so ernst.«

So mancher Schriftsteller musste zähneknirschend erleben, wie seine Texte, die er anderen Schriftstellern zum Lesen gab, erbarmungslos zusammengestrichen wurden. BRECHT zum Beispiel unterstrich in Ingeborg BACHMANNS Gedichtband Die gestundete Zeit alles, was ihm gefiel, fliederrot. Das, was er nicht unterstrichen hatte, musste weg. Die fünfzig Verse des Gedichts Thema und Variation strich er auf fünf zusammen (nur die erste Strophe und den ersten Vers der achten ließ er gelten!):
In diesem Sommer blieb der Honig aus.
Die Königinnen zogen Schwärme fort,
der Erdbeerschlag war über Tag verdorrt,
die Beerensammler kehrten früh nach Haus.
Unten im Dorf standen die Eimer leer.
– Sie hätte die Gedichte Brecht geben sollen, bevor sie sie veröffentlichte. –

T. S. ELIOT dagegen überarbeitete das wüste Land zunächst selbst und strich es per »Kaiserschnitt«, wie sein Biograf Peter ACKROYD schreibt, auf neunzehn Seiten zusammen. Aber dann gab er es Ezra POUND. Der sagte »Complimenti, du Hundesohn. Ich bin von allen sieben Eifersüchten geplagt« und kürzte es von achthundert auf vierhundertdreiunddreißig Verse. Der dankbare Eliot widmete es ihm mit den Worten: »For Ezra Pound, il miglior fabbro« – dem besseren Schmied.

GOETHE wiederum wurmte, dass GELLERT an seinen poetischen Versuchen, die er – wie wohl jeder Dichter – voll Leidenschaft geschrieben hatte, kaum ein gutes Haar ließ und fast jede Zeile mit roter Tinte korrigierte und mit Randbemerkungen versah. Er warf die Arbeiten – die er für seine besten hielt – in den Herd.
Die Enttäuschung über seine Versuche verarbeitete GOETHE in einem – natürlich – Gedicht:
Ganz and’re Wünsche steigen jetzt als sonst,
Geliebter Freund, in meiner Brust herauf.
Du weißt, wie sehr ich mich zur Dichtkunst neigte,
Wie großer Hass in meinem Busen schlug,
Mit dem ich die verfolgte, die sich nur
Dem Recht und seinem Heiligtum weihten,
Und nicht der Musen sanften Lockungen
Ein offnes Ohr und ausgestreckte Hände
Voll Sehnsucht reichten. Ach, du weißt, mein Freund,
Wie sehr ich (und gewiss mit Unrecht) glaubte,
Die Muse liebte mich und gäb’ mir oft
Ein Lied. Es klang von meiner Leier zwar
Manch stolzes Lied, das aber nicht die Musen
Und nicht Apollo reichten. Zwar mein Stolz,
Der glaubt’ es, dass so tief zu mir herab
Sich Götter niederließen, glaubte, dass
Aus Meisterhänden nichts Vollkommners käme,
Als es aus meiner Hand gekommen war.
Ich fühlte nicht, dass keine Schwingen mir
Gegeben waren, mich empor zu rudern,
Und auch vielleicht mir von der Götter Hand
Niemals gegeben werden würden. Doch
Glaubt’ ich, ich hab’ sie schon und könnte fliegen.
Allein kaum kam ich her, als schnell der Nebel
Vor meine Augen sank, als ich den Ruhm
Der großen Männer sah, und erst vernahm,
Wie viel dazu gehörte, Ruhm erwerben,
Da sah ich erst, dass mein erhabner Flug,
Wie es mir schien, nichts war, als das Bemühen
Des Wurms im Staub, der den Adler sieht
Zur Sonn’ sich schwingen – – – –
Die Re-Writerin Marcy KAHAN, die schlechte Drehbücher so umschreibt, dass sie verfilmt werden können, schreibt hin und wieder ein Hörspiel oder ein Drehbuch und bearbeitet sie selbst. Sie sagte einmal:
Auch, wenn du sehr lange in diesem Metier arbeitest, es tut immer noch weh, auch nur eine Zeile von dir selbst rauszuschmeißen. Nie weiß ich, was ich herausnehmen oder was ich doch besser stehen lassen sollte. Eines Tages jammerte ich das meiner Redakteurin vor. Die lachte und gab mir den Tip: Marcy, kill your darling! Nimm immer das heraus, was dir ganz persönlich am Herzen liegt, denn deine Hörer haben andere Herzen. – Richte dich nach dem Text, das ist die eigentliche Arbeit. Dichten ist kürzen. Und dazu gehört ein Mindestmaß an Mordlust.
– Kleine Anmerkung: Ich kenne den Ausdruck kill your darlings aus US-amerikanischen Schreibschulen. Dort bedeutet er allerdings, dass man seinen Lieblingsfiguren kein Happyend gönnen solle, weil das meist kitschig und voller Klischees ist. Wie auch immer: So oder so sollte man den Rat beherzigen. –

