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Mittwoch, 19. Oktober 2011

Ludwig Reiners darüber, dass man, so man denn einen Stil hätte, ihn vergessen solle


Ludwig Reiners zitiert in seiner Deutschen Stilkunst. Ein Lehrbuch deutscher Prosa, Pierre Augustin Caron de Beaumarchais mit den Worten „Wenn ich unglücklicherweise einen Stil hätte, würde ich mich bemühen, ihn zu vergessen“ als Beleg dafür, dass man nicht originell nur um der Originalität willen schreiben solle.

Das Zitat ist aber erstens falsch. Richtig heißt es:
Ein Mann von vielem Verstande, der aber etwas geizig damit ist, sagte eines Abends zu mir im Schauspiele: Erklären Sie mir doch, wenn ich Sie bitten darf, warum man, in Ihrem Stücke, so viel nachläßige Ausdrücke bemerkt, die Ihrem Style nicht angemessen sind? – Wenn ich unglücklicherweise einen Styl hätte, würde ich mir Mühe geben ihn, jedesmal, da ich an einem Schauspiele arbeite, zu vergessen; denn ich kenne auf dem Theater nichts abgeschmakters als die albernen einfärbigen Gemälde, wo alles blau ist, wo alles rosenroth ist, wo alles Autor ist, er mag seyn, wer er wolle.
Und zweitens meint Beaumarchais damit nicht den Stil an sich, sondern die Figurenrede:
Wenn mein Entwurf gemacht ist, so rufe ich alle meine Personen auf und ordne sie in ihre gehörige Lage: – Sei auf deiner Hut, Figaro, dein Herr möchte dich errathen – Fortidunis mit ihm Cherubim, der Graf ist in der Nähe. – Ach Gräfin, welche Unbesonnenheit! ein Mann, der so heftig ist. – Was sie sagen werden, das weiß ich nicht, aber wie sie handeln sollen, das geht mich an. Wenn sie denn völlig beseelt sind, so diktieren sie mir mit aller Fertigkeit, ich schreibe und bin sicher, daß sie mich nicht betrügen, und daß ich den Basyl von allen andern unterscheide; er hat weder den Witz des Figaro, noch den anständigen Ton des Grafen, noch die Empfindsamkeit der Gräfin, noch die Munterkeit der Susanne, noch den Muthwillen des Pagen und keine von allen erreicht das Erhabene des Gänsekopfs: ein jeder spricht seine eigene Sprache, und der Gott des Natürlichen behüte, daß sie ja keine andere reden. Man untersuche ihre Ideen, und lasse es dahin gestellt seyn, ob ich ihnen meinen Styl hätte mittheilen sollen.
(In Der lustige Tag, oder Figaro’s Hochzeit, übersetzt von J. G. Kehl. Müller 1785, S. 46ff.)
Natürlich war auch für mich Reiners Stilfibel einst eine Stilbibel. Aber man darf auch Reiners nicht alle Zitate glauben, die er anführt. Und leider wusste ich damals noch nicht, dass Reiners kein Engel war … Warum nicht, können Sie unter anderen hier nachlesen: „Ein Betrüger als Klassiker. Eduard Engels Deutsche Stilkunst und Ludwig Reiners“ http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/reich/stirnemann.pdf

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