Seiten

Montag, 23. Juli 2007

Kurt Tucholslky: "Die Angelegenheit" (über Modewörter)

Bei meiner Jagd auf Modewörter springt ein seltsam schwarz-weiß gestreiftes Ding durch die Grammatik-Bäume, ich lege an, es bekommt die Ironie-Ladung grade in den ... ich habe vergessen, wie wir Jäger diesen Teil des Wildes nennen, und als ich näher trete, erkenne ich die Beute. Es ist ›die Angelegenheit‹. Das ist ja eine dolle Angelegenheit.

In dem Wort schnoddert so viel Offizierskasino, und dorther kommt es wohl auch. Noch vor drei Jahren gebrauchte man den Ausdruck richtig für ›affaire‹, für ein Gefüge von Ereignissen, Sachen, Personen, die alle zusammen eine Angelegenheit ausmachten. Das hat sich geändert.

Der Gebrauch des Wortes hat sich zunächst ausgedehnt; es wird, wie fast alle Modewörter, wahllos auf halbfertiggedachte Begriffe angewendet, so dass eine Definition kaum noch möglich ist. Alles ist eine Angelegenheit, und sie geht selten ohne Adjektiv aus. Sie hat leicht pejorativen Sinn; wenn einer ›Angelegenheit‹ sagt oder schreibt, ist es, als rümpfe er verächtlich die Nase.

›Angelegenheit‹ wird auch recht reizvoll burschikos verwandt. »Martha – eine verwandtschaftliche Angelegenheit.« Auch wird das Wort da gesetzt, wo früher ein Adjektiv stand, also etwa so: »Das Stück ist eine verjährte Angelegenheit« – es klingt mongdäner, mehr aus der linken la main, wir schreiben das zwischen Frühstück und Golf.

Neulich traf die Angelegenheit im Walde ein Tier, das ihm merkwürdig ähnlich sah. Sie beschnupperten sich, sie waren sich sympathisch, sie konnten sich riechen. »Wer bist du?« sagte die Angelegenheit. Das andre Tier hob stolz den Podex. »Ich bin das Problem –!« sagte es. »Ah – drum!« sagte die Angelegenheit. Und im frischen Waldesgrün zeugten sie ein Kind, das hieß: Einstellung.

Mit Hilfe dieser Wörter fallen den Schreibern die fertigen Artikel aus dem Munde, es genügt, diese Ausdrücke aneinanderzusetzen, und man hat einen Aufsatz. »Meine Einstellung zu diesem Problem ist schon irgendwie eine komische Angelegenheit.« Es ist, wie wenn ein Kommis ein Monokel trägt. Eine halbe Brille.

Antwort auf den Kommentar zum Post „Lohnenswerte Wörter für Ihre Giftliste (Modewörter)“ und ein Sprachrätsel

Gute Schriftsteller vermeiden Modewörter, wo sie nur können.
Woran man Modewörter erkennt? Man erkennt sie nicht;
man muss das fühlen.
(Kurt TUCHOLSKY)

Man könnte die Wörter und Wendungen, die ich in der Liste aufgeführt habe, natürlich auch als Phrasen bezeichnen. Aber im Unterschied dazu sind Modewörter Wörter, die man wie aus heiterem Himmel plötzlich überall liest und hört (und selbst gebraucht), und die ebenso plötzlich, wie sie gekommen sind, verschwinden.

Schauen Sie sich die Wörter noch mal an: Was sagen denn aufzeigen, attraktiv, beispielhaft, hinterfragen, Gewinnwarnung, meisterlich, phantastisch, praktikabel, vollinhaltlich, um nur einige zu nennen, aus?

Sicherlich ist kein Wort an sich negativ, aber fraglos suboptimal ist, wenn man für alles Mögliche ein- und dasselbe Wort verwendet. Was heute „Aktivitäten“ genannt wird, wurde früher mit Taten, Handlungen, Aktionen, Wirken, Arbeit, Aufgabe, Rührigkeit, Engagement, Pflicht oder Leistung bezeichnet. (Und es ist schlichtweg falsch, wenn man aus „Aktivität“ einen Plural macht. Es gibt auch keine Aktivitäten oder Fleiße oder Wüte.)*

Die äußerst beliebten Modewörter eignen sich eben phantastisch dazu, sich das Nachdenken über das besondere Wort zu ersparen, weil einem die Aktivitäten dazu keinen Spielraum lassen. Nur wird die Sprache dadurch eintönig und ausdrucksarm. Denn die Problematik dabei ist, dass AutorInnen Wörter, die wieder und wieder in den Medien erscheinen, schließlich unbewusst selbst schreiben, ja, dass sie als unverzichtbar gelten für einen echt guten Text.