Und HORAZ erinnert an QUINTILIUS:
Wenn du Quintilius etwas vortrugst, sagte er wohl. »Verbessere bitte dies hier und dies.« Behauptetest du, du könntest besser nicht machen, was du zwei- oder dreimal vergeblich versucht hättest, so hieß er dich, es zu vernichten und die schlecht gedrechselten Verse zurück auf den Amboß zu legen. Wenn du den Fehler lieber verteidigen als ihn ausmerzen wolltest, verschwendete er kein Wort und keine fruchtlose Mühe, damit du dich und das Deinige nur ruhig liebtest, allein und ohne Rivalen. (Mehr dazu siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2008/12/schreibtipp-von-horaz-vi.html)
Stellen Sie sich vor, Sie möchten eine Kurzgeschichte mit neuntausend Zeichen bei einem Literaturwettbewerb einreichen, bei dem höchstens sechstausend Zeichen vorgeschrieben sind. Also müssen Sie kürzen: Sie müssen aus langen Sätzen kürzere Sätze bilden und Wörter streichen. Manchmal geht es um wenige Buchstaben. (Das ist auch eine gute Übung, um treffendere Wörter zu finden.) Vertrauen Sie mir: Ihr gekürzter Text wird Ihnen viel besser gefallen. Mit der Zeit werden Sie (hoffentlich) mit Leidenschaft kürzen.

In einer Internetschreibwerkstatt, die ich einige Zeit leitete, gab ich einen Text mit siebentausend Zeichen (einschließlich Leerzeichen) vor. Die Aufgabe löste einen allgemeinen Aufschrei aus: Es sei unmöglich, das, was man sagen wolle, auf so wenige Zeichen zu beschränken. Doch bei jedem Text, dessen Autor die Zeichenvorgabe beklagt hatte, ließen sich Adjektive, Füllwörter und unwichtige Passagen streichen.

Gerade der Anfänger hat oft Probleme, sich auf das Wesentliche zu beschränken – aber er kann das lernen. Vor allem lernt er das durch Üben und durch das Besprechen von Texten in Schreibwerkstätten.

Literatur bedeutet auch streichen, verknappen, auf das Wesentliche verdichten. Wenn Ihr Text nach dem Überarbeiten länger ist, haben Sie etwas falsch gemacht

Donnerstag, 4. Juni 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. I


Alles Eigene gefällt, solange es im Entstehen begriffen ist. Deshalb müssen
wir immer wieder mißtrauisch überprüfen, was wir fertiggestellt haben. (QUINTILIAN)

Der erste Entwurf ist immer Mist. (HEMINGWAY)
Ferdinand radiert

Ferdinand nimmt eine leere Seite
und denkt nach und schreibt dann eine Sorte
wohlgeformter, ungenauer Worte,
insgesamt gesehen, eine Pleite.

Auf dem Blatt, an beinah jedem Orte
– mithin also fast in jeder Zeile –
stören Kommas oder andre Teile,
Ferdinand bemerkt’s, sich selbst zum Torte.

Und er spricht: Wenn ich hier weiter weile
und das Ganze ganz in Ruh betrachte,
merke ich, wie ich mich drob verachte,

doch was soll ich tun? Na gut, ich feile
und radiere, füge zu und schreite
durch des Raumes angenehme kühle Weite.

