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Montag, 7. November 2011

W. Somerset Maugham übers Enden

Mit Blick auf die Rezensionen der zahlreichen Erzählbände muß ich aber sagen, daß die Kritiker irren, wenn sie Geschichten als Zeitschriftengeschichten abtun, nur weil sie gut konstruiert und dramatisch sind und ein überraschendes Ende haben. An einem überraschenden Ende ist nichts auszusetzen, wenn es der natürliche Ausgang einer Geschichte ist. Im Gegenteil, ein solches Ende ist lobenswert. Schlecht ist es nur, wenn das Ende, wie in manchen Erzählungen von O. Henry, zur Verblüffung des Lesers völlig unvermittelt daherkommt. Es schadet einer Erzählung auch nicht, wenn sie gut aufgebaut ist, einen Anfang, eine Mitte und einen Schluß hat. Alle guten Erzähler haben sich darum bemüht. Heute gilt es als modern, wenn Schriftsteller, unter dem Einfluß einer unzureichenden Bekanntschaft mit Čechov, Erzählungen schreiben, die irgendwo anfangen und wenig überzeugend enden. Manche Autoren halten es für ausreichend, wenn sie eine Atmosphäre beschreiben, einen Eindruck vermitteln oder eine Figur zeichnen. Dagegen ist nichts zu sagen, aber es ist keine Erzählung, und ich glaube nicht, daß es den Leser befriedigt. Er bleibt nicht gern ratlos zurück. Er möchte, daß seine Fragen beantwortet werden. Das habe ich versucht, und wenn mir eine Geschichte vorgeschlagen wurde, die ich nicht zu beantworten wußte, habe ich sie nicht geschrieben.

W. Somerset Maugham, Vorwort zu Gesammelte Erzählungen 1+2

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