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Freitag, 27. April 2007

Abgeleiert, abgedroschen – Phrasen


Schwierige und pomphafte Phrasen verhüllen winzige, nüchterne oder alltägliche Gedanken. (SCHOPENHAUER)*

Man kann all das nicht von heut auf morgen ändern, aber man kann zumindest seine  einige seiner Gewohnheiten ändern, und von Zeit zu Zeit, wenn man nur laut genug ein Hohngelächter anstimmt, gelingt es sogar, ein abgestandenes sinnloses Phrasengeschwätz (…) in der Mülltonne verschwinden zu lassen, wo es hingehört. (ORWELL)

One cannot change this all in a moment, but one can at least change one's own habits, and from time to time one can even, if one jeers loudly enough, send some worn-out and useless phrase (…) into the dustbin where it belongs. (In Politics and the English Language
In die Müllltonne gehören auch die abgeleierten Ausdrücke, die kitschigen und banalen Wendungen, die Schablonen- und Plastikwörter, die Phrasen (gr.: phrássi = der Satz, Ausdruck, die Wendung; in der Linguistik werden Wörter, die zusammengehören, weil sie eine gemeinsame Funktion haben, also eine Wortgruppe, Phrase genannt; gebräuchlicher ist das Wort allerdings als Synonym für einen Gemeinplatz, eine Floskel), wie Die Eltern waren von ernster Sorge erfüllt und verfielen in ein hektisches Treiben; verbrannte Autos legen ein stummes Zeugnis vom Ausmaß der Katastrophe ab und bieten ein Bild des Grauens; mit eisernem Fleiß erreichte Ruth ihr Ziel. Lassen Sie Ihre Heldin nicht mit eherner Miene müde die Hand heben, in vornehmen Kreisen verkehren, voll flammender Empörung sein. Genauso abgelatscht: Im Herbst fällt das Laub von den Bäumen; im Frühling lockt die Sonne ins Freie; das trübe Wetter drückt aufs Gemüt; das Flugzeug zog eine weite Schleife, ehe es zur Landung ansetzte. Auch der rote Teppich, der beim großen Bahnhof ausgelegt wird, gehört zu den toten Wörtern.

Glauben Sie mir von ganzem Herzen, es ist mir bitterer Ernst: Solche Wendungen sind echt gar nicht in Ordnung.

Phrasengeschwätz, wie es kitschiger nicht sein kann, finden wir in dem guten Rat TSCHECHOWS an seinen Bruder Aleksander, als der an der Erzählung Die Stadt der Zukunft arbeitete:
Gemeinplätze der Art: »Die untergehende Sonne, die sich in den Wellen des dunkelnden Meeres badete, verströmte purpurnes Gold« usw. »Die Schwalben, die über die Oberfläche dahinflogen, zwitscherten fröhlich« – solche Gemeinplätze muß man bleibenlassen. (Zitiert nach Anton Pavlovič Čechov, 1994, S. 9)
Warum muss ein Quell, wahlweise Quelle, Bächlein, immerzu munter springen oder hüpfen (kann ein Quell überhaupt fließen oder ist es nicht das Quellwasser, das hüpft?), warum müssen Blicke fallen, und warum ist man immer gleich bitter enttäuscht? Warum muss alles unendlich sein: Die unendliche Liebe, das unendliche Glück, die unendliche Tiefe? Oder auch umfassend: eine umfassende Aussage, ein umfassendes Angebot; fehlt nur noch die umfassende Liebeserklärung. Warum wird Kaffee meist hastig getrunken, die Zigarette hastig geraucht, etwas Edles wie eine delikate Speise, ein kostbarer Wein oder ein Klavierkonzert Chopins genossen? Und warum ist das Genossene meist auch noch exquisit oder erlesen? (Wie schmeckt eine erlesene oder vorzügliche Speise, was sagt ausgezeichneter Wein aus? – Es sei denn, Sie meinen eine Wein-Auszeichnung wie eine silberne Preismünze. –

Was ist das für ein Satz: »Die friedliche Stille der Nacht wird plötzlich durch die hallenden Schritte eines Unbekannten gestört. Über das Gesicht der Angebeteten huscht ein Hauch von Unbehagen, der das Herz des Liebhabers frösteln lässt.« Wir entdeckten ihn nicht in einem Heftchenroman, sondern in einem Artikel über Wahrnehmung unter der Rubrik Forschung einer seriösen Tageszeitung!