Bernd HUTSCHENREUTHER
Klare Sätze sind kein Zufall

Schreiben ist die perfekte Zusammenarbeit von Hirn und Hintern. (SCHILLER)

Hirn ist gut, Hintern ist besser. (Uta GLAUBITZ)

Ach, Schreiben bedeutet nicht nur für Ferdinand harte Arbeit … Die erste Fassung ist niemals die richtige, auch wenn Ihnen Ihr Werk gefällt und Sie meinen, es sei aus einem Guss und Sie den »Genius zwischen den Zeilen« (GLAUBITZ) vermuten. Auch große Schriftsteller betrachten das Ganze in Ruhe und seufzen »Na gut« und radieren und fügen hinzu, und das nicht nur einmal. Trösten Sie sich damit, wenn Sie beim Feilen verzweifeln oder einen Horror davor haben, Ihre Arbeit noch einmal und noch einmal zur Hand zu nehmen und sich noch einmal auseinanderzusetzen mit den schwachen Teilen, den wohlgeformten, ungenauen Worten, den umständlich formulierten Sätzen. Für William C. KNOTT ist »das Überarbeiten … wie der Ringkampf mit einem Dämon«, aber kaum einer, der schreiben kann, käme drum herum, denn »nur Schriftsteller wissen, wie man einen Text umschreibt. Diese Fähigkeit allein macht den Amateur zum Profi«.

FLAUBERT rät Louise COLET:
Vernachlässigen Sie nichts, arbeiten Sie, schreiben Sie neu und lassen Sie das Werk erst aus der Hand, wenn Sie die Überzeugung haben, daß Sie es zu dem Grad von Vollkommenheit gebracht haben, den ihm zu geben Ihnen möglich war.
Für Erich FRIED steckt
… im schnellen Schreiben und erst nachher gewissenhaft Korrigieren eine Art Respekt und Vertrauen gegenüber seinem ursprünglichen Einfall … und daß … (ist) sehr gut, weil dann die Einfälle nicht so leicht austrocknen wie bei einem Menschen, der seinen eigenen Einfällen gegenüber respektlos ist und ihnen ausbeuterisch gegenübersteht.
FLAUBERT und FRIED waren Genies. War es ihr Genie, das sie zwang, hart zu arbeiten, oder waren ihre Werke das Ergebnis ihrer harten Arbeit?

Die mühevolle Arbeit des Feilens kann Ihnen kaum jemand abnehmen. Verlage lehnen aus Kostengründen Manuskripte, die eine umfangreiche Überarbeitung erfordern, meist ab. Und gute Lektoren sind teuer. Auch Redakteure von Literaturzeitschriften, die meist ehrenamtlich arbeiten, sind nicht dazu da, Ihnen den Feinschliff abzunehmen.

Nonumque premator in annum …

Zum Handwerk des Dichters gehören zwei Bewegungsabläufe, die stures Training verlangen: Schreiben und Streichen. (Jo LENDLE)

Das Schwierigste am Sammeln ist das Wegwerfen. (KÖSTER)

… »dann sei’s neun Jahre verborgen« schreibt HORAZ in seiner Ars Poetica (Von der Dichtkunst). Er soll damit auf den Lyriker CATULL angespielt haben, der über den Dichter CINNA spottete: »Die Zmyrna meines Freundes Cinna wurde 9 Jahre nach ihrem Beginn endlich veröffentlicht. Während in der selben Zeit Hortensius in jedem beliebigen Jahr 50000 Verse herausgebracht hat.

