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Samstag, 6. Juni 2009

Die ungeliebte Arbeit: Überarbeiten und Feilen. III


Polieren Sie Ihren Text

Kunst ist schön, macht aber Arbeit. (Karl VALENTIN)

Schreiben macht nicht Schwierigkeiten, Schreiben ist Schwierigkeit.
(Hartmut VON HENTIG)

Achten Sie beim Überarbeiten auch darauf, ob zusätzliche Einzelheiten für das Verständnis benötigt werden. Sie haben als Autor eine genaue Vorstellung von Ihrem Text und vergessen, dass Ihr Leser diese nicht hat. Vielleicht haben Sie einen Ort oder eine Figur nicht genau beschrieben, weil Sie alles detailliert vor Ihrem inneren Auge gesehen haben.

Ebenso sollten Sie prüfen, ob Sie Ihre Figuren richtig gezeichnet haben. Wirkt die böse Nachbarin zu sympathisch? Reden Jungs wirklich so oder wirkt der Dialog zu gestelzt? Stimmt der Text stilistisch? Haben Sie die Figuren eindrucksvoll gezeichnet? Stimmen die Details? Könnten Sie indirekte Rede in einen Dialog umwandeln? Sind Sie in den alten Fehler zurückgefallen und beschreiben, statt die Figuren handeln zu lassen (suchen Sie mit dem Suchbegriff nach hatte oder war – meist stehen diese Wörter in Sätzen, in denen Sie nur berichten)? Muss mehr Tempo in den Text, oder müssen Sie hin und wieder einen Gang zurückschalten?

BÖLL schreibt zum Überarbeiten:
Nun, ich bin noch nie, besonders bei Kurzgeschichten nicht, mit viel weniger als drei Fassungen ausgekommen. Manche haben fünf, sechs, einige nur eine. Genauso ist es bei Romankapiteln. Und ich brauche dazu unbedingt einen Kritiker. Der erste ist meine Frau, die unbestechlich ist, der zweite der Lektor des Verlages, manchmal zwei Lektoren, dann Freunde. Und es ist eine gute Probe, wenn man das, was man hingeschrieben hat, laut vorlesen muß. Es muß einem sozusagen über die Lippen, viele Male, dann spürt man jede flaue Stelle, jeden dummen Ausdruck wie einen Nadelstich … Die letzte, etwa die fünfte Station oder die vierte, ist die Korrekturfahne, das ist die bitterste, wenn man’s dann schwarz auf weiß sieht. Alles Gedruckte hat etwas Endgültiges. Ich nehme jede Gelegenheit wahr, dann noch zu korrigieren, obwohl ich, wie wohl jeder Autor, gerade dann, wenn die Druckfahnen kommen, von einer fast vollkommenen Indolenz befallen bin und am liebsten nichts mehr mit der Sache zu tun haben möchte. Aber gerade dann kommen die üblen Schnitzer zutage, wichtige Kleinigkeiten, von denen man viele eben leider unkorrigiert gelassen hat, etwa Daten, Hausnummern, Zimmernummern. Die notiere ich mir während des Schreibens in einer Schulkladde in der Reihenfolge ihres Auftretens und korrigiere sie dann am Bürstenabzug.
Suchen Sie also auch nach sachlichen oder inhaltlichen Fehlern. Vielleicht stellen Sie dabei fest, dass Sie einen Pudel auf der zweiten Seite Ajax genannt haben und auf der dreiundneunzigsten Fiffi, oder dass Sie auf Seite 37 über eine Yacht berichtet haben, die 1938 gebaut wurde, auf Seite 110 jedoch erzählen, dass Ihr Held eine Messingplakette am Bug poliert und die Inschrift 1939 erbaut – 1996 restauriert freilegt. Haben Sie gründlich recherchiert? (Wo befindet sich solch eine Plakette – am Bug oder am Heck?) Stimmen die Einzelheiten konkreter Ereignisse?

Auch das Einbauen von altmodischen oder umgangssprachlichen Wendungen gehört zum Feilen, wenn sie an dieser Stelle wichtig sind. Sie verhindern, dass ein Text zu blank poliert wirkt und ein langweiliger Einheitsbrei entsteht. –

Prüfen Sie, ob Sie das, was Sie sagen wollten, für den Leser verständlich geschrieben haben, wenn nicht, überlegen Sie, wie Sie sich besser ausdrücken oder wie Sie das einfacher sagen könnten

Lassen Sie Ihr Manuskript gegenlesen

Geben Sie Ihr Manuskript so vielen Menschen wie möglich zu lesen – wenn Sie das nicht wagen, wie sollen Sie sich trauen, es einem Verlag zu schicken? Meist stehen Sie Ihrem eigenen Werk betriebsblind gegenüber und erkennen nicht, wo Sie unklar geblieben sind, wo die Charaktere nicht schlüssig beschrieben sind und die Handlung unlogisch ist, und natürlich, wo Sätze zu umständlich und zu langatmig sind – und, wo Sie doch ein überflüssiges Adjektiv geschrieben haben.

Wo Sie ehrliche Gegenleser finden? Kaum im privaten Umfeld. Entweder sind Ihre Freunde und Verwandten von Ihren Geschichten so begeistert, dass sie alles, was Sie schreiben, unbesehen gut finden, oder sie wollen Sie nicht verletzen, weil sie weiterhin Ihre Freunde bleiben wollen.

