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Mittwoch, 20. Februar 2008

Fallen Sie nicht mit der Tür ins Haus (Nicht) jeder Anfang ist schwer. IX



Aber: Wie lang ist eigentlich ein Anfang? Er kann einen Absatz, eine Seite oder auch zwei Seiten betragen. Der dichte Anfang, wie im letzten Post beschrieben, gilt als vorteilhafter, weil eine gemächliche Charaktereinführung den Leser ermüden könnte.

Iris ALANYALI nennt Schriftsteller, die bedächtig beginnen, »Schilf-Autoren«. Sie schreibt im Tagesspiegel:
»Man könnte Siegfried Lenz einen Schilf-Autoren nennen. Im Gegensatz zu den Schreibern von Kriminalromanen, die im Fernsehen mit schnellen Schnitten vorzugsweise inmitten des Großstadtlärms interviewt werden, beginnen Porträts von Schilf-Autoren mit einer flötenton-unterlegten Kamerafahrt über unberührte Landschaft und enden mit der Großaufnahme einer Idylle von Pfeife an Lesebrille auf Schreibtisch. So lächerlich derartige Inszenierungen wirken, so treffend beschreiben sie die Atmosphäre, auf die man sich für die Bücher von Schilf-Autoren einlassen können muß.«
Wenn der Autor die Regel des Zeigen, nicht informieren einhält, ist es oft günstiger, mit dem Allgemeinen zu beginnen und die Hauptfigur langsam näher zu bringen, sie quasi heranzuzoomen. Auf diese Weise kann er auch erklärende Passagen wie das Aussehen der Figuren, den Ort und die Zeit einführen, ohne dass er zu Rückblenden greifen muss. Doch sollte er seinen Leser nicht seitenlang auf die Folter spannen, bis der Held erscheint, nach zwei Seiten möchte der Leser schon wissen, mit wem er es zu tun hat und wie er heißt. Er wird ärgerlich, wenn er der Wissenschaftler, der Neugierige oder der Eindringling lesen muss, bis er auf Seite 21 endlich erfährt, dass der gute Mann James Smith heißt (was nun auch kein beeindruckender Name ist).