Das zu beherzigen, ist jedoch zuviel verlangt, wie auch HEINE feststellt:
Als Horaz dem Autor die berühmte Regel gab, sein Werk neun Jahre im Pult liegen zu lassen, hätte er ihm auch zu gleicher Zeit das Rezept geben sollen, wie man neun Jahre ohne Essen zubringen kann. Wir unglücklichen Spätgeborenen, wir leben in einer anderen Zeit. Ich komme wieder auf die Horazische Regel und ihre Unanwendbarkeit im neunzehnten Jahrhundert, ich könnte es keine vierundzwanzig Stunden, viel weniger neun Jahre aushalten, mein Magen hat wenig Sinn für Unsterblichkeit, ich hab’ mir’s überlegt, ich will nur halb sterblich und ganz satt werden, man muß Geld in dieser Welt haben, Geld in der Tasche und nicht Manuskripte im Pult.
Aber lassen Sie Ihren Text zumindest ein paar Wochen liegen. Danach können Sie zum Rotstift greifen oder besser noch zum Bleistift. Denn Sie werden nicht nur einmal korrigieren, sondern Ihre Korrekturen prüfen und wieder korrigieren und wieder prüfen und wieder korrigieren. Bei der Verwendung eines Kugelschreibers oder Füllers entsteht aus Korrekturen der Korrekturen, aus Durchstreichungen, aus deren Rückgängigmachen mit Pünktchen, aus Einfügungen von Wörtern in eingefügte Sätze ein Chaos, durch das Sie nicht mehr durchblicken. –

Streichen Sie all die überflüssigen Wörter, Sätze und Absätze, die sich trotz aller Bemühungen eingeschlichen haben. – »Wenn es möglich ist, ein Wort zu streichen – streiche es«, rät auch ORWELL. Ihre Worte sind nicht in Stein gemeißelt, lassen Sie jedes Wort um seine Berechtigung kämpfen. »Da ich keine Zeit habe, dir einen kurzen Brief zu schreiben, schreibe ich dir einen langen«, schreibt GOETHE im Alter von achtzehn Jahren seiner Schwester Cornelia. (Er hatte diesen Satz in einem Briefwechsel zwischen CATO und CICERO gelesen. Viele Aussprüche unserer Klassiker sind nicht auf deren »eigenem Mist gewachsen« – wie tröstlich für uns.) Und Martin WALSER sagt, als der Lebenslauf der Liebe gedruckt auf seinem Schreibtisch lag, habe er ihn aufgeschlagen und auf irgendeiner Seite den ersten Satz angeschaut und sich gefragt: Steht der zu Recht da?

Nehmen Sie Träume, in denen Ihr Manuskript oder Abschnitte daraus als missglückt erscheinen, ernst, auch wenn Sie beim Aufwachen feststellen: Träume sind Schäume, und weiterhin begeistert Ihr Werk lesen. Sie werden der einzige sein, der es begeistert liest. Ihr Unterbewusstsein will Ihnen auf diese Weise sagen, dass Sie an Ihrem Werk oder an den Abschnitten feilen sollen.

Wenn Sie unsicher sind, ob Sie ein Wort, einen Satz oder Absatz streichen sollen – verlassen Sie sich auf Ihr Gefühl und streichen Sie

Gerade der Anfänger leidet, wenn er sich von Wörtern, von mit soviel Mühe und noch mehr Liebe formulierten Sätzen, von seiner Meinung nach gelungenen Passagen trennen muss. Doch mit der Zeit findet er die nötige Distanz zu seinen Texten. Auch ich habe das Buch, aus dem dieser Beitrag stammt, vielfach überarbeitet, ich habe gestrichen und hinzugefügt und wieder gestrichen. Ich habe versucht, für meine ach zu häufig verwendeten Lieblingswörter selten gebrauchte Ausdrücke zu finden, habe Füllwörter gestrichen, Passiv in Aktiv umgewandelt, Substantive in Verben (und umgekehrt, wenn mir das Substantiv stärker erschien), den Plural in das Singular. Ich haben Hilfsverben ausgemerzt, Wendungen aus der Umgangssprache in Hochsprache umgewandelt. Doch ich habe mich bemüht, meine eigene Stimme zu behalten und keinen zu glatt polierten Text zu schreiben, und mir deshalb erlaubt, die Schreibregeln hin und wieder zu brechen. Was nützt mir ein ausgefeilter, nach allen Regeln der rhetorischen Kunst ausgearbeiteter Text, wenn Sie ihn ungern lesen, weil er zu hochgestochen klingt und dadurch langweilig oder unverständlich wird? Das Feilen hat mindestens dreifach soviel Arbeit gemacht wie das Schreiben und mindestens dreimal so lange gedauert. Es hat viel Geduld erfordert – aber auch am meisten Spaß gemacht, und oft bin ich dabei wie Ferdinand durch des Raumes angenehme kühle Weite geschritten.