Modewörter werden auch als „Fresswörter“ bezeichnet, da sie vertraute Wörter mit ihren subtilen Unterschiedlichkeiten verschlucken, weil sie Kult sind, weil die anderen einen für altmodisch halten könnten, wenn man sie nicht gebraucht. Aber was heute „in“ ist, ist morgen veraltet. Ihrem Leser jedenfalls gehen solche Wörter ein stückweit schlicht auf die Nerven.

Meine Lieblingsmodephase ist übrigens zur Zeit „nicht wirklich“ (von „not really“).

Sicher haben Sie gemerkt, dass mir hier einige Modewörter unterlaufen sind. Welche sind es?

* Den geilen Artikel über Modewörter und das Wort „Aktivitäten“ finden Sie hier und einen coolen Artikel über die Modewörter „online“ und „virtuell“ (beide natürlich von Wolf Schneider) hier

Mittwoch, 18. Juli 2007

Über Adjektive und was Neues fürs Phrasenschwein

Dass muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, was Andreas Borcholte über die neue Moderatorin der Tagesthemen, Caren Miosga, schreibt. Er freut sich nämlich, "noch einmal so viel unverfälschte Weiblichkeit erleben dürfen … Caren Miosga … ersetzte Anne Wills kühle Erotik durch liebliche Süße - und lüpfte sogar öfter die ironische Augenbraue”. Und das auch noch auf Spiegel-online.

Adreas Borcholte hat wohl noch nie etwas von CLEMENÇEAU, dem späteren französischen Ministerpräsidenten, gehört. Der sagte, als er noch Schriftleiter der Zeitung La Justice war, zu einem Kollegen:

Schreiben Sie kurze Sätze: Hauptwort, Verbum, Objekt: fertig! Bevor Sie ein Adjektiv schreiben, kommen Sie zu mir in den dritten Stock und fragen, ob es nötig ist!

– ein Satz, der jahrzehntelang angehenden Journalisten und AutorInnen eingehämmert wurde.

Und hätte Andreas Borcholte über einen neuen Tagesthemensprecher so etwas geschrieben?

Dazu blinzelt sie ganz entzückend mit großen runden Augen, aber das kann bei dieser aufregenden Premiere auch der Nervosität geschuldet gewesen sein. Ihre Stimme ist lieblich und hell. Ganz anders als Anne Will, die in tiefer Tonlage eine kühle Erotik verströmte, wirkt Caren Miosga mit ihrer kecken Kurzhaarfrisur vor allem sympathisch. Lustig, wie es manchmal in ihren Mundwinkeln schelmenhaft zuckt, wie die ganze Augenbrauenpartie ab und zu in eine joviale Wellenbewegung verfällt. Süß, ja wirklich: Süß ist das Wort, was von dieser ersten Miosga-Sendung wohl am ehesten hängen bleibt.

Nein, natürlich nicht, denn über einen Mann hätte er sachlich geschrieben.

Ob Frauen von dieser Sendung auch das Wort süß am ehesten hängen bleibt (auch eine komische Wendung)?

Das Phrasenschwein freut sich über Ausdrücke wie “große, runde Augen”, “entzückend blinzeln”, “die Stimme ist lieblich und hell”, “kecke Kurzhaarfrisur”, in den Mundwinkeln zuckt es schelmenhaft”. Und das alles in einem einzigen Absatz.

Montag, 16. Juli 2007

Bücher zum Downloaden: Ein Kampf um Rom

Viele Texte finden Sie im Gutenberg-Projekt. Aber natürlich nicht alle. Ich werde Ihnen hier URLS von Büchern zum kostenlosen Download nennen, falls ich beim Googeln darauf stoße.