Edgar Allan POE beginnt im Mann in der Menge mit dem Allgemeinen, einer Straße, »einer der Hauptadern« Londons, und entdeckt im »Auf- und Abwogen der tausendköpfigen Menge« das Besondere: sein Individuum:
Außer all diesen Menschen sah ich noch Kuchenverkäufer, Packträger, Kaminfeger Kohlenträger, Orgeldreher, Affenführer, Bänkelsänger, ärmliche, fast zerlumpte Künstler, erschöpfte Arbeiter. Diese alle strömten mit einer lärmenden Geschäftigkeit vorüber, die mit wirren Mißtönen in mein Ohr summte und von der mich mein Auge bald schmerzte.
Doch steigerte sich mit zunehmender Dunkelheit mein Interesse an all diesen Szenen immer mehr. Nicht nur der allgemeine Charakter der Menge nahm alsbald eine andere Gestalt an, weil der bessere Teil der Bevölkerung sich langsam in die Wohnungen zurückzog und nun der rohere noch kühner hervortrat, sich zu dieser vorgerückten Stunde jedes Laster aus seiner Höhle hervorwagte auch die Strahlen der Gaslaternen, die matt erschienen waren, als sie sich zuerst noch mit dem sterbenden Tageslichte vermischten, gaben jetzt dem Bilde ein anderes, neues Aussehen und überfluteten die Straße mit blendendem Licht, so daß alles dunkel und doch von Strahlen wie übergossen war.
Diese phantastische Beleuchtung regte mich wieder zur Betrachtung der einzelnen Gesichter an, und wenn die Geschwindigkeit, mit der die Personen an dem Lichtscheine meines Fensters vorüberglitten, es auch unmöglich machte, mehr als einen flüchtigen Blick auf einen Vorübergehenden zu werfen, so war’s mir doch, als könne ich in meinem seltsam hellseherisch gesteigerten Zustande auch in diesem kurzen Augenblick die Geschichte langer, langer Jahre lesen.
So studierte ich also, die Stirn an die dunstige Fensterscheibe gedrückt, die vorüberhastende Menge, als mich plötzlich ein Gesicht bannte, das da draußen auftauchte – ein Gesicht von sonderbar stark ausgeprägtem, vielfältigem Ausdruck – ein Gesicht, das einem alten, hinfälligen Manne von fünfundsechzig oder siebzig Jahren angehörte.
Wie eine Kamerafrau beginnt auch Doris LESSING den Roman Und wieder die Liebe: Sie richtet die Kamera zuerst auf die ganze Szene und zoomt dann die Heldin langsam heran. Sie schildert zuerst, wie sie lebt und wie sie aussieht, bevor sie den Namen nennt. Die Anfangssätze weisen auf die Hauptfigur hin, auf den Schauplatz – ein Theater – und auf das besondere Ereignis: Sarah wird sich verlieben.
Auf den ersten Blick hätte man es für eine Rumpelkammer halten können, …, aber dann bewegte sich ein Schatten, eine Gestalt tauchte auf, um Vorhänge zurückzuziehen und Fenster aufzureißen. Es war eine Frau, die rasch auf eine Tür zuging und dahinter verschwand, ohne sie zu schließen. Und nun sah man, daß der Raum übervoll war. An einer Wand standen alle möglichen Zeugen des technischen Fortschritts (…), doch abgesehen davon hätte es sich ebensogut um einen Theaterfundus handeln können, denn neben der überlebensgroßen, goldenen Büste irgendeiner Römerin gab es Masken, einen purpurroten Samtvorhang, Theaterplakate und Stapel mit Notenblättern oder vielmehr Fotokopien, die die vergilbten und allmählich auseinanderfallenden Originale getreulich wiedergaben. …
Keine junge Frau, wie man aufgrund ihrer kraftvollen Bewegungen leicht hätte meinen können, solange man sie nur undeutlich im Dunkeln sah …
Die Frau war lebhaft und voller Energie, aber der Anblick, der sich ihr bot, schien ihr nicht zu behagen. Doch sie schüttelte ihr Mißfallen ab, ging zu ihrem Computer, setzte sich hin und schaltete ein Tonband ein.

Die Frau saß da, die Finger startbereit auf den Tasten, und ihr war bewußt, daß sie sich dieser Schwester aus vergangenen Zeiten überlegen fühlte, um nicht zu sagen, sie verachtete. Diese Erkenntnis gefiel ihr gar nicht. Wurde sie etwa intolerant?
Gestern hatte Mary aus dem Theater angerufen und erzählt, daß Patrick völlig durcheinander sei, weil er sich wieder mal verliebt habe, und sie hatte darauf mit einer bissigen Bemerkung reagiert.
»Ach komm schon, Sarah«, hatte Mary sie zurechtgewiesen.
Effi Briest beginnt ebenfalls wie eine Kamerafahrt: Die Kamera nähert sich einem Herrenhaus, schwenkt über eine Schaukel, die »Pfosten der Balkenlage schon etwas schief stehend« – dem zentralen Leitmotiv des Romans, das nicht nur für Kindheit, aber auch für Risiko und Gefahr steht, sondern auch für den Aufbau des Romans (die Handlung beginnt im Herrenhaus und endet dort) – und ruht im zweiten Absatz schließlich auf »Frau und Tochter des Hauses«.

