… und nun?
… wenn die Gedanken ausgehn, mal ich Rössel. (
SCHILLER)
Es gibt nur einen Trick, der genau genommen keiner ist: sitzen bleiben. (Christoph PETERS)
Statt Ihr noch nicht verdientes Geld für einen Psychiater zum Fenster hinauszuwerfen, sollten Sie es lieber mit erschwinglicheren Methoden versuchen. Greifen Sie zu Lockerungsübungen: Schildern Sie die Einrichtung Ihres Arbeitszimmers, skizzieren Sie den Blick aus Ihrem Küchenfenster. Schreiben Sie einen Brief an Ihre Freundin oder einen Unbekannten, der gerade auf der Straße vorüber spaziert, und schildern Sie Ihre Lage. Oder schreiben Sie einen Brief an sich selbst mit Anrede und Gruß und Unterschrift am Ende. Tippen Sie auf die erste Seite: Mein Name ist XY und ich bin die beste Schriftstellerin aller Zeiten. Fabulieren Sie von dem, was sein wird, wenn Sie den Nobelpreis erhalten haben. Schreiben Sie, wie gut Sie sich finden, welche Talente Sie an sich mögen – loben Sie sich! Fluchen Sie über das Buch, die Figuren, die Handlung, spinnen Sie mit dem Thema rum. Schreiben Sie an dem Brief weiter, wenn es Sie (wieder einmal) erwischt hat.
Sagen Sie sich: Was soll’s, dann blamiere ich mich halt, ich schreib jetzt irgend etwas. Oder finden Sie auf die Frage: Was befürchtest du? die richtige Antwort. Beschwören Sie dieses Schreckensbild.
Schreiben Sie einfach los, möglichst nah am Thema, doch ohne einen einzigen Gedanken an Rechtschreibung, Grammatik, Stil oder hehre Gedanken zu verschwenden (ja, ich weiß, ich weiß, der
Aus-Schalter im Gehirn ist schwer zu finden …). Das Schlimme ist ja, dass sich Schriftsteller oft selbst im Weg stehen, weil sie auf Anhieb perfekt sein möchten. Deshalb: schreiben, schreiben, schreiben! Und wenn es Schrott ist, der in die Tasten fließt (der fällt später der gestrengen Löschtaste zum Opfer). Erlauben Sie sich wirres Schreiben. Irgendein Satz legt plötzlich den Schalter im Gehirn um und der Text bekommt eine Seele. Vor allem haben Sie sich von dem Zwang befreit, sofort druckreif schreiben oder überhaupt etwas zu Papier bringen zu müssen.
Drucken Sie die Seiten aus und entspannen Sie anschließend den Kopf: spielen Sie Skat, aalen Sie sich in einem Schaumbad, arbeiten Sie an etwas ganz anderem. Oder knuddeln Sie die Katze, säubern Sie die Tastatur, den Spiegel im Bad. Auch der Besuch bei Ihrer Kosmetikerin wirkt Wunder (man fühlt sich danach jung und vital und unwiderstehlich). Im schlimmsten Fall sehen Sie fern. Setzen Sie sich einige Stunden später gemütlich auf dem Sofa oder im Ohrensessel an das Geschriebene und überarbeiten Sie es. Vielleicht wirkt ein absurd wirkender Satz plötzlich überaus eindrucksvoll. Verknüpfen Sie einen Einfall mit etwas gerade Erlebtem oder in
Verbote Liebe oder bei Vera, Britt oder Oliver Geissen Geschautem (schauen Sie sich also auch solche Sendungen an. Das, was dort gezeigt oder gesagt wird, so idiotisch es auch erscheinen mag, ist das Leben selbst, Sie können sich das gar nicht ausdenken). Dann sieben Sie das Ganze und Sie werden sehen: die Nuggets bleiben hängen.
Oder lesen Sie meine Vorschläge für Schreibanlässe und schreiben Sie eine andere Geschichte als die, bei der Sie stecken geblieben sind. Nutzen Sie die Cluster-Methode (keine Sorge, was das ist, erkläre ich ein andermal): Stöbern Sie im Netz und in den Medien nach Begriffen, tragen Sie sie in Ihrem Schatzkästchen von Stichworten und Ideen zusammen. Clustern Sie die Begriffe und Sie werden den Knoten platzen sehen. Oder: Überlegen Sie laut vor sich hin. Wenn die Gedanken klar formuliert sind, purzeln irgendwann die Assoziationen nur so auf die Seiten.
Wichtig ist, dass Sie sich
regelmäßig an den Schreibtisch setzen und wenigstens einige Sätze schreiben (und schieben Sie keinen Lumpi vor, der Sie daran hindert).Sie können natürlich auch das Unterbewusstsein oder Ihre Träume für sich arbeiten lassen. Sagen Sie sich: Das Problem packe ich jetzt ins Dunkel der hintersten Gehirnwindung; dort kann es vor sich hin köcheln und gar werden. Die Lösung taucht dann meist von allein auf in seltsamen Situationen: beim Kochen, beim Einkaufen oder eben beim Mohrrüben- oder Autoputzen oder auf dem Klo.
Benutzen Sie Merkhilfen wie Notizbücher oder Diktiergeräte. Oft schießen Ihnen eine Idee oder ein Satzfragment durch den Kopf, wenn Sie sich mit mechanischen Verrichtungen beschäftigen oder sich entspannen. Sprechen Sie sie auf Band oder schreiben Sie sie in Ihr Notizbuch – und vergessen Sie sie, bis Sie sich wieder an Ihr Manuskript setzen. Tippen Sie Ihre Notizen ab und führen Sie ohne Wertung und ohne Feinschliff (siehe oben) diese Gedanken und Einfälle aus.
Finden Sie die
Magie des Schreibens, von der Dorothea BRANDE und Stephen KING sprechen, wieder. King nutzt dazu seinen eigenen »unterirdischen Ort mit hellem Licht und klaren Bildern« (
Das Leben und das Schreiben, S. 117). Suchen Sie Ihren Ort. Stellen Sie sich einen Fluss vor, in dem Sie nach Worten und Gedanken fischen, erforschen Sie einen Dachboden mit geheimnisvollen Truhen. Beschreiben Sie diese Orte, das, was Sie dort finden und was Sie dabei fühlen – und schon fließen die Worte. Oder erinnern Sie sich an den magischen Moment, als das Schreiben gar nicht schnell genug ging. Wo saßen Sie? Prallte die Sonne vom Himmel oder prasselten Regentropfen gegen die Scheiben? Lassen Sie sich von der Magie dieser Stunde inspirieren.
Nehmen Sie die Krise als Zeichen dafür, dass Sie weitergekommen sind – dass Sie gewachsen sind. Wachsen ist immer schmerzhaft, bedeutet aber auch eine Chance. Nach einer Schreibkrise schrieb RILKE die
zehn Duineser Elegien, Ingeborg BACHMANNS
Malina erzählt auch die Geschichte einer Lebens- und Schreibkrise.