Trösten Sie sich, kaum ein Manuskript ist auf Anhieb perfekt. HORAZ ärgert sich in der Ars poetica, dass Homer manchmal schläft (womit er meint, dass Homer sprachlich und dichterisch hin und wieder nicht so gut ist wie gewohnt). »Quandoque bonus domitat Homerus« (frei übersetzt: Dann und wann schläft sogar der gute Homer) ist sprichwörtlich geworden dafür, dass auch der beste Schriftsteller schwächere Momente hat. Selbst bei GOETHE würde ein Lektor immer noch einiges ändern.

Wie schreibt Gottfried KELLER so schön:
Es gehört ein Raffael dazu, jeden Strich stehen lassen zu können, wie er ist. Wie manche Blume, die man in aufgeregter Abendstunde glaubt gepflückt zu haben, ist am Morgen ein dürres Strohwisch! wie manches schimmernde Goldstück, welches man am Werktage gefunden, verwandelt sich an einem stillen Sonntagmorgen, wo man es wieder besehen will, in eine gelbe Rübenschnitte! Man erwacht in der Nacht und hat einen sublimen Gedanken und freut sich seines Genies, steht auf und schreibt ihn auf bei Mondschein, im Hemde, und erkältet die Füße: und siehe, am Morgen ist es eine lächerliche Trivialität, wo nicht gar ein krasser Unsinn! Da heißt es aufpassen und jeden Pfennig zweimal umkehren, ehe man ihn ausgibt!
Bei einem literarischen Text muss sich jedes Wort, jedes Bild, darauf abklopfen lassen, ob es richtig, notwendig und klar ist

Barbara SLAWIG erzählt von ihren Erfahrungen mit dem Feilen:
Es mag Leute geben, denen ihre Texte gleich beim ersten Aufschreiben so gut gelingen, dass höchstens noch ein bisschen an Rechtschreibung und Grammatik korrigiert werden muss. Meine ersten Entwürfe sind immer lückenhaft und voller Brüche. Beim Überarbeiten finde ich es vor allem wichtig, dass man nicht versucht, inhaltliche Schwächen auf der sprachlichen Ebene zu beheben. Bevor ich ans Überarbeiten gehe, muss ich mir über die wichtigsten inhaltlichen und erzähltechnischen Fragen vollkommen klar sein. (Also z. B.: Aus welcher Perspektive erzähle ich? Welches ist der Haupt-Spannungsbogen, welches sind eher Nebenstränge? Werde ich meinen Personen gerecht, oder verrate ich sie irgendwo? Stimmt der Schluss, oder ist etwas daran verlogen? usw.) Um das alles beurteilen zu können, brauche ich natürlich einen gewissen Abstand zum Text, das heißt, ich lasse ihn mindestens eine Woche liegen (bei längeren Texten länger). Wenn die inhaltlichen Fragen geklärt sind, wende ich mich stärker der Sprache zu und suche nach schwachen oder überflüssigen Sätzen, nach Sprachklischees, ungewollten Wiederholungen etc. … Natürlich ist Überarbeiten mühsam, aber halb fertige, nicht durchgearbeitete Texte sind in meinen Augen eine traurige Verschwendung von Zeit und Ideen.
Vergleichen Sie das, was Sie geschrieben haben, mit dem, was Sie schreiben wollten

Eine (seltene) Gefahr besteht jedoch: dass Sie zu viel streichen und dadurch den Leser verwirren oder verständnislos zurücklassen. REICH-RANICKI moniert in HEYMS 5 Tage im Juni: »Die Zahl der Personen ist übermäßig groß, was damit zusammenhängen mag, daß die ursprüngliche Fassung etwa doppelt so umfangreich war wie die endgültige.«

Prüfen Sie nach dem Kürzen, ob jede Figur weiterhin wichtig für den Text ist