Die Kritikpunkte, die öfter angesprochen werden, werden Sie beherzigen, andere Einwände werden Sie sich anhören, weil jeder Gegenleser einen anderen Text gelesen hat – das spricht für Sie. Diese Bedenken müssen Sie Ernst nehmen, Sie sollten sich jedoch nicht sklavisch daran halten. An den Reaktionen Ihrer Gegenleser merken Sie auch, ob Ihr Text ankommt, ob überhaupt ein Publikum dafür vorhanden ist. (Wobei von fünfzig Personen, denen Sie Ihr Manuskript anvertrauen, sich höchstens zehn mit ihm beschäftigen werden. Dafür haben sie sich besonders eindringlich mit ihm auseinandergesetzt.) Gertrude STEIN zerpflückte gnadenlos HEMINGWAYS Manuskripte und hielt ihn zu Stilübungen an. »Schreiben war leicht, bevor ich Sie kennenlernte«, schimpfte er und stand doch wieder vor ihrer Tür. Er schrieb manche Szenen solange um, bis sie ihm gefielen, manchmal dreißig oder vierzig Mal.

Wichtig ist, dass die Kritik konkret ist, denn allgemeine Bemerkungen wie »Warum schreibst du nur über dieses Thema« oder die Beschränkung auf Komma- oder Rechtschreibfehler helfen, so wichtig sie auch sein mögen, nicht weiter.

Ebenso überflüssig sind Erklärungen wie: »Der Text ist viel zu lang, du kannst aber weitermachen.« – »Du kannst weitermachen« wird viel zu häufig gesagt, besagt jedoch gar nichts (die Autorin dieser Zeilen spricht aus Erfahrung). – Und freuen Sie sich nicht, wenn Sie jemand lobt, weil er an Ihrem Text überhaupt nichts auszusetzen findet, weil er super ist, toll, phantastisch. Das ist er nämlich in den allerseltensten Fällen (hier muss ich diese Übertreibung benutzen). Wenig hilfreich ist auch, wenn der Leser zu allgemein bleibt: »Manche Wendungen gefallen mir nicht so gut»; »Einiges müsstest du noch streichen« oder »Du müsstest über den Text noch einmal rübergehen« (auch so ein beliebter Satz). Das wissen Sie meist selbst. Sie wissen aber nicht, welche Wendungen nicht so gut sind oder was gestrichen werden müsste.

Seien Sie vorsichtig, wenn Sie Ihren Text im Internet zur Kritik stellen. Entweder werden Sie gnadenlos fertig gemacht, was bei der Anonymität des Netzes manche sogenannten Kritiker oder Schreibexperten mit Herzenslust tun, oder Sie erhalten nichtssagende Kommentare, die Sie nicht weiter bringen, ebenfalls nach dem Motto »Das gefällt mir« oder »Ich habe nichts daran auszusetzen». Im ersten Fall werden Sie verschreckt nie mehr eine Zeile schreiben und in eine Depression verfallen, im zweiten Fall werden Sie sich darüber wundern, dass niemand, noch nicht einmal eine unbedeutende Literaturzeitschrift, Sie druckt.

An alle Mac- und PC-User

Kopieren Sie jedes Mal (!) die Datei, bevor Sie an ihr weiterarbeiten, und kennzeichnen Sie die neue Version mit einer Nummer (aus Version 1.3 wird zum Beispiel 1. 4) oder dem aktuellen Datum. Aber: Werfen Sie die alten Dateien nicht in den Papierkorb, richten Sie einen Ordner mit der Bezeichnung Müll ein. Ich habe zwanzig alte Fassungen meines Buches in solch einem Ordner gespeichert und musste einige Male auf die eine oder andere Fassung zurückgreifen, nicht nur, weil der Rechner abgestürzt war und ich trotz aller Routine nicht zwischengespeichert hatte (also immer wieder zwischenspeichern, die Funktion Automatisch speichern gibt beim Wiederherstellen nicht immer die letzte Version wieder), sondern auch, weil ich beim Überarbeiten zuviel gestrichen oder geändert hatte.

Auf der Kopie können Sie nach Herzenslust die Funktionen Ausschneiden und Einfügen benutzen: Schneiden Sie am Text herum, streichen Sie Passagen oder fügen Sie sie anderswo ein. Ihre wunderschöne Prosa geht dabei nicht verloren, denn Sie besitzen ja die Originalversion. Sollten Sie unsicher sein, fertigen Sie eine zweite Kopie an und so weiter und so fort. Ich habe Kapitel ausgeschnitten und an anderer Stelle eingefügt und die Rückgängig-Funktion benutzt, wenn sie mir dort doch nicht gefielen; ich haben Absätze ausgeschnitten, die ich an der betreffenden Stelle als falsch empfand, und dort eingefügt, wo sie der Logik nach hingehörten.

Drucken Sie den Text aber auch aus. Wenn er schwarz auf weiß vor Ihnen liegt, lesen Sie ihn anders als am Bildschirm. Umgekehrt finden Sie, wenn Sie mit dem Suchbefehl nach Füllwörtern oder Ihren Lieblingswörtern forschen, mehr sprachliche oder inhaltliche Schnitzer und Tippfehler sowie grammatikalische Fehler als beim Lesen des ausgedruckten Manuskripts. Und das Suchen nach dem treffenden Wort ist mit dem Thesaurus bei MS-Word einfacher als mit einem Synonymlexikon.

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