(siehe auch Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze auf http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2006/08/flauberts-wrterbuch-der-gemeinpltze.html)

Schade, dass es kein virtuelles Phrasenschwein gibt, in die jeder 3 Euro einzahlt, der eine Phrase gebraucht …

* Das Zitat ist so nicht ganz richtig. Lesen Sie die korrekte Version (in Die Welt als Wille und Vorstellung. Brockhaus 1844, S. 250) auf http://phrasensammlung.blogspot.de/.


Mittwoch, 25. April 2007

Tautologie vs. Pleonasmus


Im September 2006 hatte ich geschrieben (http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2006/09/unsinnige-tautologien_22.html) dass die Süddeutsche Zeitung beim Ingeborg Bachmann-Preis »schlampige Manuskripte, orthographische Niederlagen, falsche Konjunktive und unsinnige Tautologien« monierte. Ich hatte nur vergessen, dazuzuschreiben, dass unsinnige Tautologie wie eine Tautologie klingt, aber ein Pleonasmus ist.

Leider kennen die Süddeutsche und viele Schriftsteller nicht den Unterschied zwischen Tautologie und Pleonasmus. Tautologie (gr. tautología: von tó autón: dasselbe und lógos: Ausdruck) ist eine rhetorische Figur, in der bedeutungsgleiche oder sinnverwandte Wörter derselben Wortart wie hegen und pflegen, ganz und gar oder wie in Berthold Brechts Song aus der Dreigroschenoper: »Die Liebe dauert oder dauert nicht, in dem oder jenem Ort« aneinandergereiht werden. Also können Tautologien gar nicht unsinnig sein.

Pleonasmus (gr. pleonasmos: Überfluss, Übermaß) dagegen bedeutet den Zusatz zu einem Wort, der an sich selbstverständlich und damit überflüssig ist und daher auch nichts Neues sagt, wie weißer Schimmel* oder schwarzer Rappe. Könner allerdings, aber wirklich nur die, verwenden ihn als Stilmittel zur nachdrücklichen Betonung wie bei »heiße Glut« in den Priameln Nr. 3 von Gotthold Ephraim Lessing:

Nebel, übrige Kält und heisse Glut,
Taubenmist und auch ihr Brut,
Winpran stechen und Augen reiben,
So Blattern und Roth darinn thut bleiben,
Gestöber, Blitz, Sunn und auch Rauch,
Groß Trünk, Zwiffel und Knoblauch,
Weisser Schnee und auch heisse Bad:
Die Ding seyn all den Augen schad.


– Ursprünglich hatte ich an dieser Stelle als Beispiel das Sonett Wenn mich der Liebe allzu heiße Glut der italienischen Dichterin und Kurtisane Gaspara Stampa angeführt. Aber da es eine Übersetzung ist, kann es nicht gelten. Wer mag, kann ihre Gedichte hier nachlesen. –

Oder in dem Lied Und wir kauern wieder um die heiße Glut von Fredl Mayr.

Der nicht so geübte Autor sollte ihn besser vermeiden.

Johann Christoph Gottsched schreibt dazu:

»Die Beywörter an sich bedeuten theils die Eigenschaften der Dinge, die ihnen allezeit beywohnen; theils auch nur die zufälligen Beschaffenheiten. Z.E. Die heiße Glut, der gelinde West. Da ist die Glut immer heiß, sowohl als das Wasser immer naß ist: der Westwind aber ist nicht allezeit sanft, sondern auch zuweilen ungestüm. Nun fragt sichs, in welchen Fällen man Beywörter von jener oder dieser Art brauchen müsse? Von der ersten Gattung könnte man denken, daß sie ganz überflüssig seyn würden: weil es nichts gesagt zu seyn scheinet, wenn man spricht, der runde Zirkel, die weiße Kreide, der harte Stein etc. Allein man betrügt sich: ein Poet kann auch diese Art der Beywörter nicht entbehren. Er will oft seinem Leser oder Zuhörer die Sachen von einer gewissen Seite zu betrachten geben. Sagte er nun den bloßen Namen derselben nur allein: so würde man zwar an die ganze Sache überhaupt, aber nicht an die Eigenschaft insbesondere gedenken, die der Poet erwogen haben will; oder sich doch dieselbe nur dunkel vorstellen. Denn ein Ding hat viele Eigenschaften, die uns nur verwirrt in Gedanken schweben, wenn wir nichts als seinen Namen hören.«

(Johann Christoph Gottsched: Das VII. Kapitel, Von poetischen Worten,  § 22. In Versuch einer kritischen Dichtkunst durchgehends mit den Exempeln unserer besten Dichter erläutert. Breitkopf 1751, S. 245f.)

*siehe dazu meinen Blogeintrag http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/2010/08/antwort-auf-sprachratsel-no-13-wie.html