Auch bei Kapiteln ist es oft ratsam, langsam zu beginnen. Christina GODSHALK führt auf diese Weise in ihrem Roman Kalimantaan eine Figur ein:
Schönheitscremes, Liebestränke der Swatow, Emailleschüsseln in drei Größen, indische Flinten mit doppeltem Lauf und Sensen aus Eisen erweiterten das dürftige Angebot des Pasar Pagi, seit die Pengirane nicht mehr ihren Anteil einzogen. Eine kleine Nuß war gewachsen und aufgeplatzt.
Im Gefolge dieser bescheidenen Zurschaustellung von Wohlstand und Fleiß traf eine neue Spezies ein, so bizarr wie das Unternehmen, von dem sie angezogen wurde. Die plötzlich massenhaft auftretenden Chinesen brachten sie auf die Idee, Möglichkeiten auszuloten. Gerüchte von offenem Handel und dem Fehlen einer übermächtigen kolonialen Faust setzten sie in Bewegung. Eine kleine Armee sickerte ins Land, immer hübsch der Reihe nach, zusammengesetzt aus Desperados, Verbrechern, Gesetz- und Heimatlosen, wahnsinnigen Genies und schlicht Wahnsinnigen, jeder mit besonderen Begabungen, man mußte auf der Suche danach nur die Schwielen und den Moder durchdringen. Doch kein Angehöriger dieses Stammes war so formvollendet wie das Geschöpf, das vor Ramadan am Kaufladen von Heng Fo Peng auftauchte und unter der Hand einen fragwürdigen Gusi Bulan feilbot.
Um was für ein Wesen es sich handelte, ließ sich unmöglich feststellen, aber es hatte etwas Einnehmendes. Albert Dawes, den seine Freunde, darunter Kayans und Mitherumtreiber aus Moreton Bay, »Peachy« nannten, pries dem argwöhnischen Chinesen die Vorzüge des großen blauen Kruges an.
Ob Sie mit der Tür ins Haus fallen oder mit einer Kamerafahrt beginnen, hängt jedoch auch von Ihrem Tempo ab. Sie legen sich zum Beispiel mit einem rasanten, besonders originellen Anfang fest, was auf die Dauer schwer durchzuhalten ist. Viele Bücher leiden darunter. Schalten Sie also, wenn Sie atemlos schreiben, bald etwas zurück, damit Sie später das Tempo wieder steigern können. Wenn Sie lakonisch anfangen, müssen Sie diese Gangart konsequent durchhalten.

Mehr dazu siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/%C3%9Cbers%20Beginnen

Dreißig Zeilen oder dreißig Wörter? (Nicht) jeder Anfang ist schwer. VII



Sie alle kennen die Romane, in die Sie sich einlesen müssen, bei denen Sie erst nach vielen Seiten in das Buch einsteigen. und wenn der Autor Pech hat, stellen Sie das Buch entnervt in den Bücherschrank. Da Sie nicht zu diesen bedauernswerten Autoren gehören möchten (schließlich wäre es schade um die vielen mühevoll und mit großen Entbehrungen be- und geschriebenen Seiten), reden Sie von Anfang an nicht drumherum, sondern von der Sache selbst. Denn, so Patricia HIGHSMITH, »in der Annahme, daß der Leser sein Auge oder Gehirn nicht gerne der Anstrengung eines langen Abschnitts von dreißig Zeilen aussetzt, ziehen manche Autoren einen kurzen Eingangsabschnitt von einer bis sechs Zeilen vor. Ich finde, daß daran etwas ist. Thomas Mann z. B. kann einen langen, soliden Absatz an den Anfang von Tod in Venedig setzen, aber nicht jedermann schreibt so anregende Prosa wie er.«

In den Buddenbrooks springt Thomas MANN allerdings mit einem Dialog sofort in die Geschichte: »Was ist das. – Was – ist das …« »Je, den Düwel ook, c’est la question, ma très chère demoiselle!« Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem geradlinigen, weißlackierten und mit einem goldenen Löwenkopf verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren, warf einen Blick auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr saß, und kam ihrer kleinen Tochter zu Hilfe, die der Großvater am Fenster auf den Knieen hielt.«

Und mit den Gedanken seiner Figur beginnt SCHNITZLER in Die Toten schweigen: »Es ist sonderbar, dachte Franz, wie man sich hier, hundert Schritt von der Praterstraße, in irgendeine ungarische Kleinstadt versetzt glauben kann. Immerhin – sicher dürfte man hier wenigstens sein; hier wird sie keinen ihrer gefürchteten Bekannten treffen.«