Beginnen möchte ich mit Ein Kampf um Rom (das ich mit 15 Jahren schier verschlungen habe) Vorsicht: 2,1 MB

Das Ende im Anfang (Nicht) jeder Anfang ist schwer. VI

Sie können mit einer allgemeinen Schilderung beginnen, mit einer Zugfahrt, dem Wetter oder einer Landschaft, das Besondere des Textes muss jedoch darin enthalten sein. Legen Sie eine Spur, doch so subtil, dass der Leser sie nicht merkt: Bereiten Sie im Anfang den Schluss vor.

UPDIKE deutet in Rabitt in Ruhe den Tod der Hauptfigur an: „Harry Armstrong steht inmitten der braungebrannten, aufgeregten nachweihnachtlichen Menschenmenge im Southwest Florida Regional Airport und hat ganz plötzlich das eigenartige Gefühl, daß das, was da auf ihn zukommt, was da ungesehen einherschwebt und gleich landen wird, nicht sein Sohn Nelson mit Ehefrau Pru und den beiden Kindern ist, sondern etwas Schicksalhaftes, etwas viel Persönlicheres: sein Tod, in Gestalt eines Flugzeugs“,

ebenso HEMINGWAY in Vier Männer und ein Pokerspiel: „Sie saßen auf Korbstühlen in Havanna und vergaßen die Welt. Wenn es ihnen zu heiß wurde, tranken sie Eiswasser, abends tanzten sie Boston im Atlantic-Hotel. Sie hatten alle vier Geld. … Diese Geschichte könnte man eigentlich nur unter Jazzbegleitung richtig erzählen. Sie ist von A bis Z poetisch. Sie fängt an mit Zigarrenrauch und Gelächter und endet mit einem Todesfall“,

MAILER in Die Nackten und die Toten: „Niemand vermochte zu schlafen. In der Morgendämmerung würde das kleine Transportschiff seine Fahrt verlangsamen, die erste Woge der Truppen würde durch die Brandung dringen und entlang der Küste von Anopopei angreifen. Jedermann auf dem Schiff, jeder im Schiffsverband wußte, daß einige von ihnen in den nächsten Stunden zu sterben hätten“,

und Graham GREENE in Am Abgrund des Lebens: „Er war noch keine drei Stunden in Brighton gewesen, da wußte Hale, daß sie ihn ermorden wollten.“

Mehr dazu siehe http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/%C3%9Cbers%20Beginnen

Freitag, 6. Juli 2007

Schreibanlässe VII

Auch all die Mythen und Legenden, die in unser Unterbewusstsein eingegangen sind, liefern Anregungen für gute Geschichten. Schreiben Sie Märchen oder biblische Geschichten weiter: Was geschah, nachdem Schneewittchen ihren Königssohn geheiratet hatte; lassen Sie Dornröschen im einundzwanzigsten Jahrhundert leben oder Adam und Eva beim Goulaschkochen über Rinderwahn diskutieren. Oder, wie LICHTENBERG vorschlägt: »Man hat vieles über die ersten Menschen gedichtet, es sollte es auch einmal jemand mit den beiden letzten versuchen.« Versetzen Sie klassische Figuren in die heutige Zeit – wie Christa WOLF in Kassandra und Ullrich PLENZDORF in den neuen Leiden des jungen W. – und bringen Sie Ihre eigenen Erfahrungen ein.

Dienstag, 3. Juli 2007

Der Tag pumpt sich auf (Nicht) jeder Anfang ist schwer. V

Allen Autoren, die über Anfangssätze brüten, sei diese Passage aus Edo Reents Beitrag “Der Tag pumpt sich auf” auf FAZ-Online über den Ingeborg Bachmann-Preis 2007 ans Herz gelegt:

Die (die geschmacksbildende Kraft der Lyrik in Lutz Seilers Text Turksib, ju) hätte man auch Silke Scheuermann unterstellen mögen. Aber als man dann einen Einstieg zu hören bekam wie „Der Tag pumpte sich ein letztes Mal auf und schickte Sonne und Energie“, fragte man sich, ob Ingeborg Bachmann für so etwas gestorben ist. Das kann Hollywood jedenfalls besser: Herbert Ross ließ in seiner Filmkomödie „Die Eule und das Kätzchen“ den Schriftsteller-Darsteller George Segal von einer Sonne faseln, die den Tag ausspuckt, um sich von Barbra Streisand belehren zu lassen, dass die Sonne so etwas einfach nicht tut.