Auch die DROSTE hält sich in der Judenbuche nicht lange mit der Vorrede auf: »Friedrich Mergel, geboren 1738, war der einzige Sohn eines sorgenvollen Halbmeiers oder Grundeigentümers geringerer Klasse im Dorfe B«, ebenso Ricarda HUCH in Wonnebald Pück: »Über Berge, auf denen der Schnee noch nicht geschmolzen war, ging Lux Bernkule, ein junges verwitwetes Weib, mit ihren zwei Kindern, dem zehnjährigen Brun und der kaum dreijährigen Lisutt, nach dem jenseitigen Orte Klus, der ihre Heimat werden sollte.«

Beim folgenden Anfang wissen wir sofort, worum es FRISCH geht: um die Identität: »Ich bin nicht Stiller! – Tag für Tag, seit meiner Einlieferung in das Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whiskey, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere.« (Stiller)

HAMSUN wiederum beginnt manche seiner Werke so direkt, dass Titel und Anfang fast übereinstimmen, wie in den bereits erwähnten Mysterien und in Hunger: »Es war in jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verläßt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist.« (Über den Beginn mit »Es war« lesen wir hier mal großzügig hinweg – siehe dazu hier meine Ausführungen über erste Sätze, die mit »Es war einmal …« anfangen.

Mehr dazu siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/%C3%9Cbers%20Beginnen

Freitag, 8. Februar 2008

Sprachrätsel No. 9


Dieses Sprachrätsel ist etwas schwerer. Aber sicher werden Sie es ohne viel Mühe lösen.

»Aus einem Text zu kopieren, nennt man Plagiat. Aus zweien zu kopieren, nennt man Forschung«, sagt John Milton Wilson Mizner (siehe dazu „So haben sie es nicht gesagt“: Milton über den Unterschied von Plagiat und Forschung http://juttas-zitateblog.blogspot.com/2011/08/neues-aus-der-rubrik-so-haben-sie-es.html) nicht nur scherzhaft. Es ist schwierig zu entscheiden, wann etwas ein Plagiat ist, und die Funktionen Copy und Past (Kopieren und Einfügen) machen es im Internetzeitalter einfach, sich mit fremden Federn zu schmücken. Aber das ist kein Problem der heutigen Zeit.

Schriftsteller haben seit jeher von anderen abgeschrieben, bewusst und unbewusst. So schreibt Goethe am 17. 2. 1832 an Eckermann: »Es ist im Grunde auch alles Torheit, ob einer etwas aus sich habe oder ob er es von andern habe; ob einer durch sich wirke oder ob er durch andere wirke; die Hauptsache ist, daß man ein großes Wollen habe und Geschick und Beharrlichkeit besitze es auszuführen; alles übrige ist gleichgültig.«

Wer kennt nicht Goethes Gedicht Ein Gleiches, das er am 7. September 1783 an die Wand der Jagdhütte auf dem Kickelhahn geschrieben hat?

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum ein Hauch;
Die Vögel schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Aber die Literaturwissenschaftler streiten, ob es sich um ein Plagiat dieses Gedichtes handelt:

Unter allen Gipfeln ist Ruh’;
In allen Wäldern hörest du
Keinen Laut!
Die Vögelein schlafen im Walde;
Warte nur! Balde, balde
Schläfst auch du!

Um die Sache noch verwirrender zu gestalten. Es gibt auch noch diese beiden Versionen:

Unter allen Zweigen ist Ruh,
In allen Wipfeln hörest du
Keinen Laut.
Die Vögelein schlafen im Walde,
Warte nur, balde
Schläfest du auch.

und

Über allen Wipfeln ist Ruh
In allen Zweigen hörst du
Keinen Hauch;
Die Vöglein schlafen im Walde,
Warte nur, balde
Schläfst du auch.

Und nun möchte ich von Ihnen wissen, von wem welche Versionen sind. Ich darf verraten, dass zumindest einer von ihnen ein sehr bekannter Schriftsteller ist. Und die anderen sind auch nicht ganz unbekannt. Einer von ihnen hat sogar ein sehr bekanntes Weihnachtslied geschrieben. Und noch ein Tipp: Sie sind alle zu Lebzeiten Goethes entstanden.

Die Lösung des Rätsels finden Sie hier: http://juttas-zitateblog.blogspot.com/2011/07/auf-den-spuren-von-goethes-nachtliedern.html